Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 30
Er lehnte die linke Schläfe gegen die rauhe Wange des Stuhls, plötzlich zitternd vor Müdigkeit, und so saß er eine lange Weile, ohne Widerstand gegen das immer wieder losrieselnde Zittern. Langsam verging es. Auf einmal flatterte seine linke Hand heftig. Dann war alles still.
So wirds gut sein, dachte er dankbar. So -- immer tiefer ... immer tiefer ... dann ein kleiner Ruck, -- alles steht.
Aber ich schlafe ja vorher ein! schrak er auf und lächelte.
Also ... ist noch etwas? dachte er mühsam. Abschied? Von wem?
Ein Schatten kam um den Tisch, die Seele Cornelias blickte traurig zu ihm hin. Sie dauerte ihn. Hoffentlich, dachte er, findet sie sich mit dem Andern besser zurecht. Bei mir hatte sie, glaub ich, zu wenig zu tun.
Ach, ich werde schlafen! fiel ihm da ein, und das Dunkel verklärte sich. Ach, oh, ich werde schlafen!
Er rückte mit dem Oberleib vor im Stuhl und stand auf, ging zum Sekretär, zog die bestimmte Lade hintastend auf, nahm den Kasten heraus, öffnete die Verschlüsse, und weil ihm die Finger bebten, mußte er an einen Morphinisten denken, der seine Spritze auspackt. In dem heller grauen Rechteck von Samt lag das dunkle Instrument, erkennbar und wohlbekannt, anders als alle Gebrauchsdinge, eigentlich aber ohne Zusammenhang mit seinem Sinn. Wenn man es in gewisser Weise handhabte, war die Folge der Tod, und doch stellt man sich Töten gemeinhin anders vor.
Er bemühte sich nun eine ganze Weile krampfhaft, etwas zu denken, aber nichts kam zum Vorschein. Keine Menschen, keine Erinnerung, auch keine Schuld, so fest er sich an das Wort klammerte. Nur ein Gähnen überfiel ihn bald, das kein Ende nehmen wollte. Als es schließlich vorüber war, bemerkte er, daß er die Uhr gezogen hatte. Ja, ich will doch sehn, wie spät es ist, fiel ihm ein; er klappte den Deckel auf und starrte auf die kleine, bleiche Kreisfläche, bis die Zeiger hervor kamen. Sie standen auf ein Viertel nach Sieben. Er hielt die Uhr ans Ohr, allein sie tickte vernehmlich, und nun zerbrach er sich lange den Kopf, um herauszubekommen, ob Morgen oder Abend sei, aber umsonst. Er trat ans nächste Fenster und blickte hinaus. Draußen war ein grauer Schein. Von den Sternen, deren abendliche Stellungen ihm bekannt waren, fand er nicht einen.
Übrigens -- dachte er -- eine sonderbare Stunde, aus dem Leben zu gehn: ein Viertel nach Sieben. Ich glaube, gemeinhin tun es die Leute zwischen drei und fünf Uhr morgens.
Aber immer war da noch ein Hindernis, unerkennbar, aber es war. Da er seinen Kopf heiß und dumpf empfand, beschloß er, vor die Tür zu treten und noch einmal nach dem Meer auszusehn.
Draußen stehend mit einer übergangslosen Schnelligkeit -- er dachte, das ist wie im Traum! -- staunte er, wie milde die Luft war. Feuchter Dunst berührte seine Stirn. Ach, dachte er, heute ist wohl dieser Tag im Januar, wo der Frühling sich im Schlaf umdrehn soll und seufzen. -- Dann ging er in schräger Linie über den Deich bis an den Rand.
Das Wasser in hoher Flut stand bis an den Fuß der Mauersteile unten, stand, dunkel, ohne jede Bewegung. Unsichtbar regte sich dann ein Laut, etwas klatschte leise an. Jetzt ein andrer Ton, näher ... Etwas glänzte zu Georgs Füßen, so sehr einem Aufblick ähnlich, daß es ihn rührte. Nun war alles wieder still.
Wie geräuschlos sie kommen kann! dachte er, die Riesige, leiser als ein Mensch! Erstes Staunen der Kindheit, -- da liegt sie nun, unsichtbar. Er starrte in die Finsternis vor ihm, die er meilenweit ohne Grenzen wußte, und die schweigsamen Gewässer hauchten ihn mit dem Odem ihres übergroßen Wesens an. Ein wenig höher, wo der Nachthimmel war, bewegte sich etwas quellendes Licht, gelblich, weißlich, und seltsam erschien der Umriß eines Berges.
Plötzlich rührte das Geheimnis der Erde an seine Brust; er mußte den Kopf senken vor dieser Stille und Feierlichkeit, Scham erfüllte ihn, auf einmal bog sich sein Knie, er legte die Hände zusammen, kniete und sagte, die Worte im Munde zerdrückend, zur Erde:
»Vergieb mir! Ich bin sehr arm. Meine Augen wollen nicht mehr. Ich will fort ...«
Gras um ihn her wehte im Dunkel. Es überlief ihn glühend.
»Und ich danke auch«, sagte er. »Dank für alles! Du bist gut und schön. Deine Abende und dein Frühling, die Amsel und alldas.«
»Viel gelitten,« sagte er plötzlich, »viel gelitten ...«
Er stand hastig auf und wollte fortgehn. Da spaltete es ihn wie ein Schwert, ein grenzenloser Jammer, und er schrie in seiner Verlassenheit ganz laut: »Mein Vater ist tot! oh Gott, mein Vater ist tot!«
Schwer und gelassen bejahend klatschte eine Welle am Deichfuße hin; Georg ging mit leisen Schritten zum Turm zurück, schloß die Tür, ging zum Schreibbüro und mit der Waffe in der Hand zum Stuhl, wo er sich in die linke Ecke lehnte.
Die Augen schließend, gewahrte er plötzlich einen Lichtschein hinter den Lidern, hob sie wiederum und sah erstaunt, daß die Lampe brannte. -- Was ist denn das? dachte er, wer hat denn die Lampe angesteckt? Einen Augenblick durchrann ihn sonderbar das Gefühl, die Lampe habe sich selbst entzündet, um ihn zu verhindern. -- Mag sie brennen! dachte er dann, aber nun quälte es ihn, daß dies Licht im Zimmer sein sollte, wenn er nicht mehr darin war, und auch, daß er nicht wußte, wann er sie angezündet hatte. So erhob er sich wieder, ging hin zu ihr und bemerkte, daß auf der Schreibunterlage ein Papier lag, auf dem das Wort: Mutlos stand, quer durchstrichen, worauf ihm denn einfiel, daß er das vorhin geschrieben hatte und dazu wohl die Lampe entzündet haben mußte. Es sollte ein Gedicht werden, ja, das letzte, er erinnerte sich einmal gelesen zu haben, daß man sein ganzes Leben nur ein einziges Gedicht machen sollte, vorm Tode, das würde dann außerordentlich werden. Es war aber nichts geworden, und ich, fiel ihm ein, ich habe ja auch schon früher eine Menge Gedichte gemacht. -- Er knüllte das Blatt zusammen, aber, da er bedenken mußte, daß es später gefunden werden könne, zog er es wieder auseinander, hielt eine Ecke über den Zylinder der Lampe und wartete, bis es Feuer fing. Eine blaue Flamme leckte daran hoch, plötzlich lohte es zu einem mächtigen, roten Scheinen auf, in dem er geblendet das ganze Achteck des Raums taghell bis zu den Gesichtern der Planetengötter unter der Decke erkannte. Dann warf ers an die Erde, mit der sinkenden Flamme sackten schwere Schatten rundum, der einer Stuhllehne reckte sich noch einmal hochauf an der Wand, langsam verflackerte die Lohe, ward es dunkler; endlich Nacht und am Boden ein paar rote Funken.
Nun noch die Lampe. Er löschte sie hastig, lief fast auf seinen Stuhl zu, setzte sich wie zuvor, drückte die linke Schläfe an, und die Müdigkeit überströmte ihn, daß es ihn schauderte vor Wollust des nahen Schlafs. Prickeln bedeckte seinen ganzen Leib, er sank schlaff zusammen, bewegte die rechte Hand, um die Waffe zu fühlen, und lächelte. Von fern zog Musik in ihn ein, es brauste melodisch. Er hob langsam die Hand, er gähnte ein wenig, drückte sich fester an, -- nun kam die letzte, große Woge, das Dunkel ...
Seine Hand glitt neben den Schenkel zurück. Cornelia erschien plötzlich im Zimmer, dann andre Gestalten; sie beschäftigten sich im Halbdunkel, er wollte zu ihnen, vermochte es nicht, und unter einem rieselnden Klingen wurden sie ferner und ferner ...
Georg schlief.
* * * * *
Georg schlug die Augen auf. Eine tiefe, aber erleuchtete Dämmerung füllte den Raum mit Wärme und Sanftmut. Auf der Platte des Schreibbüros brannte die Lampe, so daß in ihrem Licht die kleinen Schubladen mit ihren Messingknöpfen, die geschnitzten Säulen und die Treppe aus farbigen Hölzern in der Mittelnische hell und freundlich sich zeigten; aber unter die weiße, mild leuchtende Kuppel war ein Stück Papier in den Ring geklemmt, das, ein rechteckiger Schatten vor dem Licht, herunterhing und den Raum mit Dunkelheit füllte. Dies war so erstaunlich schön anzusehn und von solchem Frieden, daß Georg lange Zeit die Augen nicht davon abwenden konnte.
Er erschrak dann leise, als er entdeckte, daß er nicht allein war: im Schatten, rechts neben der Platte des Büros war ein sitzender Mensch; er schien die Beine übereinander gelegt zu haben und hielt den Kopf in die Hand gestützt.
Und sieh! -- das Grauen, ohne doch schrecklich zu sein, vertiefte sich in Georg -- der ganze Raum war ja voller Menschen! Ganz still waren sie da, ohne Laut noch Bewegung. Wer waren die?
Grade ihm gegenüber hinter dem dunklen, runden Tisch saß eine weibliche Gestalt; ihre bloßen Unterarme lagen flach auf der Tischdecke mit gefalteten Händen; den Kopf hielt sie so tief gesenkt, als ob sie schlafe oder bete, und Georg gewahrte deutlich die stille und lichte Furche ihres Scheitels in den leise glänzenden Wellen des Haars. Sie schien ihm nicht unbekannt.
Hinter ihr, weiter zurück an der Wand, ganz im Schatten stand ein Mann, den Kopf geneigt, die Stirn in der linken Hand, als ob er sehr tief nachdenke.
Als aber Georg die Augen weiter nach rechts hin bewegte, leuchtete es ihm von der Türe her strahlend blau entgegen, und äußerst betroffen von Verwunderung erkannte er in diesem Blauen die seidene Jacke eines Chinesen, der dort stand wie in einer tiefen Verneigung; ja, es war Georg, als habe er diese Bewegung schnell noch ausgeführt, bevor seine Augen dorthin gelangt waren. Ein großer, grün und golden feuriger Drache glänzte aus dem Himmelblau der Brust.
Dies alles begriff Georg so wenig wie seinen eigenen Zustand, der ihm zauberhaft deuchte. Sein Körper war ihm so leicht, daß er ihn kaum fühlte, die Seele so frisch und kühl, daß er kaum Atem zu holen wagte, aus Furcht, diese Frische und Kühle könne abfallen wie lockerer Schnee. Hoch über ihm sang die zarte Stimme des Schweigens, lieblich und wie ein ferner Choral. Über alles Begreifen feierlich schien dies. Augenscheinlich ein Traum.
Warum saßen und standen diese hier? Hatten sie auf sein Erwachen gewartet? Oder -- plötzlich graut' es ihn dennoch -- war er vielleicht doch tot, und hier war nur seine Seele, die ohne es zu wissen gewandert und in dies Zimmer zu Fremden gelangt war, die gar nicht ahnten, daß er zugegen war? Die vielleicht um einen andern Toten trauerten? Oder um ihn? -- Allein -- dies war sein Zimmer; im Turm, -- Hallig Hooge fiel ihm ein und alles andre.
Und jetzt auf einmal bemerkte er mitten auf der dunklen Decke des Tisches einen schwärzlichen Gegenstand, in dem er sogleich seine Pistole erkannte. Und gleich auch, mit einer traumhaften Klarheit, wußte er, um was es hier ging.
Er hier, er hatte über sich selbst ein Urteil gefällt, eigener Kläger und Richter. Da es sich aber um eine Versündigung gegen Menschen handelte, gegen Andre, so konnten auch nur Menschen, nur Andre über ihn urteilen und richten. Und zu diesem Zweck waren diese stillen Fremden nun da.
In diesem Augenblick hob die weibliche Gestalt hinter dem Tisch das Gesicht, und er erkannte mit heller Freude Magda, die ihn anzusehn schien. Ach ja, daß sie blind war, hatte er nur geträumt.
Indem richtete auch der neben dem Schreibbüro sich auf, und es zeigten sich Jasons Züge und schwarze Augen.
Der hinter Magda stand, ließ die Hand sinken; es war der Hauptmann.
Bewegung, so leise sie war, rieselte umher, und gleich darauf wurde Magdas Stimme hörbar, klar, aber gedämpft: »Ist er erwacht?«
»Erwacht«, sagte Jason. »Er wird gleich sprechen. Wir wollen guten Abend sagen, -- oder gute Nacht.«
Georg sagte leise: »Schön, daß ihr da seid! Wie kamt ihr hierher?«
»Wie alle Reisenden,« versetzte Jason, »über das Meer. Über seine beruhigten Flächen sind wir geritten auf schönen Delphinen mit Augen gleich Sternen, die blickten und schienen, dieweil sie glitten. Ihre Schwanzflossen, gebildet wie Leiern, klangen lieblich zu unserer Fahrt. Aber dies ist zu zart, um es ganz zu entschleiern.«
»Ich glaubte, daß ihr Träume wart«, sagte Georg.
»Glaube, wir sind es! -- Wir kamen kraft eines geistigen Windes, jeder ein Traum, und aus Traum ist der Raum, wo wir weilen.«
»Und warum kamt ihr?«
»Um zu heilen.«
»Und wie könnt ihr?«
»Du mußt dich mitteilen. Aber erst höre, wie dies sich begab. Wir stiegen an deinem Ufer ab, hier ich, die Freundin, die du lange kennst, und dieser Diener aus dem Reich der Mitte. Hier der Notwendige, wie du ihn nanntest, führt' uns zu dir, wir pochten, aber du gabst keine Antwort. Schliefst du schon? es war erst Abend, aber deine Fenster dunkel. Wir traten ein, und einer machte Licht. Da sahn wir gleich dein schlummerndes Gesicht in einem Schlaf, wie wir noch nicht gesehen. Wir konnten sprechen, sitzen oder gehen, du aber schliefst und wußtest von uns nicht. Am Abend hatten wir uns eingefunden. Nun ist es tiefe Nacht, du schläfst seit Stunden, du schliefst dich glühend an und wieder kühl; es wurde sanft in dir, und dein Gefühl, das schmerzliche, stieg auf wie Wasserblasen zu deinem Antlitz, wo sie sprangen zart in lauter Lächeln. Was einst Qual und Rasen gewesen, schreckenvoll mit Nacht geschart, verwandelte sich in der Schlafmagie. Nun deine letzten Träume, siehe sie um dich versammelt, da du nun genesen! Die Freundin still und ernst, stumm den Vasall, und mich, in Händen klar den Sprachkristall, und bunt und immer lächelnd den Chinesen ...«
»Aber Jason, mir scheint, dies war schon einmal, nur nicht so wunderbar und --«
»Das sind die Femrichter gewesen. Jenes war Mummenschanz, dieses ist wahr.«
»Soll ich nun sprechen?«
»Wenn du es willst. Wenn es zerbrechbar ist, sollst du es brechen, wenn es dir stillbar ist, daß du es stillst. Zwar ist der Teufel gemeinhin im Zweiten ...«
»Wie soll ichs verstehn?«
»Beizeiten! Laß sehn: Was du allein weißt -- nicht wahr? -- das ist gut. -- Gut ist es und echt. Weiß es ein Zweiter mit dir, ist es schlecht, -- dieweilen es heißt: sein Haben mitteilen. Teilst du aber dein Wissen mit Reden, so wird es zerrissen, was bleibt für jeden? Die Hälfte, nicht wahr? Und teilst du's mit Dreien, teilst es mit Vieren, mit Hunderten gar, so wirst du's verlieren, und keiner hat was. Darum sagt der Chinese vom Tao: Tao zu lehren, ist verwehrt. Tao gelehrt, hieße Tao geteilt, aber Tao ist das Eine. Darum ist Lao-Tse, der Reine, in die Verborgenheit gegangen. Nur im Verborgenen konnt er empfangen -- den Zweiten, der mit ihm die Einheit sei.«
»Was heißt das? verzeih!«
»Gott ist immer der Zweite in Wahrheit. Was du allein besitzest in Klarheit, das hast du mit ihm. Jedes Ding ist ein Seraphim zwischen Gotte und dir. Seine Schwingen nach dort und hier aufgespannt, bilden die Brücke von dir zu dem Zweiten. Da doch alles nach allen Seiten unendlich ist, was könntest du halten, hielte das andere Ende nicht Er? Aber gestützt auf diese Gewalten, auf Gott und auf dich, wird es keiner zerschlagen und hat es die Kraft, die Erde zu tragen. Ein solches Ding, so zauberhaft, ist das Gebet, ein solches ist die Tat, die gut geschah, und jedes gute Wissen auch. Wenn du es aber teilst mit einem Dritten, so wird auch Gott -- vergänglich ist sein Hauch, im Maß wie du vergänglich bist -- zerschnitten. Er wird gevierteilt und getausendteilt. Christus war gut, war Gott ganz zugeheilt. Er war mit Gott, doch Paulus war schon schlecht, da er mit Christus war und Christi Knecht. Wissen, Habe, Kraft und Lehre, sei es rein und ganz vollkommen, giebs an Menschen, so wards Schwere und die Reinheit schon genommen. -- Bleibe mit Gotte allein!«
»Und gäb es kein Mittel, ihn zu halten?«
»Dreieinigkeit giebt es. Es giebt das Falten der beiden Hände zum Gebet, auf deren Brückenjoch die Gottheit steht. So falte dich mit einem Andern fest. Daß nur keiner sich wanken läßt und niemals erschlafft! Euch zu halten, die Kraft ohne Gott: Gottheit erschafft. Sie wird Liebe genannt. Sie ist so bewandt, daß sie Gott teilen kann ohne Grenzen und ihn aus sich selbst ergänzen. Liebe kann ihn vielmals teilen und wieder erhalten. Nur hütet euch vor dem Erkalten, und daß kein Teil verloren geht, und daß nicht Einer den Andern von euch einen Augenblick nur und nur um ein Gran -- weniger liebe, -- so bleibt Gott vollkommen, und die Liebe vollkommen, und ihr selber vollkommen.«
»Ach, was ist vollkommen?«
»In Nachtgewalten -- In Taggewittern -- Sich süß erhalten -- sich nicht verbittern!« -- --
Eine Weile herrschte das tiefe Schweigen. Leiser dann fuhr Jasons Stimme fort:
»Vollkommen war Renate, denn sie liebte. Nun ist sie die Verstörte und Betrübte; sie geht umher und kennt sich selbst nicht mehr. Sie ist geteilt in Leib und Seele, beide sind da und dort, dazwischen blitzt die Schneide; es ward die Gnade Sprache ihr genommen, sie ist verwaist und arm und unvollkommen, und ihre Augen sind wie Fenster leer. Sie fürchtet sich, sie weicht den Menschen aus. Sie sitzt im Zimmer, das Gesicht in Händen, sie schleicht sich manchmal in das Treppenhaus und tastet sich durch Zimmer an den Wänden. Gesichter kann sie nicht ertragen, sie stößt Geschrei aus wie ein Tier und läuft von hinnen. Sie war vollkommen; nun ist sie von Sinnen, und keiner weiß, wie man sie wohl erlöst.«
* * * * *
Georg hatte plötzlich die Empfindung, als sei das Licht dunkler geworden oder matter. Wollte die Lampe erlöschen? Waren seine Augen trüber geworden? Ach nein, in ihm war etwas Schmerzendes, und das gab einen Druck auf seine Sehkraft. Renate? Was war mit Renate?
»Ich verstehe nicht!« stieß er hervor. »Was ist mit Renate?«
Jason schwieg. Georg sah, daß Magda das Gesicht in die Hände gelegt hatte. Danach sah er den Hauptmann, sah Jason und den Chinesen, der übrigens, wie er jetzt erkannte, zwar anhielt, chinesenhaft zu lächeln, aber zwei völlig europäische, ja erstaunlich runde und braune Augen hatte, glänzend wie Kastanien. Obgleich aber so alles umher natürlich geworden schien, eines Glanzes entkleidet, so fühlte er es doch nicht minder ernst, nicht minder tief. Es war nur verdunkelt; es ward traurig.
Die Hände fallen lassend, das Gesicht schmerzlich aufhebend, sagte Magda:
»Es ist, wie Jason erklärte. Sie ist -- irr. Ja, sie liebte. Saint-Georges. Ich fand auf ihrem Schreibtisch einen Brief von ihm, in dem stand, daß er sie seit Jahren geliebt hat, und daß es über seine Kraft ging. Nun, da sie ihre Liebe erkannte, war es aus mit der seinen. Ich kam einen Tag später als sie nach Altenrepen zurück, da war sie schon, wie sie jetzt ist. Ihre Zofe hatte sie im Schlafzimmer an der Erde gefunden. Sie scheint sich vor uns Allen zu fürchten. Sie kleidet sich, ißt und schläft, aber sie spricht nicht, und wie es scheint, kann sie es wirklich nicht, denn sie stößt Laute hervor, die --«
Magda schwieg.
»Ich kenne sie ja,« begann sie von neuem, »sie hat eine andre Natur als wir, und alles trifft sie ganz anders als uns. Immer schien sie kühl und beherrscht, und so leicht sie erglühte, war immer die Grenze da. Sie sparte alles auf. Oft hatte sie seltsame Gesichte. Dies Gesicht nun scheint anzuhalten, und -- ach, ich habe ja immer gehofft, deshalb schrieb ich auch nie davon. Jetzt, wo so lange Zeit vergangen ist -- es kam schon im Oktober --, mag dir das vielleicht sonderbar scheinen, aber die Tage jagten dahin, und an jedem hoffte ich, ich würde morgen erwachen, und alles sei ein Traum. Und ich wollte dich nicht erschrecken, denn --« Magda errötete so tief, daß Georg es erkennen konnte durch die Dämmerung -- »du liebst sie doch.«
»Aber nun wollen wir das lassen«, fuhr sie fort. »Ich bin ja gekommen ... Lange war ich ganz ruhig um dich, obwohl unsicher, aber was soll ich tun? Ich muß ja nun immer angestoßen werden. Als aber dein Brief kam nach Ulrikas Tod, und der an Benno, den er mir zeigte, -- ja seitdem ist meine Angst um dich gestiegen, bis sie mich heute gepackt hat, und hier bin ich nun. Verzeih, daß ich nicht allein blieb mit dir, aber -- wir sahn ja, was dir aus der Hand geglitten war, die Andern sahn es, und ich fürchtete mich vor deinem Erwachen ...«
Georg hörte die Worte nur von fern, wie zu einem Andern geredet. Er dachte mit einem bittern Schmerzgefühl an Renate, und dann, wie er sich sagte, daß sie stumm sei, nicht reden könne, stieg auf einmal wie ein Springquell in ihm die Sehnsucht nach Worten. Jetzt erst spürte er die ganze Pein des viele Wochen langen Schweigens, und Angst ergriff ihn, daß er hätte sterben können, ohne alles gesagt zu haben. Keiner hätte ihn verstanden, er sah sich selbst, sein Andenken, seine Seele, wie einen ausgegrabenen Torso zwischen ihnen liegen, ein Rätsel, an dem sie deuteten und alles falsch.
Diese Erregung aber senkte sich wieder, und hernach war ihm wunderbar ruhig ums Herz. Er begriff nun diese Magie. Daß diese Menschen in dieser Stunde um ihn waren, das war ihr Zauber, das hatte sie selber so still gemacht, das stieg wie ein friedfertiger Rauch aus ihnen und legte sich um seine Sinne.
Er beugte sich vornüber und verbarg das Gesicht in den Händen. Da erschien ihm schon alles zu Sagende in reinlicher Klarheit und als ob er es besser verstünde als jemals, dazu weder bitter noch schwer, sondern alles mitsamt der Schuld hatte nur sein einfaches Dasein, als ob es nur sich selbst angehörte. Worte zeigten sich schon, so leuchtend in Natürlichkeit, daß er zitterte vor Sehnsucht, sie sprechen zu können.
»Ja, ich will sprechen,« sagte er, »ich will alles sagen, ihr Alle sollt es hören! Ihr werdet Alle sehn, daß ich recht hatte!«
Während dieser Worte gewahrte er, daß es doch wirklich dunkler im Raum geworden war. Jetzt blickte auch Jason in die Lampe und sagte:
»Die Lampe stirbt. Darf ich sie ausmachen?« Und er neigte sich über die Platte zu ihr und drehte sie aus. Es war Nacht.
Georg sprach schon. Er hatte aber kaum die ersten Worte gesagt, als er sie nur noch mit Ohren hörte und wahrnahm, und indem er länger und länger redete, schien es ihm mitunter, als wäre in den Worten gar kein Sinn, als wären sie völlig verwirrt oder eine fremde Sprache, die er im Wahnsinn redete, ohne sie zu verstehn. Wo er begonnen hatte, wußte er nicht mehr, denn alsbald waren ihm ganz ferne Dinge, Bilder, Vorgänge aus seiner Kindheit in solcher Leibhaftigkeit erschienen und in solch einem Leuchten, und wie mit einem Zunicken bekundend, daß sie unendlich wichtig waren und keinesfalls verschwiegen werden durften, -- daß er nicht rasch genug seine Schlinge darum werfen konnte, sie zu halten und zu beschreiben. So lange hielten sie geduldig still, dann aber waren sie augenblicks verschwunden ein jedes, und schon stand ein andres da, bereit, sich fangen zu lassen. So sprach er und sprach, es kam vor, daß er sich auf einer riesigen, abschüssigen Bahn zu befinden glaubte, die er mit Sturmeseile hinunterfuhr, spürend, wie die Luft ihn umsauste, oder war es die Zeit? Dann wieder stand alles still, und er glaubte, zu empfinden, daß alles dies in einem Ewigen vor sich ging, und dann sah er die Nacht um sein Haupt und da und dort den Schein eines Gesichts, und er saß hoch über der Welt in einer Versammlung verdunkelter Monde, und sein Leben rauschte in der Tiefe wie ein Strom. Jede Welle aber dieses Stroms hatte ihren Sinn und Bezug und ließ ihn zurück wie einen Bodensatz, -- und das war alles Schuld. Nur von einer so ungeheuren Unabänderlichkeit war es jetzt, daß es die Beziehung auf ihn verloren hatte. Einen Augenblick fühlte er dies; da wars leicht. Plötzlich schlug ihn Bangnis an, wenn er zu Ende sein würde, dann wäre alles wie zuvor. In diesem Augenblick merkte er, daß er nichts mehr zu sagen hatte. Er suchte, lange wie ihm schien, aber nichts war da. Er hatte alles ausgeschöpft, und erschöpft saß er selber in dem Dunkel, das die Gewöhnung seiner Augen in graue Dämmerung verwandelt hatte, und sah wieder den bleichen Schein der Lampenkuppel, und den von Jasons Gesicht, von Magda und vom Hauptmann.
Sterbensangst ergriff ihn da. Was war eben gewesen? Was hatte er getan? Was sollte das alles? Ach, es sollte wohl noch das Urteil kommen? Das war ja alles nur Zeitversäumnis. Und nun stand alles noch einmal bevor ...