Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 3

Chapter 33,722 wordsPublic domain

»Mein Sohn Georg«, hörte sie den Herzog sagen, »hatte einmal eine Redensart, die hieß: quid quod? auf deutsch: Was soll man dazu sagen? Also ich sage: quid quod? Nämlich,« fuhr er eiliger fort, während sie leise lachte, »ich wollte ja erst morgen kommen, wenn all das mit Georg erledigt sein würde, aber heut morgen hat es mich doch übermannt.«

»Oh,« meinte Renate nachsichtig, »zu früh aufstehn kann man nie.«

»Und den Tag über heut«, fuhr der Herzog fort, »habe ich keine Zeit; da mein Sohn Festspiele aufführt, muß ich die Gäste empfangen, und heut nachmittag sind ja die großen Vereidigungen.«

Die großen Verneigungen ... klang es sonderbar in Renate, sie suchte, wann und wo sie das einmal gehört hatte, hörte zerstreut zu, was der Herzog sagte, ohne etwas zu verstehn, und wurde langsam mit Essen und Trinken fertig. Plötzlich übergoß es sie dann, da sie den Herzog groß dasitzen sah, mit durchdringenden Augen, während er sagte: »Sie sind ja so über alle Begriffe schön, daß -- -- daß --«

Die drei großen Verneigungen, klang es wieder, die drei großen Verneigungen. Dann merkte sie, daß er Sie gesagt hatte, und gerührt von dieser Zartheit, erhob sie sich, ging um den Tisch zu ihm hin und legte einen Arm um seinen Nacken. Langsam hob er das Gesicht, sie beugte sich und küßte seine Stirn.

»Genug für heut,« sagte sie mit plötzlicher Entschlossenheit, »und nun muß ich mir das Haar machen lassen, in einer Stunde kommt Georg.«

»Georg,« sagte der Herzog aufstehend, »ja, ist er eigentlich blind?«

Renate verstand nicht, obwohl sie gut verstand. »Leb wohl«, sagte sie und streckte die Hand aus.

Wieder stand er vor ihr, sehr groß, fast überwältigend, und sie bebte leicht, bog sich zurück, ließ aus aller Glut, die sie in Schnelle zu sammeln vermochte, einen strahlenden Schein aus ihrem Antlitz über das seine gehn, verschattete sich wieder, neigte kurz das Haupt und ging, von ihrer Seide umrauscht, mit kleinen und festen Schritten hinaus.

In ihrem Zimmer oben stand sie, an unfaßliche Vorstellungen verloren, so lange, bis die Zofe mahnte; die nächste halbe Stunde verging ihr gedankenlos unter dem mühseligen Aufbau ihres Haars und der Zieraten.

Verkleidung I

Georg erwachte, hob langsam die Lider und sah, daß es Morgen war. Ungeblendet sahen seine Augen ins Zimmer, -- ja, wie ist mir denn? dachte er, -- oh, mir ist wunderbar! -- Unvermutet mußte er die Arme mit geballten Fäusten von sich stoßen und aus dem Bett springen; im Aufsprung taumelte er, stolperte auf einen Stuhl zu und hielt sich daran, lachte und hielt erstaunt einen kostbaren Gegenstand in der Hand, eine seidene Strumpfhose, deren eines Bein weiß, das andre schilfgrün war. Das ist ja meine Hose, dachte Georg, ah, nun merke ich, daß der wunderbare Tag anfängt. Er bauschte in den Händen die weiche Seide zusammen und betrachtete entzückt die hineingestickten Wappen, Blumen und Ornamente von Silber auf beiden Beinen. Da hing auch der Rock überm Stuhl, gleichfalls zur Hälfte weiß, zur Hälfte grün, und am Bügel darüber der kurze Mantel, tiefblau, glänzend von Seide, mit Hermelin leicht verbrämt, und am Stuhl lehnte die Laute, still, umschlungen von weißen und schilfgrünen Bändern, -- alles genau so, wie er selber es am Abend zuvor aufgebaut hatte. Nun sprang er ans Fenster, riß den Vorhang auf und bemerkte enttäuscht, daß es grau draußen war; aber siehe, der Himmel blendete leicht, naß und schwer hingen die Büsche und die Hopfenranken jenseit des Weges, und schon glaubte er zu sehn, daß dieses Morgengrau mit goldenen Hefteln, zum Abstreifen lose, befestigt war. Die Sonne kommt, frohlockte er, Renate kommt, und nun bin ich Großherzog. Seine Brust dehnte sich schwer, er mußte einen Augenblick die Hände darauf drücken, er suchte die alte Angst im Herzen, aber nichts da, nichts gab es als eine seltsam üppige Kraft, ein stilles Feuer, von dem sein Innres glühte bei seltsam klarem Kopf. Nie war mir so wohl, flüsterte er sich zu, nie im Leben, ach das ist ja herrlich, ich möchte -- was möchte ich nur? Einen Kiefernbaum ausreißen und den Staub von Renates Türe kehren, ja, das möchte ich! -- Aber erst will ich baden.

Er streifte den Schlafanzug ab, ging nackt ins Badezimmer und stellte sich unter die kalte Brause. Da ward ihm so unbändig zumut, daß er glaubte, er sei berauscht. Ich habe doch Wein getrunken in der Nacht, aber eine solche Wirkung habe ich noch all mein Lebtage nicht bemerkt. Er trocknete sich flüchtig ab, trat dann mit einem plötzlichen Entschluß an das Fenster, und -- jetzt in einer süßen Beklommenheit zum Beten entschlossen -- öffnete er die Flügel. Er blieb so, die erhobenen Hände an den Fensterflügeln, sehr aufrecht; und nun, aus blinder Beschämung, alles vergessend, hineinwachsend, als ob er sauste, in eine Inbrunst ohnegleichen, in der er, wie in gewaltigen Schwingen stehend, zum sicheren Absturz in unendliche Tiefen bereit war, sammelte er die Worte der Andacht.

»Licht, du selber verhülltes!« sagte er, »sieh mich nun! Verhüllt, siehst du mich doch. Sieh mich nackt, sieh mich auf meinem Gipfel! Groß ist der Tag, zu dem ich entschlossen bin. O Licht, du siehst, ich bin heiter, -- aber nicht würdelos, nein. Nein, sieh doch die letzte Stunde der Freiheit, gönne mir, noch einmal heiter zu sein, gönne mir noch einen Flug, noch diesen Trunk aus dem Leichten, diesen Kuß der schönen Vergänglichkeit! Dann will ich die Arme gern ausstrecken, die eisernen Handschellen darumlegen zu lassen, die ich mir selber geschmiedet habe. Verachte mich heute nicht, Licht, entzieh mir nicht deine ewige Gnade, erleuchte mich morgen und allezeit, laß mich, wie in diesem feurigen Augenblick, nur allezeit wahr sein, ganz sein, der ich bin, wahr, wahr, ein Gemächt des Schicksals, aber ein stolzes!«

Er öffnete die schamvoll geschlossenen Augen, da ihn die Worte verließen, wandte sich und atmete, als wäre er in sich zurückgekehrt, tief auf, gleichsam beruhigt, sich so einfach zu finden. So einfach, ja, aber auch so hundertfältig wohl.

Aus den Poren seiner Haut strömte nicht Wärme, sondern Kühle; von sich selber umfächelt trat er vor den Spiegel und war durchaus mit sich einverstanden, außer mit seinem Gesicht, das stark gemagert war, -- ja, das war gerechte Folge der Arbeitsmonate, -- und dafür hatte er seine Augen noch nie so groß und leuchtend gesehn; sie blitzten wie durch Glas, und die Pupillen schienen ihm vergrößert, als hätte ihm jemand Belladonna eingegeben. --

Georg begann sich anzuziehn, die seidenen Hosen auf die nackte Haut, eine kühle Wonne, in die er sich kleidete. Dabei fiel ihm ein, daß er schwer und seltsam geträumt hatte bei Nacht. Er besann sich, auf dem Bettrand sitzend, die Hosen erst halb übergestreift, und für einen Augenblick wälzte sich schwer und wolkig ein Stück Nacht in sein Innres, gefüllt mit schaurigen Beängstigungen. Ich stürzte ja immer, erinnerte er sich, zuletzt von einer Klippe ins Meer, -- wie war es doch nur? Sonnenuhr ... aber die Ziffern waren Menschen, und ich -- ich konnte meinen Platz nicht finden. Nein, viel schlimmer waren ja diese Gugelmänner! Und wie sie fortwährend schwanden! Dann redeten sie kostbare Dinge, Verse glaub ich, die mich durchschauderten, aber das habe ich schon oft erlebt, daß mir im Traum etwas wunderbar erschien, was sich im Wachen als sinnlos und albern herausstellte. Als Esther noch lebte, träumte ich einmal eine ganze Novelle von ihr, noch im Wachen war ich entzückt davon, und dann zerstob es wie Nebel in sinnlose Stücke; daß eine Droschke darin vorkam, weiß ich noch. -- Sieh da -- habe ich nicht auch den Orion gesehn diese Nacht? Den Orion, den Winterstern! ist es zu sagen ...

Kaja ...

Plötzlich sanken ihm die Hände, er erschrak, aber -- was war denn zu erschrecken? Er suchte und fand nichts, als wieder dies Wort Kaja, und dann -- er lächelte -- ach, meine Mutter, sagten die Schwarzen, habe Kaja geheißen. Ich Kajus, nehme dich, Kaja, so hieß doch die alte römische Trauformel, und: Wo du bist, Kajus, da bin auch ich, Kaja. -- Es ist aber doch eigentlich schauerlich mit dem Träumen, dachte er, aufstehend und den Hosenbund zusammenschnürend, sie machen, was sie nur wollen, mit uns, wir müssen lieben oder hassen, bekämpfen oder fürchten, ganz ohne unser Zutun, und was uns längst abgetan schien, das kommt wieder, immer wieder, auch die Toten ...

Überdem war er wieder vor den Spiegel geraten und vergaß alles über dem unverhofften Glanz seiner Beine. Dann fuhr er in den Rock und hakte ihn zu, von der Achselhöhle zur Hüfte; er fiel über die halben Oberschenkel herab, in der Mitte leicht eingerafft; die Ärmel, der weiße und der grüne, umgekehrt wie die Farbteilung der Beine, lagen eng wie die Haut selber an, aus dem Halsausschnitt kräuselte sich der gewellte Ring des Hemdes am Halse empor. Während er das verwirrte Haar mit dem Kamm glättete, sah er im Spiegel, daß draußen das Grün schon leuchtete und sich vergoldete, und plötzlich glänzte es zu seinen Füßen, und ein breiter Streif Sonne stand, in Milliarden Stäubchen schimmernd, mitten im Zimmer. Ach, und kühl war es, kühl! Er griff nach dem kurzen Schwert, dessen Gürtel über der Stuhllehne hing, und der aus verhakten Quadraten von Silberfiligran und dunkelblauem Email bestand; die Klinge stak in schwarzlederner Scheide mit silberner Spitze. Er nahm den Gürtel auseinander und legte ihn um die Lenden, unterhalb des Leibgurtes, wo er an kleinen Haken festhing. Auf die Uhr blickend, fand er, daß es gleich dreiviertel Neun war, er eilte ins Eßzimmer und aß mit starkem Hunger Eier, Brot, kalten Braten und warmen Haferbrei mit Milch. Im Hause war es still, Egon mußte längst draußen sein, auch die Hausmeistersleute waren gewiß schon auf der Wandrung zu ihrem Tribünenplatz.

Georg legte die Zigarette unangebrannt noch einmal fort, trat in die offne Gartentür, atmete tief und lang die Kühle des Morgens und begrüßte mit immer leichterem Herzen die hervorsegelnden Bläuen überm Nebelmeer der Lüfte. Sein Gesicht zuckte von innen heraus mit Lächeln und Freudigkeit, kein Gedanke tat sich hervor, er konnte nur atmen und sich wohlfühlen und dem Himmel danken, daß er Augen hatte zu schaun, Lungen zu atmen und eine brennende Seele, die alle Welt umher an sich zog wie Luft, um sie zu verzehren und höher davon zu leuchten. Alles funkelte ihn an, jede Farbe, das Grün, das lichte Gelb und Zinnober der Stockrosen; das Blau der Glockenblumen im Garten schien ihm noch einmal so tief, er begriff es nicht, er wollte es nicht begreifen. Keine Kontur war je so deutlich, kein Blatt ihm je so stark und lebendig gekrümmt, gezahnt und beschattet erschienen, ach, wie mußte erst blühen Renate! -- und er kehrte um, lief zur Tür, besann sich auf seine Laute, suchte sie in allen Zimmern, dachte: sie wird brausen und klingen unter meinen Fingern, obwohl ich keinen Griff verstehe, fand sie endlich auf dem Bett, halb unter der Decke, sprang auf den Gang und zur Tür hinaus, wo bei Gott ein Automobil stand, als wäre es hergezaubert. Nach einem kleinen Versuch, mit dem Kopf voran durchs Fenster ins Innre zu springen, öffnete er ernsthaft den Schlag, schrie dem Kutscher zu: Güntherstraße fünf! warf sich in den Rücksitz und schloß die Augen.

Wenn wir nur erst zu Pferd wären! wünschte er begierdevoll und öffnete die Augen wieder; sogleich wogten zu beiden Fenstern bunte Stürze von Stoffen, Fahnen, Blumen und Bewegung herein, er packte die Ringe der Vorhänge und zog sie straff herunter, er wollte nichts sehn, wollte die ganze Vollkommenheit des Schauspiels sich bewahren, drückte sich wieder in die Ecke, stöhnte vor unbezwinglicher Ungeduld und kniff die Augen zu. Alsbald brandete die Woge der Erregung wilder und kälter um sein Herz, so daß er sich leiblich umklatscht fühlte von einer großartigen Kühle, die ihn trug und aufrecht machte, ja, deutlich unterschied er im lauten Toben seines Blutes die geistige, fast eisige Stille seiner Kaltblütigkeit. Sein ganzer Leib dehnte sich in allen Fugen und Nähten vor fiebrischer Erwartung Renates, es knatterte in ihm, wie eine Stichflamme aufschießend mitunter, schien er sich als ein riesenhaft gebauchtes Segel, eine tönende Gefäßwand voll praller Windvölle über einem tosenden Geroll strömender Wasser zu stehn, zu prasseln, zu fliegen, unsagbar leicht und straff, strotzend von Kräften. Draußen unsichtbar, dumpf murmelnd und brausend, rollte das farbenreiche Getümmel der sich zur Freude sammelnden Mengen, und mit ihnen -- so war es! -- rollte aus allen Fesseln die Gewalt seines durchkühlten Bluts, schlug wogenhoch an Häuserfronten, spritzte klatschend zu Fenstern hinein, wirbelte um auf Plätzen und ergoß sich vollen, stürmischen Schwalles durch die Gassen, während er selber dasaß, wie ein Gott in sich zuhaus, in einer flammenden Wolke von Inbrunst, berauschten, tönenden Herzens, in den Ohren Musik und Gelächter, die Lippen überquellend von Jubel; und um so lautloser all dies in langen, lang schwankenden Minuten sich ergoß, um so magischer war es auch, -- wie Legende, so wars. Und schon hielt der Wagen an.

Verkleidung II

Und schon sprang Georg, federnd wie ein Ball, von sich selber um- und angeschillert mit seidener Buntheit, durch einen fremden, sonnigen Vorgarten, auf ein fremdartiges, grau und sonniges Haus zu, über Stufen hinweg durch ein gläsernes Tor, warf sich durch einen kühl dämmrigen Flur wohlbekannten Geruches, vorbei an wohlbekannten Bildern, Spiegeln, weißen Türen auf eine dämmerweiße Doppeltür zu, die von selber vor ihm sprang, und schon stand er vor dem Wunder.

Lavendelblaues Wunder! Er stand nicht, er stürzte an den Boden, leicht, in sich gefaßt, geworfen und gehalten, auf das rechte, gebogne Knie, die Arme aufwerfend und breitend und senkend, die flachen Hände angeströmt von Lust und Glanz, das Haupt im Nacken, brausend unter allen Gliedern wie ein niederströmender Aar aus Lüften und Gewölk, und rief mit heller Stimme: »Herrlichkeit! Herrlichkeit über Herrlichkeit! ich bin da, ich bin gekommen!«

Renate, unter sich Georgs lachendes, magres, knabenhaftes, leuchtendes Gesicht, bewegte sich nicht, da Magda hinter ihr den Schleier auf ihrem Kopf befestigte, sah steifen Gesichts, die Augen gesenkt, auf ihn nieder, faßte, um ihn zu begrüßen, in die Falten ihres Kleidrocks über dem Knie und hob ihn an, so daß der starre Saum von Silberbrokat an sein Gesicht rührte. Er faßte mit beiden Händen zu, Inbrünstigkeit spielend, so tief er sie empfand, und küßte sie lachenden Mundes. Dann bat er um Erlaubnis, aufstehn, und nachdem sie ihm gewährt worden, die Wundererscheinung betrachten zu dürfen. -- Renates Gelächter schwang über ihm wie eine Glocke, da sie erklärte, das Wunder sei erst halb, noch fehlten die Überärmel und der Mantel, ja, es sei alles schon verpackt, jedes zu seiner Zeit ... Georg stammelte, daß er dann nicht wüßte, wie er das Ganze ertragen solle, und fing an, um sie herumzugehn. -- Ihr Haar sah er, das bräunliche; es schimmerte durch ein fabelhaftes Netz von großen Perlen, vorne aber fielen die Zöpfe, wie Taue so dick, Haarsträhnen, durchflochten mit Perlenschnüren und schilfgrünen Bändern, über die Brust bis zu den Knieen herab, und die Enden der Bänder bebten bei jeder Bewegung leise dicht über den Füßen in silbernen Schuhen. Die lavendelblaue Seide, grauschiefrig schillernd in der Nähe der Nähte, umschloß Brust, Leibesmitte und Hüften eng, ergoß sich dann in großem, starrem Faltenwurf; vom runden Ausschnitt des Halses senkte sich zwei Hände breit eine glitzernde Borte von Silberbrokat vorn herab bis zum Saum, der starr stand, drei Hände breit, silberner Brokat. Und in all dem Silbernen, dem lichten Blau, Perlweiß und lichtem Grün glühte das meilentiefe Blau ihrer Augen, hauchte die rosene Zartheit ihrer Wangen, glühte das Rot ihrer Lippen, der göttlich geschwungenen, alles in allem ein Pokal voll Unersättlichkeit, in den Georgs Herz hineinsprang mit einem Satz wie ein Panther. -- In der Nacht, wo ich dies umarme, dachte er, werde ich sterben und das ewige Leben davontragen wie eine Harfe, auf der ich -- ach, ich weiß es nicht, aber warum sage ich es ihr nicht? Ich werde es ihr sagen, doch nicht jetzt, am Mittag vielleicht, am Abend, ich will -- noch -- noch! -- kein Band und keine Fessel zu ihr hinüber als mein trunkenes Empfinden, und er sagte: »Jetzt wollen wir fahren. Aber Magda, -- was ist denn mit dir? kommst du nicht mit?«

Sie schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: erstens müßte sie das Haus hüten und den Onkel ...

»Und zweitens?«

Zweitens hätte sie kein Kleid. Er erinnere sich ja wohl noch, daß er selber das Gebot erlassen habe, daß niemand in andrer als in alter Tracht sich heut öffentlich zeigen dürfe ...

Georg mußte es zugeben. Allein in plötzlicher Liebe zu ihrer dürftigen Gestalt, bestand er darauf, ihr am Abend das Feuerwerk und den Tanz in den Gärten zu zeigen. Ob sie nicht eines von Renates Trachtkleidern anziehen könne, -- und nun gab sie gerührt nach.

Und schon saß Georg, nachdem Renate lächelnd zugegeben hatte, daß er die Vorhänge herunterzog, auf dem schmalen Rücksitz des Wagens ihr gegenüber, genau genommen, dachte er, in ihr, denn sie füllte den halben Wagen mit ihrem Kleid und den Luftraum ganz mit Duft und Blühen. Sie schauerte ihn an wie atlantischer Wind, er schloß die Augen und sah sie in brennenden Umrissen dasitzen, in ihrer sinnenden Haltung, die sie liebte, die er liebte, das Kinn in die rechte Hand gestützt, den Ellenbogen auf dem übergeschlagnen rechten Knie, in der Linken im Schoß den kostbaren Haufen ihrer Zopfenden und der Seidenbänder. Ihr leibliches Leben strahlte über und über aus ihr; in allen Falten raschelte, in allen Nähten lief, im äußersten Saume brannte und zitterte noch die Süßigkeit ihres rosigen Lebens. Georg sah und sah, -- sah alles Unsichtbare: unter dem lavendelblauen Kleidhimmel wie eine lockre Schar schneeweißer Fittiche das Gewoge ihrer Leibwäsche in weißer Dämmrung; darein stiegen von unten, aus Silberschuhn, die schlanken Schäfte ihrer Beine, glatt bespannt mit blauem Flor; da wölbten sich unbeschreiblich die Rundungen der Knie, blau bespannt bis zu einer Handbreit höher hinauf, wo es kaum sichtbar schimmerte -- nicht wie Marmor und nicht wie Rosen, wie Schnee nicht, noch Elfenbein, noch Mandelblüte, -- Magnolie vielleicht, -- nein, davon nichts, sondern lebendige Haut, unfaßliche Glätte, Süße, Hauch, Schimmer, Duft, Verwirrung aller Sinne unter dem weißen Spitzenschaum und -- Georg dehnte ein wenig die Brust, breitete die Arme zu beiden Seiten aus, sich anlehnend, und suchte umsonst zu begreifen, wie er so gelassen dasitzen konnte, die sanften Schwellungen ihrer Brust offnen Auges betrachtend, dazu die zarte Linie ihres Profils, der gebogenen Nase, lieblichste Wölbung der Oberlippe und flügelnde Entzückungen der tiefgezogenen Mundwinkel, von kaum sichtbarem, weißem Fruchtflaum umhaucht, -- anstatt in all dies hineinzuwühlen Haupt und Mund und erblindende Augen, an allen Sinnen gesträubt und betäubt, geglättet, unersättlich, rauchend und begraben im klirrenden Schutt seines Daseins.

Fahrt

Renate, still vor sich niederblickend, sehr glücklich, atmete tief und leicht, gewahrte von Georg gegenüber in der sonnigen Dämmrung des kleinen Raums den Schatten seines blassen Gesichts, dachte an seinen Vater, lächelte sanft auf, indem sie bemerkte, daß sie ja seine Mutter sein würde, blickte ihn voll an und fand ihn so hübsch, so liebenswert, so jung und schmal wie je; freilich nur ein schmaler Baum war er neben dem Turmbau seines Vaters.

»Wie mager Sie geworden sind, Georg,« sagte sie leise bedauernd.

Die letzten Wochen, erklärte Georg, seien schon schlimm gewesen, er habe sich hineingefressen in den ganzen Trassenberg und kaum Atem geschöpft.

Sie fand ihn leidender aussehend, während er so sprach. »Und obendrein waren Sie krank«, sagte sie.

»Ach,« äußerte er munter, »das war ganz schön, -- die paar Tage! -- und da ist mir auch alles eingefallen. Ja, was Sie heute sehn, und ich hoffe, einiges davon wird Sie erstaunen, das habe ich mir ausgedacht, als ich krank lag. Ja, geben Sie schön acht, damals lag ich wie ein brennender Saturnring um Ihre --«

Sie hob warnend den Finger, lächelte und sagte: »Georg! Ich mag sehr gern, wenn man mir schöne Dinge sagt, aber man muß niemals übertreiben, dann verraucht die Wirkung spurlos.« Übertreiben? dachte Georg, ach, du lieber Herr Jesus! »Erzählen Sie mir, wer war Heliodora!« befahl sie.

»Heliodora«, erklärte Georg, »war eigentlich Libussa. Kennen Sie Libussa?«

Renate nickte und sagte, Libussa sei ihre Lieblingsgeschichte gewesen als Kind.

»Meine auch«, log Georg und fuhr fort. »Ich wollte Libussas Geschichte aufführen lassen, Sie sollten Libussa sein, aber als ich mit Onkel Salm darüber sprach -- Papa hat ihn mir überlassen, er mußte alle meine Pläne ausführen -- sagte er, wieso ich nach Böhmen wolle -- er weiß ja alles --«

Wie Georges, dachte Renate gerührt; wie er sich freuen wird, der Gute, und sie unterbrach Georg mit der Frage, was Saint-Georges darstellen würde, aber er wußte es nicht. Ihr hatte er nichts verraten wollen.

»Also, da sagte er,« fuhr Georg fort, »warum ich nach Böhmen wollte, da wir doch die Heliodora hätten. Aus dem Festspiel kennen Sie ja dieselbe, sie war, richtig wie im Festspiel, eine byzantinische Prinzessin, verstand allerdings leider nicht, ihre Legendenschönheit zu vererben, -- oder -- was meinen Sie?«

Renate meinte, er könne ganz zufrieden sein, aber woher denn die schiefe Nase seines Vaters komme.

»Nicht von Heliodora freilich, sondern eben von dem Bauern, dem Gregor, oder Georg, den sie zum Mann nahm, -- es steht ja alles im Festspiel. Auch das weiße Pferd und der Tisch von Eisen ist Legende, nur waren es in der Überlieferung die Sachsen, nicht die Beuglenburger Markgrafen, mit denen Heliodoras erster Mann und sie selber kämpfte, und Trassenberg war damals natürlich noch nicht Herzogtum, wie im Festspiel, sondern Freigrafschaft. Heliodora,« sagte Georg langsam und leise, »Sonnegabe, ein schöner Name ...«

Sonnegabe, wiederholte Renate, sich erinnernd, daß der Herzog seinen Antwortbrief auf den ihren, in dem sie ihre Mitwirkung im Festspiel erwähnte, mit diesem Wort begonnen hatte, -- und da, dachte sie, wußte ich schon alles, aber ich wollte es nicht wissen ... »Zwölfhundertsiebenunddreißig« hörte sie Georg murmeln, und der Wagen stand still. Georg öffnete den Schlag, sprang hinaus und reichte ihr die Hand hinein. So stieg sie gebückt vorsichtig ins Freie hinab. Da standen sie auf der Landstraße neben dem Reitweg und sahen sich um.

Allein Georg, von plötzlichem Argwohn herumgeworfen, mußte vor Renate hintreten und fragen, indem er ihre Hände ergriff:

»Renate! begreifen Sie es, oder nicht, daß ich mich hier unter Trachten und bei Festen herumtreiben kann und heute nachmittag die Verantwortung für ein ganzes Volk auf mich nehmen soll?« --

Renate, sein blasses Gesicht mit angstvollen Augen dicht über dem ihren, sah ihn nur gut an und antwortete nach einer Weile, ihm zu helfen: »Ist es nicht auch Ihre letzte Freiheit, heut? Ich habe ja wohl manchmal gestaunt,« fuhr sie leise fort, »wenn ich im stillen bedachte --« sie lächelte, da seine Züge sich schon glätteten, »-- was Sie auf sich nahmen, aber -- nun, Sie haben das Herrschen wohl im Blut ...«

Was hatte sie gesagt? -- Er zuckte zusammen. »Im Blut ...« wiederholte er tonlos, »nicht im Blut, Renate ...«

Er senkte den Kopf, und sie sagte leise und begütigend über ihn: »Ich weiß ...«