Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 29
Im Haus überließen wir sie Cornelia. Der Notwendige und ich saßen drei Minuten später im Segelboot, aber -- ach Benno, die Unseligkeit dieser Fahrt hätte ich selbst mir kaum gegönnt! Über dem Wasser schwebte ein Hauch von Wind, in dem zuerst gar keine Richtung war. Als wir dann weiter hinaustrieben, schien er sich für Nordwesten entscheiden zu wollen, schließlich aber wehte er, o sanfter Satan! aus Nordosten, so gut wie uns entgegen. Und was hilft es nämlich bei Fahrten wie dieser, daß man die Logik in die Hand nimmt wie eine Pistole und sich sagt: es hat keine übermenschliche Eile, denn wenn vor Minuten erst die ersten Wehen eintraten, so dauerts noch Stunden bis zur Geburt. Die Pistole geht nicht los, sie braucht auch gar nicht losgehn, aber da sitzest du bei einer brennenden Laterne, bloß mit einem zufälligen Uhrkompaß, den der Notwendige bei sich hat, mitten in der nebelglänzenden See, im Halbdunkel, wo keine Bewegung an nichts zu erkennen ist, durch Minuten, die Stunden werden, stille liegend, und du reißest Herz und Lungen und alle Organe auf, als ob du geboren wärst, im Augenblick, wo du das Leuchtfeuer vom Außenhafen siehst, Auge der Seligkeit durch die silbernen Dünste der See. Und nun Kreuzen, Kreuzen ohne Ende. Es ist schwer wie die Verdammung, ein Ziel durch Vorbeifahren zu erreichen, obgleich es im Leben nicht anders ist. Man fängt an zu beten, Benno, ohne zu wissen, was es ist! Nach einer Fahrt von beinah zwei Stunden -- statt einer halben -- lagen wir im Binnenhafen, und hätten nicht gelegen, wenn uns nicht der Polizeikutter geschleppt hätte, so schnell wie ein Pferd, aber all diese Dampfer und Schlepper und Kähne, die an den Molen und an den Hafenwänden lagen, die unendlichen Lagerschuppen, die Kräne, die Kohlenberge, die unerhört langen Reihen von Fässern, und wieder Dampfer, Schlepper, Ewer, Schaluppen, Pinassen, Segelboote, wo einer einsam steht und schöpft, Südamerikafahrer, wo ein paar Kerle im Dunkel über der Reling liegen und spucken, Ziegelkähne von endloser Länge, wo am Rande ein wilder Spitz rennt und bellt und am Ende eine Kajüte ist und Licht und ein rauchender Schlot, und ein Ehepaar mit den Ellbogen auf den Knieen -- weißt Du, wie das sich einbrennt in die Augen auf solchen Fahrten?
Also, ich rannte denn zum Arzt (weißt Du, wieviel Vorstellungen der Orte, wo er sein könnte in solchen Minuten, da er ja auf keinen Fall zu Hause sein kann?) und fand ihn -- es war gegen zehn Uhr -- in seinem Zimmer bei der Zeitung. Endlich hatte ich ihn denn mitsamt seiner Tasche in einem, vom Notwendigen inzwischen geheuerten Motorboot, und wir langten eine halbe Stunde später wieder an.
Langten an, empfangen von einem Geschrei, das ich -- wie bereits oben, Benno, es geht jetzt auf Morgen, noch ist immer nicht geschehen, was geschehen soll, ich sitze und schreibe nach der anfänglichen besondren Kälte mit rauchenden Händen. Ich habe ein Geschrei gehört, Benno, das Gott nicht erfunden hat. Ich habe ein Weib, das er aber erfunden hat, brüllen und heulen und pfeifen hören. Ich habe hinter der Türe gestanden und geschlottert mitsamt dem Notwendigen. Ich habe das Licht in den Türritzen gesehn wie bei Weihnachten, wenns drinnen raschelt. Ich habe an der Füllung gekratzt wie ein Hund und dazu mit den Augen gewinselt. Ich habe den Doktor herauskommen und schwitzen und klappern sehn und ihn Worte sagen hören, bei denen es mich in den Ästen meines besondren Nervenbaums aufhenkte wie Absalom, -- Gebärmuttersenkung -- es drehte sich schon ehemals alles in mir um, wenn ichs hörte. Weißt Du was, Benno? Wenn die Menschen anfangen, von Sinnen zu geraten, so tun sie das Allergewöhnlichste, und zwar mit einer besondern Genugtuung, und der Doktor in diesem Fall putzte seine Brille wie den Abendstern. Ich habe Cornelia völlig rasend gesehn, dieweil sie kein Wort äußerte, ab und zu ging, das Nötige besorgte und zwischenhinein bei der halb schon Zerfetzten saß und ihre Hand hielt. Ich hörte mich selber klappern und den Arzt fragen, ob der Sturz geschadet habe, und hörte ihn schnauben und sagen, ob gestürzt oder nicht, und ob heute geboren oder morgen, das wäre alles Unsinn, und sie hätte niemals dazu kommen dürfen, und das Kind würde sich höchstwahrscheinlich erdrosseln. Ein Kind, o ihr Helden, noch im Leib seiner Mutter, und hat schon einen Strick zum Erdrosseln! Ich habe, Benno, auf der Erde gelegen, im Freien und an den Nägeln gekaut. In meinem Zimmer habe ich den Finger in mein brennendes Licht gehalten, um mir eine Abkühlung zu verschaffen, und die Wunde als höchste Wollust meines Lebens empfunden. Ich habe Tränen vergossen und diese rasende Halbtote geliebt wie keinen Menschen jemals, und ich habe sie um Vergebung meiner Sünden gebeten. Gott im Himmel, Benno, ich habe angeboten, alles noch einmal erdulden zu wollen, wenn bloß dies aufhörte.
Ich habe nämlich auch Bogner gesehn, ganz besonders! Der saß all die Stunden im Nebenzimmer und hörte es mit an. Ich kam herein, ich denke, da sitzt eine Leiche. Aber er sieht ganz aufmerksam auf das Tischtuch. Als ich näher zusah, merkte ich dann, daß ich, wenn ich ihn anrühren sollte, einen elektrischen Schlag empfangen würde, denn er saß auf einem Elektrisierstuhl, gerade so geladen, daß es eben noch zu ertragen war. Nein, er saß auf durchaus keinem Stuhl, sondern auf einem pfeilschnell rennenden Tier; saß in einem rasselnden Panzer von Schnelligkeit, saß gewissermaßen auf dem hurtigsten Tier, das da trägt zur Vollkommenheit, genannt Leiden.
Es war eben wieder still; ich setzte mich und fing an zu rauchen, die Lampe begann zu stinken und gab vor unsern Augen den Geist auf, Bogner erbarmte sich ihrer und blies sie aus. Bogner gönnte sich dieses alles.
Und all diese Stunden lang in Pausen dies rauchende Geschrei wie aus einer eisernen Röhre, diese minutenlangen Strudel von Wimmern und Flehen an alle Mütter und Maler und Götter um Erbarmen.
Aber sie ertragens. Vielleicht ist dies auch nicht besonders, vielleicht nur um kleine Grade schlimmer als üblich. Cornelia scheint es ja zu verstehn. Sie erheben sich sogar hinterher und fangen wieder an zu leben. Ich will mal nachsehen.
* * * * *
Fünf Uhr. Nun muß es bald kommen, sagt der Notwendige, der es vom Arzt erfuhr. Bald, das ist ein Ausdruck!
Bogner war nicht mehr im Zimmer. Ich suchte ihn, da sah ich im Dunkel seinen Schatten auf dem Deich und stieg zu ihm hinauf. Er hatte seinen Stuhl hinausgetragen und saß dort, die Hände auf den Knien, unter sich den Nebeldunst, der Nacht zugewandt, wo sie nur dunkel war, denn hinter seinem Rücken stand der Mond. Da habe ich ihn gefragt: »Nun, Bogner, proklamierst du heut auch noch deine Vollkommenheit der Welt?«
Er wendet den Kopf zu mir, sieht mich an. Plötzlich überläufts ihn. Er wartet, bis er wieder ruhig ist, und er sagt: »Ja.«
»Bist du wahnsinnig?« schrei ich ihn an. »Nachdem du dies gelitten hast? und sie?«
»Ja,« sagt er nach einer Weile. »Auch daß ich leide, ist -- gut.«
Da waren wir still. Später sagte er:
»Wenn ein Opfer gebracht wird -- hier; und dort ist einer -- der nimmt es an; dann ist alles erfüllt.«
Oh mir brannte das Herz! Bogner -- ich weiß, welche Furcht vor dem Tod er erlitt. Nun hat er eingesehn, daß nicht er gefordert wurde, sondern sie. Und nun stirbt er mit ihr. Denn so stirbt der Mensch im Opfer, das er bringt. Vielleicht wäre er lieber gestorben, als so überleben zu müssen. Aber es ist Sinn in dem allen. Freilich muß man ein Kentaur sein, um ihn erleben zu können und doch zu verstehn.
Ich weiß nun nichts mehr und schließe den Brief.
Georg
Tot.
Georg an Magda
auf Hallig Hooge, am 29. Dezember.
Meine liebe Magda!
Eine schmerzliche Nachricht: Bogner bittet mich, Dir mitzuteilen, daß Ulrika Tregiorni vorgestern morgen vor Tagesanbruch verschieden ist, nachdem sie vergeblich versuchte, einer Tochter das Leben zu geben.
Ein unglücklicher Fall am Abend zuvor beschleunigte die Geburt, die sie nach der Meinung des Arztes allerdings auch unter günstigeren Umständen nicht überstanden haben würde.
Bogner ist jetzt ruhig. Sollten wir jemals über diese Dinge miteinander sprechen, so würdest Du erfahren, daß meine alte Ehrfurcht vor ihm nun fast das Maß des Menschlichen überschritt.
Wir werden Ulrika am Abend hier begraben. Bogner fuhr heute früh mit meinem Adjutanten, Hauptmann d. J. Rieferling zur Stadt und kehrte gegen Mittag mit einem ungestrichenen weißen Sarge und einem kleinen weißen Marmorblock zurück, auf dem nichts eingegraben ist als ihr Name und -- darunter -- das Bild eines in seinen Fittichen aufrecht stehenden Schwanes. Wir Alle, die wir hier sind, haben ihr das Grab oben auf der Nordseite des Deiches geschaufelt, wo sie liegen wird mit den Füßen in der Richtung der See. --
Ich habe zu diesem einige Worte über mich beizufügen.
Aus einem Grunde, den Du verstehen wirst, wenn Du gelesen hast, war ich nicht fähig, die Tote zu sehn. Überdies hielt noch etwas mich ab, ihr Zimmer zu betreten. Bogner saß neben ihr und zeichnete sie. Da er keinerlei Mal- oder Zeichenwerkzeuge dahier hat, so riß er vom Deckel eines bräunlichen Pappkartons die Randstücke ab und fand ein kleines Stück Rötel. Durch die offene Tür zum Sterbezimmer sah ich ihn dann schräg auf Ulrikas Bett sitzen, auf den Knien den Pappdeckel, nach ihrem, mir unsichtbaren Gesicht blickend, und so sah ich ihn jedesmal, wenn ich das Haus betrat, vorgestern, gestern und noch in der letzten Nacht, doch hatte ich nie den Eindruck, als ob seine Hände beschäftigt seien.
(Sage, kommt Dir vielleicht auch, indem Du dies liesest, ein japanischer Wandschirm in Erinnerung? Der erschien jedenfalls mir und stellte alsbald die Verbindung mit jener Frau wieder her, Judith Österreicher jener, von der uns Bogner erzählte -- vor Jahren --, die er zum Leben erweckte, im Bilde, während sie daraus fortglitt. Was schien Bogner uns damals? Was scheint er mir wieder heut? Aber --
es kehret umsonst nicht Unser Bogner, von wo er kam.)
Heute vormittag endlich, als ich eben an meinem Schreibbüro mit den täglichen Unterzeichnungen beschäftigt war, der Hauptmann und der Ordonnanzoffizier mir dabei mit Zureichen und Abnehmen der Blätter zur Hand gingen, überhörte ich das Eintreten jemandes, bis ein leiser weiblicher Aufschrei mich veranlaßte, mich umzuwenden. Von den drei, durch die kleinen Fensterscharten einfallenden und sich kreuzenden Lichtkeilen geblendet, sah ich zuerst am Tisch in der Zimmermitte Cornelia lautlos hereingekommen und mit dem Zusammenstellen des Frühstücksgeschirrs beschäftigt, dann die Gesichter der Herren und das ihre absonderlich verzerrt im Blick nach der Tür, und dort sah ich nun Bogner, der seinen Pappdeckel in der Höhe seines Kopfes hielt und uns zeigte. Anfänglich schien mir nichts darauf wahrzunehmen, als wenige und verwirrte, rötliche Linien ohne Sinn und Zusammenhang. Aber jählings schossen sie zusammen, schlossen sich, wurden Züge, umrahmendes Haar, halb geschlossene Augen, und ich sah die Meduse.
Tot, tot, tot, nichts als tot. Alles gebrochen und entstellt. Die Lippen halb geöffnet wie die Augen mitten in der Not des Lebens und Sterbens stehen geblieben, oder gleichgültig stehen gelassen von ihm, der die Seele noch lebend heraus und in Fetzen riß. Es war zu sehn, daß er das tat. Hier war alles zerstört. Hier war nichts mehr; nur Tod.
Bogner selber, scheinbar erst aufmerksam durch unser Schaudern, blickte hin und entsetzte sich. Er legte es auf den Tisch und sah uns ratlos an. Und wir starrten darauf und sahen, daß da nichts war. Ein paar verwirrte rote Linien auf ödem Braun.
Ich sah Gestorbne schon früher. Damals war es anders als hier, weniger deutlich und minder wild, und es war doch das gleiche. Nichts. Ich habe mich überzeugen wollen und Ulrika selber gesehn. Es war nur grauenvoller das gleiche. Ihr Gesicht war gelb in dem roten Haar, die Lippen bläulich, halb nur zu wie die Augen, hinter deren Lidern etwas bläulich Weißes schimmerte. Es war entseelt.
Er hat mich nicht versteinert, der Anblick der Meduse, nein. Er löschte in mir nur das Licht. Es läßt sich sehr einfach ausdrücken. Ich hatte bisher nicht geglaubt, daß mein Vater gestorben sei. Ich nahm an, er lebte in einer andern, höheren Form, und nahm an, daß sie die selbe sei, in der er mir erschien. Nun weiß ich, daß die Toten keine andre Gestalt haben als die, in der sie uns erscheinen. Das ist die Form der toten Ulrika. Mein Vater ist tot. Was von ihm noch lebendig ist, ist in mir. Es sollte golden sein; aber es ist Gift. Denn es ist nichts als Schuld.
Dies versuche mir zu glauben, ohne daß ich es erkläre.
Ich bin ruhig, seit ich dies weiß. Ich habe die Hoffnung, daß in Bälde alles zu der nötigen Ordnung kommen wird, und Du wirst dann von mir hören.
Ich schließe. Bogner wird mich morgen verlassen, und Du wirst ihn wohl über kurz oder lang selber sehn, wie er den gefesselten Riesen losmacht und zur Arbeit geißelt. Ihm ist das Tor, durch das die Tote hinausging, was es dem wahrhaft Lebenden sein soll: ein Eingang.
Ich bleibe allein zurück mit dem Hauptmann, da ein Zufall will, daß auch Cornelia geht, wenn auch unbestimmt ist, wie lange sie ausbleiben wird. Sie empfing einen Brief von der Schwester eines Mannes, mit dem sie vor Jahren einmal verlobt gewesen ist, eines kränklichen, schwer hysterischen Menschen, von dem sie sich trennen mußte. Nun soll ihm eine schwierige Operation bevorstehn, vor der er sich fürchtet ohne sie. Sie reist nach Zürich, wird aber auf der Durchfahrt durch A. bei Dir vorsprechen.
Lebe wohl! In Liebe brüderlich Dein
Georg
Georg an Bogner
Hier, am letzten Tage des Jahres.
Du bist fort. Ich kann hier nichts mehr halten, und mit Dir verließ mich auch Dein Geist. Doch ich weiß nun, wer Du bist. Als Du diese Erde betratest, gaben die Götter Dir den Namen und sagten: Benvenuto! das ist: Sei uns willkommen!
Du bist aber Herakles.
Derselbe Halbgott kämpfte mit den gewaltigen Tieren der Fabel und bezwang sich in der Knechtschaft. Zuletzt legte er das brennende Kleid an, und es >ging in Lüfte der Geist ihm auf<; er betrat den Raum seiner Unsterblichkeit.
Der alle Schrecken des Lebens in sich selbst überwindende Mensch: das ist der Heros, der die Unsterblichkeit davonträgt.
Vielleicht nicht: Heroen zu werden, aber -- heroisch zu sein in allen wahrhaften Augenblicken des Lebens, das ist unsre Aufgabe. Es ist die Aufgabe, die ich sieben Mal verriet.
Mein Heros, lebe wohl!
Georg
Sechstes Kapitel: Januar
Cornelia an Georg
Zürich, am 11. Jan.
Mein Lieber, Du hast mir verboten, zu schreiben, aber ich muß Dir doch sagen, daß meine Rückkehr sich noch verzögert. Die Operation ist überstanden, aber es sind im Zustand des Kranken Verwickelungen eingetreten, die mich noch bei ihm festhalten. Ich bin furchtbar unglücklich darüber, nicht nur meine Liebe, auch Angst und Sorge ziehn mich ja unaufhörlich zu Dir, aber -- was bin ich Dir, und ihm hier bin ich das Einzige! Nimm dies und die innigsten, liebendsten Grüße Deiner
Cornelia
Georg an Magda
Auf meiner Insel, am 20. I.
Dieser Brief wird in meinem Schreibbüro gefunden werden, wenn das Wenige vorüber ist, das hier »alles« genannt wird.
Nun kann ich nicht mehr. Ich bin leer, es drückt meine Wände ein. Ich bin so furchtbar müde, daß es keinen Schlaf mehr für mich giebt als einen, nach dem ich mich sehne wie ein Kind. Mitunter fühle ich meinen Körper schlummern, aber die Seele löst es nur in einen rauchenden Wirbel auf. Dann ist immer der gleiche Traum, daß ich Sindbad bin. Die Beine jenes bösen Geistes, den er auf seiner Insel schleppen mußte, liegen um meinen Hals geschlungen, sie würgen mich, und ich lauere darauf, daß der Alte einschläft und ich mich losmachen kann, und er belauert mich. Wenn ich dann erwache, so weiß ich, daß er nicht schläft, ehe ich selber schlafe.
Laß mich schlafen, Magda, tue das Eine mir nicht an und halte mich nicht für feige! Vielleicht könnte ich leben in einer Einsamkeit, unbeachtet, mit diesem und jenem Menschen, verantwortlich allein mir selber. Es ist aber all die Zeit während der letzten Jahre mein mehr oder minder bewußtes Streben gewesen, den Punkt zu erreichen -- wo dann alles unter mir brach --, den Augenblick, wo ich an die Spitze eines Reiches trat. Dies habe ich gewollt und habe es erreicht, auf Kosten all dessen, was ich jetzt schleppe, und auf Kosten all Derer, die mit mir mein Leben ausmachten. Mein Recht auf sie verlor ich durch Schuld, aber es hieße sie selber ausblasen wie ein Licht, wollte ich heute verzichten und mich in mich selber zurückziehn. Entweder der Staat oder nichts. Zum Entweder jedoch gehört eine Verantwortung, die ich nicht auf mich nehmen kann. Tag für Tag wächst allein die alte Einsicht neu: Du kommst nicht hinein. Zu den handelnden Menschen, in ihre Gewohnheiten treten und selber doch frei sein vom Zwang des Gewohnten: dazu finde ich keine Möglichkeit, und ohne sie die Verantwortung einer solchen Stellung auf mich zu nehmen, das bringe ich nicht mehr fertig.
Um die Erde ist Nacht. Ich stand auf der Plattform im Frost und im Schwarzen, im uralten Donner der Freundin, der See, und ich sah im Nächtigen rote Punkte, die Lichter fahrender Schiffe, sah sie aufglühn und wieder erlöschen. Eine Flamme, die mir frei und golden schien, hat sich zum letzten glimmenden Punkt zusammengezogen. Möchte der Flügelschlag, der sie verlöscht, der des Gedankens sein, daß Du die geschwundene nur aus den Augen verlierst und nicht aus dem Herzen!
Noch ist eine Spur von Kraft in mir. Sie mag Tage reichen oder Wochen, ich verspreche Dir, daß kein Ende sein wird, ehe ich nicht den letzten Rest von mir verbraucht habe.
Dann glaube mir, daß ich erleichtert wurde, und traure mir nicht nach!
Lebe wohl!
Georg
Georg an Benno
Auf meiner Insel, am 24. I.
Mein Freund:
Du wirst wissen, daß ich hier aus Staatsraison einen Begleiter habe, einen Infanteriehauptmann namens Rieferling, Johannes. Nachdem ich mehrere Wochen in wenn auch nicht eben nahem Umgang mit ihm gestanden hatte, ohne mich um sein Inneres zu bekümmern, machte ich mir Gewissensbisse und begann, ihn Einiges nach seinem Leben zu fragen, infolge seines ernsten Wesens in der fast sicheren Vermutung, auf etwas zu stoßen, das ihm die Einsamkeit hier aus ähnlichen Gründen wie mir nicht beklagenswert erscheinen läßt. Aber nichts dergleichen. Er hatte kaum etwas zu berichten. Seine Eltern haben ein kleines Gut in den Ostseeprovinzen, haben viele Kinder, in deren Reihe er irgendwo in der Mitte steht, alles ist gesund, er hat stets nur zum Soldatenstand Lust gehabt, mußte freilich ein bescheidenes Leben führen, hat aber außer seinem Beruf nie Bedürfnisse gehabt, verließ die Kriegsakademie mit den höchsten Auszeichnungen, hat nach wie vor keine Wünsche, als einmal nach Italien zu reisen, und bedauert nur, daß der nächste Krieg eher da sein wird als für ihn das Bataillon, aber ich hoffe, für diesen absurden Fall, wenn er eintreten sollte, noch Vorsorge treffen zu können. Hier arbeitet er den ganzen Tag, kümmert sich den Teufel um die See und liest jeden Abend ein Kapitel im Neuen Testament.
Möchte man auch so sein, Benno? Wie geht so ein Leben weiter? Entweder in den vorgeschriebenen Bahnen, und er endet einmal als Generalinspekteur eines Armeekorps, die Brust voller Orden, oder der nächste Krieg kommt wirklich, und ist er noch nicht im Generalstab gelandet, so führt er seine Kompagnie zu einem glänzenden Sturmangriff, erhält das Eiserne Kreuz, und ein paar Tage oder ein paar Wochen später legt ihn eine sanfte Kugel von Gottweißwo her schmerzlos und ruhig auf den Rasen. Der Leutnant sagt: Die Kompagnie hört auf mein Kommando! und an der Stelle, die er ausfüllte, steht ein Andrer, der sie gerad so ausfüllt.
Indem ich noch dies bedachte, erinnerte ich mich Deiner und merkte dabei, daß meine Gewissensbisse in Wahrheit mit der Erscheinung des Hauptmanns nur eine Verbindung zweiten Grades gehabt hatten, und eigentlich meinte ich Dich.
Solange wir zusammen unseres Weges gingen, warst Du der Sorgenvollere, aber wie war damals zwischen uns alles einfach! Wir waren Freunde, und was das Herz beschweren mochte, sagte sich leicht. Nicht verfiel der Eine in Schweigen, so daß der Andre erst viel sich bekümmern mußte und endlich fragen. Wie es mit Dir jetzt steht, ahne ich nicht, aber ich glaube, daß nicht nur meine Bürde mit der Zeit zugenommen hat, und nun sind wir jeder allein. Freilich, die meine ist von der Art, die schweigsam und einsam macht. Aber die Deine, Benno, wie ists mit der Deinen?
Lieber Freund, dies ist eine Frage, die leider nicht mehr auf Antwort warten kann, wie Du sehn wirst, wenn Du sie vor Augen hast, so eine besondre Art von rhetorischer Frage, siehst Du. Nun ists zu spät; zu spät auch, festzustellen, was mich eben bewegt, nämlich, ob wir schon damals, vor die Entscheidung gestellt, unsre Neigung für ein ungemeines Leben durch den Entschluß bekräftigt hätten, den Weg, den es uns führen würde, bis zum bittersten Ende zu gehn. Ich kann nur hoffen, daß ich mich entschlossen hätte. Es ist, wie gesagt, zu spät, und für mich ists schon viel, daß ich aus dem Brande, in dem ich nun seit ungezählten Tagen herumjage, auf der Suche nach einem Ausgang außer dem, der mir sichtbar ist, daß ich noch einmal mit der Hand herauswinken kann. In der Ahnung, es müsse auch ein Wimpel noch irgendwo liegen, mit dem zu winken wäre, fand ich ein Gedicht unter meinen alten, das ich einmal im Gedanken an Dich schrieb und Dir damals nicht in alltäglicher Stunde geben wollte. Die heutige dürfte ungemein genug dazu sein.
Abschied nehmen bei einem Fortgang wie dem mir nahe bevorstehenden, scheint mir wenig passend; ein Wort aber dürfte schicklich sein, und ich bin in Höflichkeit geboren und erzogen, so daß es mir kaum weniger passend erschiene, wortlos zu gehn.
Darum wünsche ich Dir eins: Wenn Du einmal in Not sein solltest, in einer äußersten Not, ein gefangenes Tier, das in Herzensqual nichts mehr weiß als zu laufen, zu rennen, auf und ab, oder im Kreis, winselnden Herzens mit rasenden Füßen um den verglimmenden Rest Deiner Welt, Tage und Nächte: dann wünsche ich Dir die eine Stunde Schlaf, nach der ich durste, und die, wie es scheint, nicht für mich bestimmt ist. Dann trinke Dich satt an ihr und gedenke Deines Freundes
Georg
Das Schweigen
Gingst du je beladen, ein Mensch, und suchtest Eines Bruders, einer Schwester Schoß, Auszuruhen, das stet und steil Aufwärtsragte, das überbürdete Haupt?
Und vom Schweigen, im Lärm deine einzige Wehr, Ach, vom Schweigen, der Lippen brennendem Siegel, Einmal zu erlösen sehnsüchtiger Lippen Dürre An kühlen Quellen, an geliebtem Mund?
Suchtest du lang, und sank nicht der Tag, ach sanken Viele nicht? Doch als eines Abends dein Blut Müde verging in die ruhige Röte und Nacht, Fandest auch du; und immer gefaltete Hände Lösten sich still, geliebter Geschwister gewiß.
Zuckte die Lippe auch schon? und ging euer Atem Schwer von Verlangen inbrünstigen Worten vorauf? Aber ihr schwiegt. Durch Stummheit, die sternhelle, gingen Aller Fülle beglänzte Ströme Lautlos, selig, zwischen euch hin und her.
Hallig Hooge
Es war ganz dunkel.
Georg saß, die Hände auf den Knäufen der Stuhllehnen, ein wenig vorgebeugt, als ob er lausche. Der Armsessel stand an der Wand. Nichts bewegte sich. Es war still.
Als Georg merkte, daß er horchte, wußte er, daß unendliche Zeit vergangen war, während er so gesessen hatte. Während dieser Zeit mußte der Rest abgelaufen sein. Nun war nichts mehr.
Vor seinen Augen war das Zimmer dämmrig, obgleich die tiefe Nachtschwärze in den Rechtecken der Fenster stand. Das Schreibbüro war deutlich erkennbar, die weiße Kuppel der Lampe, die Umrisse des runden Tisches in der Mitte des Raums, die Lehnen der Stühle, schattenhaft alles.
Und was war dies mit der See? Still, kein Laut. Georg erinnerte sich, daß es mitten im Winter war. Vielleicht war die See zugefroren.
Er fuhr sich unbewußt mit der Hand über die Stirn.
Ja, sagte er halblaut. Ja, dann ist es wohl so weit ...