Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 28

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»Und dieses wurde das Gute genannt, und alles andre das Böse.«

»Bogner,« mußte ich plötzlich sagen, »noch eins! Du hast einmal ein schrecklichen Wort zu mir gesagt; eben fällt es mir ein, du sagtest: Die Menschen sind alle gut; es will sich nur niemand hindern lassen. Ich habe es wohl nie verstanden, aber jetzt sehe ich, daß ich immer daran geglaubt habe. Was heißt es denn aber? Sie wollen also das Gute -- aber sie wollen sich nicht hindern lassen. Ja, was heißt das?«

»Habe ich das gesagt?« fragte Bogner nach einer Weile. »Dann wird es dieses heißen:

»Du sagst: das Gute. Giebt es ein >das Gute<? Es hat ein jeder sein Gutes, nämlich was er für gut hält, ohne daß irgendeine Beeinträchtigung seines Wesens damit verbunden wäre. So ist auch das, was uns ein Immergutes ist -- Eltern, Geliebte, und was du noch willst --, nicht gut mehr, wenn es uns hindert. Wir können nur um unsrer selbst willen sein. Ob wir lieben oder hassen, töten oder uns opfern, verzichten oder erobern, bitten oder befehlen: all dies geschieht um unsertwillen von uns, weil wir so sind und so müssen. Was wir Altruismus nennen, kann nur eine Komponente des Egoismus sein, ob er bis zum Opfer, zur Selbstvernichtung geht oder nicht. Wir können ewig nur auf egoistische Weise altruistisch handeln. Und es wäre die vollkommene Art, den Egoismus zu befriedigen, indem wir ihn in altruistischem Wesen darstellen. Der Mensch kann nur sich selber gut sein; aber er kann sich in der Vollkommenheit gut sein, indem er es gegen Andre ist.

»So gut sein, daß nichts mehr mich behindern kann -- das wäre zu wünschen. Es wird nicht gehn. Der Tätige kann nicht nützen, ohne zu schaden. Malen ist gut; aber wenn dein Vater nicht will, daß du malst? Wenn er aus reinem Altruismus überzeugt ist, es sei besser für mich, wenn ich nicht male?

»Darum sagte ich, sie sind Alle gut, denn das heißt: sie wollen Alle nicht das Schlechte; sie wollen sich nur nicht hindern lassen an ihrem Guten.« Er lächelte plötzlich.

»Etwas fällt mir ein«, sagte er dann ernst. »Vielleicht wirst auch du erst lächeln, wenn ich es dir sage, und doch scheint mir, sind wir damit am Ersten und Letzten angelangt. Nämlich: das Neugeborene schreit; ununterbrochen, aus vielleicht gar keinem Grunde, als weil es weiß, daß es schreien kann, schreit es die ganze Nacht. Das vernünftige Elternpaar möchte freilich schlafen, allein was hilfts? Es will sich nicht hindern lassen an seinem Guten, dem Schlaf, aber da es vernünftig ist, einerseits, und eine Liebe hat für das Neugeborene, andrerseits, und vielleicht weiß, daß auch das Schreiende nichts will als sich nicht hindern lassen am Schreien, was tut es? Es läßt sich doch hindern an seinem Guten und steht auf und beruhigt das Kind. -- Und dies ist der Anfang.«

Zu alledem -- nachdem ich es gehört und geschrieben habe -- kann ich nur Eines sagen: so wenig mir irgend etwas wirklich bewiesen scheint von alldem, so sehr muß ich daran glauben. Es hat mich beruhigt auf die absonderlichste Weise. Es ist, als fände ich die Welt jetzt in Ordnung wie Bogner. Ich weiß nicht; es ist mir so, es ist so. Es ist kühl und natürlich, es ist gut. Ich weiß, was zu wissen ist; innerhalb ist alles Geheimnis geblieben, und auch die Grenze rundum blieb Geheimnis wie die Linie des Himmels auf der Erde. Doch die Linie beruhigt. Es macht sicher.

* * * * *

Wir waren allein, es war spät in der Nacht, die Stehlampe brannte auf dem Tisch. Er rückte daran, stand dann auf, stand nun mitten im Zimmer, etwas schief, die Hände auf dem Rücken, ging dann ans Fenster und stellte sich davor. Von dorther begann er von seiner Mutter zu erzählen.

Er berichtete erst einiges von seinem Vater, den er als einen Mann schilderte, schlecht und recht, ohne Eigenart, ohne besondere Gaben, ein wenig kleinlich, geneigt, zu >nörgeln< oder >mäkeln<, aber mit Maßen und jedenfalls ohne Heftigkeit. Von seiner Mutter sprach er nicht; nicht von ihrem Wesen. Dann sagte er:

»Als meine Mutter fünf oder sechs Jahre verheiratet war, lernte sie einen andern Mann kennen und lieben. Sie sagte es mir selber, es war damals, als ich heimging, vor drei Jahren. Ja, da kam sie in der ersten Nacht, um es zu sagen. Seinen Namen hat sie mir nicht genannt, ich weiß nichts von ihm, als daß er Schriftsteller war oder Dichter, und das ergab für mich freilich ein seltsames Gefühl von Verwandtschaft. Es giebt wohl mehr Kinder, deren Vater nicht der Mann, sondern ein Wunsch ihrer Mutter war. Mein älterer Bruder und ich selbst waren damals schon am Leben. Meine Mutter hatte meinen Vater geheiratet, weil ihre Eltern ohne Vermögen waren, weil sie viel Geschwister hatte, und weil mein Vater durch mehrere Jahre nicht abließ, sie zu nötigen.

»Nun wollte sie sich scheiden lassen. Aber er gab die Kinder nicht her und wollte es überhaupt zu keiner Einigung über sie kommen lassen. Über ein Jahr lang gab es einen furchtbar häßlichen Kampf. Dann erlahmte meine Mutter und wurde, was sie während dieses Jahres nicht gewesen war, wieder die Frau meines Vaters.

»Aber dies ist es ja nicht. Nun stelle dir vor, Georg: eine alte Frau von beinah sechzig Jahren kommt zu ihrem lange verschollenen Sohn, der heimkam. Sie war auch einmal gegen ihn gewesen. Aber nun, wo er kam und sie ihn so gealtert sah, da weiß sie auf einmal, daß er vieles gelitten hat, und da steht ihr eigenes Leiden auf, das sie immer verschwieg, und da muß sie kommen und es sagen und weiß, daß ihr Sohn sie versteht. -- Und nun sitzt er vielleicht da und denkt an fünfzehn riesige Jahre, und daß es nun ist, als wären sie nur gewesen, damit sie nach ihnen zu ihm kommen könnte, und daß sie und er sich verstehen. -- --

»Und also fängt sie an, eine alte Frau, die das Ihre berichtet in ihrer Sprache; die nicht erzählt, sondern der in wirrem Durcheinander hundert Züge der Erinnerung einfallen; die es nicht darstellt, wie in einer künstlichen Novelle etwas dargestellt wird, sondern die darüber spricht, sich beschuldigend, den Mann entschuldigend, den Dritten entschuldigend, sich wieder ent- und die Andern beschuldigend, und das wieder zurücknehmend oder aufhebend; immer nach Gründen suchend und doch ganz ratlos. Sie hatte es gut ertragen, und doch ballte es sich einmal zusammen und verlangte, gesagt zu werden, und da sagte sie es mir, ihrem Sohn. Es war doch das Heilige gewesen. Es war das Jahr gewesen, wo sie über sich stand, wo sie mehr wollte als sich, wo sie sogar ihre Kinder nur als einen Teil ihrer selbst empfand und sich davon trennen zu können glaubte. Und sie hatte Moral, sie sagte: die Strafe blieb ja auch nicht aus ... indem sie meinte, daß ihre Tochter klein starb, und daß ich zehn Jahre später verloren ging.

»Siehst du, Georg: man wird doch unruhig, wenn man dergleichen hört, wie ich damals. Man versuchts doch wieder mit dem Rütteln und sagt: Wenn ... und: Vielleicht ... Wenn nun ich, als meine Mutter dies erlebte, etwas älter gewesen wäre und es erfahren hätte? Ich würde mit ihr im Vater den Feind gesehen haben und sie vielleicht bewogen, von ihm zu gehen. Der Unbekannte und sie und ich, wir wären dann vielleicht glücklicher geworden, ich hätte einen Vater gehabt, sie einen Sohn und -- so etwas denkt man denn.

»Ich hätte es auch zu einer Zeit hören können, wo ich meinen Vater für einen Verbrecher und ein Tier gehalten hätte. Ihn, der doch Gewalt brauchte, wo kein wahres Recht mehr für ihn war; ihn, der eine Frau in sein Bett zurückzwingen konnte, die ihn nicht liebte, die ihn haßte; und dies aus nichts als aus Lust, aus Bedürfen. Ihn, der endlich so klein war, daß er auch in diesem nicht etwas Großes sehen konnte, um sich dadurch ändern, sich nur auf sich besinnen zu lassen. Hätte er sie noch gehaßt, sie gepeinigt, sie erniedrigt, so wäre es doch Leben gewesen. Aber er blieb, was er war, kleinlich, mäkelig, alltäglich. Er war nicht schlecht; er hatte nur sein Wissen und seinen Besitz, seinen Trauschein und seine Triebe, und wollte sich nicht hindern lassen an alldem.«

Bogner sprach längst nicht mehr so gelassen wie im Anfang. Er hatte sich mir wieder zugewandt, sein zerfallnes Gesicht war gerötet, er versuchte immer wieder sich aufzurichten, und nun stieß er die gespreizten Hände hinter sich und sagte mit unterdrückter Stimme der Heftigkeit:

»Da quälen sie sich und quälen sich und verspritzen ihr Blut in den Unsinn, tun immer das Falsche, klagen immer den Andern an und weinen und sterben und haben selber die Schuld. Ich habe jahrelang gehungert, und das war es nicht! Ich habe jahrelang im Elend und im Finstern gelegen und geschrieen nach einem Einzigen, der bei mir wäre, und das war es nicht! Ich bin verzweifelt und hab sterben wollen, ich hab mich geschändet und gedemütigt und zerknirscht, und all das war es nicht! Alles das ist vergangen, ist vergessen, und geblieben ist immer nur Eins, das Eine, das ich nicht kenne, das hier in mir sitzt und sich abarbeitet, das Unbekannte, das Unmenschliche, nicht Ehrgeiz, nicht Ruhm, kein Wollen, keine Lust, keine Freude, keine Qual, nur dies -- Rütteln, dies Rütteln in mir, das will, daß ich male.«

Er hatte gesprochen wie in einem magischen Zustand. Der fiel nun plötzlich ab, ich sah ein furchtbares Schaudern über sein Gesicht und seinen Körper gehen, er ging auf den nächsten Stuhl zu und setzte sich darauf wie ein Knecht.

Nach einer Weile sagte er erschöpft:

»Ich rede von mir selber. Es war nicht meine Absicht.«

Plötzlich packte er die Kante des Tisches mit beiden Händen, als wollte er ihn wegstoßen; sein Gesicht veränderte sich in einer schrecklichen und unmenschlichen Weise, ich glaubte, er würde schreien, aber er sagte all das, was nun kam, nicht laut, nur mit einer ungeheuren Gedrungenheit in der Stimme:

»Und wenn ich jetzt sterbe, und wenn ich jetzt glauben muß, daß es alles nicht wahr gewesen ist, der Schmerz nicht wahr und die Not und das Heilige, alles nicht wahr, weil ich zugrunde gehe und mich Lügen strafe, -- ja, wenn es nicht wahr gewesen sein soll an mir, so will ich doch bis zum letzten Atemzug glauben, daß es Wahrheit ist in der Welt, und daß diese Not und dies Glück, dieser Druck und dies Heil das einzige ist, was Leben hat in der Welt! Es braucht keine Götter zu geben, es soll keine Götter geben, aber --

»Aber der Mensch auf seiner Erde, mit strotzenden Armen umspannt er den Baum und preßt einen Gott heraus, der seufzend sich aus den Blättern neigt, und Vaterlächeln aus rauschenden Zweigen. Er sät die funkelnde Drachensaat der Sterne in seiner Winternacht, und es steigen und beugen sich Gestalten heraus, blühende, Tiere und Menschen, der selige Delphin, die Jungfrau und der Jäger. Er zeugt dennoch, der Mensch, was größer ist als er: den Sohn. Er stellt den Sohn vor sich hin und spricht: du sollst mein Feind sein und über meine Leiche höher steigen, ich soll dein Knecht sein, dein Widersacher, dein Stachel, deine grenzenlosen Mächte zu entfesseln, und auf meinen Schultern stehend, sollst du in den Himmel reichen. Ich soll dich in Bande schlagen, und du sollst an ihnen deine Zähne wetzen. Ich soll dich verfluchen, ich soll dich durchsäuern mit meinem Fluch, daß dein Dasein genießbar werde für Geschlecht und Geschlechter. Ich bin dein Engel, Jakob, ich schlage dich auf die Hüfte, aber du wirst mir die Krone des Lebens aus den Händen reißen. Und wenn im Morgengraun nach der langen Kampfnacht über dir die Drossel singt, so soll dein ganzes Haupt wie eine kalte reife Traube am Berg liegen, berstend von Süße, ein Wunder der Erde an Erfüllung.«

Georg an Benno

auf Hallig Hooge, im Dezember.

Ich empfinde die besondre Pflicht und den Auftrag, Dir mitzuteilen, daß Deine Freundin Ulrika Tregiorni im Begriff ist zu sterben. Im Bewußtsein Deiner besondren Verehrung für ihr reines und zartes Wesen, will ich nicht unterlassen, die einzelnen, ihr plötzliches Ende herbeiführenden Umstände vor Deiner Teilnahme auszubreiten. Sollte das Ende, das wir zur Stunde nahe befürchten müssen, wider Erwarten nicht eintreten, so werde ich es Dir am Ausgange dieses Briefes mitteilen.

Nachdem bis vor wenigen Tagen ein unveränderlicher Nordwestorkan über unsre Insel getobt hatte, sprang der Wind in einer Nacht plötzlich um, wehte einen Tag lang warm und nässend vom Lande herüber, legte sich dann oder verschwand, und über die beruhigte See zog sich ein dichter Nebel, der die Aussicht verbarg. Ich erinnere mich, daß infolgedessen ehegestern oder schon vorehegestern (wer hält all die Tage auseinander?) zwischen Bogner, Ulrika und Cornelia beratschlagt wurde, ob sie, Ulrika, nicht die Tage der Meeresstille benutzen solle, um jetzt schon zum Lande hinüberzufahren, wenn auch ihre Entbindung erst in ungefähr einem Monat bevorstehe; weshalb es dann unterblieb, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wer sich einmal an eine Abgeschiedenheit wie die unsre gewöhnt hat, der mag eben gar nicht wieder weg. Zwar ich, der ich, wie bekannt, oben auf dem Deich wohne, im Fenster also das Wasser habe und von der Plattform meines Turmes aus die ganze See, ich behielt noch ein gewisses besondres Gefühl von Welt, obschon von Wasserwelt nur. Die Andern jedoch in der haushohen Umwallung des Deiches, die sie selten ersteigen, leben in einer warmen Enge, zu der kein Zugang ist, die keinen Bezug mehr zu irgend etwas hat, die völlig für sich allein da ist, durch Tage und Nächte überwölbt von dem Donner der See. Der aber war nun verstummt; plötzlich war in den Häusern der klagende Schrei des Tütvogels hörbar, langsam dehnte und entfaltete sich die Stille mit dem Nebel und ward ungeheuer.

Damit Dir das Folgende verständlich sei, bin ich genötigt, einiges von einer Unterhaltung zu schreiben, die vor etlichen Tagen zwischen Bogner und mir stattfand, und der auch die Frauen -- nebst dem notwendigen Hauptmann -- beiwohnten, diese drei schweigend nach ihrer Gewohnheit. Die Rede war nämlich angelangt bei den Bewohnern dieser Küstengegend, ihren Sitten und Eigentümlichkeiten, und hielt alsbald bei der besondren Erscheinung des zweiten Gesichts, die ich Dir erklären oder, falls Du Dich an frühere Auslassungen meinerseits erinnern solltest, ins Gedächtnis zurückrufen werde. Die Erscheinung ist, wie Du weißt, nicht nur hier auf den Inseln und Halligen nordwärts, sondern auch auf dem Festlande verbreitet, in ähnlichen Formen zudem in Westfalen und Schottland. Ihr Ursprung ist vermutlich die ungeheure Einsamkeit einerseits, welche die in ihr Hausenden zwang, übersinnliche Fäden der Wahrnehmung zu weit fernen Personen hinüberzuspinnen, andrerseits der vielfältige Zusammenhang mit abwesend verstorbenen Menschen, das heißt den auf See umgekommenen Söhnen, Vätern und Gatten. Stelle Dir die Inseln vor, die winzigen Halligen, überhängt von der stürzenden See, das Leben dort, im Winter zumal, in den Nächten ohne Ende, die Einsamkeit dieser Gehöfte und Werften, abgeschnitten durch Wochen und Wochen von jeder Verbindung, dazu die jahrtausendlangen Kämpfe mit den drei ewigen Gewalten, See, Wind und Sand, die ohne Unterlaß fraßen, Land fraßen und Menschen. Da begannen die monatelang Nachricht voneinander Entbehrenden den furchtbaren Raum der Einsamkeit zwischen sich zu durchstoßen mit ihrer Seele, die jenseits hervortrat und sich zeigte. Wann gelang ihnen das? In den besonderen Augenblicken des Lebens, im einzig besondern, in dem des Todes. Begräbnisse wurden sichtbar, Sarg und die Lichter, Gesang erscholl, das Trauergefolge zeigte sich deutlich. Und es kamen die Toten aus der Nacht- und Wasserferne und zeigten sich, so daß man wußte: sie waren tot. Diese wurden >Gänger< genannt, die Gehenden, Wiedergehenden, Wiederkommenden unter den Toten. Ich erzählte Bogner den folgenden Vorgang, den mir ein Pfarrer als eigenes Erlebnis berichtet hat, ein Mensch übrigens, trocken und klar, ohne unsre Nervenphantasie, wie all diese Menschen hierzuland.

Zu Besuch bei einem erkrankten Freunde und Amtsbruder auf einer der nördlichen Inseln -- große Schafherden weiden dort fast wild; ich vergaß nun den Namen --, folgte er an seiner Statt der Bitte eines Mädchens zu ihrer im Sterben liegenden Mutter. Die Strecke zu ihr, stundenweite Wege im Dünensand, wurde im Wagen zurückgelegt, sie kamen mit Einbruch der Dunkelheit an, das Haus lag hinter den Haidhügeln der Wattseite, Wiesen, bevölkert mit Schafen, erstreckten sich von ihm aus zu den Hügeln und Gletschern der Sanddünen. Du kennst die langgestreckte Form der niedrigen Häuser. -- In ihrem Bettschrein lag die sterbende Frau ohne Besinnung. Der Pfarrer setzte sich zu ihr, ein mögliches Wachwerden erwartend; die Tochter kniete am Bett, in dessen Nähe ein Licht brannte. Da sieht der Pfarrer eine dunkle, menschliche Gestalt draußen an den Fenstern vorübergehn, in der Richtung der Haustür. Aus diesem oder jenem Grunde erhebt er sich und geht aus dem Zimmer auf den schmalen Hausflur zwischen Vorder- und Hintertür. Die obere Hälfte der vordern steht offen, von draußen herein lehnt ein Mensch, still, bleich, die Haare hängen ihm unordentlich in die Stirn. -- Wünschen Sie etwas? fragt der Pfarrer. Kommen Sie doch herein! -- Er öffnet die Tür, tritt zurück und wiederholt seine Aufforderung; wiederholt sie ein zweites Mal, schon in der Zimmertür. Jetzt kommt der Mensch ihm nach, betritt das Zimmer, sieht die Frau im Bett und setzt sich auf einen Stuhl, immer die Augen auf das Bett gerichtet. Da schlägt die Frau die Augen auf und sieht ihn. Die Tochter folgt ihrem Blick, sieht den Fremden, springt auf, stößt einen Schrei aus und sagt: Jan! -- Der Mensch erhebt sich nach einer Weile wieder und geht hinaus, wie er kam. -- Die Frau starb bald; die Erscheinung war die ihres Sohnes, der in jener Nacht ertrank.

Diese Erzählung erregte den Maler auf so besondre Weise, daß ich ihm gleich noch eine vortragen mußte, und zwar die von den Doggerbankfischern.

Die Doggerbänke sind Dir bekannt. Die dort mit Netzen Fischenden kehren wochenlang oft nicht zurück, leben wochenlang schweigsam, nur mit ihrer schweren Arbeit beschäftigt mitten in der riesigen See, im Regen, im Nebel; auch ihre Boote trennen sich weit voneinander; jede Mannschaft arbeitet in völliger Abgeschiedenheit, im Unsichtbaren.

An einem Nebelabend gewahrte die Besatzung eines fischenden Kutters plötzlich in fast schon gefährlicher Nähe ein andres Boot, das auf das ihre zukam ohne Laut. Sie schrieen Warnungen hinüber, sie lärmten und fluchten, allein das stumme Boot kam näher und näher, fuhr endlich so, daß Bordwand an Bordwand streifte, an dem Kutter vorüber. Drin saß die Mannschaft an ihren Plätzen, ohne Bewegung, ohne Laut. Nur der am Steuer sagte, als sie fast schon vorüber waren: »Wir dürfen keinen Lärm machen.« Der Ton lag unmerklich auf dem Wir. -- Der Kutter schwand im Nebel. Später ward offenbar, daß jenes Boot an jenem Abend an einer meilenweit entfernten Stelle untergegangen sei.

Als ich aber dies Geschehnis berichtet hatte, erhob sich Ulrika ohne ein Wort und ging hinaus.

Wir Andern, Bogner, Cornelia und der Notwendige, schwiegen ziemlich lange. Bogner zeigte sich dann besonders verwundert und ergriffen von dieser Art und Weise und der Haltung der Toten. Daß sie kamen, nicht anders als im Leben erscheinend, jedoch auf eine unbeschreibliche Weise feierlich und verschönt. Der Sohn der Sterbenden schwieg und sah nur die Mutter an; die Schwester schrie; er schwieg und ging wieder. Er hatte sich nur zeigen wollen. -- In dem Boot die Lebenden lärmten, die Toten verhielten sich still, nur einer mahnte ruhig: Wir -- dürfen keinen Lärm machen. -- Noch so viel Güte, daß er wegen der bewußtlosen Lebenden das Schweigen brach!

Und noch dies Seltsame: die Doppelheit der Menschen! Ihr eines Halb sah die Erscheinung, hatte Verbindung mit dem Jenseits, und zwar vermittels derselben Sinne, mit denen ihr andres Halb die Erscheinung nicht begriff und sie für natürlich und ihresgleichen hielt.

Nun, so kamen wir wieder ins Gespräch, und es war begreiflich, daß ich nun auf das in unsrer besondren Nähe befindliche Gespenst zu sprechen kam, das diese Insel für Jahrzehnte unbewohnt gemacht haben soll, nämlich den sogenannten Dränger, eine Erscheinung, die übrigens auch in andern Gegenden bekannt ist. Hier ists der weiland Deichhauptmann Waldemar Montanus, der bei Ebbezeit einsamen Gehern außerhalb des Deiches im dichten Nebel erschienen sein soll mit der ausgesprochenen Absicht, dieselben in die See zu drängen. Sie verloren nämlich die Besinnung vor Angst, den Deich aus den Augen, er drängte und drängte von hinten, von der Seite, von überallher, kurzum: er drängte sie in die See. Wenn dazu berichtet wird, daß der Deichring um Hallig Hooge, der an der Wattseite ein breites Loch hat, in solchen Nächten geschlossen sein soll, so liegen dem wohl die Erfahrungen zugrunde, daß Angst erstlich die Sinne blendet, so daß der Verfolgte das Deichloch übersah, und zweitens die Zeit und den Weg unmäßig in die Länge zu dehnen pflegt, also daß der Verfolgte meinte, die Lücke im Deich, die er nach wenig Schritten vielleicht erreicht hätte, sei schon vorüber, worauf er womöglich umdrehte und nun niemals mehr hingelangte, -- allein wer weiß das eigentlich? Der Betreffende konnte es kaum weiter sagen.

Heut abend nun -- oder gestern, wie Du willst, es geht nun auf morgen -- wollte Bogner, indem wir wieder beisammen saßen, auch wieder von diesen Gespenstergeschichten anfangen, aber Ulrika stand gleich mit einer besondern Schroffheit auf und bat zu schweigen. Sie setzte sich nicht wieder, blieb eine Weile stehen und ging dann hinaus.

Wir sprachen trotzdem nun nicht weiter. Ich dachte, was wohl auch die Übrigen dachten, daß jemand ihr folgen solle, aber sie liebte es, allein zu gehn, und ich hatte beim Herkommen aus meinem Turm den halben Mond über dem dünnen Nebel stehen sehn. So saßen wir längere Zeit schweigsam im größeren Schweigen der Stunde. Das Zimmer war voller Schatten rundum, die Petroleumlampe brannte auf dem Tisch, seitwärts dazu saß der Maler, ich im Sofa dahinter und rauchte, irgendwo waren die Augen Cornelias, dunkel und glänzend, und irgendwo das rechteckige Gesicht des Notwendigen. Dann stand Cornelia auf und sagte mir, durchs Zimmer und hinausgehend, mit den Augen, daß sie Ulrika folge.

Nein, kein Unheil hing in der Luft; es war durchaus besonders friedlich. Auch der Hauptmann, der sich einige Minuten nach Cornelias Fortgang erhob und ihr nachging, sagte später, daß er zwar einen gewissen, besondern Zwang empfunden habe, jedoch ohne jede Besorgnis.

Aber Minuten später erschreckten uns eilige Schritte im Flur, Cornelia riß die Tür auf und schrie mir zu, ich solle sofort kommen, der Hauptmann könne sie nicht allein tragen ... Bogner nämlich galt ihr noch für zu schwach, obwohl er inzwischen schon beinah grade geworden ist. Er war denn auch zugleich mit mir in der Tür, Cornelia berichtete fliegend, sie habe Ulrika nirgends gefunden, dann einen dünnen Schrei gehört, sei zur Deichlücke gelaufen, habe wieder den Schrei gehört und nach einigem Suchen, wenige Schritt weit am Fuß des Deiches Ulrika gefunden, zusammengekrümmt, sich windend und stöhnend in Krämpfen. Die Zuckungen der Wehen verhinderten den notwendigen Hauptmann, den die um Hülfe zurückrennende Cornelia traf, sie zu tragen.

Der Mond, wie gesagt, schien. Die dunkle Mulde war, fast frei von Nebel, in schönes Silber getaucht, in dem wir schon von weitem die schwarze Gestalt des Notwendigen gewahrten, der uns entgegenkam, die ruhiger Gewordene auf dem Arm. Ihr erstes Wort an Bogner war: Benvenuto, das Kind, das entsetzliche Kind! -- Später hat er noch erfahren, daß sie im Nebeldunst draußen am Deich einen Schein und in dem Schein -- ich weiß nicht, ob ein Kind mit einem übergroßen oder ohne einen Kopf gesehen haben will, worauf sie vor Furcht und Grauen auf den Deich zugelaufen und beim Versuch, hinaufzuklettern, abgestürzt ist.

Wolle aber bedenken, Benno, was ich schrieb: Sie war nicht mehr im Zimmer, als ich vom Dränger erzählte. Wie sollen wir das nun verstehn?