Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 27
»Er mußte nur immer malen, und um ja nicht nachdenken zu müssen über einen Gegenstand -- denn was ihn anging, war immer nur das Eine: das Leuchtende, wie es aufblüht aus der Nacht! -- so malte er unaufhörlich sich selber. Sieh doch nur,« sagte er blätternd, »diese ungeheure Anzahl von Selbstbildnissen! Und nun sieh nur einmal, wie er es anstellt, Abwechselung zu gestalten! Hier, hier hast du drei, sieben, vierzehn Bilder aus benachbarten Jahren, aus demselben Jahr! Immer derselbe Mensch, und immer ein Andrer. Das ist die Kunst des Entfremdens. Ja, glaubst du, er hatte sich so verändert in so kurzer Zeit? Sieh doch an, was macht er hier? Er runzelt die Stirn, und schon wards ein andres Gesicht. Er setzt einen Hut auf, eine Mütze, einen Helm, eine Sturmhaube, und die geringe Veränderung, die der Kopfschmuck bewirkte, breitete er aus über das ganze Antlitz, und es gab neue Schatten, neue Lichtflächen, und schließlich bildete er sich alles nur ein und konnte Runzeln oder Falten oder Furchen, Glätten oder Rauhen oder Rundungen sehen, wo gar keine waren, gar keine. Sieh doch das hier! das --« er lächelte, »ja, da haben sie darunter geschrieben >Bildnis eines jungen Mannes<. Meinst du vielleicht, das wäre er nicht? Und hier --« er zeigte auf ein Bild, unter dem ein Name stand, den ich nicht im Gedächtnis behielt -- »das ist er natürlich selber! Seine ganze Phantasie -- glaube mirs, Georg -- bestand im Verändern. Sieh doch hier diese Landschaft mit den geisterhaften Bäumen! Das ist nicht wirklich und ist nicht empfunden, nur sein Dämon griff hinein, riß und bogs auseinander und stellte sich mitten hinein.«
Er schwieg, schlug langsam die Seiten um, und ich sah, daß er zu den Altersbildern gelangt war. Gleich darauf begann er wieder, furchtbar ernst:
»Und nun sieh hier das. Siehst du, da kam es! Jahrzehntelang hatte er Mummenschanz getrieben mit seinem Gesicht, und nun -- nun sitzt plötzlich einer innen und verändert willkürlich, von innen! -- Da! siehst du das? Wer ist das? Ihre Majestät die Ruine. Nun kann er sich jeden Monat malen und jede Woche, jeden Tag, ja, jede Stunde -- es ist immer Verfall. Er zerfällt, er zerblättert fürchterlich, es bläht ihn auf, es sackt wieder zusammen, es glotzt aus ihm, es grinst, es schluchzt, es sickert, es bröckelt, es -- zerfällt, zerfällt, und er -- er malt es, malt es, er ist ganz blöd, er denkt bloß, daß ihm auch das Verändern jetzt abgenommen ist, und daß diese Art des Veränderns noch genialischer ist als die eigene Methode, und er malt, halb blind, besinnungslos, ein Schwamm, ein morscher Stumpf, der phosphoresziert! Sieh die Gesichter, diese Larven einer Armenhäuslergalerie, diesen Katalog aller Krankheiten, ohne Geist und ohne Seele, ohne Zukunft, ohne Gott, nur noch Schicksal, wütendes Schicksal des Malenmüssens, das in seiner leiblichen Hülle sitzt. Und malt er denn noch, er? Seine Hände malen, in seinen Händen sitzt das Malen und rast mit den Pinseln, ohne Farbe, ohne Leinwand, ein Stück Brett und nasser Lehm, mehr ist nicht nötig für den glorreichen Triumph seiner Hände, drin die Natter Gicht sich verbiß. Und so bis zum letzten die ewige Glorie: Licht! Licht! Licht! das die vergrämte Ruine mit Seelenblut überlodert, die goldene Quelle, das ewige Rieseln aus der Nacht -- Gott im Himmel, Georg, wenn aus Baumstämmen vom Druck der Jahrtausende Kohle wird, und aus Kohle Diamant: so müssen seine Augen, als er endlich tot lag, zwei Demanten geworden sein, zu lauter kristallenem Licht gepreßt in der ewigen Faust.«
Er schwieg. Ich dachte: er spricht von sich. Scheinbar aber hatte er doch an sich selbst nicht gedacht; er machte jetzt das Buch, das er im Schoß hatte, zu, legte es vor sich auf den Tisch, trocknete die übergelaufenen Augen und sagte nun mit sanfterer Stimme:
»Immer muß ich bald auch an van Gogh denken, wenn ich mich auf Rembrandt besinne.«
Ich meinte, da er wieder verstummte, das sei wohl der Fall, weil für ihn das Malen so sehr das Einzige, so sehr eine Raserei gewesen sei wie für Rembrandt.
Das nicht, erwiderte er. Dazu seien sie doch von zu verschiedenen Größenmaßen gewesen. »Raserei, sagst du. Ja, aber bei van Gogh doch nur die eines Menschen, während die Rembrandts an den Niagara denken läßt oder auch an eine dieser gewaltigen Maschinen, die still zu stehn scheint mit allen Rädern und Riemen, obwohl sie in ungeheurem Schwunge ist, und die dabei so sorgsam, zart und genau arbeitet wie eine Spitzenklöpplerin. Van Gogh flackerte ja. Nein, ich meinte den Gegensatz, nicht ein Gemeinsames.
»Ihrer beider Wollust war -- bis zum Äußersten, wie bis zu einem gewissen Grade in jedem Maler -- das Licht. Da war nun van Gogh leider von einem blinden Teufel besessen, der ihn zwang, geradeswegs mitten hineinzusehn in das Licht -- und das malen zu wollen. Und -- siehst du -- da flackerte alles und zerstob zu Myriaden bunter Funken. Ich weiß nicht, wie sein leiblicher Wahnsinn an ihm sich geäußert hat, aber ich könnte mir denken -- weil er so besessen war von der flammenden Erscheinung der Sonne --, daß er im Irrsinn nichts andres gewollt hat, als geradezu die Sonne malen -- wie er es zuvor versuchte mit Hülfe der Landschaft --, nämlich ihre flammend brodelnde Goldscheibe selbst und sonst nichts. Und so, verstehst du? hat er die Wahrheit doch nie gesehn.
Die Sonne, Georg, was liegt denn an der Sonne? Wenn ich blind bin, ist deshalb kein Licht? Die Sonne, hat sie nicht dunkle Strahlen der Wärme? Und der blinde Leib, hat er nicht seelische Strahlen eines Lichts? Was van Gogh sah, war die Erscheinung, das Sein, das seiende Licht, das von außen in ihn eindrang. Was liegt an ihm? Was ist selbst Dasein? Dasein ist nichts, Zeugung ist alles. Und -- es zeugt, das Licht, das ist die Wahrheit! Es hat gezeugt -- diese Erde, diese Wälder und Äcker und das Meer, jeden Baum, die Tiere und den Menschen und seine Seele. Es zeugte aus uns den Flammengeist, und es zeugte die Weiße der Narzisse; es zeugte die Wärme des Blutes und die Glut des Herzens. Die Wärme, Georg, die Wärme! Die aber hat er gefühlt, Rembrandt, und die hat er gemalt, Rembrandt! Er sah -- die Nacht. Und in der Nacht sah er sich zeugen: das Licht, das ewige Juwel, die Wonne des erleuchteten Daseins mitten im Finstern, und Entzücken strahlte ihn an aus der Nacht, und so malte er das Licht in seiner unendlichen Fruchtbarkeit. Er malte es als Maler an malerischen Dingen. Er ließ es saugen am riesigen Leibe der Nacht, und überall taten sich Adern auf, und es schmolz hervor: Juwelen und Perlen, die Brokate und die Spitzen, Fahnen und Harnische und Fackeln, Stickereien und Sammet, das Lachen der Saskia und der Körper Hendrikjes, und hundert Male immer wieder -- nur noch Leuchter fürs Licht -- das eigene Antlitz, und hinter dem Antlitz die eigene, brennende, brodelnde, wollüstige, trinkende, schaffende, zeugende Sonne der Seele. Das ganze Dasein war ihm eine unendliche Nacht voller tausend Geschichten, die sich fortzeugten auseinander, und die ganze Nacht nur ein riesenhafter, schwarzer Spiegel, in dem meilenfern, ein verlorener Funken Goldes, widerglänzte die eigene Seele, ein Tropfen an Gottes Wimper.«
Dies, dachte ich, als ich durch die brausende Nacht zu mir hinüberging, blindlings im völlig Schwarzen, dies ist nun Bogner? Dieser einst gelinderte, wortkarge, sparsame Mensch? Freilich: damals malte er, die Seele glühte sich schweigend aus; nun muß sie reden und verbrennt dabei. Und ich erschrak, da ich bemerkte, daß ich nicht der einzige Unselige bin auf einer so kleinen Insel.
Fünftes Kapitel: Dezember
Aus Georgs Papieren
Von Zeit zu Zeit ereignet es sich wohl einmal -- zumeist wenn ich sitze und schreibe --, daß hinter meinem Rücken in der Nachtferne etwas mir vorhanden scheint, das ich mehr empfinde denn sehe als: Land. So eine dunkel verdämmernde Fläche nämlich ohne Umrisse, von unsichtbarem Leben überwebt -- das Land, das meinen Namen trägt (obwohl wiederum selber ich ihn nicht trage, aber wer weiß das?). Dazu ein Staat, der in hunderttausend Gehirne geprägt ist als das Bild eines Berges, auf dessen Spitze ich stehe.
Und ich denke weiter: Hunderttausend Menschen -- was liegt an der Zahl? -- sind dort, die an jedem Tage zumindest einmal ein Wort sagen oder von bedrucktem Papier lesen, einen Titel, unter dem sie mich zu fassen glauben. Mitunter, wenn sich ihrer Mehrere zusammentreffen, machen sie ein Bündel aus ihren Köpfen und -- nun, aus den mehr oder minder abenteuerlichen oder mitleidigen oder argwöhnischen Vorstellungen, die sie sich machen mögen, ein paar willkürliche herauszugreifen und aufzuschreiben, das hat wenig Sinn. Es kommt auf die Tatsache an, die ja nun fast von einer metaphysischen Bedeutsamkeit ist, denn was ist in Wirklichkeit an mir und ebenso an jenen Erdbewohnern, das diese Art von immerhin besondrem Schauer in ihr Empfinden von meinem Dasein mischt, denn sie mögen mich nun achten oder verachten, mich für mehr oder nur soviel wie ihresgleichen halten, gut von mir denken oder böse: dieser bestimmte Schauer ist immer da, war da von dem Augenblick an, wo ich jenen Titel bekam wie ein Kleid, also daß ich seitdem tun oder denken, sein und treiben kann, was ich will: den Schauer verliere ich so wenig, wie ein Mensch seinen Schatten verlieren kann. Es ist beinah wie mit Gott. Die Welt mag sein, wie sie will, den Menschen darin mag es ergehen, wie es wolle: Gott bleibt ihnen immer Gott, und ob der eine nun sein Wirken darin sieht, daß sein kranker Bruder gesund wird, der andre darin, daß ein Erdbeben kommt, der dritte darin, daß er anstatt den Hals nur das Bein brach, und der vierte darin, daß sein Nachbar an derselben Krankheit starb, die er überstand: Gott bleibt immer derselbe Gott, sie glauben an ihn, und er kann sich auf keine Weise verändern.
Und weiter, was jenes Land angeht, so bin ich es, der darin diesen und jenen, mir ganz unbekannten Menschen veranlaßt, eines Tages mit seiner Familie und aller beweglichen Habe von Süden nach Norden zu reisen, und einen ähnlichen von Osten nach Westen; ja, es geschieht Tag für Tag, daß nach meinen Angaben Leute von einer Stelle weggenommen und an eine andre gesetzt werden, wo wieder Andre erst fortgenommen wurden, die zu einer dritten geschickt werden, und so fort. Sterne und Kreuze aus Metall werden in meinem Namen verteilt und als besondre Geschenke von mir angesehn, Urteile ganz fremder Leute über Andre werden gültig durch meine Unterschrift, und in Kirchen wird für mich gebetet.
Telemach, begreifst du? Sollte es sich jemals verstehen lassen? Verstehen, daß wirklich du es bist, der gemeint ist? Und solltest du jemals nicht jenseit sein können von alledem, sondern darin?
Nein, dies wird niemals möglich sein, weil es niemals hat möglich sein sollen. Die Schnecke wird erst nackend geboren und bildet sich hernach ihr Gehäuse, und ich bin nackend herumgelaufen Jahr um Jahr, aber das Gehäuse, das auf einmal gebildet war, es war nicht von mir geplant, und wer hätte auch von einer Schnecke gehört, für die ihr Gehäuse eine Last ist, die sie langsam zu Tode würgt?
Nur so viel sieht Telemach ein, daß es doch möglich ist, darin zu wohnen für eine Weile.
Da ist ein Tisch, und ich gehe um den Tisch. Was liegt an Tagen? Ich gehe linksherum und rechtsherum, tagein und tagaus, und fange an zu bemerken, daß sich eine Spur bildet in der Farbe der Dielen. Was Schlaf ist, habe ich auch einmal gewußt; nun ist es ein fliegender Rauch, durch den die allstündlichen Bilder wirbeln aus Wachsein in Wachsein hinüber. Es ist nicht genügend Einsamkeit vorhanden. Die Wintersee ist so laut geworden, daß die Andern und ich es aufgegeben haben, miteinander zu reden, -- dann züngelt die rasende Ungeduld aus mir, wenn ich sitze und sie sitzen sehe, der letzte bange Rest Menschenliebe windet und verzehrt sich in meinem Herzen, und ich denke, daß ich bald nicht mehr kann.
In eine hohe Flamme zu steigen wie in ein Bad und drin prasselnd zu stehn, müßte das nicht wollustvoll sein? Ich brenne allzeit, und mir wird nicht einmal warm davon. Ich rüttle an den Steinen des ewigen Geduldspiels, aber wie ich die Steine einmal zusammengefügt habe, so stecken sie nun, und keiner weicht von der Stelle. Ich hoffe, rasend zu werden, und bemerke, daß ich mit der Zeit vielmehr in Ordnung gekommen sein muß, denn nicht immer, wenn ich schreibe, muß ich wie ehedem jede Laus von Wort, die durch mein Gehirn läuft, aufs Papier streichen, sondern ich lasse sie sitzen.
Oh Himmel meiner endlosen Tage wie so grau! Wiesen des Sommers und ihre Aurikeln, blaues Wogen des Jugendtags, wart ihr wirklich einmal? Ein Knabe klettert hoch am Sockel der Sonnenuhr, deckt Zeiger und Zifferblatt zu mit dem eigenen Schatten, sucht und wundert sich, nichts drauf zu finden, was ihm die Stunde anzeigt -- -- es ist keine Stunde, und dies war die Jugend. In der tiefen Scharte meines Fensters sehe ich ein Stück wankender Wasser, grau und voll gelblichen Schaums, ein Hundert Wellenköpfe in jagendem Durcheinander, immer dieselben, die auf mich zutaumeln und unter mir im Unsichtbaren verschwinden, und ich sehe und sehe.
Oh ein Zeichen, das Zeichen gieb, heilige Allmacht! Halte mich doch nicht mehr auf, laß mich doch los! All ihr unendlichen Mächte, was verschlägt es denn, ob einer getröstet wird? Wenn ich auch schuldig wurde an Menschen, so warens doch immer solche, die ich liebte, und ge--, oder hätte ich besser hassen sollen? Ja, war es dies, daß ich lau war, nicht böse, nicht gut, nicht kalt und nicht heiß, und soll ich darum, darum in alle Ewigkeit sitzen zwischen Leben und Sterben?
(Von Bogner)
Das fehlte noch! Heute sagte Bogner: er fände die Welt in Ordnung. Ja, wie soll man da widersprechen? Er hat es entschieden, und nun war es so. Mitten in der Nacht war er aufgewacht und hatte diese Entdeckung gemacht. Erstens: die Welt; zweitens: in Ordnung.
Danach bewies er es mir auch.
* * * * *
Es wurde sehr spät gestern nacht über Erzählungen Bogners von Frankreich und Spanien. Später kam er auf einige besondre persönliche Erlebnisse, und dann fand ich mich dabei, wie ich ihm von Cordelia erzählte. Am Schlusse unterließ ich dann nicht eine besondre Darstellung meiner Verschuldung, zu der mir im Laufe der Zeit ein neues Ingredienz bekannt geworden war, nämlich daß ich sie nur aus Lüsternheit suchte, nicht aus Liebe; daß sie mich deshalb nicht für ihr so nahe halten konnte, um ihr Geheimnis zu beichten; daß also, wenn meine Sinnlichkeit schon in früheren Jahren ihre notwendige, regelmäßige Stillung gefunden hätte -- und so weiter.
»Der Fluch der Lüsternheit über der Menschheit«, sagte er, »ist der Schatten eines Segens und darum unheilbar. Im Grunde davon wohnt einer der beiden tiefen, alles beherrschenden Triebe, deren einer zielt nach dem Lichte, deren andrer nach dem Dunkel. Niemand liebt wahrhaft das Licht, der nicht auch die Nacht liebte; niemand wahrhaft die Nacht, der nicht auch das Licht liebte. (Darum beginnt Novalis den Hymnus auf die Nacht: >Welcher Lebendige, Sinnbegabte liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche Licht ...<) Im Licht ist das Wissen, im Dunkel das Geheimnis. Wir sehnen uns nach dem Wissen und sehnen uns nach dem Geheimnis. Wir sehnen uns nach dem Verhüllten, das für den Dumpfen das verhüllte Nackte ist. Er will nicht das Nackte, er will das geheime Nackte. Wäre es nicht geheim, so wäre es kaum noch.
»Der aber«, sagte Bogner, »ist der Heilige, der das Geheimnis weiß im Licht.«
Und der, setze ich nun hinzu, ist der Glückliche, der ewig ein Geheimnis pflegen kann -- es besitzend, ohne es je zu durchschauen --, dem es selber zur Magie geworden ist: der Dichter.
Hielt ich mich selbst nicht für einen? Heute weiß ich nicht einmal, wie ich davon abgekommen bin. Es vollzog sich die Einsicht wohl mir selber unvermerkt im Wirbel des Übrigen, und nun erst, ganz plötzlich, fühle ich einen Schmerz.
Ich sehe Bogner, wie er war, wie ich noch immer glaube daß er ist, und sehe, daß es ein unmenschliches Glück sein muß, ein Glück über allen Glücken, Dichter zu sein. An jedem Tag die Quellen seines Lebens strömen zu lassen, sich selber hundertfach sichtbar zu sehn und zu haben im erschaffnen Gebilde! Sich im Stande der Gnade zu fühlen, einsam, einzig mit den Wenigen, oh Flügel an die Füße selbst in den erzschweren Stunden des Seins! Was könnte einem Solchen geschehn? Muß ihm nicht alles zum Besten dienen? Muß ihm nicht Honig fließen aus jedem Ding, das er selber erst zur Blüte wandelt, sei es giftig oder rein, gemein oder edel -- aus jedem strömt ihm eine, die seine Kraft. Die gehäufte Welt ist sein Thron, seine Schatzkammer das Firmament, er allein besitzt die Erde, da er sie machen kann. Ungeheuer sein Stolz wie seine Demut. Mich faßt ein unendlicher Jammer an, wenn ich der Ärmsten unter den Armseligen gedenke, der Dichter, die es sind und dennoch nicht glücklich. Die eine Begierde haben können, außer der einen, tausend Jahre so leben zu wollen; die nach Ruhm begehren, nach Achtung und Liebe der Menschen, nach Brot. Die das Heilige erniedrigen können, indem sie es zu einem Mittel ihrer Notdurft machen. Denen es nicht Wonne ist, zu dulden dafür, daß sie so sind.
Da an Gott das einzig Wesentliche ist, daß er ein den irdischen Trieben und den menschlichen Zwecken nicht unterworfenes Wesen sei, so giebt es nur einen Menschen, der seiner entraten kann: den Dichter. Er allein muß ja erkennen, daß sein innerster und einziger Lebenstrieb ihn zu einem mit keinem irdischen Nutzzwange verbundenen Tun zwingt, unweigerlich, wider seinen eignen, kleinen Willen, unbeeinflußbar von ihm selber. Wenn er zeugt, so zeugt er wie der Gott: allein um des Zeugens willen. Alle können anders; er muß das Eine.
Ich aber bog den Arm an seinen Knieen, Und aller wachen Sehnsucht Stimmen schrieen: Ich lasse nicht -- du segnetest mich denn!
* * * * *
Damals, als Bogner das Wort >Geburt< vor mich hinstieß wie die Faust mit dem Schlüssel, der den Zugang zu den Müttern eröffnen sollte, mich in meinen Festen schon als Ahnung erschütternd -- damals genügte mir der Schlüssel, ich war froh, das Kleinod im Geheimnis zu haben, froh, es nur zu wissen, vom Gedanken an es mich immer wieder süß durchzucken zu lassen. Nun ist mit der Verflüchtigung der Zeit auch die Wißbegierde gekommen, der Zweifel mit seiner Stimme: ganz hinunter gelangst du ja doch nicht, so geh wenigstens tiefer. -- Heute fragte ich Bogner:
»Du mußt mir nun sagen, wo der Anfang war. Ich sehe die Kindheit wie eine Wand, mit der alles ein Ende nimmt. Du sagtest das selber. Und was ist das mit dem Geheimnis? Du sagst: der Schauder vor dem Geheimnis sei unsre ganze Lust. Aber _warum_ ist sie das?«
»Ja,« sagte er, »auch ich glaube, daß mit der Kindheit alles ein Ende nimmt, und auch ich habe in diesen Tagen wieder und tiefer darüber gedacht. So laß uns doch einmal erinnern.
»Ich will dir sagen, was meine fernste Erinnerung ist. Zuerst ein schwarzes Unbegreifliches voll Kampf und entsetzliches Grausen. Ein Erwachen dann, ein sanfter, ferner Goldschein; ein Schatten im Golde, und in dem Schatten das nicht zu beschreibend Tröstliche, alles Stillende, Sichere, ein Gesicht, ein Paar Augen. -- Solltest du das nie erlebt haben?«
Seine Worte hatten mich in eine seltsame Magie versetzt. Ich glaubte zu sehen, was ich nie gesehn hatte. Ich wollte mich schon wieder herauszerren aus diesem, weil ich glaubte, es sei Einbildung, ich sähe nur, was er zeigte. Allein plötzlich, bei der Vorstellung jenes Schattens und seiner Augen geschah das Seltsame, daß ich ihn sah -- nicht aber mit zwei Augen, sondern mit nur einem. Das saß in der Mitte, unter der Stirn.
Der Maler schwieg, ich nahm alle Willenskraft um mich zusammen und dachte. Da geriet ich besondrer Weise in einen Schwarm von tausend wütend wirbelnden Vorstellungen, Bildfetzen ohne Beziehung zur Stunde. Bis dann plötzlich mit einem Ruck dieses riß, und ich sah -- Ihn.
Ich war ein Knabe, er hob mich auf, er setzte mich auf sein Knie, und ich -- fürchtete mich vor ihm. -- Warum das? Ich soll ein wenig geschielt haben als kleines Kind, und ich fürchtete mich vor ihm: weil er nur ein Auge habe. Seine eng beisammen sitzenden Augen hielt ich für nur eines und fürchtete mich.
Es durchsauste mich, als ich es bedachte. Er, immer Er! Er war die Erscheinung, der eingeäugte Schatten, und damals hatte ich keine Furcht. Warum kam sie später?
Ich wollte es Bogner sagen, aber siehe da, ich konnte ja nicht! Wie soll ich seinen Namen sprechen? Kurz und gut, ich sagte ihm so viel, daß ich mich an Ähnliches zu erinnern glaubte.
»Und dies,« sagte er nun, »dies war der Anfang. Wie hieß der Anfang, Georg? Angst. Nun wollen wir an unsre früheste Kindheit denken, an damals, als wir Menschen waren und noch ganz Kinder. Damals war Wald, und Verirrtsein im Wald, und die Dämonen, die hunderttausend Mächte der Angst, die böse Natur. Damals brach in den riesenhaft umgewälzten schwarzen Klumpen, der wir selber waren, ausgedehnt in die Urwaldsnacht und verschmolzen mit ihr, in ihn brach der Morgen hinein. Eine Sanftmut ging hervor, öffnete alles und machte es lind. Licht kam und war tröstlich. Uns segnete die Blaue. Und das war Gott.
»Die Sanftmut, das Heilende, die Sicherheit der Wiederkehr (>Noch niemals blieb der Morgen aus, der lichtend -- Das Tal ihr wieder wies, das duftig bläut<) und die Hoffnung: all das und mehr wurde Gott.
»Und weiter, Georg: Wenn die Pferde einen Gott hatten, wie würde er aussehn? Wie ein Pferd. Wir Menschen gaben ihm menschliches Gesicht, und da in Urzeiten und bis spät hinauf nur der Mann etwas galt, so wurde der erste Gott männlicher Gestalt. Später kamen die Mutter, das Weib, die Jungfrau am Ende im Kleide vom himmlischen Blau.
»Aber ein Tiefers ist in diesem. Denn wer war das, Georg, der am Morgen in unsre Wälderangst trat? Wer war der Tröstliche, der im Lichtschein erschien, als wir Kind waren und vergingen in der Angst unsrer Träume? Der uns anblickte und uns zusprach und --«
Ich bat ihn, zu schweigen.
Er dachte wohl, es seien Trauer und Schmerz um einen Gestorbnen, der mich weich machte, und begann deshalb nach einer Weile an einer andern Stelle.
»Du fragtest nach dem Geheimnis, Georg. Im Anfang war das Geheimnis schwarz, war Angst, und der Schauder war böse. War die Erscheinung minder rätselvoll, minder voll Schauder? -- Damals aber mischte sich Angstgrauen und Lichtgrauen, wie Nacht und Tag sich am Morgen vermengen. Geheimnis hob nicht Geheimnis auf, sondern jedes vertiefte das andre, und die ganze Lust der Süße wurde fühlbar erst durch das Grauen zuvor, und das furchtbare Grauen wurde versüßt durch die Aussicht auf Heilung. Schon das Kind, das sich fürchtet, im Dunkel einen Gang hinunterzugehn, lernte es, dieselbe Furcht süß zu finden in Geschichten. Wir waren ein unendliches Gemisch von Anfang her, aber wir lernten viele Teile davon erkennen und sie auszuspielen gegeneinander, immer auf der Suche nach: mehr Süße.
»Am Ende erlernten wir dann das Wunderbare: das Gesetz. Aller Geheimnisse süßestes, erkennbar schon am Antlitz Gottes, vor dem Schwarzes und Wüstenei sich auflösten, sich darstellten gesondert, nicht mehr erschreckend, sondern bekannt -- aller Geheimnisse süßestes: die Ordnung.
»Die Ordnung aber ist das Bekannte. Das Geheimnis der Heilsamkeit ist das Wiedererkennen, ist die Sicherheit des Einen, das in jedem waltet und sich gerne verrät. Alle Dinge gingen hervor aus Gottes Hand; in allen Dingen wohnt seine Form. Wie ward da magisch unser Finger, unser Ohr, unser Mund! Morgens tropfte auf uns der Gesang der schwarzen Amsel, und wir horchten, und da war das Gesetz. Im Wasserfall schlief, und wir weckten es auf, das Gesetz. In unserm Gang das Gesetz, in unserm Antlitz Gesetz, im Tier das Gesetz; Gesetz, Bekanntes, Ordnung, Heilung, Süße, Form allüberall. Oh der süßeste Schauder, Georg, den Freund wiederzuhaben nach langen, schmerzlichen Jahren! Oh der süßeste Schauder, das Bekannte wiederzusehn im Wilden, Erschreckenden, Fremden!