Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 26

Chapter 263,825 wordsPublic domain

»Und die Luft,« rief er, »die ist das Ding, das nicht aufgezählt ist unter den erschaffenen Dingen, wo doch Sonne und Sterne, der Himmel, das Meer und das Feste und was auf dem Festen wuchs, alles aufgezählt wurde. Konnte etwas wachsen, konnten Tiere sein ohne Luft? Dennoch wurde die Luft für den Menschen, für Gott vorbehalten, denn der Mensch war für den Schreiber dieser Geschichte das einzig wahrhaft Lebendige, und das Leben kam ihm und nur ihm mit der Luft. Und siehst du wohl,« fuhr er fort, »auf schlechten Bildern, Bildern, auf denen doch alles recht und deutlich gemalt ist, was scheint dir daran zu fehlen? Die Luft. Und sie fehlt sogar auf den Bildern der einfältigen Meister aus Niederland und Köln, aber warum vermissen wir sie doch nicht? Weil sie nicht nur die _Gabe_ hatten wie die nichtswürdigen lustlosen Maler von heut, sondern etwas ganz Einziges: den Fleiß. Einen so großen Fleiß und eine so große Sorgfalt, daß er sogar die Luft und die Gnade ersetzte, denn im Fleiß war die Liebe, und in der Liebe«, schloß er triumphierend, »muß immer auch Gnade sein.«

* * * * *

Ich hatte Bogner aus dem Gedächtnis einige Gedichte von Stefan George gesagt, darunter zuletzt den >Tag des Hirten<: Die Herden trabten aus den Winterlagern ... Schon bei der ersten Zeile sah ich seine Augen weit werden; bei der himmlischen zweiten: Ihr junger Hüter zog nach kurzer Frist ... legte er das Gesicht in die Hände, und als ich dann schloß:

Er krönte betend sich mit heilgem Laub, Und in die lindbewegten, lauen Schatten Schon dunkler Wolken drang sein lautes Lied ...

seufzte er dermaßen schmerzlich, als wäre ihm eine Welt untergegangen. Er sprach kein Wort mehr den Abend, und erst als ich schon gehen wollte, zog er mich auf einmal in die Arme, küßte mich und murmelte etwas, das ich nicht verstand.

»Du kannst doch auch dichten, Georg,« sagte er dann, »du bist auch ein Dichter!« Und hierbei beharrte er eigensinnig, obwohl ich es ihm lang und breit abstritt, daß ich wohl Verse schriebe, aber kein Dichter sei. Fast wäre er ärgerlich geworden. »Wenn du es weißt, Georg,« sagte er, »wenn du weißt, wie es ist, wenn du Sprache hast, so mußt du es doch auch sein!« beharrte er und wurde erst unschlüssig, als ich es ihm an Malern nachwies, die zwar das Handwerk hätten, aber doch nicht die Kunst.

»Das mag für Maler stimmen,« meinte er dann, »aber doch nicht für die Sprache! Da sind Farben, Finger und Hände und Pinsel; was geht nicht alles verloren auf so weitem Wege, wenn einer nicht die ganze Kraft hat und Gottes Beistand. Aber in der Sprache ist alles! Sie allein ist unmittelbar und enthält doch eins im andern das Beide, sonst so Getrennte: Vernunft und Gefühl, verschmolzen im Tönen der Seele!«

»Die göttliche Sprache!« fing er nun an. »Ja, das ist das Wunderbare an ihr, das unterscheidet sie von allen andern Künsten und erhebt sie zur höchsten: daß sie so unmittelbar ist. Nichts als der zaubrische Mund! Da ist der Mensch, allein, und er selber ganz und gar und allein ist: Instrument. Die Öffnungen einer Flöte mit den Fingern betupfen, auf den Saiten einer Geige die Finger so und so stellen, mit dem Bogen so und anders anstreichen, -- was andres tut denn der Mensch, der redende, wenn er die Zunge so und so an den Gaumen, an die Zähne drückt, die Lippen weit oder wenig, rund oder schmal öffnet? Und er tut ja mehr! Im Instrument ist der Ton, er bringt ihn nur hervor, tut Wissen und Handhabung hinzu, aber die Sprache, die bildet er ja selbst, er bildet das Wort, ganz und gar, außen und innen, Zeichen und Sinn, und wie aus einer Blume, so duftet die himmlische Seele daraus hervor! Und ist der Mensch selber das Instrument, so muß einer sein, der spielt, wer ist das? Der Gott. -- Allem Alltäglichen, allem Irdischen und Menschlichen abgewandt, ganz hingegeben dem göttlichen Spieler allein, an seine Brust gelegt wie die Geige, -- wie durchrauscht ihn sein Tönen! >Die Herden trabten aus den Winterlagern<. Sieh, das ist meine Sprache, alles ist da wie in meiner Sprache, aber vom ersten Hauche an fühlst, ja, noch ehe du die Lippen öffnest, fühlst du schon: es ist ein Andrer, der dir den Mund öffnet, und nun wird eine andre Sprache ertönen, erkennbar an keinem besondren Klang, oder Bild, oder Gedanken, sondern nur an diesem allein, diesem göttlichen _Anderssein_, das du so spürst wie -- wie wenn du schlafend auf einen Stern versetzt wärest und erwachtest auf ihm und wüßtest gleich beim ersten Atemzug aus seiner Luft, aus der _anderen_ Luft: du bist auf einem Stern. >Die Herden trabten aus den Winterlagern ...< Oh wie es da hervorduftet aus dem Unsichtbaren, wie am dunklen Morgen der Geist der Erdenkräfte schlafkühl duftet aus dem Schlummer der Geschöpfe. Jedes Gedicht aber, das so nicht ist, an dem man nur zu Stellen, wie den Kristall im Stein, das göttliche Dasein spürt, verkalkt, getrübt und unrein, ist Lästerung des Gottes, Georg, Vergiftung des Gottes, und sie wird sich rächen und die Seele dessen vergiften, der sie beging!«

»Du meinst mich«, sagte ich hierauf.

Aber nun wollte er es nicht gelten lassen.

* * * * *

Ich saß hinter dem Tisch auf dem Sofa, hatte die Ellenbogen auf der Platte, die Hände übereinander gelegt und das Kinn darauf, und so rauchte ich, und wir schwiegen. Auf einmal lächelte Bogner. --

»Warum lächelst du?« fragte ich.

»Ich lächelte über dich«, gab er zur Antwort.

»Du hast nämlich«, fuhr er auf mein Ersuchen fort, »mitunter eine so erinnerungsvolle Bewegung beim Rauchen. Mitunter, wenn du die Zigarette aus dem Munde nehmen willst, dann nimmst du sie zwischen zwei steife Finger, und dann schiebst du die Lippen ganz weit vor, wie zum Saugen, und dann lösest du das an der Lippenhaut klebende zarte Papier langsam ab. Dabei saugst du dich innerlich ganz voll mit Rauch, und nach einer Weile strudelst du ihn von dir mit einem traurigen Seufzer.«

»Gott segne deine Augen, Bogner,« erwiderte ich, »und was soll das alles?«

»Darin soll«, sagte er, »eine Antwort auf die Frage liegen: warum raucht der erwachsene Mensch? Es giebt ja Unverständige darunter, die nehmen bloß den Mund voll, aber der Wissende tränkt seinen ganzen Leib durch die Lunge mit dem schönen Gift. Warum, Georg? Aus Erinnerung. Er denkt an seine Kindheit und saugt wieder. Damals weiße Milch, heute braunes Gift. Und er muß den entseelten Rest des nur halb Verzehrten wieder von sich geben und tut es mit einem traurigen Seufzer.«

Bogner lachte bis zu Tränen, zog dann seine alte Pfeife aus der Tasche, die er nicht brauchen darf, betrachtete sie wehmutvoll und roch daran. Auch ich hatte erst lachen müssen, aber nun wurde ich von Schrecken ergriffen im Gedanken an das von der Wiege und der Mutter, und ich sagte: »Ja, ist es denn wirklich so, Bogner, daß mit unsrer Kindheit alles ein Ende nimmt, und wenn wir uns an Äonenfernes zu erinnern glauben, so war es nur zwanzig Jahr her?«

»Glaubst du das?« fragte er. »Ich weiß es seit langem.« Und er erklärte mir, daß er besonders deutliche Erinnerungen an früheste Kindheit hätte, und zwar nicht eingebildete nach Erzählungen Erwachsener.

Und da fängt er an, von den Erscheinungen seiner kindlichen Fieberträume zu sprechen, und sagt: »Da war nämlich das Große!«

Ich wäre gern in ihn hineingestürzt. Ich schrie: »Das Große! das kennst du auch? Dies entsetzliche schwarze Anwachsen und Riesigsein und --«

»Und dann der Gang, durch den man hindurchsoll, und der zu eng ist ...«

»Ein Gang war bei mir nicht,« sagte ich, »bei mir war das Wälzen!«

»Nun, das ist gleich,« meinte er, »es hat ja den gleichen Sinn.«

Ich schrie wieder: »Es hat einen Sinn? Welchen Sinn hat es denn?«

»Du siehst, daß es einen Sinn haben muß, denn wie könnten sonst wir Beide es erlebt haben? Und nicht nur wir Beide. Ich glaube, daß jeder Mensch es kennt, und zum Beispiel in dem Buch von Rilke, da steht es auch darin.«

»Ja, aber was ist es denn, mein Gott?«

Er sagt: »Die Geburt.«

* * * * *

Heute will ich nur aufschreiben, was mir eben wieder ins Gedächtnis kommt aus den ersten stillen Tagen dahier.

Wir befanden uns in der noch lauen Nacht ohne Sterne oben auf dem Deich über der Ebbe des Meers. Zwei Tütvögel, die unsre Anwesenheit erregte, kreuzten unaufhörlich über uns hinweg, jeder eine Zeitlang, wenn er über uns war, anhaltend und mehrmals seinen mißtönigen Klageschrei ausstoßend, -- der einzige Laut in der Stille. Ich lag auf meinem Mantel, die Füße in der Richtung der unsichtbaren See, die Hände unterm Kopf, im linken Augenwinkel, mehr gewußt als gesehn, den Schatten des sitzenden Malers auf seinem Feldstuhl. Wir hatten -- nicht das erste Mal -- von Ulrika gesprochen, und er deutete mir wieder Züge ihres Wesens und das Ganze auf eine unendlich innige Weise des Wissens. Dabei war es aber immer, als ob hinter seinen Worten sich das bewegte, was er mir später >gestand<, wie er sagte, das Geheimnis seines und ihres Lebens und Sterbens. An jenem Abend sagte er, er habe einmal in seinem Leben, vor Jahren, eine Frau so geliebt, daß er fast daran zu Grunde gegangen wäre; »und das«, sagte er, »schien mir später zuviel für einen Menschen, dessen Auftrag es nicht ist, Menschen zu lieben, sondern --«

Er schwieg, und ich glaubte das Ungesprochene richtig zu ergänzen, indem ich sagte: »die Kunst.«

Ich wandte mich zu ihm bei diesem Wort und sah nun sein eines Auge im Dunkel, der See zugewendet in einer Haltung des Kopfes, die mir besonders verzweifelt erschien.

»Nein, Mensch, wie kommen Sie darauf?« sagte er dann. »Glauben Sie, einer wie ich -- liebte die Kunst? Denken Sie bitte einmal an das, was Sokrates im Gastmahl Platos feststellt: daß man liebt, was man nicht hat. Was ich nicht habe, ja, das liebe ich freilich, und das ist: die Form. Die Vollkommenheit. Das ist jedes Bild, das ich noch nicht gemacht habe.«

Ich sagte nun einiges Unvollkommene und Verlegene, wie daß Kunst selber eben die Liebe sei, die alles, was sie nicht habe -- ewig und ewig die Form -- mit solchem Wahnsinn begehre, daß sie es darstellen müsse.

»Ja, den Dämon,« sagte er leise, »wenn Sie den meinen, -- den Dämon, der treibt und widersteht, den liebt man ja wohl.«

»Und übrigens«, fuhr er nach einer Pause gequält fort, »habe ich Sie eben belogen. Früher war das so. Nun, ja nun haben Sie recht, nun liebe ich die Kunst, die ich nicht mehr habe, und den Dämon erst, der mich verlassen hat, weil ich ihn verließ und zu Menschen ging.«

»Bogner,« sagte ich und legte die Hand auf sein Knie, »Bogner, das ist doch nicht wahr!«

Ich setzte mich auf. Der Schatten schlagender Flügel, Weißes vom Vogelleib fielen aus der Nacht herunter, deutlich scholl der Notschrei. Bogner ergriff meine Hand und hielt sie fest. Er nickte dann langsam mit dem Kopf und sagte leise und geheimnisvoll:

»Wenn es einer begreifen könnte außer mir, -- was wäre es dann?«

Meine Hand ließ er nicht los. Ich fand kein Wort, und er blieb verschwiegen. Aber meine Hand hielt er fest, daß es mich jammerte im Herzen, bis wir dann aufstanden und ins Haus hinabstiegen.

(Cornelia)

Bei einer Wanderung, auf langer Straße im flachen Land, kann es uns wohl begegnen, daß wir in weiter Ferne zu unsrer Linken oder Rechten etwas Menschenhaftes gewahren, nichts weiter als einen Punkt, der menschenhaft erscheint, ohne Bewegung, und der die Weile, während der wir ihn im Auge behalten, sich nicht verändert noch deutlicher werden will. Vergaßen wir ihn dann lange Zeit über andern sehenswerten Dingen umher, so gewahren wir ihn plötzlich gar nicht weit von uns auf einer zur unsern heranführenden Straße, deutlich genug, um ihn an Gang und Kleidern als einen Menschen, wie wir selber es sind, zu erkennen, und dann betritt er vielleicht keine drei Schritte vor uns unsre Straße, hält an und erwartet uns, wir reden uns an, wir finden Gefallen genug an einander, zusammen zu bleiben für ein paar Stunden, wir verstehen uns gut mit ihm, oder auch er erscheint uns sehr merkwürdig während der nun gemeinsamen Wanderung, und schließlich fällt es uns wohl zu unserer Verwunderung ein, daß wir hier zusammen gehn und gut Freund sind mit jenem Punkt, den wir vor zwei Stunden keiner Beachtung, keines Gedankens von Möglichkeit einer Beziehung für uns wert hielten.

Es sind heut Jahre her -- nach der gewöhnlichen Berechnung nur Jahre --, da sah ich Cornelia ganz von fern, nicht deutlicher, als daß sie zu erkennen war als ein weiblicher Mensch. Auf einmal sah ich sie zu meiner Straße heraufkommen; hier war es, hier sollte sie wenig Schritte vor mir meine eigene Straße betreten, ich gewahrte sie schon deutlicher, so daß, wenn wir etwa am Vormittag zusammen um den Deich gingen, heut, oder morgen am Nachmittag Tee tranken mit den Andern, oder einer las vor und wir lauschten: daß ich dies und jenes schon sicher an ihr wahrnahm: den Schnitt ihres Mantels, die Form ihrer Stiefel, Besatz an der Bluse, ihr Haar, ihren in den Fußgelenken schwingenden Gang, ihre länglichen Hände, die Lockerheit des Daumens, das Rund ihrer Augen und ihren Blick. Langsam bildete sich so ein Ganzes aus vielen Teilen, dieweil wir uns nun entschlossen hatten, nebeneinander zu gehn, -- erkennbar schon als ein Ganzes, obwohl noch manches Stück fehlte und zwischen den vorhandenen die Risse und Fugen noch ungeheilt schimmerten. Aber sie heilten, denn nun kam auch Teilnahme, das formenschaffende Gefühl, ein Wesen bildend langsam, das mir wohlgefiel, das meinen Sinnen wohltat, den fünfen und jenem unbekannten, nicht mit Namen zu nennenden, jenem Tastempfinden von Mensch zu Mensch, auf dem alle Möglichkeiten und Beziehungen der Menschen zueinander beruhen, der uns den andern Menschen _atmen_ läßt wie ein besondres Arom in unserer Luft, und in dem dann bald die süße Flamme Ähnlichkeit sich gläsern erhebt, wie die Flamme der heißen Mittagsluft überm Wachholder der Haide, -- sie zeigte sich über Cornelia.

Nun erschien sie mir schon besonders; nun erschien sie mir, meiner Veranlagung gemäß, vor allem: hübsch, und es deuchte mich angenehmer, beim Gehen die Hand in ihren Arm zu schieben, und so weiter. Es war bereits immer ein leises Freuen, wenn sie kam und zugegen war; was man sagte, dem hörte sie gut zu und gab die rechten Ergänzungen oder Erweiterungen, und so man nicht sprach, war sie's auch zufrieden und schwieg. Sie war nämlich bereitwillig.

Morgens kam sie selbst mit dem Frühstück, ich lud sie zu bleiben, und sie blieb, dann stellte sich heraus (nämlich ich mußte fragen, von selbst gab sie nichts preis), daß sie selber noch nüchtern war, und nun mußte sie ihr Frühstück mitbringen. Erlaubte es irgend das Wetter, so erwarteten wir gemeinsam am Strande das tägliche Boot mit meinem Kurier, dort trafen wir den notwendigen Hauptmann, standen in unsern Mänteln und hochgeschlagenen Kragen gegen den Wind gedreht, froren erbärmlich und sahen uns gegenseitig immer röter anlaufen.

Nun und so weiter ...

Was aber war dann eines Tages anders geworden? -- Nun hielten wir uns nämlich bei den Händen im Gehn, meine Stimme hatte den weicheren Ton der Vertraulichkeit, meine Hand das Recht, den vom Wind umgekrempten Mantelkragen zurechtzuschieben oder die schiefgewehte gestrickte Mütze gradezuziehn über ihrer Stirn, ohne daß sie oder ich dabei den grade begonnenen Satz unterbrach. Ich fand alte Gedichte und las sie ihr vor, ich kannte nun den besondren Ton ihrer Haut am Nacken, dort wo die Bluse sich ablüpfte, wenn ich ihr in den Mantel half. Ich kannte genau die Form ihrer Stirn und jede Bewegung ihres Mundes, und viele ahnte ich voraus und erwartete sie, und all dies ward mir sehr lieb. Ich erinnerte mich: dies hatte ich schon früher erlebt, und doch war es dadurch nicht abgenützt worden. Ich dachte aber nicht, daß ich sie küssen möchte, denn so besonders war mir noch von der Krankheit her.

Aber siehe da, plötzlich eines Nachts, schrieb ich diese Verse auf:

Diese Nacht aus dumpfem Schlummern Fuhr ich auf: das Schweigen dröhnte Mir ans Ohr, doch spürt ich: andres Dröhnen, Fausthieb, Fausthieb draußen, Zornig auf des Tores Bohlen Jagte mich empor.

Gleich da wußt ich draußen stehen Ihn vorm Tore, Eros, jenen: Eros mit den Löwenfüßen, Eros mit den Geierschwingen, Eros mit dem Fackelantlitz Donnerte ans Tor.

Am folgenden Morgen dann, siehe da gingen mir die Augen auf, und ich erkannte, daß sie weiblich war.

Bald darauf stellten sich von Augenblick zu Augenblick Worte oder Handlungen ein, die sich auf keine Weise besser begleiten ließen oder gar ausdrücken als durch einen Kuß, und ich küßte sie zum Dank, daß sie das Frühstück brachte, beim Gutenachtsagen, beim Morgengruß, beim Klettern über eine Buhne, beim stillen Hinaussehn über die See, kurzum bei jeder Gelegenheit. Küssen ist, wie wenns regnet; erst wenig, dann immer mehr.

Sie aber, sie hatte auf meine Veranlassung angefangen, mit mir zu frühstücken, mit mir spazieren zu gehn, sich vorlesen zu lassen, lange mit mir zusammen zu sein, schließlich auch sich küssen zu lassen und wieder zu küssen. Ich bedachte mich zuweilen, was in ihr vorgehen mochte. Sie äußerte nichts, außer auf Befragen. Und dies mocht ich nicht fragen, denn dann hätte der immer noch in der Entwicklung sich windende Satz plötzlich ein Ende genommen, ob mit Fragezeichen, Rufzeichen oder Punkt, -- jedenfalls ein Ende, und ein ganz neuer hätte begonnen. Ich dachte: sie ist doch klug, sie sieht kein Ding halb, sondern rund, wie zum Beispiel auch den Mond, von dem man weiß, daß er rund ist, obwohl scheinbar eine Sichel. Nur: sie tat zu alledem nichts dazu. Sie schien immer mit allem zufrieden.

* * * * *

Ein Winterabend. Im Dunkel trat ich aus meiner Tür, ausgewiesen nämlich vom dortigen Eros. Unwandelbar dröhnte der Ozean. Das Tal unter mir schimmerte mattweiß, eine dünne Schneedecke war drübergefallen, es rieselte noch in der Luft, es war kalt. In der Tiefe zur Rechten zwei rötliche Rechtecke -- die erleuchteten Fenster in Bogners Haus; in der Tiefe mir gegenüber ein gleiches. Dorthin ging ich; nicht daß ich erwartete oder verlangte, aber -- was konnte nicht möglich sein?

Mir begegnete nichts unterwegs. Tote begegnen nicht, sie sind Wink. Ein roter Becher bei einem brennenden Leuchter ... nahe darunter ein niemals vergehendes Lächeln. Jedes Lächeln nimmt ein Ende zu seiner Zeit. Dies endete niemals. Siehe da, welch eine Schattengestalt über den Lichtern? Josef Montfort. Zwei Tote. Damals zusammen, heut wieder zusammen; so stellten sie sich mir dar.

Ich kam aber durch die hartgefrorenen, dünn schneeüberzogenen Gemüsefelder an das Fenster, das zu ebener Erde liegt, und schaute hinein. Irgendwo stand ein brennendes Licht. Der Raum war klein und niedrig. Sie stand vor einem geöffneten Kleiderschrank, hängte eine blaßrosa Seidenbluse über einen Bügel, diese in den Schrank hinein und schloß die Türen; lautlos, denn in der Nacht brüllte der Eros über die See. Da klopft ich ans Fenster. Sie kam und machte auf. Ich sagte wohl: Guten Abend! und: Noch nicht schlafen gegangen? Sie antwortete dies und das; wir küßten uns dann wohl.

Und es hatte nunmehr jene Frage zu kommen, die aussieht wie alle andren Fragen, die aber am unsichtbaren Faden weit hinter sich her etwas zieht, das nicht den geringsten Zusammenhang mit ihr hat. Ich fragte nämlich, ob ihr auch nicht kalt sei. -- Sie konnte nun dies oder jenes antworten, es gab auf jeden Fall ein Gelenk, und sie sagte: Es geht -- und Ihnen? -- Nun tat ich scherzhaft, als ob ich gewaltig fröre, um Grund zu haben, sie fest an mich zu drücken, worauf sie wiederum -- übrigens aus keinem besondren Grunde -- tat, als ob ich ihr wehtäte, und sagte: Ich sollte lieber hereinkommen. Da schloß sich denn der Ring zur ersten Frage mit meiner letzten, (die ich jedoch erst nach einer Weile tat, damit sie auch recht bedeutungsvoll erschiene, und während der ich sie mit Behutsamkeit an dieser und jener Stelle des Gesichts küßte:) Ins Wohnzimmer oder in dieses?

Eine Antwort erhielt ich naturgemäß nicht. Aber nach wenigen Sekunden hatte die Erwiderung meiner Küsse einen andren Schmelz, und ich hielt einen andren Menschen im Arm. -- --

Und als sie wieder lagen auf bekränzter, Ermüdete, auf schmaler Lagerstatt, Stand auch der Geierfittich sanft am Fenster Und lächelte auf das erglänzte Watt.

Es schien nämlich (ganz nutzlos, aber doch überaus frohgemut und strahlend über seine Anwesenheit) schien der Mond vom Himmel herab, als ich wieder aus dem Hause trat, und geleitete mich mit meinem Schatten wie mit einer Hand fürsorglich durch das Tal bis nach oben vor meine Tür, wo er zurückblieb.

Wieder einmal aber, schlafesunbedürftig sitze ich nun in der langsam verhauchenden Wärme des Ofens, verzeichne eine Stunde dieses nie zu begreifenden Daseins, blicke von unten in die Lampe, bin besonders ruhig, allem Ewigen so fern, ein kleiner Mensch im Gehäus, und ich beginne fruchtlos zu staunen über die Ahnungslosigkeit unseres Seins.

Da doch immer wir selber es sind, die alles tun, was unser Leben ausmacht, wie unbegreiflich, wenn man sich hineinversenkt, scheint es, daß wir vom tausendsten Teil des allen, solange es gegenwärtig ist, nicht die wirkliche Bedeutung erfassen. Was würden wir sagen, wenn bei der Begegnung mit einer fremden Frau ein Dritter uns darauf aufmerksam machen würde, daß uns über Jahr und Tag ihre besondre Art, das Strumpfband zu verhaken, nicht unbekannt sein würde und keine besondre Sache, und daß wir zusammenschliefen in einem noch nicht einmal gebauten Bett?

Es geschieht auch wohl einmal, daß die gewohnten Zusammenhänge mit unsrer Umgebung und uns selber unvermerkt sich in nichts auflösen; wir sehen mit einem Schlage auf uns selber herunter wie von einem Stern, sehen uns und unser Erdendasein in einem fremden Licht, im Licht der Lebensart auf jenem Stern, und da kommt es uns so fremd und ohne Sinn vor, daß wir uns fragen: Dies sind die Dinge, die dorten vor sich gehn? Dazu wird dorten gelebt? Warum sind sie so? Welche Gründe haben sie zu all diesem? Was frommt ihnen dies? Was haben sie davon?

Antworten aber giebt es keine. Aber so erkannte ich auf einmal sie und mich ganz von oben in jener Stunde, wo ich mich neben ihr in dem bäuerlichen Schrankbett fand, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände unter dem Kopf. Ich hörte dumpf das Brausen der See. Ein Licht in einem Holzleuchter, bestehend aus einer größeren rot- und drei kleineren grünlackierten Kugeln als Füßen, bewegte leise die goldene Flamme mit gasblauem Kern im Luftzug der nahen Fensterfuge; dahinter hingen die stillen, weißen Gardinen hellbeleuchtet; es stand auf einem einfachen Tisch, hellblau gestrichen wie die übrigen Möbel, Stühle, Waschtisch, Kommode, Schrank -- mit bunter Blumenmalerei -- und hinter allen, die Wände empor, waren die stillen Schatten. Zwischen mir und der Wand im Bett aber saß, die Arme um ihre Knie geschlungen, das Kinn fast darauf, Cornelia, und ihre Augen, groß, rund und dunkel, waren ohne Bewegung auf das Licht gerichtet, von dem sie erglänzten. Sie sah aus, als wüßte sie genug. Weich und gerötet war die Haut ihres Gesichts. Sie sprach kein Wort wie auch ich. Und sie und ich, so enge beisammen, sie saß und ich lag, und wir dachten Beide weit weg unsrer Toten.

(Von Bogner)

»Rembrandt,« sagte Bogner, »er mußte nur immer malen.«

(Ich hatte Bogner mit einem großen und roten Buch voller Wiedergaben Rembrandtscher Gemälde angetroffen, und wir sprachen darüber.)