Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 25

Chapter 253,776 wordsPublic domain

Ja, und nun Georg. Sie möchten, daß ich ihn recht genau beschreibe, und in so etwas habe ich freilich gar keine Übung, wie denn meine ganze Berichterstattung wohl daran leiden wird, daß ich das Schreiben gewöhnt bin in allen möglichen Sprachen, nur nicht in der deutschen; es ist merkwürdig, wie wenig man doch weiß von einer Sprache, die man beständig spricht, und wie farblos mir selber alles klingt! -- Körperlich scheint es ihm, Georg, ganz gut zu gehn; er klagt nur über Schlaflosigkeit. Das würde ich auf die See schieben -- sie ist seit Ihrer Abreise fast ununterbrochen stürmisch gewesen --, aber er behauptet, »ohne die See könnte er nicht leben«. Ich kenne ihn ja auch wenig.

Aber ich kann wohl sagen, daß ich erschrak, als ich ihn zuerst hier wiedersah und kaum erkannte. Daran war allerdings hauptsächlich der dünne, rötliche Bart schuld, der ihm ums Kinn gewachsen ist, und der sein Gesicht älter macht, auch weicher und leidender. Am linken Mundwinkel hat er ein nervöses Zucken bekommen, indem es die Unterlippe ruckweise nach links zerrt, oft drei, viermal nacheinander, dann wieder versucht er es zu unterdrücken, und so kann man daran immer erkennen, wie sein innerer Zustand ist. Die Augen, die erst erschreckend eingesunken waren, kommen nun langsam wieder hervor, weil die Wangen etwas fleischiger werden. Wenn ich Ihnen nun noch sage, daß sein Haar über den Schläfen dünner geworden ist und um die ganze Stirn zurückgewichen, so werden Sie ungefähr wissen, wie er aussieht. Fast scheint es mir, er ist noch gewachsen während seiner Krankheit, das wäre ja nicht unmöglich, er ist nun fast einen Kopf größer als Sie und ich und dabei so schmal!

Es ist ja furchtbar schwer, im Innern eines Menschen zu lesen, dessen ganze Natur so wie die seine durch Erziehung und Vererbung darauf eingestellt ist, sich zu beherrschen, aber ich kann doch erkennen, daß er Unbeschreibliches erlitten haben muß und noch immer leidet. Er ist nun, wenn man mit ihm spricht, von einer solchen -- ja wie sage ich nur? -- Demut, möchte ich fast sagen und weiß doch nicht, indem ich das Wort schreibe, wie und wo ich sie gesehen haben will. Er hat eine so unbeschreibliche Gebärde, wenn jemand ihm erzählt, so von Menschen, die man kennt -- er will immer von Menschen hören und lauscht dann mit einer fast glühenden Angespanntheit, als ob er das Wichtigste lernen und nichts vergessen müßte --, so eine Gebärde, wollt ich sagen, mit der er dann die Hand hochhebt und einen ganz vertieft ansieht und sagt: Ja sehn Sie! -- mit dem Ton auf sehn --, aber es läßt sich wohl nicht beschreiben, und ich will nun aufhören, Sie werden sich schon gewundert haben über all das wirre Zeug. Ein wenig betrübt es mich schon und beunruhigt mich auch, von Ihnen und Fräulein Renate so gar nichts zu hören seit Ihrer Abreise, und ich hoffe nur, daß dem nicht etwas Schlimmes zugrunde liegt!

Ich hoffe nur, daß Sie nicht ganz unzufrieden sind mit meiner Berichterstattung, die wie gesagt besser sein würde, wenn ich unglückliches Menschenkind eine eigene Sprache hätte, aber das ist nun zu spät. Ich grüße Sie und Fräulein Renate recht herzlich! Ihre

Cornelia Ring

Georg an Benno

Mein lieber Benno, wie geht es denn Dir? Teuerster Benno, die See ist des Teufels! Heute nacht -- ich hatte der Abwechselung halber einmal ein paar Stunden geschlafen -- fing ein großes Rumoren an, und als der sogenannte Morgen kam -- >ein Ding, das wie Nacht ist aus Lehm< --, war der Teufel los. Ich hause nämlich gewissermaßen auf einer Insel jetzt, ja, das wäre schon etwas andres als Serk, wo wir triumphierend wie die Vögel in der Höhe schwebten, sondern dies hier ist nichts weiter als ein kleiner Teller voll Erde, mitten und unten in der Unermeßlichkeit rollender Wasser, rundherum ist ein besondrer Wall, auf dem Wall ein Turm, in dem Turm ich, nicht völlig mir selbst überlassen, sondern ich habe allerlei Gesellschaft, als da sind: zwei Ziegen, eine Kuh, verschiedene Hühner, ferner Bogner, Ulrika, ein besonders notwendiger Hauptmann namens Ferdinand Rieferling, eine junge Dame mit Namen Cornelia Ring und mehrere Tote. Mein Turm steht auf dem Deich, und stehe ich auf dem Turm, so habe ich naturgemäß das ganze Panorama unter mir: Himmel, grau und schwarz in fürchterlicher Aufregung, ein unsagbares Fluchtgetümmel von Lapithen und Giganten, die vor Raserei sämtlich in Fetzen gehn, und darunter die ruhmwürdige Winterschlacht der bodenlosen Gewässer. Wie wäre es, wenn Du kämst? Hier säßest Du, wie gesagt, mitten darin und schlottertest vor Angst, die Wüstenei überrennte Dich kaltherzig im nächsten Augenblick; die Seele wird sich Dir umkrempen wollen (Notabene bist Du sicher, eine zu haben?), und wenn Du Dich nicht an der Brüstung hältst, so reißt Dich das riesige Saugen der Aussicht ins schwarze Brodeln hinunter. Tausend Satanasse von Gischt siehst Du da herumtanzen und denkst: Wie einfältig ist doch das Land gegen die See, eine fromme milchende Kuh gegen einen tollwütigen Stier. Hundert Millionen in Raserei aufgelöster Büffel sind hier zu sehn, wie sie herantaumeln, nichts in den Hirnen als die aberwitzige Vorstellung, sich allhier die Schädel einrennen zu müssen, und schon ists ein Erdbebenfeld von Legionen zertrümmerter Mauern, die dahergeschoben werden von einer entsetzlichen Leidenschaft, alldas zerspritzt und zerknattert sich zu Deinen Füßen, und das Gebrüll steigt zum Himmel, daß er davonjagt. Alles siehst Du wanken, die bewohnte Erde ist allerseits spurlos verloren gegangen, nun berennt hier die See ihren letzten Widerstand, auf dem Wir, die Letzten, herumkriechen wie die Raupen. Allein getrost! Begeben wir uns vom Turm hinunter ins Wiesental, so ist alles schon wieder ganz sanft geworden, ein wenig öde, ein wenig trostlos, aber der Teufelslärm hat sich gelegt und ist zum Orgelrumoren geworden.

Du solltest wirklich kommen! Wie war das noch? Vor einem Jahr ungefähr schriebst Du mir einen Brief in einer besondren Zeit, wo ich keine Briefe zu empfangen gedachte, und siehe da, ich war gekränkt. Nun haben wir wieder eine ähnliche Zeit, wo ich um Dein freundschaftliches Schweigen ersuchte, und Du schweigst wirklich, und ich bin auch gekränkt. So ist das Leben! Was tust Du? Korrepetierst Du fleißig mit Deiner Elfe das ewige Paternoster: Ich liebe Dich, du liebst mich und so weiter? Nein, laß das, es führt ja zu nichts, komm hierher, hier läßt es sich trefflich rasend werden, und paß auf, ich will Dir mein Haus beschreiben!

Stelle Dir vor: einen Turm, achteckig, nicht eben hoch. Kleine Tür, Du trittst ein und befindest Dich in einem großen und hohen Achteck, das dunkel scheint, nur von rechts und links und Dir gegenüber zerschnitten von bleichen Lichtbalken aus drei, nicht eben großen Fensterscharten, die gut ihre anderthalb Meter tief sind, denn so dick sind die Mauern, und außerhalb enger als innen. Sie liegen genau nach Norden, Westen und Osten, die Tür im Süden. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt, in der Höhe befinden sich rundherum die vor Altersschwärze kaum noch erkennbaren Bildnisse der sieben Planeten. Die vorhandenen Möbel, bestehend aus einem Schreibbüro, rechts vom nördlichen Fenster, einem Ohrensessel irgendwoanders, einem runden Tisch in der Mitte des Raums nebst drei Stühlen, genügten dem letzten Wohner, genügen demnach auch mir. Eine eiserne Geländertreppe führt durch eine Luke in einen gleichen Raum, der als Schlafzimmer eingerichtet ist, und weiter hinauf zur Plattform des Daches. Der runde Tisch aber im unteren Zimmer ist besonders geeignet, immerzu rundherum zu laufen, es ist auch Platz genug für einen zweiten Läufer, also komm, Benno, wir laufen zusammen, einer so herum, einer so, wie die Daumen.

Was jedoch tue ich, wenn ich nicht laufe? Entweder ich laufe doch, bloß anderwärts, nämlich allein oder mit der gewissen Cornelia außen um den Deich, was bei Ebbe manchmal geht, aber wir müssen uns bei jeder siebten Welle an die Deichwand klemmen, -- oder ich schreibe meine Memoiren. Memoirenschreiben ist wichtig, oder wie? Ein Mensch stirbt, keine Memoiren, was kommt zu Tage? Er hat gar nicht gelebt. Augenblicklich bin ich leer, darum schreibe ich erstens an Dich, und werde ich zweitens anfangen, Aussprüche von Bogner zu sammeln. Er tut immerfort ganz bedeutende Aussprüche. (Früher war er nicht so, nun ist er redselig geworden.) Willst Du einen? Da hast Du: Bei Gelegenheit unermeßlicher Ruhmreden auf allerlei Maler, darunter Kokoschka (ach, wohin verschwand mein früher so ebner und stetiger Bogner, nun ausschweifend in Empfindsamkeit und Erschütterungen?), verglich er dessen Bildnis des Schriftstellers P. Altenberg besonders trefflich mit dem >Hinterteil eines Engels in einem Gestrüpp<. Die Gesichter auf Kokoschkas Bildnissen, sagte er fernerhin, seien allesamt ohne Haut, das wolle sagen, er ziehe die Haut davon ab und sehe darunter nichts als wimmelnd zuckendes Schicksal und Leben der Seele, -- so ungefähr, ich werde von nun an mehr acht auf die Worte geben. Bogner ist ein seltner Mann!

Und kurz und gut, ich will Dir sagen, wie es mit Bogner steht. Er ist verrückt. Platterdings, es läßt sich nicht anders ausdrücken. Mit einem Wort: fixe Idee. Plötzlich nimmt er mich beiseite, das heißt, er führt mich von Ulrika fort in ein Nebenzimmer, legt mir die Hände auf die Schultern, sieht mich trübe prüfend an und fragt: Was meinst du, Georg, sie wird es doch gut überstehn? -- womit er das Kind meint, das sie kriegt. (Beiläufig hat er mir nämlich Brüderschaft angeboten, und siehe da, so wandeln sich die Zeiten! Einst, als ich ein pickliger Hering war, wie verging ich in Ehrfurcht vor diesem besondersten Mann, und nun, wo ich inzwischen so heruntergekommen bin, daß ich keinen Bissen mehr von mir annehmen mag, da stellt er mich zur Rechten seines Throns und bezeugt mir sein Wohlgefallen. Wie besonders ergötzlich, zumal wenn man bedenkt, daß es mein telemachisches Zwerchfell natürlich doch kitzelt!) Also, ich antworte: Glänzend! sie übersteht es glänzend! -- Er nickt vor sich hin, sagt: Und ich, Georg, was hältst du von mir? -- Ich -- wie oben und so weiter ... Lieber Georg, sagt er da trübsinnig, du irrst dich. Dies ist bloß Schein. Und, sei nicht traurig, sagt er so in seiner besondren Weichmütigkeit, aber -- kurz und gut: mit mir ist es aus. -- Ich bin sprachlos, murmele einiges, und da fängt er tatsächlich an, mir seine Idee zu entwickeln. Nämlich erstens: Geistig zeugerische Menschen dürfen keine Kinder haben. -- Das nannte er ein Naturgesetz. Man, sagt er, darf nur auf eine Art zeugen. Gesetzt also, ich zeuge trotzdem auf eine andre, so ist damit bewiesen, daß die meine nicht gilt. Ich bin verworfen, sagt er unfehlbar, und geht und sitzt am Fenster bei den Fuchsien in Gestalt eines alten, gebrochenen Mannes. Mir brach das Herz, und er fährt mit einer feierlichen Wehmut fort: Sie -- wird leben, und was aus ihr kommen wird; ich sterbe. -- Ja, so stellte es sich ihm dar: sein Leben hört auf, das des Kindes fängt an. Worauf er anfängt, es mir andersherum zu beweisen.

Einsamkeit, sagt er, ist das Gesetz des Arbeiters im Geist. Dies, sagt er, habe ich an mir erprobt gefunden, denn immer, wenn ich versuchte, mit andern Menschen eine Verbindung einzugehn, gab es Unheil für sie und für mich. So auch jetzt, und jetzt das besonders Böse: Als ich mich mit Ulrika verband, tat ich unwissend etwas, an dessen äußerstem Ende mein Tod erschien. Ich legte Hand an meine eigne Form, ich zerstörte sie. Ich, schloß er, habe selber auf mich geschossen, nicht der Andre.

Und dann wieder von vorn und hundert Mal immer das gleiche in andern Gestaltungen.

Die Verwandlung dieses von mir geliebten Menschen ist zum Grausen. Früher die Stetigkeit selber und Feste, eine gotische Burg, ist er nun wie ein Erdhaufen, unter dem der Maulwurf arbeitet. Ich kann nicht umhin, unsrer ersten Gespräche vor Jahren zu gedenken. Damals -- den Inhalt vergaß ich --, damals aber jedenfalls war ich der besondre Dialektiker, nicht ganz ungewandt, wenn ich auch heute weiß, daß meine Einfälle sich assoziativ einstellten, vermittels Luftwurzeln sich fortpflanzend, anstatt aus unterster Wurzel zu treiben. Heute kann ich mir immerhin einen gewissen Zwang nachrühmen, jeden Gedanken auf seinen Ursprung zu prüfen, er dagegen ist von einer Spitzfindigkeit ohnegleichen und fängt die Behauptungen aus der Luft, weil sie da funkeln. Zum Beispiel folgendes:

Nämlich die Rede war von dramatischer Kunst. Ich weiß was, sagt Bogner, das Drama ist die leibhaftigste, menschenhafteste Kunstform, und darum hat es fünf Akte wie die Hand fünf Finger. -- Blendend, nicht wahr? Übrigens, fährt er fort, ist es dir auch schon einmal aufgegangen, daß sich das Drama zum Epos verhält wie das Gebirge zur Ebene? -- Aufgegangen nicht, sage ich, aber wo du es sagst, kommt es mir ganz bekannt vor. -- Denn siehst du, fährt er eifrig fort, so ein Trauerspiel ist wie eine Gebirgswanderung. Da giebt es überall Plötzlichkeiten, Täler, Abgründe, Schroffen, halsbrecherische Stege, einsam emporstrauchelnde Seelen, Anseilungen, und die großen unverhofften Ausblicke in dampfende Tale, Ängste und Entzückungen, mit einem Wort: Tragödie.

Als Einfall wieder blendend, wie schon bemerkt. Ich aber sagte, ohne mich zerblitzen zu lassen: Und aus diesen Gründen schrieb ja auch der Bergschotte Scott seine langen Romane, der Tiefländer Shakespeare dagegen Tragödien, Epen die Bergschweizer Keller, Meyer und Spitteler, der Tieflandfriese Hebbel dagegen nebst dem Märker Kleist Dramen, ebenso wie Grillparzer vom sanften Kahlenberge. -- Bogner war ganz elend von meiner Beweisführung und wollte sich kläglich herauslügen: Keller hätte vor der Ebene gesessen (ich schrie: aber Blut und Geburt!), Shakespeare wäre als Genie überhaupt unkontrollierbar, Kleist hätte Novellen geschrieben und einen verloren gegangenen Roman (was der alles weiß!). Spittelers Werke wären erfüllt mit alpiner Landschaft und Scott überhaupt bloß ein Schriftsteller gewesen, und vor allem hätte ich vergessen: Balzac, Dickens und Dostojewski aus dem breitesten Flachland. -- Ja, so spitzfindelten wir herum, und er schloß mit der tiefsinnigen Frage, ob das vielleicht deshalb so sei -- wenn ich nämlich doch recht hätte --, weil, wie der Bauer seine Natur so gewohnt wäre, daß er ihrer nicht mehr gewahr würde, so auch der Dichter -- und so weiter ...

So viel vom Bogner. Ja, aber Benno, was muß ich da sehn? Du sitzt und liest und liest an einem Brief, und am Ende stellt sich heraus, daß Du ihn gar nicht gekriegt hast! Nein, ich werde mich hüten, ihn abzuschicken! Eine andre Form der schriftlichen Niederlegung meiner vor Gewohnheit ächzenden Seele wars, Benno, sonst nichts!

Aus den Papieren Georgs

(von Bogner)

»Georg,« sagte Bogner fast traurig zu mir, »ich glaube, du hast einen großen Fehler. Du willst zuviel wissen.«

Wir hatten nämlich halbe und ganze Nächte alles Denkbare bis ins Undenkbare erörtert, und ich dachte, als er mir diesen besondren Fehler vorwarf, ich hätte das auch tun können. Ich sagte deshalb, bloß um etwas zu sagen: »Wie kommst du darauf?« Aber diese Frage war ihm grade recht.

Nämlich in seinem Zimmer steht eine alte, hölzerne und geschnitzte Wiege, die Ulrika langsam mit den fertig werdenden Kleidungsstücken für ihr Kind anfüllt. Vor dieser Wiege saß ich eben, bewegte sie mit der Hand hin und her und fragte mich, warum das eigentlich angenehm für Kinder sei, gewiegt zu werden, da die selbe Bewegung doch für den größten Teil der erwachsenen Menschheit unerträglich sei, nämlich an Bord der Schiffe auf See.

»Nun möchtest du nämlich wissen,« sagte Bogner freundlich, »warum die Wiege hin und her geht. -- Und ich weiß es«, setzte er leise hinzu.

Als ich aber nun um die Erklärung bat, wehrte er ab. »Du willst zu viel wissen, Georg, und weißt du, was du tun wirst? Du zerstörst dir deinen Gott.«

»Weißt du denn, wer mein Gott ist?«

»Alles, was dir unbegreiflich ist. Alles Rätselhafte in dir ist Gott.«

»Ach,« sagte ich, »dann werde ich ihn nicht zerstören, sondern im Gegenteil, ich werde ihn nur wachsen machen, denn je mehr ich davon in Erfahrung bringe, um so ungeheurer werden die Umrisse im Dunkel. Sag mir, was ist mit der Wiege?«

»Du mußt,« erklärte er nun, »wenn du es wissen willst, nicht die große Frage nehmen, sondern die kleine. Unbekannt? Also werde ich dich sie fragen: Warum geht die Wiege hin und her, von links nach rechts, nicht auf und abwärts von vorne nach hinten?«

Diese Frage kam mir schon so besonders vor ... Aber ich wußte keine Erklärung.

»Weil«, sagte er da, »die Mutter, die in ihrem Leibe das Ungeborene trägt, es wiegt, indem sie es von einem Fuß auf den andern bewegt im Gehn, von links nach rechts. Aus diesem Grunde lieben wir diese Bewegung, wenn wir geboren sind, dann erinnern wir uns an vorher.«

Ich dachte noch: Das Kind fühlt sich in der Wiege, wie in der Mutter; und es glaubt, was es fühlt; aber der Mensch hat freilich Erfahrung und ist so groß geworden, daß er selbst im Meere sich nicht mehr fühlen kann, obwohl er ganz darin ist, denn er ist nun nur noch in sich selbst, und er glaubt an nichts mehr.

Ich kann aber nicht sagen, wie sehr mich diese Erklärung Bogners ergriff, ja erschütterte. Sie traf mich wie ein Blitz, und eine Sekunde lang wußte ich alles. Das war, als hätte die vorher immer grenzenlose Welt plötzlich ein ganz nahes Ende genommen. Dort, in der Mutter, war alles zu Ende.

* * * * *

Ich fragte Bogner heut in Erinnerung an das Gestrige, ob er an Gott glaube. Er sagte, wenn ich >glauben< gleichsetzte mit Fürwahrhalten, so könne er nicht sagen, daß er glaube.

Ich fragte: Warum?

Er sagte erst nach einer Weile: »Ein religiöser Mensch, mit dem ich einmal über das Jenseits sprach, meinte, ich glaubte daran nicht, weil meine hiesigen Sinneswerkzeuge nicht imstande seien, mich über das Dortige aufzuklären und mir Beweise zu schaffen.«

»Das war nun nicht der Fall«, fuhr Bogner fort. »Zwar bin ich der Meinung, daß es sinnlos ist, mich in meinen Sinnen mit Dingen zu befassen, die für eben diese Sinne unzugänglich sind. Ich habe aber eine Seele. Und warum ich diese Seele mit einem Dort beschäftigen soll, da sie im Hier vollauf Arbeit und Nahrung und Wachstum findet, das allerdings ist mir unerfindlich. Warum aber tun dies fromme Leute wie jener Frager?

»Sie tun es deshalb, weil eben ihr hiesiges Dasein ihnen keine Gelegenheit bietet, oder im Verhältnis ihres übervollen, sorgengefüllten Daseins zu geringe Gelegenheit, um sie zu betätigen, ja nur zu empfinden. Zu Essen und Schlafen, Sichbegatten und Plagen, zu Büroarbeit, zu Kinderschelten und -kleiden, zum Spaziergang und Musikkapelle haben sie eine Seele nicht nötig. Vielleicht daß sie es meinen, aber alledies und noch viel feinere Dinge würden sie mit der Vernunft allein und ohne Seele genau so gut besorgen, und die Tiere tun das in ihrem Maße, zum Beispiel die Ameise oder der Biber. Aber doch wissen sie von der Seele durch den Tod. Sie sind arm und wollen reich werden. Sie sind so arm, daß sie sogar einsehn: für einen Reichtum der Seele ist in diesem Dasein kein Platz. Sie müssen selber wider Willen einsehn, daß sie ihre Seele hier nicht brauchen können. Wäre Mitleid von allen Lebensvehikeln nicht das gefährlichste, so könnte man Mitleid mit ihnen empfinden.

»Ich,« sagte er langsam, »ich war ein glücklicher Mensch. Ein reicher Mensch. Ich brauchte auf keinen dortigen Reichtum zu sinnen. Ich habe durch über zwanzig Jahre meines Lebens jede Stunde und Minute jedes Tages meine Seele gebraucht. Ich war reich«, schloß er traurig.

(Dieweil er ja denkt zu sterben und also zu verarmen; er kommt immer zur selben Stelle zurück.)

Ob das alles sei, woran er glaube, fragte ich bald, um ihn abzulenken. Er schwieg lange. Endlich sagte er:

»Ich glaube ja nicht. Ich -- bedarf. Du und ich, wir bedürfen des Göttlichen.«

»Und das ist?«

»Ich sage es ja: das Geheimnis. Es giebt die unbekannten Dinge, vor denen dich schaudert. Es giebt dich und mich selber, die wir uns so unbekannt sind, daß uns schaudert, wenn wir diese Stelle berühren. Warum mußte ich malen? Wenn ich diese Stelle an mir berührte, so sagte Gott: Ja. -- Und ich sah ihn golden eingehüllt in sein Rätsel. Warum kann ich nicht mehr malen? Ich habe die Gnade verloren.«

Immer die gleiche Stelle. Er weinte. Wir wurden unterbrochen und kamen an diesem Abend nicht weiter.

* * * * *

Da wir heute von großen Menschen vergangener Zeiten sprachen, so malte Bogner in einer unbeschreiblich wunderbaren Weise von manchem das Wesen, mit Bildern aus drei Worten oft, wie ich es nie von ihm hörte (und immer mit diesem leichten Zittern von Tränen in der Stimme, das er jetzt bei solchen Gelegenheiten hat), und ich erinnere mich nur noch, wie er Hölderlins äußerlich rührend dürftige Gestalt hinstellte als einen abnehmenden Mond am Abendhimmel, dessen ganzes volles Rund doch im Unendlichen schwebe; wie er Jean Paul nannte: einen Pfauenschweif aus Regenbögen, und Novalis die Narzisse mit den Zeichen der Passion in Blüte verwandelt, -- worauf er dann mir ganz unvermutet in Klagen ausbrach, daß es nur früher Menschen von solchem Seelenadel, solcher Reinheit, Größe, Süße und Einfalt gegeben habe. Ich mocht es nicht glauben, widerstritt aber nur unvollkommen: eben heute hätten wir andres ...

Er seufzte. Was das für ein sinnloser Einwand sei. »Du vermissest eine Blume und sagst: aber jetzt habe ich einen Edelstein. Ist nicht das Dasein jedes Dinges gegründet auf seine Notwendigkeit? Gäbe es überhaupt etwas, das wert wäre zu sein, wenn es einen Ersatz dafür gäbe? Gut aber, du sagst, du habest jetzt den Edelstein, und eins machst du damit natürlich klar: daß der Edelstein, den du kennst, im Augenblick für dich einen solchen Wert hat, daß du den der Blume, die du nicht kennst, gar nicht begreifen kannst. Und so hättest du recht. Und noch aus einem andern Grunde sogar wirst du recht haben, denn du hast den Verstand für dich, der dir sagt: ich lebe heute; also muß das Heutige mir wert sein. Ja, Georg, der Nüchterne, der Unbewegte, oder der sich so stellt, der hat immer recht, wenn er linker und rechter Hand aufs Fluten hinabsieht und sagt: da und dort ist gleiche Stromgeschwindigkeit. Wen aber eigne tiefe Wallung der Stunde selber hineinriß in die Strömung, der hat nur das Jauchzen -- nach vor- -- und das Klagen -- nach rückwärts, und morgen, Georg, morgen, wenn du im Strome liegst und ich am Ufer stehe, wirst du mit meinen Worten zu mir aufjammern, und ich werde dich und mich Lügen strafen.«

* * * * *

Ich fand Bogner über einer Bibel am Tisch; er schien auf mich gewartet zu haben, denn er sagte gleich: »Da habe ich die ganze Schöpfungsgeschichte gelesen, und weißt du, was ich gefunden habe? Es werden alle erschaffenen Dinge aufgezählt, aber ein ganz wichtiges ist vergessen. Es könnte vergessen scheinen«, verbesserte er sich. »Wenn ich es dir nenne, wirst du seine tiefe Bedeutsamkeit erkennen. Ja,« fuhr er eifrig fort, »angenommen, dies ist der Fall: ein Ding, das wir von Gott erschaffen glauben, wurde bei der Aufzählung des von ihm Erschaffenen nicht genannt, was muß die Folge sein?«

»Daß er selber dies Ding ist.«

»Gut, Georg!« Er lobte mich. »Und nun weiter: Was tat Gott, nachdem er den Menschen aus Lehm geknetet hatte? Er machte ihn lebendig. Wodurch? Dadurch daß er ihm seinen Odem einblies. Was aber war dieser Odem?«

Ich sagte: »Die Luft.«