Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 24

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Wie freundlich leuchteten mir im Näherkommen dann das Blau und Weiß des Hauses im tieferen Licht und im Blumengarten davor Gebüsche von rosigem, weißem und ziegelrotem Flor! Ich glaubte, wieder wie einst, das große Wandern der Sonne spüren zu können und wieder Raum in meiner Brust.

Als ich dann zum Hause gelangt und zur Linken um seine Ecke gebogen war, hatte ich dies unvergeßlich scheinende Bild:

Zwanzig Schritte hinter dem Hause wieder die hier gelindere Steigung des Deichs, -- rundum schließend wie ein Ende der Welt. Hoch oben stand, noch ganz am Rande, die Gestalt der Cornelia, die ich gleich erkannte, obwohl sie schräg von mir abgewandt stand nach der See, ganz leuchtend vom feurigen Sonnenschein, im blauen Kleidrock und weißer Bluse und in einer Haltung, als ob sie im Gehen festgewurzelt wäre. Ein paar Schritte weiter rechts saß, zur See gewandt wie sie, auf einem Feldstuhl ein grauhaariger, unbekannter alter Mann, in dem mich erst Erfahrung zu meinem tiefen Erschrecken den Maler Bogner erkennen lehrte, -- und Beide über der grünen Wand waren wie vor einer sattblauen, vor dem leeren Himmel, ganz nahe davorgesetzt. -- Und dann, wie ich wieder nach unten und zur Rechten sah, gewahrte ich auf einer Bank vor der Hauswand Ulrika Tregiorni in einem grünen Kleid, die Hände im Schoß, sitzend in einer solchen Ergebenheit, so sich hineinfügend in die Tiefe, über der droben die beiden Andern feierlich eifrige Ausschau hielten über ein unsichtbares Land, -- daß es schmerzlich zu sehn war.

Unbeschreiblich war dann die Freude des Malers, als ich seinen Namen rief. Wie er sich umdrehte im Sitzen; wie sein gealtertes Gesicht sich veränderte in der Freude; wie er aufstand und die Arme nach mir ausstreckte wie ein Vater -- leider im Stehen noch verkrümmt infolge der fehlenden Rippe --; wie ich zu ihm hinauflaufen mußte und er fast weinte, -- ach, ich fürchte doch, dies ist mehr erschreckend als erfreulich, denn früher war er alles andre als weich. Mir aber blieb alles nach in der Brust und so, als ob unmerklich eine Seele wieder sich bilde, von weicher Wasserfaltung erwacht, zartes Korallengeäst in dem Dämmer der Tiefsee.

Ich bin also in den besondren Turm eingezogen und so weiter, -- ich weiß nicht, mir wird auf einmal wieder so unruhig ...

* * * * *

Ah, haha! _Rideamus, amici!_ Nun lustig, lustig, _rideamus_, und die See brüllt dazu wie besessen, denn warum? Ein neuer Aspekt des Todes, jawohl, jawohl, jetzt hätten wir alles besonders beisammen, _rideamus nunc_, was stellt sich heraus? was fördert sich, was muß ich selbst zutage fördern, wie ich nämlich mit Ulrika und Bogner abendlich dämmernd zusammensitze und keiner was zu sagen weiß und ich deswegen nach Irene frage? Dieselbe ist wieder im Kloster und warum? Nach einem endgültigen Endkampf mit diesem besondren Klemens haben sie sich zur süßen Liebe entschlossen, aber deswegen keine lieblichen Gefühle -- nein, bloß nicht weich werden! -- sondern er stößt sie von sich, jedoch -- das ist nicht meine Sache, aber wie es entstand, das ist die besondre Frage, und zwar war es der große Mummenschanz naturgemäß, der jenen Klemens zu grausamen Schmähungen veranlaßte, weil Dieselbe trotz Verehelichung mit einem roten Sozialdemokraten es leckerte nach dem dynastischen Gepränge, und demgemäß, wer trägt die Schuld auch an dieser besondren Verwirrung? Immer derselbe. Nein, bloß nicht weich werden, und die See brüllt wie besessen, denn weiter: Spazierend am schmalen Gestade der Ebbe mit der sogenannten muntren Cornelia, will ich was Munteres sagen und öffne die Lippen zur Frage: Wie gehts eigentlich jenem Josef von Montfort? Oh erbarmungswürdige Entgeisterung! Einerseits und dann beiderseits, denn siehe da, derselbe ist maustot, umgebracht von dem eigenen Bruder! _Rideaumus_, es ist zum Haarausraufen, denn gleich holt mich der Teufel, wenn das sich nicht auf immer denselben Mummenschanz zurückführen läßt, bloß nicht weich werden, denn das ist freilich noch nicht alles, denn sie weint ja nun und zeigt sich besonders bekümmert, daß dies an ein und demselben Tage vor sich ging, an dem auch der bekannte Maler beinah sein liebes Leben verlor, und auf Befragen erzählt sie gern eine höllische Szene, nämlich wie sie ein grausames Schießen hört, mitten am friedlichen Nachmittag, immerzu Knallen und Knallen, und hinunterläuft und in ein Zimmer, und da steht ganz rauchend dieser Bogner, oder vielmehr er fällt schon hin, vornüber auf eine besondre Fensterbank, fluchend und röchelnd und mit einer besondren Pistole fuchtelnd, und immer in seinen roten Teufelshosen vom Mummenschanz dazu, und draußen im Freien, wer liegt an der Erde und sagt auch nicht ein Wort mehr? Natürlich der andre Duellant, tot wie eine Ratte, und sie haben sich Beide mindestens mit zwanzig bis dreißig Kugeln durchlöchert, bloß nicht weich werden, denn siehe da, worüber zerbrachen sie sich lange den Kopf, Cornelia und auch die Ulrika? Wie ihr sogenannter Ehemann ihn hat ausfindig machen können, aber Bogner offenbarte dasselbe, denn der Ehemann muß ihn beim Mummenschanz gesehen haben zusammen mit Ulrika, seinen Namen erforscht, da er ihm natürlich gleich besonders erschien, und ihm nachgegangen sein, nachgegangen wem? dem mit den roten Beinen, sie ließen sich auf keine Weise aus den Augen verlieren, im dichtesten Dickicht der Beine nicht, und so geschah's!

Rein in die Hölle, raus aus der Hölle, und nicht weich werden und die Rechnung aufgestellt, denn nun hätten wir ja den Unheilsberg strahlend beisammen, als da sind: Esther und Sigurd, Cora und Magda, Josef, Erasmus, sein Vater und Renate, Cornelia und Cordelia, Bogner benebst Eltern und Ulrika mit Mutter, Irene nebst Ehemann und Klemens, bloß Helene ist leider noch immer nicht dabei, und über Allen schwebt -- -- --

Ich, ich, ich! Ich hinter der Maske, da saß ich jahraus und jahrein über Töpfen und Retorten und destillierte das zarteste Gift, verabreicht' es an einem Tag, und da sitze ich nun mit meinem grinsenden Schädel auf dem Berge der Leichen und kann meinen Nabel betrachten!

Auf, laßt uns nun wahnsinnig werden!

Den Verstand verlieren, o mein Gott, den Verstand verlieren! All ihr Götter, wie kann ich denn einen haben, wenn ich ihn jetzt nicht verliere!

Renate an Saint-Georges

am 7. Oktober

Mein Geliebter!

Siehe da, ich schreibe und weiß nicht wohin. Der Gedanke, daß Du augenblicks in die Welt aufbrechen solltest, um das Tal und das Haus zu finden, in dem wir bis in alle Ewigkeit wohnen würden, war preiswürdig, als wir ihn dachten, nun aber jammert mich seiner, er hat gar so viel Ähnlichkeit mit einem halb ersoffenen Kätzlein. Legen wir es auf den guten warmen Ofen bis übermorgen, und trösten wir uns derweil mit der süßen Speise Wiedersehn und dem klaren Weine, der Dann-niemals-mehr heißt.

Ach, mein ewiger Geliebter, wenn es in der Welt etwas giebt, das anders ist als alles Leben und alle Dinge dieser Welt, und das Liebe heißt, was kann denn dieses anders sein als die Vollkommenheit? Und wenn sie die Vollkommenheit wirklich ist, so ist doch alles, was geschieht, in der Liebe geschehn, was der oder die Liebende tut, was sie nur denken und anfangen, es muß alles in der Liebe sein und vollkommen. Demnach ist ein jedes verständlich und ganz klar, und daß Du dort bist und ich hier, auch dieses muß Vollkommenheit genannt werden, ich sehe es vollkommen ein und begreife es, bloß: sie ist nicht so leicht zu ertragen, diese Art von Vollkommenheit, und sicher ist Übermorgen gar nicht, aber Du kommst ja erst Freitag.

Freitag, das soll auch so was heißen! Morgen ist Dienstag, übermorgen ist Mittwoch, überübermorgen Donnerstag, und was über überübermorgen geht, das kann schon kein Mensch mehr aussprechen, also was fang ich an? Soviel im Hinblick auf die Vollkommenheit ...

Übrigens:

Renate

Nachts

Aber eben als ich aufwachte aus dem Schlaf, und Du warst nicht da, als ich das Alleinsein spürte und den immerwährenden Schmerz und den Verlust, da fühlt' ichs doch auch: daß es vielmehr ein Verlust meines Wesens ist als meines Habens, ach, und daß es vielleicht nur einer kleinen Anstrengung bedürfte, um mein ganzes Wesen, dies hier und das Stück dort, wo Du bist, wieder ganz zu fühlen, und schon wie ich es versuchte, da -- nicht in mir, ach, das nicht! Aber _in der Welt_ fühlte ich die Vollkommenheit ganz heil und unerschütterlich, und ich seufzte.

Denn Du und ich sind eins und vollkommen, und eins und vollkommen in uns ward die zerrissene Welt; darum sollten wir nicht trennen, auf keine Weise, was eben erst heilte.

am 8. Oktober

Dein Bruder hat Schülerwitze gesammelt in den letzten acht Wochen und läßt sie nun vorsichtig los. Meist kann ich sie nicht behalten, aber höre diesen: Kannst Du mir einen Satz sagen, in dem die Worte an und bis hintereinander vorkommen? Nein, Du rätst es ja nicht, Du rätst es ja ganz verkehrt! -- Es heißt: Ich angelte, wo der Fisch anbiß. Ach, wie kann es so etwas Dummes geben!

Aber Du Fischiger weißt Du auch, warum diese Dummheit mein Gedächtnis anbiß? Weil Du schon ganz kalt und naß anzufühlen bist vor lauter Fischigkeit, will sagen lauter Stummheit! Ich rede den ganzen Tag mit Dir, Du hörst weise zu, aber Du schweigst wie Dein weißes Abbild vor mir auf dem Tisch. Ich sehe es an, bis mir die Augen übergehn, und dann wird mir unbegreiflich zumut.

Ech-en-Aton und Du! Ist es möglich, daß ich ihn hatte und Dich, drei lange Jahre lang, und doch glauben konnte, Ihr seid zwei? Ist es, war es wirklich möglich: drei Jahre zusammen mit Dir, am selben Tisch, im selben Raum, in derselben Luft tagaus und tagein und blind, so ganz blind >für was in dünnem Schleier schlief<? Nein, wäre es möglich, daß plötzlich glühen kann, was durch Jahre hin nicht kalt war, nicht warm? Daß Augen eines Abends in lichtem Feuer stehn, in Feuer der Mund, in Feuer das Haar und der ganze Mensch, ein Feuerofen, aus dem ein selig Verbrennender singt? Ach, Geliebter, es ist wahr, und es mußte so sein, denn es ist ja kein Du und kein Außen, für das ich plötzlich Augen und alle Sinne bekam, sondern das ist meine brausende Seele, die endlich, endlich über die Ufer ging und mich himmlisch zerriß. Und ich kann es doch nicht fassen, nein, nie, nie, niemals werde ich es fassen können, daß diese Hand hier, die schreibt, an _einem_ Tage süß geworden ist, ach, so süß durch die eine Berührung, daß ich denke, alle Bienen müssen kommen und sammeln und die ambrosische Wabe bauen in Gottes Herz! Und so süß, daß ich sie manchmal hinnehmen muß in die andre, sie halten und fühlen schwer wie von Gold. Ach, so verwandelte schon ein holder Geist den Stab des Armen auf der Straße, daß er schwerer ward und schwerer in seiner Hand und längst zu Golde geworden war, ehe der es begriff mit den Augen. Ja, ist es nicht so? Es vollzieht sich die göttliche Wandlung, wir wissen es längst, alle Sinne wissens und sagens, aber da ist noch ein letzter Sinn, der weiß nichts, und grade der ists, den wir zum Erkenner gemacht haben, und endlich, endlich erfährt es auch der, wie der einsamste Siedler in den Bergen vielleicht von einem Kriege hört, der die halbe Welt zerriß, und er ist fast schon vorüber. Ein Schiffer vor tausend Jahren fuhr durch die Nacht an einer Insel vorüber und rief hinein: Der große Pan ist tot! -- Und da, als dieser Schiffer es rief, da wußte es erst die Welt. Ach, aber wenn etwas sein sollte, und es ist nur ein Ding der Erde, das nichts davon weiß, so ist es noch nicht, so kann es nicht sein.

Mein Geliebter seit Ewigkeit, das warst Du! Und Alle, Alle, alle Geister der Erde haben es gewußt, nur ich nicht, nur ich! Und ob ich es nun auch zehntausendmal weiß: ich sehe mich nur immer an und frage mich und kann nicht begreifen: Warum ist sie denn jetzt süß, diese Brust, die linke und rechte, und süß dieser Mund, süß das Haar und die Knie und der ganze Leib unaufhörlich ein schluchzendes Wunder von Süßigkeit, warum, wenn er es vorher nicht war?

am Abend

Ich habe Dich im Süden und Norden gesucht, mein Geliebter, ohne Dich zu finden, kam müde heim, und da lächelst Du mich an aus meinem Herzen. Der Mond stieg, die liebliche Sichel, aus dem Meer. Nein, nicht aus dem Meer kommt der Mond, sondern aus der Tiefe der Welt; nicht aus mir kommt die Liebe, sondern aus der Tiefe der Welt; und Mond und die Liebe, sie fahren einer im andern durch mich und das Meer in die ruhige Tiefe der Welt. Schlafe wohl, mein Geliebter!

Renate an Irene

Helenenruh, am 8. X.

Irene! Irene, muß ich wirklich, oder besser noch, darf ich es wagen, den Drachen des Schweigens, von dem Du Dich verzehren lässest, mit dem Schwert meiner Rede zu bestehn? Ich könnte Dir, arme kleine Aja, freilich auch einen richtigen Saint-Georges zu Pferde schicken, der Dir und mir den Lindwurm erlege, aber leider kann ich ihn heute noch nicht entbehren ...

Oh Worte, oh Worte! Komme zu mir, und Du wirst alles wissen. Ich bin glücklich, Du kannst es auch sein! Ich liebe, Du kannst es wie ich, ich werde geliebt, und Du kannst es werden. Kannst Du nicht lieben? Liebst Du nicht lange? Ich sage Dir, Irene, daß Du rasend bist, wenn Du andre Wege irgendwo suchst und vermutest, daß Du rasend bist, wenn Du nicht aufbrichst auf dem einen Weg, Dich hinzuwerfen und zu lieben!

Liebe, liebste Irene, muß ich Dir vielleicht noch erklären, wie Du das machst? Laß Dir sagen, Du brauchst nichts zu tun, als hinzugehn, wo Dein Georges, also Dein Klemens ist, und zu bleiben und zu lieben. Wenn er sich wehren sollte, so mußt Du ihn mehr lieben. Dann könnt Ihr Euch heiraten oder nicht heiraten, aber von nun an sollt Ihr alles gemeinsam tun, schlafen und essen, Werktage haben und Feiertage, eine Wohnung nehmen und drin wohnen, Einkäufe machen und Bücher lesen und Spaziergänge machen und keinen Armen von Eurer Türe weisen, und was es auch sei: hierin, hierin wird Eure Liebe, die Liebe sich zeigen und bestehn, und wenn dies so ist, werdet Ihr heilig geworden sein und dürft mit Eurer Berührung schon an Kranken und Beladenen, an Traurigen und Schwachen -- Wunder der Liebe entfalten.

Dies verheißt Dir

Renate

Renate an Saint-Georges

Nachts am 9.

Heute nachmittag fuhren wir vom Böhner Hafen im Segelboot nach Hallig Hooge, Magda und ich mit Deinem Bruder und Li. Ulrika ist nun im siebenten Monat, und man sieht es; sie ist sehr still geworden, ihr Gesicht erschreckend verändert und auseinandergetrieben. Dem Maler -- doch davon nachher. Wie die Insel aussieht, weißt Du, der Tag war köstlich, kühl, aber licht, der große, von allen Seiten her aufgebaute Himmel bewegt von reichen Scharen riesiger Wolken, schneeweiß, das Meer darunter, von ihren Schatten durchdunkelt, in Streifen schwarzblau und lebhaft bewegt, aber ganz ohne Schaum. Als Ebbe war, zogen Ulrika, Magda, die Cornelia und ich Schuh und Strümpfe aus und wandelten als Kette Arm in Arm den Strand hin, schrien und sprangen, wenn eine Welle über unsere Füße ging, und auf seinem Turm stand der arme Sternedeuter Georg mit einem langen Handfernrohr und betrachtete uns durchbohrend. Aber er zeigte sich nicht, obwohl wir Li als Boten zu ihm schickten. Armer Georg! Ach, und arme Liebe, die Magie ist nur an Zweien, an mir und an Dir! Müßte ich nicht die Hand auf seine Stirn legen können und sagen: Stehe auf und wandle? -- --

Ich habe keine Grenzen an mir, wenn ich allein bin und eingehe in unsern ewigen Gedanken. Immer wieder ist sie dann, die einzige Stunde, und alles hebt wie damals an: aus unsern Herzen der einige Strom, großen Ganges durch die schlafende Welt, wir selber der Strom, nicht mehr Gestalt, nur unermeßlich Fluten, Wogenberge gleitend hingetürmt, durchqueren wir das alte Erdenland. Nicht einsam, Geliebter, nicht einsam! Sieh, es bevölkern sich unsre glücklichen Gestade, und wir, heilig leben wir, verhundertfacht wieder haben wir Herz und Odem und Gestalt in allen Wesen, die wir laben: Wenn sie, die großen Fabeltiere, sie, die erlauchte Tiere noch sind, Behausungen nur der Götter, noch Götter nicht, noch nicht Strom, die _einsamen_ Liebenden all: wenn sie von ihren Weideplätzen hergewandert kommen scharenweis, oder auch einzeln in der dumpfen Leidenschaft der Einsamkeit; wenn dann ihr tief und frommes Schlürfen hörbar ist allein im weiten Mondesschweigen: oh wie leb ich, wie leben wir dann, tränkend, nährend, Liebe zeugend, da wir Liebe sind!

Und ich weiß, daß es einmal sein wird, weiß, daß Liebe Liebe zeugen wird, einmal, ich weiß -- --

Und dennoch: es braucht nur irgendein Mensch vor mir zu stehn, leibhaft, so habe ich schrecklich nahe Grenzen überall, und kaum ein Strahl dringt aus meiner Hülle zu ihm. Wer sieht denn die Liebe, ach wer? in ihren Augen sind wir gewöhnlich wie sie selber, gekleidete Menschen mit Aussehn und Handeln: aber doch Liebende nicht! -- Bogner freilich, er hat ja selbst einen Gott in der Brust, der erkannte sich gleich mit dem unsern, und sie lächelten einander zu. Noch seh ich ihn vor mir sitzen auf seinem Feldstuhl oben auf dem Deich -- Stehen und Gehen gelingt ihm noch kaum, obgleich er schon ganz gut Fleisch angesetzt hat, auch braun geworden ist und sein Auge wieder das alte, helle -- dasitzen und zu mir aufschaun mit seinen einzig sehenden Augen. Er sagte kein Wort, hielt nur meine Hand, und so erfuhr er alles und lächelte und war meiner froh.

Es wurde Nacht, ehe die Flut kam und wir zurückfahren konnten. Das Wattenmeer regte sich kaum, wir schaukelten auf seinen Atemzügen, schön wie ein Geist stand das bleiche Segel unter den herbstlichen Sternen. Da sah ich zum ersten Mal in diesem Jahr den Orion, Zeichen des Winters, und ich bat ihn, den großen Jäger, daß er mir Dich erjage und bald, bald die heilige Beute lege an mein zitterndes Herz!

am 10.

Du hast mir so schöne Namen geschenkt, mein Geliebter, und ich hole sie so behutsam hervor wie irgend wirkliche Kleinode, halte sie lang in den Händen und freu mich an ihnen, ehbevor ich sie anlege und vor den Spiegel trete, noch schöner als schön! Ach, und wenn jemals eine Armut war in meiner Schönheit, wie ist sie nun Reichtum geworden durch deine allsehenden Augen!

Ach ja, mein Gebieter, wenn Du sagst, daß ich die Magnetnadel sei, die niemals jemand einstellen könne als sie selber, so will ichs gern glauben, und die drei Jahre tun nicht mehr so weh. Mit Libussa aber, dieser Huldin, das stimmt doch schon gar nicht, denn wo blieb das weiße Pferd? Oder sandt ich es wirklich -- im Traum? Am Morgen mags gewesen sein, als ich am Parkrand schlief nach dem Bad; der Nebel war so weiß, da machte mein Traum draus einen Schimmel und schickt' ihn zu Dir, und da kamst Du auf ihm geritten durch das Wasser des Teichs, denn war die Brücke nicht hoch? Woher aber dann die nassen Beine, mein Fürst, wo das Wasser doch ganz flach ist für ein Pferd? Nein, nein, ich seh Dich schon durchwaten, ich seh Dich, und Du bist der umgekehrte Christoferus gewesen, -- oder wars nicht so, daß die Last der Liebe auf Deiner Schulter leichter und leichter wurde mit jedem Schritt zu mir her?

Was aber mich betrifft, so werfe ich alle Bürden kurzerhand von mir und breche morgigen Tages auf heimwärts. Morgen, sagst Du, kommst Du zurück, den Zug weiß ich auch, da bin ich an der Bahn, und es ist herzzerreißend schön, wenn wir uns unter all den Menschen wieder sehn und nichts sagen können und nach Hause fahren und -- und -- -- und -- --

Weißt du nicht, daß ich ein Weib bin, sagt die gute Rosalinde im Shakespeare, und nur denken kann, wenn ich rede? -- Na, glaubs schon nicht, Teuerster, ein bißchen kann ich schon, auch wenn ich nicht rede, aber nun nimmt es ein plötzliches Ende und -- und --

Und ganz schön still bin ich wieder und rede nur noch unsre heilige Sprache, der Liebe einzige Sprache des Schweigens, dort, in meinem Zimmer, in meinem alten Leben, im alten Muschelbett der einst lieblosen Träume, -- des Schweigens Sprache, einsilbig in immer dem selben Kuß!

Saint-Georges an Renate

Den Du erwartest, kommt nie zurück.

Es muß eine Wahrheit gesagt werden viel zu spät. Und darum ist die Schmach, sie nicht in Deine Augen sagen zu können, leicht genug zu tragen mit dem Ungeheuren.

Kommt nie zurück. -- Denn --

Es sind am heutigen Tage drei Jahre und drei Tage her, als er Dich zum erstenmal sah; im ersten Augenblick das Schicksal wissend, das ihn mit Dir zusammenfügte; im nächsten auch schon das Zweite: daß Du die Magnetnadel seist, die niemand einstellt als die Kraft. Das Dritte ahnte er damals nicht.

Daß es drei Jahre dauern würde, drei niemals endende Jahre der unaufhörlichen Qual. Und daß, wenn diese drei Jahre dann ein Ende genommen haben würden, das Feuer sich selbst verzehrt haben sollte und nichts mehr sein.

Daß Du aber an ihrem Ende kommen würdest, ausgestoßen, aus einer ganz verschütteten Welt, in sein Haus, schon wissend -- und doch es nicht begreifend --, daß niemand mehr war als Du und Er.

Und daß zwei Nächte der vollkommenen Hölle sein würden, Tür an Tür mit Dir und -- genug!

Und danach die Erkenntnis.

Und danach die Angst, daß nun das Unselige kommen würde, nun, nun! daß die Nadel sich einstellen werde in diesem Augenblick, in jedem nächsten, der bevorstand. Und die Angst, daß die Erkenntnis ein Irrtum sei. Und so lag er über der Asche Tage und Nächte, blies und blies, bis dann beide Ängste ihn hinüberrissen zu Dir, um -- was? Vielleicht -- nur zu gestehn. Vielleicht wegen der Erlösung.

Da aber war die Insel. Da war die Erkenntnis ein Irrtum gewesen. Da kam der Flug in die Flamme. Und durch die Flamme. In das zeitlose Eis.

Da war sie doch wahr gewesen, die Erkenntnis.

Noch ist zu sagen von einer Flucht und einigen Tagen sinnlosen Kampfes um das, was längst nicht mehr war.

Und zu sagen vielleicht von der ruhigen Kälte Eines, der drei Jahre im Feuer stehn sollte -- ganz kalt.

Und vom Ende und diesem Briefe, der keine Namen hat. --

Viertes Kapitel: November

Cornelia Ring an Magda

auf Hallig Hooge, am 1. November

Liebe Magda, heute will ich nun daran gehn, Ihren Wunsch zu erfüllen und von uns Allen hier, besonders von Ihrem Freund Georg einen möglichst >naturgetreuen< Bericht zu geben. Es ist später damit geworden, als ich dachte, aber Sie werden einerseits daran sehn, daß nichts Beunruhigendes zu melden war und ist, und andrerseits sind es ja immerhin sechs Menschen und drei Häuser, für die ich nun haushälterisch aufzukommen habe, das reicht schon für den Tag.

Ich beginne mit Bogner, und über ihn glaube ich Sie recht beruhigen zu können, jedenfalls was seine Gesundheit angeht. Ich mache ihm täglich nach wie vor selber seinen Verband neu, da Frau Tregiorni den Anblick nicht ertragen kann, begreiflich bei ihrem Zustand, und sehe, wie es eigentlich täglich besser wird. Er selber klagt auf Befragen noch immer über Schmerzen beim Gehen, aber an Stellen, wo wirklich nichts sein kann außer schmerzlicher Gewohnheit von früher her, vom Liegen oder so, das Loch im Rücken braucht natürlich Fleisch zum Ausfüllen, und da er so wenig ißt ... Doch denk ich, es wird schon werden, ich habe da allerdings mehr Vertrauen als er -- obgleich er nicht davon spricht, weiß ich, daß er noch immer der Meinung ist, es gehe mit ihm zu Ende --, aber ich kenne einen ganz ähnlichen Fall aus Erfahrung.

Frau Tregiorni ist recht still geworden. An ihr zeigen sich alle Leiden dieses Zustands, Fröste, Fieberschauer, plötzliche Ängste, immer wieder Übelkeit, Abscheu vor diesem und jenem, heut einer Speise, heut einem Kleid, oder vor Menschen, nun -- Sie werden wissen, wie das zu sein pflegt, und daß es an sich nicht besorgniserregend ist, obgleich ich schon sagen muß, daß es mehr ist als gewöhnlich.