Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 23

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Wozu all das, wozu? Geld ging hinaus, Geld kam herein! Warum kann ich nicht auf all das verzichten? Birnbaum machts ja doch Vergnügen, er kennt nichts andres, er weiß überhaupt nichts andres, es ist seltsam und unbegreiflich, aber sein Leben besteht darin, und er fühlt sich wohl, abgesehn von seinen Sorgen, die aber nicht durch dieses bedingt sind. Eine Abendstunde mit Dickens, ein Gespräch mit seiner Frau, ein Spaziergang am Schabbesabend, tausend Schritt genau bis Lornsens Mühle, Schachspiel, -- das sind seine Freuden, und dann -- ja, dann ist ihm wohl das Ganze durchwärmt und vertieft durch Liebe, zu ... zu mir ... und er würde es nicht fassen können, wenn ich die Hand davon abzöge. Er dient, und es ist ihm Wonne zu dienen, und ich --

Womit es denn nun wohl genug sein dürfte. Das ist ja alles bloße Quälerei.

Es hat aufgehört zu regnen, wie ich sehe, ich hätte Lust, nach Hallig Hooge zu fahren. Also dieser Maler Bogner haust, wie ich nun erfahren habe, dort mitsamt Ulrika, -- man trifft doch überall die selben Leute. Vielleicht störe ich ihn. Wer nach Hallig Hooge zieht, den zog vermutlich Einsamkeit. Ich glaube, jetzt schreibe ich ein Gedicht.

Noch ist es hell und rein Hoch in den Räumen, -- Schon bricht die Nacht herein Unter den Bäumen, -- Schlafen und stille sein, Nicht einmal träumen ....

Dunkel, o Dunkel, ohn Arg dir ergeben, Fühl ich die Gottheit schon Über mir schweben: Schlaf, gieb die Mohnenkron', Sanfter zu leben.

Wacht nun der Himmel, der Goldengeäugte? Auge, du fragst nicht, wer Jetzt dir noch leuchte. Nacht ist, nur Nacht umher, Göttergezeugte.

Tief in die Dunkelheit Antlitz vergraben, Träume, wie fern ihr seid, Flötende Knaben! Abgrund der Schweigsamkeit, Dich will ich haben.

Und endlich denn am Ende von allem das Unumgängliche: der ewige Sturz.

Auf die Knie an dem Bett unterm Emmausbild, und endlich schrei dich aus, verzweifelnde Seele! Schrei aus die Schuld und den Gram und die Not, immer schrei aus den verbotenen Namen, schrei: Ich kann nicht mehr! schlag an die Brust, jammre nur los, und lasse dich endlich durchstoßen von der verruchten Wollust immer des einen Gedankens: Oh Glück, oh Glück, daß der Träger des heiligen, verbotenen Namens doch nicht war, was er hieß! Daß ich nicht bin aus dem Blute dessen, des Blut durch mein Verschulden vergossen ward! Oh, daß heute mein Glück sein muß, was jahrelang Jammer und Elend war: nicht der Sohn zu sein ...

Und endlich das letzte Flehn: Wenn es einen Weg giebt, doch immer noch einen Weg zu dir: gieb ein Zeichen, komme im Traum, erscheine, wie du willst, aber gieb ein Zeichen, daß du noch bist, denn ich glaube es nicht mehr!

Drittes Kapitel: Oktober

Insel

Renate erwachte in Helenenruh vom lauten Zusammenschrein der Stare in den Bäumen mit einem fast schweren Gefühl des Wohlseins. In augenblicklicher Wonne des Erkennens: Nun ist alles, alles wieder abgefallen ... spürte sie sich noch aus dem Schlummer liegend heraufgehoben, spürte, wie er dünner und leichter um sie wurde, endlich aus ihr selber fortrieselte. Und nun empfand sie ihr ganzes Wesen wie durchduftet, gesättigt mit einem wundervoll kühlen Dampf, der ausquellend um ihre Glieder lag. Sie warf die leichte Steppdecke ab, setzte sich auf und sah nach dem Fenster, wo die klaren Mullvorhänge unbeweglich hingen, obgleich es offen stand, -- nicht ohne leichtes Enttäuschtsein, denn da schien keine Sonne, es war grau. Die Stare schrien immerfort an derselben Stelle. Auf einmal zog ihr Herz sich empfindlich zusammen unter einem Bangigkeitsanhauch, der sehr langsam wieder entwich, und danach blieb ein Gefühl, als müßte einer ihrer Sinne beeinträchtigt sein oder gar verschwunden -- und doch war da jeder: Gesicht wie Gehör, Geruch und Geschmack, und sie fühlte sich auch! -- Die andern aber hatten sich zu einem süß brausenden Chaos von Musik vereint, das in ihr brodelte wie eine innere Sonnenwärme, und dies wars, wovon sie für Augenblicke blind, für Augenblicke taub zu sein glaubte, und die Stare waren jetzt kaum hörbar oder ganz fern.

Sie streifte das Nachthemd von der linken Schulter und versuchte, den nackten Oberarm an das Ohr zu halten, im Gefühl, sie müsse es darin dröhnen hören wie in einer Stimmgabel. Dabei neigte sie den Kopf und rührte unversehens mit dem Kinn an die Schulter, zuckte aber, kaum daß sie die weiche und kühle Glätte spürte, zusammen wie unter einem magischen Schlage, streifte den Ärmel wieder hoch, sprang vom Bett, ging zum Fenster und teilte vor dem offnen den leichten Vorhang.

Draußen war nichts als ein undurchdringlich dichter weißer Nebel von unbeweglicher Stille. Erst nach einer Weile erschienen schattige Massen darin, zwei große Bäume, und von dorther lärmten die Stare.

Diese Welt schien so geheimnisreich, daß Renate sich überneigte, um zu sehn, ob die Hecke noch da war, und richtig, da war die sehr stille Wand von rauhen Haselblättern, matt glänzend von schwerer Nässe, dunkelgrün und vielfach bräunlich gesprenkelt.

Als sie aber nach oben sah, verriet ihr ein ganz geringes Blenden die Reinheit des Himmels über der Nebeldecke, in der so viel Blau war wie in frischer, gewaschener Leinwand.

Baden jetzt, ah in diesem Nebel baden! wie still würde die See sein! -- Renate hatte augenblicks das Nachthemd abgestreift, den daliegenden, dunkelgrünen Trikot angezogen, dann die Sandalen mit goldenen Wadenbändern angelegt, worauf sie in den seegrünen Bademantel schlüpfte und die grüne Gummikappe in die Hand nahm. Die Uhr im Armband, das sie überstreifte, zeigte ein Viertel nach sieben.

Im Nebenzimmer stand ihr Frühstück bereit, doch nahm sie nur, um nicht ganz nüchtern zu sein, einen Schluck warmer Milch und ein Stück Weißbrot mit Honig zu sich, das sie noch im Fortgehn fertig kaute.

Wie klein war dann der Hof vor dem Verwalterhause! Kein Mensch ... Schweigen, und nur vor der roten Hauswand bewegte sich ein Schatten, der Hund, der vorkam, soweit es seine Kette erlaubte, wedelte und ihr nachsah, die leichtfüßig am Gartenzaun hinlief und, an seinem Ende nach links biegend, durch das lange, nasse Gras der Wiesen in den Nebel hinein. Es war so lautlos um sie her, daß sie stehen blieb und sich umsah. Deutlich in den Nebel hinein zog sich eine dunkle Furche dort, woher sie gekommen war, aber zu hören war nichts als das Schlagen ihres eigenen Herzens; dann das leise und spitze Ticken der Uhr.

Sie ging weiter, angenehm frierend in der Morgenkühle; unter dem Nebel erschien die sanfte Schrägung des Deichs, die sie alsbald erstieg mit einer leisen Besorgnis: wenn jetzt nur nicht Ebbe ist! -- Sie stand oben und sah die schräge Mauer der Quadersteine mit grünen Fugen von Tang hinab. Nein, da war das Wasser, dunkel, unbeweglich! Ohne Laut war es bis hier herangekommen. Zu sehen war nur wenig von ihm, alles verbarg der Nebel, in dem allhier ein geisterhaftes Fliegen und Bewegen war, ohne daß die Dichte und Undurchsichtigkeit sich dadurch änderte. Zerfließend weiche Füße tanzten auf der dunklen Glätte der Flut. Die ganze große See war nicht vorhanden.

Renate konnte die Höhe des Wasserstandes an der Entfernung von ihm bis zur Deichkrone messen. Sie warf den Mantel ab und legte die Uhr darauf. Als sie wieder gerade stand und die Luft an den Umrissen ihrer Glieder fühlte, mußte sie lächeln mit zusammengezogenen Augen. Sie zog die Kappe fest über das Haar, stieß dann die Arme wagerecht von sich, dehnte die Brust, legte den Kopf ins Genick und blieb so Sekunden, mit schon schärfer geblendeten Augen spürend, daß hoch über ihr ein Hauch von Bläue sich regte. Plötzlich gluckste das Wasser in der Tiefe. Sie senkte den Kopf, verscheuchte den Schauder vor dem Kalten, lief behutsam drei Viertel der Schräge hinunter und warf sich über den Rest hinweg laut klatschend in die Flut.

Aber -- oh tausend Teufel! -- sie schrie und schnaubte vor Schreck, wie eisigkalt das doch war! Sie schwamm heftig, merkte, als sie nach einer Weile die Füße sinken ließ, keinen Grund mehr unter sich, drehte sich halb zurück und schwamm nun, die Linie des Deiches achtsam mit den Augen haltend, in langen Stößen die Füße schließend, übergreifend mit dem rechten Arm, am Ufer hin, den Kopf schüttelnd und leise prustend nach jedem Stoß, wie alle rechten Schwimmer es machen. Als sie das Wasser lau um sich her fühlte, drehte sie um und schwamm so weit zurück, wie sie gekommen zu sein glaubte, legte sich auf den Rücken und erreichte so bald den Deich.

Kaum mehr als zehn Minuten konnte sie im Wasser gewesen sein, und doch war, als sie wieder oben stand und sich frierend und triefend nach ihrem Mantel umsah, alles schon verändert. Wind wehte jetzt. Die Sicht über die Wiesen hin war freier geworden, die Zäune sichtbar, und in der Höhe bewegten sich flüchtende blaue Löcher im Weißen. Und als Renate ihren Mantel entdeckt, ihn an- und den Trikot darunter ausgezogen hatte, war die Uhr fast acht, war die Sonne als matte Goldscheibe hinter der weißen Wand zu erkennen, und war sie selber vom Frottieren so brodelnd heiß wie ein eben neugeborenes Brot aus dem Ofen.

Voll Behagen schlenderte sie noch eine kleine halbe Stunde -- gedankenlos wie ein Pferd, wie sie meinte -- am Deichrand hin und her, See und Himmel beobachtend, die immer blauer wurden und immer freier, und dann lief sie plötzlich in größter Eile ins Haus zurück, um sich anzukleiden und zu frühstücken, jählings ersterbend vor Hunger.

Später dann, als vom Nebel auch nicht eine Spur mehr weit und breit zu entdecken war, fand sie sich auf einer guten Kamelhaardecke ausgestreckt im nebelnassen Gras unter den äußersten Zweigen der Parkeichen, vor sich die Wiesen, grau taugestreift in der Morgensonne, wehend von Halmen und den letzten Margueriten bis in die offen feurige Bläue des Himmels hinein. Sie holte den kleinen Kamm hervor, den sie im Strumpfband zu tragen pflegte, und eine gute Stunde verging ihr mit dem Auflösen ihrer um den Kopf gelegten Flechten und sorgsamem Kämmen, stückweis erst von oben bis unten hin, dann der langen Schweife, die sie in der Hand hochhalten mußte, in großen Strichen, wonnevoll spürend, wie die Masse weicher und lockrer sich dehnte und es darin knisterte von elektrischer Kraft.

Später saß sie auf ihrer Decke mit hochgezogenen Knien, die Hände um die Fußknöchel geschlossen, während der leichte Mantel ihres Haares um sie wehte und sich zerteilte im behutsamen Wind, und vergnügte sich damit, in den Ausschnitt ihres Kleides über ihre Brust hinunter zu blasen.

Später lag sie, schmal und lang hingestreckt, die Arme über der Brust gekreuzt, das Gesicht von der Sonne abgewandt, aufgelöst in Erd- und Himmelswärme, und dachte, halb schon im Schlaf: Nun bin ich so rein wie die Welt! --

Dann entschlief sie beruhigt.

* * * * *

Irgendwie war es Nachmittag und Abend geworden. Renate ging in einem weißen Kleid auf den gewundenen Wegen des Parks umher zwischen tiefgrünen Flächen der von Bäumen und Gebüschen langhin überschatteten Wiesen, -- jetzt innerlich nur tief hinabgeneigt über die immer noch unvollkommene Musik, die dort unerlöst wogte, nicht näher kommen, nicht deutlich werden wollte. Kaum daß sie hier und da einmal aufsah und es bemerkte, wenn eine große Gruppe von Buchen ein plötzliches und gewaltiges Rauschen begann, laut zusammenredend, vorwurfsvoll, wie ein Chor, während sie die laubigen Arme und Glieder schüttelten, von denen flüchtende Blätter seitwärts hinunterwehten über die Wiese. Oder wenn eine Schar weißer Birken die ganze leichte Masse goldgelben Laubes hochausgestreckt ins blaue Leuchten der Höhe hineinwarf, in einer feurigen und weiblichen Gebärde des Fortverlangens. Für Augenblicke dann betroffen, zuckte sie mit, gleich nach innen wieder gebeugt, fast verstimmt, weil die Musik in dem Innern geringer vernehmbar geworden schien.

Als sie dann vor der kleinen Brücke zur Insel stand, fühlte sie sich angesichts der mächtigen, schattenvollen Masse der Baumkuppeln von einem unerklärlichen Zaudern ergriffen, ja, von einer Angst, so daß sie sich selbst hinüberlocken mußte mit dem Gedanken an das Grab der Herzogin, und fast hinüberziehn mit der einen Hand am Geländer. Drüben stehend, gewahrte sie zum erstenmal das kleine Rad der Winde, trat hinzu, begann zu drehen und sah mit Verwunderung die Brücke sich bewegen und hochsteigen, bis sie im Winkel von dreißig Graden stillhielt.

Nun bin ich allein! dachte sie, jedoch nicht eigentlich erleichtert, und ging leise in den schmalen Gang zwischen dem Buschwerk hinein.

Da lag die Wiesenmulde, ganz im Schatten, so einsam, so abgeschlossen im Ring der Bäume wie in der Tiefe eines Waldes. Nichts bewegte sich, kein Blatt an den dichten Zweigen der braunen Trauerbuche, an deren Stamm das eherne Schild kaum noch zu sehn war im Düster des Laubes. Darunter nichts als ein besonders grüner, geschorener Fleck im Gras: das war das Grab.

Hier dämmerte es schon. Renate sah die ganze Mulde kaum wahrnehmbar übersprenkelt von den lila Flecken der Herbstzeitlosen. Sie sah, die Augen hebend, den Himmel oben im Kranze der Wipfel wie einen ganz seligen See von Bläue, überrieselt von güldenen Funken, und ein einsamer, weißer Fittich, vergoldet, streckte sich hinein, als stünde im Jenseits ein Engel. Dann empfand sie die Wärme hier, dunstiger, feuchter, und auf einmal glühte ihr ganzes Gesicht.

Da stand zur Linken auf der niedrigen Anhöhe unter Kastanien der kleine Tempel von Rokokochinesisch, aus Baumrinde und längst ohne Glöckchen; langsam ging Renate hinüber und trat in das Innre, in dem nichts war als ein Sessel mit verblichener, grünlich goldiger Damastbespannung. Renate glitt hinein und fand, daß sie gerade gegenüber die Blutbuche mit dem Namensschild hatte. Plötzlich entdeckte sie auf dem Fußboden den plattgetretenen Rest einer Zigarre, erinnerte sich, daß der Herzog hier oft gesessen hatte, und daß er nun auch tot war.

Für eines Augenblicks Dauer, angehaucht von den Toten, ward ihr das Herz schwer, und sie fröstelte. Schwerer aber dann empfand sie ihr Haar, zögerte noch eine Sekunde, löste Spangen und Nadeln, schüttelte den Kopf und fühlte erfreut die Erleichterung der zum Rücken fallenden Last von Zöpfen.

Aber nein, das war es ja nicht gewesen! Oder es war doch nicht genug! Ihr Kleid war das Drückende, und sie glühte, und im nächsten Augenblick hatte sie die ganze geringe Bürde der zwei Röcke und Wäsche von sich gestreift und auf den Sessel gelegt, leise, als dürfe niemand es merken. Sie legte Schuh und Strümpfe hinzu und ging dann halbgeschlossenen Auges, die Hand um die linke Brust und mit dem unsicher weichen Gang der ungewohnten Nacktheit im Freien, erst nur bis zum Türpfeiler, den sie umfaßte, und an dem hin sie sich selber hinunterdrängte, sich hingleiten zu lassen ins Gras.

Augenblicks durchrann ihren ganzen Leib ein magischer Schlag von solcher Gewalt, daß ihr Herz stand. Dann lag sie angeschmiedet, hineingefügt in die glühende Erde. Schon fühlte sie weit am Ende ihrer ausgebreiteten Arme, so weit wie am Himmelsrand, ihre Hände schreckenvoll vergrößert, und nicht Gräser, nein Gesträuche, nein Bäume wuchsen zwischen den Fingern hervor, ihre Finger waren Wurzeln, sie dehnte sich, aus riesigem Gewipfel über ihr stürzte Finsternis und Gold, da war ein gewaltiges Gesicht, da brauste es aus ihren Fingern nach oben, reißenden Himmeln zu und hinein, es brauste herauf durch die Arme zu den Schultern, daß sie schmerzten. An ihrem Rücken war die ganze Erde, ein andrer, ein riesiger Rücken, ein ungeheures Tier, das sie trug, hinwandelnd langsam durch ungemessenen Raum, und dann war auch dies nicht mehr, wieder Ruhe, und nur das langsame ächzende Drehen der Kugel, mit der sie eines wurde.

Unaufhörlich aus dem Himmel über ihr fielen blaue Stücke mit goldenen Rändern und zergingen lautlos an ihr, aufbrennend in Flammen sonder Asche und Rauch.

Ein Angstgefühl, das nicht menschlich war, ergriff sie jetzt. Sie lag bewegungslos, sie wollte sich aufrichten, sich losmachen, allein umsonst. Jetzt, dachte sie plötzlich, jetzt geht der Gott durch den Wald, jetzt steht er im Tal, jetzt sieht er herauf! Sah er mich? Ach!

Unter dem qualvollen Zwange, sich aufzurichten, gab es in ihr einen Riß, und langsam, erstaunend, erhob sich die sanfte, feierliche Seele aus ihr, sah sich um ohne Bangigkeit, sah hinunter vom Gipfel des Gebirges über das gewaltige Land, zu andern, schweigsamen Bergen voll Dunkel hin, über den abendlichen Strom, über die ewigen Hügel von Grün; atmete das Gold ein der regungslosen Lüfte, der unendlichen Abgeschiedenheit, und sie erkannte mit einem Schluchzen, süß betroffen, ihre Heimat.

Dann saß Renate aufrecht und gewahrte deutlich drüben zwischen der braunen Buche und der Fichte in der schwarzen Dämmrung ein weißes, menschliches Gesicht, klein, sanft, ewig, -- und sie schrie auf aus tödlich entsetztem Herzen: Ech-en-Aton!

Da begriff sie: der da kam, war Saint-Georges, aber das war ein und derselbe! -- Und noch zitternd, übermenschlich sich wehrend gegen den Kommenden, schmolz sie schon hin, schmolz hin zu seinen Füßen, lag hin vor seinem Nahesein, und das Niegekannte, das Niegewußte, das Niegeglaubte, das Gefühl über allen Gefühlen, seufzte sich los aus dem Stein, nicht mehr Lust, nicht mehr Grauen, ein beides in ungeheurer Majestät nur Dasein grenzenlos, Süße grenzenlos, und mit dem Herzschlag des Wissens: es kam! und: es ist da! vergingen Leib und Seele ihr in das strömende Schluchzen, mit dem sie ihn empfing.

Da rauschte nieder zu ihr alles Leben der Höhen und vereinte sich mit den aufwärts stürzenden Tiefen. Über sie hin ging ein Regen von Küssen, in dem sie sich löste, und sie war eine Wolke von Küssen um den Gott. Bäume, brausend, warfen sich mit herunter zur Umarmung mit tausend Zweigen; herunter zu ihr schmolz der Himmel, herunter taumelten Schwärme von Gefieder, in unterirdischen Strömen ihres Blutes zogen Geschwader silberner Fische noch stumm, Vögel mit Fittichen von Sternen bewegten sich versuchend in ihrem Haar, auf und nieder wogten die Berge, wartend auf das Zeichen zum Aufbruch, da stand das riesenhafte Einhorn schneeweiß auf einer Silberzacke und senkte das Horn auf ihr Herz.

Eine Fanfare von Schmerz, ein ungeheurer Leib auf dem ihren, der sich regte, und so zog durch ihren Schoß ein die Orgelbrandung des himmlischen Sterbens. Noch verbrannte an der Berührung eines Mundes ihr Mund zur zitternden Narzisse, und eines Schlages war die Stummheit aller Kreatur aufgelöst in ihrer Umarmung zu schallender Harmonie. Es lobsangen in den Höfen die Engel, in den Lüften die Vögel, hinschweifend ohne Pfade, in den Bergen tönten die Erze, auf den Bergen die Wälder, Gebrüll der reißenden Tiere in Tälern ward Gesang, Heerscharen der Fische zogen musizierend nach Sonnenaufgang, und in Strömen und Quellen, in Teichen und Wasserstürzen standen Orgeln und wandelten Harfen, erklingend, erklingend, ewige Tage lang, bis aus dem unsterblichen Abend, einsam, die Flöte des Hirten Frieden blies, über Dämmerung, durch das Finster, und ein Stern ging auf.

Es war Nacht. Fremde Bäume rauschten gedankenvoll. Eine Kühle ging nachdenklich aus dem schwarzen Dickicht hervor, breitete die Arme und verhauchte schaudernd den Geist. Schonungsvoll zerfiel eine gealterte Vollkommenheit. Das dunkle Tier irrte zackig umher. Langsam fielen eisigklare, ruhige Tränen.

Aus den Papieren Georgs

Auf Hallig Hooge

Mir scheint, ich bin ruhiger geworden. Sollte das die Wirkung dieser ganz grünen Insel sein, auf der ich nun hause? Wir sind heute nicht abergläubisch mehr, und im Gegenteil, was diesen Telemach anbetrifft, so machen ihm die Geister und die Toten beziehungsweise ein gewisses Behagen. Übrigens sind ja auch Lebendige vorhanden, obschon auch diese besondre Untertanen des Todes, sein Zeichen tragend an der Stirn: Bogner, den er eben aus seinen Reichen entließ, und Ulrika, die -- ich hoffe -- nur hindurchgehen wird. Nur das Mädchen Cornelia scheint munter.

Der notwendige Hauptmann, den sie mir mitgegeben haben, scheint sich gut ertragen zu lassen; er schweigt. Birnbaum wird ihn ausgesucht haben. Da er bürgerliche Kleidung angezogen hat, könnte er der Pächter dieser Insel sein, seit langem: Einsamkeit steht um sein bartloses Gesicht wie ein fester Bart, gut und ruhig sind die Augen, immer scheint er zur Teilnahme bereit. Doch er schweigt. Ein wenig hat er etwas Russisches, vielleicht ist er Balte; die Sprache verriet nichts.

Ja, hier kann man leben und sterben! dachte ich schon im Segelboot auf der Fahrt.

Ja, so gieb nach, Georg, gieb einmal nach und sag es! Sage, wie unbeschreiblich es dich schon ergriff auf der Fahrt. Vom Festland der weiche, emsige Wind trieb das Boot in gerader Fahrt, weich reitend über die dunkle bläuliche See. Und da, wie vor dir nur Himmel noch war, zu sehen, ja fast schon zu fühlen die grenzenlose und berauschte Seligkeit, die seiner Umarmung mit dem Ozean ausstrahlt, -- großes, locker bewegliches Getümmel grauer und weißer Wolken überm blauen Grund, und die Wasserwüstenei, kalt, nicht weit zu überschaun: unwiderstehlich preßte da der kühle, brausende Odem der Göttin sich in deine Brust, verdrängend den kranken Menschenatem drin, bis es nur der ihre noch war. Oh ruhiges, mildäugiges Leuchten der Nachmittagsstunde, schräge von oben durch die Breschen der himmlischen Wanderung! Oh wieder empfindliches Zittern beim Eintauchen in ihre leiblosen Schatten! Oh wieder Entschweifen weithin und voraus des entfesselten Blicks! Bis wieder ein Festes dem Auge sich bot, und plötzlich entzaubert das Inselgebirge sich schwimmend erzeigte ganz grün.

Wenn ich nun die Augen schließe und mir die Insel vorstellen will, erscheint sie mir besondrerweise immer aus der Vogelschau, -- erhob mich so mein Gefühl? -- Ich sehe den kreisrunden grünen Kranz des Deiches aus einer wolkigen Höhe, fest hineingefügt in die ungestüm daraufzu und an zwei Seiten vorübergewälzte dunkle See; sehe die leere Wiesenmulde im Kranz, und sehe, daß sie ein Amphitheater ist, diese Insel, denn an der Wattseite fehlt ein Stück des Deiches, dort ist flacher Strand, und dort zur Linken, schräge hinter dem Deich, liegt das Gesindehaus, langgestreckt, mit seinem schwarzmoosigen Schilfrohrdach, etwas erhöht, überwölbt vom einzigen Baum, dem Birnbaum voll kleiner, glänzend grüner Früchte, dahinter Gemüsefelder. Vom offenen Strandstück quer durch das grüne Tal führt ein getretener Pfad ganz grade zum >Kavalierhaus<, das übrigens dem Gesindehaus gleicht, außer daß es Fachwerk ist, weiße, jetzt schwärzliche Balken mit blauer, jetzt weißlicher Füllung, während das andre ganz rot ist, in dem seinerzeit die Begleitung des >Astrologen< wohnte. Und keine dreihundert Meter östlich von ihm steht der achteckige Turm der Sternwarte oben auf dem Deich.

Ich glaube, ich zitterte seltsam, als ich wieder den festen Boden betrat. Ja, hier läßt es sich leben und sterben ... Die schrägen, an der Außenseite vom Seetang ganz begrünten Wände des Deiches stiegen haushoch -- und das scheint berghoch dahier vor der riesigen Fläche. Vom Winde war plötzlich kaum ein Hauch mehr zu spüren, es war rätselhaft still. Rechts, am innern Abhang des Deiches, wo er endete, waren zwei weiße Ziegen angepflockt, die bei meinem Anblick sofort entgeistert die Bärte hoben, sich ungemein wunderten und sich verabredeten, so weit näher zu stelzen um ihren Pflock, als es die Kette erlauben würde. Menschen waren nicht sichtbar, und so ging ich in die tiefe, grüne Stille des Tals hinein, abgeschlossen von aller Welt durch die berghohe Umwallung, deren westliches Stück eine breite Schattendecke in das Innere legte.

Das Haus, auf das ich von ferne zuging, ist gebaut wie alle Bauernhäuser der Landschaft, langgestreckt; ein Mittelstück ist überhöht, links sind die Stallungen (hier freilich keine), rechts die Wohnräume; Vorder- wie Hintertür in der Hausmitte sind zerteilt, so daß die obere Hälfte sich allein aufschlagen läßt und man darin lehnen kann.