Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 22
Hier unter ihm steht ein Sarg, liegt eine Tote, ein Mensch, -- wie war es doch möglich? Er wendet sich schaudernd. -- Etwas läuft in die Lichtung hinein, bleibt still, läuft hierhin, dorthin, schnüffelt vernehmlich, ein Igel. Heftiger zitternd faßt er in das Gezweige über seinem Kopf, ein Blatt bleibt in seinen Fingern, sein Arm fällt herab, er zerknittert es und fühlt es feucht; in weiter Ferne kräht ein Hahn. -- Sie schläft, flüstert er besinnungslos, dann sinkt er langsam in die Kniee, bückt sich, harkt mit der Hand im Gras und flüstert: Mutter! Mutter! hilf mir doch! Mutter, dein Sohn ist doch da! Ach, sag doch nicht, daß es zu spät ist, sei nicht hart, ich kann ja nicht mehr, ich kann, kann, kann ja nicht mehr! -- So wimmert er eine Zeitlang, dann liegt er plötzlich still und steht auf. Seine Hände, sein Gesicht sind naß, er trocknet sich mit dem Schal und geht davon, schamvoll und doch erleichtert. Er horcht stehen bleibend zurück. Sie war entsetzlich einsam dort ... Er schüttelt den Kopf und geht weiter, durch den Gang, über die Brücke, am Weiher hin und den dunklen, beschatteten Weg hinab unter dem schwarz und zerrissen herabhängenden Laubwerk der Eichen.
Dort steht er und denkt wieder. Ja, was dachte er wohl? Er dachte nicht -- denn das denke vielmehr jetzt ich: welch eine wonnevolle Erleichterung es für mich ist, einmal die ganze Last des Daseins auf diesen vorgespiegelten Telemach abzuwälzen und daneben zu stehn und es immerhin begreiflich zu finden, daß sie ihn quält. -- Sondern er dachte vielleicht oder empfand die Höllenqual der zu späten Einsicht. Die furchtbar ironische Bitterkeit der Erkenntnis, daß alles, was heute ist, seit Jahren sich vorbereitete, daß es in all und jedem Denken, Planen und Handeln schon war, -- oh ja:
Was vom Menschen nicht gewußt, Oder nicht bedacht, (!!!) Durch das Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht.
Und weiter, daß nun mit der Erkenntnis alles ein Ende nahm und nur sie noch ist, und kurz und gut: die Schuld selber nur noch. Schuld, nichts als Schuld, an jedem Fleck, auf jedem Schritt; Schuld jeder Weg, jede Bewegung, jede Aussicht und jeder Stern; Schuld jeder Bissen und jeder Atemzug, und kein Gedanke mehr, kein Ausblick und keine Möglichkeit mehr zu etwas Neuem, -- nirgend ein Anfang, nur das Dickicht.
Und dann versucht er es wohl, dieser T., und stellt die bekannten Figuren zum tausendsten Male auf, und eiskalt vor rasendem Wissen der Unabänderlichkeit will er sie doch zwingen mit Zauberei, daß sie sich anders bewegen, als sie taten, aber immer steht hier Magda und drüben Cora, hier er selber und da Sigurd und da -- ER, und wenn er sie auch zwingen kann, steif dazustehn wie die Puppen, so erreicht er doch niemals, daß er selber es ist, der die erste Bewegung macht, oder Sigurd, sondern immer, immer ist es die Furie.
Und seine Stirn bedeckt sich mit Schweiß, die Figuren schwinden erlöschend, als würde ein Bühnenlicht abgedreht, im Finstern, und er denkt nun:
Daß er seine Schuld am Ende vielleicht übertrieb. Etwas scheint nicht zu stimmen. So viel kann ja ein Mensch nicht schuldig sein. Oder er könnte es allenfalls sein aus bösem Willen, aus angeborener Ruchlosigkeit, wie man gebürtiger Raubmörder sein mag, oder Muttermörder. Er selber aber, er soll dies Gebirge von Schuld über sich gewälzt haben aus keinem andern Grunde als: _weil er so war_!?
Worauf er dies Rätsel bis zum nächsten Mal sich selbst überläßt und sich weiterbegiebt. -- Oh die Nacht ist noch lang!
Krähte nicht, denkt er, soeben ein Hahn? Hähne krähen im Schlaf. Aber ach, wie konnte er es nun wieder aufsteigen lassen fontänenhaft! Frühmorgens in der Kindheit, das Krähen der Hähne, heiser, krächzend, und hell schmetternd, ferne und nah. Sonntag war anders als die andern Tage, obgleich doch an keinem Schule war in den Ferien. Die Straße unter den Fenstern, die Felder daran, das Dorf in der Frühsonne, alles sah gleich anders aus, feierlicher wohl und viel stiller. Man hatte einen schneeweißen Anzug an und ein weißes Kleid mit zwei Hände breiter blauseidener Schärpe. Du lieber Gott, wie hoch war damals eine Roggenwand! Wir verschwanden uns, wenn wir vorsichtig kaum hineintauchten, um eine Kornblume herauszuholen oder eine violettrote Rade, die ich liebte, weil sie so geometrisch waren: vier lange grüne Blattspitzen genau in den Einbuchtungen der kleinen Kelchblätter. Der Sandweg in der Sonne wie hell! Unsre Schatten, ganz dick und kurz und mit ungeheuren Kreisen von Hüten, schoben sich voraus, ach jedes Staubkorn wie hell, die Steine im Staub, jeden einzelnen könnt ich beschreiben, denn ich liebe ihn, Brocken von rotem Klinker, halb vom Sand verschüttet, und die Krusten der Wagenspuren, und scharfe Chausseesteine, mit denen man gut schmeißen konnte, und runde, geschliffene von der See, und dann die großen, weiß übertünchten Steinbrocken am Wegrand, -- ach, nur Steine, und was hatten sie Leben damals und Bedeutung! An diesen weißen kletterte aus der Grasnarbe die vielköpfige kleine Schlange der Winde mit schönen, sehr weißen Kelchhäuptern; rote Kleepflanzen wuchsen da, es waren kleine grüne Oasen von niedrigem Dreiblätterklee, und wir suchten bei jeder ein Weilchen nach einem Vierblatt. Immer schien die Sonne, nur damals schien die Sonne, ein einziger Vormittag war so lang wie ein Sommer von heut, und dann hörten wir die Lerchen. Oh die Stille nun, diese Stille überm singenden Korn, und in der Stille überall, unaufhörlich, immer wieder anschrillend, ganz hoch oben das Lerchengetriller, immer mit neuem Anlauf: ziziziziziziiih! ziziziziziziiih! -- Und insgeheim glaubten wir doch immer, daß die Lerchen im Korn säßen, wir sahn uns die Augen blind im flimmernden Blau, aber niemals haben wir eine Lerche gesehn. -- Dann kam --
T., denke ich mir, findet sich jetzt am Gatter, das, hell im nächtlichen Licht, als habe es ihn lange erwartet, ihn unsichtbar ansieht aus dem grauen Holz seiner Stangen. Er lehnt sich darauf, sieht oben am Himmel die dünne Mondsichel im Fahren leicht durch das fließende weiße Gewölk schneiden, sieht die dunklen und doch erhellten Wiesen und die schwarzen Linien der sich kreuzenden Hecken, aber -- -- aus dem schwindenden Dunkel dieses Grundes flattert ein Kohlweißling taumlig den glühend heißen Sandweg hinunter, hin und her über die Wagenfurchen, den Hügel hinauf, -- er hört Annas schreiendes Lachen und sein eignes, atemlos hinlallend, wie er später Jungens hat lachend rennen sehn, im Laufen zusammentaumelnd, lachend nur Lachens wegen, laufend nur um zu laufen, -- und dann liegt man da, der weiße Anzug sieht bejammernswürdig aus in einer braunen Staubschicht, aber -- T. schreckt auf, da wiederum, jetzt gerade über ihm gellend und überlaut das Gelächter schallt, mauzt und weint. Er öffnet das Gatter und geht hastig den getretenen Pfad über die Wiese zum Knicktor; das senkrechte Brett über den Stufen sieht ihn wie das Gatter aus dem Dunkel mit seltsamem Glanz verhaltenen Lebens an, in sich geduckt wie ein ertapptes kleines Tier, das aber keinen Angriff befürchtet, denn es ist umgänglichen Charakters. Telemach aber bleibt stehn und heftet ihm eine Erinnerung an. Hier leuchtete Annas Haar über der Dämmerung, und sie sagte: Ach, es ist himmlisch! -- Das Kind, das so sprach, habe ich niemals wieder gesehn ...
Beim Ersteigen des Deiches fällt er hintenüber, muß sich nach vorn werfen und erreicht auf Händen und Füßen im nassen Grase die Höhe, wo er sich zu tiefem Erstaunen über einem totenstillen weißen Felde befindet, -- Nebel, weißem, lautlosem, regungslosem Nebel, der die ganze See bedeckt. Nur tief unten, am Fuß der Deichmauer, sind die schwarzen Pfahlköpfe der Buhne zehn Schritte weit sichtbar, dann ist nichts mehr als Nebel.
Oben am Himmel segelt die bläuliche Mondsichel durch weißes Gewölk. Die Tiefe aber zieht T. besonders an, er setzt sich und klettert mit Absätzen, Händen und Gesäß die schräge Mauer hinunter, springt auf festen Ebbeschlamm, zaudert und schreitet in den Nebel hinein.
Es ist tiefe Ebbe. Der Mond wurde zu einem bleichen Fleck im Nebel, der alsbald über ihn hinzog; er geht selber in einem dunklen Kreis, der Nebel bleibt stets ein wenig vor ihm, zurückgehaltenen Scharen sehr zusammengedrängter Gestalten ähnlich, die sich manchmal bewegen, nicht einzeln, sondern stets im ganzen. Jetzt wird der Boden weicher, und jetzt -- da ist Wasser, er riecht, er fühlt es. Was sitzt denn dort? Kleine, dunkle Gestalten hocken ... Ach, hier sitzt der Tütvogel im Nebel am Wasser und schläft, -- zwei, drei kleine Gesellen. Nun bewegt sich einer, ein grauer Schatten schwebt, -- auch der andre, der dritte; Flügel rauschen leise, sie sind verschwunden, und gleich darauf fällt ein leiser, klagender Schrei von oben. -- Wie die Seelen am Acheron im Nebel ... denkt Telemach. -- Es plätschert. Hier ist Gewässer, hier, ungeheure Meilen weit die tiefe See, satt von einer Menge Land, das sie eingeschlungen hat, Marschland und die Inseln und Halligen, Frauen und Kinder, Kirchen und Gehöfte, Rinder und Schafe, Eichenwälder und die langen Deiche. Es gurgelt im Schlick, die Flut regt sich. T. fühlt seine Sohlen langsam einsinken, dreht sich genau um und geht zurück. Er geht rascher als beim Kommen, etwas kommt hinter ihm her und macht ihn eilig, sein Herz klopft, wie lange dauert es bis zum Deich! Er läuft fast und läuft so, erleichtert sich auslachend, gegen die mannshohen Buhnenpfähle von der Seite, ein Zeichen, daß er doch schief gegangen ist, worauf er die Deichmauer wieder hinanklettert und oben weitergeht. -- --
So, ja so war es in jeder Nacht. In der letzten aber war auf einmal ein rotes Licht über dem Nebelfeld. Ein Schiff? im Nebel so nah? Unmöglich. Ja, wohnte denn jemand auf Hallig Hooge? -- Das Licht blieb, unverrückbar, stille scheinend über das Nebelmeer. Hallig Hooge lag dort.
Hallig Hooge, dachte Telemach, wir durften niemals dorthin. Wenn wir mit Onkel Salomon segelten bei Landwind, sahen wir die grüne Insel vom weiten, und er tat uns wohl den Gefallen, herumzufahren und uns das gewaltige grüne Gebirge der aufgetürmten Deichmauern sehn zu lassen, einen Baumwipfel niedrig darüber und den roten, plumpen Rundturm der alten Sternwarte auf dem Norddeich. Olesland ... Wie mochte doch der Name Hallig Hooge aufgekommen sein, nachdem vor Zeiten nur die winzige Grasoase so hieß, die landeinwärts davor lag? Einmal beim Kreuzen auf der Rückfahrt sahen wir das langgestreckte Haus mit schwarzem Strohdach auf der Wattseite, wo es flach und offen war, und kaum noch sichtbar in der steigenden Flut das wallende Gras von Hallig Hooge. Olesland, erklärte Onkel Salomon geheimnisvoll, darf keiner mehr sagen. Er verriet uns nicht weshalb, er war nicht für Schauergeschichten, wir bettelten umsonst, denn Olesland und Hallig Hooge -- beides klang so schaurig! Aber Domina verriet allerhand. Auf Hallig Hooge war Großvater gestorben, und der Urgroßvater war da umgekommen; es schien beinah ein Schicksal, und ich habe als Junge manchmal nachgedacht, ob -- jemand -- auch dort sterben müßte. An mich dachte ich damals noch nicht. Und Domina erzählte vom >Dränger< ...
Im Herbst, wenn die Nebel kamen, durfte man nicht an der Außenseite des Deiches gehn, wenn Ebbe war. Denn dann kam der Dränger. Auf einmal erschien eine Gestalt im Nebel, seitwärts, oder auch zurück, am Deich, und man entsetzte sich. Ja, da konnte man wohl rufen, wer hörte das? Damals, als der Dränger noch umging, war Oles--, war Hallig Hooge noch ganz vom Deich umschlossen, ein Inselbollwerk, das sich gegen die See hielt, eine kleine halbe Segelstunde vom Land, -- aber merkwürdig, zu sehen war es nie, bei keinem Wetter. Domina sagte, das läge an der Spiegelung. -- Anno Sechzehnhundertvierundneunzig, die große Flut ... Da verschwanden drei große Inseln und siebenzehn große und kleine Halligen spurlos in der See, Hallig Hooge aber hielt stand. -- De ole Graf --? Nach ihm mußte die Insel Olesland genannt sein, aber gerade über ihn fand sich in der Chronik nicht eine Spur. Er muß ausgerissen sein aus dem Gedächtnis wie Olesland, -- ja, von wem hörte denn überhaupt ich den Namen? Es muß doch wohl Domina gewesen sein. -- Ja, damals also hatte Hallig Hooge noch sieben Hügel, die nach den Hügeln Roms genannt waren von einem gelehrten Mann, -- wie hieß er noch? Archivarius Pontifex, Brückenbauer, Silas Pontifex hieß er. Auf dem Palatindeich stand der Deichhauptmann und rief alle seine Teufel zu Hülfe gegen die Flut, aber das half ihm nichts, Aventin und Esquilin und Palatin wurden nacheinander weggerissen, und als der Palatin stürzte, warf Deichhauptmann Waldemar Montanus sich kopfüber hinterdrein. Danach war die See gesättigt und zog sich zurück, aber im Abrollen brüllte sie noch einmal auf und nahm die ganze Wattseite mit fort samt dem Cälius. Ja, damals hörte das Watt auf, Watt zu sein, die See mit ihren Heeren ging geradewegs das Festland an und hämmerte auf die Deiche, -- bloß nach einigen Tagen kam Hallig Hooge zum Vorschein wie eine Nachgeburt des Unheils, der Name Olesland verschwand, und Waldemar Montanus ging dort um und drängte die Menschen in die See. Auf den noch übrigen Hügeln starben die Bewohner aus, Viminal ... ja, Viminal und Quirinal und Capitol müssen sie ja wohl heißen. -- Die See fraß einen nach dem andern, beim Fischfang kamen sie um, manche auf ganz fremden Meeren mit großen Schiffen, Waldemar Montanus paßte auf, -- er lockte ja auch den fremden Reisenden zu sich, anno Siebzehnhundertneunzehn soll es gewesen sein, der nicht an den Dränger glauben wollte, -- in der Chronik stand, daß es viel Aufsehens erregt habe, denn damals war doch die Wattseite schon offen; aber die Leute sagten, in den Nächten, wo Waldemar Montanus sich zeigte, wäre die ganze Insel wieder wie einst, der Deich ringsum geschlossen, und der Dränger, gegürtet mit Grauen, ließ den Furchtsamen nicht an den Deich, er mußte tiefer und tiefer in den Nebel hinein, am Ende kam das Entsetzen, und er rannte in die steigende Flut ...
T., besonders durchschaudert, erschrak vor einem riesigen, schwarzen Schattenkoloß, der plötzlich vor ihm stand. Aber es war nur Lornsens Mühle, und sie war gar nicht so nah, mindestens hundert Meter landeinwärts stand sie auf ihrem Hügel, auf ihrem weißen Unterbau, zwei schwarze Flügelarme mächtig drohend in Lüften. -- Da unten in den Wiesen lief Jason al Manach heran, Magda lag dort in ihrem hellroten Kleid ...
T. gewann sich wieder in dem Gedanken, daß unmöglich dieser immer gleiche, liebliche, freundliche Jason wie ein Don Quixote die Mühle attackiert haben könne, -- doch konnte er lange die Augen nicht abwenden von der unsichtbaren Stelle in der Dunkelheit, wo sie gestanden hatte und geschossen, dann umfiel und vor ihm lag, als wäre sie selber getroffen ...
Langsam erlosch alles in T.s Hirn, während er sich umdrehte und wieder das rötliche Licht über der Schneefläche des Nebels gewahrte. Wer hauste denn dort und hatte ein Licht brennen mitten in der Nacht? -- -- Georg, der Astrolog, hatte ein furchtbares Bollwerk von Deichen und Buhnen aus Hallig Hooge gemacht, hatte die Sternwarte bauen lassen, das Jupiterhaus für sich selbst auf dem Capitol und das Gesindehaus auf dem Viminal oder wie er nun hieß (ich entsinne mich eines Plans der Insel, sie hatte Bollwerke wie eine Festung, Bastionen und Vorsprünge und über vierzig Buhnen bei einem Umfang von einer guten halben Gehstunde). Niemand wollte wissen, wie er gestorben war. Er hauste einsam mit seinen Sternen; mit dem Tage, wo Trassenberg seine Selbständigkeit verlor, verschwand er dorthin, sein Sohn kam jung um, der Enkel starb wieder auf Hallig Hooge, -- seit -- -- achtzehnhundertfünf --, ja, fünfundsechzig war es wohl, war Hallig Hooge unbewohnt geblieben. Dann bin ich wohl an der Reihe, dachte Telemach erbebend, und das Licht ist nur da, um mich zu erinnern und zu rufen ...
Er schüttelte alles ab. Ich frage morgen Birnbaum, was es mit Olesland ist, und dann fahre ich selber hin, sagte er sich im Weitergehn, die weiße, chaussierte Straße hinunter neben der Pappelreihe. Doch hatte er es nun eilig, wieder ins Haus zu kommen, stockte nur einmal im Hofplatz vor dem Verwalterhaus, da der Wolfshund lautlos auf ihn zusprang, aber er ließ sich leise knurrend streicheln und ging wieder davon, T. nachsehend, der durch den Heckengang das Rasenoval erreichte und bald am Fuß der Terrasse stand, wo nichts sich verändert hatte, -- doch, die Urnen warfen nun Schatten, sah er im Aufwärtssteigen, und da war ja ein Lichtfaden im Laden! -- Onkel Salomon war noch an der Arbeit. T. war besonders gerührt. Indem er die Uhr zog, schlug über ihm der Uhrhammer einmal an; es war halb zwei.
Er schloß leise die Tür zum Vogelsaal auf, wandte sich im Dunkel nach links, stieß, vermut ich, schmerzlich mit den Schienbein an einen Stuhl und erreichte die Tür. Leise öffnend trat er ein.
An der langen Wand der Aktenregale brennt die elektrische Lampe unter ihrem grünen Blechtrichter und überstrahlt den Wust von Papieren, Aktenstößen und Mappen und Glanzpapierdeckeln, rot und gelb und blau. Davor, den grauen Kopf auf dem rechten Arm, der auf der Schreibtischplatte liegt, schläft der alte Salomon; der linke Arm hängt herunter, zwischen zweitem und drittem Finger steckt die erloschene Zigarrenhälfte. Der papierne Berg über ihm scheint sehr sorgsam auf seinen Schlaf zu passen, -- das Hörrohr über dem Telephonapparat ruht still wie ein Kahn auf hoher See, in der Nähe schwimmt als Boje, braunglänzend, die runde Platte der Briefwage. -- Ja, nun braucht es Posaunentriller und Böllergeheul, wenn er nicht von selber aufwachte. Der alte Mann atmet laut und tief. T. geht, aus Ehrfurcht mehr als aus Vorsicht, leise über den Teppich zu ihm hin, gerührt und beschämt seine Krankheit verwünschend, und hat, als er sich über den Schläfer beugt, das Gefühl, dies dünn emporstehende, lichte Haar, durch das die Kopfhaut glänzt, so daß er die Haarschatten hätte zählen können, küssen zu müssen. Es geht so nicht weiter, denkt Telemach, aber Mentor läßt sich ja nichts aus der Hand reißen, und wie soll ich wissen, wer die Arbeit machen könnte, wenn er mirs nicht sagt? -- Unter dem Arm des Schlafenden sehen gelbe Foliobogen hervor, ein weißer zuoberst, Telemach kann lesen: M. H.! Im Auftrage und in Stellvertretung Seiner Königlichen Hoheit und so weiter erkläre ich hierdurch den Landtag für wieder eröffnet ... Ach so, denkt er, Xylanders Vorlage zur Begutachtung ... Er klappt das Blatt in die Höhe und entziffert die kaum leserliche Bleistiftnotiz: Entw. z. Umw. v. T. i. prov. Landesdir. n. br. M. -- Was? Das hieß -- --, ja, das hieß? Er wollte Trassenberg in ein Landesdirektorium nach brandenburgischem Muster verwandeln ... Keine üble Idee, das würde allerhand Entlastung geben. Die ganze Verwaltungsschikane käme in eine Hand, und es bliebe für mich, -- ja für mich bliebe eigentlich überhaupt nichts mehr übrig als die persönlichen Geschäfte, und die macht Birnbaum. Telemach denkt angestrengt nach, aber um so heftiger weicht alles vor ihm zurück, und er befindet sich bald völlig im Leeren. Minutenlang geistlos starrt er so auf Mentors Kopf ... Willenlos hebt er diese und jene Mappe auf und findet zum Beispiel eine zum Einklemmen mit breitem festen Rücken und der Aufschrift: Täglicher Einlauf. Die behält er in der Hand, sieht sich nach einem Stuhl um, holt einen vor einer der Schreibmaschinen am Fenster fort, stellt ihn dicht an die Schreibtischecke und setzt sich und schlägt den Deckel auf. Briefbogen und Umschläge sind fest hineingeklemmt, es ist schwierig, mit Hin- und Herdrehn und Aufklappen, zu lesen. Da liest er nun zum Beispiel:
Taubstummenanstalt Göhrde ... Einladung zur Feier des Zwanzigjährigen Bestehens und Besichtigung des Neubaus ... (Sonderbar! Da war >jemand< vom Gerüst gestürzt, -- da wurde ich geboren, ein Jahr später wurde sie ... T. gewissermaßen schmerzlich versonnen, liest auf der nächsten, zugehörigen Seite verschwimmende Zeilen:) ... ehrfurchtsvolle Bitte, den Titel und die Würden eines Ehrenvorsitzenden des Vereins ... bisher in den Händen Seiner hochseligen Durchlaucht ... (T. schlägt das Blatt um, den Umschlag, der folgt, und liest:) Annenmagdalenenheim, Stiftung für lungenkranke Fabrikarbeiterinnen ... (Ach, Helene gründete sie, als Magda geboren wurde ...) Erhöhung des Anlagekapitals, da die jährlichen Kosten ... (Das kam doch aus Helenes Schatulle ...? Richtig ...) Vermächtnis Ihrer hochseligen Durchlaucht als noch nicht zureichend erwiesen ... (Ich bin ja Erbe, murmelt T., die Toten, immer die Toten ... Er fühlt, wie ihm der Schweiß ausbricht, die Buchstaben flimmern ... Krank ... krank ... krank ... tanzt es ihm vor den Augen, er bezwingt sich besonders, -- warum: nicht zureichend erwiesen? Ach, es war ja halb abgebrannt, ein paar Tage vor -- vor -- -- vor was? -- T. starrt in die grelle Glühbirne, sieht die roten Fäden; vor dem großen Tralla, flüstert jemand ihm zu, und er begreift. Er nimmt bewußtlos die Hand von dem Blatt, schlägt den nächsten Briefumschlag um, senkt die Augen auf die Seite und liest:) Oberförster -- -- unleserlich. In Blankenheide ... einen neuen Plankenzaun notwendigerweise, weil mir sonst die Bauern das Wild totschlagen, was übrigens nichts schaden könnte -- ungerechnet, daß sie es meist nicht richtig tot kriegen und ich dann die Schweinerei im Jagen fünfzehn herumliegen finde -- (Der schreibt ja einen haarigen Stil, meint wohl noch, jemand vor sich zu haben ... Also warum: nichts schaden könnte?) -- -- herumliegen finde, Klammer, weil es doch kein Mensch abschießt. (Blankenheide? Blankenheide gehörte zu Dannel-Biebereck, Tante Henriette war kein Nimrod, Onkel Anton auch nicht, der Namenlos hatte die Verwaltung und haßte die Schießerei im Treiben. Aber es liegt ja an der Grenze, Schley kann hinübergehn, -- richtig! -- T. findet im Weiterlesen den Satz:) ... da mir die _p. p._ Beuglenburgschen Bauern wieder ein Stück von Jagen fünfzehn abschneiden wollen, und die _p. p._ Prozesse ... (soll wohl heißen: die verfluchten Bauern beziehungsweise Prozesse?) ... ja doch immer zehn Jahre dauern, so möchte ich ehrerbietigst _p. p._ -- (schon wieder! so'n Pepe scheint ihm für alles gut zu sein!) -- anraten, die Grenze doch gleich ein für allemal vier Meilen westlich zu legen, indem ich dann Beuglenburgisch werde und ein für allemal die Ruhe habe. (Georg dreht -- matt lächelnd das Blatt um. Was kommt nun für ein Fetzen? Er sieht nach der Unterschrift, wie von einer Kindeshand gemalt:) Bombe, Kätner und Kesselflicker, -- (ja, sie müssen jetzt doch jeder eine Firma haben ... Was will er denn? Kann die Pacht nicht zahlen, -- ach, der scheint zu Helenenruh zu gehören. Bombe? Natürlich, der klebte doch Invalidenmarken, und der Sohn war -- war Vorarbeiter bei Haupt und Ungefesselt, Dampframmen und ... verdiente fünfzig Mark die Woche und war nicht verheiratet.) Kuh gefalen ... ale Katoffeln Faul, -- liest T. weiter, -- Frau Hochgratig Magen Leident ... anliegent At -- Apothekerrechnung soll das heißen. Georg findet das Blatt. -- Opiumtropfen -- Opiumtropfen -- Opiumtropfen ... Lezithin, drei Flaschen, Summa acht Mark neunzig, abzüglich Kassenprozente fünf Mark und fünfzehn Pfennige, -- ob ich das zahlen kann? -- T. trocknet sich die mittlerweil triefende Stirn, langt einen Bleistift aus der Schale vom Schreibtisch und schreibt: Bezahlen! auf das Blatt; seine Hand klebt beim Schreiben, er muß husten und liest umblätternd weiter: Verein ehemaliger Königinhusaren ... 23. Stiftungsfest ... Weiter: Elisenhütte, Einladung zur Aufsichtsratssitzung ... Verteilung der Dividende ... T. klappt die Mappe zu, legt sie leise auf den Tisch und sitzt, das Taschentuch in den Händen; lockert den Schal vorn am Hals und starrt trübe vor sich hin und denkt bloß: Ein Fünftel vom ganzen Einlauf, und schon kaputt ...