Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 21

Chapter 213,719 wordsPublic domain

Meine liebe Magda, Dein Brief wird mir im selben Augenblick gebracht, wo ich mich hinsetze, um Dir zu schreiben. Du mußt nicht erschrecken, von einer großen Aufregung zu hören, in die ich durch Georg versetzt wurde, denn es scheint nun vorüber zu sein, und ihretwegen wollte ich Dir schreiben, indem ich mir vermute, von Dir, das heißt eigentlich von Deiner Freundin, Fräulein von Montfort, einige Aufklärungen erlangen zu können.

Erlaube, daß ich gleich _in medias res_ gehe. Gestern äußerte Georg plötzlich die Absicht, den geisteskranken Sigurd in seiner Anstalt zu besuchen, wofür er, als ich ihn zu hindern suchte, als Grund anführte, es sei »gewissermaßen seine christliche Pflicht«, Sigurd zu sagen, daß er ihm den zugefügten Schmerz nicht anrechne. Er sprach die Hoffnung aus, ihn in einer klaren Stunde anzutreffen, machte übrigens auch einige Andeutungen, dahingehend, daß »Verschiedenes noch unaufgeklärt« sei. Alles was ich erreichen konnte, war die Erlaubnis zu einer telephonischen Anfrage in Lauensee, auf die ich den Bescheid erhielt, daß der Kranke nach einem letzten Anfall vor einigen Wochen der Stumpfheit anheimgefallen, daß eine Verständigung mit ihm also wohl ausgeschlossen sei. Leider ließ ich mich dadurch beruhigen und setzte es nur durch, daß ich Georg begleitete.

Es nahm aber einen ganz bösen Verlauf. Sigurd erkannte Georg sofort, es schien, als wollte er sich auf ihn stürzen, doch begnügte er sich mit einem Strom von Flüchen und Schimpfreden, nannte ihn Mörder, mit allen möglichen Zusätzen des Wahnsinns, Vater-, Mutter-, auch Schwestermörder, bis es uns gelang, Georg aus dem Zimmer zu ziehn. Er war zusammengefallen, sein Aussehn während der Fahrt war so, daß ich mitunter glaubte, mit einer Leiche im Wagen zu sitzen. Einmal nur sagte er etwas mir Unverständliches. Ich hatte ihn angerührt, er schien mich zu erkennen, nannte meinen Namen und sagte dann: Die sechste Seite! siehst du, nun haben wir die sechste! worauf er an den Fingern rechnete und sich verbesserte: nein, es stimmte ja doch nicht, die fünfte wäre ja Helene, und das stimmte ja nicht, -- oder ähnlich.

Liebes Kind, Du kannst Dir mein Erschrecken vorstellen, aber höre erst weiter! Übrigens ist er, wie gesagt, nun ganz ruhig, spricht überhaupt nicht mehr, geht aber fortwährend, auch draußen bei dem nassen Wetter umher, während er früher nur immer dasaß und sehr viel schlief und dazwischen hastig schrieb, Briefe wohl, doch bekam ich nichts davon zu sehn. Der Himmel weiß, was daraus werden soll, ich bin nun auch bald am Ende meiner Kräfte, das mit dem Herzog hat mich gebrochen, die Arbeit häuft sich von Tag zu Tag, meine alte Frische habe ich längst nicht mehr. Dazu wieder die bösen politischen Aussichten! Aber da komme ich ins Schreiben und verschwende meine Zeit.

In der Nacht nach unsrer Rückkehr arbeitete ich noch in meinem Zimmer, die Türen zu Georgs Schlafzimmer -- dem früheren seines Vaters -- standen offen. Plötzlich hörte ich ihn drinnen stöhnen, dann in ein so verzweifeltes Geschrei, Klagen und Anklagen ausbrechen, wie ich es im Leben nicht gehört habe. Er hatte aber alle Türen seines Zimmers abgeschlossen. Ich kann das nun nicht beschreiben, er schrie einmal minutenlang nur immerfort: die Hölle, die Hölle, die Hölle! Dann rief er wieder nach seinem Vater, er schrie wie Sigurd: Mörder! und das schien er auf sich selber zu beziehn, und auch Sigurds Namen hörte ich und den seiner Schwester. Aber genug!

Alldies ging mir nun durch den Kopf, es muß ja irgend etwas Reelles dahinterstecken, eine Einbildung, eine Täuschung vielleicht, die sich beheben läßt, und da fiel mir ein, daß Deine Freundin vielleicht helfen könnte. Möchtest Du so gut sein und sie noch einmal genauestens nach ihrem Gespräch mit Sigurd in jener Nacht befragen? Da kann ja der kleinste Umstand von Wichtigkeit sein, und mir selber war in dem, was ich durch Dich erfuhr, einiges unklar geblieben, zum Beispiel wollte mir in Sigurds Plan von der Beseitigung aller gekrönten Häupter die Ermordung meines Herzogs niemals recht passen. Also sei so gut, und wenn etwas Neues sich ergeben sollte, teile es mir doch bitte gleich mit!

Ich werde mich vor allem freuen, Dich recht bald hier begrüßen zu können! Deine Anweisungen an den Verwalter Mahlmann habe ich wunschgemäß befolgt. Ich schließe mit meinen und meiner Frau herzlichsten Grüßen, bitte auch, mich Deiner Freundin ganz gehorsamst empfehlen zu wollen! In alter Treue Dein

Birnbaum

Renate an Dr. Birnbaum

Waldheim, am 19. September

Verehrter Herr Doktor!

Auf Magdas Bitte bin ich selber es, die Ihren Brief gleich beantwortet. Allerdings glaube ich zu den erschreckenden Dingen, die wir von Ihnen hören, einige Erklärungen geben zu können, obgleich das meiste daran auch weiterhin wohl nur zu ahnen bleibt. Wenn Sie Sigurd Georg Mörder nennen hörten, so glaube ich, daß sich das auf Sigurds Schwester beziehen soll. Etwas Ähnliches hörte ich schon damals, nach Esthers Tode, von ihm, doch blieben mir die Gründe dafür unbekannt. Daß Sigurds Plan ursprünglich nicht gegen den Herzog, sondern Georg gerichtet war, sagte er selber deutlich in unserm Gespräch. Und dann weiß ich, daß er, Sigurd, der Meinung war, Georg sei in die Gracht gestürzt und ertrunken, worauf dann sein Attentat auf den Herzog nur ein schreckliches Glied in der Methode seines Irrsinns wurde. Und rechnen Sie zu diesem, daß Georg mit durchnäßten Kleidern gefunden wurde, daß auch Magda stets dabeiblieb, er sei es gewesen, dessen Fall ins Wasser sie hörte, so brauchen wir uns nur vorzustellen, in welch zerstörtem Licht Georg die Geschehnisse und Zusammenhänge sehn mag, um mit dem Scharfsinn seiner Krankheit alles zu erraten und -- auf sich zu beziehn; sich also für schuldig zu halten am Tode seines Vaters. Was dem Außenstehenden nur eine wenn auch furchtbare Verstrickung von Umständen zu sein scheint, dahinein fühlt sich ja der selber Betroffene mit Leib und Seele gerissen, der Kranke sieht Krankheit überall, und wer schuldig sein will, Schuld.

Magda läßt Ihnen tausend Grüße sagen, sie leidet schwer unter ihrer Ohnmacht, die Neuheit ihres Zustandes läßt sie sich auch für hülfloser halten, als sie ist. Sie läßt Sie bitten, doch ja Georg unser Kommen rechtzeitig anzumelden. Möglicherweise ist er ja ganz unzugänglich. Wir werden, denk ich, am 1. fahren.

Ich nehme so von Herzen teil, lieber, verehrter Herr Doktor, an Ihnen und Ihren Sorgen und grüße Sie mit: Auf Wiedersehn! Ihnen von Herzen traurig zugewandt!

Renate Montfort

Georg an Magda

Aber so viel Zartgefühl scheint mir fast übertrieben, o edle Seele! Ich eile, mich durch diese Zeilen nachträglich als meinen Gast in Deinem Eigentum zu bekennen, nicht mehr als Bogner, den ich plötzlich von weitem hier aufgetaucht entdeckte, -- ich mocht ihn nicht sehn. Daß Helenenruh Dein einziges Haben ist, dürfte mir bekannt sein, während mir die ganze bewohnte und unbewohnte Welt zur Verfügung steht. Dein Ergebener muß Dich jedoch bitten, ihn der Einsamkeit zu überlassen, die er für seiner nötig erachtet. Dieser Wink dürfte genügen, da mir bekanntermaßen freisteht, eine Annäherung, die als feindlich betrachtet würde, dadurch zu vereiteln, daß er sich in andre Gegenden dieses mit Recht so beliebten _orbis picti_ begiebt.

Es verbleibt mit besonders herzlichen Grüßen in seiner Schuldigkeit:

Georg

Von Georgs Hand geschrieben

Jener, vom bekannten Baron Münchhausen mit dem Schwanz an eine besondre Eiche genagelte besondre Fuchs, als welcher durch Peitschenstreiche veranlaßt wurde, sich zu entfernen, den durch Gewohnheit lieb gewordenen Balg jedoch an Ort und Stelle zu lassen, ist eine immerhin wollüstige Vorstellung für die ins Fell der Gewohnheit eingewachsene Seele. Denn siehe da: nachdem es verwehrt ist, an _Ihn_ zu schreiben, dessen dreimal geheiligten Namen der feurige Makkabäer zerriß und in die Winde streute, -- was bleibt mir übrig, um den Tag zu ertragen, der sich inzwischen anstatt bisher üblicher sechzehn bis siebenzehn Stunden deren vierundzwanzig zugelegt hat? >Ein Rätsel ist Reinentsprungenes<, sagt Hölderlin, zum Beispiel der Schlaf. Die meisten Menschen üben ihn bei Nacht aus; ich nahm ihn in kürzlich erst sich verabschiedet habender Zeit wie so eine besondre Arznei, alle Stunde einen Eßlöffel voll; aber nun hat mir so ein besondrer Beelzebub von hinterlistigem Satan die Flasche verstochen, und wo finde ich dieselbe? -- Meist schleicht er sich abends herein, verabreicht mir einen Löffel voll -- damit die süße Gewohnheit nicht schwinde! -- und bleibt für den Rest aller Stunden unsichtbar. Was also bleibt mir? Ach: zwischen Leib- und Seelenonanieren blieb dem Menschen nur die bange Wahl! Aber so sei sie gewählt, die süße andre Gewohnheit des schriftlichen sich Niederlegens aufs platte Plättbrettbett des Papiers: das Schreiben, nicht wegen der besondren Unsterblichkeit, nicht wegen des süßen Pöbels, sondern ganz allein _sui ipsius causa_, um des Schreibens willen! Es ist Wollust, der eigenen Seele liebzukosen, zumal wenn sie leidet, und zugleich ist das Schreiben so ein förderliches Purgativ, ein besondres Sieb sage ich besser, den weichen Brei von Allerhand durchzurühren zur Beförderung der Erkenntnis. Man denkt zwar in Sätzen, aber merkwürdig: gedachte Sätze haben nie einen Punkt, und ein Punkt zwischen zwei Sätzen auf reinem Papier scheint mir so was unendlich Haltbares, um so mehr, je länger man drauf hat warten müssen.

Ich will einen Nachtspaziergang beschreiben. Die Menschen lassen einem ja koa Ruh net, wie Cordelia selig zu sagen pflegte, also daß man nachts auswandern muß wie die Rattenkönige, alle Seelenschwänze zu einem gordischen verknotet. Übrigens denkt es sich besser bei Nacht, und kurz und gut, beschreiben wir uns diesen wackern Knaben Telemach unter dem paßlichen Motto:

Das Steuer führt' ein Jüngling unruhvoll, Dem früh des +++ Rat und Hülfe schwand --

folgendermaßen:

Telemach erwacht wie üblich aus befristetem Halbschlaf. Er erseufzt, legt sich auf den Rücken und öffnet, wach und keines Schlafes bedürftig, die Augen in die Nacht. Bald darauf wird über ihm das graue Vieleck der am Tage weißen Zimmerdecke sichtbar; er schiebt sich höher im breiten Bett, erkennt die Schattenrisse der beiden hockenden Tiere, Adler und Löwe, auf den Bettpfosten, dahinter die bleichen Streifen der Fenstervorhänge und dazwischen das dunkle Rechteck der offenen Tür zur Terrasse; dann auch die dunklen und großen Flecken der Schränke und die weißen der Türen. Im Glase des Türflügels draußen glitzert es bläulich. Telemach -- oder sagen wir kurz T.; kann auch wieder Topf heißen -- schiebt sich bis fast zur Rückwand des Bettes hinauf, sitzt in dem großen Achteck des Raums und fröstelt. Draußen rasselt es eisern, der Uhrhammer in der Höhe fällt hell schmetternd, ein Mal, dann ist alles still. Halb zwölf. -- T. seufzt vermutlich wieder. Nun wieder die Nacht, die ganze lange Nacht bis zum Morgen -- und was dann? -- Es wird heller und heller um ihn, die dunklen Schränke sind nun körperlich sichtbar, die Maserung, Kanten und Beschläge, und vor der Tür draußen ist die graue Fläche der Terrasse erschienen und, dunkel im Zwielicht, der Schattenriß einer großen Steinurne mit Früchten und Blättern auf der Brüstung. Das ist besonders still.

Im Dorf schlafen die Bauern eng und heiß in ihren karierten Betten. Die harte Weckuhr tickt durch die Schwüle, sie stöhnen im schweren Schlaf und schnarchen. Eine Kuh brummt im Schlaf, ein Huhn gackert im Traum, niemand hört den Spitz, der mit rasendem Geheul auf die Decke seiner Hütte sprang, weil draußen Schritte hallten, und der Hund kriecht wieder in seine warme Höhle, knurrt, muß noch einmal blaffen, dreht sich um sich selbst und fällt hin.

T. sitzt und wacht, lauscht. Die Nachtstille singt in seinen Ohren, es rauscht leise im Park, die See ist nicht zu hören.

Hier, denkt er, lag einer des Nachts, und wie oft wohl wachte er auf und glaubte über sich Schritte zu hören, ruhelos, ruhelos, so leise, ein Huschen, hin und her streifend, hin und her ... T. lauscht, alles bleibt still, er sieht den Schatten einer Hyäne, den hochgebogenen Rücken, schieftrabend in der Finsternis, nun funkeln grünlich, bläulich die Lichter, er hört die Pfoten trotten, er riecht ... Das war Mama, denkt er matt und gespenstisch, das war Mama ... Zwanzig Jahr Pein und Sehnsucht und Gänge, Gänge im Finstern, und dann -- nichts mehr; der Tod. -- Wie ich damals, denkt er, meine Gedichte fand ... Mein Sohn war klein, und nichts verstand ... Und sie lag und lächelte grade genug. Wenn man nachgrübe und den Sarg öffnete, würde man ihr Lächeln unversehrt darin finden, -- und das war ihre Genugtuung, so viel zu lächeln. -- Die Umrisse der Insel erscheinen ihm finster, die Bäume, er sieht ein bleiches Gesicht unter der Buche liegen wie eine Maske, es lächelt, oben saust der Herbst und reißt Blätter aus den Kronen, sie fährt fort zu lächeln; der Winter deckt alles zu, sie lächelt fort; im Frühling liegt ihr Lächeln unter dem ersten Krokus, den langen Sommer lang lächelt sie fort, ganz für sich allein ...

T. fröstelt, rutscht wieder tiefer im Bett und steckt die Arme unter die Decke. Es waren viele Tote. Esther -- Sigune -- Cordelia -- Mama ... Alle schon wieder weit fort, und gelernt hatte er nichts. Nur der Eine ... T.s Brust schmerzt.

Warum lebe ich noch? Telemach stellt sich wieder einmal vor, er läge begraben. Alsbald erscheint auch der Platz in A., die Bahnen fahren, Menschen eilen kreuz und quer, die Spiegelscheiben der Auslagen glitzern, aber es quält nicht mehr wie vor einem halben Jahr. Es war niemand mehr da, von dem es schmerzlich wäre Abschied zu nehmen, oder ihn lebend zu denken, beschäftigt wie immer, während man tot ist ... Renate? -- Er fühlt sie nicht mehr.

Ich sollte wohl, denkt Telemach, ein Ende machen. Aber da ist zum Beispiel das Land. Brauchte es ihn? Jener Birnbaum würde ihm schon einen besondren Telemachschwung versetzen. T. sieht den stämmigen Mann aufgeregt im Zimmer hin und her laufen, eine Hand im Ärmelloch der Weste, fuchtelnd mit der Zigarre in der andern, niesend und prustend, und er schreit: Und wenn wirs so einrichteten, daß es an Preußen fiele, -- no -- was denn? no? was denn? T. wußte es nicht. -- Hatn dazu dein Vatter sich sein Lebtag abgerackert, un dein Großvatter, un dein Urgroßvatter vielleicht? Du bistn Literat, Hoheit, du hast gar keine dynastischen Gefühle, nee, aber gar keine! -- T. lächelt und bestreitet es schweigend. Ich wills ja versuchen, beschwichtigt er sich selbst, ich bin nur so müde und innerlich kraftlos. Die Länder sind so gut im Stande ... Das heißt Beuglenburg? Und sie würden Schley dort nicht sitzen lassen, diese Preußen. Ach, nun kamen die Wahlen! Früher war die Sozialdemokratie unter der Hand unterstützt, und -- und ... T.s Kopf tut ihm weh. -- Ich kann noch nicht, ich kann noch nicht! -- Er wälzt sich fieberisch und atmet beklommen. Es ist, denkt er, wieder die alte Angst, wie in Berlin. Berlin war nicht schuld, sondern mein eigenes Krüppeltum. Punkt. Toter T. punkt.

Er schleudert die Decke von sich, zieht die Schlafschuh an die Füße und hockt schlottrig auf dem Bettrand. Es ist nun ganz hell umher, dämmrig, doch alles deutlich erkennbar. Den Kopf drehend, sieht er über sich, überm Kopfende des Bettes die Figuren des Bildes Emmaus, den einfallenden Lichtstrom, am Tische Christus und die erschrockenen Beiden, dahinter die Nacht.

Ja, denkt er verwirrt, ich kam zu allem zu spät.

Er schlürft eilig zur Glastür, friert im Kalten, lehnt sich an den Rahmen und raunt: Was soll man denn tun? Man fährt ins Dasein hinein mit feuriger Schnelle, findet alles vorbereitet und ist es von Ahnen und Urahnen her gewohnt, eh man es besitzt. Da erkennst du dich selber, aber schon steckst du so tief im Gewohnten, daß kein Riese dich ausreißt. Wenn ich Verse machen will, und wäre ich Hölderlin, ich müßte anfangen wie Schiller, und zehn Jahre danach merke ich vielleicht, daß Sprache des Verses und Sprache des Umgangs voneinander so verschieden sind wie der Vogel vom Fisch. Ich kleide mich, rede, lache, fahre, spiele, lerne wie die Andern, und längst bin ich in zehntausend unlösliche Zusammenhänge verstrickt, und dies -- ach dies wird die letzte Not sein, daß man an Tausenden hängt und nicht steht, und Tausende hängen an mir, und ich komme nicht los zu mir, nicht los zu mir ...

Ganz hell aus der Tiefe klagt jetzt ein Kinderweinen, schauerlich anzuhören, und T. zuckt merklich. Ein Gespenstergelächter folgt, ganz schnell: Hahahahaaa! und wieder das plärrende Weinen. -- Kauz in der Nacht, End ehs gedacht! -- Stille liegt die Terrasse, stille stehen die mächtigen grauen Urnen, besonders, verhaltenen Lebens, atmen, auch die Steinplatten atmen, Schlaf oder das Schweigen ... Über dem schwärzlichen Gewipfel des Eichwaldes quillt ein bleiches, silbriges Scheinen im Himmel, ein wenig tiefer muß die Mondsichel sein. Emporblickend sieht Telemach wenige, schwach flimmernde Sternlichter im Dunste der feuchten Nacht. -- >Schaudernd unter herbstlichen Sternen -- Neigt sich jährlich tiefer das Haupt ...<

T. macht Licht, geht mit geblendeten Augen ins Ankleidezimmer, erhellt es und legt eilig das für morgen zurechtgelegte Unterzeug, Schnürstiefel, Reithosen und Ledergamaschen, eine braune Lederweste mit Ärmeln an, windet einen grau und grünen Schal um den Hals, fährt in den Rock und fühlt sich einen Augenblick warm und behaglich. Nachdem er das Licht gelöscht hat, geht er leise über die Terrasse in den Garten hinab.

Unschlüssig unten stehen bleibend, zum Hause zurückgewandt, findet er sich plötzlich sehr klein und einsam im Hof der drei mächtigen Fronten mit langen Fensterreihn und kalkweißen Mauern. Unendlich schweigsam und hoch steigen die zwei weißen, schwarz behelmten Türme auf den Ecken in die Dunkelheit; das Ganze, hell und doch seltsam verdüstert im nächtlichen Licht, atmet eine tiefe Gewalt aus, liegt da, ruhig in sich selber, bedrohlich für ihn, der sehr klein ist. Unbekümmert scheint es seine dämmernde Seele bei Nacht zu enthüllen; es dehnt sich, atmet vielfach, sammelt Essen und Fenster, Türme und Dächer, Simse und Mauern in eine strotzende und alte Gesundheit und ist immer bereit zu dauern. Heiliges Kindheitsland, wo bist du? zieht es da schmerzlich durch seine Brust. Jählings ist das Haus umnachtet und fremd, und er geht davon, den Kopf gesenkt, verloren in alte Erinnerungen.

Denn zum Beispiel was tun wir inbezug auf unsre Kindheit? Heraus reißen wir uns an den Haaren, ganz genau wie eben jener Baron Münchhausen sich an den Haaren zerrte aus dem Sumpf mitsamt seinem Unkas, bloß daß sie kein Sumpf ist, diese Kindheit, sondern -- das Paradies. Geschah es nicht hier? T. wendet sich vermutlich und murmelt, den dämmrig erkennbaren Weg durch das Eichenwäldchen hinunter blickend: Weiß ichs nicht, als wärs heute gewesen? Hier auf der Terrasse brannte der bunte Lampenschirm und saß Bogner; und dort unten am Gatter stand ich, wußte nicht, was fort war aus mir, und war selber stillschweigend fortgegangen aus meiner Kindheit zu Annas Bett.

Da zwingt er sich mit Gewalt durch den Spalt zu einem kindlichen Aufenthalt.

Der Kaufmann in Böhne hieß Sengstaak, ein Name, den ich als Junge niemals aus dem Gedächtnis in die Luft schreiben konnte. In allen Ferien einmal war eine Monatsrechnung zu bezahlen, das tat Onkel Salomon selber und nahm uns mit. Im Laden war die Diele mit weißem Sand bestreut, durch eine geriffelte Glasscheibe sah man Herrn Sengstaak an einem Stehpult schreiben, und wir zitterten, er möchte nicht merken, daß wir da waren, denn dann bekamen wir ja keine Cakes, und einmal gab sie uns der Ladendiener, aber das war längst nicht so schön. Kisten standen da mit eingewickelten Apfelsinen, Fässer mit Mehl, mit Margarine, mit Butter, Kisten voll Eier, und wie war alles dauerhaft und dick, die Holzgriffe an den Schiebladen und die hölzernen Schaufeln in den Erbsen und Linsen. Über dem Tresen -- ja, da wurde womöglich auf dickem blauen Papier ein Zuckerhut zerkleinert, ach, wie war das alles besonders und reichlich und solide! Und oben war es dunkel von ganzen Bündeln in Lagen zusammengeschichteter Tüten, rechteckiger und spitzer, brauner, blauer und roter, und sie hatten alle ein schwarzes Wappen als Aufdruck zwischen zwei wilden Männern. Ja, vor der Tür, da war ja der mächtige goldene Mohr mit bunter Federnkrone und einer Zigarre zwischen den Wulstlippen. Aber über den Düten, noch höher, war es finster wie ein Gewitter, von tausend Würsten und Schinken, und wie das roch nach Rosinen und Gurken und Vanille und Gewürznäglein, und geheimnisvolle Leitern lehnten im Winkel oder wurden von kleinen neugierigen Jungen mit wasserblanken Haaren schwierig hin und her getragen. Dann kam Herr Sengstaak aus dem Kontor, das ich nachher in Soll und Haben wiederzusehn glaubte; er hatte ein rotes längliches Gesicht, kleine Augen und Falten unter dem Kinn, rieb sich die Hände und sprach unverständlich mit eigentümlichen Bewegungen des Kinns. Er beugte sich über den Tresen, griff Anna und mir mit großer Hand unters Kinn und holte, während er immerfort mit Onkel Salomon sprach, einen der großen blechernen Kasten mit Cakes herunter und hielt ihn uns offen schräg entgegen, und jeder nahm einen kleinen Cake heraus, aber das war nicht alles. Nun wurde ein großer, brauner Papiersack abgerupft, und wie wundervoll war das, wenn Herr Sengstaak mit dem einen Arm hineinfuhr, mit der andern Hand die eine Ecke weich eindrückte, dann ganz leicht die Tüte herumwarf und die andre Ecke einknickte, und dann kam ein Blechkasten nach dem andern herunter, und die Tüte wurde voll -- nicht ganz bis oben, es blieb noch genug Papier, das dann auf wundervolle Art zu parallelen Streifen zusammengelegt wurde, und dann wurden sie nach innen umgeknickt und festgedrückt, das Paket auf die Seite hingelegt, und dann kam Bindfaden aus einem verblüffenden Ding heraus, und das Paket flog links herum und rechts herum, und der Bindfaden schlang sich darum, es war herrliche Zauberei, ein Holzknebel war mit einmal da, wurde in die Schlinge geschoben, und dann wurde es mir überreicht. Dies war unser heiliges Recht, Kekse -- wir sagten Kekse -- von Herrn Sengstaak, aber eine Sorte war dabei, die mochten wir nicht, die hießen Dextrinkeks, denn so schmeckten sie, und die kriegte Mama.

T. denkt hierauf gebeugt, er müsse damals unmenschlich glücklich gewesen sein, daß all dies sich ihm eingebrannt habe, wovon er damals doch nichts wahrnahm, denn immer war er ein blinder Junge und hatte niemals etwas gesehn, wenn er gefragt wurde. -- Oder ist das ganze Glück wirklich dieser Augenblick, wo ich es so brennend wieder fühle?

Er fährt leise zusammen, da er am Weiher steht, gegenüber der Insel, keine fünf Schritt von der Brücke. Die Bäume rauschen und bewegen sich ernst, beklommener atmend geht er zur Brücke, bleibt stehen und flüstert: Hier schläft Mama ... Er geht hinüber, achtet darauf, daß seine Füße leise sind, taucht ängstlicher in den finstern Gang zwischen Buschwerk, tastet sich langsam hindurch und tritt ins Freie der leicht übernebelten Lichtung. Drüben, über dem weißlichen Gewoge wölbt sich die schwarze Kuppe der Trauerbuche; auf einmal ergreift ihn schaurige Furcht, sie könnte dort liegen, unter dem Baum; nicht sie, ihr Gesicht, das Lächeln; nicht ihr Lächeln, Cordelias ... Und er geht mit knisternden Haaren und schlagendem Herzen hin und bleibt, drei Schritte vom Stamm entfernt, stehn. Auf dem grauen Oval glänzen leise doch sichtbar die beiden Worte: Helene -- Herzogin.