Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 20
Wieder eingeschlafen über dem letzten Satz. Mich friert immer noch so trotz hundert Decken, ich sitze vor der Gartentür -- das heißt also: im Zimmer -- und versuche an den nassen Blättern der Büsche zu erraten, ob es regnet oder nicht. In Helenenruh, denk ich mir, scheint die Nachmittagssonne auf die Dächer, die Schwalben kreisen um die Türme, ich sehe sie, wie ich sie immer sah: die Luft über dem Schloß ist wie ein riesiger Trichter, gefüllt mit dem Durcheinanderjagen der hundert schwarzen Flügelleiber; manchmal, wenn eine sich herumwirft, sehe ich die weiße Brust; sie kreuzen sich wie lange gebogene Klingen, und außen um den fernsten Rand des Trichters streichen ein paar ganz eilige in großer, sausender Fahrt. Mariä Geburt -- Ziehen die Schwalben furt. -- Ich habe so eine Ahnung, als ob Mariä Geburt um diese Zeit sein müßte.
IX
So schreibe ich Dir denn doch heute aus Helenenruh, aber wenn ich zuletzt etwas von Erleichterung sagte, so muß ich das zurücknehmen. Eher dürfte es schwerer geworden sein. Ich möchte nur wissen, was es eigentlich ist! Aber es läßt sich nicht feststellen. Ich bin einfach ganz schwer geworden. Von Sonne keine Spur. Wind und Strichregen, dazu viel welkes Laub. Rosen blühn noch unter der Terrasse. Ich versuchte es mit dem Gehn, hielt auch schon eine kleine Viertelstunde aus, aber dann dachte ich, daß Du es ja auch nicht bis zum richtigen Gehen gebracht hast, solange Du hier warst, und nun sitze ich wieder unter meiner Decke, immerhin im Freien.
Es ist ja auch alles leer hier. Von uns Allen blieb nur Birnbaum mit seiner Arbeit. Übrigens bin ich mit Deiner gütigen Erlaubnis in Dein Schlafzimmer eingezogen und in das große Bett mit den geschnitzten Evangelistentieren auf den vier Pfosten -- Bewunderung und Ehrfurcht der Kindheit!
Aber sage mir, warum nur dies mich so besonders erschreckte? Bei meinem heutigen Gehversuch gelangte ich bis zu Helenes Grab und betrat, um mich etwas auszuruhn, den Pavillon, in dem noch der Sessel von Dir stand. Auf einmal, wie ich da saß, entdeckte ich auf dem Bretterboden das zertretene Ende einer Zigarre von Dir. Oh Gott, ich kann nicht sagen, wie das mich entsetzte! Es war ein so leibhaft lebendiges Stück von Dir, und nun ist mir, als hättest Du mich drohend angesehn aus dem Fußboden. Die Rechenschaft, ja, ich weiß, ich weiß ja, ich schob sie immer noch hinaus, es ist die alte Schwäche, allein -- gedulde Dich nur noch zwei Tage, nur noch einen! Es ist so schwer, ich habe noch immer nicht alles beisammen, es sind immer noch ein paar Lücken da, aber wer kann denn inständiger als ich hoffen, zum Ende zu kommen! Morgen ganz bestimmt, oder wenn nicht dann, übermorgen sollst Du mich bereitfinden! Rechne darauf! Ganz bestimmt!
X
Es dröhnt die riesige Posaune des Letzten Tags; an Felsen, an Grüfte, an Totes schlägt das Engelswort: Auf! und da kommen sie hervor, staunend, schwankend, erlöst, aber siehe da -- welche Verwandlung ging mit uns vor nach diesem Tod? Keine, keine, denn wehe uns, wir haben nichts vergessen, es ist alles da, was wir verließen, in unsrer Erinnerung grauenvoll da, jedes Jahr, jede Stunde und Minute, jedes Wort, jeder Blick, jeder Schritt und Gedanke ist mit uns lebendig geworden, warum? Rechenschaft abzulegen darüber.
O Gabe des Vergessens, die allein Uns möglich macht das ungeheure Leben! Du wundervoller Allernächtewein, Von dem wir trunken über Schlünden schweben! Der gute Heiland wußte, was er tat, O Lazarus, als du im Tod erschlafft; Er kannte wohl die nicht geheime Kraft, Er sah die süße Schwester, die ihn bat, Und lächelte dich los aus deiner Haft. Der Honig von der Götterlippe schmolz Und tropfte Süße in dein krankes Herz, Und Grünes sproß aus dem verdorrten Holz, Da sahst du auf, und dieser Blick war Schmerz. Der erste wars, an dem Erinnerung Von innen saugte in die Nacht zurück. Der zweite Kosten schon, der dritte Trunk, Und alle andern waren wieder Glück ...
XI
Nun sieht auf einmal der Himmel mich an. Es ist Abend. Hinter dem Eichendickicht im Westen lodert ein scharfes Gold. Der südliche Himmel von graublauen zarten Zügen, leise vergoldeten, wölbt seine reine Muschel über mir. Selige Schale! Geliebtes Gold, o geliebter Hauch, geliebte Bläue, dein Anblick ist schmerzlich, wie er es dem Verbannten sein muß, der das goldene Abendwunder der Heimat sich über fremdem Ufer entfalten sieht, -- erinnernd an alles, was einmal war.
Übrigens bemerke ich, daß ich nichts datiert habe in diesen Briefen. Da es mich auch nichts angeht, ob es Stunden sind, Tage oder vielleicht schon Wochen, die vergingen, während ich schrieb, und sie also einer wie der andre das Siegel einer und der selben Stunde an sich tragen, so muß es wohl heißen, wie C. F. Meyer an seine Schwester schrieb: >Aus allen Augenblicken meines Lebens.<
XII
Kennst Du diese Verse von Greiner, Papa?
Und immer fremder sind mir Tag und Räume ...
Was weht um mich? Man sagt: ein Menschenwort. Was rauscht um mich? Man sagt: die alten Bäume, Die rauschen noch aus deiner Kindheit fort. Und Gärten stehn im abendlichen Land, Ihr Schatten grüßt mich kühl und altbekannt. Ich aber wandre dunkel fort, im Innern Ein uralt Schattenbild, das leise weint. Die nenn ich Mutter, diesen nenn ich Freund Und lächle tief und kann mich nicht erinnern.
Sie passen -- und sie passen auch nicht. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich einmal als ein Andrer gelebt habe, damals als all dieses um mich her war, wie es heute ist, und doch anders, oh so anders! Oder ist dies kein Leben mehr? Es wird sich mit der Zeit herausstellen, ob es Leben ist, und ob es möglich sein wird, es zu leben oder nicht. Sollte jenes der Fall sein, so müßte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze Oberschicht menschlichen Wesens, die uns gemeinhin bedeckt, abzukratzen (_grattez le Russe_!), die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der auch das sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man so behaglich lebt, dieweil es mit Gründen für alles voll steckt wie ein Brombeerbusch im Oktober. Möglich, es ist so. Möglich, das qualvolle Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, daß ich die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es ankäme, wäre dann wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben werde, eine neue Haut zu bilden -- die nur die alte werden könnte --, sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu ertragen, mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen.
Wie soll mans nennen? Nur -- Mensch zu sein. Alle Strahlen des Lebendigseins aufzufangen -- mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder hervorfluten läßt und verwirrende Gestalten --, sondern sie aufzusaugen in den innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich darstellt.
Aber das sind alles wohl nur so Ausdrücke ...
Fest steht, daß ich bis zum 31. Juli dieses Jahres nichts weiter war als ein blasser und nichtemal besondrer Nervenbaum. Nun sehe ich, daß ich in den Zweigen oben eine nahezu völlig unbenützte Seele sitzen habe, -- leider keinen goldenen Fasan, sondern so ein besondres Zwitterding von Sperber und Nachtigall. Warum es so stille sitzt, darf uns nicht wundern. (Total verlaust!)
XIII Rechenschaftsablage an meinen Vater
Zuvor habe ich zu gestehen, daß der einzelnen Schuldposten einerseits so viel sind, und andererseits in einem so besondren Durcheinander über die Blätter des Schuldbuches verstreut, daß ich den Vorschlag eines besondren Verfahrens machen möchte, nämlich daß ich die einzelnen Hauptposten zusammenstellen darf in der Art jener kindlichen Spielzeugkästen, bestehend aus einem Dutzend würfelförmiger Holzklötze, als welche zusammen mit jeder ihrer Seiten ein Gemälde herstellen, mit dessen Einzelquadraten besagte Seiten beklebt sind, und es bleibt nur noch zu erwähnen, daß in meinem Falle jeder Teil jedes vorgestellten Bildes so wenig im eigentlichen Sinne als Bruchstück erscheint, als jede geistige, sinnliche Vorstellung in ihrer Art immer eine Ganzheit zu haben scheint, -- das heißt also gleichfalls die Form eines Bildes.
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Ich fange an! Erstes Bild:
Ein Mädchen, das ich vielleicht liebte, hieß Esther. Hier steht sie, in der Hand eine sogenannte Gänseblume, an der sie zupft: Liebe ich ihn? Liebe ich ihn nicht? Andrerseits sehen wir hier mich selbst, eine ähnliche Blume zupfend: Ich liebe sie --, ich liebe sie nicht. -- Weiter: Eine Abschiedsszene. Sie -- will nach Amerika, um dort gewissermaßen zu heiraten. Will -- will auch nicht. Ich -- möchte sie wohl halten; will -- will auch nicht. Letztes Stück: Ein Schiffsuntergang mit Pauken und Trompeten; sie ertrinkt.
Summa: Ich bin der Schuldige am Untergang dieser hülflosen Seele.
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Zweites Bild: In einer Sylvesternacht las mein Vater Briefe einer gewissen liebenden Cordelia, genannt die arme Seele. Hier ist sie zu sehn, wie sie sich in inbrünstigem Verlangen verzehrt, mir das Geheimnis ihres Lebens zu öffnen. Hier zu sehen bin ich, wie ich gepeinigt bin von einem ähnlichen Verlangen. Hier zu sehen ist Cordelia: tot.
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Summa: Gesetzt, ich hätte die Kraft aufgebracht, zu bekennen: wäre nicht die zwingende Folge davon ihre Erleichterung zum eigenen Geständnis gewesen? Summa: Ich bin der Schuldige am Tode dieser armen Seele.
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Drittes Bild: Hier ist Sigune, eine blasse verwaiste Pflanze. (>Ich wünschte, daß vom Fenster sie verschwände!<) Hier der vielerseits bekannte Georg, eine Art besondren Wirbelwinds. Hier liegt sie, ausgerissen.
Summa, und so weiter.
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Viertes Bild: Da wäre noch ein besondres Vorgeständnis zu machen. Ich verschwieg, daß unlängst die vielerseits bekannte Magda Chalybäus bei mir war, das heißt, ich war eben wieder einmal eingeschlafen, und sie saß neben mir wie der beste Engel, als ich erwachte. Obwohl sie mich anzusehen schien wie immer, merkte ich wohl, daß etwas keine Richtigkeit hatte mit ihrem Blick, und gleich sehe ich folgende Bilder:
Eine Frau, die einmal kürzere Zeit so eine besondre Art Geliebte von immer Demselben war. Diese und jene Szene der Eifersucht oder der ehrgeizigen Andeutungen. Trennung. Jahrelanges Nichtvorhandensein in der Erinnerung Desselben. Nun der wohlbekannte Festabend. Jene Frau, genannt Cora, in der Maske einer Eumenide. Scheint Magda wegen ihres von Renate geborgten Kleides für dieselbe zu halten. Alberne (?) Drohungen. Später Magda mit Demselben im Monopteros. Theatralischer Überfall Coras mit einem Dolch. Ich weiß nicht: galt es mir oder galt es ihr? Ehe Derselbe dazwischen fährt, sinkt Magda zu Boden.
Nun, meinem Vater ist obgenannte Magda besonders bekannt, und er kann sich demgemäß ihre Rede vorstellen auf meine Frage nach ihren Augen. Oh, sie könne recht gut sehn! Grade heute zum Beispiel sei es besonders gut, sie sehe mich ganz deutlich, sie sei auch zum Beispiel ganz allein zu mir durch das Zimmer gekommen, ja, es wäre geradezu schade gewesen, daß ich eben schlief -- und so weiter. Mit einem Wort: blind.
(Aber deswegen keine Ergriffenheit! Sondern standfest jetzt, Auge in Auge, Zahn um Zahn, -- auch abgesehen von noch weiteren diesbezüglichen Ausführungen ihrerseits, nämlich betreff einer gewissen besondren Prophezeiung, die endlich in Erfüllung gegangen zu sehn Derselben eine besondre, sozusagen seelische Genugtuung bereitete.)
Summa: -- -- erübrigt sich wohl nach Analogie der vorigen.
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Ein Würfelklotz verfügt über sechs Seiten. Zwei blieben noch leer. Auf eine derselben würde ich ja sehr gerne mich bringen, wie ich am Tode Helenes schuldig bin, aber -- ich kanns drehen, wie ich mag: es will mir durchaus nicht gelingen. Es scheint kaum erklärlich, aber vorläufig muß es dabei bleiben, daß ich tatsächlich am Tode Helenes _nicht schuldig zu sein scheine_.
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Nun wären freilich die bisher aufgedeckten nur Zusammenhänge äußerer Art, und ich käme nunmehr zum Nachweis der besonderen, inneren Notwendigkeiten, nämlich folgendermaßen in der Ordnung:
_Ad I._
_A._ Allgemein. An dem Tage, wo es sich darum handelte, Esther endgültig zu halten, war ich deshalb nicht genügend bei der Sache, weil ich am nächsten Morgen auf Mensur zu stehen hatte, einer, wie ich wußte, nicht eben leichten Mensur, und so kam es auch. Ferner ist zu sagen, daß ich in München bereits nach wenigen Wochen Corpslebens wußte: es war eine -- nun, seien wir gnädig und sagen ein Irrtum. Gleichwohl wurde ich nicht nur in A. wiederum aktiv aus unbesondrer Berauschtheit, sondern beharrte auch dabei _wider besseres Wissen_, nämlich aus purer Schwäche, will sagen _Unverstand des für mein Leben notwendigen Tuns_.
Gedankenlosigkeit, Schwäche, völlige Unkenntnis des Notwendigen, des Einen, bei fortwährendem im Mund- und im Hirne-Führen großartiger Plane, Gedanken, Phantasiestücke in Napoleons Manier und so weiter -- das sind die Anklagungen.
_B._ Besonders: Obendrein fortwährende Verwirrung. In einem Kaffeehaus oder Chantant, einer Bar meinetwegen war ich einmal Augen- und Ohrenzeuge eines besondren Gesprächs zwischen den allerseits bekannten Josef Montfort und Saint-Georges. Es wurde darin auf das glaubwürdigste nachgewiesen, daß die seelische Versetzung eines beliebigen Menschen in die Leiblichkeit eines Andern, -- kurz und gut: die Vornahme einer _Maske_ unbedingt führen müsse zum Unheil, _wo nicht zum Verbrechen_.
Wer schlug dieses in den Wind seiner Berauschtheit? (Immer Derselbe!) Nicht nur seiner Berauschtheit! Denn bei völliger Nüchternheit des folgenden Nachmittags, in _einer Stunde höchster Notwendigkeit_ war ihm jenes Gespräch _klarstens_ erinnerlich, er aber schlugs in alle Windsbräute, nahm die Maske vor, und es begann: uralte Verwirrung.
Denn: >so begannst du, mein Tag -- Von Verheißungen voll<: aus jahrelanger kindlicher Dumpfheit rauchte mit unbekannter Geschwindigkeit hervor die Flamme des Verstandes, die alle Dinge so überdeutlich -- in einem Betracht -- zeigte, daß die Beschäftigung ihres Erkennens ihm allein schon ruhmwürdig schien und ihn somit verschluckte, alldieweil das genügsame Herz, gespeist mit einigem Abfall, sich allein großzuziehn hatte.
So geschah es denn _recte_, daß ich -- Beispiel Magdas zweite Errettung Jasons -- allüberall mit Gedanken handvoll bei der Hand, zu spät kam in den Augenblicken des Fühlens oder Handelns. Die Ewigkeit habe ich allzeit großartig begriffen; den Augenblick niemals.
Immerfort mit mir selber im Schwunge wie mit einer irrsinnig gewordenen Gebetskaffeemühle sah ich von jedem, was vor mich hingeriet, stets so viel, wie der Blick aus der Dreharbeit nach oben eben hergab. So kam der Tag Esthers, und ich dachte an mich, scherte mich den Henker um sie und -- lieferte sie demgemäß dem Henker aus. Seelisch immerfort großen Umgang pflegend mit Heroen und Dämonen, war ich _immer unvorbereitet für Bruder und Schwester_. So kam der Tag, wo Cordelia zusammenbrach vor mir, wo schon das Geständnis sich auf ihren Lippen wand wie eine flammende Schlange, aber ich ließ mich gerne _beschwichtigen_, auf später vertrösten, wo es zu spät war (denn immer ist später zu spät!), denn: der Mensch zwar hat eine besondre Membran erfunden, so fein, daß er über Länder und Ströme hinweg seiner Geliebten den Zustand seiner zärtlichen Gefühle mitzuteilen vermag: eine Membran aber, innerstes Empfinden der selben Geliebten ahnend aufzufangen im Augenblick, wo Leib sich preßte an Leib, die zu erfinden bemühte er sich nicht. Und ich, der ich ein Mensch bin: _hatte ich nicht die Aufgabe, sie zu erfinden_?
Ich? Freilich, es ist wahr, daß ich unter allen gewöhnlichen Menschen nichts bin als ein ebenso gewöhnlicher Mensch, und dennoch war ich nicht ganz ausgeschlossen vom Besondren, will sagen: der Gnade. Augenblicke erstrahlten schon ganz im überirdischen Feuer. Aus Nacht und Buschwerk hervortretend die Erlauchte -- oh wie? durchflammte sie mich nicht mit einem Strahl ihres Auges? war nicht eine einzige Wimper ihres Lides stark und scharf genug zur _magischen_ Durchbohrung, und ich brannte auf lichterloh? Was denn erlosch ich im Nu? Ich hatte doch die Kraft, das Schicksal über mir zu empfinden, das mich in jenem Augenblick an ihre Fußspur fesselte, und die Kraft, mich in meinen Grundfesten erschüttern zu lassen! Warum war ich denn so lau und so erbärmlich und gewöhnlich, daß ich nicht festhielt mit Klauen und Zähnen, und warum ließ ich mich fortlocken von jeder Stimme, die vorüberflog, jedem Bleiglanz, jeder trüben eigenen Not, all dem Zuvielen? Warum tat ich denn nicht, was not war, heftete mich an das Eine, unlösbar, mit allen Gewalten Leibes und der Seele, verfolgte es, setzte ihm zu, warf ihm immer neue Schlingen um, wenn es die ersten zerriß, ließ nicht ab von ihm, wich nicht von seiner Seite, wurde taub und blind gegen alles andre, gegen Blitz und Donner, Frühling und Winter, Leben und Sterben, nur aufdürstend, nur auflodernd in der Flamme! Statt dessen taumelte ich so umher, war immer gut und niemals mehr, verirrte mich in der Vielheit, sah immer -- o holdes Wort der Gepriesnen! -- nur Masse, nur Masse, richtete nichts als Unheil an und stand und stehe nun da endlich, die Hände von Schätzen leer, aber übervoll von der Schuld. Wenn ich das Eine getan hätte, wären mir nicht vielleicht Kronen und was ich nur wünschte freiwillig in den Schoß geregnet? Ich hätte gelebt, ich lebte noch, und Alle mit mir, die nun dahin sind durch mich. Warum, ja warum _bin_ ich denn gewöhnlich, wenn ich Wort um Wort und Schale um Schale _weiß_, wie man es macht, es nicht zu sein!
In einer übertriebenen, wegen der Maske übertriebenen eingebildeten Sicherheit raste ich mördrisch mit Keulen umher, da im Gegenteil alles unsicher war, und unsicher in Wahrheit bis ins Mark unaufhörlich tanzte ich herum mit Lemuren und Chimären der tausend fernen Möglichkeiten, immer ins Weiteste gerichtet, augenlos immer fürs Nächste, die nächste Sigune! Ratlos bis ins Mark vor lauter gedachtem Tunwollen war ich am Ende nur immer froh, ja lieber nichts zu tun, als etwas _Bestimmtes_, und Esther ging in den Tod, Sigune ging, und Cordelia fragte ich nicht nach.
Dreimal kam der Tod selber, um mich zu warnen -- ich überhört' es! Oh die ewige Schande, nicht eher zu wissen von einer Not, ehe man sie selber erfuhr! nicht eher zu wissen vom Tod, ehe selber man starb.
Hemmungen, aha! Hemmungen der Tat, die hatte ich gut und gern, aber hatte ich je eine einzige Hemmung meiner Gedanken? In Erwartung der Geliebten -- ich konnte ja nicht einmal den Urin verhalten und dünkte mich wahrhaftig zu lieben, als ob es möglich wäre, seine Notdurft zu verrichten in der Stunde der Unsterblichkeit. Magda, sie wars, die Jason aus dem Teich holte, Magda, die ihn vor der Windmühle bewahrte, und ach, da blüht nun meine Verworfenheit auf dem Mist, denn: Jason retten, heißt das nicht, Gott selber aus dem Wasser ziehn? Ich aber, ich wars nicht wert (obgleich dieser Bogner sich damals hinstellte und die Hände aufhob: Danken Sie Gott, Sire, daß nicht Sie diese Verantwortung und so weiter!) und kann nun heulen und mich zerknirschen und zerreißen am zu späten Tag, daß ich beim Ewigen ewig dabeistehn muß _und darf es nicht tun_! Ist das die Hölle? Ist das Höllenpein? Ist das auszudenken? Ja, denke, denke du nur, laß die Schwäche groß handeln und setze du den Grübelbohrer an Maler Bogner. Oh meine Herren Richter, bilden Sie sich vielleicht ein, ich hätte irgend was vergessen? Freiwillig geblendet hab ich mich, an den Augen kastriert, als mein Herr Vater mir eine gewisse besondre Mitteilung über meine Geburt machte, und da tappte ich denn ins Leben hinein wie der blinde gewesene Hengst Unkas, nur Eines, nur Eines in Nase und Nieren, daß es mir ja nicht entwiche, o du heiliger Mistgeruch aus der eigenen Stalltür: die _Gewohnheit_.
Gewohnheit, das leirige Gleis, zog mich widerstandslos dahin, und wo mir das Große, Heilige, Ewige entgegentrat, den Blitz in den Händen, da zog ich hurtig die Weiche auf, da hielt ich hurtig den Ableiter vor, glitt glatt weiter mein Gleis, geführt statt zu führen, und was -- statt des Erlauchten, Unsterblichen -- was bekam ich? Cora bekam ich, das Halbe, das Armselige, das Ding, >das wie Gold ist aus Lehm<, den Antichrist!
Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich sein soll, wenn es aus all diesem noch einen Weg geben soll für mich, so bewahre mich vor dem einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, -- so sei mir gnädig und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen mit meiner _Seele_! Daß ich meine eigenen Gedanken sehe wie Sterne, meine _eigenen_ Gefühle fühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren nachtappe, wie ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den ewigen Stall!
Ich bin zu Ende.
Magda an Dr. Birnbaum
Waldheim, am 16. September
Lieber Onkel Salomon!
Nun siehst Du, jetzt kann ich wieder schreiben! Es geht sogar schon fast so schnell wie mit der Feder, und dabei ist die Maschine, die mein Freund Jason mir besorgte, nicht einmal eine richtige Blindenschreibmaschine; er hat nur die Tasten, die eigentlich weiße Lettern auf schwarzem Grund haben, mit weißen Plättchen belegt, weil ich die zumeist doch sehen kann, und dann hat er auf jeden mittelsten Buchstaben der drei Tastenreihen einen Tropfen Siegellack fallen lassen, so daß links und rechts sich auseinander halten läßt, und ich kam wirklich überraschend schnell vorwärts. -- Heute wollte ich Dich bitten, doch so gut zu sein und Mahlmann zu veranlassen, daß er drei, oder am besten vier Zimmer im Gastflügel zurechtmachen läßt. Mein lieber Freund Bogner ist nun nach fast sechs Wochen so weit wiederhergestellt, daß er das Krankenhaus verlassen darf. Er hat allerdings noch eine offene Wunde im Rücken mit einer Kanüle darin, aber er darf sich doch schon bewegen. Ich sprach zufällig von Helenenruh mit ihm, und er erinnerte sich mit solcher Freude der hier verbrachten Wochen, daß ich ihn eingeladen habe, dorthin zu gehn. Eine sehr nahe Freundin von ihm, Frau Tregiorni, wird ihn begleiten, und wahrscheinlich auch noch das Fräulein Ring, durch die ich den Li habe, wie Du Dich erinnern wirst. Ich selbst denke, in den ersten Oktobertagen zu kommen und außer Renate den jungen Saint-Georges mitzubringen; er ist gelähmt und wird dann Schulferien haben. Ich würde eher kommen, wenn nicht Renate zögerte; ihr Onkel ist leider von sehr zarter Gesundheit und beansprucht ständig Aufmerksamkeit und Pflege; sie wird deshalb auch wohl nur einige Tage in Helenenruh bleiben. Mahlmann lasse ich dann bitten, für die zwei oder drei Wochen meines Dortseins ins Gestüt zu übersiedeln, da ich doch gern im alten Hause wohnen möchte und der Gastflügel auch besetzt sein wird. Alldas schreibe ich Dir, damit Mahlmann den Eindruck behält, daß ich bei Georg zu Gast bin, und nicht umgekehrt. Also vergieb, daß ich Dich zu Deiner vielen Arbeit auch noch behellige! Da Du von Georg nichts schreibst, so nehme ich wie verabredet an, daß in seinem Befinden keine Änderung eingetreten ist.
Auf baldiges Wiedersehen also! Ich sehne mich sehr nach Helenenruh! Ich werde ja nun eine zweite Kindheit dort haben, denn damals, nicht wahr, damals war es doch so, daß man die Dinge der Welt, die man sah, erst mit Händen fühlen mußte, um sie zu kennen, und das muß ich nun auch wieder tun. Ob meine Füße wohl die alten Wege gleich erkennen werden? Ich freue mich schrecklich darauf!
Mit vielen Grüßen an Tante Flora in Liebe Deine
Magda
Dr. Birnbaum an Magda
Helenenruh, am 17. Sept.