Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 2

Chapter 23,839 wordsPublic domain

»Ich klopfte unten,« sagte er mit Heiterkeit, »bekam keine Antwort und trat ein, denn ich hatte Ihren Schatten hier oben gesehn, und ich dachte es mir wunderbar, hier oben unter den Sternen zu sitzen und von erhabenen Dingen zu reden. Ja, -- ich kam so vorbei ... Die Heimgekehrten ergötzt es, wissen Sie, Stadt und Gegend zu durchwandeln und an den leisen Veränderungen den süßen Kitzel des Unwandelbaren der Heimat zu verspüren, und so geriet ich in diesen Park. Nun kommen Sie, wir wollen die Sterne betrachten!« Georg fühlte sich leicht am Arm ergriffen und folgte an die Brüstung.

»Ach, da steht ja auch Wein!« bemerkte Josef, »oh, erlauben Sie mir einen kleinen Schluck?«

Er trat an den Tisch. Georg murmelte etwas und benutzte die Gelegenheit, um sich völlig zu sammeln, beruhigte sein klopfendes Herz, die Hände auf die Brüstung stützend und in die Sterne blickend; der Himmel war ihm jetzt nur eine verschwommene, über und über glitzernde und funkelnde Wand von Gold, in der seltsam blaue, rote und grünlichweiße Lichter zuckten. Sich wendend, sah er Montfort mit dem Becher am Munde und streckte die Hand aus.

»Geben Sie mir auch«, sagte er, sich räuspernd. Montfort gab ihm den Becher, er trank begierig, der Wein schien noch einmal so kühl und duftend. Er stellte den Becher hin und ließ sich, da Montfort auf der Brüstung Platz genommen hatte, in den Sessel fallen. Josef, mit einer umfassenden Geste des rechten Armes, sagte:

»Der Mensch und die Sterne -- das heiße ich den Gipfelpunkt des Irdischen. Obendrein sind Sie seit gestern zur Hälfte Großherzog, -- ah, nicht wahr, Sie bejahen das Leben?« Er lachte leise.

»Sie sagen das so sardonisch«, lächelte Georg.

»Mich,« versetzte Josef, »mich lächert es immer, wenn ich so in den Zeitungen lese von großen Autoren als den Bejahern oder Verneinern des Lebens. Auf tief pessimistischer Basis, so las ich neulich von irgendwem, bejahte er dennoch das Leben. Hanswürste, die sie sind! Da sehe ich jemand vor vollbesetzter Tafel sitzen, hungrig wie ein Löwe, und essen, was sich essen läßt, aber -- er verneint das Essen, er schreit: Nein! nein! zwischen jedem Bissen und jedem Schluck. Begreifen Sie, Prinz? Ich kann das Leben verneinen durch Handlung, indem ich mich hinausbegebe, aus dem Leben oder zumindest aus der Gemeinschaft, also aus dem menschlichen Leben. Aber das Leben zu verneinen durch Meinung, zu leben unter Neinneingeschrei ... welch ein abscheulicher Unsinn! Und nun erst gar die Bejahung. Ich bin am Ertrinken und sage zu dem, der mich über Wasser hält, unablässig: Ja! ja! ja! du hältst mich über Wasser. Was soll das? Kann der bejahen oder verneinen, der gar nicht gefragt wurde? Aber natürlich: Charakter muß der Mensch haben, so heißts, und zudem eine deutlich erkennbare Weltanschauung. Ach, und über uns sind die Sterne! Wer darf noch an den Nachtraum -- die Stirne lehnen wie ans eigne Fenster? Kennen Sie diese Verse von Rilke?«

Georg, tiefer in sich versinkend, hörte mit mächtiger Ergriffenheit über sich die kostbare, tönende Stimme in der Nachtluft:

»Siehe, dies -- Bedürfte nicht und könnte, der Entfernung -- Fremd hingegeben, in dem Übermaß -- Von Fernen sich ergeben, fort von uns. -- Und nun geruhts und reicht uns ans Gesicht -- Wie der Geliebten Aufblick, schlägt sich auf -- Uns gegenüber und zerstreut vielleicht -- An uns sein Dasein, und wir sinds nicht wert.

»Vielleicht entziehts den Engeln etwas Kraft, -- Daß nach uns her der Sternenhimmel nachgiebt -- Und uns hereinhängt ins getrübte Schicksal. -- Umsonst. Denn wer gewahrts?

»Und wo es einer -- Gewärtig wird: wer darf noch an den Nachtraum -- Die Stirne lehnen wie ans eigne Fenster? -- Wer hat dies nicht verleugnet? Wer hat nicht -- In dieses eingeborne Element -- Gefälschte, schlechte, nachgemachte Nächte -- Hereingeschleppt und sich daran begnügt?«

Die letzten Worte mit Härte niederschmetternd, schwieg der dunkle Sprecher vor den Gestirnen, und Georg, hingerissen und bis zum Weinen erschüttert, stammelte: »Ja, ja, ja! so ist es, es ist wahr, oh, hören Sie nicht auf, sprechen Sie weiter, es muß weiter gehn!«

Montfort schwieg, begann nach einem Schweigen, während Georg mit verschwimmenden Augen, vorgebeugt im Stuhl, zu ihm aufsah:

»Wir lassen Götter stehn um gohren Abfall, -- Denn Götter locken nicht. Sie haben Dasein -- Und nichts als Dasein, Überfluß von Dasein, -- Doch nicht Geruch, nicht Wink. -- Nichts ist so stumm wie eines Gottes Mund. -- Schön wie ein Schwan -- -- Auf seiner Ewigkeit grundloser Fläche -- So zieht der Gott und taucht und schont sein Weiß ...«

Georg fühlte Tränen über sein Gesicht laufen und wehrte ihnen nicht. Nie, dachte er, in keinem Traum erfuhr ich solche Wonne der Tränen. Siehe, da stand Montfort groß und schwarz vor den beweglichen, schlagenden, strömenden Sturzfalten von Nacht und Gold, und es war, als ob er sänge:

»Nur der Gott! -- -- Wie eine Säule läßt der Gott vorbei, verteilend, -- Hoch oben, wo er trägt, nach beiden Seiten -- -- Die leichte Wölbung seines Gleichmuts ...«

Georg, von kalten und wilden Schaudern überronnen, schloß die Augen. Wie war es? wie hieß es nur? Auf seiner Ewigkeit grundloser Fläche, so zieht der Gott und taucht und schont sein Weiß ... Oh ... oh! schont sein Weiß! Es war kaum zu ertragen. An allen Gliedern gelöst, fühlte er sich in ein grundlos Weiches mit unsäglicher Wollust einsinken, hörte aber jetzt laut durch das Sausen und Singen in seinen Ohren drei starke Schläge gegen eine Tür. Wild zusammenfahrend, setzte er sich auf. Niemand war bei ihm.

Was war das? Habe ich geträumt? -- Das Herz klopfte ihm dicht unterm Halse, er fühlte sich seltsam schlaff, elend und an alles ausgeliefert. Wüste Furcht krauste ihm die Haut des Rückens, des Kopfes und der Stirn. Er schüttelte sich und fühlte sich sehr müde im Körper; aber der Geist war frei. Er sah nach dem Orion, aber nachdem der einen Augenblick über ihm aufgeblitzt war, war er völlig verschwunden, die Nacht ganz leer an seiner Stelle.

Georg fuhr sich mit der Hand über die Augen. Das ist ja unheimlich, murmelte er. Die Augen wieder öffnend, sah er zu seinem heftigen Entsetzen die Umrisse eines Riesen von flammend blauer Farbe am Himmel schweben; sie entfernten sich langsam, wurden kleiner und kleiner und verschwanden.

Da! Wieder die drei starken Schläge an der Tür -- -- es mußte unten die Tür der Sternwarte sein. Georg stand wankend auf, packte mit letzter Kraft seine Furcht und stieß sie fort. Einen Augenblick stand er wütend, konnte nichts sehn, dann lief eine große, schneeweiße Kugel auf der Mauerbrüstung vor ihm bis zum Rand, schwebte dann und entfernte sich nach rechts. Da peitschte das Entsetzen auf ihn ein, er stürzte zum Treppenschacht, die eisernen Stufen dröhnten unter seinen Füßen, er stolperte, rutschte am Geländer hinab, gewahrte dann den Lichtschein in der getäfelten Halle. Kaum aber, daß er die sieben Flammen des Kronleuchters und die beleuchtete Tischplatte ins Auge gefaßt hatte, einen Pulsschlag lang beruhigt, waren sie verschwunden. Er warf den Kopf herum, sah die Tür, die zum Gang ins Schloß führte, wollte drauf zu, aber sie war nicht mehr da.

Vor Angst kaum noch wissend, was er tat, ging Georg mit vorgestreckten Händen tastend auf die Pforte zu, erlangte einen Pfosten, ertastete die Klinke, riß auf und taumelte zurück vor einer finster schwarzen Gestalt, die darin stand, augenlos, eine spitze Gugelkappe anstatt des Kopfes auf den Schultern. Georgs Schrei vergurgelte, da die Gestalt im selben Augenblick spurlos verschwunden war. Statt ihrer sah er jetzt seinen eignen Schatten riesenhaft über die wieder sichtbare Tür ins Getäfel heraufsteigen, ein furchtbar beängstigender Anblick, so daß er beide Fäuste in die Augen stieß. So, einen Augenblick in sich selbst zurückgepreßt, gelang es ihm, sich zuzustammeln: du fürchtest dich nicht, nein, das ist seine Furcht, das ist -- er fand nicht, was es war, fühlte sich wehrlos, ergrimmte, würgte sich minutenlang herum mit der Furcht, riß die Augen auf und sah zu seinem unermeßlichen Staunen einen feurig roten Engel dicht vor sich stehn, leider ohne Haupt, die Fittiche weit entfaltet, doch schrumpfte er alsbald zusammen und schwand, während Georg, zerrissen von Wut und Entsetzen, mit geballten Fäusten auf ihn zutaumelte.

Da stand er vor der Tür, die ins Freie führte und stieß sie auf. Gott im Himmel, es stand wieder der Schwarze darin, ohne Haupt und Augen, nur die Gugelkappe zwischen den Schultern.

Nein, was denn, was denn? Nichts war da, sondern ein wunderbarer Gang von milchfarbenen Säulen, die von innen bläulich erleuchtet waren, hunderte in einer Reihe, die ins Endlose führte. Georg starrte so lange hin, bis sie in sich zerflossen. Da war die Nacht draußen, am Pfosten, zur Seite getreten, stand der Schwarze, und dort, mitten auf dem weißen Wege, in der Dämmrung, ein zweiter, still, ohne Bewegung. Georg warf sich herum ... Es waren drei! Der dritte stand -- es war der erste -- in der andern Tür, und Georg wich, gefühllos geworden, rückwärts bis zur Wand, fühlte sie mit den Händen hinter sich und lehnte sich daran. Der Schwarze in der Gangtür war schon wieder fort, aber der andre war ins Zimmer gekommen, wo er sofort verschwand, jedoch in die Tür trat der dritte und verschwand, aber nun war der erste wieder sichtbar, war näher gekommen und stand dicht neben dem siebenarmigen Leuchter, der im selben Augenblick ausgelöscht und nicht mehr da war.

Georg schloß die Augen, versuchte zu lauschen, hörte aber keinen Laut.

Als er die Augen zu öffnen versuchte, standen da drei Schwarze mit Gugelkappen in einer Reihe, einen Augenblick, dann waren sie fort. Alsbald jedoch erschien der linksstehende wieder, der in der Mitte alsdann, zuletzt der rechte. Kalte Tropfen liefen über Georgs Stirn, sein Haar knisterte, er krallte die Finger hinter sich in die Wand und hörte jetzt eine sanfte und schöne Stimme sagen:

»Nicht fürchten ...«

Er richtete sich schlotternd auf. »Ich fürchte mich nicht,« stammelte er, »was willst du?«

Da standen die drei Schwarzen wieder, in Abständen voneinander, es war aber schon tröstlich genug, daß sie nicht entschwanden, sondern blieben. Lange Zeit war kein Laut zu hören. Endlich machte die tiefe und ruhige Stimme sich wieder auf:

»Wir sind gekommen, aber wir kommen nicht aus der Zeit. Aus Zeit ist unser Kleid, das schwarze, fremde. In Zeiten wüst und abenteuerlich, ging auch das Rechte und das Wahre, das im Licht verstummte, in Nacht gekleidet und vermummte sich in schwarzes Kappenzeug und schwarzes Hemde; zu richten über Ritterhelm und Diademe, Wirrnis zu schlichten, Böses zu vernichten, kam bei Nacht die Feme, Tore öffnend mit dem Zauberring, und nichts, das ihr entging.

»Fürchte dich nicht! Sei wie die sieben Lichter in unsrer Nähe nicht voll Angst und Graun, obwohl zu schaun nicht unsre Angesichter und unsre Namen dir verborgen sind. Dein Herz, das von Entsetzen noch gerinnt, samml' es getrost, denn wir sind keine Schlimmen, sind Kläger nicht, noch Henker oder Richter, sind nur Stimmen, und was mit unsrer Zunge spricht, ist das Verborgene in deinem Herzen, sonst ists nichts.

»Denn wir sind eingedenk des Lichts wie du; obwohl wir gleichen ausgelöschten Kerzen, leuchten wir dir zu, auf daß es helle wird in deinem Herzen.«

Die Stimme schwieg. Georg, aus Schaudern in Schauder stürzend, fragte angstvoll, da das Schweigen dauerte:

»Was wollt ihr?«

Eine härtere, hellere Stimme, die von rechts zu kommen schien, sagte:

»Prinz Georg Trassenberg.« Und nach einem Schweigen: »Vorgeblich.« Und nach aber einem Schweigen: »In Wahrheit Sohn der Kaja Moscherowska.«

Georg fuhr mit dem Oberkörper nach vorn, öffnete den Mund, stammelte: »Ka--« Aber der Sprecher zur Rechten erhob die Hand und sagte:

»Still! Wir klagen nicht an, wir urteilen nicht, wir richten nicht, wir nennen. Wir sind nur Stimme. Anklage, Urteil und Vollstreckung übt allein dein eigenes Herz.«

Um Georg zuckte und schwirrte der Raum. Die Drei standen unbeweglich, hinter sich ihre die Wand emporsteigenden Schatten. Die sanfte, erste Stimme tat sich auf:

»Das Kind Esther schläft an dem Grunde des Meeres. Ist in deinem Herzen nichts, das sich verflochten fühlte mit dem Untergang einer ratlosen Seele?«

Georg zitterte heftig, senkte schwer die Stirn, bewegte die Lippen ohne Laut, zitterte nur. In weiter Ferne sagte jemand: »Sigune ...«

Sie lebte ohne mich noch, bewegte es sich in Georg, sie lebte, sie lebte ... Eine ungeheure Angst drang auf seine Seele ein, er fühlte seine Glieder an sich hängen wie erschlagen, totmatt, schwer wie gefüllt mit Steinen.

»Wir reden nicht von Schuld und nicht von Sünden«, scholl es sanft und fast liebevoll nahebei. »Wir sind allein gekommen, zu verkünden, was in der Brust dir schlummert eingelullt. Bedenke: nichts auf Erden wird durch fremden Griff und äußres Handeln. Aus dir selber mußt du werden, kannst dich aus dir selbst nur wandeln! Aus der Ferne kann nichts an dich heran, nur du selbst allein kannst dich gefährden. Daß vom Dache fällt auf dich der Stein, lenkst du selbst in jene Straße ein. Niemand kannst auch du verletzen, aus ihm selber kommt ihm Pein, Lust erkaufst du nicht mit Schätzen, du bist selber Rausch und Wein. Niemand stürzt durch deine Hand, Schuld verstrickt sich nur mit Schulden, nie bedacht und nie erkannt, -- aber du mußt es erdulden. Hiermit schweige unser Chor. Nicht von außen, nein, von innen tönten wir zu deinen Sinnen, stiegen aus dir selbst hervor; wandeln wir auch jetzt von hinnen, keiner sich von uns verlor. Sieh uns schwinden ... tausendmal, über Bergen, im Tal, du hast keine Wahl, -- immer wirst du uns wieder finden.«

Traum

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Kaja! -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- Hell sprang ein Klingen in Georgs Gehör auf, es summte lange nach, er merkte, daß er in allen Gliedern zusammengefahren war, glitt ganz langsam in alle Enden seines körperlichen Daseins zurück und fühlte, daß er aufrecht saß. Da brannten die Kerzen, nur noch Stümpfe, über und über tropfend von Wachs. Gott sei gelobt, dachte Georg schwach lächelnd, das war ja ein fürchterlicher Traum! Aber wie elend mir ist! Ich glaube, es geht auf Morgen. Ich möchte zu Bett, -- aber -- ich -- kann -- -- nicht ...

Ohne Bewegung hockte er im Sessel, sank endlich zusammen, legte das Haupt auf die Lehne und fühlte sich im selben Augenblick mit atemraubender Schnelligkeit fortgerissen, daß der Raum um ihn sauste und toste. Es war dämmrig umher, er flog, wie es schien, in großer Höhe, und alsbald erkannte er, ohne Schwindel und mit Entzücken, unter sich das Meer, schimmernd blau in gewaltiger Tiefe. Wogenzüge, gebogen und in Schlangenlinien, schoben sich schimmernd weiß in der metallenen Fläche hin und her, er flog, da stieg in der Ferne eine schneeweiße Klippe auf, er stürmte darauf zu, hoch über ihr, und allmählich wurde sie zu einer riesenhaften Säule, die wiederum sein Herz hüpfen ließ vor Wonne mit der Schönheit ihres schlanken Wuchses und der geschwungenen Räder ihres jonischen Kapitäls. Auf dessen Platte war eine farbige Bewegung, Gestalten in bunten Gewändern, und im Näherfliegen erkannte er, daß eine in der Mitte stand, die war glänzend golden, und rings im Kreise waren eine Menge, zehn -- oder zwölf? -- ja, zwölf aufgestellt. Deren jede hielt eine goldene Stange neben sich stehend, und oben daran, über den Häuptern der Gestalten -- ihre Gewänder leuchteten rot und gelb, violett und grün und weiß und in noch mehr Farben -- blitzten große goldene Ziffern, -- Georg erkannte und las eine Neun, Zehn und Zwölf, Sieben und Acht, und jetzt sah er auch die Gesichter, die ihm bekannt erschienen, ohne daß er Namen für sie finden konnte. Aber da bewegte sich etwas, nämlich ein uralter Mann, weißhäuptig mit langem weißem Bart, in einem schwarzen Talar. Dieser schritt gebückt und die Hände auf dem Rücken außen im Kreise um die Ziffernträger, und nun wußte Georg, daß es eine Sonnenuhr war und der Greis ihr Schatten. Die goldene Figur in der Mitte drehte sich mit den Schritten des Greises, und da jetzt eben ihr Gesicht aufleuchtend herumkam, so erkannte Georg deutlich Renate, erkannte ihren Seligkeitsmund, die blaue Farbe ihrer Augen, in denen das Meer aufgebrochen zu sein schien, und ihr bräunliches Haar. Erhob sie nicht die Hand, lächelte und winkte ihm zu? Ja, waren denn alle Ziffern schon da? Er suchte verkrampften Herzens im Kreis, auf einmal selber auf der marmorweißen Platte stehend, dicht neben einem der Zifferträger, dem er ins Antlitz sah, -- es war Bogner; sehr groß, fremd und verhärtet stand sein Antlitz in die Mitte des Kreises gerichtet, er zuckte nicht mit der Wimper, und Georg eilte angstvoll weiter, gewahrte fern drüben eine Stelle leer, ging hinter Josef Montfort herum, der ganz wie Bogner unbeweglich gradeaus sah, ebenso hinter Ulrika Tregiorni, hinter Saint-Georges, hinter Magda, da begegnete ihm der wandernde Greis, der alte Montfort wars, -- mein Gott, es wird gleich schlagen, dachte er in unsäglicher Furcht, wo war denn der leere Platz, sein Platz? Seine Füße wollten nicht mehr fort, er schleppte sie wie bleigefüllte Säcke, da war Erasmus Montfort, düster und schweigsam, Esther stand da, ihr Bruder, Irene war da, nun Klemens, -- Cordelia, ach hilf mir doch, liebe Cordelia, stöhnte Georg, aber ihr Gesicht war eine weiße, lächelnde Maske, seine Kniee versagten, er sah undeutlich Dora Vehm, auch Benno, ach Gott, ach Gott, da stand schon wieder der Maler ... Auf einmal rührte jemand seine Schulter an, er fuhr entsetzt herum, atmete aber beseligt auf, als er Jason al Manachs freundliches kleines Antlitz sah, ganz klein, ja, wie eine Hand, und die Hälfte davon war Stirn. »Ist denn für mich kein Platz, Jason?« stammelte er flehend. »Es muß jeden Augenblick zwölf schlagen, und dann ists ja aus.« Er riß sich wieder los, schleppte sich zu Esther hin und sagte mit unterdrückter Stimme: »Du bist ja tot, was willst du denn hier?« und versuchte, sie wegzudrängen. Da seufzte Esther, alle Gesichter im Kreis blickten vorwurfsvoll auf Georg, er raufte sich das Haar, keuchte, stammelte: Ja, ja, ja, ich bin der Mörder, ich bin der Mörder! -- Unter ihm glitzerte die blaue Meeresfläche, er stürzte kopfüber hinab, stürzte, stürzte, -- schlug die Augen auf und lag still, nichts empfindend durch Minuten als das göttliche Gefühl der Rettung.

Einige Zeit danach schien es ihm, als stünde er vor seinem Bett; danach kam es ihm vor, als läge er in Kissen, dann versank er in Müdigkeit.

Zweites Kapitel

Frühstück

Renate, schon in ihrem lavendelblauen Festkleid, wollte sich eben vor ihren Frühstücksteller setzen, als ihr der Herzog gemeldet wurde. Leicht innerlich zuckend, fragte sie sich: Morgens um acht Uhr, was soll denn das bedeuten? -- Sie wußte, was das bedeutete, aber sie verschwieg es sich, ging in die Halle und sah ihn eben zur Tür hereinkommen, ein wenig ungeschickt, aber ganz leicht, den Stock kaum benützend, ein großes Bündel Lilien in der Hand. Sie lachte ihn an, er blieb stehn, lachte auch, und -- »Lieber Freund,« sagte sie, »das ist ja wundervoll, so früh am Morgen und auf so tapferen Füßen!«

Nun ging sie zu ihm hin und gab ihm die Hand, zugleich die Lilien aus seiner Linken nehmend und an die Brust drückend. Sie neigte das Gesicht in die Kelche und hörte ihn sagen, während er ihre Hand festhielt:

»Ja, Renate, das ist wahr, was Sie sagen: tapfere Füße, und es sind auch -- besondre Füße, auf denen ich hereinkomme.«

»Ja?« sagte sie zögernd. Er legte auch die andre Hand um die ihre, zog sie zur Brust empor, wollte lachen, atmete mit ganzer Brust auf und sagte ernsthaft: »Freiersfüße, Renate.«

Hart stand ihr Herz auf und lief. Ich wußte es ja, sagte eine Stimme in ihr, wußte es längst, aber ich wollte es nicht wahrhaben. -- Es gelang ihr, ihn anzusehn, da mußte sie lächeln. Wie er keuchte! Sie drehte ihre Hand in den seinen hin und her, bis sie losgenestelt war, ging zum nächsten Fenster, legte die Lilien auf die Fensterbank und stützte das Kinn in die linke Hand, den Ellenbogen in die rechte setzend. Sie blickte auf, ließ die Hände fallen und wandte sich langsam zum Herzog herum. Der schloß eben die hängenden Hände und spreizte sie wieder. Sie sah ihn voll an, fühlte, wie sie errötete, und sagte leise: »Ja -- ich möchte -- -- ich möchte sehr gern -- --.«

Hastig lief sie wieder auf ihn zu, legte die Hände auf seine Brust, sah, die Brauen ganz zusammenziehend, angstvoll in sein großes, starkes Gesicht und hörte ihn sagen:

»Ich liebe Sie, Renate, das ist der ganze Grund, ich liebe Sie sehr. Ich bin fünfundzwanzig Jahre älter als Sie, aber ich -- ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich in fünfundzwanzig Jahren noch so jung bin wie heut, wenn Sie ...«

Er verstummte und tastete nach ihren Händen. Sie merkte, daß er zitterte, und alle Macht strömte aus seinem Zittern frohlockend in sie zurück. Lange stand sie und sah nichts als seine fast schwarzen, flehenden, besorgten, zuckenden, befehlenden Augen. Langsam glitt sie mit den geschlossenen Händen an seinem Gesicht empor und deckte seine Augen zu, drückte sie dann gegen seine Lippen, seine Wangen, trat plötzlich zurück und sagte, aufhorchend bei dem tiefen Klang ihrer Stimme: »Nun Geduld! -- Geduld ...«

»Geduld«, sagte er mit zuckenden Brauen, »ist das Schwerste auf der Welt.«

Nun konnte sie strahlend lächeln und rief: »Das Schwerste von der Welt ist grade noch leicht genug für Renate Montfort!« Sie stampfte leicht mit dem Fuß auf: »Weißt du das nicht?«

»Doch!« sagte er ehrlich. Alle weiteren Worte schnitt sie mit einer Handbewegung ab, ging zur Tür, drückte auf die Klingel und blieb dort wartend, die Hand am Klingelknopf, indem sie lächelnd auf den Herzog blickte, der sich umgewandt hatte. Als das Mädchen kam, bat sie um eine Vase für die Blumen und um noch ein Gedeck für den Herzog.

»Ich habe Hunger,« sagte sie freundschaftlich, »wollen Sie mit mir frühstücken? Wir müssen uns beeilen, um neun Uhr kommt Georg und holt mich zum Festspiel.« Als sie an ihm vorübergehen wollte, merkte sie, daß er nach ihr greifen wollte, schlug geschwind einen Bogen, raffte ihr Kleid vorn mit beiden Händen und lief schwebenden Schrittes und vor sich hinlächelnd zur Tür des Frühstückszimmers; dort blieb sie stehn, ließ ihr Kleid fallen, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Türfüllung, faßte den Rahmen mit den Händen und sah ihn so von dort aus an, lächelnden Mundes, mit weit offnen, liebevollen Augen. »Komm!« verlockte sie, kaum die Lippen bewegend, und dachte: Ich habe ja Künste in mir aufbewahrt, -- oh, dann will ich sie brauchen! -- Damit ging sie leicht und die Stirn gesenkt wieder bis zu ihm und reichte ihm die Hand. Während er sie an die Lippen hob, neigte sie den Kopf tiefer und tiefer, unvermögend, einen Gedanken zu fassen.

Renate kam erst eigentlich zu sich, als sie am Tische saß, dem Herzog gegenüber, Kaffee in seine Tasse füllend. Da merkte sie plötzlich, daß ihre Augen heiß und feucht wurden, sie setzte hastig die Kanne hin, schüttelte, den ängstlichen Ausdruck in seinen Zügen gewahrend, den Kopf, daß zwei Tränen abfielen, und sagte ernst: »Lieber, ich habe dies Haus hier zu hüten, was soll ich tun? Ich habe mir geschworen, nicht hinauszugehn, als bis alles wieder so ist, wie ich kam, -- ja, das tat ich nun,« sagte sie fest, »das müssen wir behalten. Du weißt ja alles vom Onkel, ich kann ihn nicht im Stich lassen. Was ich mir gedacht habe, kann ich dir auch nicht sagen, aber das ist auch gleich; du bist nun gekommen, und es muß wohl irgend etwas geschehn. Du mußt dich gedulden, bis ich das erledigt habe. Rede ich zuviel?« fragte sie wehmütig, lächelte ihn an und streckte ihre Hand über den Tisch nach ihm hin, zog sie aber schnell fort, als er danach faßte, ergriff ihre Weißbrotscheibe, zog den Honigtopf heran und begann zu essen.