Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 19

Chapter 193,813 wordsPublic domain

Aber wie gesagt: das ist auch wieder so ein Ausdruck. Dir ist bekannt, denn wir sprachen mehr als einmal darüber, daß wir im Zeitalter des Ausdrückens leben, auch Expressionismus genannt. Dichter und Maler: was das Wesen ihres Wirkens in Wahrheit ist, nämlich: die Form, das weiß ihrer keiner mehr (ausgenommen wie immer George), und eines jeden ganzer Stolz ist es, wenn er für irgendeine Nervensache einen Ausdruck gefunden hat. So auch die übrigen Menschen, und so auch in diesem Fall und so weiter.

Nämlich, ich will sagen: die Umstände reden ja gewissermaßen zugunsten der Andern. Mordanschlag eines Irren ... ich beklage Sigurd nicht weiter, als ich ihn eben verstehe, das heißt, ich habe alles, was Vernunft und Sinnenordnung heißt unter den Menschen, so oft hirnverbrannt finden müssen, an Andern und an mir, daß ich durchaus nicht weiß, ob wir nicht in die wahren Ordnungen gerade dann eintreten, wenn die uns bekannten gesprengt scheinen, und übrigens, wer sagt denn: gesprengt? Ebensogut können sie ja nur erweitert sein. Attentate auf Fürsten sind auch von sogenannt vernünftigen Leuten nicht selten verübt worden, und so ließe sich in Sigurds Falle besonders gut annehmen, daß es für ihn, um zu dieser Tat zu gelangen, eben jener Erweiterung bedurfte, die uns unter dem Ausdruck Irrsinn bekannt ist. Auch wieder so ein Ausdruck!

Ferner Trauer im Lande, an den Kleidern, betrübte Mienen und so weiter, vor allem unbedingt Deine sonst ganz unverständliche Abwesenheit, -- wie gesagt, all das spricht für Totsein, aber, wie ich auch schon sagte: das ist eben der gängige Ausdruck. Und eine Nervensache ist es ebenfalls, denn wie? Wenn ich wirklich glaubte, Du seist tot, in dem üblichen Sinn des nicht mehr Vorhanden-, des Abgeschiedenseins: müßten nicht meine Nerven reißen im Augenblick? Mit einem Wort: ich stürbe vor Angst?

Nein, mein Glaube bleibt die Form. (Übrigens ist es, wie mir einfällt, gerade Sigurd, dem ich die frühste Belehrung hierüber verdanke.) In der Form offenbart sich die Seele; Deine Seele aber, wie könnte sie gestorben sein? Ich habe es nicht gesehn. Ihre stoffliche Erscheinungsart, ja, die hat sie allerdings in außerordentlicher und besondrer Weise gewechselt, so wie die Vernunft es eben tut, indem sie rasend wird. Einzig wunderbar aber bleibt, daß die Form, in der Du nach wie vor Wesen hast und lebst, daß sie ganz und gar zusammenfällt mit der Form, in der ich Dich empfinde. Und ist nicht dieser Gedanke fast göttlich: Du, gemacht aus väterlichem Stoff, eingesetzt in die Form des Vaters für unsre Lebenszeit, nicht leiblich mein Vater, aber ganz und ewig im Geist? Nein, besondrer konnte es unmöglich erdacht werden. Mir verbleibt.

Sieh, da war er wieder eingeschlafen! Er schläft immer ein, dieser Knabe Georg! Ich dachte erst, das Schreiben würde ihn munter erhalten, aber es scheint mir doch nun wieder eine besondre Nervensache. Mein Geist, das merkst Du wohl, ist schon wieder scharf wie ein Eisbrecher (übrigens, in Chöttingen sagt man Cheist, -- ich weiß nicht, es reizt mich so besonders, wenn ich nicht alles aufgeschrieben habe, was mir eben einfällt. Nicht wahr, es könnte ja grade das von ausschlaggebender, mit einem Wort von besondrer Wichtigkeit sein!), also wie ein Eisbrecher, wie gesagt, aber du lieber Gott, meine Hand ist so schlaff wie meine Beine und so weiter.

Nämlich --

Oder vielmehr --

Nein, es tut mir besonders leid, aber ich kann nun das Ende des Satzes oben nicht mehr finden. Nun, Geduld, Geduld, wenns Herz auch bricht, Mit Gott im Himmel hadre nicht und so weiter, wie der Doktor Bürger so schön singt, aber -- das ist auch nicht so einfach!

II

Denn (um an meinen ersten Brief anzuknüpfen): warum bist Du fort und ich hier allein? Ist das nicht zum Hadern? Du bist freilich nun der große Strahlende geworden, ja der so blendend Strahlende, daß ich gar nicht die Augen zu Dir aufheben darf, und schon deshalb ist das Schreiben sehr dienlich, -- ich aber blieb hier in der kranken Dämmerung, und wenn ich nicht die Hoffnung hätte wie einen Felsen, wie einen _rocher de bronce_, in nicht gar zu langer Frist dorthin zu gelangen, wo Du bist -- wie wäre dies Dasein sonst zu ertragen? Lieber Papa, verzeih schon, ich weiß, daß die Äußerung von Gefühlen früher nicht üblich war zwischen uns, aber damals ging es uns Beiden ja verhältnismäßig wohl. Nun verstehst Du wohl: meine Einsamkeit macht mich mitunter recht weich.

III

Standhaftigkeit sagst Du. O gewiß, natürlich! Ich weiß ja auch: es lebt niemand in der Dämmerung, der nicht _recte_ hineingehört, und schon daß ich darin bin, wäre mir ein Beweis. Und nun der lange schwere Weg, den ich vor mir habe, dieser furchtbare und erhabene Weg zu Dir, der mich besonders entmutigen würde, wenn ich es wagte, ihn ganz ins Auge zu fassen: ich muß schon sagen, ich bin mitunter recht verzagt. Du würdest mir ja gern helfen, ich weiß, aber da es verboten ist, so sehe ich es ja vollkommen ein. In Deine Klarheit, in Deine Hoheit, wie fang ichs an? Wo ich doch ganz unten erst auf dem Punkte stehe, wo man tausend Fehle um sich her sieht wie ein grausames Dickicht, und ganz fern -- o himmlisches Grün hinter Bäumen! -- dämmert die heilige Wahrheit ...

IV

Ich weiß nicht, als ich neulich meinen ersten Brief an Dich begann, war ich so besonders glücklich und munter, aber bei mir hält auch rein gar nichts vor. (So war es immer in meinem Leben. Zum Beispiel Cordelia. Kaum war sie da, war sie auch wieder fort.) Dann ist auch diese elende, besondre Müdigkeit ... Ich glaube, ich fahre bald nach Helenenruh. Da Du in Trassenberg bist, darf ich ja leider nicht dorthin, und Helenenruh -- ja, Helenenruh, das steht immer vor einem wie eine Fontäne! Helenenruh war immer Sommer. Und die Kindheit, was ist die? Ein einziger Sommer. Folglich ist Helenenruh eine einzige besondre Kindheit, und daraus wieder die einfache Folge ist, daß ich nach Helenenruh fahren muß, um -- wenn ich schon in die Väterlichkeit nicht gelangen kann -- wenigstens in die Kindheit zu gelangen. Und führt wirklich ein Weg zu Dir hinauf: nur dort kann er beginnen.

V

Da hier nun Geist zu Geist redet, mein lieber Papa, so unterließ ich bisher eine meinen Körper betreffende Mitteilung von nicht besonderer Wichtigkeit. (Immerhin giebt es auch an ihr etwas Bedeutsames.) Ich bin nämlich krank gewesen, ja, und denke Dir, es war aufs Haar genau dieselbe Krankheit, an der Sigune starb! Ist das nicht besonders merkwürdig? Genau die selbe! Und sie starb daran, und ich lebe. Welch ein unmenschliches Glück, nicht wahr, für diesen Knaben Georg? Denn wohin wäre er gelangt, wenn er jetzt schon gestorben wäre? O die Tiefe ist ja nicht auszudenken! Nun blieb ich am Leben und bin Dir um so viel näher immerhin, das heißt: Du mußt verzeihn, wenn meine Berechnungen vielleicht ganz unsinnig sind, denn was sind Entfernungen in unserm Land? Dein letzter äußerster Strahl gelangt bis zu mir mit solcher Kraft noch, daß er mich zu blenden vermag, und das ist alles, was ich weiß.

Darüber müssen wir noch viel reden zusammen. Denn ich weiß nicht: mir wird eigentlich tagtäglich schwerer und unseliger zumut. Du bist so schwer zu fassen! Früher, ach weißt Du noch? >Wie wir einst in grenzenlosem Lieben -- Späße der Unendlichkeit getrieben ...< Ja, damals war alles leicht.

Und wenn schon die gewöhnlichen Menschen sagen, der Tod trennt, und es manchmal kaum zu ertragen wissen, was soll da erst ich sagen? Sie haben es doch leicht. Um die Trennung des Todes aufzuheben, was brauchen sie nur zu tun? Sie legen sich hin und sterben gleichfalls. Haha, es ist fabelhaft! Legen sich hin und sterben. Ich aber, ich? ich muß noch lange, lange leben, muß schaffen und streben und mein goldenes Kleid aus lauter verknöselten Fäden weben.

Ach, und es geht mir so schauderbar viel durch den Kopf, was ich nie im Leben zu Papier bringen werde. Ich glaube übrigens, es wird besser mit mir werden, wenn ich erst wieder gehen kann. Dann läuft sich vieles so an den Sohlen ab. Aber die Beine, o je! Ja, das kommt von der Krankheit. Glaube mir, Papa, es war die reine Hölle! Ich will mal sehn, ob ich es Dir beschreiben kann.

Das Schlimmste war -- abgesehen von dem ganz, dem besonders Schlimmen -- das lange Fahren. Immer dieser merkwürdige Wagen ohne Pferde, in dem ich vorne so angeschmiedet saß, als wäre ich ein Stück mit ihm, und neben mir auf dem Bock -- meist war es wohl Helene, die fuhr, aber auch Andre müssens gewesen sein, die allesamt, wenn ich mich recht erinnere, munter und gesprächig waren -- untereinander --, während ich selber keinen Laut äußern konnte und nichts begriff und nichts fühlte als den entsetzlichen Druck, in den mein ganzes Sein eingepreßt war. Und dann die schaurige Langsamkeit! (Seltsam, wenn wir uns sagen, daß es in Wirklichkeit doch kaum Minuten waren, während ich umgebettet wurde, und doch diese Unendlichkeit, zu der das Delirium die Minuten dehnte! Es ist also gewiß, daß es nur außerhalb unsrer, und für uns nur insofern wir mit dem Äußern in bewußter und vernünftiger Beziehung stehn, Zeit giebt, nicht aber in uns selbst.) Fahren, fahren und nicht vorwärts kommen, manchmal zwischen den unsäglich grauen Feldern, ohne Himmel, jedoch immer bedrückt von der schweren Niedrigkeit, unter der sich alles bewegte, dann wieder die endlose Mauer entlang, endlich durch die Höfe, die zahllosen Höfe, dann die Räume dieses öden Hauses, das nichts hatte als seine Wände, langsam, grauenvoll langsam, immer wieder Stillstand, bis ich endlich lag, angeschmiedet wieder ins Liegen wie zuvor in den Sitz (und es kam wohl, weil sie mich unter den Armen und Knieen faßten beim Umbetten, daß ich mich so in halb sitzender Stellung befand -- das Fahren! -- jedoch schwer hing und nicht saß), bis ich dann merkte, daß sie mich ja wieder aufgehängt hatten, an den Füßen aufgehängt an der Wand, ohne daß ich mich bewegen konnte, wobei ich doch nicht eigentlich hing, sondern lag -- ein im Wachen nicht vorstellbarer Zustand, das heißt ich hing, aber um mich herum war alles, wie wenn ich wagerecht läge. Und daß dies immer wieder kam! Und immer waren sie Alle herum, Onkel Salomon, Magda, Renate, Du Papa, Virgo, Schley, Klemens, sprachen miteinander, nichts war für mich zu verstehn, ich flehte, ich war für sie gar nicht vorhanden. Es war die Hölle! Ich glühte festgegossen, hing, -- ach, Sigune, hast du nicht auch so gelegen, den Kopf hintenüber, das Genick schon versteift? Hast du nicht ganz das selbe ertragen? Sieh, so habe ich es dir nachgelitten!

Doch war dies alles ja nichts gegen -- das Große.

Mich friert, wenn ich nur das Wort denke. Beschreiben kann ichs Dir nicht mehr, es läßt sich ja nur träumen. Es war nur Empfindung. Es war Nacht, -- und ich war selber die Finsternis. Ich war ausgedehnt und überall. Es war das Große, das ungeheure schwarze Wälzen vor mir, über mir --, und ich selber war das Wälzen. Ich war zum Giganten geschwollen und hatte eine entsetzliche Angst, nicht wieder klein sein zu können. Ich sollte das Große umwälzen, es war ein grauenvoller Drang, umzuwälzen, und es wälzte mich um. Es war eine so wahnsinnige Angst ... Nein, kein Großes, kein Wälzen, kein Ich. Nur Angst. Es war das Sterben.

Und doch -- ich erinnere mich -- es war schon einmal da, das Große. Wie ich die Masern hatte als Junge, war es da, und als ich, ganz klein, Lungenentzündung hatte, muß es dagewesen sein. Ja, und damals selbst kann ich es nicht zum ersten Mal erlebt haben; damals schon -- ich erinnere mich -- muß ich mich erinnert haben, wie ich mich heute erinnere. Und ja -- mein Gott! ich glaube, das Fürchterlichste war die Erinnerung, daß es schon einmal da und damals schon nicht zum Ertragen gewesen war. Und Erinnerung eigentlich war die ganze Angst, -- aber wann? wann?

VI

Dieser besonders gute Jason war eben da und erzählte mir etwas Niedliches, das ich meinem lieben Papa nicht vorenthalten will, doch muß ich einige Erklärungen vorausschicken.

An jenem 31. Juli nämlich, der uns am Abend die Trennung brachte, wo der große Mummenschanz war, mit einem Wort: an jenem besondern Tag, das heißt während seiner ganzen ersten Hälfte war ich -- kurz und gut: gewissermaßen berauscht. Damals wußte ich es natürlich nicht, das heißt als ich es nicht mehr war, da fiel es mir auf. Es war jedoch ein besondrer Rausch, nämlich nicht im Kopf allein, sondern in allen Gliedern, es war ein ganz rasendes Behagen, es war _quasi_ nichts als ein ganz gewaltiges, besondres Strotzen von Lebenskraft.

Ja, und noch etwas! In der Nacht vorher hatte ich -- sagen wir: Erscheinungen. Nun, wo Jason mir alles erklärt hat, erinnere ich mich erst deutlich wieder. Ich saß nämlich um die besondre Mitternachtstunde oben auf der Sternwarte, weintrinkenderweise, eine etwas romantische Idee, obwohl ich im allgemeinen kein Romantiker bin. Dann erschien auf einmal jener Montfort bei mir, Josef, dann kamen diese optischen Erscheinungen, Kugeln aus Feuer und so weiter, auch so besondre Ausfälle im Gesichtsfeld, wie man das nennt, und schließlich stellten sich drei Gugelmänner vor, so besondre Femrichter, die allerlei unvergeßliche Dinge sagten, das heißt -- nun habe ich sie ja doch vergessen. Bis auf eins: den Vornamen meiner richtigen Mutter, nämlich Kaja.

Und nun höre diese entzückenden Zusammenhänge! Ja, also am 31. nachmittags kam doch jener Klemens mit einem in russischer Sprache abgefaßten Brief meiner Mutter, den Virgo ein paar Tage vorher irgendwo gefunden hatte, und in eben dem drin stehen sollte, daß die Schreiberin meine Mutter sei, ich hielts nicht für wichtig, ihn zu lesen. Mit diesem Brief in der Hand war besagter Klemens nun die Tage vorher umhergelaufen (entschuldige gütigst: vorher umher klingt abscheulich, aber es langweilt mich nun schon ein wenig!) auf der Suche nämlich nach einem besondern Russen, der ihn übersetzen könnte. Wen findet er am Ende? Natürlich jenen Jason, der bekanntlich alle Sprachen spricht, aber siehe da: dor hatt en Uhl seten, und er konnte wohl und konnte auch nicht, das heißt, der Brief war so unleserlich, Jason fehlten ein paar besondre Worte, und kurz und gut, ihm fällt ein, daß ja dieser Josef Montfort vorhanden ist und grade aus Rußland gekommen, und nun wandern sie selbander zu ihm, das heißt in das Haus von Maler Bogner, wo Montfort wohnt.

Und wie sie dahin kommen, was herrscht daselbst? Allgemeine Heiterkeit! Es hatte nämlich besagter Montfort aus Südamerika, wo er auch gewesen ist (in dem Lande der Chinesien bin ich auch einmal gewesien!) ein besondres Gift mitgebracht namens Macu, das daselbst von den Indianern zu Kultzwecken gebraucht wird, und dessen besondre Wirkung eben darin besteht, wunderbare optische Erscheinungen hervorzurufen. »Und da,« sagt Jason, »da sitzen sie nun auf einem Berge, diese guten Indianer, und machen sich gegenseitig ihren schönen blauen Dunst vor.« Das selbe nun taten allda jener Maler, Montfort benebst seinem Chinesen -- er hat einen Chinesen! --, seine Freundin Cornelia und sein Freund Saint-Georges, der zu diesem Zwecke geladen war. Auch Jason sagte natürlich: gieb mir die rote Speise, -- und so war es eben. Wie nun aber Jason, oder vielmehr Klemens seinen Brief herauszieht, was kommt zutage? Josefs Kenntnisse in Russisch sind überaus mangelhaft, aber sein Chinese, der kann es glänzend, bloß -- er kann nun wieder keine russischen Buchstaben lesen, und kurz und gut: da sitzen sie schließlich allesamt und raten auf den Brief und bekommen ihn auch schließlich heraus.

Siehe, da sagte jener Montfort: bedeutsame Vorfälle und so weiter, mit einem Wort: ob ich nun schon wisse, was in dem Brief geoffenbart wurde, oder nicht, und ob Klemens es mir sagen würde oder nicht (derselbe nämlich ging wieder fort und sagte, er wollte es sich überlegen, und das tat er auch den ganzen folgenden Tag lang), ihre Pflicht sei, mir eine besondre geheimnisvolle Warnung zukommen zu lassen; ein schöner Gedanke, nämlich in Hinsicht auf die königliche Würde, die ich in jenen Tagen auf mich zu nehmen gedachte, und Montfort in seiner ungeheuren Beredsamkeit dringt so lange auf die Andern ein und entwirft so köstliche Bilder und so weiter, daß sie allesamt einsehn: es ist notwendig, es muß geschehn. So kauften sie denn am folgenden Tage -- nämlich das heißt: Montfort und Saint-Georges, und Jason sollte dabei sein, weil er eine so musikalische Stimme hat und am besten Verse aus dem Stegreif aufsagen kann -- kauften sie diese besondren Femrichtertrachten, und das Gift nahmen sie auch mit, um es mir zu verabreichen, dieweil, wenn ich schon vorher Erscheinungen hätte, ich auch die Gugelmänner für ebensolche halten würde. Jason, das muß ich noch sagen, war eigentlich abgeneigt, allein was geschieht? Zu ihm kommt jener Sigurd, und wie Jason das einmal an sich hat: Sigurd beichtet ihm alle Tyrannendolche, die er in seinem Gewande trägt, und Jason? Ja, da meinst Du nun wohl, er habe die Obligation gehabt, zum Kadi zu rennen, allein da kennst Du den Jason zu schlecht. Der weiß nämlich haargenau, daß er an etwas, das geschehen soll, nicht das geringste ändern kann. Er kann nicht eingreifen, er ist gleichsam handlos oder bloß Kopf, oder wie er es ausdrückt: er wäre nur eine Begleiterscheinung. -- Immerhin findet er sich bewegt, Kopf zu sein und ergo mit Femrichter zu spielen, -- bin ich klar?

Und siehe da, wie sie um Mitternacht zum Schlosse wandeln, was geschieht? Sie sehen meinen Schatten oben auf der Sternwarte. Nun kommt Montfort herauf, um Hausgelegenheit auszubaldowern, wie die Gauner sagen, »und da saßen Sie ja«, sagt Jason, »und tranken Ihren herrlichen Christitränenwein, oder wie solche besondren Weine heißen«. Nun, und kurz und gut, das Gift ist im Wein, ich trinke, Montfort schwand >und Goethe schwindet, und wer unbelohnt gelitten, strahlt in neuer Herrlichkeit< und so weiter. Und dann kamen sie, und es war alles schauerlich und sehr schön, bloß ich natürlich, ich schlug alles in den Wind, naturgemäß -- meiner Natur gemäß --, das heißt: in diesem Fall war ich gewissermaßen unschuldig, denn eben jenes besagte Macugift hatte neben jener optischen auch die Wirkung, während der optischen äußerst schlaff und elend zu machen, hinterher jedoch eben jenes Strotzen von besondrer Lebenskraft hervorzurufen, das mich am folgenden Morgen prompt überfiel. Aber es war doch sehr schön, und ich bilde mir schon was darauf ein, so besondre Heroen wie diesen Josef und gar Jason zu meinem Seelenheil in Bewegung gesetzt zu haben, und dieser Josef hatte ja auch noch eine sehr feine Idee, nämlich einen Schmetterling, auch aus Südamerika. Er war so groß wie meine Hand, ganz blau wie lauter Türkise, und dran hing eine seidene Schleife, auf deren Bänder die Drei ihre erlauchten Namen eingetragen hatten, worauf sie das Ganze irgendwo in meinem Palast anbrachten, damit ich am andern Tage wenigstens wüßte, wers gewesen war, aber siehe da, was geschieht? Ich wußte es ganz und gar nicht.

So geht es, Papa, so geht es! Aber nun muß ich leider aufhören, ich hätte allerdings noch viel zu sagen, aber Du mußt verzeihen, ich bin so fürchterlich müde!

VII

Ach Gott, nein, sind die Menschen dumm! das ist ja nicht auszuhalten! Im allgemeinen weiß mans ja, aber diejenigen, die einem besonders nahestehen, die hält man doch gemeinhin für Ausnahmen.

Heute war mein Freund Benno da, zusammen mit der kleinen Virgo Schley. (Da ich mir bisher alle Besuche verbeten hatte, meinten sie wohl, es wäre ein Aufwaschen.) Virgo -- ich irre mich doch nicht, daß Du sie einmal bei mir kennen gelernt hast? -- brachte inzwischen Zwillinge zur Welt, was merkwürdigerweise auf ihr Äußeres nicht den geringsten Eindruck gemacht zu haben scheint, und sie sieht nach wie vor süß und wie ein halber Knabe aus. Nur weniger unschuldig; den besondren Ausdruck aller jungen Frauen von Wissen ohne rechtes Begreifen, weich und ein bißchen erstaunt, den hat sie schon. Von ihren Kindern erzählte sie naturgemäß tausend Geschichten. Benno schwieg sich aus in Kindheit, Rührung und vermischten Gedichten. Von Dir schwiegen sie natürlich, die überaus Zarten. Als sie im Begriff zu gehen sind, frage ich, ob ich vielleicht Grüße an Dich ausrichten soll. Was ereignet sich? Allgemeines Staunen. Nun und so weiter, ich habe keine Lust, ihre Dummheiten obendrein zu Papier zu bringen. Dennoch, dieser Mensch! Da waren wir nun so und so viel Jahre lang ein Herz und eine Seele, und nun stellt sich heraus: alldas war bloß Oberfläche. Er ist so flach wie eine Furt für Kühe. Nun, er heiratet ja demnächst auch diese japanische Ente, die er sich da angebändelt hat. Obendrein rückt er mit der Absicht heraus, durch meine Vermittlung eine demnächst freiwerdende Korrepetitorstelle am Hoftheater zu erhalten. Wer dahintersteckt, war zu erraten: die dicke Person von Schwiegermutter, der die Unterstützung eines ums Haar zu den Toten versammelt gewesenen gekrönten Freundes nicht geheuer scheint. Mag er denn hingehn zum Theater und sich die Seele vollends verschandeln lassen. Die nächste Forderung der Dicken wird wohl sein, daß er eine Operette komponiert von wegen der Tantièmen und so weiter.

Gute Nacht, Papa, ich bin heute zu abgespannt zum Schreiben. Dies mit Benno hat mich auch wieder recht aufgeregt. Armer Benno! Da hängt er nun wie der selige Absalon mit seinem langen Haar an den Ästen meines Nervenbaums, und noch habe ich die Kraft nicht, ihm den Gnadenstoß zu versetzen. Ach, könnte ich nur gleich den ganzen Baum bei den Wurzeln abhacken und ins Feuer werfen! Etwas derart muß ja geschehn, ich weiß, damit die Seele ganz frei und rein werde -- für Dich! Du willst keine Götter neben Dir haben -- o nimm doch nur, nimm alles, was Du willst, wäre es nur mehr, was ich geben könnte, jeden Freund, jede Geliebte, alles, alles will ich Dir ja zum Opfer bringen, leichter zu werden, eisiger, ruhiger im Beschreiten des Weges zu Dir!

VIII

So nüchtern und kalt und altersschwach wie jeder bisher sah mich heute der Morgen an, der mich aus einem Traum von Dir weckte. Ich hatte schon alles zur Abreise nach Helenenruh vorbereiten lassen -- Doktor Birnbaum übersiedelt mit mir, um die Verbindung zwischen mir und den Regierungspersonen aufrechtzuhalten, obschon ich gestehen muß, daß ich noch nicht mehr tun kann als unterzeichnen, was er mir vorlegt --, und nun zögere ich wieder.

Mir träumte, daß ich in Trassenberg ankam und in die Gruft hinunterstieg, zu der aber die Treppe in den Grabenrest am alten Pallas hinabführte. Das Gewölbe unten, in das ich gelangte, war aber leer, zuerst. Dann erkannte ich ganz in der Ferne vor einem bunten Fenster Birnbaum, der an einem Tisch saß und in einen sonderbaren Trichter hineinsprach. Es war sehr still, mir war ängstlich, weil Du nicht da warst, dann bemerkte ich eine Tür, und wie ich behutsam näher trat, sah ich Dich in einem kleinen, ganz kahlen und niedrigen Raum sitzen auf einem Stuhl. Du hattest Dein gewöhnliches Aussehn, saßest ganz still da, die Hände geschlossen auf den Knien, und sahst nach dem Fenster hin. Meiner hattest Du nicht acht, und wie ich dann näher zusah, waren auch Deine Augen geschlossen, und Dein Gesicht war ganz gelb. Plötzlich wendetest Du Dich, öffnetest schwer die Augen und sahst mich fremd an ...

Früher einmal gab mir Josef einige Anweisungen zur Traumdeutung, aber hier versagen sie mir ganz, und es scheint mir auch verboten.

Aber es soll wohl so sein, daß es täglich schwerer wird. Helenenruh wäre ja eine Erleichterung.