Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 18

Chapter 184,001 wordsPublic domain

Mein dritter Besuch bei Bogner. Beim zweiten bat er mich, doch täglich zu kommen. Er spricht nun viel, wird aber schnell müde; seine Stimme ist mitunter kaum zu vernehmen; seine Gedanken scheinen rastlos in Bewegung.

»Sagen Sie doch,« fragte er heute, »ist Fuge wirklich das lateinische _fuga_?« Da ich bejahte, wunderte er sich und meinte: »Also wirklich Flucht? Das ist ja abscheulich!« worauf er mich und Ulrika nachdenklich betrachtete und fragte: »Ich möchte wirklich wissen, wie ihr es anstellt, diese unseligste aller Künste zu betreiben!«

Wir stellten uns sehr böse. Warum unselig?

»Eben,« sagte er fein, »weil sie gradezu die Seligkeit will. Aber sie kriegt sie nie. Sie ist ja nur immer da hinterher. Sie ist so ganz -- bergig! _Fuga_, die Flucht. Sie ist wie der Lauf eines flüchtigen Tiers über ein Gebirge.« So sprach er unaufhaltsam weiter. Immer hätte die Musik etwas Gejagtes, könne nie stillhalten, sei zwischen ihrem Anfang und dem Ende unaufhörlich, und wenn man ja absetze an einer Stelle, so geschehe das nicht glatt wie bei einem Gedicht, sondern mit einer zackigen Bruchstelle. Immer wolle sie die Ruhe, liege immer im Sterben, »und hat sie die Ruhe doch einmal,« sagte er, »so tritt sie schon wie ein Gewässer über ihren Rand.«

Ulrika wandte ein, wenn er ihr einmal bei einem guten Legatosatz schön zugehört haben würde, ob er dann nicht hinter der Bewegung den Stillstand gehört haben würde.

»_Quies in fuga?_« meinte er zweifelnd, »die Ruhe auf der Flucht?«

Schöner, erwiderte ich, ließe es sich kaum ausdrücken.

»Aber erklärt mir eins,« fing er nach einer Weile wieder an, »warum habe ich denn immer, wenn ich genau zuhöre, das Gefühl: weshalb ist das nun so? Könnte es nicht gradsogut alles ganz anders sein?«

Weil er, erklärte Ulrika ihm lachend, jetzt genug geredet hätte und schlafen sollte.

»Das will ich,« sagte er folgsam entschlossen, »aber noch eins!« Er fing umständlich wieder an, wir hätten seine erste Frage nicht beantwortet, wie wir es nämlich machten, die unselige Kunst zu betreiben. Er rieb sich die Hände. »Ich wills euch sagen. Die Musik ist für gewöhnliche Menschen Gift, ihr aber habt in euch ein Gegengift, denn -- ihr seid _Angeli sancti_, nicht wahr?« schloß er mit einem sonderbar ängstlichen Blick zu Ulrika empor.

Diesen scheuen Blick seh ich noch immer. Denn er war nicht nur dasmal, und wenn er nicht in seinen Augen war, so doch in einer Bewegung; und stets ist er gegen Ulrika von einer so ängstlichen Zartheit, die mir, ich weiß nicht warum, so schuldvoll erscheint, und ich muß die Augen niederschlagen, wenn er nur sagt: »Möchtest du wohl so gut sein ...«, als wäre da etwas zum Schämen.

am 25. August

Auf Ulrikas Bitte teilte ich Bogner heute mit, was er von Magda noch nicht wußte. Er hörte wortlos zu, schloß dann die Augen und hielt sie lange so, wie um zu versuchen, was Blindheit sei. Als er sie wieder öffnete, sagte er, sie zukneifend, geblendet: »Unmöglich! Sterben ist möglich, aber blind werden nicht!« Da erinnerte ich ihn, um ihn sich selber vergessen zu machen, daran, daß Magda nicht male.

»Richtig,« sagte er, »sie hat ja auch eure Musik. Oh freilich Musik! Die Sehenden macht sie halb blind, diese blendende Sonne, aber für Blinde kann sie ja dann wohl eine schöne Quelle der Wärme sein.«

»Ich wills Magda sagen«, meinte ich leise.

»Nein,« sagte er da, »sagen Sie ihr nicht das! Es klingt nicht gut so von Blinden ... Sagen Sie ihr --« Er besann sich, die Lippen bewegend, sagte dann: »Der Körper ist blind, aber die Seele ein Argus mit tausend Augen; soviel Götter, soviel Augen.«

Wir hatten dann eine Weile von andern Dingen gesprochen. Auf einmal fragte er mich, lächelnd mit einem Mundwinkel, ob mein Vater nicht Pfarrer gewesen sei, und als ich nickte, ob er gewesen sei, was man so liberal nennte. -- »Ach, nein!« »Ein ganz frommer Mann?« Ich bejahte.

»Dann«, sagte er, »will ich Ihnen noch was schenken. Jason hörte ich einmal sagen: Ein liberaler Pastor -- da könnte man auch sagen: eine liberale Musik, -- und nun fällt mir bei dem Seelenargus ein: das sogenannte liberale Christentum ist wie der einäugige Polyphem, geblendet vom listenreichen Ulyß,« schloß er verschmitzt, »der Vernunft.«

Er ist nun so klügelnd geworden ...

am 26.

Ich kam von Bogner zurück, es war schon spät und dämmrig geworden, da hörte ich die Orgel. Konnte das wieder Magda sein? Gleich lief ich in den Garten, wo ich dem Getön anhörte, daß Tür und Fenster der Kapelle geschlossen sein mußten und daß es äußerst heftig war. Näher kommend hörte ich Gesang und erkannte die Musik der alten Kirchenarie von Stradella >_Si miei sospiri_<, zu der Georg Magda einmal einen deutschen Text geschrieben hat. >Wer weint in Finsternis? Wer schluchzt im Dunkel?< fing es an. Vor der Tür der Kapelle hörte ich die Orgel allein die Schlußwendungen mit solcher Kraft brausen, daß die hölzerne Tür erbebte; ich öffnete und trat ein, es war dunkel drin, die riesigen Orgelstimmen warfen sich über mich wie Geister, schon wieder mit der Wucht der Oktavengänge im Baß des Anfangs einherstampfend. Ach, ich glaube, alle Engel meiner Brust sind aufgestanden vor einer übermenschlichen, viel zu lauten, einer rauchenden Stimme aus dem Dunkel, die hinfegte über mich durch den Raum, so tief und gewaltsam, so brechend aus allen Fugen, nach oben stürzend und sich niederschmetternd, daß ich mich nicht halten konnte und hingekniet bin und das Gesicht in die Hände gelegt habe. Und jetzt: schwarzblau durch das Schwarze der Nacht, unter Gewölben her, kam der Engel gebraust, der furchtbare, blinde. Die Stirn im Armbug trat er die Lüfte hinter sich mit zuckenden Füßen; die riesenhaften Schwingen bogen und wanden sich wie schwarze Flammen, er peitschte mit ihnen, und so jagte er unterm Gewölbe hin und über mir fort, und die Lüfte schlugen schallend hinter ihm auf wie Gewässer, heraufklatschend an den Nachtwänden. Es war ein endloser Gang, nicht breiter, als daß der Engel darin fliegen konnte, und so kam er zurück; ich, oh ich sah die Sohlen seiner Füße bleich schimmern, wie er über mir fortstürmte, und plötzlich sah ich ihn an den Stäben eines Gitterfensters hängen und daran rütteln; sein Leib fiel nach unten, er hing, so lang er war, aber er schwang die Füße hoch, stemmte sie gegen die Wand, und während hinter ihm die ohnmächtigen Flügel in rasenden Wirbeln die Lüfte peitschten, rüttelte er mit seinen langen Armen, rüttelte und schrie auf, ließ los, ermattete, tastete und stürzte ins Bodenlose ab. Ehe aber der Donner seiner Schwingen in den Tiefen verhallt war, kam er wieder herauf gerauscht wie ein Brunnen, und jetzte rannte er mit wütender Schnelle schräg nach oben und mit ungeheurem Prall gegen die Wölbung, daß sie barst.

Sechs schöne, farbige Engel, Gitarre, Harfe und Posaune in Händen, standen in einem tiefen, morgenstillen Zwielicht auf der Kuppe eines Berges; tiefer braute Gewölk. Es orgelte ruhig in den Tiefen, große Takte schlugen majestätisch herauf, der Umkreis der Himmel erschien, duftende Büschel und Hecken feuerfarbener Lilien raschelten, bewegten, ordneten sich und standen still, mit fahrender Schnelle kam das Licht, körperlos zog es herauf, goldene Dünste stiegen in triumphierenden Wolken überall, die Engel hoben ihre Instrumente, die lange Lure wies steil in das kühle Morgenblau oben. Dort stand einsam ein weißer Stern, aus dem langsam eine Träne rollte und fiel; der Stern war ein weinendes Auge, die Träne fiel naß und brennend auf meine Hand, es war dunkel.

Nun hörte ich meine Orgel leiser sausen, es war wieder das Vorspiel, aber als nun Magdas singende Stimme wieder einsetzte, war es reine Sanftmut, nur schmelzender Wohlklang, und sie leitete nun ihren Gesang, wie es schön und recht war, ohne Übermaß, beugte ihn und richtete ihn auf, ließ ihn schwellen und verhallen, ließ die Stimme schweigen lernen und sich bändigen durch unerbittliche Pausen des bemessenen Orgeltons. Und als sie zum vierten Male zum _da capo al fine_ einsetzte, hatte sie das Maß; die Stimme gehorchte freiwillig, der lärmende Gott der Blindheit war nirgend.

Und wiederum in diesem fremden Augustmond sah ich meine Erscheinung.

Im grünenden bewegten Garten stand die Sonnenuhr. Es war heller Tag, in allen Büschen glitzerten Taulichter, aber als ich wieder nach der Sonnenuhr blickte, war der Zeiger sonderbar lang und war das gewundene Horn des Tiers. Das weiße Tier stand im Garten, es hob die leichten seligen Füße und ging vorwärts wie im Tanz, indem es sich unaufhörlich verneigte, die Stirn mit dem Horne senkte und hob, ein Tanz von der unbeschreiblichsten Sanftmut, der plötzlich endete, da das Tier den Kopf stillhielt und zu lauschen schien, und nur die Spitzen des Mähnenhaars und des Schweifs flatterten ganz wenig an dem Marmor gewordenen Leibe. Jetzt wendete es den Kopf zu mir her, und ich sah, daß es freundlich lächelte, während es auf einen großen, blauschwarz gewandeten Engel zuschritt, der plötzlich unter den hohen Bäumen stand. Er legte eine Hand auf den Rücken des Tiers und wandte sich zum Gehn, so daß ich die hohen Büge seiner gewaltigen Schwingen über seinen Schultern sah, während die gebogenen, sehr schmalen Flügel selber an seinem Leib vorüber weit nach vorne die Spitzen streckten. Der Engel und das Einhorn gingen so zusammen fort in den Wald hinein, und sonderbar nahm er im Gehn seine Fittiche unter die Arme; dann legte er die Hände auf dem Rücken zusammen; er war klein geworden in der Ferne und sah nun schon ganz wie Jason aus; er war es auch wirklich, da er sich nun umdrehte und sein Gesicht zeigte, weiß mit schwarzen Augen, aus denen es lächelte ...

Sie waren verschwunden. Es rauschte durch den Wald, dann erlosch er eilig. Ich lief, Magdas Namen leise rufend, zum Podium, sie wandte sich zu mir und sagte, wie sie im Traum gesagt hatte: »Siehst du wohl, daß ich doch fliegen kann?« »Ich muß es glauben«, antwortete ich leise und schauderte.

am 27. nachts

Bei Bogner traf ich Ulrika heut nicht mehr an und statt dessen Jason. In der Volksküche hatte es eine böse Geschichte gegeben mit zwei ineinander verhakten Aufsichtsdamen, die auf keine Weise auseinander zu bringen waren. Um so stiller war Bogner. Es geht immer auf und ab mit ihm. Immer wieder kommt Eiter und mit ihm Fieber. So abgemagert er ist, war er doch ein schwerer Mann; er hat sich ganz wundgelegen, die Füße sind geschwollen und sollen ganz violett aussehn. Er fieberte, lag unruhig da und sprach kaum.

So verließ ich ihn in recht gedrückter Stimmung. Auf der Heimfahrt erzählte mir Jason, den ich mit zu Magda nahm, daß er vor ein paar Tagen bei Georg gewesen ist; daß er nun anfängt zu gesunden. Er liegt in dem kleinen Schloß, in dessen Nähe er auch gefunden wurde. Was mit ihm vorgegangen ist, weiß niemand, und vielleicht wäre er gar nicht entdeckt worden, wenn nicht sein Reitpferd sich beim Hause gezeigt hätte. Auch das ist nicht zu verstehn, denn der Park ist klein und von einer Mauer abgeschlossen; wie konnte er da reiten wollen?

Dies hörte Jason von Doktor Birnbaum. Als dieser dann von seiner Bekümmertheit sprach, daß er sich nicht getraue, Georg den Tod seines Vaters mitzuteilen, so hat Jason sich angeboten.

»Aber da«, sagte Jason, »hatte ich einen Versager. Vielleicht hätte ich es doch lieber mit Einschläfern versuchen sollen. Er schien ruhig zuzuhören, aber als ich besser hinsah, war er einfach ohnmächtig geworden.«

Als wir nun schwiegen, erschreckte mich das Geräusch des Fahrens, überlaut in meinem Gehör, und da merkte ich, wie alles wieder bröcklig in mir wurde. Da erschien der Festzug, ich saß auf der Höhe des Wagens, die Elefanten schritten dort, ich sah das bunte Getümmel unten und oben, und jetzt, wie es erlosch, jetzt erst sah ich alles, was geschehen war an diesem Tage, der so triumphierend begann. Alles zählte ich da Jason auf: Erasmus' Tat, und Josefs Tod, den Jammer seines Vaters und meinen eignen, den Tod des Herzogs, und Sigurd, Georgs Erkrankung, Magda, und weiter noch Bogner und Ulrika und gar Irene. »Jason!« mußte ich endlich entsetzt fragen, »wie war es nur möglich! all dies an einem Tag!«

Jason sagte: »Du lieber Egoismus! Warum lässest du alles Übrige fort? An jenem heißen Sommertag haben achtzehn Menschen einen Hitzschlag erlitten, woran sieben starben; drei stürzten mit einem zusammenbrechenden Balkon beinah hinter dir in den Festzug; zwei fielen vom Dach, zwei von der Straßenbahn, sechs wurden überfahren, einer brach den Arm im Gedränge, und übrigens müssen der Wohnungen, die von ihren Besitzern verlassen waren und in die eingebrochen wurde, mindestens zwanzig gewesen sein.« Er hätte nicht gezählt, schloß er, aber was mir einfiele, alldas nicht zu rechnen?

»Nein, Jason,« konnte ich trotz der erschreckenden Aufrechnung entgegnen, »du wirst mich wohl recht verstehn: die ich aufgezählt habe, gehörten doch Alle zusammen. Wir waren doch Alle verwandt miteinander!«

»Freilich,« erwiderte er, »kommt ein Sturm, stürzt das Dach ein, so trifft es Alle, die darunter versammelt sind. Oh gewiß, ich erinnere mich wohl: die Friedliebende Gesellschaft hieß es, und damals fing alles an. Denn«, endigte er liebenswürdig, »ich gebe dir gern zu, daß du die Dinge so ansehn mußt, wie sie sich um dich ordneten.«

»Ordnung, Jason!« rief ich empört.

»Ja, wer kennt denn all die Gesetze? Hat der Mensch einen Gott, muß er auch Dämonen haben.«

Mir graute es vor Jason in diesem Augenblick, und es dauerte eine Weile, bis ich fragen konnte, wie er es mache, stets gelassen zu bleiben, denn ich wisse ja, er meine es gut mit uns Allen.

»Ein bißchen schwarze Kunst vielleicht?« riet er.

»Ach freilich, die Schwärze sieht man an den Augen! Aber worin besteht sie?«

Das sei schwierig, meinte er, jeder Zauber sei nur in einer Hand wirksam; worauf er mir ernsthaft riet, wenn ein Leid an mir zerrte, nur die Augen kräftig zuzumachen und zu denken, daß es mich gar nichts anginge.

»Du hast uns so oft wohlgetan, Jason,« sagte ich leise, »wie willst du das denn gemacht haben, wenn wir dich nichts angingen?«

Das, sagte er, sei eine Verwechselung der Ausdrücke. »Ihr Alle geht mich viel an und auch euer Leid. Wenn aber eines davon an mir zerren wollte, an mir, nämlich an jemand, den es in Wahrheit nicht betrifft, und ich lasse das zu, und es wird nun meine Sache, was geschieht? Dann werde ich verwirrt und unnütz, und das Leid ist weiter nichts als größer geworden. Muß man ihm nicht Grenzen setzen? Kommt die Springflut über den Deich, so zieht man einen neuen. Wie soll man denn ein Leiden verringern, als indem man ihm Einhalt gebietet und versucht, es in ein ordentliches Bett zu leiten? Oh, man muß es gut schieben und zwängen, bis es an Ort und Stelle und eingepaßt ist. Dazu ist aber doch Besinnung nötig. Nun, und wenn schon der sie verliert, der darin steckt, soll ich sie auch noch verlieren?«

Ich konnte nur den Kopf schütteln und sagen: ich verstehe es nicht.

»Es läßt sich ja nicht verstehn,« erwiderte er freundlich, »ich sagte es schon. Oder kann dirs klar werden, wenn ich sage: Man muß mit fühlen, aber nicht mit leiden?«

»Ja, wie denn nur, Jason, wie denn?«

»Nehmen wir«, erklärte er nun, »einen eisernen Topf. Der ist voll Wasser, steht am Feuer, das Wasser fängt an zu kochen. Das Feuer glüht, der Eisentopf glüht, aber die leiden nicht. Das Wasser leidet, und die Luft im Wasser, die vor Angst, hinauszukommen, alles über den Rand wirft. Sie leidet die Glut, aber der Topf? Er fühlt sie. Fühlt sie ganz ruhig so lange, bis die Luft in der Freiheit der Lüfte ist, alle schädlichen Keime tot sind, und das Wasser gekocht. Das Feuer geht aus, der Topf wird kalt, alles hat seine Richtigkeit. Du aber, sage mir, mein Kind: war ein Gott im Feuer oder ein Dämon?«

»Beide, Jason, doch beide!« rief ich ganz aufgelöst, »aber warum, und wie macht es denn dein Topf, dein --«

Ich glaube aber, ich habe das gar nicht gesagt oder jedenfalls nicht weitergesprochen. Mir fiel nämlich etwas ein, das mit Jason zusammenhing, doch konnte ich es nicht finden; dann hielt auch der Wagen, und jetzt erst in der Nacht, wo ich mein Buch hervorholte, um zu schreiben, wußte ich, daß es darin stand, was ich gesucht hatte, und ich brauchte nicht lange, um diese Zeilen zu finden, Jasons Worte, geschrieben am 5. November im vorigen Jahr:

»Gewiß erinnerst du dich der Geschichte von den drei Männern im Feuerofen, die sangen. Ganz kühl standen sie in aller Glut und sangen schöne Lobgesänge. Das sollten eigentlich wir Alle können, ja, das ists, was wir lernen sollten. Die Glut verschonte sie ja nicht, jene Drei, was wäre das weiter gewesen? Ist Gott ein Taschenspieler, der Kunststücke macht mit seinen Heiligen? Nein, er ließ sie ganz und gar verzehrt werden von der Feuersglut, bis sie zu Asche gebrannt waren, aber siehst du, Kind,« sagte er zu mir, »in ihnen war Gott, mit seiner himmlischen Essenz waren ihre Leiber durchtränkt, so daß ihre Asche fest wurde, fest wie gebrannter Ton, und da empfanden ihre Seelen erst, wie kühl und wie angenehm gekleidet sie mitten in den Flammen standen, und nun begannen sie unverbrennlich den Lobgesang.«

Unverbrennlich, das war das Wort. Das sollten eigentlich wir Alle können, -- o Gott!

Jason, ja, und die Andern! Magda ist es geworden, Bogner wird es vielleicht, aber ich, wie weit bin ich davon! In Flammen stand ich lichterloh, aber alles, was ich davontrug, sind Wunden. Und war es nicht so, wie Jason erklärte? Was gingen jene Flammen mich an, mich, die sie nicht betrafen? Erasmus, den trafen sie und gingen sie an, und seinen Vater, Sigurd und den Herzog, aber doch nicht mich! Sie konnten brennen und verbrannt werden, ich aber lief nur zum Feuer hin und versengte mir die Hände. Nein, mein Gott, oh nein, was konnt ich denn tun? Erasmus, was konnte ich tun? Ich legte die Hände auf seinen Kopf, oh Heiland, wie das Feuer drin raste! Ich habe Woldemar einen Verband gemacht, so gut ich konnte, und ich habe Sigurds Stirn angefaßt und gefühlt, wie sie glühte, und da war meine Hand noch kühl. Ach, sie ist doch verbrannt, denn was half ich?

Was ist denn nur mit mir, was ist denn nur? Diese Schwäche, diese innere Lähme schon durch die Wochen. Es ist, als hätte ich Angst, dies könnte noch nicht alles sein, wenn aber das Letzte kommt, das Wirkliche, werde ich schwach sein und nur brennen und nicht überstehn. Sollte das möglich sein? Ein schlimmeres Unheil und eins, das nur nach mir zielt, nach mir? Ach, und die Jahre all, wie hungerte michs nach dem Glück!

Ruhig war ich früher immerhin und sagte: ich warte! Da aber, in jener Nacht, am Wehr erst, dann im Zimmer, auf der Fahrt, in der Universität, im Schloß dann, die lange Ewigkeit bis zum Schlaf bei Saint-Georges, da war ich -- besinnungslos, war ich leer, von mir selber verlassen und betäubt, und da hat mich einer, der mich schon lange belauerte, der hat mich da überfallen, der schlüpfte in mich hinein und hockt nun in mir, zusammengekrümmt, und wartet, und dies alles bisher waren nur erst die großen Verneigungen.

Bist du ein Gott, du fürchterlicher in mir, sage, bist du Gott oder der Teufel? Du hast mich öfters auch trunken gemacht in diesen Wochen, hingegeben der Ferne, einem himmlisch Kommenden zugeschmolzen, und dann dachte ich gewiß: Ein Gott muß es sein! Aber ich weiß es nicht, ich weiß es ja nicht! Angst ist immer Angst, ob sie nun süß ist oder bitter, wie soll ich da erkennen?

War ein Gott im Feuer oder ein Dämon? fragte Jason, und ich schrie: Beides!

Cornelia Ring an Renate

Altenrepen, am 29. August

Liebes Fräulein von Montfort, wie sehr danke ich Ihnen für Ihre lieben Zeilen, und denken Sie bitte nicht schlecht von mir, daß ich Sie bis heut ohne Antwort ließ! Ich, wissen Sie, habe gar keine Widerstandskraft, und wenn mich etwas trifft, so kann ich nur stillhalten und mich zerreißen lassen. Es ist nun so weit vorüber, daß ich wenigstens der Außenwelt Fassung zeigen kann, aber sehen lassen kann ich mich noch nicht, ich bin am ganzen Körper geschwollen. Wenn Sie es denn erlauben, komme ich in der nächsten Woche zu Ihnen. Heute will ich Ihnen nur schreiben, weil Sie nach Li fragen. Er hat mir erst einen guten Schrecken eingejagt, denn nachdem er Ihren Auftrag an mich ausgerichtet hatte, ging er hin und wollte sich umbringen. Ja, Sie haben sein >Was soll nun aus mir werden!< wohl nicht ganz recht verstanden, denn das hieß nicht, daß er nun keinen Herrn mehr hätte, sondern daß mit seinem Herrn auch sein Leben zerrissen war; es bestand nur in ihm. Ach Gott, es war wohl sehr komisch! Er war hinaus, ich glaubte, ohnmächtig zu werden, mein Herz ist nicht gut, ich schrie nach ihm, da kommt er wieder hereingelaufen ohne Jacke, um den Hals einen Strick, an dem er zerrt, und der nicht los will. Ich habe nun gesucht, ob sich in Josefs Papieren irgendwelche Bestimmungen für Li fänden, fand aber nichts. Li selber hat sich nun eines Auftrages seines Herrn entsonnen und behauptet, seine -- Josefs -- Erinnerungen aufschreiben, das heißt aus seinen Tagebüchern wiederherstellen zu müssen und herausgeben. Er, Josef, erlebte ja viele und unglaubliche Dinge, es giebt mehrere Tagebücher, die meistens von Li geschrieben wurden nach seinem Diktat oder auch ganz selbständig. Schon hieraus können Sie sehn, wie sehr der Kleine sein Vertrauen hatte. Wenn er lebte, würde er Ihnen Li aufs höchste rühmen. Er spricht, glaube ich, alle lebenden Sprachen und besitzt tausend Fertigkeiten. Er hat ihn, Josef, auf allen Reisen begleitet, und seit ich Josef kenne, war er, Li, immer bei mir, wenn er, Josef, in Ihrem Haus wohnte. Er hielt es irgendwie (ich glaube fast, seinem Bruder gegenüber) für unpassend, einen Diener für sich allein zu haben. Ich habe ihm nun Ihren Wunsch mitgeteilt und auch, daß er bei mir nicht bleiben könne. Er hat sich Bedenkzeit erbeten, obgleich es ihm gewiß lieb sein wird, in Josefs Haus zu kommen. Bitte, wenn Sie oder vielleicht Herr Montfort etwas aus Josefs Leben wissen möchten: Li weiß alles, und es sind ja auch die Tagebücher da. Heute erklärte er mir, wenn er schon bei mir nicht bleiben könnte, so gefalle es ihm, daß seine neue Herrin nicht sehen könne, denn da es die alten Augen seines wahren Herrn nicht sein könnten, wären gar keine schon das beste. Das klingt ein wenig lieblos, aber Sie sehen, wie er es meint, und das ist auch ganz so, wie ich Josef einmal sagen hörte: Wenn ein Mensch ein Unglück hat und gar nicht weiß, wie er damit fertig werden kann, so macht er einen Haken und hängts am Unglück von einem Andern auf. Und ein andermal sagte er: Unglück kommt selten allein; das ist wahr, denn immer hat es irgendein Glück zur Folge für jemand anders, und aus der Birne, die ich für faul halte, klaubt mein Bruder die Kerne und pflanzt sich eine Allee.

Ich schicke Ihnen also Li mit diesem Brief. Entschuldigen Sie bitte meinen Freimut, aber wenn er nicht ginge, so würde ich mich am liebsten selbst anbieten. Einem Blinden zum Führer dient wohl der am besten, der selber kaum noch aus den Augen sieht, und mir fällt wieder ein Wort Josefs ein: Schlage mich auf den Leib, so trägt er ein blaues Auge davon; wo es aber die Seele traf, was für ein Auge wird sie da aufschlagen? -- Herr Bogner wird mich ja kaum mehr brauchen; da Frau Tregiornis Mann tot ist, nehme ich jedenfalls an, daß sie zusammen bleiben.

Und nun gottbefohlen! Herzlich grüßend Ihre

Cornelia Ring

Zweites Kapitel: September

Georg an seinen Vater

I

Jason sagte (und nämlich im Auftrage der Andern, denn sie hielten ihn für den Geeigneten, und er wars auch!), Jason also sagte mir, daß Du gestorben seist. Aber das ist auch wieder so ein Ausdruck! (Übrigens, ich erinnere mich, es war ein so besondrer Augenblick, wie ich ihn noch nicht erlebt zu haben glaube, auch kaum mehr vorstellbar, doch war es so, daß Jason ganz weiß von oben bis unten in einer pechschwarzen Wolke saß, in der es donnerte. Dann liefen sie haufenweise zusammen, und diese, ich muß gestehen, ziemlich unglaubliche Erscheinung verschwand.)