Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 17
Ich ließ Georges nach Hause telephonieren und um den Wagen bitten. Der Wagen, dacht ich, soll dich denn zwingen, wenn du nicht willst. Nun sitz ich und warte, weiß nicht, wie ich es fertigbringe, mir fliegen die Hände, ich muß schreiben, daß ich nicht rasend werd vor Angst. Schwach sein, oh schwach sein in der Stunde der Not, ich, ich! Gestern -- was, gestern? drei Tage ists ja schon her, aber da hab ichs doch ertragen. Nein, das Grauen -- Josefs Vater ... ich kanns nicht! Und wieder Magda, die mich braucht! Ließ ich sie vor drei Jahren nicht allein und begnügte mich mit redseligen Briefen?
Schuld ist es, Schuld, sag es, sag es doch, daß du dich lange schuldig fühlst! hier, sitz, schreib, schreib auf, willst du wohl! schreib: Damals, als Josef aus dem Haus wollte, konntest du ihn nicht halten? Nein, da war die Kunst vergebens, du bewegst keinen Marmor, es war zu spät! Aber Erasmus? Sah ich ihn nicht mit Fäusten losgehn, damals, auf seinen Bruder? Und dann, was sagte er? »Ich bin doch schon als Junge einmal mit dem Messer auf ihn ...« Oh das hör ich nun, als wärs heute! Warum vergaß ichs denn inzwischen? Warum war ichs nicht eingedenk Tag und Nacht, wachend und schlafend: er ist als Junge schon mit dem Messer auf ihn losgegangen! Warum war ich nicht eingedenk Jahr um Jahr: »Lieber Bruder Erasmus, noch ists nicht Zeit! -- Und warte,« sagte Josef, »ich entgehe dir nicht!« Wars nicht so? Oh Gott, habe Barmherzigkeit, was konnt ich tun? Liebte mich nicht Erasmus, kannt ich nicht seine Natur, die mich in keine Nähe zu ihm ließ, es sei denn die eine?
Fort jetzt, nur fort! Warum kommt nur der Wagen nicht. Ich muß hin, ich muß ihm in die Augen sehn! Sehn, sehn, ob ich schuld bin wie er, und ihn bei der Hand fassen und verbrennen mit ihm, wenn ichs bin.
in der Nacht
Wieder in meinem Zimmer.
Sonderbar und unbeschreiblich ist mir zumut. Ist das möglich, daß alles hier unverändert ist? Lampe und Sofa, Ofen und Bücher, -- und mein weißer König sieht über mich hinweg wie immer.
Ja, du mein Heiland, du heilender, so laß mich dir bekennen alles, was inzwischen geschah.
Die Fahrt war so grauenhaft schnell zu Ende, daß ich kaum nach dem Hinsetzen im Wagen die Augen geschlossen hatte, als er schon wieder hielt, und da war wirklich die alte Hausfront, das Tor und die goldene Fünf in den eisernen Ranken, alles fest und still und genau. Als ich durch den Vorgarten ging, öffnete Konrad die Glastür, lächelte und sagte bekümmert: »Das kleine Fräulein, ach Gott!« Aber kaum im Hausflur, fuhr ich entsetzt zusammen, weil das Telephon aus der Kleiderablage gellte. Ich dachte, ich sei nur wie immer erschrocken, seit Irene durch das Telephon von Doras Kindern sprach, und so nahm ich mich zusammen, ging selber in den kleinen Raum voller Mäntel.
Und dann wars Ulrikas Stimme, matt und erschöpft, die fragte, ob ich es schon wisse, und unendlich weit fort hört ich sie sagen, ach, ich weiß die Worte nicht mehr ...
Sie haben sich geschossen. Bogner ist verwundet. In der Brust. Der Arzt sagt, er wird leben bleiben. Ulrikas Mann -- ja, nun weiß ich das auch nicht mehr, -- ist er tot? Ich verstehe es nicht, verstand es kaum, als ich sie sprechen hörte, es schien mir so gleichgültig, -- und auch -- als hätte ich alles schon gewußt ...
Und im nächsten Augenblick, glaube ich, hatte ich alles vergessen; statt dessen merkt ich, daß ich furchtbaren Hunger hatte; zu Mittag hatt ich keinen Bissen hinuntergebracht. So stand ich minutenlang, konnte mich auf nichts besinnen, zwischen den Mänteln und Jacken, und da lag der große graue Hut des Erasmus auf den Messingstäben und Magdas grober Gartenpanamahut mit dem dünnen schwarzen Band. Der sagte mir denn, was zunächst kam, und ich ging die Treppen hinauf bis vor mein Zimmer. Die Klinke in der Hand merkte ich, daß ich falsch gegangen war, wollte zurück, bildete mir aber nun ein, eine Minute Schonung, nein, Aufschub sei wohl gegönnt, und als ich öffnete, saß im Sofa, eine breite, weiße Binde vor den Augen, Magda.
Wie starrt ich nur hin! Eine leise Stimme sagte: Da sitzt es! -- Ihre grade Haltung und die Binde, das halb verdeckte Gesicht machten sie so zu einer Figur, einem Bilde der Gerechtigkeit oder etwas ähnlichem, so daß sie mir vorkam wie eine Gestalt all des Tödlichen und Schaurigen, das mich durchfahren hatte, so reißend schnell, daß jedes sich erst verstehen ließ, wenn es schon geschehn war. Nun saß das Unheil hier, ganz still, eine Binde vor den Augen ... Magda! schrie ich und fiel mit den Gesicht in ihren Schoß. Mit mir fiel die Erde. Sie hielt nun nicht mehr, ich wollte schreien vor Angst, als ich spürte, wie die Erdfesseln ganz lose wurden, und da rissen sie, der Boden tat einen ungeheuren Ruck, es toste, riesige Bäume wankten und schlugen um, ich konnte noch denken: Ein Augenblick, dann ist alles vorüber! Da kreiste die rote Finsternis langsamer, von unten kam die Sicherheit wieder, der Boden hielt, ich kniete, in meinem Haar glitt eine lindernde Hand ...
Dann sprach ich mit Magda. »Wir wollen nicht verzweifeln,« sagte sie, »der Arzt meint, das eine Auge würde sicher heil bleiben --« sie brach unruhig ab, lehnte den Kopf gegen die Wand zurück und drehte das Gesicht nach dem Fenster. Ihre Stimme war so tief gewesen wie sonst nur, wenn sie singt.
Meine Fragen wehrte sie ab und fragte selber nach Georg. Als sie hörte, daß er krank sei, stand sie gleich auf, sagte, sie müsse zu ihm, ich sollte sie führen, aber plötzlich schlug sie die Hände vor das Gesicht und rief verzweifelt: »Daß ich nun hülflos bin, mein Gott, das durfte doch nicht kommen!« Ich hielt ihren Kopf an meine Brust gedrückt, das kleine weiße Königsantlitz flimmerte mir vor den Augen, und ich sagte zu ihm: Wir, Josef, ja, wir gehn unsre luftigen Wege und finden die schönsten Worte, o du Delfin des Lichts, aber unsre Handlungen gehn allein vor sich, bis es zum Sterben kommt, dann besinnen wir uns und nehmen grade Haltung vorm Tode. Herrgott, schrie ich innerst, und die Kinder müssen leiden, was Riesen nicht schleppen, über die Armen wird Armut gehäuft, die Hungrigen bekommen zu fasten, und wer Sonne austeilen möchte mit beiden Augen, dem werden sie ausgestochen, und ich, sagte ich außer mir, ich habe die Verneigungen nun satt, große wie kleine, und ich habe genug gelitten! -- Sage doch, was du willst, antwortete es kühl aus den weißen Statuenaugen, aber du irrst, wenn du meinst, daß ich hinsehe. --
Magda machte ihren Kopf frei und sagte: »Jahre sind gekommen und gegangen, und ich habe mich in die unbekannte Einsicht Gottes gefügt und gewartet.« Und, sie habe gelitten, sagte sie, so sei es nicht schwer gewesen, an den Tod zu denken und seine Bitterkeit mit einer rettenden Tat zu vergolden, -- so daß ich nun merkte, sie hatte die alte Prophezeiung der Zigeunerin niemals vergessen. -- Ihre Hände fielen schlaff herunter, sie fing wieder an: »Die Nacht ist hingegangen, die ich mit Grübeln versessen hab, die Uhren schlugen Tag, und es kamen Menschen, und ich -- was soll ich glauben? Ich bin ja hülflos. Ich kann nun bloß dastehn und warten, daß der Tod jemand treffen will, und ich stehe vielleicht dazwischen, und er trifft aus Versehen mich, -- was kann ich tun?«
Mir quoll das Herz. Aber jetzt auf einmal kam das Seltsamste zu Tage. Sie wußte ja noch nicht die genauen Vorgänge vom Tode des Herzogs, wie sie aber nun alles von mir hörte, fuhr sie zusammen, berichtete mir in der Hast etwas von einer Fremden, im französischen Park, einem Anfall gegen sie oder Georg, ich verstand es nicht deutlich, und daß sie Georg habe ins Wasser fallen hören, was ich ihr ja aus Sigurds Worten bestätigen konnte. »Und siehst du,« sagte sie dann erglühend, »wenn nicht das mit mir geschehen wäre, so würde Sigurd Georg getroffen haben, und also -- also wars nun das dritte Leben, das ich -- gerettet habe. Und meins ist nun aus ...«
Danach wurde sie ruhig. Franziska kam und meldete, es sei zu Abend angerichtet, und sie stand auf, ich führte sie zur Tür. Draußen ließ sie meine Hand los und ging allein an der Wand hinunter, fand auch zum Treppengeländer hinüber, wo sie aber fast umgesunken wäre. Sie brachte keinen Laut hervor, richtete sich nach Sekunden wieder auf und ging die Treppe hinunter. In der Halle -- nein, da riß alles ab.
Plötzlich stand ich vor Erasmus' Stubentür. Ich wollte klopfen, aber meine Hand versagte, auch den Türdrücker bekam ich kaum herunter, und als die Tür aufging, wars, als fiele ich an ihr herunter in das Zimmer. Da saß Erasmus vor dem Schreibtisch in Hemd und Hose, über ein großes Buch auf seinen Knieen gebückt, schon umgewandt nach mir, aber ganz geduckt, und als ich seine Augen sah, schrie ich: »Mach die Augen zu, Erasmus!« Dabei muß ich selber die meinen geschlossen haben, aber nach einer Weile sah ich ihn wieder mit gesenktem Kopf wie einen Sünder in seinem gelben Unterhemd über seinem Bibelbuch hocken. Da ging ich zu ihm, als ging ich über Wasser, legte eine Hand auf seine Schulter, und sein Nacken war so lang und ganz rostrot, und sagte leise: »Was liest du denn da, Erasmus?« Er hatte die Unterarme über die Seiten gelegt und die Hände über die oberen Buchränder gekrallt; so blätterte er mit den Fingern die Seiten auf, zog aber endlich die Arme fort und ließ mich auf das Blatt sehn. Die schwarzen Zeilen schwammen ineinander, es war, als begingen wir eine Sünde zusammen, und ich flüsterte: »Du mußt mirs zeigen!« Nun brachte er eine Hand über die Seite hin, der Zeigefinger krümmte sich und wies eine Stelle, und ich las hinter dem rückenden Finger her langsam die Worte: So wird mirs gehen, daß mich totschlage, wer mich finde ...
Und dann? Ich hielt sein Gesicht in den Händen, sah durch das Fenster mit blinden Augen, sah das Gartengitter unten und die Alleebäume, und seine großen Hände lagen glühend um meine Unterarme geschlossen; dann fand ich mich über ihm stehend, und er hielt meine Hände. Auf einmal hatte ich wieder Kraft, nahm das Buch von seinen Knieen, legte es fort und sagte zu ihm: Steh auf! -- Mir zitterte das Herz, wie blindlings er gehorchte, und er stand da wie ein Knecht, groß, so breit und mit geducktem Nacken. Darauf ging ich zur Tür, hörte, wie er sich auch in Bewegung setzte und mir nachkam und die Tür wieder schloß und hinter mir die Treppe hinunter stieg; es brauste in meinen Ohren, alle Geräusche waren so deutlich und doch wie in weiter Ferne. Vor dem Schlafzimmer seines Vaters hab ich auf ihn gewartet. Als ich die Tür öffnete, gab es einen Luftzug, ich fühlte das Haar wehn auf meiner Stirn, und an beiden offenen Fenstern den Raumes wehten die leichten weißen Vorhänge herein. In seinem Bett, das frei dastand, saß der alte Mann; ich sah seine hohe, kahle Stirn und den Bart und die flackernden dunklen Augen, er aber sah mich nicht, sondern den, der draußen stand und die Hände rang, und dann fühlte ich mein eignes Lächeln so brennend, als hätte ich eine Sonne im Antlitz. Ja, ja, ja, die hielt ich ihm hin, die Luft brauste auf, Fittiche schlugen weiß aus der Tiefe, der Engel stieg wieder herauf, und die uralte Stimme rief laut: »Komm herein, mein Sohn, komm herein!« Da stürzte ein schwerer Körper an mir vorüber in den wolkigen Raum, ich hörte einen dumpfen Fall und die Worte: »Vergieb mir, mein Sohn, und laß mich wieder dein Vater sein!« -- Dann war ich draußen.
Am Ende eines langen weißen Flurs sah ich das stille Einhorn auf und nieder gehn; doch entfernte es sich bald, bog um eine Ecke unter eine altertümliche Arkade ein -- später fand ich sie wieder auf der römischen Abbildung, die dort hängt -- und verschwand, den langen, weißwallenden Schweif sanft um die zierlichen Fesseln legend, in einer grünen Dämmerung, die sich langsam schloß und zu grünen Korridorwänden mit weißen Türen wurde.
Später fand ich mich in meinem Schlafzimmer auf dem Bett und schlief gleich.
Cornelia Ring an Renate
Altenrepen, am 4. 8.
Liebes Fräulein von Montfort,
bitte wollen Sie mir verzeihen, daß ich mich an Sie wende, aber ich habe sonst niemand, den ich fragen könnte, wo Herr von Montfort ist, und ich bin ja so verzweifelt! Nun ist schon der fünfte Tag, daß er das Haus verließ -- Sie werden wohl wissen, daß er seit seiner Rückkehr nach Deutschland hier im Hause von Herrn Bogner wohnt --, und es wäre gar nicht seine Art, uns ohne Nachricht zu lassen. Mit >uns< meine ich seinen Diener, der Ihnen diesen Brief bringt, einen Halbchinesen; er heißt Li und hängt mit so außerordentlicher Liebe an seinem Herrn, daß ich Sie bitten möchte, falls Herrn von M. etwas zugestoßen sein sollte, es ihm zu sagen, und Sie brauchten dann mir nicht erst zu schreiben.
Von Herrn Bogner hörten Sie wohl? Er ist heute zum ersten Mal zur Besinnung gekommen, der Arzt meint, er soll ins Krankenhaus, was auch recht schmerzlich für mich ist zu aller Aufregung, ich meine, weil ich ihn dann nicht pflegen kann und nur unruhiger werde. Ich will nun aber schließen und grüße Sie mit nochmaliger Bitte um Vergebung als Ihre gehorsame
Cornelia Ring
Renate an Cornelia Ring
Waldheim, am 4. August
Liebes Fräulein Ring,
durch Li wissen Sie nun schon, ehe Sie diese Zeilen lesen, was geschehen ist. Glauben Sie mir, daß ich wie eine Schwester mit Ihnen empfinde, und so gerne wäre ich selber zu Ihnen gekommen, aber leider habe ich eine erkrankte Freundin im Haus, die ich noch nicht allein lassen kann. Möchten Sie nicht statt dessen mich besuchen? Ich könnte Ihnen dann vielleicht noch mehr sagen, was Sie wissen möchten. Li, der kleine, war so sehr gebrochen, ich werde nie vergessen, wie sein eben noch lächelndes gelbes Gesicht ganz grau wurde! Er bewegte sich nicht, aber er sank ganz zusammen in seinem langen braunen Mantel. Ich bin sehr in Angst um Sie, liebes Fräulein, und bitte, wenn Sie sich fähig dazu fühlen, besuchen Sie ja recht bald Ihre
Renate Montfort
Noch etwas fällt mir ein, das Li betrifft. Meine kranke Freundin, deren ich erwähnte, hat eine Augenverletzung, es ist zu fürchten, daß sie erblindet. Nun war sie dabei, als ich mit Li sprach, und da er mehrere Male ganz verzweifelt sagte: Was soll nun aus mir werden? so ging es uns durch den Kopf, daß ihn meine Freundin zu sich nehmen könnte, gesetzt, Sie selber wollen ihn nicht behalten. Meine Freundin würde einen Führer brauchen, und mir gefiel er sehr! Seine Treue, sein Schmerz, seine Höflichkeit, und was hat er für merkwürdig runde Augen in dem Chinesengesicht!
Irene an Renate
Nonnenkloster Mariabrunn, am 7. August
Ja, Renate, da bin ich wieder hier, Hals über Kopf, und da ich leider keine Ahnung habe, weshalb Du nicht im Hause warst, so bin ich ziemlich ratlos und wäre Dir dankbar für ein Wort über Dich und vor allem über Magda. Renate, was ist mit ihr? Ich sah sie, sie sprach von einem Unfall, sie war so beängstigend still!
Zu Hause wars nämlich nicht auszuhalten. Meine Eltern redeten bis in die Nacht, und am nächsten Morgen fingen sie wieder an. Und alles die reinste Neugier! Herrgott, was wollten die alles wissen! und o Himmel, diese Vorstellungen! Immer wieder die Fragen: Ob denn mein Mann nicht gut zu mir gewesen wäre? Ob ich ihn denn nicht liebte? Als ob das etwas damit zu tun hätte! Als sie sich aber bis zu dem Ausdruck Ehe verstiegen, da hatte ich denn doch die Nase voll. Ach, du lieber Gott, wenn Worte einen Menschen zu etwas machen könnten, ich wäre es geworden in diesem Augenblick. Ich hätte an mir selber irre werden können, packte meine Sachen und entfloh.
Hier ist alles, wie es war. Die guten Alten sind bis auf eine einzige noch dieselben, die Jungen sind Andre als dazumal, aber das Genre ist geblieben. Ein Aufheben gab es meinetwegen natürlich nicht, nur die Abatissa konnte sich eine triumphierende Bemerkung und einen spitzen Mund nicht verkneifen. Sie ist eine Gräfin und hat sich auch so! Vor lauter Genugtuung über meine Wiederkunft sagte sie etwas ganz Verwickeltes vom Heiland, der nicht in Häusern wohnte, sondern in Herzen. Ja, dacht ich, der wird sich grade bedanken und in deinem verprömmelten Herzen wohnen! und sagte: ich wäre dankbar, hier nur etwas Ruhe und Sammlung zu finden, bis sich herausstellte, ob mein Aufenthalt von Dauer sein würde (was der Himmel verhüten möge!) oder nicht. Da wurde sie noch spitzer und sagte, ein Herz voll Unruh wäre was Köstliches, und nur am Abgrund hin führte der Weg in den Frieden. -- So eine geht nun alle Tage mit dem Heiland um, und ist sie deshalb anders als die Andern? Na, die wird sich wundern, wenn es am Jüngsten Tage heißt: Reichsgräfin Jutta von Lindenau, weiland Abatissa, verblichen im Geruche großer Heiligkeit, und sie sieht sich denn dastehn in ihrem Sündenstank, der zum Himmel schreit. Mir ging ein großes Licht auf, und ich sehe, daß es mit der Mehrzahl der Menschen so bestellt ist: der eine ist leidenschaftlich Bergsteiger, der andre sammelt leidenschaftlich Briefmarken, einer geht ins Kloster, und eine ist meinetwegen Frauenrechtlerin. Und all diese leidenschaftlichen Dinge tragen sie sauber verschlossen in einem großen Koffer mit sich herum, den sie überall vorzeigen und sagen: da ists drin! und im übrigen sind sie ganz gewöhnliche Menschen. Die Briefmarken machen sie nicht weiser, und die Berge nicht klar; die Jesusliebe nicht demütig, und das Frauenrecht nicht duldsam. Ach, ist es denn mit mir vielleicht anders gewesen? Ja, denn ich war die ganzen Jahre lang überhaupt nichts!!!
Was mit mir zu geschehen hat, ist klar. Ich muß wieder werden, die ich gewesen bin, vor der Ehe, mit Leib und Seele. Ich weiß noch nicht, wie das geschehen soll, aber es muß. Nun -- damit muß ich allein fertig werden. Leb herzlich wohl, wenn ich kann, werde ich schreiben. Gedenke nicht unfreundlich Deiner
Irene
In meiner üblichen Selbstsucht vergaß ich natürlich, daß ich Dir von meiner Schwägerin Dora schreiben wollte. Daß sie mich vermissen wird, glaube ich zwar nicht, bei dem versteinerten Zustand, in dem ich sie verließ; da ich aber weiß, daß ich trotz ihrer vielen Freunde und Bekannten allein ihr ganz nahe war, so ist mein Gewissen gar nicht rein! Deshalb möchte ich Dich bitten, recht bald einmal nach ihr zu sehn und mir möglichst ausführlich zu schreiben, wie Du sie fandest! Nicht wahr, Du bist so lieb?!
Renate an Irene
Waldheim, am 14. August
Meine liebe Irene!
Daß ich Deinen Brief erst heute beantworte, geschieht deshalb, weil ich erst Bestimmtes über Magda wissen wollte. Das habe ich nun heute erfahren, und es ist sehr schmerzlich. Die Sehkraft des einen Auges ist ganz, die des andern fast erloschen. Sie sieht nichts, wir dürfen uns das nicht verhehlen, obgleich sie selber behauptet, Farben, sogar Gestalten erkennen zu können, und hell, sagt sie, sei es stets. Du siehst: sie ist, wie sie immer war! Übrigens giebt es etwas, das ihr dies Schicksal tragen hilft, aber ich finde die Worte nicht, es zu erzählen. Es ist aber das, daß sie die alte Prophezeiung, von der Du weißt, nun erfüllt sieht; und daß es Georg war, an dem sie sich erfüllte, ist ihr Trost.
Zu Dora ging ich schon zwei oder drei Tage nach Empfang Deines Briefes, fand sie über einem Berg von Schriften und Rechnungen ihrer Vereins- und Küchenangelegenheiten, und sie gestand mir ihre letzte Verzweiflung: ihr Gedächtnis habe gelitten, sie könne nicht mehr rechnen oder mit Angestellten verhandeln und dergleichen. Es gelang mir, ihr meine Hülfe aufzudrängen, ich bin seitdem fast täglich bei ihr gewesen, sie hat mich bei ihren Mitarbeiterinnen eingeführt und so nach und nach alles in meine Hände gleiten lassen. Ich werde es freilich wieder abgeben müssen, ausgenommen die Beschäftigung mit der Volksküche, Doras persönliche Domäne, denn für die Damen bin ich ein Eindringling. Bin auch wohl fähig einzusehn, daß Kampf gegen die vielen sozialen Schäden und Unvollkommenheiten notwendig ist, aber in der Welt, wo er vor sich geht, bleibe ich fremd und mag auch nicht kämpfen. Die Welt ist bisher eine männliche Angelegenheit gewesen; haben sie sie verunglimpft, sollen sie sie auch wieder rein machen, und sind die Frauen unzufrieden, so können sie ja streiken, aber als Frauen, und kein Geschrei machen wie die Männer. Daß arme Leute für wenig Geld viel und gut zu essen haben müssen, leuchtet mir ohne weitres ein, und deshalb gehe ich in die Küche.
Kaum dann, daß ich alles so weit hielt, um es weitergeben zu können, ist Dora mir fast unter den Händen erloschen. Sie lebt, sie besorgt weiter für sich und ihren Bruder das Haus, aber sie ist stumm und ganz stumpf. Jason, den ich häufig bei ihr fand, sagte mir, was sie ihm bekannte: sie erwartet ein Kind, das sie in der Nacht empfing, als die andern starben. Warum gerade dies ihr so qualvoll ist, würde ich mich vergebens fragen, wenn ich nicht wüßte, daß jede Qual den Menschen weniger bricht, als vielmehr ihn furchtbar verkehrt, und was dann Andern Trost scheinen mag oder Hoffnung: es paßt alles nicht für ihn; es wird alles nur wieder Qual.
Soviel habe ich an mir gelernt. Dir mehr davon zu sagen, bin ich noch nicht fähig, gute Irene, und muß es Deinem liebevollen Herzen überlassen, zu ahnen, was sich nicht erklären läßt. -- Daß Du den Weg finden wirst, den Du suchst, will ich von Herzen mit Dir glauben. Da sehe ich Dich wieder in meiner Kapelle stehn: >Die Wege des Himmels sind außerordentlich ...< hieß es nicht so? Ach, Kind, Kind! ehe wir nicht durch die menschlichen Ordnungen gebrochen sind und rasend geworden vor Not, eher werden wir in die göttlichen kaum passen. Da sind die alltäglichen Verrichtungen für uns gut genug, und nach uns wendet kein Gott sich um, wenn wir vorübergehn.
Magda schließt ihre innig liebenden Grüße den meinen an! Stets Deine alte
Renate
Aus Renates Buch
am 21. August
Heut habe ich nun zum ersten Mal Bogner wieder gesehn, ein Anblick zum Weinen.
Er hat Schlimmes überstanden. Zu den Wunden trat Rippenfellentzündung; bei der Punktion, um das Wasser zu entfernen, muß schon Eiter dagewesen sein, es gab eine Infektion an der Stelle, und nun waren weitere Punktionen unmöglich. Später stellte sich eine schwere innere Vereiterung heraus, es mußte geschnitten werden, ein Stück Rippe heraus, und es gab einen Eimer voll Eiter. Nun liegt er mit einer Kanüle an einen Saugapparat angeschlossen. Ulrika erzählte mir das auf der Fahrt zur Klinik und bereitete mich auf seinen Anblick vor. Ihre eigenen Züge waren verfallen, oder war es schon diese unheimliche Erweiterung von innen durch die Mutterschaft?
In dem schmalen Krankenzimmer war zuerst nichts zu sehn als die hohe Rückenwand eines Metallbettes, ausgefüllt von hochgestellten Kissen, dazu ein Gestell mit dem Saugapparat, von dem aus ein langer roter Gummischlauch in den Kopfkissen verschwand. Weiter vorgehend sah ich einen alten, furchtbar vergrämten Mann dasitzen, und aus schlottrigen grauen Stoppelfalten seiner Gesichtshaut, aus den Knochenrändern seiner großen Augenhöhlen blinzelten ganz dunkle Augen in die Höhe, wo von einer der Länge nach über dem Bett angebrachten Eisenstange eine Kette mit einem Ringe hing, den er mit schneeweißer, langfingriger Hand gefaßt hielt. Ich glaubte, in einem falschen Zimmer zu sein, und wollte mich zu einer Tür umdrehn, als er mir das Gesicht zudrehte und ich ihn erkannte. Oh, hinter der Maske von Gram und Krankheit das alte, wohlbekannte Gesicht nun so erschreckend deutlich wie ein Gesicht in einem Gebüsch oder hinter einem Zaun!
Die Rosen, die ich ihm hinlegte, sah er gar nicht an, sondern griff gleich mit beiden Händen nach meiner. Dann saß ich auf einem Stuhl bei ihm, meine Hand hielt er fest, und von irgendwo kam eine kaum vernehmbare Stimme: »Renate Montfort ...« Da seine Lippen sich bewegten, so mußte es seine Stimme gewesen sein, nun mußte er husten, es dauerte lange, bis er fortfahren konnte: »Ich wollte sagen: Renate Montfort weint. Traurig für mich,« setzte er hinzu, »aber -- hübsch! hübsch!« Dabei lächelte er, daß mich die Erinnerung an meinen Vater durchrann; der hatte auch in den letzten Tagen dies mühselige Lächeln der dem Tode Nahgekommenen: nur ein Gesichtverziehen, als ob sie erstaunten.
24. August