Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 16

Chapter 163,897 wordsPublic domain

Gleich darauf lag er vor ihren Füßen auf der Erde, sie sah seine Hände von stählernen Ringen zusammengehalten und schauderte vor diesem Zeichen des Verbrechens. Sie fühlte sein Gesicht an ihren Knien, wollte es wegheben, aber eine schaurige Erinnerung zwang sie, die Hände auf seinem Kopf zu lassen: damals, als Esther tot war, damals kniete er so. -- Und dann fuhr sie ein-, zweimal mit den Fingern durch das lockre und weiche Haar. -- Hötting siebenzehnhundertundachtzig ... hörte sie, ihr Mund zuckte, sie streichelte wieder seinen Kopf, hörte ihn leise wimmern, fuhr, verzweifelten Herzens, fort, dem zerrütteten Haupt an ihren Knien mit den Händen wohlzutun und es zu beruhigen, und murmelte Worte, die sie nicht mehr verstand. --

Er gehorchte und stand vor ihr, die geröteten Augen verstört, voll Schmerz und Feuer. Um seinen Mund zuckte ein Lächeln, da er sagte: »Esther hat es ja nicht zu erleben brauchen ...«

Seine Blicke glitten an den Boden; als sie mit den ihren folgte, sah sie wieder den blauen Falter dort liegen, bückte sich und hob ihn auf.

»Immer«, sagte sie leise zu Sigurd, »liegt mir der Falter im Weg; sieh, wie ist er schön, und immer unverletzt.«

Sigurd schluchzte plötzlich auf und sagte: »So wie du ...«

Sie schauderte, da wurde die Tür geöffnet, der Offizier erschien, auch der Arzt, der sie zum Herzog bat.

Nun stand sie zu Füßen des Bettes. Das Gesicht des Herzogs war gelb. Er schlug die Augen auf, sah sie schmerzlich und mitleidig an und sagte sehr leise: »Tut es noch immer weh?«

Renate senkte die Stirn, ohne zu verstehn, und er sagte wieder: »Ich dachte, dir wäre längst besser -- nun.« Und nach einer langen Pause: »Arme Helene ...«

Renate ging um das Bett zu ihm, schlug die Decke zurück, legte die Finger in seine Hand und drückte sie leise. Er hatte die Augen geschlossen.

Eine Weile später sah sie die dunklen Pupillen wieder glänzen. »Ach, Renate!« sagte er, leise lächelnd und kaum vernehmbar; dann -- mit einer langen Pause zwischen jedem Wort: »Du -- -- warst -- -- sehr -- -- schön. -- -- Aber -- --«

Lange Zeit kam nichts mehr. Sein Atem ging sehr rasselnd. Die Tür wurde plötzlich aufgerissen, ein halbes Gesicht fuhr herein und verschwand sofort: die Tür wurde sehr langsam zugezogen.

»Helene?« hörte sie eine kraftlose Stimme sagen und nach langen Sekunden: »bist -- -- du -- -- noch -- -- da? -- -- Ach so!« sagte er dann.

Renate stand auf und stellte sich in die Gartentür. Leise fiel im Dunkel der Regen. Auf dem vom Licht im Zimmer beleuchteten Wege sah sie ihren Schatten liegen, dessen Haupt im Schatten von Zweigen verschwand. Sie fröstelte, wandte sich um und trat wieder ans Bett. Vor ihr beugte der Arzt sich auf den Daliegenden, beugte sich tiefer, richtete sich nach Sekunden wieder auf, sah sie ernst an und nickte. Gleich darauf fing irgendwo ein Mensch laut zu weinen an.

Renate warf noch einen Blick ohne Gefühl auf das gelbe, entfremdete, hager gewordene Gesicht, wandte sich ab und ging zur Tür, die vor ihr geöffnet wurde, ging zwischen Menschen hindurch über den Flur und trat in die Nacht und den Regen, wo Menschen im Halbkreis geschart im Laternenlicht standen. Sie ging geradesweges zwischen ihnen hindurch und weiter, steif in sich, kalt, unbeweglich, nur langsam ermüdend, aber sie ging weiter und weiter, bog um Hausecken, ging viele Straßen kreuz und quer, jemand redete sie an, sie blieb stehn und fragte: »Ja, was wünschen Sie?« und die Gestalt vor ihr drehte eilig um und entfernte sich. Sie ging weiter, schritt plötzlich auf ein riesengroßes, leuchtend weißes und vergittertes Fenster zu, das über ihr schwebte, erkannte eine hohe Mauer und bog um die nächste Ecke. Neben einem Hauseingang blieb sie stehn und sah zu den Fenstern auf. Drei erleuchtete gewahrte sie, sie hörte einen Fensterriegel, ein Schatten beugte sich heraus und verschwand gleich wieder. Sie konnte nicht mehr stehn, ging zur Haustür, faßte nach dem Türdrücker und lehnte sich in die Nische. Die Augen fielen ihr zu. Dann hörte sie einen Schlüssel im Schloß, die Tür bewegte sich, sie öffnete die Augen, erkannte im Dunkel Saint-Georges' Gesicht und sagte leise und vorwurfsvoll: »Aber Georges! -- wo warst du denn den ganzen Tag?« Seine Antwort vernahm sie nicht mehr.

Sterne

Georg konnte sich nicht bewegen. Das weiße und blaue Pferd rannte in wütender Eile mit Renate bergunter, aber, obgleich sie laut um Hülfe schrie, lag er auf der Seite fest und konnte die überkreuz gefesselten Hände nicht bis zu der Pistole bringen, die dicht vor seinen Augen lag. Das Pferd galoppierte unaufhörlich, endlich hatte er nach fürchterlicher Mühe die Hände an der Pistole, aber sie war so groß wie ein Maschinengewehr, hatte keinen Lauf und einen unverständlichen Mechanismus von lauter Hebeln und Rädern, der Kolben war nicht zu finden, er ächzte und fluchte: »Wer hat denn dies verrückte Ding hierhergestellt, damit kann man doch nicht schießen!« -- Aber plötzlich knallte es, jedoch ganz leise, und Georg sah einen kleinen Hahn sich bewegen und auf ein Zündhütchen fallen, und dachte: Sonderbar! Erst schießt es, und dann fällt erst der Hahn. -- Der Hahn bewegte sich von selbst wieder in die Höhe, und nun fiel das Zündhütchen herunter, fiel ins Innere der Maschine zwischen die Hebel und Stangen, und Georg sah es unten unter der Tabulatur liegen, denn nun war es eine Schreibmaschine. Ach, nun weiß ich! dachte er und drückte eine Taste; sogleich knallte es, und noch einmal, und wieder, sooft er die Taste niederdrückte ...

Georg schlug die Augen auf und fand sich in einem Halbdunkel. Irgendwo mußte ein Licht sein, da berührte etwas Warmes und Weiches seine Stirn, und er sah dicht über sich einen großen Pferdekopf. Unkas, dachte er, merkte, daß er am Boden lag, und fror. Sein Kopf glühte, ihm war sehr elend, aber nun fiel ihm ein, daß er ja gesucht wurde, daß er fort wollte, fort mußte. Er stand auf, seine Glieder schmerzten heftig, er schwankte, ihm wurde tödlich übel, und an den Pfosten der Box gelehnt, erbrach er sich mit furchtbarem Krampf. Danach war ihm etwas leichter, er sah das Kopfzeug des Pferdes dahängen, nahm es herab, trat neben Unkas und machte es mit unsäglicher Anstrengung, mit immer wieder lahm herabfallenden Armen, notdürftig fest. Er ergriff einen Zügelriemen und zog das Pferd hinter sich her. Die Stalltür war angelehnt, er kam auf den Hof, sah im Vorwärtsgehn alle Fenster seiner Wohnung erleuchtet, auch einige darüber. Die arbeiten die ganze Nacht durch, dachte er spöttisch, aber wieder fiel ihm ein, daß er gefangen werden sollte, und er zog Unkas nach links hinüber in den Garten. Nun konnte er nicht mehr gehn, streifte Unkas den Zügel über den Hals und kletterte ächzend und verzweifelt auf seinen Rücken. »Ja, nun geh, geh doch!« flüsterte er. Das Pferd fing an zu gehn, er hielt sich an der Mähne fest, wankte mit geschlossenen Augen vor- und rückwärts, da stand das furchtbare Tier wieder still. Die Augen öffnend, sah Georg Wasser unter sich, daneben einen kreisförmigen Schattenriß strahlenartiger Latten, die den Weg am Wasser versperrten, begriff, daß er durch den Graben mußte, trieb Unkas mit Faustschlägen und den Absätzen hinein, und nun hörte er lange Zeit das schwere Planschen der Hufe im Wasser. Plötzlich ging es mit einem Ruck bergauf, er hielt sich fest, sah im Dunkel vor sich ansteigend den Pferdenacken, warf sich vornüber, und nun ging es wieder auf ebenem Boden weiter, entsetzlich langsam, und schließlich stand die Bewegung wieder still.

Da funkelten Sterne ... Drei, fünf, viele, unzählbare standen in der Nacht und funkelten unablässig. Weiter oben am Himmel jedoch waren keine, und Georg wunderte sich, daß die Sterne nur noch unten waren. Ihre kleinen Feuer loderten, andre blinzelten nur leise, aber sie waren alle seltsam in Bewegung und funkelten ohne Unterlaß. Er sah wieder nach oben, ob dort noch immer keine seien, legte den Kopf in den Nacken, verspürte augenblicks einen knallenden Schlag und starken Schmerz am Hinterkopf und lag am Boden. Vor seinen Augen zuckte und sprang das Sterngewimmel aufgelöst durcheinander, nach einer Weile wurde es wieder ruhiger, jedoch eine wahnsinnige, tödliche Angst wälzte sich zermalmend über seine Brust; er glaubte zu sterben, alles wurde weich und schwarz um ihn her, die Augen fielen ihm zu, aber unverändert noch lange Zeit blieben im Dunkel ihm Sterne sichtbar, sich verlierend in eiskalte Finsternis, funkelnd und glitzernd unablässig.

Hier enden des siebenten Buches neun Kapitel oder dreimal soviel Stunden.

Achtes Buch. Hallig Hooge oder Die Kammern der Seele

Erstes Kapitel: August

Renate an Magda

am 1. nachmittags

Magda!

Schon Nachmittag, und ich bin noch hier. Georges, der Dir diesen Zettel bringt, wird Dir sagen, daß ich bei ihm bin, und alles andre! Mitleid, Liebste, meine Sorge um Dich ist grenzenlos, wer wüßte wie ich, was der Herzog Dir war, aber ich kann nicht, kann nicht in das Haus kommen, wo Du bist! Ja, Grauen überstehn, aber hingehn, wo es ist? oh nein! Ach, zu Asche gebrannt, Kind! Genug, vergieb, komme zu mir, nein, komme nicht, hüte mir -- umsonst, ich kann den Namen nicht schreiben, alles versagt.

Georges gieb bitte ein Kleid für mich, Wäsche für Tag und Nacht, und was sonst nötig. In meinem Festkleid -- ich sitze da wie eine Irre. Georges' Bruder trat mir Kammer und Bett ab. Morgens als ich aufstand, da war alles leer, nur ein Zettel von Georges' Hand, daß er seinen Bruder ins Gymnasium fuhr, da fiel mir sein erster Schultag ein, er geht ja noch ein Halbjahr hin wegen des Examens. Den ganzen Vormittag blieb er, Georges, weg, um Zitate nachzuschlagen in der Bibliothek. Es war so zart von ihm, mich allein zu lassen, aber solche Zartheit macht in die Verzweiflung einen Knoten, wenn man schon drin sitzt. Ich muß wohl aufhören zu schreiben. Innig Dein!

R.

Renate an Magda

noch am 1. nachts

Noch ein Wort in der Nacht für Dich, armes, gequältes Herz, und die Bitte, Dich meinetwegen nicht zuviel zu sorgen. Kraft ist noch da, weiß nur eben nicht wo, aber glaub schon, daß ich sie finde! Habe Dank für Dein liebes Wort durch Georges, die Franziska hat alles schön besorgt, sogar an meine Badessenz gedacht. Daß Du Dich niedergelegt haben würdest, konnte ich freilich denken, es ist schmerzlich, daß Georges Dich nicht sah, nun, morgen seh ich Dich selbst. Jetzt ist alles leer, ich fühle nur den Schmerz des Risses, er trennte mich in leblose Teile, nur wo der Riß läuft, brennt Leben, Vergangenheit und Zukunft sind wie abgehauen, der Himmel weiß, wann sie mir wieder anheilen werden.

Hörtest Du von Georg? In der Zeitung soll gestanden haben, er sei erkrankt.

Heute morgen erwachte ich aus diesem Traum, in dem Du vorkamst. Es fängt an mit etwas Kleinem, das an der Erde lag; als ichs heben wollte, wars eine haarige Spinne, ich bebte zurück, trat mit geschlossenen Augen auf ihren Leib, der war weich und regte sich, da sah ich, daß es ein widerlicher brauner Frosch war, so groß wie eine Hand; sah mich verschmitzt an und sagte: Ich bin so weich und gehe nicht entzwei! -- Da lag auf einmal der Herzog auf einer Bahre, hatte die Augen zu, und ich wußte, wenn er nur die Augen aufmachen könnte, war der Zauber gebrochen, ich lag auf den Knieen, rang und weinte, da stand Erasmus hinter mir und sagte, die Hände faltend: Laß uns beten! -- Wie ich aber unter sein Gesicht blickte, sah ich, daß er heimlich lachte. Ich stand vom Bett auf und sah, daß ich nichts anhatte als weißen Unterrock und Leibchen, ich schämte mich, da hing ein violettes Kleid über der Wäscheleine, es war nun im Gemüsegarten, das nahm ich herab und zog es an, und nun kam Josef über die Beete im Frack, einen seltsamen großen Zylinder in der Hand, und sagte ernst: Dein Onkel liegt im Sterben, und du hast ein rotes Kleid an. -- Ich sagte: Es ist doch blau! aber es war wirklich blutrot, und da wußte ich, es war das, das Bogner angehabt hatte. Josef lachte da fürchterlich, und ich war so erstaunt und sagte: Josef, ich dachte, du wärst tot! Ach, dann hab ich das nur geträumt, oder schriebst du es nicht? Daneben war nun das große Blaue, das warst Du, die fortwährend mit einem großen Kleidrock rauschte, den Du nicht festbinden konntest, Du warfst ihn hin und her, es waren hundert Falten, es dauerte endlos, dann fingst Du an zu fliegen, flogst auf die Fensterbank, drehtest Dich wie ein Vogel und sagtest triumphierend: Siehst du, nun kann ich doch fliegen, und du wolltest es nicht glauben. -- So schwebtest Du davon, machtest einen Bogen, und nun war es ein ungeheurer blauer Schmetterling, der die Flügel langsam auf und zu faltete. Das sah wunderbar aus, aber nun kam er auf mein Bett gekrochen, und als ich die langen haarigen Beine sah, die so vielgliedrig griffen, Hörner und Glasaugen und das braune, mundlose Gesicht, packte mich das Entsetzen, ich brachte aber keinen Ton aus der Kehle, und es kam immer näher gekrochen, ich dachte, ich stürbe vor Ekel, da merkte ich, daß ich alles abschütteln könnte, wenn ich es nur fertigbrachte, aufzuwachen. Es gab einen Ruck, ich lag in Finsternis und atmete auf ...

Ach, und jetzt: wenn ich es nur fertigbrächte, aufzuwachen, und auch dies wäre ein Traum gewesen, -- oh mein Gott!

Und um das Haus, das mir Heimat wurde, liegt nun der magische Gürtel. Drin sitzt das Grauen mit den Augen eines alten Mannes, und statt eines Mundes steht da Kain geschrieben.

Ja, aber weißt Du es denn überhaupt? Nein! und nun sehe ich erst, daß ich vergaß, Georges danach zu fragen, und gewiß hat er Dir nichts gesagt, da er Dich nicht sah. Ich muß ihn morgen fragen. Ach, nun ist alles wieder glühend geworden.

Aus Renates Gedächtnisbuch

am 2. August

Ein stiller Vormittag. Ich schnitt mir von Georges' Aktenbogen Blätter in der Größe meines Buches; nun soll einmal die Feder laufen statt meiner Füße, die eine Stunde lang den grauen Läufer herauf und herunter irrten, und diese hohen roten Mauern da drüben, regennaß, die schwarzen Gitterfenster und die grasbewachsenen Dächer, naß und umspült vom Regen, die grauen Wolkenfetzen am jagenden Himmel, ich kann sie nicht mehr ansehn. Als ich heut nacht erwachte, hörte ich schon den Regen in einer Dachrenne klappern so fremd! fremd wie nun die Stille. Und doch wohlbekannt seit Jahren! Ach, das Alleinsein ist fremd im Zimmer der langen, gemeinsamen Arbeit, der Gespräche, der Behaglichkeit! und was auch sonst im Leben geschah: die Arbeit war jahraus jahrein; wie wird das werden, wenn sie vollendet ist? und auch das soll nun bald sein.

Kraftlos, oh ganz kraftlos zu sein! Ich bin so müde und matt. Und wie das nun aussieht, geschrieben! Wie machen es nur die Dichter? Wenn sie dergleichen schreiben, so spürt mans in allen Gliedern, und konnten sie es mehr fühlen als ich? Georges würde sagen -- o Himmel, was gehn mich alle Dichter an und Georges, jetzt wo Eins not ist? Aber die Gedanken! Sie stellen sich ein, unbekümmert darum, wer das ist, der sie denkt. -- Wer hat mir das einmal gesagt? Das schrieb Magda in einem Brief, im Herbst vor drei Jahren muß es gewesen sein, ja fast um diese Zeit. Was war ich damals, was bin ich heut? Ihre elenden Briefe damals und meine stolzen! Ich saß im Überfluß wie die Königin aller Bienen und dünkte mich groß, mitfühlen zu können mit einer verfolgten Seele.

Wie wölbten mir damals die noch unverblühten Linden hinter der Kapelle den Eingang in ein reiches Leben! Düfte der tausendfältigen Erwartung regneten in mein offenes Herz. Die Orgel tönte Zuversicht, ich war fleißig, meine Kenntnisse in Kontrapunktik und Generalbaß zu vollenden, ich dachte kaum nach, Erasmus gab es noch nicht.

Du tust mir weh, Erasmus, mit deinem immer gesenkten Kopf! Armer Kain! Du hast es nicht tun wollen? -- Nein, sagst du, ich wollte, weil ich mußte, man muß nicht schönreden. -- Sieh, was hier liegt, ein schönes Ding, ein großer blauer Schmetterling, eine seidne Schleife hängt dran, und Abels Namen steht darauf. Als ich ihn gestern zuerst las beim Erwachen, küßte ich ihn und weinte darüber. Diese Tränen gönnen wir ihm, ein zarter Abel war er nicht und Kain seit ewig beklagenswerter als er. Gebe Gott, daß die große kalte Seele sich erwärme im warmen All, wo sie nun ist! Deine Seele war immer warm, lieber Kain, oh wer hat sie so furchtbar zum Glühen gebracht!

Mir wird wieder wirr.

nachmittags

Wie gut, daß ich den Nachtbrief an Magda Georges doch nicht mitgab! Denn was heißt nun diese Nachricht, die er mir heut von ihr bringt: »durch Zufall eine Verletzung der Augen zugezogen«? Kein Wort zur Erklärung. Bin ich übervoll? Ich kann nichts aufnehmen, verstehe nichts, und wenn ich ahnen will, geht es schon auf im allgemeinen Grauen, und ich wende mich ab ...

Kleinigkeiten erhalten Zutritt. Der graue Läufer. An drei Jahre sah ich ihn abgenützt werden, ohne ihn je genützt zu sehn, da Georges nur darauf geht, wenn er allein arbeitet. Und nun gehe ich selber darauf und denke, er muß in einer Stunde zerschlissen werden, und weiß nicht, warum mir das wunderbar scheint!

Da sitz ich am Sofatisch und schreibe. Am Fenster ganz links sitzt der Gelähmte still für sich an seinem Pult; am Fenster ganz rechts sein Bruder, die vier Kartothekenkästen je zwei zur Linken und Rechten, und ich kann ihm minutenlang zusehn, wie er die saubern Karten, die wir Beide beschrieben, im Kranz um seine Schreibunterlage ausfächert, jede, von der er abschrieb, zur Seite legt, eine auf die andre, dann den ganzen Pack in seinen Umschlag und in den Kasten zurück, und dabei nimmt er den Federhalter quer in den Mund, und wenn er schreibt, geht das wie ohne Besinnen, es ist alles schon fertig. Lauter kleine Vorgänge peinlichster Ordnung. Und so entstehn Werke; so eine Dichtung, denn die Art, wie er Geschichte schreibt, ist ganz Dichtung. Oh heroisch, oh göttlich der Mensch, der etwas entstehen sieht unter seinen Händen! Die Berührung des Werdens verleiht Unsterblichkeit ganz gewiß, Leben springt über in Funken zum toten Stoff und der lebt, Augen schlagen sich auf, Lippe färbt sich und lächelt, Stirne blinkt weiß und rein, und aus ganzem, vollem Antlitz haucht es: Siehe, ich bin! und durch mich bist erst du!

Wie nun der Regen strömt um die Zinnen der Mauer!

am 3.

Als ich heut morgen ins Zimmer kam, stand Georges entfernt am letzten der drei Fenster, die Hände auf dem Rücken. Hell war der Raum im kühlen Regenlicht. Ernst, blasser als sonst schien er mir im Entgegenkommen. Ich glaube, ich stand wohl eine Weile vor ihm, die Hände auf seinen Schultern, und sah an ihm vorüber die nasse blanke Bekrönung der roten Mauer, die Drahtnetze und Gitterstäbe der Fenster und all das andre von Gefangenschaft, und dann fragte ich: »Grünt die Hoffnungsbirke noch?« »Sie grünt wie alljährlich«, versetzte er still, führte mich ans Fenster und ließ mich nach links sehn, und da stand die kleine, seltsame Birke oben auf der Ecke der Mauer, grün und zitternd im Regenfall. Plötzlich fiel mir ein, daß Georges noch immer nicht alles von mir wußte, ich setzte mich auf den Stuhl am Schreibtisch, wußte nicht, wie ich anfangen sollte, es war so grenzenlos traurig auf einmal. -- Wir waren verlobt, der Herzog und ich, stieß ich dann hervor. Er antwortete nicht, ich hätte weinen mögen vor Hülflosigkeit, aber auf einmal stand ich mitten im Zimmer und sprach und sprach, es war schrecklich, jeder Satz wurde mir in der Mitte oder im Anfang abgerissen, ich strauchelte über meine eigenen Worte, sprach nur weiter wie im Fieber, von Josef und dem Ech-en-Aton, von Benno, von Sigurd, von Erasmus, vom Wehr und der Nacht, von Ulrika und meiner Angst um sie, das strudelte alles durcheinander, und immer sah ich Josef in seiner schwarzen Vermummung aus der Luke im Festwagen tauchen und Erasmus hinter ihm, den Helm voll kleiner Sträuße. Schließlich wars aus, ich saß wieder im Stuhl hinter Georges und hörte ihn nach einer Weile langsam sprechen.

»Ja, dort drüben wird der arme Sigurd nun sein. Über ihn wird man lesen: der feige Meuchelmörder, -- da es aber unser Sigurd ist, so werden wir wissen, daß er nicht feige war, sondern vielleicht mehr ein Held als ein überzeugter Monarchist aus der Schlacht bei St. Privat, denn es ist ja, nach allem was man weiß, eine schwerere Aufgabe für den Edlen, auf einen Wehrlosen zu schießen als auf einen, der wiederschießt. -- Ach, sagte ich, ich glaubte, er sei irr, -- aber er meinte, deshalb dürfte es doch kaum leichter gewesen sein, und dann mußte ich ihm Sigurds Plan erklären vom bevorstehenden Krieg und den Fürsten, die allesamt fallen sollten. -- »Ach,« sagte Georges, »daran erkenne ich meinen Sigurd! Der Herzog wäre vielleicht ganz gern gestorben, wenn alldas richtig gewesen wäre. Regimenter der Unterdrückten, die riesige Internationale der Ungerechtigkeit in allen Ländern, die hörte Sigurd ja immer aufmarschieren, Juden und Polen, Iren und Finnen, Armenier und Serben, Arbeiter in England und in Frankreich und Deutschland, hungernde Rumänen und verwahrloste Portugiesen, Heere unübersehbar, alle vereint in einen Schrei nach dem Recht, -- ja, wer wollte da nicht Tambour sein! Und kommt vielleicht in hundert Jahren«, fuhr er fort, die Augen heiß und schmerzlich zu den Gitterfenstern gewandt, »ein Luftschiff hoch mit Griechenwein --« er lächelte fast schluchzend -- »durchs Morgenrot dahergefahren, wer möchte da nicht Fährmann sein! -- Ihr habt ihn ja nicht gekannt! Die Menschen sind uns nicht, was sie sind, sondern was wir von ihnen sehn, und wen von euch hat er beraten, betreut, ihm geholfen, wen hat er besucht in Gefangenschaft und getröstet in Krankheit und gespeist, wenn ihm die Seele hungerte, mit edler Speise des Vertrauens und der Begeisterung, und mit wessen Traurigkeit war er traurig, in wessen Heiterkeit froh? Ihr saht ihn feiertags, da spielte er Cello und war eine schöne Figur ...«

Und nun nach einer Weile fing er an, mir von Magda zu erzählen, was er mir auf ihre Bitte bisher geheimgehalten hatte; da konnte ich nicht anders als nur seufzen: Oh Gott, will es denn niemals ein Ende nehmen? -- worauf ich ihn alsbald etwas sagen hörte von: Renate Montfort, die er gestern auf einem goldenen Wagen gesehen habe mit Elefanten und Einhornen, und was ich nun den Kopf hängen ließe! -- »Ach, du häßlicher Spötter!« sagte ich und sprang wieder auf, »warst du nicht auch bei denen, die mich immer auf goldenen Wagen sehn wollten und schöne Vergleichungen wußten von Bienen und Sonnenblumen!« Ich war ganz von Sinnen und sagte, wenn ich auf goldenen Wagen gefahren wäre, so wäre ich auch tiefer herabgestürzt, als er vielleicht sehen könnte, und dann herrschte ich ihn an, mir meinen Mantel zu geben. Ich zitterte am ganzen Leib und erinnerte ihn daran, wie ich ihn einmal hinausgeschickt hatte, obgleich ich damals doch im Unrecht war. Seine Gestalt, das Zimmer, die Fenster zuckten groß auf und nieder, ich mußte noch etwas sagen, und so fragt ich: »Wo warst du am Festtag?«

Er drehte sich langsam zum Fenster um, sagte kein Wort. Ich wiederholte meine Frage, gepeinigt, um ihn zu peinigen. -- »Du hast«, hörte ich ihn endlich sagen, »beinah zwölf Stunden geschlafen, denn es ist Mittag, und dich ausgeweint. Andre hatten nicht soviel,« schloß er, »und ich war dort, wo du mich fandest, als du mich brauchtest.« Da war meine Kraft zu Ende, auf einmal hatte ich einen Regenmantel an, legte den Kopf auf seine Brust und sagte, er möchte mir vergeben, er wisse ja immer alles. Dann bin ich hinaus, auch die Treppe ganz hinuntergegangen, aber vor dem Haustor drehte ich um und stieg wieder hinauf.

Nun sitze ich und schreibe, um nicht zu denken.

Nachmittags