Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 15
Renate hing verzweiflungsvoll am Drücker einer Tür, rüttelte mit aller Kraft und brachte sie nicht auf. -- Ja, was ist denn? fragte sie sich, ablassend. Es war dunkel; was sie in der Hand hielt, war der Türdrücker an Reinholds Wohnung, sie sah die dunklen Fenster neben sich, Blumenstöcke und Gardinen. Da fühlte sie wieder ihre Angst, sie weinte: Ich muß ja fort, ich muß ja fort! -- Indem hörte sie links hinter sich ein Knarren, die große Einfahrt bewegte sich, Reinhold kam herein mit seiner Frau. Im selben Augenblick auch schon saß Renate in ihrem Automobil und sah durchs Fenster die Straßenlaternen vorbeiziehn. Kaum hatte sie dies gesehn, so flammte es vor ihr und ward wieder Nacht, sie erschrak und sah, daß sie durch die Stadt fuhr, daß unaufhörlich Schwerter von einfallender Helle und Dunkel vor ihr in den Wagen schnitten, und nun sah sie im schmalen Spiegel gegenüber ihr Gesicht. Jetzt kommen Leute, dachte sie, sammelte sich, so gut sie konnte, und sah, daß sie in einem goldenen Mantel saß; ich hab ihn verkehrt umgenommen, dachte sie, es schadet nichts. -- Sie schloß einen Haken am Halsausschnitt der Tunika, beugte sich vor und sah im Spiegel ihre Augen, sehr dunkel und tief in den Höhlen. Man sieht mir nichts an, dachte sie verwirrt, saß in einer großen Leere und merkte, daß der Wagen stillstand. Doch fuhr er gleich wieder, ein Gesicht kam ganz nah an die linke Scheibe, sie drückte Haupt und Rücken an und saß aufrecht, die Arme nach beiden Seiten gestreckt, und zitterte. Sie hörte dumpfes Brausen, die Lider sanken ihr zu, unter ihr sah sie die gelbliche Schaumfläche des Wehrs, es zog sie hinunter, sie warf den vorübersinkenden Kopf zurück und stöhnte: Oh Gott, wie lange dauert diese Qual! -- Heftig erschreckend fiel ihr ein, ob Reinhold denn überhaupt wußte, wohin sie wollte, sie rückte ans Fenster, sah die Alleebäume dunkel, umwogt von menschlichem Getümmel, dachte inbrünstig an den Herzog, an alle Beruhigung, an Schlaf. Jetzt wurde die Wagentür aufgerissen, Reinholds Gesicht war draußen, sie raffte Mantel und Kleid und dachte: Zusammennehmen ...
Langsam stieg sie aus, ging zu der breiten Freitreppe der Universität vor und hinauf. Es schwirrte vor ihren Augen, groß und größer wurde der dunkel glänzende Fleck ihres violetten Kleidrocks, auf den sie hinuntersah, sie glaubte vornüber zu fallen, und erreichte mit Mühe die oberste Stufe. Ein Mensch, ein bunter, ein Türsteher, fragte sie etwas, sie antwortete: »Zum Herzog.« »Seine Königliche Hoheit --« hörte sie sagen und unterbrach: »Herzog Trassenberg.« Der Mann verbeugte sich und ging fort.
Renate stand in einer Halle, sah einen breiten Korridor mit Türen zur Rechten und ging im ohnmächtigen Verlangen, nur sitzen zu können, hinein. Musik ... sagte sie, aufhorchend, ein Klavier ... Eine helle, singende Stimme schmetterte unverständliche Worte, sie ging daraufzu, eine Tür neben ihr stand halboffen, sie sah drinnen eine Wand mit einer schwarzen Tafel, darunter ein Podium und ein Katheder. Ach, dachte sie, ein Hörsaal ... Weiter vortretend, gewahrte sie unterhalb des Podiums Kopf und Rücken eines Menschen, der vor einem Flügel saß, spielte und zu einem Mädchen mit Haarschnecken an den Ohren aufsah, das in der Einbuchtung des Flügels stand, ihn lächelnd ansah und sang. Nun wurde auch das Profil des Spielenden sichtbar, ein hängender Schnurrbart, große hängende Nase und fliehende Stirn mit schwermütigen Brauenbögen; sie sah das nach hinten gestrichene, lang fallende Haar und glaubte den Menschen zu kennen. Die Schultern waren braun, Frackschöße hingen zwischen den Stuhlbeinen, oben darüber brannte eine harte Flamme, die ihre Augen blendete. Ach, Benno ists! dachte sie dankbar, da sitzt er nun und spielt ... Renate fühlte es rieseln im Herzen, sie lehnte sich an den Türrahmen, die Augen der Sängerin bewegten sich zu ihr, aber sie sang weiter, obschon sie betroffen schien und die Augen nicht wieder abwenden konnte. Ihr Gesicht war weiß wie eine Blüte, die Augen glitzerten blank und dunkel, die Backenknochen schienen etwas vorzustehn, sie sah munter und herzlich aus, und als sie nun wieder lächelte, mußte Renate es auch tun, während eine zarte, auf und nieder schwebende Melodie ein weiches Band um ihr Herz wand und wieder davon abzog und sie die Worte hörte: »Der mich ins Zimmer trägt, mir in die Hand -- Wärmend ein Herz giebt mit Glutenbestand.« Dann wechselte die Tonart in Moll: »Kommt jetzt der Winter mit Schloßen und Schnein ...« sang das Mädchen wehmütig, fragend, wartete ein Weilchen auf einer Fermate in der Höhe und endete mit kurz und trübselig hervorgestoßenen Lauten in der Mittellage, eintönig: »Frier' ich am Feuer und blase hinein ...« während aber dahinter die Klaviermusik in einem lustigen Spottgelächter einen rauschenden Dur-Aufschwung nahm und abspringend, wie ein landender Vogel, mit zwei, drei Sprüngen prasselnd endete.
»Bravo!« sagte Benno hochentzückt, »Du hast herrlich gesungen, ganz herrlich!«
»Guck mal da!« antwortete die Sängerin, »da steht Fräulein von Montfort!«
Benno drehte sich um und sprang auf; sein heißes und gerötetes Gesicht wurde ganz dunkelrot, als er mit vielem Dienern auf Renate zukam, die Arme schlenkernd nach außen bewegte und lächelte und etwas stammelte mit seiner gebrochenen Stimme.
»Guten Abend, Benno,« sagte Renate ihm die Hand reichend, »war das von Ihnen? Ach, machen Sie's noch mal, es war so lieblich, bitte, wollen Sie so gut sein?« fragte sie das Mädchen, in dem sie nun Bennos Braut erkannte, und das gleich bereit war. »Heliodora gebietet,« sagte sie zu Benno, der sich maßlos wand und zierte, »also los!«
»Es ist aber ganz unbyzantinisch«, suchte Benno sich herauszuwinden. -- Renate schwindelte es plötzlich, sie beherrschte sich mühsam, ging auf eine graue Bank zu und setzte sich. Bald darauf hörte sie das Klavier wieder, ihr schien, wehende Gartenzweige gingen vor ihr auf und nieder und die Sonne brannte. Aus Vogelgezwitscher schmetterte eine singende Stimme:
Lieblich ist Sommer mit Ähren und Mohn, Ach und die Bäume entlaubten sich schon ...
Die Stimme, während das Klavier rumorte und aus der Fassung zu kommen schien, wurde wehmütig und murmelte:
Warfen die Kleider hin, steigen ins Grab; Werf ich die Schuhe, die Kleider jetzt ab, Find't mich doch keiner, der eilig und gut Um mich den Mantel der Zärtlichkeit tut ...
Die Stimme schwieg, das Klavier suchte murmelnd und ein wenig schnüffelnd wie ein unruhiges Tier im Baß, Renate öffnete die Augen, glaubte Schritte zu hören, da erschien die rote Uniform und das Gesicht des Herzogs mit fragenden Augen. Es waren noch Menschen da, aber er schloß die Tür hinter sich. Renate bewegte sich nicht, sah ihn nur unendlich erquickt und beruhigt an, nur mit ihrer Haltung andeutend, daß gesungen wurde und nicht zu stören sei.
»Der mich ins Zimmer trägt, mir in die Hand --« hörte sie wie vorhin, die Worte entgingen ihr, gegen Ende stand sie langsam auf, der Herzog bewegte sich vor, und sie faßte seine Hände. Es war still.
»Danke schön, Benno,« sagte Renate den Kopf neigend, »dank Ihnen tausendmal, kleines Fräulein! Und -- Benno, -- mir ist etwas eingefallen, -- ich möchte Sie gern um etwas bitten ...«
Sie sah das Mädchen bittend an, die verstand, nickte Benno zu, rief: »Ich warte auf der Terrasse!« und lief mit halbem Knicks vor dem Herzog hinaus.
»Dies ist Benno Prager,« erklärte Renate, »du kennst ihn wohl ...«
Benno mußte in seiner tödlichen Verlegenheit herkommen und dem Herzog die Hand geben. Da wurde wieder der Boden und alles umher weich und löste sich um sie, auf einmal saß sie, sah das besorgte Gesicht des Herzogs nahe über sich, drückte ihm die Hände und sagte leise: »Nichts -- fragen, Liebster, ich -- ich darf noch nicht denken. Nur ein wenig ausruhn!« bat sie müde. Mit geschlossenen Augen raffte sie nun ihre Gedanken zusammen, merkte, daß hinter ihr etwas Hinderndes war, an das sie nicht rühren durfte, öffnete die Augen und sagte:
»Es ist nur, -- ich kann nicht zu Hause schlafen heut nacht. Ich dachte erst an dich, aber --« es gelang ihr zu lächeln -- »was sollst du mit mir? Benno, nicht wahr?«
»Aber,« fiel der Herzog ein, »Georg kann ja im Stadtschloß -- -- ja,« unterbrach er sich, »was das nur mit Georg sein mag?« Und nun glaubte Renate zu erkennen, daß er selber in Aufregung war. »Ist etwas mit Georg?« fragte sie.
»Ach ...« Er zauderte. »Ich weiß ja nicht. Er ist verschwunden. Um Mitternacht sollte doch große Huldigung sein vor der Universitätsterrasse, im Garten, und jetzt gehts auf Viertel --« Er warf den Arm aus dem Ärmel vor, um nach der Uhr auf seinem Handgelenk zu sehn, und murmelte erschreckt: »Gleich halb eins.«
Renate schwieg und mußte die Augen schließen vor Schwäche. Sie hörte sprechen, es rauschte in ihrem Gehör. Die Lider mühsam aufbringend, sah sie aus weiter Ferne den Herzog und Benno miteinander sprechen, doch kamen sie näher, als sie selber den Mund öffnete.
»Wir können vielleicht«, sagte sie, »so lange in Georgs Zimmer sein, bis bei Benno zurechtgemacht ist, -- Benno, nicht wahr? Sie haben ja einen so schönen Diwan ...«
Benno schien erlöst, daß es nicht sein Bett sein sollte, rang die Hände und konnte vor Dienstbereitschaft, Peinlichkeit und Wonne kein Wort hervorbringen.
Alessandro Stradella ... las Renate fortwährend in kleiner, mickriger Kreideschrift an der Wandtafel, dahinter eine ausgewischte Jahreszahl und, etwas darunter: Pugiani. -- Alessandro Stradella, sagte der Herzog nun, -- was wollte er denn damit? -- Sein Gesicht und das Bennos entfernten sich unaufhörlich und schwebten wieder näher, -- nein, um Gottes willen, flüsterte Renate sich zu, du mußt dich doch zusammennehmen!
»Wollen wir gehn?« fragte sie und sah lächelnd vom Einen zum Andern. »Ihr dürft mich nicht auslachen, daß ich so mitten in der Nacht ankomme! -- Benno, und wie reizend war das kleine Lied!« Sie lachte leise, erhob sich, wäre aber zurückgesunken, wenn sie nicht allen Willen aufgeboten und sich zornig angeherrscht hätte. Sie ging mit halbgeschlossenen Augen, an der Treppe nahm sie Bennos Arm, bald darauf saß sie in einem Wagen und fühlte, daß er rollte. Es dauerte nicht lange, sie sah Benno vor sich aussteigen, nahm seine Hand und trat auf die Erde. Dann war sie in Georgs Zimmer, das sie erkannte.
Schlafzimmer
Sie saß in einem Sessel und sah undeutlich den roten Rücken des Herzogs sich entfernen, ein Türrahmen war herum, er wurde kleiner in einer andern Tür, die Augen fielen ihr zu, sie öffnete sie wieder, da sie die Stimme des Herzogs nahe über sich hörte. Sie sah ihn lächeln, während er sagte:
»Dieser Georg! Hier hat er noch ein Zimmer, komm nur, das ist wie für dich erfunden.«
Sie stand müde lächelnd auf, nahm seinen Arm und ließ sich davonführen. Es ist wie als Kind, dachte sie ergeben, die Augen geschlossen, wenn ich mit Vater blind spielte ... »Kann ich nun aufmachen?« fragte sie leise, öffnete die Augen und sah den Herzog lächeln ohne zu verstehn.
Nahe vor ihr stand ein Diwan, dunkelviolett wie ihr Kleidrock mit lichtfarbigen Kissen. Große schwarze Reiher flogen schön über Vorhänge, und hinter dem Herzog war das gelblichweiße Gewoge und Gewölk eines großen Himmelbetts. Sie sah es zweifelnd an, witterte leicht mit der Nase und sagte: »Ich weiß nicht ...«
Langsam gegen das Himmelbett vorgehend, blickte sie zwischen den gerafften Falten hinein und sah einen schönen und großen, blauen Schmetterling auf dem Kopfkissen stecken. »Nein, sieh, Woldemar,« sagte sie, »das scheint doch für jemand anders ...«
Plötzlich kreiste das Bett vor ihr, der Schmetterling wurde zu vielen, die sich auseinander schoben und umher zuckten, sie fiel vornüber und sammelte den Rest ihrer Kraft, um den Schmetterling nicht zu zerdrücken, faßte darunter, fühlte sich im selben Augenblick aufgehoben und sanft niedergelegt. Eine Weile war es schwarz um sie her, aber sie konnte die Lider wieder heben. Der Herzog stand deutlich vor ihr, besorgten Auges, sie fing an, die Ordensreihe auf seiner Brust zu zählen, deren Kreuze übereinander gelegt waren. »Wie die Schmetterlinge«, sagte sie ganz leise und sah, daß sie den blauen noch in der Hand hielt. Sie steckte ihn mit schweren und lahmen Händen auf den Brokatstreifen vor ihrer Brust, die Augen fielen ihr darüber zu, sie dachte erschreckend: ich muß es ihm doch sagen, er muß es doch wissen! Schon saß sie wieder aufrecht, blickte hart und fest in seine Augen empor und sagte, kaum ihre Stimme vernehmend:
»Du mußt noch wissen ... Es ist etwas -- geschehn. Nein, laß nur,« wehrte sie todmüde ab, da er eine beschwichtigende Bewegung machte, »einmal muß es doch sein. Nun -- mußt du -- ganz verstehn,« brachte sie in Absätzen hervor, »willst du?« Er nickte.
Eine Weile war alles fort, sie konnte sich an nichts mehr erinnern. Endlich dämmerte es langsam wieder, sie hielt sich mit beiden Augen an den verschwimmenden Linien der weißlichen Wässerung in einer orangefarbenen Schärpe und sagte, seine Hand fassend:
»Josef ist -- tot. -- Erasmus ...«
Da merkte sie, daß ihr Kopf sich ganz tief neigte, und dann lag sie wieder. Sie brachte mit unsäglicher Mühe die Lider hoch, sah das Gesicht des Herzogs und hörte ihn, gütig zuredend, sagen: »Nun mußt du aber schlafen ...«
»Erasmus«, flüsterte sie sehr leise, »ist böse, nicht?« Der Herzog nickte und nahm ihre Hand. »Aber Josef,« sagte sie heller und froh, »Josef ist gut! Ist er nicht gut?« fragte sie, sich schnell aufrichtend.
»Liebes Kind,« hörte sie den Herzog sagen, »du drückst mir das Herz ab, es ist ja nun genug! -- Mein Gott,« stöhnte er ganz erschüttert, saß da neben ihren Füßen und hielt die Stirn in der Hand, »mein Gott, es ist ja fürchterlich, wie du dich aufrecht gehalten hast!«
Ach, dachte Renate, da ist schon wieder einer, dem ich den Kopf streicheln soll! -- Sie legte die Hand auf sein Haar und hörte sich ferne sagen: »Haltung, lieber Freund, giebt es ganz umsonst, wenn das Schicksal seinen Tribut -- --«
Sie verlor das Ende des Satzes und sank zurück. Aber sie konnte nicht stilliegen, schlug plötzlich die Augen wieder auf und sagte mit kleiner Stimme: »Du meinst vielleicht, -- weil sein Gesicht -- weil er -- -- nur noch halb ist ... Aber weißt du, -- er hat ja eine -- -- Ergänzung, -- oh, eine schöne! Das glaub nur ja nicht, daß sie nicht gut paßt, sie ist ja von einem Chinesen! Sieh, nun weißt du's!« sagte sie triumphierend und dachte: wie vernünftig ich doch sprechen kann, er merkt sicher nichts. »Und siehst du,« fing sie wieder an, unterbrach sich aber und sagte: »Hast du's gehört? Siehst du, habe ich gesagt, und Ulrika behauptet, daß ich immer >weißt du< sage, aber das tue ich gar nicht. Nein, siehst du, Josef, -- du mußt nicht denken, daß er es nicht gewußt hat. Oh, Josef ist so gut, so gut, er ist ein solcher Held, er sagte: ich fürchte mich nicht! -- Das sagte er, und es lauerte doch, weißt du, immer lauerte es schon, unter den Bäumen, wo die Schaukel ist, weißt du, und dann in den Wiesen, am Wehr, oh wie das rauschte, hörst du? ganz laut -- höre ich es ...« Sie schöpfte Atem, bewegte den Kopf hin und her und sprach heiß und eilig weiter: »Kein Wort, hörst du wohl, kein Wort hat er gesagt, so saß er da, du mußt es seinem Vater sagen, daß er kein Wort gesprochen hat, er war ein Held, war er nicht? -- _Was not he?_« flüsterte sie, »das ist englisch ... Ach, meine Stimme -- will gar nicht mehr«, sagte sie heiser und gequält und merkte, wie ihr die Worte erloschen.
»Schlaf nun, du mußt wirklich schlafen«, sagte jemand.
»Muß ich?« fragte sie lächelnd mit geschlossenen Augen.
»Ja, ja, du mußt«, sagte die gute Stimme wieder.
»Dann will ich gern, wenn du's sagst«, flüsterte sie gehorsam, drehte den Kopf auf die Seite und machte die Augen fest zu. Gleich aber öffnete sie die Lider wieder, lachte leise und fragte: »Ists so recht?«
Sie hörte noch ein Gemurmel, seufzte tief, streckte sich und empfand dankbar die Dunkelheit.
Schlafzimmer (das andre)
Doch stürzte sich jetzt ein peitschender Knall mitten durch ihr Herz. Sie schnellte hoch, schrie auf: »Erasmus! Du darfst nicht, du darfst nicht mehr!« Ein wütender Ingrimm jagte sie auf, da knallte es wieder, sie fiel innerlich zusammen, wankte gegen Hartes, fühlte einen Türdrücker, riß und zerrte ohnmächtig daran, endlich schlug die Tür nach außen auf, es war blendend hell, der rote Waffenrock ... bläulicher Dampf -- -- und wieder ein Knall und scharfes Pfeifen dicht neben ihr ... Dahinten stand in der Tür ein Mensch, schwarzbärtig; aber sie kannte ihn, sie rang nach dem Namen, sie mußte ihn rufen, der Herzog hob den Stock und rief wütend: »Du bist verrückt, Schurke, wirst du endlich aufhören!« Menschen warfen sich herein, packten ihn, er schüttelte sich mit ihnen herum, es knallte wieder, Renate, am Türpfosten hängend mit Kopf und Rücken, wand sich und schrie plötzlich: »Sigurd!«
Da fielen ihm die Arme herunter, sie sah Sigurds Nase und bestürzte Augen, dann den Herzog, der an einer Badewanne lehnte und schwankte. Sie lief zu ihm, kniete vor ihn hin, stützte seine Stirn, er machte die Augen weit auf, lächelte und sagte leise: »Es ist ja nichts. Ein Streifschuß, -- oder ...«
Nun giebt es zu tun, dachte Renate, aber sie bewegte sich nicht, lehnte matt in der Tür zum Badezimmer, bis ihr einfiel, was sie suchte, eine Waschschüssel, doch war keine zu sehn. Es rauschte, laut und lauter rauschte es in ihren Ohren. Sie drehte sich wieder um, da lag der Herzog furchtbar groß auf dem Bett mit riesigen, spiegelblanken Reiterstiefeln an den Füßen; seine linke Hand, die herunterhing, war ganz rot, und das Blut tropfte eilig an den Boden und bildete eine Lache. Menschen standen herum, die Tür ging auf, eine Waschschüssel, in der ein Handtuch lag, wurde hereingetragen, Renate ging draufzu und nahm sie aus den Händen eines zitternden alten Mannes, kniete neben dem Herzog nieder, setzte die Schüssel hin und wusch die Hand, es war keine Wunde daran.
»Ein Messer,« sagte Renate, hatte gleich darauf ein Taschenmesser in der Hand und trennte die Ärmelnaht auf, schnitt und riß den Ärmel ab, knöpfte die Manschette auf, streifte den Hemdärmel hoch und sah am Oberarm einen klaffenden Riß, den sie wusch. Impfnarben kamen groß und zerflossen zum Vorschein, sie drückte das Handtuch auf den Riß und sah, einen Augenblick dahockend, das Gesicht des Herzogs, sonderbar still und bleich mit geschlossenen Augen. Er atmete. Und sie dachte, da er so in sich gekehrt dalag: Das kann doch von dem Riß nicht kommen ...?
Schritte kamen, ein Gesicht mit einem spitzen Bart neigte sich von oben, eine Hand nahm stillschweigend das Messer aus ihrer Hand und fing an, die Schärpen durchzuschneiden. Sie begriff und hakte den Waffenrock von unten auf, ließ es aber, da das Blut wieder vom Arm lief, nahm das zusammengepreßte, nasse Handtuch auseinander und wickelte es, so fest sie konnte, um die Wunde. Mit dem Taschenmesser, das sie wieder auf dem Boden liegen sah, schnitt sie das Ende des Tuches auf und knotete es fest. -- Nun konnte sie die Brust des Herzogs sehn, ganz schwarz von krausem Haar, darunter sehr weiß, und in der Nähe der bräunlichen Brustwarze war ein kleiner Fleck. Plötzlich fühlte sie, daß sie sich in ihrer hockenden Stellung nicht mehr halten konnte, und stand auf.
Etwas Blaues und Weißes schaukelte zur Erde. Jemand hob es auf und gab es ihr: es war der Schmetterling mit den Schleifen. Sie behielt ihn in der Hand, ging vorwärts und atmete kühle Luft. Der Garten, sagte sie, trat durch eine Tür, lehnte die Flügel hinter sich aneinander und sank mit dem Rücken dagegen. Sie sah das Schwarze von Bäumen, eine dunkle Lücke darin und zwei weiße Sterne, der rechte ein wenig tiefer als der linke. Sie konnte die Augen nicht abwenden von ihnen, ihr Blick war unendlich fest und ruhig, bändigte den ihren, bändigte ihr ganzes Herz und Dasein.
Zu Gottes Ehr' bin ich durch Feuer geflossen, hörte sie sagen, Matthias Zach hat mich gegossen, Hötting siebenzehnhundertundachtzig. -- Sie lächelte und wiederholte willenlos: Zu Gottes Ehr' bin ich durch Feuer geflossen ... Wie still und kühl es war! Nur das Rauschen hielt an. -- Hötting siebenzehnhundertundachtzig, Matthias Zach hat mich gegossen ... Eine alte Glocke hing still im Gestühl, Schwalben schrien, kleine Engelsköpfe von Bronze glänzten dunkel auf der Glockenspitze, und sie las die Inschrift: Matthias Zach hat mich gegossen ... Die Sterne flackerten ganz wenig, als ob der Wind sie bewegte, der durch den Garten kam. Ein Tropfen näßte kühl ihre Stirn. Es fängt an zu regnen, dachte Renate und wandte sich um.
Hinter den Glasscheiben sah sie, daß die Tür zum Flur geöffnet wurde, jemand kam groß, bleich und schwarzbärtig die Stufen herab, die Hände auf dem Rücken, -- Sigurd. Renate öffnete die Tür, trat ein, ging zum Fußende des Bettes, sah das bleiche und verschlossene Gesicht des Herzogs, unter einer wollenen Decke die Umrisse seines Körpers, und neben sich in der Tür den Arzt.
Der Herzog öffnete die Augen, lächelte bei ihrem Anblick, fragte dann: »Ist er da?« Renate nickte.
Ein Offizier in blauer Polizeiuniform bedeutete Sigurd vorzutreten, -- da stand auch ein Schutzmann. -- Der Herzog wandte das Gesicht herum, betrachtete lange den Dastehenden, der bei Renates Anblick den Kopf senkte, fragte dann mit leiser Stimme: »Was hat das -- zu bedeuten?«
Sigurd schwieg. »Ich verrate nichts«, sagte er endlich, den Kopf hebend, und senkte ihn gleich wieder.
»Sie sollen nichts«, sagte der Herzog, »verraten. Ich will -- wissen, wie ich -- zu der Ehre komme ...« Er hob mühsam den Kopf, blickte zornig und brachte knirschend hervor: »Haben Sie mich denn weiß Gott mit meinem Sohn verwechselt?«
Sigurd schien erstaunt. Ob er denn nichts wisse, fragte er nach Sekunden, zögernd. Der Herzog bewegte den Kopf, und Sigurd sagte mit einem eigentümlichen, irren Aufleuchten der Augen: »Er liegt in -- der Gracht. -- Nicht ich!« setzte er hastig und laut hinzu, -- »er stürzte hinein, ich -- ich sah es von weitem.«
Renate sah die Brust des Herzogs auf und nieder gehn, sein Atem rasselte, er stöhnte: »Unsinn! er kann schwimmen!«
»Er kam nicht wieder hoch«, sagte Sigurd.
»Ach, in Teufels -- Namen,« keuchte der Herzog, »was wollen Sie -- dann von mir?« Sigurd hob den Kopf, blickte glänzend geradaus und sagte kurz: »Den Nachfolger.«
Der Herzog sah ihn nur an. »Wir wissen alles«, erklärte Sigurd nicht ohne Stolz.
»Und -- und der Sinn des Ganzen?« fragte der Herzog leise. Sigurd blickte Renate mit flackernden Augen an und sagte: »Ich will es der Dame erklären, wenn sie verspricht, es nicht vor morgen abend weiterzusagen ...«
Der Herzog blickte Renate fragend an, sie winkte Sigurd mit den Augen und ging ihm voran in das Zimmer mit dem Himmelbett; sie ließ ihn eintreten, lehnte die Tür hinter ihm an, Sigurd stellte sich dagegen und fing sofort an, die Augen niederschlagend, zu sprechen, heiser und halblaut:
»Er ist nicht der einzige. Es handelt sich um zweierlei gleichzeitig. Wir stehen vor einem Kriege. Die einzige, wirkliche Gefahr ist der Patriotismus in Deutschland oder das dynastische Gefühl. Nur in Deutschland giebt es Fürsten. Ich bin nur ein Glied in einem großen Plan, nach dem sie Alle fallen heute und morgen. Der Schrecken wird die Gemüter bändigen. Es folgt die soziale Erhebung. Renate,« sagte er noch leiser, plötzlich das Gesicht und die schönen Augen hebend, die -- o, sie sah es! -- irre waren, ganz irre! -- »vor Ihnen muß ich mich nun verteidigen ... Was ich tat, war gut und -- schwer.«
»Ich weiß«, sagte sie stumpf, während eine entsetzte Stimme in ihrem Herzen schrie: Er ist ja wahnsinnig, o Gott, er ist wahnsinnig! -- Sigurd atmete tiefer. »Ich wollte,« sagte er, jählings flammend, »den -- den Andern, den Sohn, diesen --«