Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 14

Chapter 143,602 wordsPublic domain

»Verzeih nur,« sagte er, »ich sah im Garten unten dein Licht und kam herauf. Ich glaubte, du habest >Herein< gesagt, und eben hörte ich dich rufen ...«

»Habe ich gerufen? Ja, wie spät ist es denn?«

»Es wird bald elf Uhr sein, ich dachte, du gingest vielleicht noch etwas ins Freie mit mir ...«

Erst elf Uhr? fragte sie sich bitter enttäuscht, legte die heiße Stirn gegen den Handballen und bemühte sich, zu denken. Ja, am Wasser war es vielleicht kühl, zu schlafen war unmöglich. »Ich komme gleich, Josef!« rief sie leise. Sie wartete dann, hörte ihn durchs Zimmer zurückgehn, einen Stuhl rücken, erhob sich lautlos, schlich zur Tür und machte sie leise zu. Dann stand sie tief aufatmend, suchte ihre Kleider, die weiß am Boden vor dem Bett lagen, ihr Kopf schmerzte heftig, sie kleidete sich hastig an, machte Licht überm Spiegel, aber nachdem sie, mit geblendeten Augen kaum ihr Spiegelbild wahrnehmend, eine Flechte aufgelöst und neugeflochten hatte, brachte sie mehr nicht fertig, ließ die Zöpfe hängen, ging zur Tür und trat leise ins Nebenzimmer.

Josef saß vor dem Schreibtisch, ihr den Rücken wendend, die Hände um das übergelegte rechte Knie geschlossen, und sah zu der kleinen, schneeweiß leuchtenden Gipsbüste des Ech-en-Aton empor. Wieder wie immer, da sie den kleinen Königskopf im zarten Licht der gelben Schirmlampe unten schimmern sah, erfüllte seine gesteigerte Süße und Schönheit sie mit leisem Schreck. Die Zartheit des schrägen Profils, der unbeschreibliche Ausdruck der flachen, ganz wenig nach außen abhängenden Augen, das wunderbare Kinn, die himmlische Blüte der küssend immer gewölbten Lippen und -- vielleicht das Wunderbarste -- am Halse die senkrechten beiden Muskelfalten, leise schattend und unsäglich lebendig -- all dies auf dem Grunde grüner, schimmernder Blätter und Ranken, im Zwielicht so weiß, zart und locker wie von frischem Schnee -- hielt lange ihre Augen fest, während sie hinter Josef trat, die Hände auf seine Schultern legte und leise sagte:

»Ich danke dir -- heute erst -- für ihn. Er war mir fremd im Anfang. Aber nun ist er mir von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr unbeschreiblicher und lieber geworden.«

»Er wächst«, hörte sie Josef sagen, »wie eine Blume, die Jahr um Jahr köstlicher blüht. Er blüht und wächst für sich selbst, aber wer ihn ansieht, über den wächst er selig hinaus und nimmt nur die schauenden Augen mit sich hinauf. Als ich hier saß, war er mir fast schon ein Stern geworden, bis du kamst und er wieder nahe, klein und lieblich wurde, -- denn wir sind unten.«

Er sprach sehr leise. Sie schwieg und hörte bald darauf seine Stimme wieder:

»Wasser sind wir; ja, wir sind das Wasser. Wir sind das Fließende, immer sich Gleichende, nur Wellen, nur Wellen, eine der andern ganz gleich, eine verfließend zur andern, immer das nämliche Weinen und Traurigsein, nämliche Lachen und Stehn und Nichtwissen, Schluchzen auf Steinen und Schluchzen in Kissen, und Vergehn.

»Du aber bist aus dem dämmernden Strom von uns Andern getaucht ...

»Du trägst den reinen Spiegel an der Stirn, -- o du Delfin des Lichts!

»Du bist der Fisch, der selige Tummler im Klaren, du weidest einsam durch die Wogenscharen, schon lange halb durchgotteten Gesichts!

»Du bist des Wachstums zarteste Lieblichkeit, wie eine Blume in Bescheidenheit -- erglüht dein weißes Antlitz ...

»Die Sonne spreitet hundert goldne Hindernisse, Delfin, Delfin, du überschaukelst sie getrost dahin ...

»Du wiegst dich schnelle durch das Ungewisse, denn deine Reinheit war von Anbeginn. -- Du kamst voll großer Freude aufgetaucht, Lüfte küssend, trunkener Delfin, Göttern ähnlich, so erlaucht, weil die Strahlende erschien.

»Nun stehst du in Sternen vielleicht als uns funkelndes Bild, -- näher der Ewigen als wir, bald in die Flamme getaucht, die uns den düsteren Scheitel umraucht. Wir sind das Wasser, sind hier ...«

Er hatte bei den letzten Worten die Fingerspitzen leicht auf ihre Hände gelegt, die noch auf seinen Schultern waren. Sie schwieg noch eine Weile, seinen Worten nachlauschend, durchschaudert und gekühlt von Schauen und Lauschen, aber indem sie zu sagen im Begriff war, wie glücklich sie sei, daß er wieder hier war, bewegte er sich unter ihr, streifte ihre Hände sanft fort und stand auf. Undeutlich erblickte sie nahe über sich sein Gesicht im Schatten, die entstellte Hälfte erschreckte sie nicht. »Laß uns nun gehn«, sagte er; sie nickte dankbar lächelnd und ging vor ihm hinaus.

Wehr

Bald waren sie im Finstern außerhalb des Gartens unter den Bäumen. »Gieb acht!« warnte Josefs Stimme hinter ihr, sie fühlte seine Hand an ihrer linken. »Kannst du mich denn sehn?« lachte sie leise. »Dein weißes Kleid«, hörte sie sagen, glitt ihm davon, wäre aber fast an einen Pfosten der Schaukel gestoßen, sah nach oben blickend das Schwarze des Gerüstes gegen die mattere Dunkelheit und zwei Sterne, wandte sich und sagte: »Hier ist die Schaukel.« Er antwortete nicht. Sie fragte: »Josef?« »Hier!« hörte sie weit rechts hinter sich seine Stimme, drehte sich, ging weiter, vorsichtig um den Schatten eines breiten Baumstamms, fühlte die harten Falten der Borke und sah Josefs Schattengestalt unter sich im Freien gegen den grauen Grund der Wiese. Wie kühl war es hier schon! -- Sie holte ihn ein, seine feierliche Stimme klang wieder in ihrem Ohr: O du Delfin des Lichts! -- -- So hatte die Heimkehr zum Vater ihn doch tiefer ergriffen ... Aber, als sei noch ein andrer Ton in seiner Stimme gewesen, mußte sie nun, die rechte Hand in seinen Arm schiebend, sagen: »Du hast so abschiednehmend gesprochen, Josef, als wolltest du morgen schon wieder davon.«

»Nun, wie lange meinst du denn, daß ich bleibe?« fragte er freundlich. Sie konnte nicht antworten, da sie sich nun fragen mußte, ob hier wirklich eine Stätte für ihn sei, und so wanderten sie wortlos weiter auf dem Sandweg. Der Himmel war besät mit den Sternen, die klein waren im warmen Dunst der Nacht; dunkel lagen die Wiesen. Josef blieb stehn, gleich darauf auch sie, sich zu ihm wendend.

»Höre einmal,« sagte er leicht, »was ich noch fragen wollte ... Wußte --, oder sagen wir: weiß Erasmus eigentlich, daß du mit dem Herzog verlobt bist?«

Renate versuchte sich zu besinnen. »Ja, warum fragst du? Ich glaube wohl. Nein -- das heißt, -- ich sagte es ja bei Tisch, als er nicht da war.«

»So«, bemerkte Josef, vor seine Füße blickend. »Ich dachte, als du im Zelt --«

»Ach ja, Josef,« rief sie rasch, im Gefühl, von etwas andrem reden zu müssen, »ich wollte dich ja auch immer etwas fragen. Nun fällt mirs wieder ein, da du vom Zelt redest!«

»Nun?«

»Warum hast du dich mir eigentlich heut gezeigt?« Sie trat auf ihn zu, liebevoll. »Hast du doch geahnt, daß ich dich brauchte? Oder was trieb dich?«

Er antwortete nicht, sondern sah sie nur fest an durch die Dunkelheit. Alsdann wandte er das Auge fort und trat zur Seite.

»Die Antwort«, sagte er, in das Dunkel der Wiesen blickend, »ist nicht leicht. Du fragst nämlich nach meinem Geheimnis. Ich werde es dir gleich erklären. Ja,« hörte sie ihn mit einer schönen Ruhigkeit fortfahren, »das Geheimnis meines Lebens. Es hat endlich -- vor einigen Tagen -- seine Lösung gefunden; und also wurde es Zeit, zur Versöhnung zu schreiten.«

»Mit deinem Vater?« fragte sie hastig, und er erwiderte mit gesenkter Stimme: »Jawohl«, -- aber das klang wie eine Verneinung, und er setzte eilig hinzu: »Versöhnung, ja, wenn du das Wort in einem sehr weiten Sinne --« Er brach ab.

Da waren sie am Zaun, gingen durch das schief wie immer zur Erde hangende Pförtchen, über die Brückenplanke und weiter den weichen Wiesenpfad, wo Renate seine Hand wieder losließ. Bald war das Rauschen des Wehrs zur Linken hörbar, über ihnen war der rote Himmel der Stadt. Renate bat: »Komm ans Wasser!« Sie bogen vom Wege ab und gingen unsicher und stolpernd über die sommerdürren Buckel der Wiese im tiefen Grund. Baumsilhouetten wuchsen über ihnen aus dem Dunkel, dann wurde die schwarze Linie des hohen Ufers sichtbar, da war der Hang, Renate stieg von Josef gestützt hinan, oben empfing sie das laute Brausen der stürzenden Wasser. Die Geländer der schmalen Holzbrücke waren zu sehn, die über den Fluß führte gerade dort, wo die Wasser abstürzten. Renate ging daraufzu und sah einen Augenblick mit leichtem Schwindel, umrauscht vom jähen Getöse, unter sich die dämmerweiße, schräge Ebene von Schaum, die ihren Blick in das tosende Wirrsal gelblich weißen Gischts hinunterriß und weiter hindurch, wo dies entströmte in die dunkle, langsam sich glättende Fläche des Stroms, wo gemauerte Wände dunkel standen, Bäume, und Sterne zu sehen waren. Sie faßte den dünnen Geländerbalken vor sich mit den Händen und gab sich dem Donner der Fluten und dem geheimnisvollen Niederschießen des Weißen hin, in aller Weite doch eingeengt durch die Betäubung des Ohrs; dann sah sie zu ihrer Linken dicht neben sich Josef auf dem Geländer sitzen, ganz dunkel. Unsicher hob sie die linke Hand und streckte sie nach ihm aus; er nahm sie, hielt sie mit seiner linken auf dem Oberschenkel und deckte die rechte darüber. Sie glaubte, ihn etwas sagen zu hören, verstand nichts und sah fragend in den dämmrigen Schein seines Gesichts. Nun beugte er sich näher und sagte, ihre Hand fahren lassend: »Sei so gut und tritt etwas zurück.«

Sie tats unwillkürlich, doch war gleich hinter ihr das Geländer, an das sie sich lehnte.

»Kannst du meine Stimme verstehn?« fragte er durch das Rauschen.

Sie bejahte.

»Dann, mein Kind,« fing er nach einer Weile wieder an, »dürfte es an der Zeit sein, dir mein Geheimnis zu sagen. Wie dir bekannt sein wird, hat jeder Mensch sein Geheimnis, das nur der Tod oder höchstens die Geliebte erfährt. So erlaube mir, dich dafür anzusehn. Höre zu. Was in meinem Brief gestanden hat, dem Abschiedsbrief, das sind lauter Lügen gewesen. Nicht so gemeine, senkrechte Lügen, wie man sie alltäglich gebraucht, sondern feine, schräge natürlich, und zwar deshalb, weil da hundert Gründe für mein Fortgehn angegeben wurden, statt des einen wirklichen. Nun höre wohl zu ...«

Er schwieg Augenblicke lang, dasitzend schräg auf dem Geländer, eine Hand auf dem Knie, die er zu betrachten schien, während er mit gelassener Stimme fortfuhr:

»Der einzig und alleinige Grund, den ich dir nun zu verraten habe, war der: daß ich auszog, das Fürchten zu lernen. Lächle meinetwegen, Mädchen,« sagte er, flüchtig aufblickend, »du weißt nicht, was du tust. Sich nicht fürchten, denkst du, das ist weiter nichts, oder man nennts auch Tapferkeit, wovon ich freilich nicht rede. Wovon ich rede, das ist: sich nicht fürchten können und doch immer: sich fürchten wollen, fürchten müssen, ja einfach eine unwiderstehliche, eine maßlose, eine wütende Lust nach dem haben, vor dem sich grausen ließe. Verstehst du's vielleicht? Oder soll ich dirs erklären? Was mag es denn wohl heißen für einen Knaben, daß er Tiere langsam zu Tode martern muß und dabei warten, bis aus ihren nicht verstehenden Augen das Grauen überschlägt in die eignen? Nicht gefürchtet. Siehe auch einen Jugendlichen, der die kleinen Tiere satt hat, zum Schlachthof gehn und dem Totschläger der Bullen die Axt fortnehmen und Stiere und Rinder in Reihen erschlagen, um zu sehen, wie der Tod in ihre Augen und das Feuer darin zu blauer Asche tritt. Nicht gefürchtet. Ich habe gesehn, kann ich dir sagen -- denn zum andern bekam ich naturgemäß die Gabe, immer dort zu sein, wo es etwas zu fürchten gab --, wie Menschen sich von Rädern zermalmen ließen. Nicht gefürchtet. Ich sah Menschen bei Feuersbrünsten aus Wolkenkratzern hüpfen wie die Flöhe und auf dem Pflaster unten zerspritzen wie Gefülltes. Nicht gefürchtet. Ich sah den Lift aus der Höhe herunter sausen und seinen zerquetschten, noch lebenden Inhalt im Kellerschacht. Nicht gefürchtet. Ich habe Männer bei langsamem Feuer rösten sehn -- nicht gefürchtet; Kinder bei satanischen Messen lebendig zerlegen -- nicht gefürchtet. Ich habe mir alle Arten der Hinrichtung besehn, Strick, Stuhl, Axt und Maschine. Ich sah in China Menschen, denen die Köpfe von zurückschnellenden Bambusbäumen ausgerissen wurden, die durch Tropfen von Wasser auf die bloßen Schädel zum Rasen gebracht wurden, -- nicht gefürchtet, -- Frauen, die bis an den Schoß in die Erde gegraben wurden, und denen ein schnellwachsendes Gewächs ... nicht gefürchtet. Ich habe alle diese Menschen zur Richtstätte führen, in Todesangst schlottern und wahnsinnig werden sehn -- nicht gefürchtet. Ich --«

Plötzlich fühlte Renate, die ganz erloschenen Leibes mit zugefallenen Lidern gehört und gehört hatte, ihre Handgelenke von Händen ergriffen, sich vorwärts gezogen und ihre eine Hand mitten auf seine Brust gelegt. Sie konnte die Augen nicht aufbringen, als sie ihn jetzt sagen hörte:

»Da! Fühlst du mein Herz? Hier mitten in der Brust, nicht wie beim gemeinen Volk links oder gar rechts, da -- kannst du den Schlag fühlen?«

Er zählte, und wie er langsam, langsam die Zahlen sagte, und sie mitzählte: »Eins -- -- -- zwei -- -- -- drei -- -- -- vier -- --«, hörte, fühlte sie die entsetzliche Langsamkeit des Schlagens darunter, kein Herz, ein eisernes Gangwerk, und Josef sagte:

»Spürst du's nun? Kennst du den Schlag? Er ist gar nicht so langsam, wie dirs vielleicht vorkommen mag, er ist der Schlag der Sekunde. Aber! Dies Herz, dieser Schlag ist nur in einem einzigen Augenblick meines Lebens schneller gegangen. Begreifst du, was das heißt? Ah, Kind, das heißt, sagen sie, daß meine Mutter mit diesem Uhrenschritt um die Sonnenuhr gegangen ist, als sie mich trug, um mich hart zu machen für das Leben. Ich kann mich nicht fürchten, Renate, nein, du brauchst mich nicht anzusehn, ich kann mich nicht fürchten, ich habe nur einmal -- ja, hin und wieder einmal habe ich etwas gespürt, das von weitem -- sehr von weitem, denn es war nur eine Möglichkeit, ein Reiz -- aussah wie Furcht, ein süßer Hauch der letzten Zerstörung, des Grauens, und das war die Möglichkeit: dir Gewalt anzutun. Nun genug. Du weißt alles bis auf das Letzte. Nämlich: heut vor drei Tagen --, ja, heut vor drei Tagen habe ich das Fürchten -- gelernt. Und das war freilich so, daß es mich jetzt wundert, daß ich es überlebte. Ich will dirs sagen. Ich habe --«

Plötzlich war sein zerspaltenes Gesicht so nah vor dem ihren, daß sein Mund fast den ihren berührte, daß sie nichts sah als die Gräßlichkeit des blinden zerflossenen Auges, während seine Stimme von unten her flüsterte oder zischte: »Ich habe -- mich selbst erschossen.«

Renate schloß die Augen, öffnete sie wieder. Josef saß wie vorher. Ihre Haut war kraus und eiskalt geworden am ganzen Leibe, sie glaubte kein Herz mehr zu haben, als sie von ihm fort sich am Geländer dahinschob.

»Ja, geh nur,« hörte sie ihn noch sagen, »für dich ist es Zeit. Geh nur zu, Kind!« Er hob winkend die Hand. Sie entlief.

Gleich darauf strauchelte sie über eine Unebenheit und gewahrte in der Wiesentiefe zur Linken eine Gestalt. Sie blieb stehn, die Gestalt kam näher; erst dunkel, ward sie grau; ihre Augen umklammerten sie angstvoll, sie wußte schon, wer es war, sie wollte nicht --, da kam er den Hang herauf, Erasmus, noch immer im Harnisch, barhaupt, und sie gefror. Aber ein jähes und wütendes Grauen trieb sie zwischen ihn und Josef, sie lief zurück.

Josef stand aufrecht oben und rief jetzt mit heller Stimme:

»Hier bin ich, Erasmus, hier! Ich fürchte dich nicht!«

Da stand Erasmus oben wie ein Gespenst, schrecklich groß, sie konnte seine Augen sehn, die aus den Höhlen quellen wollten, er hielt beide Hände geballt vor der Brust, die wogte, -- nie, schrie es in Renate, ist er in der Fabrik gewesen, er trägt ja immer die Rüstung noch! -- Und sie riß aus dem zugewürgten Hals klingend ihre Stimme heraus und sagte: »Erasmus? Ja, willst du denn --« wirklich jetzt immer geharnischt gehn? wollte sie fragen, aber er schlug ihr die dünne Klinge, die sie vorstreckte, mit einer Keule nieder und mitten durch, indem er sagte: »Du!« sonst nichts, doch eben dies hob sie wieder ganzen Leibes so leicht, als ob sie flöge, und sie lächelte angstlos und sagte: »Was hier geschehen soll, das wird nie geschehn.«

Im Augenblick darauf taumelte sie zur Seite, von einem Stoß oder -- sie wußte es nicht, sie sah nur, in die Knie brechend und nun von Sinnen vor Angst, Erasmus dastehn, als stürze er vornüber und hörte ihn, keuchend, schäumend, gurgelnd:

»Endlich -- ists -- soweit. -- Du! Mörder! Dieb! Mutter--mörder. -- -- Gestohlen -- -- Mutter hast -- -- mir gestohlen ... Vater -- Liebe -- -- gestohlen. Liebe -- immer, immer -- gestohlen, immer -- stohl ... nun -- nun -- stehlen -- diese -- die -- willst -- diese -- du -- du -- verlorner Sohn! Abrechnen -- rech -- ich -- Jahre geduld -- -- geduldet. -- -- Alles -- alles -- alles -- getan -- -- rechnet, ge -- -- schunden, Blut unter -- Blut -- -- und -- nun, nun, nun -- auch diese -- Re -- -- Renate. Weg! du! weg du! weg, weg! Oh -- uh -- weg!«

Renate legte die Hände auf die Augen und drehte sich um. Sie machte einen Schritt, strauchelte und glitt den Abhang hinunter, brach unten auf die Knie, richtete sich schwer und mühsam auf und sah nun ruhig staunenden Blutes hoch über sich alles rot und in dem Rot eine ungeheure Gestalt, die eine andre wagerecht über sich hochgehoben hatte.

Da floh sie besinnungslos in das Dunkel, lief, im Fallen unzählige Male sich aufraffend, lief, ihr Kleid riß, sie packte es mit den Händen und hob es vorn und lief, hakte mit dem Fuß an Latten, riß ihn los, ihr Atem versagte, sie lief, blindlings einem bleichen Streifen am Boden folgend, keuchte und lief eine Schräge hinauf, wich einem Baum aus, der ihr jählings schwarz entgegentrat, und indem schmolz aus ihren Knien alle Kraft. Sie glitt vornüber und nieder, raffte sich wieder hoch, fiel gegen den Baum und schrie, ihn mit den Armen umklammernd: »Das war die erste!« Sie hing und sah sich selber im Dunkel, in ihrem weißen Kleid, in einem jahrfernen Traum, in die Knie gleiten und wieder aufrichten, und stammelte: Die Verneigungen, die Verneigungen, die Verneigungen ... nun kommen die Verneigungen, oh Gott! -- und sie lief weiter, sie war im Garten, in der Veranda, im Flur, -- da mußte sie halten.

Treppenhaus

Einen Augenblick lang in großer Leere des Herzens mußte sie plötzlich erkennen, daß die Angst, die eben noch hinter ihr gewesen, vor ihr war; vielmehr war es nicht Angst, sondern nur ein leises Grauen, mit dem sie etwas Unheimliches über sich, im Treppenhaus witterte, und da wagte sie es, dem zu entfliehen, und bewegte sich bis zur Haustür hinüber, wo sie, jetzt gelähmt, stehen blieb und sich umwandte.

War denn Licht im Treppenhaus oder nicht? Wie seltsam helle es dämmerte! Weiß stieg die Treppe mit dem blauen Läufer bis zur ersten Biegung, von da aus das weiße Geländer. Und jetzt wußte sie: oben war etwas; das kam herunter. Kein Mensch, ein Tier, ein riesiges Tier, wild, sie hörte schon das langsame Treten der Tatzen von Stufe zu Stufe, das rauhe Fell, das am Geländer schräge nach unten sich hinabschob und scheuerte, sie roch den wilden heißen Dunst, und ihr Herz stand still. Gleich darauf tauchte der riesige weiße Kopf des Tigers oben hinter dem Geländer auf, die Lichter glommen auf in den gedehnten Augen, er wandte das Gesicht herum. Plötzlich saß er auf der Plattform, ganz still, die weißen Tatzen vor sich, und Renate sah das furchtbare, streifig bemalte Tiergesicht in einem Kranz weißer Mähnenhaare, sah, vom wilden Atem auf und nieder bewegt, die gelben, roten und schwarzen Streifen der Flanken. Der lange Schweif legte sich nach vorn, er duckte den Kopf, schloß die Augen und war verschwunden.

Sie stieg langsam die Treppe hinauf ohne andres Empfinden als die furchtbare Mühsal des Steigens. In ihrem Zimmer drückte sie die Handballen gegen die Stirn, stand und hörte sich stöhnen. Sie sah einen schwarzen Menschenkörper in einer ungeheuren Höhe schweben, und dann klatschte Wasser. Wieder stieg in ihr das Grauen, sie wankte vorwärts, ertastete den Türvorhang, fiel dagegen und an dem weichenden hin auf den Fußboden.

Renate lag totenstill. Alles war still geworden. Sie bewegte die klebrigen Lippen und lallte: Nichts ... Es war ja nichts. Nichts ist geschehn. -- Sie hob den Kopf hoch, tastete nach ihrem Haar, entsetzte sich vor dem Rauhen ihrer eignen Flechte und gelangte mühselig auf die Knie. So lag sie eine Weile zitternd, stellte sich dann auf die Füße, tastete nach der Bettstelle, fühlte das Holz, machte zwei Schritte und setzte sich auf den Bettrand. Wankend vor und zurück fühlte sie, daß sie ohnmächtig wurde, aber im selben Augenblick mußte sie aufhorchen. Es waren Schritte auf der Treppe. Langsam kam es herauf, Fuß um Fuß, Stufe um Stufe, sie erhob sich und ging vor, trat in die Tür, lehnte sich mit Rücken und Kopf gegen den Pfosten und flüsterte: Sein Vater -- kommt, nun -- nun wollen wir Rede stehn. -- Sie lächelte.

Langsam kamen die Schritte über den Flur näher, immer ein wenig lauter, und nun war alles still vor ihrer Tür. Sie wartete gefühllos. Ihre Augen, im Dunkel irrend, sahen die Fenster, und weiß den kleinen Schein der Gipsbüste in der Luft. Nun ging die Tür auf; da stand Erasmus. Sie sah seine Augen, die nicht Augen mehr waren, sondern nur Entsetzen. Dann hörte sie eine Stimme leise sagen:

»Ich hab's -- getan.« Er schluckte. Sie sah seine Hände, die sich einander näherten, dann rieb die eine die Knöchel der andern. »Nun,« sagte er unendlich leise, »nun steht, auf der Treppe, steht -- -- Gott -- Vater, mit dem Licht und sagt -- -- wo -- wo ist ...«

Renate sah den alten Mann oben stehn und die Treppe hinunterleuchten. Aber als die Erscheinung verschwunden war, wurde ihr leichter um die Brust, sie sah die Gestalt des Erasmus in der Tür sich wenden, sie löste sich vom Türrahmen und ging zu ihm; da fühlte sie wieder das Grauen, biß die Zähne auf die Lippe und sagte: »Erasmus ...« Sie mußte die Augen schließen, hörte einen Fall und fühlte seine Hände in den ihren und sein Gesicht. Dann sah sie ihn vor ihr knien, machte eine Hand los, legte sie auf seinen Kopf und fing an, ihn zu streicheln. Er weinte und sagte kindisch mehrere Male: »Er sollte ja nur weg ...« Dies dauerte eine Weile, dann war Erasmus plötzlich verschwunden, sie saß vor dem gelben Schirm ihrer Lampe am Tisch, sah über sich das weiße Antlitz Ech-en-Atons unverändert, oder lächelte es nun? Dann war nichts mehr.

Hörsaal