Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 11
Schwester Sonnenblume -- tönte es seltsam in Renate nach, wer hatte das einmal zu ihr gesagt? Ach, sie selber hatte einmal eine Sonnenblume so angeredet an jenem Tage, wo Sigurd --, wo die Todesnachricht von Esther kam. -- »Nun, was giebt es denn da?« hörte sie Jason indem halblaut sagen und wandte sich.
Innerhalb der kleinen Lindenallee in der Nähe der Kapelle stehend, über die Kohlköpfe und Erdbeerpflanzungen des kleinen Gemüsegartens hinweg sah sie die rote, häßliche Rückwand des Herzbruchschen Hauses im Schatten, dann hinter dem Zaun eine Bewegung in dem dichten Holundergestrüpp, dessen Zweige schwerbelaubt und doldenvoll herüberhingen. Irenes blonder Kopf und schwarze Schultern wurden jenseits sichtbar, sie schien einen schweren Gegenstand durch das Buschwerk zu heben und zu drängen, einen Stuhl, und Renate fragte sich verwundert: Will sie herübersteigen? es ist doch eine Tür da! -- Indem erschien am Ende der Lindenallee eine abenteuerliche Figur in schwarzem, faltig zerknittertem Hemde von Kaliko und brennendroten Strümpfen mit gerollten Wülsten unterhalb der Knie, und das wild aussehende, rote und schwarzbärtige Gesicht war das von Klemens, der, ohne sie und Jason zu sehn, stehen bleibend nach Irene hinüber starrte, deren Gesicht eben deutlich im Blätterwerk auftauchte und still blieb, gegen Klemens gewandt. Klemens schwang jetzt ruckweise einen und den andern Arm, stieg mit weiten Tritten über die Beete, hielt mitten und schrie außer sich Irene an:
»Was wollen Sie denn schon wieder? Wollen Sie mich bis ans Ende der Welt verfolgen? Sie -- oh Sie, ich leugne diesen Vorfall, ich leugne ihn, ist Ihnen das noch immer nicht klar geworden? Soll ichs Ihnen beibringen?«
Mit zwei Sprüngen war er am Zaun, Irene streckte die Arme aus, über den Zaun zwischen ihnen faßten sie sich und fingen an sich zu küssen, so daß Renate vor besinnungslosem Staunen die Augen nicht abwenden konnte, und erst als sie gar nicht aufhören wollten, drehte sie sich, die Unterlippe zwischen den Zähnen, weg, sah den unverwandt und sehr teilnehmend das Schauspiel betrachtenden Jason neben sich, wollte etwas äußern, fühlte aber seine Hand am Arm, und er sagte, ohne den Kopf zu heben, leise: »Scht! man spricht nicht in der Tragödie.«
War das Ernst oder -- --? -- Sie wagte es, wieder zum Zaun zu blicken, da stand Klemens allein und keuchte, in den Büschen rauschte es noch. Er wurde jetzt der Beiden ansichtig, schüttelte den roten und schwarzen Kopf mit blinden Augen wie ein Stier, versuchte zu lachen, starrte an die Erde und kam langsam zwischen den Beeten heran. Vor ihnen blieb er stehn, stützte sich wie vorm Umfallen an einen Stamm und sagte: »O Gott!« und noch einmal: »O Gott!« so zerbrochen, daß Renates Herz klopfte. Dann sah er verloren auf, betrachtete seinen Ärmel, faßte den Saum mit den Fingern und wischte sich mit dem schwarzen Zeug überm Handrücken die Schweißtropfen von der Stirn.
»Nein,« sagte er endlich, »geleugnet kann es wohl doch nicht werden, und nun kann ich ja hingehn und meinen Freund umbringen.«
Er schluchzte haltlos auf, die Tränen liefen ihm hell übers Gesicht. Mit beiden Händen am Leibe nach Taschen tastend, schien er seinen Anzug zu bemerken und schnob: »Der verfluchte Mummenschanz! Der verfluchte Mummenschanz ist an allem schuld!« trocknete sich die Augen mit den Händen und blickte Renate trostlos an.
»Es war ja schon das zweite Mal,« sagte er leise; »wenn wir uns sehn, geraten wir aneinander, so oder so. Ja, wie bin ich denn hier hereingekommen?« fragte er, stecken bleibend.
»Ich vermute,« sagte Jason ruhig, »Sie wollten eigentlich ins Herzbruchsche Haus, und da Sie an diesem vorüberkamen, sind Sie in Ihrer Verwirrung hineingegangen, weil Sie's kannten.«
»Das wird es gewesen sein«, versetzte er stumpf.
Am Ende der Lindenallee tauchte Irene auf; im schwarzen, wehenden Kleid, kam sie leicht und schwebend daher.
»Hören Sie nur,« sagte Klemens, der sie nicht sah, »ich habe sie immer geliebt. Aber das ging mich allein an, und sie haßte mich ja, ich sie auch wegen ihrer lächerlichen Lebensführung.«
Irene, nicht mehr weit von ihnen, blieb stehn, faltete die Hände unter der linken Brust, sah zugleich schmerzlich und beseelt und fast glücklich aus.
»Da hatten wir heut morgen wieder einen Zweikampf, oder mittags meinetwegen. Ich war den ganzen Vormittag draußen gewesen, um zum Großherzog zu gelangen, konnte nicht zu ihm und kam todmüde zu Herzbruchs. Da fingen wir wieder an, uns wegen dieses verfluchten Zeuges zu zanken, -- es durfte ja keiner ohne Kostüm draußen herumlaufen, da bekam ich dies geliehn, und sie verhöhnte mich wegen meiner Teilnahme an dynastischen Festen, und da --« Indem drehte er sich seitwärts und sah Irene dastehn.
»Ich war bei meinen Eltern,« sagte Irene leise, »aber es ist niemand im Haus. Da kommst du wieder, und es ist wohl recht, und -- da bin ich.«
»Zu mir?« fragte Klemens entsetzt. »Da sei Gott vor! Und dein Mann?«
»Ich -- du -- zu meinem Mann schickst du mich?« fragte sie leiser. »Und ich war doch schon da ...«
»Schon ...? Bist du ...? Was hast du denn da gemacht?« stöhnte er.
»Ich habe ihm gesagt, daß ich nun nicht mehr bei ihm bleiben könnte. Es war schrecklich ...«
Renate suchte ängstlich nach einem Ausweg für sich, aber Irene kam nun zu ihr, faßte ihre Hand, und Renate fühlte, daß sie innerlich zitterte.
»Was sagte er?« fragte Klemens.
Irene, heftig Atem schöpfend, brachte heraus: »Nichts. Gar nichts. Er saß da und -- sah mich an. Da bin ich wieder gegangen.«
Klemens hob die geballten Hände und schüttelte sie und schluchzte: »Du! schämst du dich denn nicht?«
»Eins, zwei, drei, marsch,« sagte Renate kräftig, »entweder Sie beherrschen sich jetzt, Herr Doktor, oder Sie gehn Ihres Weges, Punkt.«
»Klemens! Klemens!« flüsterte Irene angstvoll, aber er bearbeitete seine Stirn mit den Fäusten und weinte in sich hinein.
»Es fällt ihm ja so schwer, sich zu beherrschen,« flüsterte Irene an Renates Ohr, »wir müssen Geduld haben.«
Überdem wurde er still, ließ die Hände fallen, blickte Irene verstört an und sagte: »Meinst du denn, ich wollte meinem Freunde seine Frau wegnehmen? Meinem Freunde, von dem ich alles habe, was ich bin? Das einzige, was er hat?« Er kam auf Irene zu, sie streckte die Hände aus, er packte ihre Handgelenke, schüttelte sie rasend, drehte um und stürzte den Weg hinunter wie ein Trunkener. Irene hob, ihm nachsehend, ihre Handgelenke, wischte um die roten Eindrücke und sagte leise: »Du tust mir unrecht, Ot--, Kle--« Sie schrak zusammen und flüchtete sich zu Renate.
»Ich habe noch niemals«, sagte Jason ganz ergriffen, »an einem sonst vernünftigen Menschen ein so schreckliches Verhalten bemerkt. Und nun kehrt er wieder um.«
Klemens kam wieder zurück, ruhiger, wie es schien, blieb ein paar Schritte entfernt stehn und sagte:
»Noch ein Wort, Irene. Du befindest dich in einem Irrtum, denn: ich glaube dir nicht. Ich weiß von Otto, daß du seine Frau gar nicht gewesen bist, daß du ihn betrogen hast; endlich bist du zu ihm gegangen, und das war aus Angst vor mir, zu dem du nun von ihm wegläufst. Das genügt mir. Wenn du doch Kinder hättest! Dann könnt' ich denken, du hast wenigstens deine Pflicht getan. Aber so -- bloß mit einem Manne gelebt und gelacht und geschlafen, und jetzt das selbe mit mir --, und dann wirst du eines Tages kommen und sagen, du hättest dich wieder geirrt -- so wie damals mit deiner Gottesmutter.«
»Warum so hart?« sagte Renate, da sie Irene heftiger zittern fühlte, doch ließ die jetzt ihre Hand los und fragte: »Geirrt? wie meinst du das?«
»Ich meine,« versetzte er und jetzt nicht ohne Haltung und Würde, »daß du damals ebensogut wie zu Otto zu mir hättest kommen können. Mich kanntest du freilich nicht und hättest mich schwerlich da gesucht, wo ich lag. Aber krank war ich auch, Pflege braucht ich auch, um genau dieselbe Zeit.«
Irene flog auf ihn zu, lachte, faßte seine Schultern, rief ganz erlöst: »Klemens! Aber dann wissen wir's ja! Dann bin ich falsch gegangen! Dann war's meine Schuld! Dann ist ja alles gut!«
Ohne sich zu bewegen, sah er sie an und versetzte: »Das meinst _du_! _Ich_ finde aber, diese Erkenntnis kommt dir etwas spät. Wievielmal, sage, willst du denn noch fehlgehn? Sicherheit will ich. Deine Ehe und meine Freundschaft -- all das soll hin sein? Sicherheit! Glaubst du, daß ich so eines Aberglaubens wegen der Dritte sein will?«
»Der Dritte?« fragte sie zurückweichend.
Klemens warf einen Blick auf Renate und sagte: »Hattest du nicht einen himmlischen Bräutigam zuerst? Da gab dir der Himmel ein Zeichen, und du nahmst einen Andern. Nun erzählst du mir, das Zeichen war falsch, und kommst zum Dritten. Das soll ich glauben? Waren denn Otto und ich die einzigen Kranken in der Stadt? Wirst du nicht morgen kommen und sagen: Das Zeichen war falsch, es hieß überhaupt, daß ich Krankenschwester werden sollte? Darum sage ich --« Er brach ab, sein Gesicht wurde weich, er sagte erschüttert: »Gott verzeih mir, Irene, ich bin zu hart zu dir gewesen. Das war wohl Unsinn, was ich geredet habe, aber auf all das kommt es ja gar nicht an, und auf unsre Liebe kommt es nicht an, sondern nur auf die Treue. Ich halte sie, ich halte sie, und wenn ich in Stücke gehe. Vergieb mir, vergiß mich! Aus uns wird nie was. Leb wohl!« Er drehte sich schnell um und ging den Weg hinunter und verschwand. Irene stand hülflos.
»Vielleicht«, hörte Renate Jason neben sich sagen, »wunderst du dich nun, indem du meiner Reden gedenkst. Welch wunderbare Erläuterung! Wie hinfällig sieht doch die ganze schöne Liebe aus, vom Gesichtspunkt der Treue aus betrachtet.«
Sie machte vergebliche Anstrengungen, das Ganze zu begreifen, entschied sich vorläufig zum Mitleid mit Irene, zog sie an sich und fragte: »Was soll nun werden?«
»Ich kann nicht weiter«, erwiderte sie erschöpft, widerstand aber Renates Bemühung, ihren Kopf an die Brust zu ziehn, stumpf zu Boden blickend.
»Ja, nun -- immer gleich helfen lassen«, sagte Jason. Irene blickte ihn fragend an. »O nein, nein, Kind,« fuhr er gelassen fort, »möchtest du vielleicht Redensarten von mir hören? Nun sag uns nur einmal: warum willst du nun durchaus von deinem Mann fort?«
»Ach, Jason, du bist furchtbar,« seufzte Irene, »glaubst du denn auch nicht, daß ich Klemens liebe?«
»Aber wie denn? Hab ich das gesagt? Er hat es doch selber anerkannt, daß du ihn liebst. -- Ach so, nun willst du ihn auch heiraten. Ja, weißt du, das ist doch aber eigentlich etwas viel verlangt.«
Irene richtete sich auf. »Ich will ihn nicht heiraten. Ich weiß nur, daß ich bei Otto nicht bleiben darf. Herrgott, wie mir das jetzt unaufhörlich in Augen und Ohren brennt! Da kam Klemens zur Tür herein, damals, und dann hat er schon gebrüllt, und ich lauter, und dann wurde ich wie Holz, und dann war alles Haß. Jason, kann denn ein Mensch so schauerlich verblendet sein? Wie soll ich das jemals wieder gutmachen? Er spricht von seiner Freundschaft, ich hab sie nicht verstanden. Von meiner Ehe, -- ich hab sie nicht verstanden, ich verstehe mich selber nicht, wie soll ich da wissen, was zu tun ist? Und nun --« schloß sie, sich zusammenraffend, »nun will ich zu meinen Eltern.«
Sie nickte Renate und Jason zu und schritt ganz leicht und schwebend in ihrem schwarzen Kleid zwischen den Beeten hindurch zum Zaun, öffnete die Tür und verschwand.
»Ist es zu begreifen, Jason?« fragte Renate vor sich hin. »Sie lieben sich und bekämpfen sich doch.«
»Sie bekämpfen einander nicht,« sagte Jason verloren nach oben blickend, »sie bekämpfen nur immer sich selbst -- durch den Andern. Sie stehen in Rauch und Flammen und suchen einen Brandstifter. Sie wollen jeder das Seine und lassen sich immer hindern. Wäre ich nicht so leicht,« schloß er leise, den Kopf senkend, »wie, meint ihr, müßte alle Last meines Wissens mich zu Boden drücken. Oder nein,« verbesserte er sich trübe, »ich bin der Schwere, denn die Wahrheit ist immer leicht -- für den, der sie nicht braucht.«
Renate hörte ihn wehmütig an, sah auf einmal ihre Hände, in die sie verloren hineinblickte, fand sie unsauber und erinnerte sich, daß sie sich im Ankleidezelt der Burg zuletzt gewaschen hatte. Gleich ergriff sie der Wunsch, zu baden, mit unerklärlicher Heftigkeit, sie setzte sich in Bewegung, Jason ging schweigend mit, so kamen sie ins Haus, wo ihnen Magda begegnete, Renates lavendelblaues Kleid über dem Arm.
»Könntest du mir wohl helfen?« bat sie verlegen lächelnd. »Ich habe mir doch dein Kleid für heut abend zurechtgemacht, aber hier am Ausschnitt will es nicht sitzen ...«
Renate, bereitwillig lächelnd, setzte sich in einen Sessel der Halle, nahm das Kleid auseinander, hob aber den Kopf und sagte: »Bitte, Kind, erlaube, daß ich mich eben etwas wasche, ich komme dann gleich und helfe. Wie spät ist es eigentlich?«
»Es wird sechs Uhr sein,« meinte Magda; »willst du nicht bleiben, Jason?« fragte sie ihn, der an der Tür stand.
»Richtig, wohl,« versetzte er mit nachdenklich auf Renate gerichteten Augen, »ich kann auch bleiben.«
Renate wollte sich erheben, indem kam er zu ihr, sah immer nachdenklicher auf sie herunter, beugte sich dann und küßte sie auf die Stirn. Sie litt es lächelnd und erfreut, sah ihm nach, wie er zur Verandatür ging und dort stehen blieb, stand auf, nickte Magda zu und ging hinaus.
Siebentes Kapitel
Garten
Georg, in einer dumpfen, ihn selber dunkel befremdenden Verfassung, betrat sein Zimmer und stand minutenlang zwischen dem Schreibtisch und den Fenstern im leeren Raum, der Tür zum Speisezimmer zugewendet, leise erstaunend über die große Pracht der Nachmittagsonne, die nebenan hinter den geschlossenen Vorhängen den Flügel, die Wände, Vitrine und die gläserne Apsis sehr geheimnisvoll und edel erscheinen ließ. Die Sonne, dachte Georg, ist dieselbe wie am Vormittag, nur aus einer andern Richtung, aber mein Herz drehte sich ganz herum nach unten. »Nun, Egon, bist du wieder da? Wie war es denn?«
Warum spreche ich so leise? Wunderte sich Georg. -- Egon versicherte, es sei fabelhaft gewesen. Im Garten, sagte er, warte ein Herr, Herr Dr. Klemens ... Georg nickte, bat Egon, sich in einer halben Stunde bereitzuhalten, und konnte wieder nicht laut sprechen. Ich konnte es doch eben, dachte er, setzte sich vor den Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hand; -- aber ich glaube, es kostete mich eine furchtbare Anstrengung ... Er hörte sich wieder die Rede halten im Ständehaus: »... keine Versprechungen, meine Herren, es schiene mir lächerlich, das Vertrauen, mit dem Sie nach mir blicken mögen ... Nur die sichtbare Gestalt des Mannes, den ich mit tiefster Scheu und Ehrfurcht Vater nenne, dessen jahrelanges Wirken, unermüdlich zum Wohle ... Nur er, dessen kräftiger Unterstützung ich tief bedarf und in dieser ernstesten aller Stunden erbitte ...« Ach, dachte Georg, das war schön, das war schön! Wie es mir die ganze gelernte Rede mitten zerriß, weil er groß und mächtig dastand in dem roten Waffenrock und mir das Herz zum Springen füllte mit heiliger Sehnsucht und Liebe ... Nein, mein Gott, wenn ich der wirklich wäre, der ich sein soll, ich glaube nicht, daß ich nur halb das empfinden könnte, was ich nun empfand.
Vor ihm erschienen die bärtigen Altmännergesichter, Kneifer, Kahlköpfe, vielen Fräcke im großen Ständehaussaal, alle Arme gingen hoch, er hörte seinen Namen gerufen ... Er schauderte nach. Seine Blicke, an ihm heruntergleitend, ließen ihn die hellblaue Uniform gewahren, in der er steckte, er lächelte und dachte: Nein, diese im Viereck aufmarschierten Dragoner und Füsiliere, die waren doch nur sonderbar, ebenso wie die krähende und überlaute Stimme, welche die Eidesformel verlas. Tüchtig war's wohl, die Hurras knallten wie mit dem Hammer festgenagelt, man müßte sie noch sehen können an der Wand. -- Ja, nun werde ich wohl erst eine Weile Soldat werden müssen, vielleicht ist es das beste. Vater kann ich nicht verlieren, kann's nicht, kann's nicht. Aber gut, daß es schwer ist. Wenn es leicht wäre, was wäre es dann? Er sprang auf, riß Haken und Knöpfe der warmen, engen Uniform auf, ging zum Bücherbord, hob einen kleinen Band aus der Tiefe, las mit verschleierten Augen die goldenen Buchstaben B. Cellini, küßte sie hastig, stellte den Band fort, richtete sich grade auf und ging in den Garten.
Auf der Bank am Wasser saß ein Mensch, den Kopf in Händen, rote Strümpfe an den Beinen. Als Georg ihm näher kam, sah er empor, erhob sich, hatte ein schwarzes Kalikohemde an und war Klemens; sein Gesicht war so bleich mit roten Flecken, und die Augen flackerten, daß Georg, ihm die Hand reichend, fragte, bemüht, laut zu sprechen: »Ist Ihnen etwas, Klemens?«
Klemens wehrte hastig ab und sagte heiser und sich räuspernd: »Danke, nein, danke! -- ja! mir ist nicht grade wohl, aber -- es kommt jetzt nicht darauf an.«
»Setzen Sie sich doch,« bat Georg, »oder wollen Sie einen Schluck Wein?« Allein Klemens schüttelte den Kopf, er tränke keinen Alkohol.
Wer ihm denn dies Zeug gegeben habe, erkundigte sich Georg, um die Stimmung ein wenig zu heben. Es sei das Letzte gewesen, was er habe kriegen können, meinte Klemens, er habe Georg ja am Vormittag draußen gesucht, sei aber nicht zu ihm gelassen worden, und als ein Bekannter ihm Zutritt zur Burg verschafft habe, sei Georg nirgend zu finden gewesen.
»Da saß ich am Waldrand und schlief,« meinte Georg gelassen, »und nun, was habe ich verschlafen?«
»Das«, bemerkte Klemens mit einem hastig prüfenden Blick, »kommt auf Sie an. Das heißt,« setzte er hinzu, »das soll heißen, daß es dabei keinesfalls auf mich ankommt.«
Georg, da er nicht begriff, schwieg. Klemens blickte eine Weile geradeaus, wandte sich mit einem Ruck zu Georg und sagte: »Da wir bisher, ich darf wohl sagen, gute Freunde waren, eine grade Frage, -- um das Ganze zu vereinfachen: Glauben Sie, der zu sein, für den Sie gelten?«
»Nein«, sagte Georg ruhig.
»Schön, eine grade Antwort,« fuhr Klemens fort; »also, wenn ich Ihnen dies heut morgen als Neuigkeit mitgeteilt hätte, so würde es Sie in Ihrem Wege nicht abgelenkt haben?«
»Heute vormittag? Nein.« Wie ruhig ich bin, dachte Georg; ja, all dies hat nun längst seine Erledigung gefunden.
Klemens, der wieder nachgedacht zu haben schien, sagte: »Wenn ich versuche, mich an Ihre Stelle zu setzen, so kann ich allerdings nicht sagen, daß ich wie Sie gehandelt hätte. Sie aber sind anders aufgewachsen, das heißt --«
Georg erriet seine Frage und antwortete: »Mein Vater und ich wissen es selbst erst seit zwei Jahren und einem halben. Meine Mutter erfuhr es nie. Sie sind in schönen gemeinsamen Stunden mein Freund geworden, wenn ich das sagen darf --« Klemens nickte freundlich, »ich brauche vor Ihnen nichts zu verbergen. Daß ich gekämpft haben muß, wird Ihnen klar sein. Aber Sie haben recht, wenn Sie sagen, ich sei anders aufgewachsen. Daran lag es. Über alldas sprechen wir vielleicht später einmal, wenn Sie -- weiter mein Freund bleiben werden ...«
Er hielt ihm die Hand hin, Klemens ergriff sie fest und, wie es schien, mit großer Rührung; er behielt sie noch, drehte sie hin und her, lachte kurz und sagte: »Sie bemerken eigentlich nichts an dieser meiner Hand?«
Georg sah sie an, Klemens machte die Finger grade, es war eine schöne, kräftige, nicht eben kleine Arbeitshand von ungemeiner Lebendigkeit.
»Was soll ich bemerken?« fragte Georg.
»Daß es nicht die Hand eines Freundes, sondern eines Bruders ist. Wir hatten dieselbe Mutter.«
Georg zuckte leise zusammen, sah in das dunkle, bärtige Gesicht mit der fleischigen, groben Nase, dem schönen Kinn und Mund im Bart und mußte langsam lächeln, dann erröten. -- Ich erröte ja wieder, durchzuckte es ihn, -- wie lange nicht! Seit meiner Kindheit.
»Ja, dann sollten wir wohl du zueinander sagen, wenn du mir nichts vormachst«, sagte er leise.
»Die geistige Brüderschaft«, meinte Klemens lachend, »wird wohl doch die größere sein.«
Sie ließen sich los, saßen sekundenlang Beide in der selben Verlegenheit, bis Georg glaubte, seiner Würde die leichtere Haltung schuldig zu sein, und sagte: »Also sprich, was du zu sagen hast, ich habe kaum eine Viertelstunde mehr bis zum Umziehn, aber du kannst ja dabei zusehn und weiterreden.«
»Es wird am besten sein,« meinte Klemens, »du selber sagst mir, was du weißt.«
»Ja, ich weiß fast nichts«, sagte Georg. »Und all das zu erklären, _was_ ich weiß, würde lange dauern. Du kannst es später alles geschrieben lesen. Jedenfalls: wer meine Eltern waren, weiß ich nicht, ich wurde hier in der Nähe von Altenrepen geboren, nur der ehemalige Verwalter meines Vaters, Chalybäus, wußte davon. Meine Mutter soll gestorben sein; im selben Hause lag die Frau meines Vaters, sie brachte ein schwächliches Kind zur Welt, und ich wurde --«
»Das Kind war meine Schwester Virgo«, sagte Klemens.
»Mein Gott, ist das wahr? Das ist ja wunderbar! Das war --?«
»Virgo,« wiederholte Klemens trübe; »dafür, daß ich einen Bruder bekam, habe ich nun eine Schwester verloren.«
»Unsinn!« tröstete ihn Georg, »was könnten Sie denn da verloren haben?« Klemens lächelte wieder. »Höre, --« sagte Georg, »dann ist dir vielleicht auch eine sonderbare Frauensperson bekannt, die bei meiner Geburt eine Rolle gespielt hat; Nassja hieß sie und hatte ein T-förmiges Kreuz --«
Klemens nickte, während er sein Kleid unter der linken Achsel aufknöpfte und aus einer Westentasche ein zusammengeknifftes, altes und schmutziges Papier und ein Notizbuch hervorzog.
»Anastasia Petrowna Schischin, schreib Zizin,« sagte er, »sie brachte seinerzeit Virgo ins Waisenhaus, besuchte sie auch; ich kannte sie und wurde nicht selten von ihr besucht und unterstützt, als ich aus dem Waisenhaus gelaufen war. Sie wurde über vierundachtzig Jahre alt, vor anderthalb Jahren etwa ist sie gestorben. Letzthin besuchte ich sie seltener, sie wohnte an der russisch-polnischen Grenze und schmuggelte Leute drüberweg. Sie war der wortkargste Mensch, den ich je gesehn habe, aber sie machte sonderbare Andeutungen, die ich nicht verstand und daher vergessen habe. Es muß aber etwas von einem vornehmen Verwandten gewesen sein, das warst du also. Wie es scheint, hat also sie diesen Brief hier geschrieben.« Er zog einen alten, abgerissenen Briefbogen aus dem Umschlag. »Dieser Brief ist von meiner Mutter. Er befand sich in einem Bündel Kinderkleidchen Virgos, hier diese russischen Buchstaben auf dem Umschlag bedeuten: für meine Tochter, wenn sie erwachsen ist. Scheinbar hat die alte Rüdiger, Virgos Ziehmutter, diese Anweisung geachtet, denn der Brief kam geschlossen in Virgos Hände, als sie vor ein paar Wochen, in Muttergefühlen, das alte Bündel hervorholte. Ja, nun hat sie ja Zwillinge --« Klemens strahlte. »Ich«, fuhr er, Georgs Ungeduld bemerkend, fort, »nahm den Brief an mich, weil ich Russen kenne, traf aber keinen von ihnen, vergaß den Brief auch, bis ich zufällig gestern den Almanach sah und ihn fragte, ob er russisch verstünde. Er hat mir dann den Brief übersetzt; gegen seine Mitwisserschaft wirst du wohl nichts einzuwenden haben.«
Georg, den Brief in der Hand, verfolgte die verwischten Bleistiftzeilen, die russischen Buchstaben, die er nicht verstand, sah am Ende die Unterschrift, zittrige Linien, wie die ersten Schreibversuche eines Kindes, und dachte wehmütig, daß dies die Schrift seiner rechten Mutter sei, solch ein welkes Blatt ... spät ihm zugetrieben.
»Ist das der Name?« fragte er leise.
»Ja,« sagte Klemens, »Krotkaja oder Kaja Moscherowska --« Georgs Blick fiel ab.
Ganz deutlich standen im dämmrigen Raum der Kerzenflammen die drei schwarzen Femrichter der letzten Nacht, und eine helle, fremde Stimme sagte: Kaja Moscherowska ... Georg fiel innerlich zusammen, er hatte einen widrigen Geschmack im Mund. »Ist dir nicht gut?« hörte er fragen. Da saß Klemens. Indem kamen Schritte auf dem Kies, Georg wandte sich und sah Egon dastehn. »Ich komme«, sagte er und stand auf. Er bemerkte den Brief am Boden, nahm ihn auf, fragte dann schwach: »Also was steht in diesem Brief?« Klemens sagte: »Es steht drin, daß meine Mutter nicht eine Tochter zur Welt brachte, sondern einen Knaben, -- der du bist ...«