Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 10

Chapter 103,933 wordsPublic domain

»Dies ist es nicht.

»Wenn es still ist und ich lausche, höre ich es von fern. Oh -- jenseit ist sein Land, das Allerseelenland; in dem er wandert fern und wohl zu Hause ist. Du kannst es heute sehn und morgen, wann du willst -- betreten kannst du's nicht. Dort ist ein jeder Baum sein Haus, Nachtlager, Traum, und jede Frucht ihm Speise. Oh nein, er hat es selbst gemacht, es ist nur, weil er ist.

»Ich liebe ihn nicht, weil ich ihn niemals genug lieben könnte, weil ich nicht hineingelangen kann dort. In meinen grauen Stunden liege ich davor, die Stirn gebeugt auf die Knie und klage. In den heiligen Stunden lege ich die Stirn gegen seine Mauer und die flachen Hände und fühle im kalten Stein den zuckenden Schlag seines Herzens, denn voll von ihm, so voll ist jenseit die göttliche Luft, daß es den Stein schwellen und tönen macht, -- ich aber bin dort nicht.

»Oh, wer kann sich denn genug tun in der Liebe, wenn er liebt? Wer kann jemals aufhören, zu begehren, wo alles unendlich ist! Wer kann sich an die Brust schlagen und sagen: Genug! Wer wollte die Arme breiten um die Welt und sagen: Ich habe! Ich fliege und bin doch kein Vogel, ich flute und bin doch kein Strom, ich singe und bin nicht Gesang, ich brenne und bin nicht die Glut, ich schöpfe und schöpfe mich aus bis zum Boden, und es ist nicht Liebe genug, nicht Liebe genug.«

Ulrika legte die linke Hand unter die linke Brust und sagte nach langer Zeit kaum vernehmbar leise:

»Aber doch ist er zu mir gekommen, und ich -- wenn ich nun lausche auf das ferne Pochen seines Herzens, so höre ich es näher und näher, nahe, ganz nahe, und endlich ist es hier; nicht im Herzen, sondern darunter trage ich das seine. Drei Monate sind es bald ...«

Blaß, leuchtenden, schwimmenden Auges blickte sie aufwärts, ihre Lippen zitterten, sie schluckte, dann fiel die Hand unter ihrem Herzen fort, sie setzte einmal, zweimal zum Sprechen an, bis die Worte kamen, ein Hauch:

»Gott! -- Gott! -- Gott! -- Nun habe ich dir alles gesagt, was göttlich und schön war. Rein, rein, rein habe ich es dir hingehalten, habe keine gemeine Schlacke daran gelassen und es gehalten, wie einen schweren Spiegel, vor dein Gesicht. Nun -- laß ichs -- -- fallen.«

Lange war es still. Mit brennenden und vergehenden Augen richtete Renate sich langsam auf, kniete, bückte sich auf Ulrikas Hand und küßte sie. In demselben Augenblick stürzte sie seitwärts mit Gesicht und Brust so schwer auf den Boden, daß Renate ein leises Dröhnen durch die Knie bis zum Herzen zittern fühlte. Die Luft war noch ganz voll von dem leisen Gesang der Liebe; Renate, hülflos auf die Daliegende blickend, weinte vor sich hin und sah mit grenzenlosem Mitleid diese goldenen Arme und die Hände über ihren Kopf lang hin geworfen, so daß sie dalag wie eine Angespülte. Schicksal und alles hatte sie ausgegossen und verströmt und war nun wohl so leer in dünner Hülle, daß der Schritt der Stunde, der sie träfe, einbrechen müßte; aber vielleicht stand die Stunde still, getraute sich nicht und ging leise einen andern Weg.

Renate wagte es endlich, legte sich zu Ulrika, faßte nach einer ihrer Hände; aber wenn sie auch neben einer Gestürzten lag, so empfand sie doch nur, daß sie ihre eigne, geringe Demut zu einer unendlich größeren gebettet hatte, und daß die Hülflose immer noch wie ein Engel war gegen sie. »Weine nicht, oh weine nicht!« bat sie. Ist nicht Josefs Vater heil und gesund, fragte sie sich, Rettung suchend, ist nicht dieser Tag sonnig, begünstigt, was kann denn nur fehlen?

Ulrika setzte sich auf, auch Renate mußte es tun und sah, daß Ulrika nicht Tränen geweint hatte. Ihre Augen waren heiß, aber trocken, sie griff nach ihrem Haar, steckte eine gelockerte Flechte fest und sagte ruhiger:

»Was wußten wir von Kindern, Renate! Sage die Wahrheit! Sie kommen und sind da wie so vieles in der Welt, Häuser, Blumen, sind Freude oder Plage, und wir wußten wohl, daß wir eine bestimmte Beziehung zu ihnen haben sollten, aber wir bedachten es nicht. Im Gegenteil, man hat uns so erzogen, daß wir alles eher bedenken als sie. Du freilich bist klüger als ich, aber ich gehörte doch zu denen, die nichts wissen, denen am Hochzeitstage ihre Mutter weinend um den Hals fällt und unverständlich von grausigen Dingen spricht. Eine von denen, die beim Einrichten der neuen Wohnung hin und wieder so etwas hören wie: Vorläufig genügen ja vier Zimmer, aber wenn erst Kinder kommen ... Und man hört das nicht, denn hier ist -- wie sagte dein kluger Vetter? -- eine Lücke im Gesichtsfeld, die weiß der Himmel mit Keuschheit so viel zu tun hat wie der Teufel mit Gott.«

Renate, die unter unklarem Empfinden zustimmen mußte, hörte sie immer härter und zorniger weitersprechen:

»Und wenn wir auch dies und das in Büchern gelesen haben, um zu wissen, du wirst es ja zur rechten Zeit immerhin getan haben, wie ich es nicht tat, so lasen wir doch nur, -- wie man auch von einer Löwenjagd liest, ohne zu denken, daß man je dazu kommen könnte. --«

Sie schwieg grüblerisch, Renates Gedanken waren weit fortgeeilt, sie faßte wieder Ulrikas Hand und sagte eilig: »Du, sage doch gleich: soll ich Magda bitten, daß wir nach Helenenruh fahren, wenn es soweit ist? Du weißt, ihr gehört Helenenruh, und --«

»Du weißt ja noch nicht alles,« unterbrach Ulrika, aber sie lächelte danach und sagte: »Du bist doch ein praktisches Mädchen, Renate, ich hatte das gar nicht gewußt.« Wieder dunkler blickend, fuhr sie fort:

»Ich fürchte mich vor dem Kind, ich erschrak zuerst namenlos, und noch heut kann ichs nicht glauben.« Ihre Augen glänzten stumpf, als sie sagte: »Wir werden von bösen Geistern erzogen, Renate, zum Grimm erzogen, und --« sie jammerte jetzt fast -- »was soll ich mit einem Kind? was weiß ich von einem Kind?« Sie lachte plötzlich verzerrt, ja grausam, indem sie schloß: »Ich hab nun schon seit Wochen die Vorstellung, daß ich sehe, wie mein schwarzer Flügel Kinder bekommt, immer eins nach dem andern.« Sie brach schluchzend ab und verbarg ihr Gesicht.

Da merkte Renate mit leisem Schauder, daß etwas in ihr war, das dies nicht an sich herankommen lassen wollte. Sie wehrte sich Augenblicke lang besinnungslos nach zwei Seiten hin, und plötzlich stand der Herzog vor ihr. Entsetzt sprang sie auf, glühte und stieß rauh hervor: »Nein!« Sie streckte die Hände von sich, krallte wild die Finger, biß sich auf die Lippen und sagte wieder: »Nein!« und ein drittes Mal: »Nein!« Sie sah Ulrika vor sich stehn, unbegreiflich dunkel glühte ihr das rote Haar. »Was sagst du?« hörte sie von einer fremden, nahen Stimme und stammelte: »Was hast du gemacht, Ulrika, um Gottes willen, was hast du ...«

Dann wurde sie ihrer bewußt, rüttelte sich hart zusammen, strich mit der rechten Hand den linken Arm hinunter, mit der linken den rechten, schloß einen Haken am Halsausschnitt, zog am Saum der Tunika über den Knien und arbeitete unterdes mit gewaltiger Anstrengung innerlich an einem Koloß, der aus dem Wege sollte und mußte, und dann hatte sie ihn aus dem Weg. Eine schneidende Stimme zwischen ihren Schläfen sprach: Das war Unsinn. -- Mit flackernden Augen und zitterndem Mund sagte sie zu Ulrika: »Man denkt diese Dinge nicht, man tut oder läßt sie.« Noch brauste es um sie, sie stand frierend im warmen Schatten und sah einen feinen Sonnenstrahl durch das Laub, vorüber an einem zitternden Blatt, dessen Spitze er vergoldete, nach dem Stamm der Kastanie stechen, wo ein talergroßer Sonnenfleck erschien und drinnen, sehr deutlich und ganz hell, die Flecke und Falten der Borke. Rundherum war Grün und Schatten.

»Ja, und nun ist es genug,« sagte sie kalt, »komm, sprich nun weiter, du Gute!« und zog sie, an den Boden gleitend, mit sich nieder. Ulrika zauderte noch mit besorgten Augen, besann sich eine Weile und fing ruhig an zu sprechen:

»Damals, vor drei Monaten, schrieb ich an meinen Mann. Er lag damals vor Valparaiso, der Brief reiste ihm nach und erreichte ihn erst in Deutschland. Ich schrieb ihm, daß -- daß wir ja nie verheiratet waren, daß ich bei ihm geblieben sei, weil er sagte, daß er mich liebe, und es wollte; daß ich nie gewußt hätte, was das heiße für ihn; daß ich seine Güte kaum begriffe, die nie gefordert habe, obgleich er doch im besten Vertrauen auf mein Wissen und meinen Willen vor Jahren den Bund mit mir schloß, dessen Erfüllung ich dann verweigerte; und dann schrieb ich, daß ich nun alles verstünde, weil ich selber liebte; daß ich ihn um Freiheit bitten müßte ... Mehr wagte ich damals nicht zu schreiben; es war ja auch wohl alles, für mich war es das, -- freilich, was wissen wir von den Gedankengängen eines Andern?

»Dann kam er. Ein wortkarger Mensch war er stets, jetzt brachte er kaum ein Wort heraus. Seine Haut war braun von Meer und Sonne, aber es schien kein Blut darunter zu sein, sie war grau. Wenn es sein müßte, sagte er, so solle ich einen Andern lieben; meine Pflicht sei freilich, diese Liebe zu bekämpfen, doch sei das meine Sache, er habe ja mein Herz nicht in der Hand. Aber daß ich einem Andern gehören solle, das wäre nicht zu ertragen. Er ließe mich nicht frei.

»Vielleicht glaubst du, daß es in diesem Augenblick viel schwerer gewesen sein müßte, den Mut zu haben, den ich vor Monaten nicht hatte. Es war wohl auch kein Mut, es war -- die Henne verjagt den Habicht blindlings, -- hieß es nicht so? -- Ich war eiskalt vor Angst, aber ich sagte ihm die Wahrheit.

»Er kam auf mich zu und sah mich nur an. Oh sein Gesicht, sein Gesicht! Laß! laß!« rief Ulrika, die Hände vor den Augen. Sie ließ die Hände fallen, sah vor sich hin und sagte: »Wie Asche von Papier, so war es. Dann ging er hinaus. Er ist bei meiner Mutter gewesen und hat wohl den Namen erfahren. Aber das war vorgestern, bei Benvenuto ist er nicht gewesen, auch weiß niemand sein Haus, selbst seine Eltern wissen nur ungefähr, wo es liegt, und -- du lieber Gott,« schloß sie kopfschüttelnd, »was könnte Benvenuto geschehn!«

Seltsam klang Renate auf einmal der Name Benvenuto im Ohr, -- als sei der Maler plötzlich ein andrer Mensch dadurch geworden, zarter gleichsam und nicht mehr so abgewandt. Indem sah sie Ulrikas stille, traurige Züge sich heben und von einem Lächeln kräuseln, als ob sie jemand ansehe, und hörte sie gleich darauf sagen: »Sieh da, Jason!«

Richtig -- Renate wandte sich -- stand dort Jason, halb verdeckt vom Buschwerk wie ein guter Geist der Gewächse, schwarz gekleidet, sehr weiß von Gesicht durch das Grüne ringsum; so nickte er von oben auf die im Grase Sitzenden mit freundlich glänzenden, schwarzen Augen und sagte: »Ein schöner Anblick, ihr Beiden, das muß ich sagen.«

Renate, ein wenig hochmütig über diese äußerliche Art, zu sehn, sagte, wie ihr selber schien, einfältig: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt, Jason.«

»Es sieht doch aber gut aus,« versetzte er beharrlich, »ihr kennt nur viel zu wenig meine Vorliebe für schöne Gegenstände. Jetzt zum Beispiel habe ich Lust, Brahms' deutsche Tänze zu hören. Ich glaube fast, ich bin deswegen hergekommen.«

Renate blickte kopfschüttelnd und forschend Ulrika an, aber die erhob sich gleich, stand frei da und sagte: »Gern, Jason, wenn Renate will ...«

Da dachte sie, daß Jason doch wohl insgeheim das Rechte meine; daß es gut sei, eine Zeitlang die Ohren mit schönem Geräusch zu füllen und das Herz zu erleichtern, sie nahm Ulrikas Arm und wollte sie durch das Gebüsch auf den Weg ziehn, doch mußte sie sich noch einmal umdrehn, da sie Jason sagen hörte: »Was liegt denn da?«

Im hohen Grase lagen zusammen eine Schildpattspange Renates, eine Holunderdolde und zwei grüne Kastanien, ein seltsam armes Häuflein, wie Spielzeug von einem Kinde, das plötzlich fortgerufen wurde.

»Blumen, Früchte und eine Spange,« sagte Jason, sich bückend, nahm die Spange auf und gab sie Renate, indem er leicht bemerkte: »Das übrige Spielzeug kann da liegen bis nächstes Jahr; vielleicht findens dann andre Kinder und spielen damit.«

Jason wußte, schiens, wieder alles.

Kapelle

Sie saßen in der Kapelle an den beiden Flügeln, im rechten Winkel zu einander, so daß sie sich sehen konnten, und spielten ohne Noten einen der heiter und festlich stampfenden Tänze nach dem andern, zuweilen sich zulächelnd, so daß Renate heitrer gestimmt, wenn Ulrikas Gesicht leicht emporgedreht von ihr abgewandt war, durch die laute Musik wieder ihre leise, fast nur atmende Stimme hörte, mit der sie den reinen Gesang ihrer Liebe aus sich schöpfte.

»Bravo,« sagte Jason, als sie geendet hatten, »das hat mir sehr gefallen. Es ist doch sehr sonderbar und kaum zu begreifen, wenn man so vier Hände sieht, immer zwei ganz für sich, springend hin und her, greifend und tanzend, und dann diese ordentliche, sinnreiche Musik hört. Aber dieser Brahms ist nun weiß Gott und wahrhaftig wie schöne Kleider. Darin ist er Feuerbach wieder ähnlich, Feuerbach ist auch lauter schöne Kleider und kein Herz.«

Renate blickte sich um; Jason saß über ihr auf dem Drehstuhl vor der Orgel, hatte das rechte Schienbein quer vor sich auf den linken Oberschenkel gelegt, ganz hoch, und hielt es mit beiden Händen wie ein delikates Instrument.

»Kein Herz,« sagte sie, »Jason, das geht zu weit, -- aber --«

»Ach, ich habe mich wohl auch versprochen,« unterbrach er sie, »ich meinte irgendeinen andern Gegenstand mit H --, warte, wir werden das gleich haben, Halsband, Handwerk --« er zählte, innerlich suchend, weiter --, »Herrlichkeit, Hintertür, Hoheit, Humor! das wollen wir nehmen,« schloß er blinzelnd und zufrieden, »und nun, was wolltest du sagen?«

»Ja, nun weiß ichs nicht mehr,« lachte Renate. »Ulrika, vielleicht weißt du es.«

Ulrika, die Hände vor sich auf dem Tapet, sah aus, als ob sie eifrig nachsänne. Jason aber war aufgestanden. »Ja. -- Ja, gewiß,« meinte er zerstreut, vor sich hinsehend, »allein ...« Er ging die Stufen hinunter, hielt an, sah angestrengt mit gerunzelter Stirn gegen den Fußboden und ging plötzlich durch den Raum und hinaus.

»Was hatte er denn?« fragte Ulrika. Renate machte, ohne denken zu können, ein paar Griffe im Baß, formte einen Übergang, hörte gleich darauf Ulrika in der Mittellage einfallen, und dann waren sie, ab und zu einander mit Frage und Bejahung anblickend, im leichten, verfließenden Durcheinander der kunstlosen Verknüpfungen und Lösungen, die sie sich aufgaben und ausführten, bis wieder Jason zwischen ihnen stand und gewillt zu sprechen schien. Sie hörten auf, und er sagte zu Ulrika:

»Es wird doch besser sein, wenn du jetzt gehst. -- Ich habe Reinhold gebeten, vorzufahren,« sagte er leicht zu Renate hinüber, »möglicherweise ist es eilig. Aber du mußt dich nicht sorgen, Kind, ich kann mich auch irren«, endete er ermunternd, indem er die linke Hand auf Ulrikas Schulter legte, die still saß und gradeaus blickte. Sie stand nun wortlos auf, war aber sehr weiß im Gesicht, nickte Renate fremd lächelnd zu und ging mit Jason hinaus.

Renate sah sich an der niedern Brüstung des mittleren Fensters stehn, die alle drei weit offen waren. Nur Grün, nur Grün ... murmelte sie, hinausblickend. Oben hing ein Stückchen Himmelsblau herein wie eine Fahne, und Renate murmelte wieder, tief beklommen: Die letzte Fahne vom Fest ... Sie fröstelte mitten in der Wärme. Nun erinnerte sie sich des Onkels, -- ob er noch schlief --? Und sie sah ihn sich weinend zu Josefs Schulter bücken und sah Josefs schnelle und feste Bewegung und die gepreßten Lippen, als er den Kopf neigte und ihn küßte und wieder grade stand. -- Überflutend plötzlich wünschte sie inständig nach oben: Wäre doch der Tag schon zu Ende! -- Warum bin ich nicht mit Ulrika gefahren? fragte sie sich unwillig, wandte sich nach einem Geräusch hinter ihrem Rücken um und sah Jason wieder eintreten. »Du bist nicht mit ihr?« fragte sie enttäuscht.

Er antwortete nicht, und sie spürte etwas Erleichterung, weil er geblieben war. Jason ging zu Ulrikas Flügel, setzte sich davor, legte leise den Deckel nieder und drückte einmal fest und weich die Handflächen darauf. -- Muß ich denn jetzt überall etwas wittern? fragte Renate sich ängstlich und verdrossen, -- aber was dachte ich denn bei diesem Schließen von Ulrikas Klavier? -- Sie wollte sich Worte Ulrikas ins Gedächtnis zurückrufen, aus jenem schönen Augenblick, wo sie lag und sang, fand aber kein Wort mehr und sagte nur zu Jason: »Ulrika hat vorhin von der Liebe gesprochen, so wundersam ...«

Jason nickte ein-, zweimal langsam mit dem Kopf, indem bemerkte Renate, daß er nicht mehr den Kopf schüttelte, und rief hocherfreut: »Was ist mit deinem Kopf, Jason?«

Er faßte nach der Stirn. »Ist etwas?« fragte er unsicher.

»Das Schütteln, Jason, wo ist es?«

»Das Schütteln?« fragte er. »Ach, es ist fort? Siehst du, ich habe es gewußt und habe es gesagt,« fuhr er fröhlich fort, »die Zeit, prophezeite ich, wird es an sich nehmen, man muß nur zu warten verstehn und nicht immer denken, das, was gerade geschieht, ist das All- und Einzige, was überhaupt geschehen kann; es kommt vielmehr immer noch andres, immer noch andres, das ganze lange Leben hinunter, und mit dem Tode ist das wirklich auch nicht alles so sicher, wie die Lehrer sagen. -- So, hat sie von der Liebe gesprochen? Das ist schön. Es wird so viel Mißbrauch getrieben mit der Liebe.«

Renate, dankbar und beruhigt, ihn nur sprechen zu hören, glitt auf die Fensterbrüstung und fragte, da er schwieg: »Inwiefern, Jason?«

»Zum Beispiel sagen manche, Liebe müsse auch treu sein. Ja, wie kann sie denn? Muß sie denn nicht sein, wie sie will, hat sie nicht einen Anfang, mitten im Leben des Menschen, und muß also ihr Ende haben? Ist sie nicht eine sonderbare Gabe, die keiner kommen sieht, keiner sich verschaffen kann, mit keiner Münze und mit keiner Kunst, und da wollt ihr sie nun verhaften und binden? Wenn sie kommen darf, muß sie nicht auch gehen dürfen? Ist sie nicht mehr ein Gefühl? Da sprechen Andre zum Geliebten: Wir lieben uns Beide, aber ich liebe dich mehr, und du liebst mich zu wenig, und heute liebst du mich nicht wie gestern und die andern Tage vorher, aber du hast mir Versprechungen gemacht, und wenn ich dir nicht glauben kann, kann ich dich auch nicht mehr lieben. Dann sagen sie auch: Du hast mir Liebe geschworen, und nun liebst du an andrer Stelle, was soll das bedeuten? und mit alledem verändern sie ihre eigne Liebe, machen sie groß und klein, je nachdem, und indem sie drüben dies und jenes fordern, tun sie doch selber jenes und dies. Oder auch da heiraten sie und zeugen Kinder und meinen, damit drückten sie nun ihre Liebe aus. Sie schmieden Pläne und haben schöne Gedanken, sie streiten herum, weinen und versöhnen sich, sie verdienen Geld, kochen und backen, mieten Wohnungen und sitzen viele Tage über Tapeten und Kücheneinrichtungen, und all das halten sie für Gestalten ihrer Liebe, und nun, es ist da wohl etwas Richtiges, denn es ist göttliche Eigenschaft, alle Gestalt annehmen zu können, sie aber wollen den Gott verhaften und binden mit dieser Gestalt, verhaften und binden, und martern sich selber allein und wissen nicht, daß der Gott alsbald auch wieder die Gestalt verläßt und kehrt nach Hause und wohnt bei sich selber. So ist die Liebe ein Gefühl, wohnt allein im Gefühl und läßt ihrer nicht spotten. Ulrika hat wahrlich die wunderbare Demut erlernt, denn sie liebt nur, sie liebt. Lieben, solange der Odem reicht, nicht fragen nach Gegenstand und Erwiderung, nach Plage und Wonne, nur ganz und gar sich darbringen, unverlangt und ungelohnt, wer hat euch das gelehrt? Und dann, Renate, danach, so Gott will, wirst du nach deinem Ende in eine schöne Blume verwandelt werden, deren Anfang dein Ende ist, eine Sonnenblume vielleicht, aber auch die einfache Primel trägt ein deutliches Zeichen an ihrem gelben Kleid, daß sie die Sonne sieht und nichts sieht als die Sonne, jene uralte, der dein weißer, zarter Freund Ech-en-Aton Stadt und Tempel baute, die an demselben Tage, wo er starb, verlassen und gestürzt wurden, dieweil die Menschen gehorchen und vergessen, er aber von ihrem Wege wich und in die ewige Verwandlung einging. Komm, Renate, wir wollen in den Garten gehn.«

Lindenallee

Wie schön war es nun, im Garten umherzugehn! Zu ihrer völligen Beruhigung legte Renate die linke Hand auf des kleineren Jason linke Schulter, und so gingen sie schweigsam und friedfertig auf den kleinen, engen Wegen, an der Veranda vorüber und um den Rasenplatz. Dem Haus gegenüber, an dem ihre Augen hinaufglitten, blieb Renate vor einem überraschenden Bilde stehn. Im Schlafzimmerfenster des Onkels war, nicht hoch über der Fensterbank, sein hoher Kopf und weißer Bart zu sehn, wie sie ihn des öftern während dieses Sommers sitzen gesehn hatte, da er den Blick von oben auf den Garten zu lieben schien; jetzt blickte er zu Josef auf, der in der linken Fensterhälfte ein wenig zurückstand und rauchte und sprach, die rechte Hand gegen den Rahmen gestützt, und in dieser Haltung beugte er sich eben vor und ließ mit klopfendem Zeigefinger ein Stück Asche von seiner Zigarre tropfen, wobei er Renates gewahr wurde, nickte und winkte, und jetzt wandte auch der Onkel die stillen, dunklen Augen her, lächelte und nickte. -- Welch ein Frieden, ach, welche Erleichterung!

Schon im Weiterschreiten glaubte Renate im Fenster über den Beiden, dem des Erasmus, etwas zu gewahren, ging aber weiter, hörte Jason etwas sagen und sah währenddem aus dem unkenntlichen braun und grauen Haufen auf der Fensterbank, den sie bemerkt hatte, den Kopf und die eisenbekleideten Schultern des Erasmus werden, als ob er hinter der Fensterbrüstung kniete, eine sinnlose Vorstellung, da Erasmus in der Fabrik sein mußte. Es mochte ein Stück seiner Rüstung gewesen sein. -- Sie fragte Jason, was er gesagt habe, und hörte ihn wiederholen, indem er stehen bleibend sie zum Halten zwang:

»Ich fragte, ob du dich eigentlich über nichts wundertest, wenn du mich solche Sätze sagen hörst wie soeben.«

Seine gedämpften, leise fragenden, ganz wenig ironisch zusammengezogenen Augen unter sich, versetzte sie: »Nein, Jason, ich finde es immer so schön, daß ich zu keinem andern Gedanken komme.«

»Das,« sagte Jason, die Stirn senkend, »das ist es. Du triffst den Nagel auf den Kopf wie immer. So schön, daß ihr euch nicht das geringste dabei denkt, das tut ihr, ja, das tut ihr, oh welch unsagbar kümmerliche Einrichtung!« Mit unendlichem Bedauern den Kopf wiegend, wanderte er weiter, indem er sagte: »Ich weiß es alles und trage es in schönen Perioden vor, ich, der ich kein andres Leben mehr habe als eben dies, zu wissen und zu sagen, und die Andern leben es, und das heißt: sie leben es nicht. Sie wissen nichts, auch du, wenn du in irgendeiner solchen Lage bist, auf die meine Sprüchlein passen, erinnerst du dich dann vielleicht des langmütigen Jason und seiner blühenden Erkenntnisse? Nein, denn dann seid ihr alle höchlich kurzmütig, dann ist da nur die fassungslose Geschwindigkeit, nur die Lage ist eben da, blindlings muß gehandelt werden, keiner besinnt sich, keiner befolgt andern Ratschluß als das brennende Verlangen seines gepeinigten Herzens, -- ja, könntet ihr wohl an einem meiner Sätze gehn wie an einem sichern Geländer, könntet ihr darauf reiten oder fahren, wenn eure Füße müde geworden sind? Hundert und tausend Menschen kenne ich wohl, denen ich und meine Reden immer willkommen sind, aber würde vielleicht ein einziger dadurch klug? -- Man hört, sagt ja, spricht von andern Dingen und vergißt, und dieses nennt man das tägliche Leben.«

»Es ist deine Schuld, Jason,« sagte Renate mit leichter Wehmut, stehen bleibend vor den ersten Sonnenblumen an der Rückwand der Kapelle und undeutlich dies und jenes bedenkend, woran die zu stolzer Neigung erhobenen kleinen und strengen Antlitze sie erinnerten. -- »Es ist deine Schuld, denn du sagst es zu schön. Du sagst es, wie soll ichs nennen, sanft einschläfernd. Du bist zu gut, Jason.«

»Und wäre ich böse, Schwester Sonnenblume, wer denn, glaubst du, wollte mich hören?«