Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 9

Chapter 93,767 wordsPublic domain

Fremd allen Andern, hatte ich Deine Augen immer lieb. Nun, indem ich fortzugehen bereit bin, sehe ich, daß niemand da ist, von dem zu scheiden wäre, also auch niemand, den der Grund meines Fortgangs etwas anginge, zumal ihn nennen, das teuer gehütete Geheimnis meines Daseins preisgeben hieße. Da sehe ich Deine Augen vor mir in jener Sekunde, wo man Dir mein Fortgehen berichtet, und mir scheint, daß sie verstehen möchten -- und nicht so wie die Andern. So reiche ich Beides -- Grund und Geheimnis -- Dir, schon abgewandt, ohne mehr wissen zu wollen, ob Du trauern wirst oder richten.

In beiden Fällen: Beklage mich nicht. Es ist gut so.

Aber ich erhoffe ein wenig Trauer.

Tastozzi.«

Georg, nichts begreifend, bemerkte jetzt ein kleines Zeichen, einen schrägen Strich zwischen zwei Punkten in der rechten Ecke unten, das >wenden< zu bedeuten schien, und drehte scheu die Karte herum.

»Es geschah aus Liebe zu einem Knaben«, las er.

Er zuckte leise zusammen. Langsam erschienen hinter dem Licht die Köpfe der Sitzendem von denen keiner ihn ansah. Schwalbe blickte nach oben; die Andern sahen vor sich hin. Viele Sekunden lang blicklos dies vor Augen, merkte Georg, daß er etwas in sich niederkämpfte, merkte, daß es -- Widerwille war, und drückte es entschlossen hinunter. Sich aufrichtend, sagte er leise:

»Ja. Es steht hier. Er wünscht aber, daß ich es für mich behalte.«

»So.« Ellerau streifte mit einem Blick über Georg hin; die Andern lösten ihre Haltung und bewegten sich. Keiner sah Georg an.

Da spürte er im Augenblick klar, daß er und der Tote für diese zusammengehören. Keine Feindschaft -- doch auch nicht Freundschaft. Sie hatten ihn -- außer vielleicht Schwalbe -- nie begriffen. Wie war er zu ihnen geraten?

In einem leichten Hochmutsgefühl neigte er den Kopf und ging stumm hinaus.

Die Haustür öffnend empfand er jählings eine so übermächtige Sehnsucht nach Renate, daß er sich geblendet fühlte und blindlings die Richtung nach ihr einschlug, bis er Schritte beharrlich neben sich bleiben merkte und seitwärts blickend Schwalbe erkannte, der lächelte und sagte: »Ich komme mit dir, wenn du erlaubst.«

»Du weißt, weshalb er starb?«

»Ich weiß es nicht,« sagte Schwalbe, »aber -- ich ahnte es immer.«

War es zu ahnen? fragte Georg sich. War ich so arglos?

»Und was denkst du davon?«

»Was soll ich davon denken?« fragte Schwalbe frisch und fest. »Wenn sie Jugendliche verführen, sind sie Verbrecher, und wenn sie das nicht tun, sind sie zu beklagen. Und ich weiß nicht, ob man sie beklagen -- kann. Es sind Menschen mit einem andern Weltbild. Ihre Leiden und ihre Freuden -- abgesehn von der Verbanntheit -- sind keine andern als die unsern.« Das klang sehr klar und schön in der singenden Mundart.

Eine Weile, rasch vorwärtsgehend durch die sommerwarmen, dunstigen Straßen im Licht der Bogenlampen, dann der Laternen in kleineren Gassen, blieben sie still, bis Georg sich Hardenbergs erinnerte und halblaut sagte: »Auch Hardenberg ...«

»Hardenberg war homosexuell«, versetzte Schwalbe hurtig.

»Man sollte«, fing Georg bald darauf wieder an, »eine Stadt für sie gründen, wo sie leben könnten und zufrieden sein ...«

»Ja! Das sollte man tun. Das erinnert mich daran, daß ich Hardenberg einmal über das Mönchtum sprechen hörte -- du kennst ja seine Weise --, und zwar kam er bald auf den Trappistenorden, der, wie er sagte, der einzig mögliche sei. Und dann schilderte er uns das Schweigen dort. Er machte es wunderbar. Er zog gleichsam mit vollen Händen das Schweigen aus den Dingen dort, aus den Mauern, den Zellen, aus jedem Gerät, aus Gießkanne und Gebetpult, aus Spaten und Egge, aus den Blumen im Garten, den Bäumen. Wir waren ganz eingehüllt in das Schweigen, obwohl er selber unausgesetzt sprach. Und ich muß sagen, ich war ganz erschrocken, als er -- nach seinem wunderschönen -- Gesang auf dies Schweigen -- plötzlich von den Vögeln sprach, die auch stumm geworden waren und nicht mehr sangen im Klostergarten.«

Ergriffen sagte Georg leise: »Wie schön!« -- und blieb stehn.

Sie waren auf der kleinen Brücke zwischen alten Häusern, die zur Insel hinüber führte. Rechts unten strömte der schnelle, dunkle Fluß zwischen alten Mauern, am Ufer drüben blinkten Lichter aus winzigen Fenstern, aus dem Grün und Blumenrot der Dachgärten, deren Silberkugeln und weiße Geländer in der Dämmerung schimmerten. -- Still sahen sie eine Weile dorthin, dann legte Georg die Arme auf die Brüstung, und in der dunklen Wasserfläche unten erschien ihm das Gesicht des Toten mit jenem besorgten Ausdruck, den es bei Georgs letzter Mensur gehabt hatte.

Ach, wußte er nun, was hat denn auch er andres getan und gewollt als -- Lieben. Seine Natur schrieb ihm diese furchtbare, angstvolle Stille vor, aus der er niemals heraustrat, er, der mit keinem sprach, bevor er gefragt oder angeredet wäre. Sich um Andre bemühn, dienen, gütig sein, war sein Wunsch, und da fand er denn dies heraus ... Georg mußte sprechen; er sagte, Schwalbe auf dem Geländer lehnen sehend wie er selber, breitbrüstig und ruhig:

»Es war doch schön, wie er um uns Alle besorgt war beim Fechten. Bist du je von ihm anbandagiert worden? Erinnerst du dich, wie er die Brille zuzog? Diese Sanftheit des Ziehens, bis mit einem kleinen Ruck die Brille saß, wie sie nicht besser sitzen konnte?«

»Jawohl. Wie du das sagst, scheint mir, es war doch etwas Hellenisches um ihn. Nicht nur, daß er einen wundervollen Körper hatte --«

»Ja, hast du ihn gesehn? Ich kam zufällig einmal dazu, wie er sich eben ausgezogen hatte zur Mensur und dastand, ganz grade, das Mensurhemd in erhobenen Armen überm Kopf, wie ein gelber Marmor.«

»Hellenisch war, scheint mir, vor allem seine Art, uns zum Kampfe zu rüsten. Der Kampf war ihm mehr als uns, war ihm eine schöne Sache, und einmal -- ja einmal habe ich ihn richtig reden gehört. Da sprach er ein paar Worte über italienisches Fechten, das so viel beweglicher sei als unser stumpfes Dreinhaun und den ganzen Körper erziehe und durchbilde ...«

Man sollte nackt fechten ... Tastozzis leise Worte, irgendwann gehört, zogen durch Georgs Erinnerung.

Sie schwiegen und sahn auf das endlose dunkle Fließen unter ihren Füßen. Georg dachte:

Aber warum hellenisch? Er wollte im Grunde doch nur dienen. Oh der arme stumme Trappist mußte eine Leidenschaft haben, mit Handlung, mit der sorgsamen Dienstleistung auszudrücken, was ihn beseelte. Aber ... Nun, auch wenn es ein körperlicher Reiz und ein sinnliches Verlangen war, zu den Gliedern der jungen, geschmeidigen Menschen eine Begierde: die Begierde war es doch nicht, die seinen schönen stummen Händen diese Sanftheit gab, diese Behutsamkeit, diese Freude am verständnisvollen Behandeln; die kam aus seiner ganzen Natur, von der das andre nur ein kleiner Teil war, und so fand er denn in seinem Leben diese vorsichtige kleine Stelle, wo er ein wenig geben konnte und -- ein wenig nehmen ...

Schwalbe richtete sich auf.

»Ich muß leider nach Hause«, sagte er. »Es war schön hier, mit dir zu stehn und an Tozzi zu denken.« Er streckte seine breite Hand aus. »Auf Wiedersehn am Grabe, Georg. Übermorgen ist die Beerdigung. Gute Nacht.«

Georg, der noch gern ein Wort gefunden hätte auf das zugetane »es war schön hier, mit dir ...« fand nichts als stummes Zunicken und Lächeln beim Händedruck, mit dem sie sich trennten. Gleich darauf befand er sich außerhalb der Stadt, mitten in den dunklen Wiesen.

Auf Wiedersehn am Grabe ... klang es ihm da im Ohr. Merkwürdig, sagte man so? Das habe ich noch nie gehört, -- und es ist ja auch der erste Tote, den ich kenne. Auf Wiedersehn im Grabe ... das klang fast genau so. Armer Tozzi! -- Sonderbar, da war er uns Allen ganz fremd, und doch nannten wir ihn mit der liebevollen kleinen Abkürzung. So muß doch bei allem Abgekehrtsein von ihm in jedem geheim ein kleines Gefühl für ihn gehaust haben, das sich, für Alle unhörbar, ganz laut mit diesem Namen nannte ...

Hineilend auf dem vor ihm dämmernden, hellen Streifen des Fußpfades am Ufer über dem hastig mitkommenden, glucksend sich manchmal überstürzenden Fluß, sah Georg jetzt wieder Renates einzig schöne Gestalt in der Ferne, und heiß schwoll ihm die Brust. Nie noch fühlt ich solche Sehnsucht nach ihr, dachte er, ja ist nicht dies das allerseltsamste, daß sie mich betäubt, wenn ich vor ihr stehe, und daß ich sie -- vergessen hatte, wenn ich allein war? Überseltsames Wesen, Renate! -- Er lief und lief. Fast feurig aus den dunklen Gründen der Wiesen strömte erdiger und grasiger Geruch und der Nachdampf von Regen. Jenseits des Flusses fern zackten Schattenrisse von Türmen sich über schwarzem Gewipfel in das glühende Nachtrot des Städtehimmels. -- Seliger sich fühlend, befreiter, zuversichtlicher erklomm Georg den Hügel der Bismarcksäule, überschritt langsam die Plattform, faßte mit schweifendem Blick die schwarze Gegend in sich, ein Erglänzen in der hochgewölbten Fläche des Stroms, eine lose Schar Sterne, leis blinkend im Finstern, und stürzte sich mit einem schweren, beklommenen Lustgefühl die Böschung hinunter in die Wiesen.

Weißlich leuchteten von drüben die Grabhäuser zwischen den Lebensbäumen. Jetzt dämmerte ein Lichtschein darüber, seltsam unwirklich und groß. Langsam erschien eine fleckige Scheibe, der Mond, rot wie neues Kupfer im grauen Himmel; eine schwarze Spitze reckte sich vor ihm, die er bald mühelos überklomm. Georg stand und hatte das Gefühl, als ob er nicht weitergehen könne, ehe es Tag wurde. Schon hing der Mond dort, mächtig groß, voll und nun bernsteingelb, rauchig; schieferblau der Himmel, -- und Georg ging langsam weiter im Finstern, vorsichtig die sumpfigen Stellen umgehend, und das einzige Geräusch weit und breit war das Rascheln der Halme und Blumen, die um seine Füße schlugen. Da bewegte sich ein Schatten links vor ihm, ein weißer Fleck erschien im Dunkel, -- ah, das waren die alten Omnibuspferde, die hier einen Sommer lang Erholung genießen durften. Er kam ihnen näher, er kannte sie ja, da stand das schwarze ganz nah als ein dickes Schattenpferd, er hörte, wie es emsig Gras abrupfte, hörte es schnurpsen; und da war auch der Schecke mit den großen weißen und dunklen Placken; der stand still, schnoberte und trabte heran; er liebte die Menschen. Georg tastete mit der Hand zwischen den Drähten der Einfriedigung hindurch und empfand mit freundlichem Schauer das gewaltig Lebendige, die weiche, samtige Tierschnauze, die aus der Nacht kam und sich befühlen ließ, empfand das sonderbare Geström der Fremdheit aus diesem großen, stummen Wesen, das mit Fell bekleidet war und ein großes, weiches Maul hatte. -- Armer Tozzi! murmelte er leise. -- Still stand das alte Pferd und atmete tief und laut.

Im Weitergehen war es Georg, als schluchzte etwas in der Dunkelheit. War ihm selber danach zumute? -- Auf einmal hörte er eine Melodie, ein paar lange, süß hinzitternde Noten, eine Stimme, Worte dazu, aber all das war in ihm selbst, die Nacht umher totenstill, doch erkannte er jene schöne Kirchenarie von Stradella, die ihm Magda vorgespielt hatte, weil sie sie singen wollte, und er hatte ihr auf ihre Bitte einen deutschen Text dazugeschrieben, der sich in der Kirche singen ließ. Jetzt hörte er die Worte deutlich, hörte die kleinen Tonreihen, die langen Pausen dazwischen, hörte, niederschwebend von den Sternen, die sanfte, melodische Frage:

Wer weint in Finsternis?

Und wieder, nach einer Pause:

Wer schluchzt im Dunkel?

Begütigend nun eine milde Stimme:

O du, sei still!

Chorstimmen, begütigend, hallten daher:

Siehe doch funkeln Sternenschein gewiß! Siehe doch funkeln Sternenschein gewiß!

Holder, gesteigerter, entzückter schwoll die Melodie:

Lasse das Weinen, Gott hilft den Seinen, Gott, der die Gepeinigten Aufrichten will ...

Jetzt? Im helleren Mondlicht deutlich sichtbar stand ein neuer Schatten ferne auf Georgs Weg; ein menschlicher wars. Mystische Schauder schweiften im Dunkel. Es konnte der Tod sein, der dort stand, zwischen ihm und dem Friedhof, einen schwarzen Arm gegen die goldene Mondscheibe emporstreckend. Hoch oben im Nachtwind verhallten die zarteren Stimmen ...

Georg schritt weiter, behutsam, beklommen; gleichzeitig glitt der Schatten vor ihm davon; war es eine Frau? trug er antikes Gewand? -- Nun verschwand er vom Weg, und als Georg die Stelle erreichte, wo er abgebogen sein mußte, wars dort, wo auch Georg abzubiegen hatte, wenn er zum Montfortschen Hause gelangen wollte. -- Wie still es war! Wer ging dort und führte ihn ungerufen? Da war schon das Gittertor, da der Graben. Der Schatten, unhörbar, glitt zwischen den, von weitem verschlossen scheinenden Stäben hindurch, erschien an etwas höher gelegener Stelle im vollen Licht; es war Renate.

Renates Haltung war es, obgleich sonst nichts an der Schattenfigur Renate zu erkennen gab. Georg folgte ihr leise von fern, süßliche Angst im Herzen, andächtig, sie nicht zu stören, zitternd, voll Melodien. Er sah sie die schräge Ebene emporgleiten, unter den Bäumen schwinden, wo Finsternis stand, eine Uhr schlug nicht fern zweimal hell und zuversichtlich. Er hörte die Gartentür zufallen, trat leise hin und sah Renates Schattenriß im Lichtschein zur Rechten, der die offene Kapellentür ausfüllte. Es trieb ihn näher, er versuchte, lautlos durch das Pförtchen zu kommen, es gelang, er schlich unterm Buschwerk über den Rasen bis zur Tür, trat rechts neben die Stufen und hatte den Raum vor sich, der von einer unsichtbaren Lichtquelle erleuchtet war. Renate stand mitten darin; sie trug eine lose grüne Tunika mit kurzen Ärmeln, die bis in die Nähe der Knie hinabreichte; die Farbe des am Boden schleppenden Untergewandes war nicht zu erkennen, aber das Grün leuchtete an ihrer Brust, wie sie sich jetzt zur Seite drehte, ihm halb den Rücken wendend, auch der weiße Nacken, -- und nun erschien sie Georg draußen im nächtlichen Wiesenland, hinter ihr der Mond, -- er ging auf dem Grassteig auf sie zu, an ihr vorüber, sah ihr weißes Gesicht und die Augen ohne Blick wie eines sinnenden Gottes, und das fremde Gewand. -- Wo kommt sie her? wie kommt sie zu uns? in dies Land? dachte er. Sie ist ja fremd hierzuland.

Georg sah, daß sie mit leicht geneigter Stirn zu jemand sprach, den er nicht gewahren konnte; das mußte wohl Bogner sein. Georg gab es einen Stich, er wollte davon, blieb aber und sah hin. Ach, ihr gesenkter Scheitel, der gewellte Bogen von der Stirn zum Ohr, ähnlich, doch nicht ganz so tief wie bei Esther, und dies seltsame lichte Braun des Haars ...

Sie sprach: »Noch nicht fertig, Bogner?« »Morgen früh«, hörte Georg die Stimme des unsichtbaren Malers. »Will es nicht gehn?« Sie sprach ruhig, mit verdunkelter Stimme. Die Antwort des Malers blieb unverständlich; nach einer Weile kam wieder Renates Stimme: »Sie sollten schlafen.« Wie schön verhallte das im leeren Raum!

Nun wars still. Renate stieg auf das Podium, setzte das Windwerk in Gang, öffnete das Manual und spielte bei geschlossenen Registern ganz leise den Choral: >Nun ruhen alle Wälder< mehrere Male.

Schweigen. Georg, im Dunkel an die Mauer gepreßt, durch die Zweige über ihm emporblickend, sah einen und zwei kleine Sterne, zitternd im Ewigen. Er vernahm das sanfte, melodische Brausen in der Nachtstille und wünschte, nur Herz zu sein, in diesem beweglichen Rauschen ruhend, atmend darin, wie der still im ziehenden Gewässer schwebende Fisch ... Er zuckte leise; seitwärts in der Tür über ihm stand jemand, Renate; sie stieg nieder, verschwand im Gebüsch und kam nicht wieder zum Vorschein; nach langer Zeit hörte er unendlich leise das Geräusch ihrer Füße auf dem Steinboden der Veranda. Sie war im Haus. Georg trat auf die Stufen und ging in die Kapelle.

Bogner nickte bloß, als er ihn begrüßte. Nein, der wunderte sich ja wohl über nichts. Er saß da in der Nähe der Orgelempore, hatte die Fäuste auf den Oberschenkeln und sah nach oben gegen sein Gemaltes. Da er nicht rauchte, steckte Georg ihm eine Zigarette zwischen die Finger, zündete sie ihm an und rauchte selbst eine. So, die Hände in den Hosentaschen, ging er hin und her, die fertigen Gemälde betrachtend, drei an der Zahl, zwischen den Fenstern gegenüber dem Eingang. Es war wohl geplant, daß die Wand oben zwischen den gotischen Spitzbögen über den drei Meter breiten und zwischen fünf und sechs Meter hohen Gemälden mit ihrem Himmel bemalt werden sollte bis zum Beginn der Wölbung, denn die Bemalung endete oben nicht rechteckig, sondern zerfloß in dünnes Gewölk und Grau, ähnlich dem Stein. Georg stand vor dem äußersten Engel.

Engel? freilich nur, weil er faltiges Gewand trug und ein Instrument in Händen. Georg trat zurück und betrachtete sie alle drei. Oh, sie waren groß! Obgleich sie alle in der Ferne sich durch ihre Landschaft bewegten, erschienen sie riesenhaft und übermenschlich; die Haltung ihres Schreitens war in Formen von Eisen gepreßt, die Luft mußte scharf und bitter schmecken, mit solcher Schnelle wurde sie von diesem riesigen Pilger durchschnitten. Es war keine Beleuchtung da, Licht lag in der Luft. Ja, da schritt er, der engelhafte Bote, in grauviolettem, wehendem Gewand, heroisch von Zügen, eine kleine Harfe in ausgestreckten Händen, vor einem kleinen dunkelgrünen Föhrenwald mit grauen Stämmen; gelbe und schwarze Haidelandschaft ringsum, aber unendliche Stille herrschte; nur der Engel ging, ausgreifend vollen Vorderfußes wie ein Löwe, emporfedernd den Hacken des andern. Oh, siehe daneben den andern in Mattrot, wandelnd mit der Gitarre um einen kleinen grauen Teich unter einigen Zedern! Und hier, der Schwefelgelbe blies die gegen Himmel gerichtete lange Lure auf violettem Haidehügel mit kleinen Wacholderstauden, schwarzgrün. Georg wanderte vom einen zum andern; sie blieben, um sie herum schien sich die Landschaft zu wandeln im Vorbeifliehn, es wehte von ihren Kleidern, sie bewegten sich und holten aus, sie fegten dahin, -- nein, aber dies war nur der eine, der Violettgraue mit der Harfe, der so hinjagte über die runde Welt; um die andern wars still, sie standen.

Georg wandte sich und trat hinter den Maler. Da saß er in seinem buntgescheckten Kittel unter der tief hängenden, eigens für ihn angebrachten Osramlampe, die scharf strahlte, umgeben von Töpfen und Pinseln. -- Ah, das war unglaublich! Dolomitisches Geklüft, rosengrau, Felswände, Terrassen, übereinander gesteigert, immer ferner, immer tiefer, bis sie ganz ferne mit wagrechtem Kamm gegen den mattblauen Himmel abschlossen, und dort, hoch oben, weit fern, saß der weiße Engel, so groß und deutlich, daß er noch überm ungeheuerlichen Geklüfte ein Riese schien, aber er war doch schmaler, doch zarter als die andern; es war eine Frau, sie hatte kein Instrument, sie lauschte und zeigte die zarten Züge und das dunkelrote Haar der Ulrika Tregiorni.

Georg blickte näher hin, ob sie es wirklich sei, -- nun, die Ähnlichkeit war schwach und bestand hauptsächlich im Haar, aber er bemerkte bei dieser Gelegenheit nun, welch eine simple Malerei dies war, -- aber welche Kunst! Was mußte das gekostet haben, bis die Sparsamkeit dieser zarten Kontraste, dieser Flächen, dieser Linien herausgepreßt war aus der Zahllosigkeit der Möglichkeiten. Was aber diesen Engel anging -- er war kaum zwei Schuh groß und hielt das Kinn in der Hand des aufgestützten linken Arms --, so hatte er keinen rechten Arm, und dieses schien es zu sein, worüber Bogner sich den Kopf zerbrach, denn da standen auf der Erde unterschiedliche Arme um ihn herum, die Hand nach unten, als sollte der Engel seinen rechten Arm ein wenig hinter sich aufstützen.

Bogner sah auf zu ihm, hatte rote Flecken im grauen Gesicht und schien verwirrt.

»Ganz schön, nicht?« sagte er. -- Georg legte ihm eine Hand auf jede Schulter und sagte feierlich: »Bogner, Sie sind ein edler Mensch.«

Bogner ergriff einen der Kartons mit der Kohlezeichnung eines nackten Frauenarms, Ulrikas Arm, wie es schien, nicht sonderlich schön, aber durcharbeitet, durchseelt; auch eine Hand, locker ausgestreckt, war noch auf dem Karton. Ja, das war diese seltsame Klavierhand, hager und mit unzähligen Runzeln auf den Fingergelenken in der locker gewordenen Haut. Da fiel Georg Renate ein, und es kam ihm, Bogner geradeswegs zu fragen: »Warum lieben Sie nicht Renate Montfort?«

»Ach, ich!« wehrte der Maler unbetroffen ab, wandte sich aber nach einer Weile ein wenig um und fragte, ob Georg glaube, daß sie ihn lieben könne. --

»Lieber Gott, Bogner,« sagte Georg, »danach sollte der Mensch doch zuletzt fragen! Ich glaube, Maler, Sie sind ein Individuum gänzlich ohne Leidenschaft.«

»Muß denn bloß so heißen, was sich sexualiter äußert, Prinz?« fragte Bogner, stand auf, setzte seine Kohlezeichnung an die Erde, reckte sich und fing an, hin und her zu gehn.

»Übrigens«, sagte er, »könnte ich auch wie der Tobias -- wie heißt er, in der Komödie?«

»Bleichenwang?«

»Ja, wie der Tobias Bleichenwang sagen: Mich hat auch mal eine lieb gehabt. Zärtlichkeit ist wunderschön, ja, das weiß man ja schließlich, ja, man entbehrt sie sogar manchmal, -- nun, das kann ja alles noch kommen. Warum fragen Sie überhaupt immer so aufdringlich?«

Georg lachte: »Sie brauchen ja nicht zu antworten! Setzen Sie übrigens Zärtlichkeit mit Liebe gleich?«

»Das nicht«, meinte der Maler.

»Zärtlichkeit, Wollust und Liebe, das sind die drei unterschiedlichen Liebesempfindungen,« sagte Georg, »nur wo alle drei vorhanden sind, ist das Gefühl vollkommen.«

Ob er das meinte, fragte Bogner. Ja, also Liebe ... Nach einer Weile, vor dem posaunenden Engel stehend, fuhr er fort, daß er auch die Liebe ganz gut zu kennen glaube; er habe sich darin versucht gewissermaßen und sie immer verschieden gefunden, auch sehr angenehm, besonders im Anfang: März. Aber es sei ihm zuletzt doch immer nur vorgekommen wie ein Absud von männlichem und weiblichem Geschlecht, im Tiegel so lange gemischt und geschüttelt, bis er einfach erschien; in Ruhe gelassen sonderte sich beides alsbald, männliches sank, weibliches schwamm oben, es habe wohl irgendein wirklich bindendes Element gefehlt. Er sprach undeutlich, da er abgewandt stand. Georg sagte, eben das wäre es, darauf käme es an, das Element sei zu finden, sei zu suchen.

Suchen? meinte der Maler. Wer denn dazu Zeit habe? Auch sei's wohl klar, daß, wenn es dies Element wirklich gäbe, es einzig sei, wirkbar nur bei einzigartigen Menschen, immer zwei auf zwanzigtausend.

»Ja, ja!« rief Georg entzündet, »Sie bringen mich auf einen Gedanken! Zum Beispiel Romeo und Julia. Was sind die Beiden? Ein liebender Geliebter, eine liebende Geliebte; sonst nichts. Womit beschäftigten sie sich? Mit ihrer Liebe. Hatte Romeo einen Beruf? Kümmerte ihn die Geschlechterfehde? Er und sie hatten nicht Eltern, nicht Geschlecht, nicht Volk, nicht Stadt noch Heimat; alles dieses war belanglos wie Tisch, Bett und Gartenbank, von denen nichts vorhanden war, solange nicht ihre Gemeinsamkeit ihrer bedurfte. Nichts gab es außer ihnen als die Freunde, die ihrer Liebe beistanden, und den Tod, der das Gift in Adeptengestalt verkaufte. Aufgelöst waren sie in jenes Element, in dem sich alles mischen mußte zu einer einzigen Riesenempfindung. Ja --« setzte er zögernd hinzu, denn Tozzis Gesicht erschien ihm: »vielleicht ist es also -- der Tod?«

Der Maler war von ihm fortgegangen und stand bei der Tür, einen ausgestreckten Arm gegen den Rahmen gestemmt, in den Raum hereinblickend zu seinen Engeln.

»Wirklich,« fuhr Georg fort, »die allgemeine Liebe empfindet und wünscht nichts als gesteigerte Freude, gesteigertes Dasein; jene Beiden aber fühlten die letzte, höchste Steigerung, überlebensgroß, in den Tod, unbewußt schon in der ersten Umschlingung, und so erreichten sie die Dauer.«

»Im Tod?« fragte der Maler von fern. »Nein, das ist vorläufig noch nichts für mich.«

Ja, wo aber die Leidenschaft bleibe? hielt Georg hartnäckig fest. Bogner streckte die Hand aus und deutete auf seine Engel, einen und den andern, den posaunenden, den wandelnden mit der Gitarre, den reisigen mit der Harfe. Georg senkte niedergeschlagen den Kopf.