Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 8
Esther, ist das Lieblichste von der Welt, gleicht aufs Haar einer kleinen Chinesin, wird von allen liebgehabt und kann sonst auch gar nichts, obwohl sie sehr klug ist. Da sie aber etwas tun muß, so haben wir einen Fond gegründet für Handarbeiten, denn darauf versteht sie sich. Was kann das Mädchen himmlische Sachen sticken! Wie ich gestern in Dein Zimmer komme, sitzt sie da mutterseelallein über einem großen Stück schwarzer Seide und näht an einer handtellergroßen Scheibe in der Mitte aus kleinen Rosen, von kunstvoll zusammengefalteten, lichten Seidenläppchen; in handbreiter Entfernung soll ein dichter Doppelkranz von gleichen Rosen herum, und das Ganze bekommt eine altgoldene Spitzenborte, die ich hergeben werde. Leider ist sie ganz arm. Also hat sich der wohlhabende Teil unserer Gesellschaft zusammengetan und einen schönen Fond gegründet zum Einkauf von unermeßlichen Seidenstoffen, Kanevas, Wolle, Seidenfäden und so weiter, und die gute Esther wird die ganze Gesellschaft mit Kissen und Morgengewändern, Fenstervorhängen und Tischdecken versorgen. Außerdem ists unendlich behaglich, wenn einer vorliest und jemand dabei sitzt und stickt. Jason kann ihr Geschichten erzählen, wenn sie allein ist.
Prinz Georg wäre dann der letzte zu erwähnende, und Du kennst ihn. Nicht wahr: immer freundlich, gutherzig, ehrlich, immer gern literarisch -- oder muß es in diesem Fall literatisch heißen? -- und im übrigen so wie der Vers, den ich auf ihn gemacht habe. (Kommt später!) Allzuhäufig sieht man ihn nicht, denn er ist in einen >Geheimbund<, wie er das nennt, eingetreten, wo er >sich in den Sitten wilder Völkerschaften übt<.
Ein Name -- sagte Josef einmal -- ist was der Henkel am Topf; also nennen wir uns die Friedliebende Gesellschaft. Wir kommen und gehen in diesem Hause, wie es uns beliebt, und unser einziges Statut ist, uns nur einmal am Tage zu begrüßen.
Ich -- ja was kann ich zurzeit andres tun, als gute Menschen zu versammeln und zu denken, daß sie sich nichts zuleide tun und, solange sie beisammen sind, sich des Lebens freun. Sie haben ein jeder ihre Arbeit, draußen; also werden sie auch alle ihre Leidenschaften und ihre Leiden, ihre Feindschaften, ihre Seufzer und ihre Plagen haben, so wie ich die meinen, aber sobald sie hier sind, das weiß ich, herrscht Wohlsein, und unsere Gemeinsamkeit ergeht sich auf dem Boden guter Arbeit erholenderweise, wie der Bauerntanz auf der Tenne. Dazu ist Sommer, alles blüht, die Farbe herrscht, in der Natur und an den leichten Kleidern von uns Frauen. Nach der Hitze des Tages leben sie Alle bei Dunkelwerden vollends auf, wandern umher, hören von fern irgendeine Musik, gehen über die Wiesen hinaus, an den Fluß, singen unter den Sternen und hinüber zu den Lebensbäumen des Friedhofs; wir leben gegenwärtig, gedankenleicht, unbedacht, geschwisterlich. Kommt die Nacht, steht Schlaf bevor, sind wir jeder wieder allein. Dann herrscht das Unsrige, -- das Eigentliche wohl. Mag es.
Und so ist es schön. Wer ins Haus kommt, der weiß als Gewissestes den Maler in der Kapelle; der findet Esther, von buntem Zeug umgeben, im gotischen Fenster, findet Jason im Hintergrund, findet Georg, eine Seidensträhne durch die Finger ziehend neben Esther, findet Benno am Klavier phantasierend, findet Irene, Arme voll Blumen zusammentragend, die sie ihrem arbeitsamen Mann heimschleppt, damit er auch was hat, findet Magda unter den sechs Linden, unserer >kleinen Allee< hinter der Kapelle hin- und herschlendernd, als ob sie innen sänge, der armen Frau Marie Grubbe gleich, als sie noch ein Mädchen war und sehnsüchtiger als mein Kind Magda, und findet uns schließlich Alle beisammen in der Kapelle unterm Gewölk von Klängen voller Sterne, Blumen, Blitze und Engelsgesichter.«
Renate merkte, daß es so dunkel geworden war, daß sie ihre eigenen Schriftzüge kaum noch erkennen konnte. Sie streckte die Hand nach der Lampe, die Glühbirne im kleinen gelben Schirm flammte auf, sie blickte einen Augenblick geblendet nach oben, erkannte das weiße Gesicht Ech-en-Atons über ihr, lächelte und schrieb weiter.
»Zum Beschluß eine kleine Szene von der heutigen Geburtstagsfeier. Zu diesem Zweck wurde Renate in ihrem allergrößten, dem glühroten Kleide mit blauem Moireemuster, das Du kennst, nebst der grünen Halskette von Dir, vor der Orgel aufgestellt, und die ganze Gesellschaft kam im langen Zuge zur Kapellentür herein, indem sie nach der Melodie: >Mariechen sitzt auf einem Stein, einem Stein, einem Stein< den schönen Choral sangen: >Renate hat Geburtstag heut, -burtstag heut, -burtstag heut!< Als sie, Georg als der Durchlauchtigste voran, am Podium angelangt waren, setzte Benno sich an die Orgel und spielte ganz leise den Jungfernkranz in Fis-Moll, während Einer nach dem Anderen das Podium bestieg und seine Gabe überreichte. Herrliche Dinge gab es da. Georg schleppte eine große, chinesische Göttin der Barmherzigkeit aus mattgetöntem Porzellan, die wie eine Muttergottes aussieht und lieblich lächelnd segnet. Hinter ihm kam Irene mit einem halben Dutzend langhängender Seidenstrümpfe in allen Farben an jeder Hand. Ulrika trug einen Stoß Noten auf dem Kopf wie ein Negersklave. Sigurd hatte alles und Alle photographiert, Menschen, Haus und Garten, und trugs in einem schönen Album unter dem Arm herbei. Magda hatte Spitzen geklöppelt, dünn wie Spinnweb, der Himmel mag wissen, wo sie die Zeit hernahm, die immer nur für Andere da ist! Saint-Georges brachte eine ererbte Kostbarkeit herbei, einen grünen Porzellanmops, den ich schon immer hatte haben wollen, und Esther kam, in ausgebreiteten Händen einen grauen Florschal, den sie mit silbernen Vögeln bestickt hatte, ein Wunderwerk der Kunst. Zuletzt kam Bogner und hatte Stiefel gekauft. Das war zum Totlachen! Das heißt, Stiefel nannte es Irene, die vor Gelächter sterben wollte, aber es waren ganz schlichte, kleine, gelbe Schuhe, und der Maler versicherte, er hätte tagelang nachgedacht, bis ihm beim Anblick der Schuhe in einem Schaufenster die Erleuchtung gekommen sei, und er hatte es gut gemacht, denn als Renate ihren linken Schuh abstreifte, saß der neue wie angegossen. Bogner hatte wirklich einen schönen Charakter, obgleich Renate im Herzen zitterte und knirschte, nachdem sie eine Woche lang sich vorgestellt hatte, was er ihr wohl malen würde. Darum, als durch das Gedränge der Übrigen auf dem Podium, die gegenseitig ihre Geschenke bewunderten und anpriesen, der gute Benno sich endlich durchgewunden hatte und mit unzähligen Verbeugungen, Erröten und Stammeln eine zierlich geschriebene Kantate auf den 133. Psalm geschrieben: >Siehe, wie fein und lieblich ists, daß Brüder einträchtig beieinander wohnen< überreichte, wäre sie mit Freuden in Tränen ausgebrochen. -- Stiefel! jauchzte Irene, der Maler hat Stiefel gekauft! -- Aber nun, wo war Jason al Manach? Siehe, da kam er herein, wie stets, wenn er verlangt wurde, nickte Allen herzlich zu, gab Renate die Hand und seinem Wohlgefallen Ausdruck, daß wieder einmal Alle da wären. Ja, ob er nicht wisse, was heute sei? Richtig, da fiel ihm ein, daß Geburtstag war. Er hatte es vollständig vergessen. O Jason, wie wurdest du da verhöhnt! Sein berühmtes Gedächtnis! -- »Saint-Georges, was sagen Sie dazu?« fragte ich geknickt. Er aber, der alles weiß, fand das erlösende Wort: »Was hielte stand vor Renate?« sagte er. »Sogar Jasons Gedächtnis versagt.«
Renate aber ergriff eine perlgestickte Tasche, holte eine Handvoll gekniffter Zettel hervor und verteilte sie, befahl darauf, daß jeder, in der Folge, die sie bestimmte, den Inhalt laut und deutlich vorlese. -- Renate hatte nämlich die ganze Gesellschaft mit Ritornellen beschenkt. Sie selber begann, Magdas Hand, die neben ihr stand, ergreifend:
Magda, -- vom Leide Geführt, in unserm Kreis der kleinen Freuden, Ist unser Aller Trost und Herzensweide.
Georg mußte lesen:
Georg, der Trasse, Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer, Drum sieht er rings -- nur Masse, Masse, Masse.
Ulrika las, nicht ohne Erröten:
Ulrika, holde! Gott segne deine immer klaren Augen Und fülle sie mit immer tieferm Golde!
Irene las und dankte mit Knicks und Lächeln:
Irene, hell, Beschwingt und tönend wie die schwarze Amsel, Ist nur vergleichbar einem -- Ritornell.
Maler Bogner las, nachdem er mit einem Blick auf seinen Zettel: Eiweih! gemurmelt hatte:
Der Maler Bogner Ist unsres Hauses festgefügte Säule, Ein Selbsterzeugter und ein Selbsterzogner.
Esther Birnbaum las ganz leise und tief errötend:
Die kleine Esther Ist eine Königin ganz im geheimen. Wie schön ist das! Nun nennen wir sie Schwester.
Sigurd las ein wenig ernst und scheinbar betroffen:
Sigurd. -- Ein Mahner An Gideon, der Makkabäer Nachfahr, Im Adlerschmuck vom -- letzten Mohikaner.
Saint-Georges beschloß:
Saint-Georges, der Stille Im Hintergrund, ist regsam wie im Fachwerk Die niemals ruhende, geschäftge Grille.
Und nun hob Jason ein ganz furchtbares Lamentieren an, weil er keins bekommen hatte. Die Anderen verhöhnten ihn maßlos, weil das die Strafe für seine Vergeßlichkeit sei, Renate aber entschuldigte sich, sie hätte wohl an ihn gedacht, aber keinen Reim weder auf Jason noch auf al Manach gefunden, und davon habe sie nicht loskommen können. »Ach, du lieber Gott,« sagte er, »es ist doch so leicht wie Wattepusten:
Jason al Manach. Zu nichts zu brauchen als zum Märchenplappern, Vielleicht zu einem Reim auf Lukas --«
Statt des letzten Wortes ließ er den Mund erschreckt und kindlich halb offen stehen, als habe er nun auch das Reimwort vergessen.
Eine Weile später fand Renate sich von Saint-Georges gefragt, warum sie selber sich vergessen habe. »Ach, Georges,« sagte sie, »Sie können gern noch eins haben, obwohl nur die Hälfte von mir selber ist und die andere Hälfte von Mörike:
Des Freundes Achtung Ist vor Renates Versen sehr gesunken: Sie stieg hinab >zum Abgrund der Betrachtung<.«
»Warum so giftig?« sagte er freundlich.
Von zwei Menschen, die zur Vervollständigung meines derzeitigen Lebensbildes gehören würden, habe ich bislang geschwiegen und -- will es nun bis ans Ende tun.
Dein Auftrag ist ausgeführt. Cornelia Ring lernte ich schon vor längerer Zeit durch einen Zufall kennen und denke seitdem nicht an sie, ohne zu bedauern, daß sie nicht unter uns sein kann. Übrigens befindet sie sich in meinem >Weichbild<, denn Maler Bogner hat sie zu sich genommen, und sie hält ihm alles instand, von den Strümpfen bis zu den Pinseln.
Ja, Josef, was fange ich mit dem Brief an, den Du mir da geschrieben hast? Ein Feuilleton über >den Unfug der Vereinigten Staaten<. Du hättest es an die Frankfurter Zeitung schicken sollen. Darf ichs nachträglich für Dich tun?
Gott befohlen, Josef!
Renate.«
Ohne das Geschriebene noch einmal zu überlesen, legte sie die Bogen zusammen, faltete, kuvertierte sie und schrieb die Adresse. Danach löschte sie das Licht, trat einen Augenblick ans Fenster, ließ sich von der lauen Nachtluft an die Gesellschaft in der Veranda erinnern und ging treppunter.
* * * * *
Als Renate die dunkle Halle betrat, war von der Veranda her so kein Laut hörbar, daß sie glaubte, es sei niemand dort; doch gewahrte sie gleich darauf im linken Fenster den Schatten eines Menschen, der wohl draußen auf der Fensterbank saß, und nun auch im grauen Rechteck der Mitteltür einen weiblichen Schattenriß, undeutlich, der draußen stand. Auf dem weichen Teppich kam sie wider Willen unhörbar bis zur Tür und sah nun, daß doch wohl Alle da waren, aber so still wie die Büsche im Garten und kaum zu erkennen im Finstern.
Der weibliche Schatten war Magda, die dicht an der Treppe zum Garten an der Brüstung lehnte, halb verhangen von dem schwarzen Rankenwerk des Weins und Jelängerjeliebers, das vom Verandadach herabhing. An der andern Seite des Eingangs stand, fast wie sie, Ulrika. Ganz ferne links in der äußersten Ecke war der weiße Schein von Jasons Gesicht tief unten zu erkennen: er mußte auf einem Taburett, fast am Boden sitzen. In seiner Nähe saß, kaum zu unterscheiden von der Brüstung und den Blumen darauf hinter ihr, Esther; an der Wand Saint-Georges, am roten Glühpunkt seiner Zigarette zu erraten. Der im Fenster hockte, war Sigurd, und neben ihm, als Einziger bescheidentlich auf einem graden Stuhl aufrecht, saß Benno, wie er pflegte: ein Knie überm andern, die Hände darauf, den Rücken gebogen, das Gesicht ein wenig emporgerichtet. Und Irene? -- Sie saß wohl verborgen hinter der Rückenlehne des Sessels, ganz in Renates Nähe. So war nur Bogner abwesend, -- und Georg -- in seinem Geheimbund vermutlich.
»Erschreckt nicht,« sagte Renate behutsam, »ich bin es.«
Ein Schimmer -- Irenes Auge -- erschien über dem Sesselrücken. Die Übrigen bewegten sich Alle ein wenig, doch keiner sprach.
»Ich habe,« bemerkte dann Jasons Stimme fein aus dem Hintergrund, »wie man von feindlichen Batterien sagt, sie sämtlich zum Schweigen gebracht.«
»Wie denn?« fragte Renate.
Für Jason antwortete Irene nach einer Weile tief: »Er erzählte so seltsam ...«
»Darf ich wissen was?« fragte Renate, in einen leeren Sessel gleitend.
»Ach,« hörte sie Esther aufatmen, »wie kann man das sagen? Es sind ja keine Geschichten. Nur ein Stück Leben, das er erscheinen läßt, wie -- wie in einer _Laterna magica_, so farbig und so leise.«
»Wenn Sie«, ertönte Saint-Georges' Stimme nach einer Zeit, »den Inhalt wissen wollen: Da war ein Buchbinder. Der stand von früh sieben Uhr bis abends zehn am Arbeitstisch. Er hatte einen sehr alten, weißbärtigen Vater, der noch helfen konnte, eine große, üppige Frau, die an besonders arbeitsreichen Tagen zugriff, und einen zehnjährigen Jungen, der ins Realgymnasium ging, aber albern war, nur herumlief und lachte, nichts lernen konnte; ein halber Idiot. Damit der einmal zu leben habe, mühte sein Vater sich tagein tagaus, ohne Festtag, ohne Freude als eben diese.
»Eines Tages fing er an, sonderbare Reden zu führen. Dann verschwand er. Dann kam er wieder, redete irre, tobte. Dann kam er ins Irrenhaus, und dort starb er bald darauf. Fast das ganze Guthaben des Sparkassenbuches hatte er vergeudet.
»Nun stellte die Frau sich an seinen Platz. Sie hatte alle Fertigkeit gut begriffen, nur die feineren Einbände machte der Schwiegervater, aber bald konnte sie das Vergolden der Titelschriften und dergleichen besser als der Alte, ja mit Frauengewissenhaftigkeit machte sie's sogar akkurater als der Tote, in freilich längerer Zeit. Und dann starb plötzlich der Schwiegervater. Ja -- und dann fand man sie eines Morgens am Bett des Knaben, sitzend, über ihn gebeugt, und das Zimmer war gefüllt mit Leuchtgas.«
»Ja,« setzte Saint-Georges nach einer Weile hinzu, »das wars.«
»O nein, das wars nicht!« sagte Ulrikas Stimme hinter Renate. »Wir haben es doch alles gesehen! Die lange Werkstatt mit den blinden, verklebten Fensterscheiben voll rostiger Eisenquadrate, und den langen Arbeitstisch, darunter das Werkzeug, -- und wie der Mann mit seinen dunklen Augen und dem zurückfallenden schwarzen Kinn und den wehmütig hängenden Mundwinkeln soviel plappert, immer seine kurzen: Ja, ja, -- jawohl, jawohl, -- ja ... Und dann der Geruch ... der Leim auf dem Herd, der Kleister, Druckerschwärze und gekleistertes Papier, und Leder, und Kaliko, jedes ...«
Benno räusperte sich. »Ach,« sagte er, »und draußen der schmale Hofraum, das alte Pflaster voll Gras, und in der Ecke der alte Leierkasten, der herrenlos war ...«
»Und gegenüber den Fenstern«, redete Sigurd, »die vier braun gestrichenen Türen der Klosette mit dem Herzloch oben, nicht wahr, und dahinter die alten Fachwerkwände, die Fenster und Gardinen, und die Geraniumstöcke im Sommer ...«
Nun schwiegen sie wieder. Renate, schon -- wie den Geruch der Blumen, des Rasens, des ganzen Atems der Sommernacht -- den Duft des Erzählten aufsteigen fühlend, bat innerlich: nur weiter! so bekomm ich vielleicht doch noch das Ganze ...
Und überdem hörte sie Esther wieder:
»Es war so traurig! Am traurigsten war, wie die große, dunkle Frau da am Bett sitzt und nicht mehr lebt. Nein,« überbot sie sich, »das Traurigste war wohl doch, wie der Mann da die Dirnenbekanntschaft gemacht hat, und er nimmt seine Frau mit zum Stelldichein --«
»Ich glaube,« fiel Magda leise ein, »am schrecklichsten fand ich, wie er dann seine Frau auf den Rücken klopft und sagt, sie wäre aber doch die Beste und --«
»Nein, Magda,« raffte Esther sich erregter auf, »das wars doch nicht! nicht das, sondern -- wie sie selber Jason das alles erzählte und dabei Zeitschriften heftet und weint und alles zwei und dreimal wiederholt und >du bist doch die Beste<, wie er das gesagt habe, und sie sagt, daß sie das ja auch immer gewußt hätte, er wäre nur bloß eben ... Und wie sie eigentlich gar nichts Besonderes drin fand und -- -- sags doch, Sigurd!«
»Keinen Namen, keine Bezeichnung dafür, nicht wahr? Nur ein Unglück, ein furchtbares Unglück; so furchtbar, daß es sich nur hinnehmen ließ ...«
Sie waren verstummt. Renate konnte, da es heller vor ihren Augen geworden war, nun von Allen die Helligkeit der Gesichtszüge und die dunklen Flecken der Augen erkennen, in denen es glänzte. Plötzlich tat sich neben ihr, fast laut, entrüstet und verwirrt, Irenes Stimme auf:
»Und das Ganze kommt nur von der fehlenden Anzeigepflicht der Geschlechtskrankheiten.«
Ein Lächeln, kaum hörbar rauschend, wehte im Kreise umher. Und Saint-Georges sagte: »Bravo! Die Frau ihres Mannes.«
Bevor Irene auffahren konnte, wurde jetzt Jasons melodische Stimme hörbar, der langsam sagte:
»Ihr Kinder! ihr Kinder! Wie seid ihr doch sonderbar! Meint ihr denn nun eigentlich, die Menschen in meinen >Geschichten< seien andre als ihr selber, daß ihr von alledem sprecht, als ob ihr nie dergleichen gesehn hättet? -- Und in meiner letzten Geschichte, von dem Buchbinder, da waren sie wohl euch wieder nicht gütig genug bei all ihrem Unglück, denn war die Mutter nicht öfters hart zu dem albernen Jungen, und es gab auch wohl Schläge, und der Alte erst, der immer schlechter Laune war und brummte, obwohl er tun und lassen konnte, was er wollte, um sechs Uhr Feierabend machte und sein Bier trank, und als der Sohn tot war, sprach er obendrein schlecht von ihm. Denn über ihnen Allen war das Unsichtbare, das, was Irene andeutete, was sie alle Drei wußten und nicht wissen wollten, das Verschulden, das doch keines war, sondern in Wahrheit -- Verhängnis. Verhängnis? Sie waren es doch selber, in ihnen wirkte es, ihr Leben wars, das, wonach sie sich eingerichtet hatten, und sonst nichts.«
»Ja,« fing Esther an, »ich weiß nicht, Jason, -- deine Menschen sind doch sonderbar. Irgendwas -- glaub ich -- fehlt. Sie sind nicht gütig und nicht schlecht, nicht tugendhaft und nicht edel, und auch nicht gemein. Eigentlich sind sie gar nichts.«
»Sind sie nicht vielleicht -- leidend?«
»Oh freilich, Jason ...«
»Und das, kleine Esther, ist zu wenig, wie? Außerdem, meint ihr, muß jemand noch etwas _sein_, wie? Nicht nur so -- leben, das Leben verrichten, sondern auch gewissermaßen eine Vorstellung davon haben. Sage mal -- seid ihr denn wohl anders? Seid ihr auch so etwas Bestimmtes, so ein Bild mit was Gutem oder was Schlechtem darauf?«
»Nein, Jason! aber --«
»Aber die Menschen in Geschichten, das habt ihr so gelernt aus den Geschichten, die müssen außerdem noch etwas bedeuten, nicht wahr? Nämlich: Charaktere; dann: Frömmigkeit, Festigkeit, Güte, Heimtücke, Verwahrlosung, Verkommensein und dergleichen schöne Dinge mehr, die es gar nicht giebt.«
»Aber Jason!«
»Weil es eben nur Menschen giebt, und jeder Mensch die Bewegungen, die Handlungen und all das, was sein Leben ist, tut, wie sie aus ihm kommen, weil er so ist, aus allen seinen bunten Eigenschaften, die über jeden in Menge, ganz gleichmäßig von der verschiedensten Art und immer nur teilweise freilich, niemals ganz, ganze Eigenschaften, abgewogen und ausgeteilt sind, und bloß ihr, ihr habt daraus die Begriffe gemacht, und wieder aus jedem Begriff einen ganzen Menschen, und darum verlangt ihr dann, daß die Menschen -- die Andern! euch selber seht ihr ja niemals -- sich nach den Begriffen richten, danach wachsen und nach ihnen sich gebärden sollen, nicht nach sich selber. Dann fehlt euch an jedem etwas, darum scheint euch alles so unzulänglich, es könnte noch so bitter und zerlitten sein, darum kommt ihr immer höchstens zu eurem: er hat doch auch so viele gute Seiten ... darum seid ihr nie zufrieden miteinander, und Großmut und Wahrheit, Glaube, Liebe und Hoffnung, die gehen ihrer Wege.«
Da waren sie auf einmal Alle aufgestanden. Auch Renate erhob sich, betroffen, und bewegte sich mit den Übrigen auf Jason zu, sie waren Alle um ihn herum, und mehrere Stimmen fragten: Was ist es denn, Jason, du weißt es doch, was fehlt uns Menschen, wie sollten wir sein, wie uns halten, wie uns helfen? --
Er hatte aber die Augen geschlossen und sah fast unwillig aus und kränklich, und sie wollten sich schon abwenden -- denn war er nicht selber vor kurzem erst von den Toten auferstanden? -- als er die Augen wieder aufschlug, und sie erschraken wohl Alle wie Renate vor diesen schwarzen Augen, die plötzlich im Dunkel waren, viel schwärzer als alles Schwarze, so glanzlos, als ginge es dort in die schwarze Ewigkeit hinunter. Dennoch, obgleich er die Augen nun langsam von Einem zum Andern bewegte, schien er durchaus keinen wirklich zu sehn, sondern etwas ganz andres. Sie selber aber fühlten nicht ohne Schauder an seinen Augen: da war es, wonach sie gefragt hatten. Nennen ließ es sich nicht, aber -- es war da. Es glänzte aus dem Schwarzen herauf, es -- nein, Jason lächelte, das war das Ganze.
Sie gingen aber schweigsam auseinander danach, kaum mehr als stumm sich die Hände reichend und zunickend beim Abschied; nicht Zwei blieben beisammen.
Schatten
Georg, am letzten Spielabend vor Semesterende in die Terrassentür tretend, sah, daß er wieder, wenn auch gegen jede Absicht seinerseits, zu spät gekommen war: um die kleine Tafel zur Rechten vor der Hauswand saßen die wenigen Korpsbrüder, wie stets in zwei Gruppen am Kopf- und Fußende; ein hellrot beschirmtes Windlicht in der Nähe jeder Gruppe malte ihre Schatten beweglich an der Wand empor. Eigentümlich still schienen sie Alle, -- die Füchse unten mit einer Bowle beschäftigt, schweigsam, ganz ohne den gewöhnlichen Lärm bei dergleichen; oben die Zwillinge, Nordeck, Sousa -- ah auch Schwalbe saß da und in Zivil! -- Ellerau hatte die Uhr gezogen, sah jetzt Georg unbestimmt entgegen, dann vor sich hin, indem er, ein Lächeln unterdrückend, mit vorgeschobenem Kinn die Oberzähne auf die unteren setzte, einen Augenblick, -- worauf er seine Haltung löste; und Georg wußte wohl, das hieß mit Worten: Auch heute wieder verspätet; da es aber der letzte Abend vor Semesterschluß ist -- Schwamm drüber! --
Georg, innerlich aufatmend, trat näher, in dem er »Guten Abend« sagte und »Na, so still heut?«
Ellerau sagte: »Ja.« Er griff mit der Hand in die innere Brusttasche und zog einen Brief heraus, sah darauf, streckte dann die Hand mit ihm gegen Georg und sprach:
»Diesen Brief hat Tastozzi für dich hinterlassen. Er ist tot.«
»Tot?« fragte Georg erschreckt. »Tozzi? Tastozzi?« verbesserte er sich verwirrt. »Mein Gott ...«
»Leider. Er hat sich heute nachmittag in seiner Wohnung erschossen. Bisher weiß niemand warum. Er war uns ja immer völlig verschlossen. Vielleicht giebt er dir Aufschluß.«
Georg, den Brief mit winzig kleiner Aufschrift am oberen Rande in der Hand hin und her drehend, ruckte sich zusammen, trat an die leere Stelle des Tisches, riß den Umschlag auf und hielt die herausgezogene längliche Karte in die Nähe des Lichts. -- Kleine, kaum leserliche, verschnörkelte Schriftzeichen ... Er entzifferte mühsam allmählich:
»Lieber Georg: