Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 6
Wenige Minuten später geleitete Georg die Beiden den langen Flur hinunter und durch den Saal vor Bennos Tür. Drinnen sahen sie ihn in der Mitte stehen, so lang er war und aussehend, als sei er stundenlang, glücksmatt und strahlend in seinen drei Zimmern vor seinen vielen Möbeln auf und nieder geschritten, die er nun selig zeigte: vom Messingbett (es mußte eines sein!) und dem fließenden Waschtisch, an den Bücherschränken und Schreibtisch von Palisander vorüber bis zum Bösendorfer im schön getäfelten Musiksaal, glücksmatt und strahlend, als ob er sie alle geboren hätte. Auf vieles Zureden Georgs wagte er endlich, eine Taste anzuschlagen, lauschte verzückt, saß augenblicks vor der Klaviatur und ließ eine Fuge darüber hinrollen, daß die Wände bebten. Und er fing an, Kunststücke zu machen, fegte den _Des-Dur_-Akkord über die ganze Klaviatur und lustfunkelte beim Staunen der Andern, da sie den Akkord drinnen nachbrausen hörten, als wärs eine Orgel. Und er sang einzelne, besondere Noten in das offene Instrument und freute sich innig mit Georg, wenn nach Augenblicken aus der Tiefe das Echo sang wie ein gehorsamer Gott. -- Magda kannte diese Kunststücke schon. Und so verließen sie den Beglückten.
»Du bist auch ein guter Mensch«, sagte Magda, als sie den Korridor zurückgingen, verstummte aber bei Georgs heftigem Auffahren. -- Und ich betrüge sie ja doch schon wieder! dachte er wild, Renate vor brennenden Augen.
Als sie dann unter der Haustür standen, nahm Magda seine Hand und sagte, indem sie Jason nicht mehr zu beachten schien als den lieben Gott im Himmel oder vielleicht das Sims über der Tür:
»Ich wußte wohl, Georg, daß ich dir heute begegnen würde.« Sie lächelte kindlich: »Ja, was du da nun wieder mit dir angestellt hast, das mußt du wohl ausessen. Ich, weißt du, kann mich um so etwas nicht mehr viel kümmern.« -- Schon wieder ernst geworden bei den letzten Worten, fuhr sie fort: »Ich bin sehr bös krank gewesen, Georg, aber ich habs überstanden, alles, weißt du, und ich möchte dich nicht gerne ganz verlieren. In unser Haus kannst du nicht kommen, deshalb sprach ich mit Renate. Du mußt aber still sein wie ich, willst du?«
Ganz nahe, während sie dies sagte, hatte Georg ihre Züge unter den Augen, und während er diese fest in Magdas geheftet hatte, mußten seine Blicke doch gleichzeitig in ihrem Antlitz umherwandern, mit immer beklommenerem Staunen die, nur aus dieser Nähe erkennbare Veränderung der Züge begreifend; denn diese nun blasse Haut, unter der jetzt ein anderer Stoff als Fleisch zu sein schien, war einmal rosig gewesen, und es lebten damals lebendige Gefühle lieblicher Art um die verwischten Linien des farblosen Mundes, der freilich damals schon herabgezogen war an den Winkeln, aber doch nicht so! Unter dieser glatteren Stirn lebten jetzt andere Dinge, und es war eine ganz andere Stirn; Fältchen waren im Begriff, sich an den Außenwinkeln der Augen zu bilden, und noch -- nein, noch war da nichts Welkes unter den Lidern, nur etwas sehr Durchsichtiges, und das Haar -- -- Indem glaubte er sich eines andern Gesichts zu erinnern, das er auch in einem irgendwie bedeutenden Augenblick so wie dieses gesehn hatte, allein nun hatte er ihr dankend in die Augen zu sehn, ihre Hand zu drücken, Jason ebenfalls, und zu gehn. Ohne es gewollt zu haben, wandte er bald den Kopf nach ihr um. Da gingen sie nebeneinander die weiße, chaussierte Straße hinab, vorüber an den kleinen Kugelakazien, aus denen die Sternwarte sich erhob, dunkelrot und schwarzgrün im Efeubehang, Georgs Blicke für Sekunden emporlenkend, daß er ihren Ernst, ihr Alter, ihre bedrohliche Würde empfand --: Jason, die leeren Hände auf dem Rücken, schwarz und etwas vorgebeugt, den Strohhut wieder im Genick. An Magda war nichts zu sehn; sie ging ihres Wegs.
Kein Reiz mehr hauchte aus ihr, das wars.
Hatte sie allen Glanz der Welt von sich getan? Hatte er selber sie gelöscht wie ein Licht? Aber ihre Augen glänzten anders innerlich, es gab vielleicht Nonnen, deren Augen wie die ihren in einer sehr gewissen Flamme brannten, in der sie alle äußeren Lichter reiner und edler hatten. Dieser Jason hatte ja Augen wie ein Märchenerzähler, man müßte -- aber schon, indem Jason ihm erschien, mit einem riesigen schwarzroten Turban bekleidet, ein blaues, langärmeliges indisches Hemde am Leibe, mit untergekreuzten Beinen auf einem Teppich, schob sich das Gesicht seines Vaters in dieses Bild hinein, so als wäre es dicht über Georgs Augen. Wann war --? Ach, an seinem Geburtstage wars, nicht am Geburtstage, am Tage vorher, mittags, -- und schon flogen von allen Seiten Bildstücke auf Georg zu, die hellen Fenster, und draußen die Wipfel im Regen, Visionen des Trassenbergischen Landes, und schon der Saal im kleinen Palais, Benno auf einem Stuhl an der Wand, der Achattisch, Napoleons Weste, Stirn und Haar, und jählings wieder Magda an der Erde, am Abend im dunklen Wiesengrün, ihr rötliches Kleid, ihr ohnmächtiges Gesicht mit geschlossenen Augen und -- -- Georg merkte, daß er vor seiner Haustür stand, die in ihr Schloß gefallen war, fing an, in der rechten Hosentasche die Schlüssel zu suchen, vergaß dabei, was er aus der Tasche holen wollte, wälzte Feuerzeug, Taschentuch, Schlüsselbund durcheinander, brachte dies endlich hervor und schloß auf. Sein Zimmer in geisterhafter Mondesdämmerung erschreckte ihn, er riß den Vorhang hoch, öffnete die Glastür. Sonnenlos war draußen der Garten, er lehnte sich gegen den Türrahmen, warf den Hut irgendwohin und hing nun ganz und gar tief über dem Erinnerungsfeld jenes Tages, wo Jasons schwarzer Körper aus dem Grün der Teichoberfläche erschien, an einem Arm emporgezogen, und er sah die klebenden grünen Blattlinsen auf dem bleichen Gesicht. Unkas stand da, verzerrt, der Maler ging neben ihm, der Maler saß im Zimmer in der Fensterbank, am Tisch, schob seinen Bleistift in der Blechhülse, und da war das weiße Zeug des Vorhangs an Magdas Fenster in der Nacht, die kleinen Kronen der Obstbäume in der Dämmerung, das Spalier an der Hauswand, und nun war er im Zimmer, legte die weiße, fremde Gestalt auf das offene Bett, -- diese fremde Gestalt, fremde, fremde, fremde -- wiederholte er immerfort, und die Kälte des Augenblicks fühlte er, und fragte sich, ob das immer so sei, wenn man eine Frau --, dies -- Sichentkleiden, dieser schaurige Stillstand in den erst glühenden Empfindungen, und dies -- Sichzurechtlegen und Rücken und -- Gepeinigt von diesen Empfindungen mußte er sie um so hartnäckiger verfolgen, erinnerte sich des wilden kleinen Wesens in München, Fliddridd -- ja, das war freilich ganz anders, viel natürlicher, denn die war selber äußerst bei der Sache gewesen -- -- aber wenn eine Frau selber nichts -- -- du mein Gott, ja -- das Blut schoß ihm siedendheiß in den Kopf -- was ging denn während dieser Zeit in ihr vor, die da vor ihm lag und still hielt, was dachte sie denn, was fühlte sie denn? und war sie nicht weiter von ihm weg als der Sirius von der Sonne? Und was war denn das, was er tat an ihr? Hatte er sie nicht einfach vergewaltigt?
Georg schüttelte aufgeregt diese Vorstellungen ab, seufzte, fühlte das Metall seiner Zigarettendose glühend heiß und feucht in der linken Hand in der Hosentasche, zog es hervor, zündete mit flackernden Händen eine Zigarette an und zog mit heftigem Genießen den Rauch in die schwellende Lunge hinunter. Das abgeglühte Streichholz in die Aschenschale auf dem Schreibtisch legend, dachte er: Ich wußte es ja, man liebt eine Frau niemals weniger als in dem Augenblick, wo man sie -- liebt, denn im glühendsten Momente dann -- ist sie ja auch nicht mehr vorhanden, sondern bloß -- das Feuer, in dem man selber schon vergeht, und ein minuten-, ein sekundenlanger Blick Auge in Auge enthält ein tausendfaches Mehr an Glut und Unauslöschlichkeit. Liebend besitzen kann ich jede, liebend anschauen -- wie wenige! Aber Magda? -- Magda? --
Er merkte, daß er unbewußt nach seiner Brust getastet hatte, denn dort hatte sich wieder der Druck gezeigt, das Angstgefühl, das lange bekannte, das im Augenblick schon da war, wenn er allein war, und das ihn lähmte, das Morgen verschleierte, das Gestern verhüllte, das Heute entfärbte. Doch fand er, es sei leichter geworden, loser ...
Es zuckte in ihm, aufzuspringen und in das geheime Zimmer hinüberzulaufen, das Zimmer der Königin ... Allein in dem Sessel, in den er gesunken war, saß er unbeweglich fest, bald nichts mehr spürend als unerkennbare Gedanken und Vorstellungen, die an ihm zehrten.
Erasmus
Renate vernahm, als die Quartettgesellschaft -- Irene, Ulrika, Benno Prager, Saint-Georges, Sigurd nebst Schwester und Magda -- an einem Sonntagnachmittag auf dem Rasenplatz im Montfortschen Garten buntgestreifte Reifen warf, plötzlich aus dem Gang zur Straße neben dem Haus einen hitzig prasselnden und knatternden Lärm, und kaum daß sie hinsah, sauste mitten in die schreiend auseinander Stiebenden ein rädriges Ungetüm, schnaubend und zischend, mit einem ganz ledernen Kerl darauf. Da hielts stille, und da wars Bogner, von dessen Gesicht eine Brille fiel, und der lautlos lachte auf seine Art, während sie ringsherum wie angewachsene Daphnes, wenigstens was die Frauen anlangt, in mehr oder minder zierlichen Posen verharrten. Aber nun umdrängten sie ihn und beschimpften ihn wie die Sperlinge, wie die Krähen eine muntre Eule, und er berichtete, daß er schon wochenlang auf diese Weise unter die Dörfer über die Haide fliege, -- »jedoch«, sagte er, »nicht jede vernichtete Gans wird ein Stilleben.« Nun habe er allerlei Dinge gesammelt, wolle gleich anfangen, und zwar, mit Renates Erlaubnis, in der Kapelle, die er mit sechs schönen Engeln schmücken wolle.
»Was kostet ein Engel?« fragte Irene, fragten sie Alle. Alle wollten möglichst einen Engel haben. Bogner sagte, er verkaufe nur an fremde Leute und an Herzöge, und da waren sie tief niedergeschlagen, denn keiner wollte ein fremder Mensch sein, und keiner war ein Herzog, und schenken lassen konnten sie sich doch auch nichts, woran der Maler ja nun auch keineswegs dachte. Sie sollten nicht böse sein, sagte er begütigend, er wollte später jeden von ihnen in schwarzem Papier ausschneiden, dann könnten sie sich gegenseitig mit ihren Konterfeis beschenken und dann hätten sie jeder einen Engel. -- Dies, meinten sie, wäre nicht ganz das Richtige. --
Bogner, der sein Rad gegen das Postament der Sonnenuhr gelehnt hatte, fragte Renate, ob Erasmus im Hause sei, denn mit ihm müßte geredet werden. Er wäre ein Sonderling und möchte am Ende nicht zugeben, daß er, Bogner, Renate Bilder schenkte. --
Ja, ob er denn wirklich nichts dafür haben wollte? --
Nein, es wäre doch seine Angelegenheit und ein Geschenk für sie. --
»Bogner,« sagte sie, »das kann ich nicht annehmen.«
»Schnickschnack,« sagte er, »Renate Montfort kann alles annehmen. Der Bauer schenkt dem König Wurst, -- sind Bognersche Engel nicht ebensoviel wert?«
Renate war überwunden, mußte aber nun fragen, warum Erasmus gefragt werden mußte.
»Es ist höflicher«, sagte Bogner.
»Bogner,« sagte sie, »Sie haben einen schönen Charakter.«
Renate war plötzlich verstummt, während sie durch das Haus gingen. Warum sagte ich das? grübelte sie nach, einen schönen Charakter? Woher sind die Worte? Ein gutes Herz wollte ich sagen ... Da fiel ihr ein, daß es Worte Bogners waren, aus einem seiner Briefe; ihr Herz zog sich zusammen; als ob er alles wissen müßte, errötete sie langsam und fing eilig an, über Erasmus zu klagen. Sie bekomme ihn kaum noch zu Gesicht, er arbeite Tag und Nacht und komme nicht einmal zu den Mahlzeiten heraus, sondern esse in der Stadt. Der Onkel sei so still geworden und arbeite auch unaufhörlich, wenn nicht in der Fabrik, in seinem Zimmer. Die Aktiengesellschaft war ja längst vollkommen, und nun waren Onkel und Erasmus Angestellte im eigenen Betriebe, pekuniär war freilich alles fast wie früher. -- Renate verstummte, da sie inzwischen im Obergeschoß und vor Erasmus' Tür angelangt waren. Sie klopfte, hörte ihn laut Herein rufen und öffnete.
Sie hatte erwartet, daß er am Schreibtisch sitzen werde, aber er stand mitten im Zimmer, halb den Rücken zur Tür, das Gesicht über die Achsel hergewandt, die linke Hand auf dem Rücken. Süßlicher Qualm erfüllte den Raum, und als er sich zur Türe umdrehte, wurde in seiner linken Hand eine halblange Jägerpfeife mit Troddeln sichtbar. So schien er umhergewandert zu sein, und die Schreibunterlage auf dem Schreibtisch war leer. Dieweil er Bogner freundlich die Hand gab und mit seiner tiefen Stimme ein paar Bemerkungen über seine Belederung machte, sah Renate sich verstohlen um, da sie noch nie hier oben gewesen war.
Es sah wie in einer Studentenbude aus; ein schiefes Bücherregal hing an der Wand, Stapel und Stöße von wissenschaftlichen Zeitschriften lagen auf Stühlen und Teppich, ein Schrank stand halb offen, ein Mantel hing vom Sofa an den Boden, alle Bilder hingen schief. Unbewußt rieb sie die Knöchel der rechten Hand in der Linken, als ob sie fröre. Erasmus' »Wollt ihr euch nicht setzen?« klang steif genug zur übrigen Unwohnlichkeit. Bogner, in seiner Lederjoppe breiter aussehend als früher, lehnte sich gegen den Schreibtisch, sprach von seinen Malplänen; Erasmus nickte dazu und sagte am Ende nur, wenn es ihm, Bogner, gerade darauf ankäme, seine Engel in Renates Kapelle unterzubringen, so solle ers gewiß tun, bezahlt kriegte er ebenso gewiß nichts dafür, und Renate fragte sich mitleidig und unwillig, ob er Bogners Andeutung vom Schenken nicht verstanden habe oder absichtlich alles ins Geschäftliche zöge.
Sie hätten nichts übrig, sagte Erasmus, alles würde auf die hohe Kante gelegt, »aber«, sagte er, nach seiner Art plötzlich in Wut ausbrechend, »der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht alle Lust verliere, wenn ich dich jeden Tag in dieser weißen Fahne herumlaufen sehe! Meinst du, wir sind Bettelleute geworden? Etwas mehr Takt, das möchte ich denn doch bitten, meine Liebe!«
Renate fing unwillkürlich an zu zittern, fand aber einen Ausweg. »Wo hast du mich denn gehen sehn, Erasmus?« fragte sie.
Er wandte sich weg und murrte, sie habe wohl vergessen, daß sein Schlafzimmerfenster auf den Garten hinausgehe, und das schien Renate eine so dumme Ausrede, daß sie lachte und sagte: »Es ist doch Sommer, Erasmus, da trage ich nur Weiß und doch nicht immer dasselbe Kleid!«
Auf einmal war sie mutig geworden und wagte die Bitte, ob er nicht auch in den Garten kommen wolle, Herzbruch komme nachher, um seine Frau zu holen, der sei doch ein alter Freund von ihm, was der denn denken solle.
»Sag, daß ich arbeite!« schnob er, jedoch nicht unsanft.
»Erasmus,« sagte sie, »das ist nicht wahr.«
Er stand am Papierkorb, hatte den Pfeifendeckel aufgeklappt und rührte mit Irgendetwas in der Asche, die herausfiel. So gut und dumm ist er, dachte Renate, nun fällt ihm wahrhaftig nichts ein, seine Stirn ist ganz runzlig vom Nachdenken, und die Augen quellen heraus.
»Wo ist dein Onkel?« knurrte er endlich, ohne aufzusehen, blies in die Pfeife und schüttete den Rest heraus.
»Erasmus, müssen die Dinge denn mit Gewalt immer noch schärfer und eckiger gemacht werden?«
Er klappte die Pfeife zu, legte sie auf die Tischplatte, sah auf und sagte ruhig:
»Geht nur, geht, es nützt ja nichts.«
»Erasmus!« -- bat sie, aber es war nichts mehr mit ihm anzufangen, er schob Bogner zur Tür, und sie ging mit gesenktem Kopf und rasch an Beiden vorüber hinaus.
»Bogner, bin ich so ungeschickt gewesen?« klagte sie draußen. »Wenn ich nur Saint-Georges gefragt hätte, der weiß immer alles. Sie zucken natürlich die Achseln.«
»Ich,« meinte der Maler, »wenn ich er wäre ...«
Renate hob die Schultern, machte ein feindliches Gesicht und stieg schnell und mit möglichster Ruhe vor ihm treppab.
Unten aber zwang etwas sie, stehen zu bleiben, sich nach ihm umzuwenden und zu fragen: »Wollten Sie mir nicht noch etwas erzählen? In Ihrem letzten Brief ...« Der Maler nickte, meinte aber, es fände sich wohl einmal eine Zeit, wenn er erst am Malen sei und nicht könnte.
»Ach, ihr seid eine Horde von Egoisten!« lachte Renate, »wie soll das überhaupt mit der Malerei werden, Sie malen womöglich den ganzen Tag?«
Kohleaufrisse, sagte er, könne er auch nachts machen, aber die Musik würde ihn gewiß nicht stören, nein, Musik sei sogar ein ganz ungemeines Geräusch.
»Himmel, Maler!« brach sie aus, »denken Sie denn nun wahrhaftig nicht daran, daß Sie uns stören könnten?«
Sie lachten Beide; nein, er hatte nicht daran gedacht, versicherte aber nun, daß er ganz wenig Platz brauche, und versprach, immer nur an einem Fenster zu malen.
»Sie waren doch auf der Schule mit Erasmus,« sagte sie plötzlich, »wie machten Sie es denn da, wenn er nicht wollte wie die Andern?«
Sie standen in der Veranda. Der Rasenplatz war leer, von der Kapelle her tönten Orgelklänge gedämpft, nur Irene stand neben Bogners Rad, sanfthüftig und anmutig in ihrem, gegen die Füße leicht verjüngten weißen Kleid, und drückte vergeblich an Bogners Huppe herum, ohne einen Ton herauszubekommen. Die schöne Nachmittagsglut fiel in breiten Streifen durch das Gartengrün, und darüber standen sie schweigend. Im Rasen erglänzte hier und da ein Stück von einem bunten Reifen. Der Maler sagte laut: »Beide Hände! Mit beiden Händen gehts!«
Irene, hochrot im Gesicht, flog herum, blitzte ihn an und entfloh über den Rasen nach der Kapelle hin.
»Damals«, sagte der Maler, »blieb jeder sich selbst überlassen; wer sich abgesondert hatte, mußte sich freiwillig wieder herzufinden. Oder es wurde geboxt; das geht nun nicht mehr. Erasmus war immer ein Topf ohne Henkel.« Er hob die Achseln. »Das sind wir Alle im Grunde. Ihr Frauen solltet wohl eigentlich diejenigen sein, die immer noch eine Handhabe entdecken. Leiden machen unbeweglich, ich weiß das. Wenn dann kein Gott zugreift, steht solch einer ewig am Feuer und brennt.«
»Und da soll man warten, bis sie ausgekocht haben?« fragte Renate, »o Bogner!«
»Wir reden in Gleichnissen«, sagte er beinah ungeduldig »Steht der Topf denn an Ihrem Feuer?«
Sie stand, ihre lange Kette von rosenroten Korallen in den Händen, und zog die straffgespannte langsam an den Lippen hin und her. »Ja, in meinem Hause jedenfalls,« sagte sie endlich leise, »und doch scheint mir: es ist alles verzaubert, und ich kann den Spruch nicht finden. Glauben Sie, Bogner,« fragte sie ratlos, »daß ich Josef schreiben soll, daß er wiederkommt? Ach Gott, ich habe ja keine Ahnung, wo er ist!« klagte sie mutlos und ließ den Kopf hängen.
Sie sah Bogners Rechte, die er ihr reichte, legte die ihre hinein, sah ihn gehn und blieb, wo sie stand, ohne zu denken, ohne sich zu bewegen, bis wieder Schritte laut wurden und Herzbruchs breite Kaufmannsgestalt und sein gelehrtes Gesicht hinter der runden Hornbrille in der Tür erschienen.
Mensur
Georg, am Leibe weiter nichts als das einärmelige Mensurhemd und die oftgewaschene alte Leinenhose, setzte sich rittlings auf den alten Bandagierstuhl, kreuzte die Arme auf der Lehne und ließ sich von Tastozzi eine nach der andern die viele Meter langen, fast handbreiten schwarzen Halsbinden umwickeln, die, glitschig vom Blut und Schweiß vieler Wunden des Mensurtages, stanken wie der Teufel. Aber wundervoll war wieder die unendliche Sorgsamkeit, mit der Tastozzi wickelte, sanft legend die klebrigen Riemen wie Wundbinden von weicher Gaze, nachtastend mit der Linken und immer wieder fragend: »Ists so recht, Georg? Drückts auch nicht?« Nichts drückte, im Handumdrehn steckte der Hals in einer weichumschließenden Wand, um die noch die handhohe wattierte Manchette leicht umgeschnallt wurde. »Sitzts?« »Danke, glänzend!« O Tastozzi war dunkel, aber eine Seele! Das wußte, wenn kein Andrer, Georg. Er sah dankbar auf, allein Tastozzi hatte sich schon zur Fensterbank hinter ihm abgewandt, wo die Armbinden aufgehäuft lagen.
Von diesen sanfteren Empfindungen abgesehn, befand Georg sich nicht in der bänglich freudigen Laune seiner früheren Waffengänge. Früh erwacht, nach wenig Schlaf, endlos wachen Stunden übler Peinigungen des Geschlechts, Halbtraumvisionen in endlos hartnäckiger Jagd, hatte gleich der Gedanke an seine noch immer nicht restlos vernarbten Kopfwunden sich festgesetzt: beim Betrachten der kaum behaarten Stelle im Spiegel zeigte sichs, daß sie wieder geschwitzt hatten. -- Ekelhaft, so mit offenem Kopf zu fechten!
Georg blickte finster gegen die blaugetünchte Wand des kahlen kleinen Raums, der leer war -- Tastozzi setzte seine Eigenart durch, beim Anbandagieren keinen Zuschauer zu dulden -- leer, bis auf die Tische, die drüben gehäuft voller Bandagen, Schurze, Drahtmasken und Sekundantenspeere mit farbigen Körben, an den Wänden links und rechts dagegen bedeckt waren mit dem ganzen Rüstzeug der Ärzte, auf Wattelagern ausgebreiteten Scheren, Zangen und Nadeln, flachen Schalen voll rosiger Sublimatlösung und Bergen von Watte. Georgs Blick schweifte abweisend drüber hin und heftete sich auf den eigenen nackten Unterarm, den er hochhielt, die Faust schon im gepolsterten Handschuh, während Tastozzi die Handgelenkbinde von dünnem gelbgrünem Flanell zart und fest umlegte: der Arm gefiel ihm, wie er war: glänzend weiß, kräftig und harmonisch gebaut, und »Schöner Arm, nicht?« brummte er halbfragend. Der Andere schwieg, die grauen Augen im gelblichen, dunklen und eckigen Gesicht mit voller Aufmerksamkeit auf die Schleife gerichtet, die seine Finger knüpften, worauf er, ohne hinzusehn, die erste Armbinde von der Fensterbank griff und die zu Boden hängende geschickt aufrollte, dann den Ballen um Georgs Arm abzuwickeln begann. Georg folgte gedankenlos mit den Augen, immer wieder das leise: »Sitzts, Georg? Drückts auch nicht?« hörend und die linke Hand Tastozzis sehend, deren Finger er auf jede neue Lage prüfend aufsetzte; und er wickelte bereitwillig wieder und wieder zurück, schon auf Georgs leisestes Antwortzaudern hin. Es war eine Lust, von Tozzi bandagiert zu werden!
Die beiden krassen Füchse, der jüngere Ellerau und von Germersheim, kamen hereingeschlendert und fragten Georg zum siebenten Male, wie er sich fühle.
»Ich habs euch schon sechs Mal gesagt: glänzend! Macht bloß, daß ihr weg kommt; nicht wahr!« schnob Georg und bewegte das Handgelenk noch einmal prüfend, ehe er Tozzi den dünn wattierten schwarzen Seidenärmel über das Ganze ziehen ließ.
»Gib mal Speere her, Rudi!« befahl er dann. »Ellerau, geh mal fragen, wer auf Gegenseite sekundiert. Hoffentlich nicht Everdingen, der fällt immer -- was ist, Tozzi?«
»Nichts. Du kannst aufstehn.«
Georg erhob sich. »Die ekelhafte Hose klemmt immer so!«
»Man sollte nackt fechten«, hörte er Tozzi hinter sich. -- Rudi, mit zwei Mensurspeeren in den Händen vor ihn tretend, meinte lachend: »Baden muß man ja sowieso hinterher.«
»Hol einen Schurz, Rudi, und red nicht, eh du gefragt wirst.« Georg führte abwechselnd mit jeder der beiden Klingen in den kürbisgroßen, blauweißschwarzen Blechkörben ein paar Lufthiebe, und trat zurück, da sein Gegner, fix und fertig gerüstet, den Arm auf der Schulter eines Korpsbruders hereinkam und sich verbeugte, ein mittelgroßer, schwerer Mensch mit gedunsenem Gesicht, aber friedlichen kleinen Augen.
Während Tozzi ihm dann den von Germersheim gebrachten großen Lederschurz vorhängte, der, steif wie ein Panzer, eine neue Wolke beißenden Schweiß- und Blutgeruch ausströmte, fragte er, in Georgs Rücken festschnallend: »Hast du noch irgendeinen Wunsch? Fürs Sekundieren mein' ich?«
»Ich wüßte nicht ...« Da kam Ellerau zur Tür herein. »Also wer sekundiert drüben?« fragte Georg halblaut.
»Altenburg soll er heißen.«
»Gott sei dank. Also dann, Tozzi,« fuhr Georg leise fort, »nur eins, nicht wahr, was ich immer schon sagte: nie einfallen, wenns nicht unbedingt notwendig ist, -- Abfuhr oder so. Ich -- ja um Gottes willen, Rudi, bring mir bloß die Speere nicht durcheinander, nicht wahr! Ja, welchen hab ich denn nun eigentlich ausgesucht? Gieb den noch mal her! den, wo du grad -- -- nicht den! den andern! Sakrament noch mal, ihr Füchse seid eine Gesellschaft, nicht wahr!«