Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 54

Chapter 543,515 wordsPublic domain

»Wieder war alles still. Orestes lag ausgestreckt, so lang er war, die Arme überm Kopf fortgeworfen. Da schien das Tor sich zu bewegen, das Mädchen sprang auf und eilte zu ihrer Lampe, die einige Pulsschläge lang wieder in ihrer früheren Größe aufgerichtet stand, aber nun langsam erblaßte, denn die Torflügel falteten sich langsam auseinander, und draußen war das Mondlicht. Da war die Treppe, breit und schneeweiß, die Ebene, schattenlos, dunkel und doch erhellt vom unsichtbaren Mond in der Höhe, und jetzt sah Orest, das Haupt erhebend, daß neben der ersten Säule der Vorhalle über den Stufen eine dunkle Gestalt im Schatten hockte, ganz still; und als er hinunterblickte, entdeckte er eine zweite mitten auf der Treppe, ruhend wie eine Schlafende, ganz unten aber die dritte, hell im vollen Licht, in sich gesunken, im Schlaf.

»Orest stützte sich auf die Arme und stand auf. Sein Gesicht zuckte, als ob es in Weinen zerbrechen sollte, sein Haupt schwankte, er ging mit schweren Schritten zur Statue des Gottes und sank dort hin, den Rücken gegen das Postament gelehnt. Stracks durchdrang unbeschreibliche Müdigkeit magisch seine Glieder; sie lösten sich auf in Wonne der Schlaftrunkenheit, ein sanftes Prickeln bedeckte seine Seele wie ein vergehender Schaum, -- so verging sein Leib. Er schluchzte tief, er sank tiefer in sich, er öffnete noch einmal die Lider, als müsse irgendwo etwas sein, nach dem noch hinzublicken sei, doch sah er nichts mehr als einen nächtigen Lichtschein, dann -- ging ein Schritt, rauschte Gewand? -- nur noch Finsternis, aus der eine Schattengestalt von fernher zwischen dunklen Wänden nahte und stillhielt. Er erkannte zwei dunkelsilberne Fittiche, zwischen ihnen den Schatten eines braunen Antlitzes und ein bläuliches Lächeln von Augen. Da fielen ihm die seinen zu, und er schlief.«

* * * * *

Jason schwieg. Im Zimmer stand jetzt die Dunkelheit, nur im höchsten der offenen Vierecke war der noch helle Himmel zu sehn; die Bäume rauschten im Dunkel unsichtbar; vor dem Fenster waren die lichten Gesichter der Drei, ganz weiß das Jasons mit den schwarzen Flecken der Augen, ein wenig dunkler das Esthers, Magdas ganz matt, kaum sichtbar über den andern. Wie Jasons Hände im Schoß ausruhten, so auch Esthers linke, während ihre rechte die Hand der Freundin gefaßt hielt, die über ihre Schulter herabhing. --

»Soll ich Licht machen?« fragte Magda nach langer Zeit. Niemand antwortete. Aus dem Hintergrund scholl ein leichtes Pochen; der Maler klopfte seine Pfeife aus. --

»Es ist doch nicht zu Ende?« fragte Esther.

»Ich weiß nicht.« Jasons Schultern bewegten sich. »Das Antlitz der Eumenide erzählt eigentlich nicht mehr. Oder doch?«

»Und wie kam das Mädchen in deine Geschichte?«

Der Maler sagte aus dem Dunkel: »Sie haben von Schlangen gesprochen. Verwechseln Sie das nicht mit Asklepios?«

»Vielleicht,« erwiderte Jason leicht, »obgleich ich persönlich überzeugt bin, daß die Schlange auch dem Schlaf heilig ist wegen seiner heilenden Kraft. Überdies ist die Schlange dasjenige Tier, das fast immer schläft, und schließlich dachte ich mir auch etwas Besondres dabei. Wie geht es aber weiter?«

»Ich sehe noch etwas«, fuhr er leise fort. »Ich sehe dies Marmorhaupt der Schläferin. Wer hat es gesehn? Der es gemacht hat, muß es gesehn haben, oder einer hat es ihm beschrieben. Orest vielleicht? Wann sah denn er es?« Esther schlug vor: »Morgens früh, als er weiterging.«

»Sieh, Esther, was für richtige Sachen du denkst! Ja, da muß er es gesehen haben. Er erwachte vor Sonnenaufgang, erquickt und gestärkt. Die Ebene lag unter weißen Nebeln wie eine stille See, und --« »Und das Mädchen, die Priesterin?« fragte Magda. »Sie ist fortgegangen. Orest will nun gehn, spricht sein Gebet, da sieht er beim Hinaustreten, daß die Erinnyen noch dort sind und schlafen. Eilig will er vorüberschleichen und tuts, an der ersten, der zweiten, aber wie er unten bei der dritten angelangt ist, da ging inzwischen die Sonne auf, und er sieht ihr Gesicht, und daß sie braunes Haar hat, das ihn an andres Haar erinnert. Da bleibt er nun stehn und sieht ihr leise glänzendes Gesicht, wie ernst es ist, kaum lieblich und doch schön, die Brauen streng und groß, und daß sie unschuldig ist, wenn sie schläft, trotz der erloschenen Fackel neben ihrem Fuß, trotz des Dolches, den sie an die Brust drückt, und er kann sich nicht abwenden und redet leise Worte in die Höhlung ihres Ohrs, in den seltsamen Eingang zu der schlafenden, inneren Welt, indem er sich fragt, ob sein Flüstern wohl eindringe und drinnen zur Gestalt eines Traumes wird, die leuchtet, so daß die Wände der dunkelgoldenen Seelenhalle davon glänzen, oder vielleicht wie die freundliche Silberfigur des Gottes auf der Lichtung inmitten des dämmerweißen Säulenhains. Plötzlich -- was erschrickst du?«

Esther, die leicht zusammengeschaudert war, schüttelte abwehrend den Kopf und sagte: »Nur die Fledermaus ... nur weiter!«

»Plötzlich«, fuhr Jason fort, »erblickt er den kleinen Kopf einer Viper, die, ins Haar versteckt, auch dort schlief die Nacht und nun hervorkommt bei der Wärme des Tages. Er wendet sich eilig und flieht.«

»Und dann?« fragte Esther.

»Dann bleibt er nach ein paar Schritten noch einmal stehn und dreht sich zurück und sieht, daß sie sich aufgesetzt hat. Sie hebt die Arme und lächelt zu ihm; ihre Augen, erst noch geschlossen, öffnen sich schlaftrunken, sie stammelt, ihr Gesicht glüht über und über vom Sonnenaufgang, er starrt hin, da sinkt sie wieder zusammen, fröstelt, tastet nach einem Gewandzipfel und entschläft.«

Es schien nun still bleiben zu wollen im Raum. Magda erhob sich, trat an ihren Ausguck und sah im Dunkel den Horizont besteckt mit den Lichtern der Stadt, darüber die ersten, weißlichen Sterne im Raum. Vernehmlich rauschte das Wehr in der Ferne.

Esther hatte ihre zusammengefaltete Stickerei wieder auseinander genommen, die Farben leuchteten noch matt im Finstern, sie strich glättend mit dieser und jener Hand darüber und sagte endlich:

»Ich sehe noch etwas. Da ist solch ein Wiesental, so bunt wie dies hier am Tage ist, und -- ich kann das nicht beschreiben, es ist etwa so wie auf Böcklins Bild, eine kleine blaue Quelle, die sich durch die Blumenböschungen schlängelt, herab von einem Hügel unter großen, schattigen Bäumen. Und dort liegt Orest und --« sie stockte.

»Nun?« mahnte Jason in guter Langmut, »was tut er dort? Ja, das weißt du nicht? Vielleicht meinst du, er wartet. Ja, am Ende wartet er.«

»Oder auch nur, weil es so schön dort ist ...« sagte Esther mit einem kleinen Seufzer.

Über ihnen klang Magdas immer noch ein wenig matte Stimme, doch sehr gütig: »Als ich von den Toten wiederkam, die ich doch schon so nahe gesehn, durfte ich auch wieder in den Garten, nach all den schlaflosen Nächten, und das war gut. Freilich,« setzte sie mit dunklerer Stimme hinzu, »sie stehn immer hinter uns.« Und fast hart: »Sie sind ja die Unentrinnbaren.«

Eine Weile wars wiederum still, dann begann Jason:

»Ich glaube, daß er wartet. Er hat sich des Lächelns der Einen erinnert und beschlossen, sie zu erwarten. Er will sich zu ihren Füßen hinwerfen und bitten, daß sie ihn manchmal schlafen lassen. Er denkt, daß sie das nicht werden abschlagen können. Er fühlt sich so neu, kräftig und zu allem bereit, wenn nur etwas Hoffnung da ist.

»Und dann kommen sie nun. Ihm gegenüber ist der Tannenwald, aus dem der Weg hervorkommt, dem sie nahen, und die Jüngste geht voran. Er hält sich hinter einem Felsblock verborgen und sieht, wie sie nacheinander hervortreten und erfreut scheinen von der anmutigen Gegend. Zwei von ihnen legen sich im Tannenschatten ins Gras, aber die eine kommt bis zum Bach, kniet hin, legt Fackel und Dolch neben sich, bespiegelt sich und lächelt sich an. Da übermannt es ihn, und er tritt hervor.

»Wie er herabkommt, sieht sie auf und erschrickt. Sie greift nach ihren Waffen und erhascht den Dolch und springt auf, sieht ihn an, und da erkennt sie ihn nun; ihn, den sie ja zuvor nie, nur in jenem Augenblick des halben Wachens oder im Traum gesehn hat. Er sieht wohl schrecklich aus, in seinem grauen, zerfetzten Mantel, mit dem wirren, schwarzen Haar und dem gelben, eingeschrumpften Gesicht, aber seine Augen strahlen seltsam, und sie muß lächeln und streckt wieder die Arme aus, seufzt und stammelt etwas, und -- was geschieht nun?

»Jetzt sieht er auf einmal alles schwarz umher werden. Schwarz jede Blume, schwarz das Gras, schwarz die Tannenwand, schwarz wie Marmor den Quell und schwarz den Himmel. Aus der Erde schauert es eisigkalt, und es durchschaudert sie. Sie windet sich seltsam, als werde sie unsichtbar ergriffen und nach unten gezerrt, ihr Lächeln, wie etwas Erdrosseltes, stirbt, sie öffnet die Lippen, will schreien, da fühlt sie, daß sie hinunter muß, sie verzweifelt, sie zuckt, da erblickt sie ihren Dolch, sie ringt sich noch ein Lächeln ab, erfaßt eine Strähne ihres braunen Haares, sie schneidet zu, sie trennt die Locke, sie wirft sie gegen sein Gesicht hin, das ihr noch glänzt. Langsam nun, blaß und blässer, wie ein farbloser Regenschauer, gleitet sie hinunter in den schwarzen Quell; ihre Füße, ihre Hüften, ihre Schultern verschwinden, noch schwebt ihr schmerzliches Gesicht, lächelnd mit einer späten Qual über dem Schwarzen, und erlischt darin.

»Hades rief sie hinunter. Sie hatte vergessen, wer sie war, vergessen den Haß und Tartaros, ihren Ursprung; da zog er sie zu sich herab. Und er --

»Er warf sich über die Stelle hin, wo sie versunken war, griff in die Flut und -- nun, Esther?«

»Er faßte -- er erfaßte die großen Büschel schwarzer Iris, die rund herum aufgeschossen waren, und --«

»Und es ward langsam wieder hell um ihn, alles ward wie vorher, dort aber, wo der Weg in die Tannenwand schwindet, haben sich die beiden Schwestern aufgestellt, gleichmütig, gegürtet, abwartend.

»Er aber, schwer aufstehend, gewahrt einen braunen Falter, rostrot glänzend im Sonnenlicht, der gegen ihn fliegt, seinen Mund berührt und zurückbebt und davon und wieder heran und über seine Stirn hin und wieder fort und noch einmal heran, einen Kreis windend um seine ausgestreckte Hand und jetzt fort, auf und nieder, hierhin und dorthin schaukelnd, den Weg hinab und zwischen den Tannen fort. Er aber, wie an einem goldenen Faden nachgezogen, folgt, ein wenig staunend, ein wenig lächelnd, sich vergessend. Er sieht die Schwestern dastehn, er will zwischen ihnen hindurch, er erschrickt, es stehen da zwei schweigsame Fichten links und rechts vom Wege, ernsthaft, auf ihn heruntersehend, dieweil vor ihm das rostrote Blatt in der Sonne im Tannengang leuchtet, und er folgt.«

Obwohl Jason schwieg, schien es den Andern, als halte er nur inne und bedenke die kommenden Worte. Schließlich fragte die Stimme des Malers aus dem Finstern: »Ist das alles?«

»Die Erinnyen sind ja fort«, sagte Jason, während gleichzeitig Esther ein tief ungläubiges »Oh nein!« hervorstieß.

Jason schwieg und sagte nach einer Weile leise: »Kinder! Was denkt ihr denn nun?«

Esthers Gesicht, der weiße Schein davon, war verschwunden; an ihrer Stimme konnten die Andern hören, daß ihre Hände davor waren; sie bat:

»Mach ihn heil, Jason! Die Wunden von ihren Dolchen werden wieder aufbrechen, und das Gift ... Mach ihn ganz heil!«

Und auch Magda erklärte mitleidvoll: »Er war doch unschuldig. Daß er die Mörderin seines Vaters erschlug, das war fromm, und die Götter wollten es. Ich meine --« sie rang mit den Worten, »es giebt Sünde und Sühne, Bös und Gut, aber es ist nichts einzeln davon, Eines wohnt immer im Andern, und Orestes büßte lange und wurde schließlich befreit -- wenn ich mich recht erinnere ...« schloß sie zaudernd.

»Es kommt vor,« hörten sie den Maler von fern, »wenn ich ein Bild machen will, daß ich meine, es müßten zwei gemalt werden. Nicht wegen der Stimmung in der Natur oder so, sondern --, etwa, wenn ich einen Kranken malen wollte, so müßte ich auch einen Gesunden machen, damit man sieht, was all das heißt. Allerdings,« setzte er, sich räuspernd, hinzu, »das darf nicht sein, obgleich ich mich einmal nur schwer entschließen konnte, denn«, schloß er bedachtsam, »Kunst ist für sich und giebt Gesetze.«

»Orest kam nun,« fuhr Jason fort, nachdem er Bescheid erhalten, »Orest kam nun, dem Schmetterling folgend, am neuen Abend wieder zu einer Treppe und zu einem Tempel. Schön leuchteten sie beide von weit, Stufen, Säulenreihn und farbiges Dach, aber der Weg war nicht gut gewesen, alle Wunden brannten wieder, auch die Füße, und oft mußte er stehen bleiben, wenn er hinter sich das alte Zischeln und Raunen zu hören glaubte, auch begriff er nicht, weshalb er hinter diesem schaukelnden Blatt einherging. Nun aber sah er die Treppe und erkannte sie gleich, auch das Mädchen, das auf der untersten Stufe saß, gebückt, als betrachte sie etwas in ihrem Schoße. Wie er näher kam, schaute sie auf, und da sah er den Falter mit Heftigkeit gegen ihre Lippen fliegen, worauf er augenblicklich in ihrem Haar verschwand. So ging er auf sie zu, die still saß und ganz wenig lächelte.

»Was tust du hier?« fragte er, indem er bemerkte, daß sie ihre Silberschale voll Milch mit beiden Händen im Schoß hielt. »Still!« sagte sie, »bleib ruhig stehn! Sie müssen gleich kommen.« Und sie pfiff ganz leise zwischen den Zähnen. Alsbald raschelte es im Gebüsch neben dem linken Treppenkopf, und zwei Schlangen, so lang wie ein Arm jede, die eine dunkelbraun, die andre dunkelblau schillernd, kamen hervor, glitten herbei, kletterten links und rechts von der Sitzenden die Stufen empor und begannen von der Milch zu schlürfen. »Erkläre mir dieses!« sagte Orest.

»Dies«, erklärte das Mädchen, »sind die heiligen Schlangen. Zwei Schlangen trägt der Gott des Schlafs, eine giftige und eine gute. Die giftige träufelt bösen Seim auf das Herz der Bösen, die gute aber ringelt sich über dem Herzen der Guten zusammen und macht es kühl.«

»Oh,« sagte er enttäuscht, »so giebt es doch Böse und Gute!«

»Jeder,« sagte sie leise, »jeder ist jedes zu dieser und jener Zeit.«

»Und eine von diesen ist also giftig?« fragte er.

»Diese nicht,« sagte sie lächelnd, »sie stellt ja nur eine giftige vor.« Orestes beugte sich, um die braune zu streicheln, da zückte ihr Kopf empor, und schon hing sie an seiner Hand. Schnell packte er mit der Linken in das Haar des Mädchens, bog ihren Kopf zurück und schrie: »Jetzt erkenne ich dich! Du bist --« Da er einhielt, sagte sie leise, den Kopf zurückbiegend, um seinen Griff zu erleichtern: »Wer soll ich denn sein?« Und während er noch, heftig atmend, die Zähne in der Lippe, in dies Antlitz starrte, das ihm gar zu ähnlich dem andern schien, das versank, hörte er sie, auf die Schlange deutend, flüstern: »Sieh doch, sie saugt ja!« Plötzlich fühlte er eine rieselnde Erleichterung durch seine Glieder strömen; wonnig aufgelöst stand er und blickte auf das Tier herab, das von seiner Hand hing wie ein brauner Riemen, glaubte zu sehn, wie die Wunden seiner Füße sich schlossen, seine Brust sich schloß, und stammelte endlich, halb lachend, halb schluchzend, seine Worte von vorhin: »Erkläre mir dieses, Kind!«

Sie nahm seine Hand aus ihrem Haar, gab sie ihm zurück und sprach:

»Zwei Schlangen, Gastfreund, eine giftige, eine gute. Hast du nie gehört, daß alle Dinge verschwistert sind? Vielleicht war ich selbst eine Schwester und habs nicht gewußt. Ja, vielleicht bin ich eine Schwester von der, die du -- sieh!« unterbrach sie sich.

Die Schlange, auf die ihre Augen wiesen, war heruntergefallen, lag einen Augenblick still, ringelte sich ein paar Schritte hinweg, rollte sich zusammen und lag in der Sonne, blinzelnd. Die andre aber schlich herbei und legte sich schön darüber, so lang wie sie war.

»Ich glaube,« schloß Jason mit Bedacht, »Orest konnte jetzt zu der Gottheit hineingehn, um zu zeigen, daß er rein war.«

* * * * *

Lange Zeit saßen sie schweigsam. Dann hörten sie, daß der Maler aufstand und gegen etwas im Dunkel stieß. Und dann hörten wohl nur Magda und Esther Jason sprechen, kaum vernehmbar leise:

»Wenn wir jetzt Licht machen, und jemand, der vielleicht unten steht, so ein Orest, sieht den sanften grünen Schein unseres Fensters hier oben, der weiß nichts von den drei Gesichtern und von den Leben und den Schicksalen, die wir sind. Der denkt nur: Dort oben muß es schön sein ...«

Seine Stimme erlosch, und als sie ihn gleich darauf wieder sprechen hörten, schienen es ihnen Verse zu sein, doch vernahmen sie, ein jeder in sich selber versunken, nicht mehr davon als eine ferne Musik ohne Worte. Bald darauf stand Magda auf, ging zwischen Esther und Jason hindurch zur Wand und drehte die Kurbel für das Licht; als es aufflammte, kniffen sie Alle geblendet die Augen zu, und Esther sagte, die Handrücken gegen die Lider drückend: »Aber Jason, nun sind es doch vier Schwestern gewesen, davon drei böse und nur eine gut!« Indem ging Magda schon durch das Zimmer, öffnete die Tür, wandte sich noch einmal, grüßte müde und gütig und verschwand. Auch Jason schien zu lächeln, sagte aber nichts, und so trat denn Maler Bogner, der älter war als sie Alle, auf das Mädchen zu, legte eine Hand auf ihren Kopf und sagte freundlich:

»Das Gute, Esther, ist doch immer in der Minderzahl.«

Sprachs, nickte und ging hinaus. Esther folgte still, als letzter Jason, der das Licht wieder löschte.

* * * * *

Die Verse aber, die er gesprochen hatte, lauteten folgendermaßen:

O Nacht! O Tiefe! Drunten auf den Stufen, Du weißt es, schläft die Eumenide nun ... Noch ist die Gottheit leise anzurufen, So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn.

Die Säule klingt; die dunkle Wölbung schwindet; Gestirne wandern über Wäldern fort. -- Blick hin: Er steht schon längst im Dunkel dort, Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.

Renate, die Augen hebend vom letzten Wort, verwunderte sich, keine Dunkelheit, sondern nur die Dämmerung um sich her zu finden, die vom ohnehin trüben Tage durch das verschleierte Glas bewirkt wurde. Während ihre Lider sich zusammenzogen, sah sie immer größer den fernen gotischen Bogen ragen, und nun war es ein Tor; es schien ausgefüllt vom unendlichen Grün einer Ebene, und winzig klein auf ihr erschien eine schwarze Gestalt -- Josef --, die mit rasender Geschwindigkeit daherfuhr, ohne jedoch größer zu werden, und Renate empfand, daß die Gestalt nicht mehr an die Zeit gebunden war, sondern außerhalb ihrer dahinjagte wie ein Gestirn. Alsbald aber spürte sie, daß sie an ihrem eigenen Blick hing, daß der an ihr zog, und sie zwang ihn zu Kraft und Willen, zog mit ganzem Dasein, -- allein die Gestalt blieb so klein, wie sie war, und auf einmal war da das Fenster.

War es wieder da? fragte Renate sich betäubt. Aber so war es doch nie? War doch immer nur -- Erscheinung? Wann hätte ich je selber hineingegriffen? -- Der Gedanke aber, Josef stehe unten und warte, daß sie ihn einlasse, überfiel sie mit solcher Gewalt, daß sie sich kaum halten konnte im Stuhl, gequält vom Reiz, das Fenster zu öffnen, was ja nicht möglich war, da nur die kleinen Quadrate sich auftun ließen.

Warum denn nur, mein Gott, warum kann ich ihn nicht rufen?

Nein, fuhr sie auf, nein! Er soll nicht meinetwegen kommen! Wenn er denn kein Herz hat für den Vater, -- was könnte dann auch sein Kommen auswirken? -- Und sich zur Ruhe zwingend, lenkte sie die Augen wieder auf den Schluß der Legende, über den sie schon, ganz im Gedanken an Josef, nur hingeglitten war, und las noch einmal: >Das Gute ist doch stets in der Minderzahl< und dann die Verszeilen:

>Gestirne wandern über Wäldern fort. -- Blick hin: Er steht schon längst im Dunkel dort ...<

Mit einem gellenden Schrei fuhr sie zur Tür herum, zitterte und strauchelte im Stehn. Da war nichts. Ihr Herz jagte. Nach endlosem Warten hörte sie Schritte im Treppenhaus, trat, unfähig länger auszuhalten, zur Tür und öffnete. Unten, wo die Treppe sich wendete, erschien die weiße Tolle des Hausmädchens, dann sie selber ganz im rosa Waschkleid und weißer Schürze, blieb Renate erkennend stehn, lächelte und sagte: »Frau Tregiorni ist gekommen. Und Herr Saint-Georges ist schon lange da.«

»Ich komme«, erwiderte Renate heiser und zog die Tür zu, nur um zu verbergen, daß sie nicht aufrecht bleiben konnte. Minuten später hatte sie sich wieder gewonnen und verließ den Raum.

Hier enden des sechsten Buches neun Kapitel oder ebenso viele Monate.

Inhalt

Viertes Buch

Erstes Kapitel: Mai Heimweh 7 Magda 23 Bei Saint-Georges 30 Balto-Borussia 44 Kaddisch 64

Zweites Kapitel: Juni Begegnung 77 Erasmus 89 Mensur 96 Esther 105

Drittes Kapitel: Juli Die Friedliebende Gesellschaft 112 Schatten 129 Drei Gespräche: Das erste 147 Drei Gespräche: Das zweite 158 Drei Gespräche: Das dritte 176

Viertes Kapitel: August Hora 192

Fünftes Kapitel: September Vergangenheit 205

Sechstes Kapitel: Oktober Abschied 222 Sonnenblume 244

Siebentes Kapitel: November Renate an Saint-Georges 255 Erschöpfung 282

Achtes Kapitel: Dezember Renate an Magda 288 Heiliger Abend 292

Neuntes Kapitel: Januar Georg an Benno 305

Fünftes Buch

Erstes Kapitel: Februar Ulrika 313

Zweites Kapitel: März Leda 331 Renate 347

Drittes Kapitel: April Tandem 361 Cora 374 Überraschungen 383

Viertes Kapitel: Mai Haus Herzbruch 397

Fünftes Kapitel: Juni Emmaus 414 Rubinglas 440

Sechstes Kapitel: Juli Requiem 462 Sommer 476

Siebentes Kapitel: August Frühe 492

Achtes Kapitel: September Regen 506 Wiederkunft 528

Neuntes Kapitel: Oktober Cordelia 563

Sechstes Buch

Erstes Kapitel: November Berlin 597

Zweites Kapitel: Dezember Sylvester 614

Drittes Kapitel: Januar Neujahr 627

Viertes Kapitel: Februar Wirrnis 639

Fünftes Kapitel: März Wiedersehn 675 Neuigkeiten 688 Flut und Ebbe 698

Sechstes Kapitel: April Zinna 741

Siebentes Kapitel: Mai Klemens 749 Schrecken 782

Achtes Kapitel: Juni Krank 787

Neuntes Kapitel: Juli Legende 820

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Korrekturen (vorher/nachher):