Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 53
Sein Vater lachte und beugte sich zu ihm; indem sah Georg und sah auch sein Vater, scheinbar erst jetzt, die mütterliche Rundung von Virgos Leib. Seinen Vater schien das zu verwundern; sie senkte unter seinem Blick langsam die Stirn und sagte unsicher: »Ich bin eine Mutter ...«
Georg rührte das sehr, und es schien ihm natürlich, daß sein Vater auf einmal ihr Gesicht vorsichtig in die Hände nahm und sie auf die Stirn küßte.
Nun war eine sehr lange Zeit alles fort. Plötzlich fuhr Georg empor; sein Vater saß, ein breiter Schatten, im Stuhl, den Rücken am Schreibtisch; es war undeutliche Bewegung im Zimmer, dann stand da ein Mensch, Georg erkannte den Grafen Badenbach, dachte: Ach, richtig, er kommt wegen der Verlobung! -- und fühlte fröstelnd die beruhigende Anwesenheit seines Vaters. -- Aber wie still es war!
Georg setzte sich mit einem Ruck auf und starrte den Kammerherrn an. Der stand da in seiner Nähe, die Hände zusammengelegt, wie -- wie an einer Bahre; sein Gesicht war sehr bleich mit roten Flecken, aber er sah sehr würdig aus.
»Ist sie tot?« fragte Georg entsetzt.
Der Kammerrat neigte zweimal langsam das Haupt. Georg nahm alle Kraft zusammen und setzte sich grade aufrecht. Sein Kopf wollte schwer nach vorn überhangen, er bezwang sich, dachte: Gott sei Dank! Gott sei Dank! und ein leises Mitleid mischte sich flüchtig in die Erleichterung, die er aber nicht nur für sich, sondern auch für die Tote mit empfinden konnte. Eine hauchende Stimme sagte: Tröstherzeleid ... Er hörte den Grafen sprechen.
»Sie ist erlöst, ihr ist wohl. Aber sie litt unsägliche Qualen zuvor. Die Schuld daran trifft zunächst mich. Ich werde --«
»Und wen außerdem?« fragte der Herzog mit gedämpfter Stimme.
»Außerdem den Fragenden«, versetzte der Kammerrat ruhig. »Den Eingriff in die zarteste, verletzlichste aller Seelen Ihnen, durchlauchtiger Fürst, zum Vorwurf zu machen, habe ich kein Recht. Die Folge liegt sichtbar vor Augen. Die Sonnenblume dreht sich zur Sonne unabänderlich, so stand ihre Seele zu mir gerichtet, und Sie griffen zu, um sie herumzudrehn. Sie blieb bei der Richtung, die ihr gelehrt, die ihr innerster Sinn und eigentliches Leben war, aber sie litt unsagbar, sie verzehrte sich, sie ward schwach, und eine Ohnmacht verursachte dem armen Hirn die Erschütterung, der sie nun erlag. Die ganze Größe der Schuld ist aber mein.«
Die Worte dröhnten und rauschten stromhaft durch Georgs kranken Kopf, und jeder Satz brannte in lichter Flamme hoch, ehe er einem neuen wich.
»Zu meiner Verteidigung«, fuhr er fort, »habe ich nichts für mich selbst und vor Gott als die Vasallenpflicht, die mir gebot, das Geschlecht meines königlichen Herrn zu erhalten. Nun es erlosch, bin ich frei, diese dumpfe und traurige Welt mit einer stilleren zu vertauschen, wo sich meine sündige Seele unter unablässigen Kasteiungen und inniger Reue ...«
Wenn er noch etwas sagte, so vernahm Georg es doch nicht mehr. Er fühlte, daß irgend jemand zu ihm trat, er wurde aufgehoben, fortgetragen und sehr tief niedergelegt. Dann war dichte Finsternis, in die er verlöschend hineinglitt.
* * * * *
Im Finstern wachte Georg auf und fühlte sich schwach, jedoch klar im Kopf. Ganz fern schien ein winziges Lämpchen zu brennen. Er lag wohl in seinem Bett, konnte es jedoch nicht mit Sicherheit feststellen. Er faßte nach seinem Puls, bekam ein glühend heißes Handgelenk von ungeheurer Größe zu fassen und wußte gleich darauf schon nicht mehr, ob er träume oder schlafe. Er hatte Angst, der Kammerrat könnte kommen, und auf einmal wußte er, daß Sigune tot sei. Ja, sie war tot, und er selber konnte sterben. Sterben war schrecklich. Er sah, ohne deutliche Vorstellung, aber er fühlte sich irgendwo unter der Erde liegen, und die ganze Welt ging ihren Gang weiter. Das war das Schreckliche, das war unerträglich. Da war der Platz am Café, Trambahnen fuhren, Menschen eilten hin und her, aus dem Gewühl kam Renate und ging an den Läden hinunter, blickte seitwärts gegen eine Spiegelscheibe und faßte nach ihrem Hut. Er aber lag begraben, und alles dies hörte keinen Augenblick auf, oh, es war entsetzlich! -- Da fühlte er, wie das Fieber in ihm schwoll, er wehrte sich, er wollte es nicht, lag, glühendheiß übergossen, und stöhnte schnaufend: O dies entsetzlich Pausenlose! -- An dieses schlossen sich deutlich die Worte an: Könnte man doch, könnte man einmal nur, für keinen Tag, für keine Stunde, ach, für Augenblicke nur befreit von diesem Dasein sein! Nichts sein als Aufatmen! Und daß man hinziehn könnte einmal nur, Betrachtung nur und Geist und Seelenfriede! Erleichterung der Brust, Bewußtsein nur des unzerteilten Seins, leicht wie ein sommerliches Rauschen in den Bäumen, wie Blumen leicht, wie Wiesenhalme, die im Winde stehn, jedoch es wissen, wunschlos wissen, reuelos es wissen, -- ach, sodann verlöre wohl der Tod den Stachel, mit welchem Ernst, mit welcher Ruhe würden wir von neuem alles Dasein auf uns nehmen, wieviel würden wir geübter, williger und tapferer sein! O dies entsetzlich Pausenlose! Marter, Kette dieser Tage, dieser Stunden, dieser Atemzüge, wo nicht eine, eine Lücke, keine Leere, keine Leere, kein Sichausruhn uns begütigt, Schlaf selbst Unrast nur und Traum und Fieber, nirgend Aufenthalt, kein kleinster Stillstand, Neues immer, Neues immer, hingerissen, fortgeschoben, ohne Ende, -- sondern ewig, ewiglich, schon vor uns längst im Gang, und durch uns weiter, weiter dröhnt das pausenlose Pochen der Sekunden ...
Ihm stand der Angstschweiß auf der Stirn. Die Worte fingen von vorn an, wickelten sich wie Stricke umeinander, schallten stets von neuem auf, nicht niederzudrücken, so schnellten sie empor, nicht abzuschneiden, sie wuchsen geradewegs weiter, -- er röchelte, sein Hals glühte, er faßte danach und ritzte sich an einer Nadel. Nachfühlend, glaubte er eine Brosche zu fassen, die er unter unsäglicher Mühe aufmachte, dann faßte er das Heiße, das um seinen Hals lag, zerrte daran, es war lang, -- ein Strumpf, ein langer Strumpf, -- endlich war sein Hals frei, er ließ ihn wonnig die Kühle atmen und fühlte sich erleichtert. Jetzt den Strumpf abtastend, wußte er plötzlich, daß es ein Strumpf von Virgo war. Er lächelte erst, -- dann hob er ihn an den Mund, fühlte den weichen Flor, preßte ihn wütend an die Lippen, grub sie und Stirn und Augen in das glühende Kissen, schluchzte herzbrechend auf und stammelte weinend und unaufhörlich: Ich liebe dich doch! ich liebe dich, ich liebe dich! --
Danach kam Dunkel, kam Schlaf, kamen andre Träume.
Neuntes Kapitel: Juli
Legende
Renate bekam an ihrem Geburtstage ein großes Schreiben mit Jasons ganz kleiner, schwarzer und überaus zierlicher Schrift, aus dem ein kleiner Brief und mehrere beschriebene Bogen herausfielen. Der Brief lautete:
Liebe Renate:
Den Menschen Jason bekümmert es, nicht an Deinem diesjährigen Geburtstagsfeste, sich beglückwünschend, erscheinen zu können, also muß er schreiben. Auf der Suche nach einer Gabe erinnerte er sich eines Wunsches von Renate, eine der Geschichten, die er in den Zeiten der Friedliebenden Gesellschaft erzählte -- insbesondere eine von ihr nicht gehörte -- aufgeschrieben zu bekommen. Dies tut er gerne. Es freute ihn dabei, auch einiges von den Menschenwesen, die sich an der Erzählung gewissermaßen beteiligten -- wie Du sehen wirst -- mit festhalten zu können: sein Gedächtnis erwies sich noch jugendfrisch und in Anbetracht des guten Zweckes also einmal erfreulich. Einiges ist wohl trotzdem erfunden worden, und es wird dann nicht das Schlechtere sein, sintemal nur in sehr wenig Menschen das nicht zu sein pflegt, was man in ihnen vermutet, auch wenn sie es nicht äußern.
Herzliche Grüße sendet Jason
Renate, die noch am Frühstückstisch dies gelesen hatte, nahm den Brief zusammen, wollte in ihr Zimmer hinauf, stieg aber versehentlich höher und betrat das Josefs. Dort im Sessel sitzend und die Blätter mit Jasons Geschichte aufschlagend, merkte sie dann freilich gleich, aus welchem Grunde sie hier zu lesen hatte und nirgend anders. Sie las:
Orest und die Eumenide (eine Legende im Rahmen)
Sie saßen zusammen im Erker des gotischen Fensters, während es Abend wurde, Esther, Magda, der Maler Bogner und Jason, der zuletzt kam. Zuerst war es Esther allein gewesen, die dicht neben der großen, fast bis zur Erde reichenden, grünlichen Glaswand saß, hoch über sich die schöne Wölbung des spitzen Bogens, das kleine, schwarze Chinahaupt, die reine Stirn, die dunkel brennenden Augen unter den runden Brauen über ihre buntfarbene Stickerei gebeugt, in der Faden um Faden unter den hurtigen Schritten der Stiche aufging, während hin und wieder ein Hauch der Sommerabendluft die kleine, lose Haarsträhne über ihrer Stirn aufhob und sanft zauste, hereinwehend aus einem der kleinen Vierecke, die wahllos über die Fläche der Scheibe verteilt, alle offen standen, so daß jedes ein Quadratstück der Landschaft in der Tiefe enthielt, dieses nur Wiesengrün, jenes einen Ausschnitt vom Bahndamm, jenes ein paar Türme der Stadt weit hinten, und dieses die still und geruhig rauchenden Schlote der Zuckerfabrik ganz rechts. Magda, die dann herausgekommen war, hatte sich nach ein paar freundlichen Worten ans Fenster gestellt, groß, schmal und blaß von Antlitz und Haar, hinausblickend durch das Viereck, das sie gerade vor Augen hatte, in dem nur der Abendhimmel war, licht und von jenseit zart golden durchleuchtet, aber sie hatte nun die ganze Abendgegend unter sich, die Weiden, die dunstige Stadt mit Kuppeln und Türmen, das Wehr und den Fluß zur Linken, und dahinter das Blau der Hügelrücken; und so fand sie der Maler. Aber sein immer graues und bartloses Gesicht hatte sich nur eine Minute, während er seine kurze Pfeife stopfte, über Esther und ihre Arbeit geneigt, und er war in seiner sachten Art wieder im schon dämmerigen Hintergrund verschwunden, wo er vor den Bücherregalen saß; daß er nicht hinausgegangen war, merkten sie im Fenster nur an dem süßlichen Geruch des Qualms, der ab und zu vorüber wehte und ins Freie zog. Schließlich erschien dann Jason al Manachs Gestalt, der, in den Sessel Esther gegenüber versinkend, gleich sagte, er wäre im Museum gewesen. Danach machte er eine Pause, aber der Maler schwieg natürlich, Esther hatte gerade ein paar Seidensträhnen von ähnlichem Grün über ein halb gesticktes Blatt gelegt und betrachtete das mit kleinen, prüfenden Grimassen der Brauen und der Zungenspitze und so versuchte die immer Gütige, Magda, ein wenig sich hinüberwendend, ein leises: »Nun, und?«
»Da traf ich den jungen Stupitzka, den Archäologen, und er erklärte mir alles. Die Archäologen sind doch die freundlichsten Menschen«, sagte Jason. Esther blickte ihn schnell an, ein bißchen ungläubig, um nicht zu sagen spöttisch, und was sie meinen mochte, drückte dann Magda aus: es gäbe wohl keine Menschenart, von der er, Jason, nicht, wenn die Rede darauf käme, versicherte, daß sie die freundlichsten seien. »Und nun, -- was gab es Besonderes zu sehen?« --
Jason, zu ihr, die wieder hinausblickte, aufsehend, indem er still für sich die Spuren der langen Krankheit, der Schlaflosigkeit und der Schmerzen auf ihrem in sich vergehenden Gesicht zählte, sagte:
»Etwas Einziges. Den Kopf eines schlafenden Mädchens, das unserer Ulrika ähnlich sah, -- wißt ihr, wenn sie anfangen will zu spielen, die Brauen sich heben, steiler scheinen und ein ernster Schatten über ihr zartes Gesicht fällt. -- Sie war nun freilich überlebensgroß, graugelb getönter Gips, aber dennoch ...«
Er fuhr fort, eine Abbildung müsse in einer der Mappen auf dem Schrank sein, und gleich ging Magda, bereit, jederzeit einen Auftrag zu hören und ihn auf sich zu beziehn, hinüber und schleppte die Mappen her, legte sie neben Jason auf die Erde, und der hatte bald gefunden.
»Seht ihr, das ist sie!« sagte er erfreut. (Esther entschloß sich, einen Augenblick aufzuhören mit Sticheln und Fadenabschneiden.) »Sie schläft. Seht ihr hier das Ohr unter den Wellen des Haares, wie einen Eingang in geheimnisvolle Tiefen? Sie schläft, was mag hier eindringen? Es ist recht ernst, dies Profil, -- die Brauen ... Wie schön es im Schlaf auf die Seite gesunken ist!« Er sah zu Magdas und Bogners -- der war hinzugetreten -- Gesichtern auf, lächelte und fragte: »Was meint ihr, wer ist es?«
»Muß es jemand sein?« fragte der Maler.
»Ja,« erwiderte Jason, »diese Griechen machten immer etwas, das etwas war.«
»Also vielleicht die Gorgo«, schlug Bogner vor. -- Esther, die den Kopf nur umgekehrt, von oben, gesehen hatte, sagte, wieder zu ihrer Arbeit zurückkehrend, die Gorgo wäre doch wohl wild und häßlich.
»Nun, nun,« meinte Jason, »du vergißt ja die Rondanische. Denke auch an das schöne Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer. Ja, es könnte die Meduse sein; sie war ein geheimnisvolles Wesen, sie war nicht häßlich, ihr Anblick versteinte, das war ein Fluch, sie konnte nichts dafür; wenn sie schlief, war sie unschuldig, dann könnte sie so ausgesehen haben. Ich will es euch sagen,« fuhr er fort, »denn ich selber hielt sie für die Gorgo, aber der junge Stupitzka hat mir gesagt, daß es eine Eumenide ist. Sie verfolgten den Orest, der seine Mutter erschlagen hatte, das wißt ihr ja, und als er sich eines Nachts in einen Tempel geflüchtet hatte, wohin ihm die Dämonen nicht folgen durften, lagerten sie sich draußen auf den Stufen und schliefen auch. Dies ist eine von ihnen.«
Es war nun eine Weile still, nachdem die dunkle und melodische Stimme verhallt war. Sie hörten den kleinen Schrei einer Lokomotive fern, und Magda, die wieder an ihrem Ausguck stand, und auch der Maler, der an ihrem Kopf vorüber hinaussah, bemerkten den kleinen Zug, wie er sich über die schnurgerade Linie des Bahndammes bewegte, und die weißen Rauchballen, die über die Weideflächen leicht davonsprangen, sich auflösend in die goldene Luft.
»Das finde ich nun schön,« sagte Jason leiser: »auch die Erinnye schläft einmal. Was uns verfolgt und quält, einmal läßt es uns ruhen; auch das Quälende bedarf des Schlafs.«
Esther hatte einen lichtblauen Faden zwischen den Zähnen, zog ihn mit beiden Händen langsam hin und her, während sie irgendwohin blickte, in das verschwommene Grün der Wipfel hinter dem Grün des Glases, bis der Faden mit einem kleinen Ruck zerriß, und sie sagte eilfertig, von oben auf die Abbildung herunterblickend, wie ein Schwan auf sein Spiegelbild:
»Das ist -- --, wenn ich so deine Worte höre: Auch die Erinnye schläft ... und dies Gesicht dabei sehe, dann steigt etwas daraus auf wie --« Sie stockte und blickte erst zu Bogner auf, der noch immer betrachtete aus seiner Höhe, dann in Jasons Gesicht. Während ein Lächeln und das Erröten zugleich auf ihren Wangen langsam aufschwebte, war es ihr, als ob er magisch aus ihr herauszöge, was er sagte:
»Wie Legende, nicht wahr? Als gäbe es etwas zu erzählen.« Da nickte sie zufriedengestellt, als würde er flugs anfangen, und begann einzufädeln.
»Das sagst du so,« meinte Jason, »daß ich nun erzählen soll. Freilich ist da etwas, aber nun ist es bloß ein Anfang, und alles Übrige fehlt. Nun, vielleicht findet ihr selber es nachher, also setzt euch.«
Er winkte zu Magda und Bogner, und während dieser sich wieder in sein Dunkel zurückzog, setzte sie sich auf die weiche Lehne von Esthers Ledersessel. Jason, aus den vielfarbigen Seidendocken auf dem Tischchen neben Esther eine dunkelrote ergreifend, die er langsam durch die Finger gleiten ließ, fing an.
* * * * *
»Am siebenten Abend nach dem Beginn der Verfolgung, nachdem er ohne Unterlaß bei Tage hinter sich die Schritte und das Rauschen der Kleider, das Zischen der Nattern und die halblauten, höhnischen und gehässigen Gespräche der drei Schwestern gehört -- er hörte sie nur, sie waren fort, wenn er sich wandte --, bei Nacht aber, wenn er sich wie ein Bündel irgendwo hingeworfen, ihre Dolche in seiner Brust, ihre Vipern um seinen Hals, ihren giftigen Atem über seinem Gesicht gespürt hatte, schlaflos bis zum Morgengraun, wo sie schwanden, -- am siebenten Abend taumelte Orest eine Treppe hinauf und brach oben an etwas Kaltem und Steinernem zusammen. Als er nach langer Zeit wieder zu sich kam, gewahrte er, daß er im Eingange eines Tempels lag, eines großen, dämmrigen Raums hinter einer Säulenreihe, der wie eine leere Höhle, wie eine Lichtung in Wäldern von unzählbaren, grauweißen Säulen lag, zwischen denen Gänge erschienen; Säulen, riesige, breite, stumme, bedrohliche, ernste überall, aber in der Mitte der hohen Halle, auf einem schlichten Postament, stand einsam die kleine Statue des Gottes aus dunklem Silber, der ein junger Mann in einer knappen Tunika war. Sein Antlitz war im Dunkel dort nicht mehr zu erkennen, deutlich jedoch die beiden kleinen Vogelflügel an seinen Schläfen. Es war der Gott des Schlafs.
»Orest, Atem schöpfend, sah jetzt nach draußen aus dem breiten Tor, an dessen Pfeiler er lag. Dreimal vier lang hingestreckte und flache Stufen führten hinunter; drunten aber war nichts als die Ebene, die kahl war, baumlos, hügellos, glatt und grau bis zum Rauch des düstern, geröteten Abendhimmels. Aus dem Dunst der traurigen Ferne aber löste sich alsbald eine graue Gestalt, gerötet, wie in Blut getaucht, und schien zu kommen. Sie kam, und hinter ihr ein grauroter Schatten, der ersten gleich, und ein dritter hinter der zweiten. Es waren die Schwestern, die so durch die schweigsame Abendebene heranzogen, die an diesem Nachmittage der Wirbel seiner rasenden Füße hinter sich gelassen hatte, und er stöhnte leise, stand auf, und ihm fiel ein, daß hier eine Zuflucht sei, wie er es wußte aus den Legenden von Übeltätern, die er in seiner Kindheit gehört, -- nun war er selber solch einer. Er sah, daß seine Füße blutig waren, und schlich mühselig bis zur Statue des Gottes, sah die blauen Augen aus Edelstein in dem dunklen, freundlichen, kleinen Silbergesicht, legte die Hände zusammen und bewegte die Lippen. Darauf schlürfte er eilig zur Türe zurück, und es gelang ihm mit seiner letzten Kraft, die großen Bronzeflügel einen nach dem andern zu bewegen und zusammenzuschlagen.
»Nun stand er im Finstern, schwankend auf unerträglich brennenden Füßen, todmüde, lechzend, sich irgendwo niederzulegen zwischen den Säulen. Im selben Augenblick jedoch, als er die schon zugefallenen Lider noch einmal öffnete, gewahrte er zu seiner Linken ganz fern einen Lichtschein im Dunkel. Wie es langsam heller wurde, sah er den Lichtkreis eines Lämpchens, den Schatten einer gehenden Gestalt, sah die ersten, dunkel droben aus dem Schatten der Wölbung auftauchenden Häupter der Säulen und sah bei aller Müdigkeit doch, wie schön und feierlich das war, da links und rechts Säulenpaar um Säulenpaar aus der Nacht sichtbar wurde und hervortrat, dunkle Riesen erst, die alsbald rein und leuchtend wurden wie in weißen Gewändern, während schon neue Säulen dunkelten, bereit, hervorzutreten, und auch diese erglühten und strahlten, alle ernsthaft von droben herunterblickend auf die kleine weiße, daherwandelnde Gestalt, die zierliche Silberlampe in der linken, eine Schale von gleichem Metall leise blitzend in der rechten Hand.
»Jetzt, nahe dem letzten Säulenpaar drüben, blieb sie stehn, erhob die Hand mit der Leuchte, blickte zu ihm herüber und fragte -- es war ein Mädchen -- mit sanfter Stimme: Ist jemand hier? --
»Er machte ein paar Schritte, fast schreiend vor Schmerz, da die Sohlen am Boden klebten, und stieß ein paar rauhe Worte hervor. Das Mädchen zauderte, glitt dann herbei, hielt, da sie kleiner war als er, die Lampe gegen sein Gesicht empor, und er sah, welch mitleidige Augen sie machte. Du suchtest wohl Obdach? -- fragte sie freundlich. -- Er bemerkte seine aus dem zerrissenen Mantel vorgestreckten Hände, die sie gerade betrachtete, die grau und gelb waren und schrecklich anzusehn, habgierig, und: Was für Hände! sagte sie ergriffen, und dein Gesicht ist auch so! und das schwarze Haar, wie verwirrt und zottig! Du mußt entsetzlich müde sein, und es ist noch so weit zur Stadt, fuhr sie fort, aber hier bist du ja recht im Hause des Schlafs. Ich bin eine Dienerin von ihm, erklärte sie errötend, hier hab ich die Milch für die Schlangen. Es sauste ihm in den Ohren, er hörte nichts und stürzte zu Boden. Gleich kauerte sie neben ihm, setzte das Licht auf den spiegelnden Estrich, riß Streifen von seinem Mantel, löste die Riemen der zerfetzten Sandalen, wusch die Füße nach kurzem Zögern mit der heiligen Milch und verband sie. Schließlich nahm sie den Mantel unter ihm fort, rollte ihn zusammen und schob ihn unter seinen Nacken.
»Er richtete sich nun auf, starrte mit blöden Augen in das Licht, lachte ein wenig und fing an, sie zu sehn. Weißt du, wer ich bin? -- fragte er plötzlich. -- Nun, gleich, sagte sie, wenn ich dir nur helfen kann; du bist ein Armer jedenfalls, sagte sie. Er mußte in ihr ernstes, ruhiges Gesicht blicken, bemerkte, daß die Augen schön braun waren und auch das Haar, wollte sich wieder legen und hörte im gleichen Augenblick draußen Geräusch von Füßen und Stimmengewirr. Er sprang auf.
»Auch sie war aufgestanden und sah erschreckt, wie er dastand, gespannten Nackens, wütend, mit geballten Fäusten, wartend, lauschend mit Augen, Ohren, mit dem ganzen Leib. Dumpfe Schläge fielen gegen das Erz des Tors, er keuchte, Blut stieg ins Weiße seiner Augen, das Mädchen wich langsam, an seine Augen gefesselt, gegen die Tür zurück mit von sich gestreckten Armen und wiederholte mehrmals, angstvoll und eifrig versichernd: Niemand kommt herein! Niemand kommt herein! -- Ist das gewiß? schrie er laut. Wie willst du's denn wissen? Weißt du denn, wer ich bin? Ich bin Orest! Weißt du, wer die draußen sind? Weißt du, was sie halten, sahst du ihre Dolche, ihre Fackeln, ihre Vipern? -- Er brüllte. Herein! Kommt doch herein, ihr, wenn ihr könnt! Hört doch, ich bin drin! Ich, Orest, ich, der seine Mutter erschlug, ich! -- Draußen erscholl Geschrei, die ehernen Flügel zitterten und bewegten sich, es krachte im Gebälk. Vor der im Lichtschein glühenden Erzwand stand das Mädchen, bleich, hinter sich ihren Schatten hochaufgereckt bis ins Dunkel, da die Lampe noch dicht neben den Füßen des Flüchtlings auf den Fließen stand. Auf einmal kam er mit stampfenden Schritten gegen die Tür vor, knirschend: Geh! sie sollen herein! ich bin das satt! ich will sie jetzt packen, ich will hier mit ihnen die Treppe hinunterkollern wie ein Knäuel von Panthern und Schlangen! -- Das Mädchen packte seine Hände und rang mit ihm, er schleuderte sie weg, doch sie kam wieder, warf sich an ihn, umschlang ihn, sie keuchten, schließlich erlahmte der Mann und fiel langsam zusammen, während sie mit fliegenden Gliedern zur Tür zurückjagte, sich gegen die Fuge in der Mitte preßte, schlank wie ein Baum, als wollte sie hinein, sie zu verstopfen. So glitt sie langsam auch zu Boden und hockte dort, großäugig.
»Nur die Stöße seines Atems waren hörbar, auch draußen war es still. Ruhig stieg die vorher hin und her gescheuchte Flamme der silbernen Leuchte. Plötzlich aber sank sie in sich zusammen, wie auf Befehl, zu einem roten, glimmenden Funken, und während ein unendlich leises Flügelrauschen durch die Finsternis hinzuschweben schien, sank von hoch oben eine ernste, klare, langmütige Stimme hernieder und verhallte in alle Fernen des Hauses:
Schlaf, Mensch, so schlaf! Auch die Verfolgerin, Auch die Erinnye schläft.