Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 52

Chapter 523,805 wordsPublic domain

Die Augen fielen ihm wieder zu, aber im Eindämmern störte ihn Egon mit der Meldung, es täte der gnädigen Frau ganz schrecklich leid, aber Herr Doktor käme am Nachmittag aus Berlin, und sie würde nicht vor fünf, halb sechs da sein können. -- Ach, das war elend! Schlafen, dachte Georg, schlafen! Seine Schläfen glühten, die Gedanken fingen an, rasend zu arbeiten, er träumte oder phantasierte, er war an hundert Orten, sah Menschen über Menschen, Gesichter, die er nie gesehn, schwebten auf ihn zu, bewegten, verzerrten sich, manchmal nur Gebärden, Begriffe von Gebärden, ein wüstes Wirrsal, aus dem er in ein andres von Versen, Versstücken und Gedichten stürzte, erhitzten Gehirns, stumpf daliegend, aber aus diesem erlöste ihn plötzlich Jason al Manachs freundliche Gestalt. Wie er ihn einmal am Abend im Park getroffen hatte, sah er ihn wieder: er saß, einsamer anzusehn als andre Menschen und doch nicht so verschlossen in sich, nicht so belastet mit Einsamkeit, sondern ganz leicht, auf der Bank auf der kleinen Anhöhe, über die niedre Böschung und die Hecke zu seinen Füßen in die Wiesengegend hinüber schauend, aus denen Abend dunkel und Nebel weißlich aufstiegen. Und auf Georgs gedankenlose Frage, was er tue, hatte er wieder gefragt, ob er Libussa von Grillparzer kenne, und da Georg verneinte, fing er gleich den wundervollen Eingang des Stückes an, -- Georg entsann sich wieder:

Ihr Götter! ist es denn wahr und wirklich so? Daß ich im Walde ging ... am Gießbach ... Und nun ein Schrei in meine Ohren fällt, Und eines Weibes leuchtende Gewande, Vom Strudel fortgerafft, die Nacht durchblinken. Ich eile ... und trage ... Die Beute, kalte Tropfen regnend, ... und ich löse Von ihren Füßen selbst die goldnen Schuhe, Und breite aus den schwergesognen Schleier, Und ...

Ach! Jason! sieh! da saß er ja auf dem Stuhl am Bett und sah kühl und angenehm aus. »Eben dachte ich noch an Sie,« sagte Georg erfreut -- »erinnern Sie sich noch, wie Sie mir einmal Libussa vorgesprochen haben? Wir haben uns lange nicht gesehn, wo kommen Sie her?«

Jason, die schwarzen Augen mit großer Ruhe auf ihn gerichtet, sagte:

»Man sage nicht, das Schwerste sei die Tat, Da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung; Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß. Mit eins die tausend Fäden zu zerreißen, An denen Zufall und Gewohnheit führt, Und, aus dem Kreise dunkler Fügung tretend, Sein eigner Schöpfer zeichnen sich sein Los.«

Im nächsten Augenblick war er völlig verschwunden.

* * * * *

Georg erwachte. Der warmen, sonnigen Dämmerung nach mußte es schon Nachmittag sein; er fühlte sich leichter und freier und sah zu seiner Verwunderung auf dem Nachtschrank eine Medizinflasche und eine Glasröhre mit Aspirintabletten liegen, in der beim Nachsehn eine fehlte; da auch die wasserhelle Flüssigkeit in der Flasche angebrochen war, mußte er gegurgelt und Aspirin genommen haben, konnte sich aber durchaus nicht entsinnen. Auf sein Klingeln erschien statt Egons Frau Vögelein, mütterlich verhaltenes Zufriedenheitslächeln in den Augenwinkeln, weil er so gut geschlafen habe; es sei schon drei Uhr durch, ob er denn nun etwas essen möchte. -- Georg mochte, und richtig bekam er zwar seine ganze Taube, aber die fein zerlegten Bestandteile davon, Keulen, Flügel und zarte, weiße Brustschnitzel; er hätte viel um ein Reißbrett gegeben, -- der Stuhl, von dem er essen mußte, war recht kümmerlich.

Danach ließ er von Egon und dem Hausmeister sein Bett ins Arbeitszimmer stellen, an die Wand des Schlafzimmers, das Fußende an dessen Tür entlang, die ausgehängt werden mußte. Das war nun sehr angenehm. Der große Vorhang konnte ein wenig gerafft werden, er sah den sinnenden Borgia dunkel sitzen, sah die nachmittägliche, sonnige Juniwärme im Garten, hörte die Spatzen lärmen und fühlte sich äußerst behaglich in der leichten Dumpfheit seines Gehirns.

Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß ...

Woher stammte das? Hatte das Jason gesagt? -- Sie hatten von Libussa gesprochen, richtig -- vielleicht war die Zeile aus Libussa. Da fiel ihm ein, wie er vor langer Zeit einmal in Musäus' Volksmärchen Libussa nachgelesen hatte, Renates wegen, und -- jetzt hab ichs! frohlockte er, jetzt hab ich meinen Festzug und das Spiel! Er dachte, wie er sich den Kopf zerbrochen hatte, um für den üblichen historischen Festzug am Tage der Regierungsübernahme etwas Andres zu erfinden; Renate mußte dabei, mußte Glanz und Zentralsonne des Ganzen sein. Also Libussa! Nun schossen Szenen und Ideen von allen Seiten herbei. Libussas Wahl zur Herzogin von Böhmen, dann die Aussendung des weißen Rosses, ich werde Primislaw -- nein, das wird nicht gut gehn, ein Schauspieler muß ihn in meiner Maske darstellen, zuletzt werde ich an seine Stelle treten und mit Renate zusammen die Huldigung des Volkes an uns vorüberziehn lassen, Gilden, Zünfte, Wagen, Söldner, oder Ritter -- ja, welche Zeit war denn das eigentlich? Um tausend oder so -- und wo sollten die Szenen gespielt werden? Ein altes Schloß konnte auf dem Gehrdener oder Benter Berge leicht gebaut werden, -- herrlich, wenn das weiße Pferd über die Sommerwiesen bergauf kommt, zwei Reiter müssen es an langen purpurnen Riemen unmerklich lenken, -- dann Renate, auf hohem Festwagen, an der Spitze des Zuges in die Stadt hineinrollend, und die Huldigung -- vom Schloß aus -- unmöglich, es hat keine Terrassen, das Theater hat eine schöne, aber die Anlagen davor -- --, die werden beseitigt -- und es sieht ja wie ein griechischer Tempel aus -- dorische Säulen -- ah, die werden mit Rabitzmauern verbaut und in ein Schloß verwandelt, und Renate -- -- und Sigune?

Sigune lag im Sterben. Sie mußte sterben, jeder sagte es ja, wenn auch nicht mit Worten. Ließ sich denn leugnen, daß es gut sei, für sie und für ihn? Konnte sie je glücklich, je zufrieden werden neben ihm? Mußte sie ihn nicht täglich ... ach, wozu, wozu das denken? Sie blieb leben, dann mußte es ertragen werden, oder sie starb -- sie starb ...

Und recht behielten die Sterne ...

Georg fuhr zusammen, dicht über ihm, noch ihm ungewohnt, wurde die Tür geöffnet, Egon kam eilig die Stufen herab und flüsterte: »Seine Durchlaucht ...« Georg warf sich im Bett herum und schrie: »Halloh!«

Wahrhaftig, da kam sein Vater den Gang herauf, er ging ja immer aufrechter und leichter! -- stand gleich darauf riesengroß und hoch über Georg in der Tür, lachte und sagte: »Was sind denn das für Geschichten?« Er war auch schön frisch und kühl und hatte pikfeine, hellgelbe Schwedenhandschuhe angezogen. Georg schimpfte nun aus Leibeskräften, der Herzog wurde ganz verlegen und entschuldigte sich vielmals. Es sei ja aber ein Katzensprung im Automobil herüber ... Georg versicherte, wie glänzend es ihm schon wieder ginge, bloß das Schlucken täte noch weh, und überdies sei es köstlich im Bett zu liegen. »Heute morgen«, sagte er, »habe ich mir mit Benno erzählt, wie es war, wenn wir als Jungens krank waren, er hatte Flechtpapier, und ich hatte Zinnsoldaten, aber ein Reißbrett hatten wir Beide, und das war das Schönste. Nein, das Schönste« -- Georg stockte innerlich -- »war Helenes Locke, nein, die werde ich nie, nie vergessen ...«

»Die arme Helene ...« sagte der Herzog.

Sie schwiegen und sahen aneinander vorüber. Aber Georg wußte, sie brauchten sich nicht anzusehn, ihrer beider Hände lagen wie an einem dehnbaren, festen Reifen an dem gleichen unnennbaren Gedanken, und -- so war alles gut.

»Und Sigune?« fragte der Herzog. Georg, innerlich die Zähne zusammenbeißend, sah seinem Vater in die Augen und sagte: »Ich fürchte -- es geht zu Ende.«

Der Vater antwortete nicht; aber was sie dachten, war wohl wieder das gleiche ...

»Und wie ist es ... giebts etwas Neues, Papa?« begann Georg nach einer Weile.

Von Wichtigkeit nichts Besonderes, meinte sein Vater. Von der guten alten Beuglenburgschen Sippe habe nun auch der Letzte sich entfernt, der gute, uralte Amtshauptmann Wahrendorff; er habe ihm selber, da sie sich ja lange konnten, geschrieben, daß er sein Entlassungsgesuch eingereicht habe. Im ganzen handle es sich nun also um fünf neue Männer, die zu beschaffen wären, denn Kultus und Landwirtschaft müßten ja nun vom alten Ministerium des Innern abgespalten werden.

»Birnbaum übernimmt die Finanzen, ich will es so,« sagte der Herzog, »ein Strohmann, der den Titel und die Orden umherträgt, findet sich überall.«

Ob er schon für den Amtshauptmann jemand in Aussicht habe? Sein Vater meinte, er hätte genug, immerhin sei die Auswahl schwierig. Georg lachte plötzlich und meinte:

»Wer wird denn nun eigentlich hier der Großherzog und wer der Strohmann mit Orden und Titel und so? Ich sehe mich schon in den Krankenhäusern und bei Grundsteinlegungen umherfahren und verbindlich lächeln, während im Hintergrunde der Papa >am sichern Schreibtisch sitzend Opus hinter Opus aufs Papier wirft<, wie unser Morgenstern so herrlich sagt.«

»Ich verbürge mich dir,« schwor der Herzog, »nach spätestens einem Jahr ziehe ich mich nach Lesum zurück und veredle Schafe und Hühner.« Georg lachte, bis er heiser wurde. -- Jawohl, Georg würde schon sehn, wie ihm im Beuglenburgschen Saustall Nase und Atem vergingen. Ob er schon irgend etwas von Kalibohrung verstünde! Ob er eine Ahnung hätte, wie die Kaliförderung in Wiedehopf und Zainhammer sich wieder hochbringen ließe? Wie viele neue Eisenbahnlinien er -- etwa -- im Auge habe. Und was er von Eisen-, Kopfstein- oder Holzpflasterung denke für Beuglenburg? Wie viele und welche Kanäle er zu ziehen gedenke? Und die Deiche, die alten, hundertmal geflickten Deiche? Und Raschwege, das Gestüt, das einmal berühmt war?

Georg ließ alles fröhlich über sich ergehn und sagte, er wüßte einen Amtshauptmann. »Schley heißt er, das heißt seit gestern; vorgestern hieß er Freiherr von Schley-Schleyenburg, sein Vater hatte eine Wagen- und Pumpenfabrik und kaufte den Adel von Beuglenburg für eine Kleinkinderbewahranstalt oder dergleichen. Es ist ein Korpsbruder von mir, hat den Adel fortgelegt, war Assessor und ist jetzt fortschrittlicher Abgeordneter. Wir haben uns seit einiger Zeit sehr angefreundet, das heißt, eigentlich bin ich mit seiner Frau befreundet, aber wir haben uns in endlosen Nachtgesprächen ungemein schätzen und kennen gelernt. Ich war auch einmal auf die Dörfer mit ihm zu einer Wahlversammlung, und da habe ich das gesehn, weshalb ich ihn dir vorschlage, nämlich die wundervolle Art, wie er mit den Leuten umzugehn weiß; weder leutselig, noch so grob auf du und du, sondern fein teilnehmend und -- nun, das läßt sich eben nicht beschreiben; er hat die Gabe -- du hast sie ja auch --, aus jedem Menschen gleich das Beste herauszuholen, und ist überhaupt unwiderstehlich. Genügt das? Den Reichstag hat er satt, also --?« Sein Vater stand auf und setzte sich an den Schreibtisch, um Namen und Daten aufzuschreiben.

Georg blickte verträumt ins Freie hinaus. Dort, in greifbarer Ferne, lag sein Großherzogtum, so fest, so schwer und massig wie hier der Rücken und Kopf seines Vaters am Schreibtisch, und es würde eine herrliche Zeit anbrechen. Keine Träume brauchte es mehr zu geben, zwischen allen Fingern spürte er schon das Gewimmel der tausend großen beweglichen Gegenstände, -- wie der Odem eines Tieres, heiß und wild, schnob ihn der neue Atem gesammelter Handlungen an, Land brodelte, im unterirdischen Raum stampfte die geheizte Maschine, durch ihren unsichtbaren Dampf blickten die gesicherten Sterne, einverstanden und wohlgefällig ...

Wenn aber Virgo kommt, muß Papa fort sein, durchfuhrs Georg. Ich will ihn zu Renate schicken, er scheint sie ja sehr zu lieben und kann dort eine schöne Rede auf mich halten. »Ja, wie ist es nun, Papa,« sagte er, als sein Vater sich mit dem Stuhl herumsetzte, »glaubst du nicht an die Möglichkeit, daß du mir jetzt im Wege sein könntest?«

Der Herzog kniff das linke Auge zu. »Eine Dame«, sagte er und nickte langsam und voll Verständnis mit dem Kopfe. »Ich verschwinde«, sagte er, »und gehe zu Fräulein von Montfort.«

Georg sagte, das hätte er sich im stillen schon gedacht, er würde dort vermutlich eine schöne Rede auf ihn halten. -- Sein Vater stand eilig auf, humpelte zum Bett und ergriff seine Handschuh. »Ich komme nachher noch einmal herein. Leb wohl, mein Junge«, sagte er plötzlich sehr warm und legte ihm die Hand auf den Kopf. Georg, die Augen schließend, fühlte die warme Schwere, fühlte sich kindlicher als in allen Erinnerungen des Morgens, wohl beschützt und recht frohen Mutes ...

Als sein Vater hinaus war, rief er Egon und ließ den Vorhang wieder schließen, legte sich auf die Seite, schloß die Augen und verirrte sich liebevoll in bunte Szenen und farbige Trachten. Daß Virgo nicht würde dabei sein können, betrübte ihn, aber um jene Zeit erwartete sie ihr Kind. Virgo, meine liebe, kleine Schwester, dachte er zärtlich, und ohne sein Zutun schlossen sich die Worte an: Weißt du noch, wie wir uns Blumen brachten? Und die lieben, kleinen Vogelnester, die das Herz so zittern machten, und ... und im Park der Teich im runden Rahmen gelber Iris, blank wie ... Mond ... Und ... und wie klangen, wenn wir riefen, unsre Namen, durch die Stille ungewohnt? ... Er fing an, die Unregelmäßigkeiten in den Zeilen auszufüllen, neue kamen hinzu, er sammelte und legte fort, langsam schloß Strophe sich an Strophe, um nichts zu vergessen, sagte er sie sich unaufhörlich wieder vor und schlief allmählich darüber ein.

Die Augen öffnend, wußte er, daß jemand vor ihm stand; er fühlte sich wieder heißer, es war tiefe Dämmrung und nahe über ihm etwas Großes, Weißes; auf seiner Stirn lag etwas Kühles, eine Hand, er schloß die Augen wieder und dachte, noch halb im Schlaf: Sie ist da ... Ganz leise lief hoch über ihm ihr Lachen silberflüssig durch dunkle Luft. Er schlug die Augen auf und sah die ihren, groß und schwarz unter den dicken Brauen, ihr kleines Gesicht, ganz weiß auf dem kleinen, leichten Hals; sie hielt einen riesigen Armvoll weißer Narzissen an die Brust gedrückt und ließ sie nun, sich überbeugend, auf sein Bett, auf sein Gesicht fallen, naß, kühl, feierlich duftend.

»Ja, was machst denn du für Geschichten, Schorse?« fragte sie. Sie liebte ja nun diese jungenhaften Ausdrücke.

»Jeder einzelne,« sagte Georg, »der hereinkommt, fragt, was ich für Geschichten mache. Nun setz dich aber!« Er drückte auf die Klingel. Sie raffte ihre Blumen vorsichtig wieder zusammen, Egon kam und holte eine Vase, die allergrößte, einen dunkelgrünen Topf; er wurde auf den Schreibtisch gestellt, das war kostbar anzusehn.

»Wolfgang läßt vielmals grüßen«, berichtete sie. Halbtot sei er angekommen und habe gebrüllt, daß die Wände gezittert und der Kanarienvogel gezetert hätte. Er wollte lieber sterben, als sich noch ein einziges Mal mit einem Agrarier boxen. Daß der Teufel ein Agrarier sei, das stehe felsenfest.

»Er soll nun Amtshauptmann in Beuglenburg werden,« sagte Georg, »Papa war da, wir haben es schon abgemacht.«

Virgo war hochentzückt, aber nun mußte Georg auf das genaueste erzählen, was und wo es ihm fehle, wie er den Tag verbracht habe, was er haben wollte, -- wobei Georg das Gedicht einfiel, das er vor dem Einschlafen zustande gebracht hatte, und sie mußte sich auf den Bettrand nahe zu ihm setzen, er nahm ihre Hände und sagte leise und langsam, den dichten, weißen Strauß der zarten Sterne mit rötlichem Herzen vor Augen:

»Virgo, meine liebe kleine Schwester! Weißt du noch, wie wir uns Blumen brachten, Und die lieben, kleinen Vogelnester, Die etwas in uns so zittern machten, Süß und gar so ängstlich, daß sich fester Unsre Hände schlossen im Betrachten?

Und im Park den Teich im starren Rahmen Gelber Iris, rund, ein blanker Mond, Wenn wir durch den stillen Mittag kamen In den Kleidern, die wir sehr geschont ... Und wie klangen rufend unsre Namen Durch die Stille fremd und ungewohnt ...

Kleines Schwesterlein, es ging so bald ... Ach, wie kam es, Süße, Traute, sage, Daß so früh sein Stimmlein ist verhallt? Und wie kommt es, daß ich um es klage, Da es doch -- o Armut meiner Tage! -- Niemals Odem hatte und Gestalt.«

Sie strich leise mit der Hand über seine Stirn. »Nun haben wir uns ja doch gefunden ...« sagte sie mit ihrer tiefen Stimme.

»Und denken, wie es hätte gewesen sein können ...«

»Ich war so sehr allein«, sagte sie ganz wenig klagend. »Meine Mutter ließ mich so herumlaufen, das war nicht bös gemeint, im Gegenteil, sie sagte es mir auch später, ich hätte vor allem Freiheit haben sollen, und sie war doch damals schon eine alte Frau ...«

»Wenn ich an deine Kindheit denke,« sagte Georg, »sehe ich immer dein kleines blasses Gesicht mit den übergroßen Augen an eine Fensterscheibe gedrückt, eben dicht über dem Rahmen, und du standest vielleicht auf den Zehen an einer Verandatür, drücktest die kleine Nase platt am Glas und sahst ganz still auf der Terrasse die Spatzen sich um ein paar Krumen zanken.«

»Ja, das mag wohl gewesen sein,« lächelte sie, »wie schön du das beschreiben kannst! nun seh ich es auch, und es sieht gar nicht so traurig aus.«

»Erzähl mir doch, wie warst du als Kind!« bat Georg. »Benno Prager und ich haben uns heute morgen vorerzählt, wie es war, wenn wir krank waren als Jungens.« Da Georg von Flechtpapier und Zinnsoldaten schon seinem Vater erzählt hatte, fuhr er fort: »Er bekam eine Bouillonsuppe, und ich Sagosuppe mit Rotwein: herrlich war das, wenn der rote Wein im grauen Sago zerfloß!«

Sie lächelte und sagte, unaufhörlich mit den Fingern durch sein Stirnhaar streifend:

»Wenn ich krank war, wurde mein Bett in das Zimmer meiner Mutter gestellt, das war ziemlich beängstigend. Sie schlief in einem Saal mit vielen Fenstern und in einem riesigen, uralten Himmelbett mit geschnitzten und so gewundenen Säulen, an denen kleine Tiere liefen, Eidechsen oder Molche, und ganz unten, als Fuß, hockte ein Igel und machte listige Augen. Wenn ich fieberte, liefen die Tiere auf meinem Bette herum, und meine Mutter mußte immer hinter ihnen her sein. Wenn mirs wieder besser ging, setzte sie eine Brille auf, und wir spielten Leben und Tod zusammen mit ganz alten deutschen Karten, so groß wie Postkarten. Dabei hatte sie so putzige Ausdrücke, die mich begeisterten, und ich machte sie kräftig nach. Spielte sie Coeur aus, sagte sie: Coeur du dir an gar nichts! Pikaß war ein Kettenhund, hieß es, und: Trefflich schön singt unser Küster! Wenn aber eine Neun kam, unterließ sie nie, zu murmeln: Neun mal neun sind einundachtzig ... Kannst du dir vorstellen, wie ich so ganz klein im Bett saß mit meinen großen Karten und die alte Frau betrachtete?«

»Ach, erzähl mehr,« bat Georg, »wie bist du sonst gewesen, was hast du gespielt?«

»Ein Spiel,« sagte sie nachdenklich, »das weiß ich noch, spielte ich, wenn ich schon im Bett lag. Dann stieg ich wieder heraus, zog mein Hemd aus, faltete es schön zusammen und kniete ganz nackt und klein auf dem Bettvorleger hin. Dann war ich ein ganz armes Kind, das gar nichts mehr hatte, aber nach einer Weile kam eine mitleidige Person, die schenkte mir ein Kleid, das war das Hemd, das durft ich nun wieder anziehn, da war mir schon wärmer, und dann kam meine Mutter in einer goldenen Kutsche vorbeigefahren und nahm mich mit auf ihr Schloß, da durft ich wieder ins Bett steigen und mich ganz warm einmummen, o das war herrlich! Ja, da hatt ich nun ein ganzes Zimmer voll Spielsachen, aber diese selbsterfundenen waren die schönsten. Und einmal weiß ich, da hatte ich mir das Schaukeln verboten. Ich hatte irgend etwas Strafbares getan, keiner wußte es aber, und da bestrafte ich mich selbst und sagte: nun darfst du einen ganzen Tag lang nicht schaukeln. Was das für Qualen waren, kannst du dir gar nicht vorstellen! Alle halbe Stunde ging ich ganz langsam zur Schaukel und faßte sie an, oder ich strich mit der Hand über das Sitzbrett und stand und sah nach dem Balken oben -- ja, und dann, als ich am andern Tag wieder schaukeln wollte, da mocht ich nicht mehr. Weißt du, es ging einfach nicht! ich hab nie mehr geschaukelt seitdem.«

Sie schwiegen Beide. Es war dunkler geworden, Georg fühlte sich wieder fiebrischer, die Dinge entfremdeten sich von neuem, Virgos Dasein verschwamm und wurde traumhaft, er warf sich hin und her, fühlte bald ihre Hand auf seiner Stirn, aber alles verwirrte sich, sein Vater war wieder da und auch nicht da, Virgo war fort, Dora Vehm, Benno, Magda und Andre gesellten sich zusammen und führten unvorstellbare Dinge aus, er ermannte sich am Ende, richtete sich im Bett auf und sah wie in weiter Ferne den Schattenriß von Virgos Schultern, Hals und Profil im Dunkel. Von ihrer tief tönenden Stimme hörte er seinen Namen, dann deutlicher: »Georg ist solch ein schöner Name ...« Ihr Profil verschwand, er sah die dunklen Flecke ihrer Augen, wollte etwas sagen, räusperte sich und schluckte und spürte heftige Schmerzen im Hals. »Du bist so gut, Georg«, flüsterte Virgo.

Er erschrak, lachte rauh und krächzte: »Um Gottes willen!« was für ein Unsinn, wollte er sagen, mußte aber husten, fühlte, wie sie seine Hand ergriff und an die Wange drückte, und hörte sie sagen: »Du hast ja wieder Fieber!«

»Nun, das kommt so abends«, meinte er, aber sie erregte sich, schalt über sich selbst und über ihn, er habe weder gegurgelt, noch Aspirin genommen, klingelte nach Egon und drückte ihn in die Kissen zurück. Georg schloß die Augen, verlor plötzlich den Zusammenhang mit sich und Allem, fühlte eine Berührung und sah vor sich einen Eßlöffel, dann Virgo, die ihn hielt und seinem Mund näherte; er schluckte den Inhalt hinunter, trank Wasser und setzte sich auf. Nun mußte er auch gurgeln, Egon stand mit einem Waschbecken, Virgo hielt das Glas, und er gurgelte ein paarmal. Er sah eine Platte mit Weißbrotschnitten und einem Ei dastehn, mochte aber nichts essen. Geräusche und Stimmen waren schon unendlich fern und unhaltbar; ihm schien, als sei Virgo jetzt in seinem Schlafzimmer, jedenfalls hörte er sie fragen, wo seine Strümpfe seien, und nach einer Weile aus ferner Tiefe seltsam sagen: Seide! alles Seide! -- so daß er lächeln mußte. Einen Augenblick später fühlte er ihre Hände an seinem Hals, fröstelte, als sie den Halskragen öffnete, -- und wie kalt waren ihre Fingerspitzen! -- sein Kopf schmerzte wüst, etwas Warmes wurde um seinen Hals geschlungen.

Schmetterlinge ... bunte ... Georg hörte sich laut sagen: »Sieh doch mal die Schmetterlinge!« -- Sie schwebten durch das Zimmer, leuchtende, dunkle Farben, einer nach dem andern; plötzlich verkleinerten sie sich und hingen still im Kreis, ein leuchtender Ring wars, wunderbar anzusehn. Sieh, da saßen Esther und sein Vater in einer dunklen Zimmerecke zusammen und sprachen, er wollte zu ihnen gehn, konnte es aber nicht, und merkte, daß er, an allen Gliedern gelähmt, auf einem Bett lag, sonderbar verkrümmt und verzerrt, die Arme ausgebreitet, das linke Knie hochgezogen, es war qualvoll, sein Vater lachte und scherzte mit Esther, von nebenan tönte Gläserklirren, Stimmengewirr und Lachen, es war auf einem Dampfer, sie fuhren, er hörte das Rauschen der Schaufelräder, nun trat sein Vater zu ihm, Georg beklagte sich heftig, daß man ihn festgebunden hätte, aber sein Vater sagte, ob er denn nicht wüßte, das sei doch Mamas wegen, sie dürfe nicht so viel gehn. Georg murmelte etwas Ärgerliches, und dies hörte er plötzlich, merkte auch seinen Mund, den er bewegte, wie etwas Fremdes und sonderbar groß, und öffnete die Augen. Fern im Dunkel schimmerte die flache grüne Kuppel der Schreibtischlampe, darunter hängend leuchtete tief Esthers Schmetterlingskranz, den sie ihm gearbeitet hatte, auf lichtem, grünem Streifen ein dunkelroter, ein gelber und ein ganz bunter Falter. An seinem Bett standen zwei Gestalten, eine sehr große, sein Vater, und eine kleine, Esther; nein, Virgo wars. Er versuchte zu lächeln und setzte sich auf, fragte: »Bist du schon lange da, Papa? Entschuldige, daß ich dich nicht vorgestellt habe ...«