Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 51
Renate legte den Hörer hin und sah, noch die Hand daran haltend, das schwarze und metallene Ding, seltsam fremd und erschreckend, als wäre es ein gefährliches Instrument. Durch es hatte Irene gesprochen, sie hatte Irene nicht gesehn, Irene war vielleicht gar nicht auf der Welt, es war nur ihre Stimme gewesen, Renate glaubte plötzlich zu sehn, wie eine finstre Gewalt Irene vom Telephon in die Nacht hineinriß, schwarze Flocken regneten vor ihren Augen, aber dann sah sie in einem hellen Sonnenschein einen kleinen Jungen im Kreise herumgehn, derweil er eine Blumentopfscherbe und einen alten Kochtopfdeckel zusammenschlug und, die großen Augen immerfort auf sie gerichtet, sang: Wenn ein Vorrat geht zu Ende, zieh den Schieber mit die Hände! -- Immer dieselben zwei verdrehten Zeilen, von denen später Dora sagte -- was? -- Ja, Renate sah in der Montfortschen Küche so eine blauweiße Tafel hängen, um die fehlenden Vorräte anzuzeigen, und darunter stand: Zieh den Schieber vor behende ...
Warum bin ich denn so wahnsinnig erschrocken? dachte sie und war sekundenlang ganz ruhig. Langsam stand sie auf, konnte aber zuerst kaum die Füße aufsetzen. Danach ging es besser, sie schlich die Treppen hinauf und in ihr Zimmer, wo sie langsam ein paar Schlucke Wasser trank. Sie fröstelte davon, legte sich wieder ins Bett, war auf einmal ganz schwach und deckte sich zu. Die Gedanken verschwammen, sie wollte sich besinnen, was denn eigentlich gewesen sei, und dämmerte ein. Da befand sie sich plötzlich in einem großen Saal mit hohen grauen Wänden aus Quadern und ohne Fenster. Nach oben blickend, gewahrte sie an Stelle des Dachs einen rein blauen Sommerhimmel, den eine einzige Wolke von schimmernder Weiße sehnsüchtig verschönte. Wieder die Augen senkend, entdeckte sie, daß der Boden ein Wasser war, das sich in kleinen Windungen und Strudeln emsig bewegte wie eine Menge Getier, und zugleich, daß sie in der Spitze eines Nachens stand. Und jetzt sah sie die Schmalwand des Raumes vor sich geöffnet; ein Tor wars, und durch den Spalt schoß strudelnd ein dunkles Gewässer herein. Der Nachen bewegte sich unter ihr, schwankte, stieg mit den lautlos steigenden Fluten, und nun wußte sie, daß sie in einer Schleuse war.
Darüber mußte sie tief aufatmen, ja seufzen aus einem von Erleichterung und Beklommenheit angsthaft gemischten Gefühl. -- Nun wird die Fahrt frei werden! murmelte sie, sich beruhigend, und erkannte, wieder nach oben schauend, in der Wolke einen weit fernen Engel, der von ihr abgewandt und in einer seltsamen Verkürzung hinter sich tretend, stürmisch in die Bläue hineinjagte. Bleibe! schrie sie in plötzlicher Fassungslosigkeit, o bleibe! -- Aber er war schon verschwunden, und sie erwachte mit heftig klopfendem Herzen.
Jählings und mit furchtbarem Erschrecken fuhr sie dann hoch, da sie eine unhörbare Stimme traurig sagen hörte: Schöpfe, schöpfe, müde Danaide ... Aber nicht das hatte sie hören wollen, sondern ein Wort von Klemens -- wie hieß es? ja, wie hieß es denn? -- Schöne edle Karyatide ...
Kaum gedacht, brach ein Strom von Tränen aus Renates Augen, ihr Herz flatterte entsetzt auf mit tausend gestaltlosen Ahnungen, Befürchtungen, Ängsten eigenen Schicksals, sie wühlte das Antlitz in die Kissen und weinte, wie sie noch nie im Leben geweint hatte.
Achtes Kapitel: Juni
Krank
Georg wachte des Morgens auf und dachte: Ach, nun bin ich auch krank! -- Stirn und Schläfen schmerzten, er fror; er schluckte, und es tat ihm weh. Auf den Ellenbogen sich aufrichtend, fühlte er sich zerschlagen und müde, blinzelte gegen den Fenstervorhang, die Sonne schien draußen zu sein, aber dies Draußen, der Garten und alles war merkwürdig weit weg und als ob er nicht dazugehörte, sein Gehör schien dumpf und legte etwas Entfremdendes zwischen ihn und die Welt. Ich kann nicht nach Zinna fahren, murmelte er bitter, vielleicht gehts mit ihr heut zu Ende, aber ich kann nicht. Und er dachte, wie glücklich er sein würde, wenn es wirklich zu Ende ... Glücklich, -- ja, er ertappte sich, aber es war so, und wider Willen fügte er schon hinzu: Wenn sie nur stürbe! Wenn sie nur stürbe! -- Er zog die Decke über die Ohren, glühte und schauderte frostig ineins, wälzte sich herum, lag minutenlang halb dämmernd. Dann rief ein Geräusch ihn zu sich, der Diener mußte eingetreten sein, er drehte sich um und sah einen menschlichen Schatten in der Dämmrung zum Fenster gehn.
»Lassen Sie zu, Egon!« sagte er, »ich stehe nicht auf, ich bin krank.«
Der Diener kam leise ans Bett, Georg richtete sich auf. Die dunklen Augen, das blasse Gesicht des jungen Burschen sahen ängstlich auf ihn herunter.
»Keine Angst, Egon,« sagte er lächelnd, »es ist nur ein bißchen Halsentzündung, oder Influenza,« er räusperte sich, es tat scheußlich weh, »aber ich will einen Doktor haben. Kranksein ist gemein, Egon, ich will sofort wieder gesund werden, wissen Sie einen Doktor?« Egon wußte keinen. »Ich auch nicht, dann fragen Sie, -- rufen Sie bei --« Er besann sich. Es braucht ja keiner zu wissen, daß ich krank bin, -- »also rufen Sie gegen neun bei Dr. Herzbruch an, im Verlag, und wenn er einen Doktor weiß, -- der wird ja Telephon haben, -- dann rufen Sie auch gleich an und bitten ihn herzukommen. So, gehn Sie aber erst ins Badezimmer und lassen Warmwasser in die Wanne, und wenn ich drin bin, machen Sie hier Durchzug.«
Der Diener ging. Bald darauf zog Georg die Füße unter der Decke hervor, saß einen Augenblick frierend auf dem Bettrand und fühlte sich aus der Welt herausgenommen und in Krankheit gekleidet. Draußen war alles leicht und natürlich, aber sein Wesen entstellt, verfremdet und peinlich. Er schlürfte hinüber, spülte sich Körper und Mund und war froh, im Zimmer wieder unter was Warmes kriechen zu können. Ach, dachte er, so war es damals genau, als ich die Masern kriegte! Mitten im Tag fings an, ich wurde ins Bett geschickt, und wie ich da auf dem Bettrand saß und fror und alles so weit weg war und Altelinda mir die Stiefel auszog und ich so schwer war am ganzen Leib und unbeschreiblich sehnsüchtig, ins Bett zu kommen und den dumpfen Kopf ganz tief ins Kissen zu stecken, -- ja all das war genau wie jetzt; eigentlich war es herrlich. Ach, wie geborgen war man in seinem Bett als Kind! »Ist noch was, Egon? Frühstück? Nein, ich mag nichts, aber die Post, nein, keine Post, aber die Zeitung, ja, und dann -- rufen Sie auch gleich, oder -- wie spät ist es denn? Halb acht? Also rufen Sie in einer Stunde bei Frau Dr. Schley an: ich hätte, -- ach, warten Sie damit, bis der Doktor dagewesen ist!« Egon entfernte sich, Georg rief ihm nach, er sollte die Tür halb offen lassen.
Nun lag er still auf der linken Seite und blinzelte durch die Türöffnung ins Nebenzimmer. Da war ein Stück vom Schreibtisch, mit Aktenstößen, und das Fenster, und die Falten der Vorhänge, und draußen die Sonne und das Sommerliche, ein Stück Teppich unten, und all das so anders als sonst, so ganz für sich und ohne ihn. Er hörte Schritte auf dem Flur, Türen, im Eßzimmer eine Schranktür, deutlich alles und doch ganz dumpf und immer vermischt mit seinem Frostschaudern und Fiebern und dem Herben in der Nase und der Stirnhöhle, und das Ganze wiederum doch nicht unbehaglich. Die Tür ging leise, eine schwere Frauenfigur kam ans Bett und stand still, er öffnete die Augen und lächelte. »Oltsche,« sagte er, »ich sterbe, mit mir hats nun ein Ende, Sie stehen im Testament.«
Die Hausmeisterin schlug die Hände zusammen und sagte: »Nein, sowas! Und wo unsre Prinzessin auch schon --« Georgs Husten übertönte das Übrige, die aufgeregte Alte klopfte ihm die Kissen zurecht, er streckte sich aus und bat sie, ihm die Zeitung zu geben. Sie ging und kam wieder mit dumpfen, weichen Schritten, fragte noch, ob er denn gar nichts essen wollte, und war leise hinaus. Georg setzte sich auf und riß die Zeitung auseinander. Es war fast zu dunkel zum Lesen, er hielt die gedruckte Seite zum Licht hin, fand die fettgedruckte Zeile: Das Befinden der Prinzessin Sigune, -- die Buchstabenketten fielen auseinander, er raffte sie herzklopfend zusammen und las:
»Im Befinden der Prinzessin ist seit gestern keine Änderung eingetreten. Eine persönliche Anfrage unsrer Redaktion bei Herrn Professor Dr. Bosse bestätigte uns die traurige Gewißheit, daß es sich nicht um die häufigere Art Meningitis, sondern um tuberkulöse Gehirnhautentzündung handelt. Das Bewußtsein ist seit fünf Tagen nicht wiedergekehrt, die Nackensteife ...« Georg konnte nicht weiterlesen. -- Sie muß sterben, sie muß sterben, vielleicht ist sie schon tot, sagte er unaufhörlich, krampfhaft bemüht, dabei nichts zu empfinden und Mitleid hervorkommen zu lassen, und er erzwang das Mitleid durch den Gedanken, daß sie fürchterliche Kopfschmerzen gelitten hatte und nun aus irrem Dunkel ins tiefere hinüberschlafen würde. Er sah sie im Bett liegen, steif, das Gesicht hintenübergebogen, bleich und ohne die Augen schon gar nicht mehr kenntlich für ihn, der sie kaum kannte. -- Nun ließ er die Zeitung an die Erde gleiten, wickelte sich bis an die Ohren in die Decke, fühlte die glatte Trockenheit und Hitze seiner Beine und zwang sich, nichts zu denken.
Stand jemand am Bett? Egon sagte, er habe im Herzbruchschen Büro angefragt --. »Ja, wie spät ists denn schon?« -- Es sei gleich zehn Uhr. -- Ach, er hatte geschlafen. -- Der Arzt heiße Dr. Birnbaum, am Theaterplatz, er würde gegen Mittag kommen. -- Birnbaum? Aber Onkel Salm -- Sigurd --, sie hatten doch keine Verwandten in der Stadt ... »Haben Sie Herrn Prager Bescheid gesagt?« Ja, und er ließe fragen, ob er herüberkommen sollte. Ja, Georg ließe bitten. -- Egon nahm die Zeitung und trug sie weg.
Benno kam und benahm sich genau wie die Menschen an Krankenbetten, lächelte, tat hoch erstaunt und sagte, was Georg für Geschichten machte; er war fremd und irgendwie kalt und frisch. Georg bat ihn, sich mit Zinna verbinden zu lassen und anzufragen, wie es stünde. Er hörte ihn nebenan sich mit dem Telephon beschäftigen, ohne Worte zu verstehn, durch das ferne Klingen und Summen in seinem Gehör. Dann setzte Benno sich still neben Georgs Bett und schwieg sich teilnahmsvoll aus. Als er gerade etwas zu sagen anfing, schrillte das Telephon laut auf, Benno ging hin, Georg wollte nichts Unverständliches hören und verschloß die Ohren. Wenn sie schon tot ist, -- wenn sie schon tot ist ... dachte er. Endlich kam Benno. Es stünde sehr schlimm, sagte er bekümmert, sonst sei nichts zu sagen.
»Ach, Benno,« fing Georg nach einer Weile an, »wie war es doch schön, wenn man krank war als Junge!«
»Ja,« sagte Benno begeistert, »wie gut sie gleich Alle waren! Jeder kam herein und machte einen Scherz, mittags kam Vater, legte einem seine große, kalte Hand um die Wange, faßte mit sonderbar harten Fingern nach dem Puls und sagte, es würde schon werden.«
»Hattest du je Masern, Benno?«
»Masern?« Bennos Stimme überschlug sich, »es war herrlich, ganz herrlich! Man war ganz gesund, bloß im Bett mußte man sitzen, und ich lag mit meiner Schwester in einem Zimmer, die hatte sie natürlich auch, und es war herrlich. Kleine, gebratene Tauben bekamen wir zu essen und alle Tage Apfelmus, so ganz seimig, und eine herrliche Bouillonsuppe, die war aus Sago und ganz goldklar, das war die Krankensuppe, Gott, den Geschmack kann ich jetzt noch spüren und den winzigen Knochensplitter, der drin war.«
»Und die Stille, Benno, weißt du noch? und wie es sang in der Stille, und wie man stundenlang lag und das Muster der Tapete verfolgte, und die alltäglichen Geräusche draußen, die so anders klangen und so weit entfernt, auf der Treppe und nebenan, und man kannte sie doch nicht ...«
»Und dann bekam man die herrlichsten Spiele mitgebracht, oh Georg, Geduldspiele aus ganz blanken Klötzen, unbeschreiblich neu und glänzend, grüne Würfel und rote und -- nein, das war ja alles gar nichts gegen die Flechtarbeiten! Hast du nie Flechtarbeiten gemacht? Ich will es dir erklären: Erst kam Glanzpapier, das mußte auf der Rückseite liniiert werden und in schmale Streifen geschnitten, aus denen wurde das Muster geflochten, aber dies Glanzpapier, das vergesse ich nie! Es gab silbernes und goldnes, aber das war nicht das Schönste. Das Schönste war tiefdunkelrot, wie Samt, aber dabei war es so himmlisch glatt und knitternd, obgleich es ganz dick aussah; das Hellgelbe war auch schön, aber eigentlich unangenehm; es gab hellblaues und dunkelblaues, das rosa war so beißend, herrlich war auch das Dunkelgrüne; das war wie ein ganzer Tannenwald ...« Bennos Stimme verhauchte hingebungsvoll.
»Nein, das hatte ich nicht,« sagte Georg, »aber ich hatte ein Reißbrett ...«
»Ein Reißbrett?« jauchzte Benno, »ich hatte auch ein Reißbrett, weißt du noch --«
»Wie es ganz hart war, Benno, und eckig, wenn es in die weichen Kissen gedrückt wurde, über den Schenkeln und gegen den Unterleib, fühlst du das noch?«
»Und wie man nicht dran dachte, und es ganz schief wurde, wenn man die Knie anzog, und alles rutschte herunter!«
»Und der Suppenteller, die Suppe floß über, und das war so klebrig und warm ... Oh mein Reißbrett hatte Onkel Salm erfunden, der schleppte es an, es war in Trassenberg, er saß immer bei mir und baute Zinnsoldaten auf, mein Vater hat eine riesige Sammlung, zwanzigtausend sind es, glaub ich, die Schlacht bei Lützen konnte man machen, und die Schlacht bei St. Privat und bei Waterloo.«
Benno lächelte beseligt mit Georg. »Ich hatte auch Zinnsoldaten,« flüsterte er, »jede Weihnachten bekam ich eine Schachtel, sie waren oval und aus Span, auf dem Deckel war ein weißblaues, rechteckiges Etikett, und beim Auf- und Zumachen schnurpste der Deckel wundervoll!«
»Und drinnen, Benno, drinnen lagen sie ganz still und blank, die Fußbretter am Rand, die Gewehre und Fahnen nach innen, ganz kostbar, immer nur drei oder vier in einer Schicht und dazwischen ovale Blättchen aus so einem Papier ... einem Papier ...«
»Ein herrliches Papier!« hauchte Benno, »es war wie Löschblatt, aber dünner und fester und ganz weich ...«
»Ja, ganz weich,« sagte Georg vor sich hin und sah die blitzenden, unbemalten Säbel und Bajonette und die glänzenden braunen, schwarzen und weißen Pferde, die blauen, roten und grünen Lackfarben der Monturen zum Vorschein kommen. Trommler gingen voran und Fahnenträger, schräg nach vorn geneigt, die Fahne hoch in der Hand, die reitenden Trompeter bliesen immer nach rückwärts, sie bliesen das Signal zum Vorgehn, ja, Onkel Salm machte es mit dem Munde, es war völlig natürlich, und es klang so aufreizend: Tötötötö, tötötötö, tötötötö ... Und dann wurden sie aufgestellt nach dem Lineal, in der vordersten Reihe die Knieenden, dann die Chargierenden, damals sagte man noch chargieren, genau >auf Luke<, und im dritten Gliede die stehend Schießenden. Bei jedem Regiment war ein Gefallener und einer, der grade hintenüberfiel. Oh es gab Schotten in roten Röcken und mit schottischen Unterröcken, mit Dudelsackbläsern, -- die Artillerie war immer etwas unangenehm, weil sie im Schritt ritt, die Kavallerie galoppierte mit geschwungenen Säbeln, die Ulanen mit eingelegten Lanzen, und wie war nur alles kostbar und selten, und wenn sie alle aufgestellt waren, mußte man von der Seite gegen die festgeschlossenen Formierungen sehn, und Beine und Gewehre und Arme und Köpfe waren in einer Linie ...
Sie sprachen nicht mehr, sie träumten ... Abends kam die Lampe, wie sah man sie zum ersten Mal, ihr stilles Licht, sie stand anders im Zimmer als sonst, weit fort von einem, und alles lag im Schatten; das Muster der Tapeten sah wieder anders aus, dann kam die Abendsuppe, die mußte der gute Doktor immer selber machen, Wassersuppe von Sago wars, ganz klar und schön sanft grau. Dann entkorkte er feierlich die Weinflasche, hielt einen silbernen Löffel über den Teller und goß den roten Wein darauf, bis er überfloß in die Suppe, und dann lief das dunkle Rot im Grau aus, es gab einen wunderbaren purpurnen Fleck, dann wurde gerührt, und die Suppe war herrlich rot. Der Löffel war kleiner als ein Erwachsenenlöffel, hatte eine punktierte Linie am Rande des Stiels und hieß: der Kinderlöffel. Georgs Kinderlöffel. Jeden Tag kam Mama für zehn Minuten und erzählte etwas Lustiges ...
Die lange schwere Locke an ihrem Hals, -- ich durfte sie ganz vorsichtig anfassen. Ich wunderte mich im stillen, wie kühl ihr Hals war, aber die Locke war doch das Schönste auf der ganzen Welt. Magda hatte Puppen, deren Locken faßte ich auch an, aber es war nichts damit. Ja, diese Locke war lebendig; sie ringelte sich um den Finger, und man mußte unendlich vorsichtig sein, daß man ja nicht daran zog, und doch durfte man es. Mama erzählte vom Hühnchen und Hähnchen, vom Ei und der Stecknadel. Wie schön war Mama! -- --
Georg fühlte, daß sein Kinn zitterte, und daß es ihm dick im Halse wurde. Damals war ich glücklich, dachte er, und seitdem nie wieder. Damals wußte ich nicht, und heute weiß ich alles, alles.
Da saß Bennos Schattenriß, nah, dunkel und hoch vor der gelblichen Helle des Fenstervorhangs. Georg schob sich tiefer im Bett, steckte die kalt gewordenen Arme unter die Decke, zog sie fröstelnd hoch; sein Kopf schmerzte heftig, er wollte sich einwickeln und eindämmern wie als Kind. -- Als er nach einer Weile die Augen öffnete, sah er Benno auf den Zehen an der Tür, ihm fiel ein, seinem Vater Bescheid sagen zu lassen, daß er heute nichts ... »Sei so gut, Benno, und sage in Trassenberg Bescheid. Du kannst dich ja vom Hausmeister verbinden lassen. Dr. Birnbaum sollte heut nicht kommen. Ich könnte heut nichts Geschäftliches besprechen, wenn Unterschriften wären, könnten sie vielleicht mit einem Kurier geschickt werden, und sonst auch was Wichtiges ...«
Nun war alles still. Vom Schreibtisch her tickte die Uhr sachtsam vor sich hin. Gunny, sagte die Uhr, Gunny, Gunny ... Jetzt starb sie vielleicht. Kein Mensch wußte mehr, was in ihr war.
Ein helles Klingen sprang in seinem Ohr auf, er fühlte, daß er geschlafen hatte, dann merkte er, daß nebenan die Korridortür geöffnet und jemand die Stufen herabkam, der aber nicht sichtbar wurde. Dort waren jetzt die Vorhänge geschlossen, eine Wand von Sonnenstäubchen stand golden vor dem Schreibtisch, darin erschien Egon und meldete: »Herr Doktor Birnbaum.«
Georg setzte sich auf, ließ sich Kamm und Bürste geben, ordnete sein Haar und ließ den Doktor hereinbitten. Da fühlte er wieder dies Andre: im Bett zu liegen am hellen Tage und jemand von draußen hereinkommen zu sehn, frisch und lustig und kalt, den Doktor, der ein kleiner zierlicher Mann war mit rundlichem Kopf. Als er vor Georg stand, zeigte er ihm ein rechtes Arztgesicht mit einem kleinen borstigen Schnurrbart, etwas quellenden, gelblichen Augen hinter einem goldenen Kneifer und dünnem, gescheiteltem Haar, an der gebogenen Nase als Jude kenntlich, und wenn er sprach und lachte, wurde sein Gesicht ein wenig eulenhaft. Hin und wieder kniff er nervös die Augen zusammen, freundlich sprechend, ein bißchen witzelnd, er freue sich ja sehr über Georgs Krankheit, nun würde seine Praxis noch mal so groß aufblühn, denn sterben würde er ihm ja wohl nicht. Georg lachte, er hätte nicht die Absicht. »Na, denn wolln wir mal sehn«, sagte der Doktor, Egon mußte den Fenstervorhang öffnen und einen Löffel besorgen. Der Doktor fühlte den Puls, sagte: »Zwischen acht- und neununddreißig«, ließ sich von Georg sagen, wo er Schmerzen habe, dann kam der Löffel, Georg mußte den Mund aufsperren, der Löffelstiel fuhr kalt und bitter schmeckend hinein, Georg krächzte: Oh oder Ah! Der Doktor kratzte mit dem Löffel im Hals, Georg konnte sich wieder hinlegen und zudecken.
Ja, es wäre eine kleine Mandelentzündung, ganz ungefährlich, Diphtheritis sei nicht zu erwarten, der Belag sei leicht zu entfernen, in ein paar Tagen könnte es schon vorbei sein. Ob das Herz in Ordnung sei? -- Da Georg verneinte, verlangte der gründliche Doktor, daß er die Jacke auszöge, und klopfte ihn mit größter Sorgfalt ab. Es wäre alles halb so schlimm, meinte er dann, aber er sollte doch lieber nur eine Aspirintablette nehmen, dreimal täglich. Tscha, und einen Strumpf um den Hals, wenigstens nachts und mit Wasserstoffsuperoxyd gurgeln. Da Georg betonte, daß er so schnell wie möglich gesund werden müßte, meinte er, das hinge ganz von ihm ab; Ruhe, wenig essen, leichte Sachen -- Sagosuppe mit Wein, sagte Georg -- ja, auch Gebratenes -- kleine Tauben, dachte Georg -- und solange er sich krank fühlte, sei er eben krank, und wenn er sich gesund fühle, sei er wieder gesund. Egon stand all die Zeit daneben, seine dunkle widerspenstige Haarwelle in der Stirn, und sah alles besorgt und genau mit an.
Das war erledigt. Um noch etwas zu sagen, fragte Georg den Doktor, ob er vielleicht mit dem Studenten Sigurd Birnbaum verwandt sei. Der Doktor lachte, daß sein Schnurrbart zitterte, kniff die Augen zusammen und sagte:
»Pirnbaum, Durchlaucht, Pirn, mit hartem P, nein, mit Sigurd bin ich nicht verwandt, aber ich kannte die Beiden schon als kleine Kinder. -- Ja, die arme Esther, das war ein böses Ende!« Ob er von Sigurd noch hörte. -- Jetzt seit langem nicht; er sei in Rußland, in Odessa.
Der Doktor schien zum Gehn bereit, sagte dann aber: »Darf ich noch was fragen?« »Ja, aber bitte!« »Ach, Sie haben so eine wunderschöne, so eine wunderschöne Miniatüre auf dem Schreibtisch, wenn ich die einmal sehn dürfte?«
Georg winkte Egon. -- Aber gerne! ob er sich dafür interessierte? -- Der Doktor rückte an seinem Kneifer und lächelte, -- Georg dachte: als hätte ich ihn gefragt, ob er was von Diphtheritis versteht. -- Egon brachte die Miniatüre von Georgs Mutter. Der Doktor nahm den Kneifer ab, rieb die etwas geschwollenen Lider, brachte die runden Augäpfel ganz dicht an das kleine Bildnis und betrachtete es ungemein sorgfältig.
»Es ist meine Mutter,« sagte Georg, »als junges Mädchen.«
Das sei wunderschön, ausgezeichnet gemalt, wie man es gar nicht mehr zu sehn bekomme. Er habe eine kleine Sammlung von Miniatüren, so hundertundfünfzig Stück, ja, er sei ein Kenner davon, lachte er.
»Miniatüren«, sagte Georg, »könnte ich auch sammeln, es ist eine wundervolle Art Kunst und wieviel schöner, im Grunde doch wieviel lebensvoller als unsre farblose Photographie trotz des Reizes des Augenblicks. Aber so ein Bild kann ich immer ansehn, es hält den Blick so ruhig aus, und sehen Sie nur die feine, durchsichtige Spitze auf der Brust, und die Locke, wie sie gemalt ist!«
Der Doktor sagte, er habe eine ganz ähnliche aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, deshalb sei ihm diese auch aufgefallen. -- Georg hörte ihn noch einiges sagen, jedoch von fern, ohne zu verstehn; sein Traum regte sich in ihm, er fühlte sich wieder weinen mit Cordelia -- oder war es Esther gewesen? --, sah die sonderbaren dunklen Zimmer voller Menschen und dann Renate, nein, Dora Vehm, aber auch deren Gesicht war nicht ganz das Doras, sondern fremde Züge waren darin ... Da sah er den Doktor sich vom Stuhl erheben, reichte ihm die Hand, bedankte sich und bat ihn zu erlauben, daß er sich einmal seine Sammlung ansehe, später, jetzt sei ja ...
Ach, ja der Prinzessin gehe es ja so schlecht, aber es sei wohl noch nicht alle Hoffnung verloren ... Georg murmelte irgend etwas, der Arzt ging.
Hatte sie nicht diese Locke gehabt im Traum? Aber wie seltsam sein Herz erregt war von dieser Frau! Ich muß sie geliebt haben im Traum, ich empfinde noch ganz diese Süße ... Die Träume machen aus uns, was sie wollen, murmelte er und verkroch sich frierend.
Egon erschien mit Fragen wegen des Essens. Er sagte ihm Bescheid, trug ihm dann auf, bei Frau Dr. Schley anzurufen, zu sagen, daß er mit einer leichten Mandelentzündung zu Bett liege, und zu fragen, ob sie nicht kommen könnte.