Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 50

Chapter 503,942 wordsPublic domain

»Also, einmal frage ich ihn ganz bescheiden, ich hätte eigentlich noch immer etwas Zeit übrig, namentlich im Winter, ob er nicht auch meinte, daß ich mich fürsorgerisch betätigen sollte. In meinem Staat, sagt er, gewiß nicht. Er bemühe sich seit zehn Jahren, das Recht auf Kindersegen für jede Frau durchzusetzen, und ich prätendierte das Recht auf Kinderlosigkeit. In seinem Staat, und so weiter, und ob ich eigentlich wüßte, wieviel Frauen ich die eigentliche Vollendung ihres Daseins wegnähme. Ja, weißt du, warum? Weil ich einen Mann für mich beanspruche, von dem andre Kinder haben könnten. Und damit --« ihre Stimme wurde heiser und überschlug sich, »kletterte er im Handumdrehn zu der Behaup--« Ihre Stimme versagte, sie mußte husten und hörte lange Zeit nicht auf.

Das sei aber mal nichts Besondres, meinte Jason enttäuscht; nein, das fände er nun äußerst natürlich und wahrheitsgemäß geredet. Ob er denn sonst nichts gesagt hätte?

Sie hätte es wohl vergessen, murmelte Irene matt, es sei ja auch gleich.

Renate sagte, damit könnte sie wohl recht haben, denn sie hätte wohl gleich gemerkt, daß es sich hier wie immer nicht um das Was handle, sondern um das Wie, und Irene habe sich ja auf unbegreifliche Weise haßerfüllt und abgeneigt von vornherein gegen Klemens gezeigt ... Sie brach ab, da sie Irene in ihrem Sessel hinten, ohne hinzuhören, sich nur angestrengt besinnen sah. Gleich darauf fing sie auch an: Lieben, hätte er einmal gesagt, lieben könnte man doch nur, was einem fremd sei. »Wie? frage ich. -- Zum Beispiel: Gott, sagt er. -- Gott? frage ich erstaunt, und da fällt mir natürlich Otto ein, und ich frage, ob er vielleicht behaupten wollte, daß Otto mir fremd wäre. -- Er wäre überzeugt, unterbricht er mich, daß es nichts gäbe, was einander fremder wäre als zwei Menschen, Mann und Weib.« Jason spitzte die Ohren. »Mein Mann ist mir lieb, nicht fremd, sage ich. -- Abgesehn, sagt er, von der Logik, was meine Ehe denn für eine Kunst wäre. -- Liebe, sage ich, nicht Ehe. -- Ah, sagt er da und tut hocherstaunt, Sie wissen also doch sehr gut, daß Liebe und Ehe nicht das geringste miteinander zu tun haben. -- Ich falle aus allen Wolken und sage: Was? -- Denn Liebe, doziert er so recht pedantisch, Liebe ist ein Gefühl, und Ehe ist eine Einrichtung.«

»Nun, da haben wirs«, sagte Jason entzückt. »Ein Mensch kann nicht mehr tun als ein andrer, aber dies war ja nun sehr ausgezeichnet, ein ganz ausgezeichnet wahres Wort! Ich möchte fast glauben, daß er es mir abgelauscht hat. Immer und immer habe ich das gesagt: Liebe und Ehe, die beiden haben miteinander genau so viel und so wenig gemein wie das Leben und der Tod. In der Ehe nämlich herrscht das Gesetz, ja bis in die allerkleinste Wallung und Verrichtung des alltäglichen Ehelebens hinein waltet der Geist der Verträglichkeit auf Grund des Vertrages. Was aber tut das Gesetz? Es tötet. Es tötet ab, es erstarrt. Die Ehe ist recht eigentlich die Idee aller starren Systeme, aber nun, wie es im Liede heißt: Media in vita -- mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen. Mitten im Leben der Liebe vom Tode der Ehe umfangen und dennoch höchst lebendig, wohlwollend, verträglich, hülfreich und gut zueinander sein, -- das wäre die Kunst der Ehe.« Sprachs und glitt zufrieden wieder in seinen Sessel zurück. Irene sagte nichts.

Wie rauh und schwächlich, aber auch wie traurig hatte Irenes Stimme doch geklungen; Renate hörte es nun erst, wo sie erloschen war. Sie hätte gern etwas Tröstliches geäußert, aber alles, was sie hörte, brachte keine Begriffe in ihr hervor; es war wie das Plätschern eines Wassers, dem Wehmut und Abgeschiedenheit anzuhören ist, doch bleibt es die betrübte Stimme eines Bachs, eine fremde, nicht zu unterbrechen oder zu enden mit Zusprache oder Streicheln.

»Und nun hat er ja recht behalten«, kam ihre Stimme wieder zum Vorschein, erloschen und trostlos. »Otto ist mir fremd geworden. Vielleicht ist ers immer gewesen, ich weiß ja nun gar nichts mehr. Früher glaubt ich all seine Gedanken zu sehn, jetzt muß ich oft seine Stirn ansehn und denken: Was ist dahinter? habe ich etwas damit zu tun? -- -- Wie einfach, wie natürlich war nicht alles! Es war nicht groß, du lieber Gott, es war keine _Kunst_! aber es paßte doch zu uns, und ich wars zufrieden. Nun heißts: es ist keine Kunst, und ich muß über die schwierigsten Sachen nachgrübeln. Manchmal ist mirs schon gewesen, als sei es ganz gleichgültig, ob Otto und ich zusammenleben oder irgend zwei Andre.«

Jason lächelte hier still und friedlich vor sich hin. Renate mußte denken: Er scheint es ja recht leicht zu nehmen ... Irene stand auf, hielt den Kopf gesenkt und zerrte an ihrem Taschentuch.

»Ich weiß ja, ihr wollt mir nicht helfen«, sagte sie, Tränen dick in der Stimme.

Jason erhob sich. »Ich gewiß nicht, Irene,« sagte er aufrichtig, »obgleich ich nicht weiß, was dir eigentlich fehlt. Nein, ich freue mich im Gegenteil, dich in einer derartigen Verwirrung zu sehn. Verwirrungen erhöhen die Lebhaftigkeit des Daseins und machen die Ruhe angenehm. Nichts ist süßer, als auf dem Sofa liegen nach einem schönen Schwindelanfall. Dir kann ich noch nicht helfen.«

Noch? was das heißen solle, noch?

»Oh nichts so Bestimmtes«, meinte Jason. »Ich wollte bloß zum Ausdruck bringen, daß ich nichts anzufangen weiß mit Leuten, die dastehn und schreien, sie fielen um. Wenn einer an der Erde liegt, so will ich ihn aufrichten; ja, dazu mache ich mich anheischig.«

Plötzlich stampfte Irene mit dem Absatz auf und schrie: »Herrgott, warum muß denn nur alles so verkehrt kommen! Warum liebt ihr euch denn nicht, Klemens und du, statt daß --« Sie brach verwirrt ab. »Nein, wir hassen uns ja ...« Sie schien völlig den Faden verloren zu haben, schüttelte sich auf einmal, kam auf Renate zugeflogen, warf sich vor ihr an den Boden, umschlang sie und schluchzte jammervoll:

»Ach, ach, ich muß dirs ja gestehn, ich hab mich nur so herumgeredet, es ist ja so eine furchtbare Schande, aber ich muß --« sie schüttelte sich krampfhaft -- »ich muß es dir sagen, er hat -- er hat mich -- er hat mich ja so wahnsinnig gedemütigt! Ach, angeschrien hat er mich wie ein Sinnloser, niedergedonnert hat er mich -- ach, Otto! Otto!«

»Wie, Otto hat ...« fragte Jason.

Irene sprang auf und flammte ihn an. »Otto, bist du ganz rasend? Er, er, er, Klemens! Auf einmal ist er ganz blau im Gesicht geworden, ich weiß nicht, ich muß ihn wohl gereizt haben, und dann hat er gelärmt ...! Was das für eine Schande mit mir wäre, dies kindische Wesen, und alles Alte hat er wieder aufs Tapet gebracht, und ich gönnte ihm seinen Freund nicht, und den Mund sollte ich halten und --«

Ihre Stimme erstickte wieder. Renate konnte es nicht mit ansehn, wie sie dastand und sich erniedrigte, schüttelte den Kopf, mußte sich aber nun doch sagen, daß an allem schließlich etwas Wahres sein müsse, nicht alles allein Irenens Schuld sein könne; sie konnte sich aber in der Erinnerung an den Nachmittag mit Klemens ihn in keiner ungebührlichen Haltung vorstellen.

»Wie du dich erniedrigst, Irene!« entfuhrs ihr unbedacht. Irene zischte wieder empor.

»Ich will mich erniedrigen!« schrie sie wütend. »Und was er schaffte, das sei mehr wert ... brüllte er, und eine Stimme hat er gehabt, daß alles Glas nur so klirrte, und die Wände haben gezittert, und ich saß da wie versteinert. Das in meinem Haus!« Fliegend, jauchzend, zitternd, frohlockte sie: »Wahnsinnig hasse ich ihn, wahnsinnig! o ich hasse ihn, ich hasse, ich hasse ihn. Käme er nur, käme er nur noch einmal und ... ach, ich wollte, er täte es noch einmal!«

Das könnte sie haben, meinte Jason gefällig, er hörte Klemens eben draußen klingeln.

Renate vernahm seine Worte nur halb, mit den Augen an Irene hängend, die wie eine Eumenide vor ihr wogte, die Arme schleudernd, als stäken Dolche in den Händen, und alle Locken hatten sich aufgerichtet um ihren Kopf und bebten und zürnten mit.

»Wißt ihr, was er getan hat?« zischte sie. Mit funkelnden Augen von Renate zu Jason und zurück, hob und krümmte sie den rechten Arm, hob die Hand und machte eine klappende Bewegung damit. »Verstehst du, Renate?« Renate verstand und reckte sich innerlich. »Verstehst du, Jason? Ja, nicht wahr, das habt ihr doch nicht gedacht, das habt ihr --« Ihre Stimme und sie selber schwankte.

In der Tür stand das Hausmädchen und sagte: »Gnädiges Fräulein -- Herr Doktor Klemens.«

Renate geriet in Schrecken. Was wollte das werden? Irene war nicht anzusehn, ob sie die Meldung gehört hatte oder nicht, sie spähte mit einem sonderbar wirren Blick im Zimmer umher, entdeckte plötzlich zwischen Korridortür und Kamin das Telephon und stürzte darauf zu. -- Renate hörte das Mädchen etwas fragen, nickte nur, und gleich darauf flammte das Licht in der Krone blendend auf und übergoß alles. Irene schrie: »Otto!« dann »Einundsiebzig einundsechzig!«

Klemens erschien in der Tür, verbeugte sich gegen Renate, blickte dann scheinbar abwartend auf Irene, die ihm den Rücken wandte, über das Tischchen mit dem Fernsprecher gebeugt.

»Bitte, schalten Sie um!« sagte Irene. Gleich darauf: »Ja, umschalten sollen Sie, zum Oberstock, Himmeldonnerwetter, verstehn Sie denn nicht? Um -- -- Ach, der Teufel soll dich holen!« schluchzte sie, warf den Hörer hin und fiel in den Sessel, aus dem Jason eben aufgestanden war.

Der ergriff nun den Hörer, fragte: »Bitte, sind Sie noch dort?« horchte und sagte: »Ach, Sie sind selber am Telephon! Bitte, einen Augenblick! -- Dein Mann ist am Telephon, Irene,« sagte er zu ihr, »es war bereits umgeschaltet. Soll ich ihm was sagen, oder willst du --«

Irene unterbrach ihr Weinen und schluchzte mühsam, sie wolle ihn nicht sprechen, er -- sie habe nur hören wollen, ob er zu Hause sei, und sie käme auch gleich.

Jason führte das aus und legte den Hörer hin, dann drehte er sich um und sagte zu Klemens:

»Das ist schön, daß Sie grade kommen. Wir sprachen von Ihnen, und da möchte ich Sie gleich fragen: Haben Sie meiner Freundin Irene wirklich eine Ohrfeige gegeben?«

Irene zuckte nur, als sie merkte, daß er mit Klemens sprach, behielt aber das Gesicht im Taschentuch, richtete sich langsam auf und trocknete ihre Augen. Klemens sagte leutselig zu Jason:

»Junger Mann ... Das heißt,« unterbrach er sich, »hat Frau Herzbruch dies vielleicht behauptet?«

»Also nicht?« rief Renate erleichtert.

»Keine Idee! Ich habe bloß so getan«, verteidigte er sich.

»So getan?« sagte Jason. »Das ist glänzend.« Zufriedengestellt, wie es schien, drehte er sich ab, ging in den Hintergrund und sagte wie zur Erklärung: »Ein Mensch ist nicht mehr als der andre, wenn er nicht mehr tut als der andre.«

Klemens sah ihm mißtrauisch nach, äußerte dann zu Renate: »Ich kann Ihnen das leider nicht vormachen.« Nun wandte er sich zu Irene, die langsam aufgestanden war und zu schwanken schien, ob sie ihn ansehn sollte, und sagte:

»Ja, also Frau Irene, ich bin noch einmal gekommen, -- es wird mir nicht leicht, und ich habe wohl auch eigentlich --«

Er wollte auf sie zugehn, aber Irene, einen Augenblick geduckt, ging ihm plötzlich entgegen, streckte ihm die Hand hin und murmelte:

»Ich bitte Sie um Verzeihung, Klemens, ich hatte Sie wohl zu sehr gereizt, und -- ich bitte Sie um Gottes willen ...«

Klemens ergriff tief erstaunt ihre Hand und brachte kaum den Mund zu. Irene ließ wieder los, ging wie geistesabwesend zur Flurtür, murmelte: »Wohin will ... wohin soll ich denn nun? Ach so, nach -- nach Hause ...« Dann schluchzte sie tief und furchtbar auf.

Renate lief hastig um die Sessel und zu ihr hin, erreichte sie in der Tür, legte den Arm um ihre Schulter und ging mit ihr hinaus. Sie wagte jetzt kein Wort, Irene raffte sich auch wieder zusammen, ging gefaßt in die Kleiderablage, ließ sich von Renate in die Jacke helfen, setzte die Mütze auf, knüllte den Schleier zusammen und steckte ihn ein. Nach einem Blick in den Spiegel holte sie ihn wieder hervor und band ihn mit zitternden Fingern um; Renate half ihr.

»Gute Nacht«, sagte sie leise. Renate wollte sie an sich ziehn, aber sie schüttelte trübe den Kopf und ging hinaus. Renate blieb ratlos zurück.

Wieder ins Zimmer kommend, hörte sie Jason eben sagen: »Seelische Fallsucht ist ein vortrefflicher Ausdruck!« worauf er sich zu Renate umdrehte, mitten im Zimmer, schmal und kleiner als sonst neben Klemens scheinend, den Kopf ein wenig schräg haltend, und erfreut zu Renate erklärte:

»Herr Klemens sagt, er hätte die seelische Fallsucht. Jahrelang ginge es ihm sehr gut, und dann, auf einmal, wäre die Fallsucht wieder da; es geht ihm also genau wie mir. Ich habe ja mehr die Zitatenfallsucht, aber sie ist ja nun auch im Schwinden, unberufen, und eine Zeitlang hatte ich das Kopfschütteln, aber das ist, glaube ich, auch schon wieder im Schwinden.« Er schüttelte den Kopf. »Nein, da ist es wieder,« sagte er enttäuscht, »ich habe es berufen, nun will ich lieber gehn und Irene noch an der Haltestelle treffen. Gute Nacht, Herr Klemens.« Er reichte ihm die Hand. »Gute Nacht, Renate.« Er reichte ihr die Hand, lächelte und ging sacht hinaus.

Renate setzte sich schweigsam in einen Sessel, hielt sich grade, rieb die Hände leicht im Schoß und blickte ins niedergebrannte Feuer. Aber beim Anblick des Blasebalges fiel ihr Jasons Bemerkung ein: er unterhalte das Feuer; sie mußte lächeln, sah zu Klemens auf, sah ihn in sich gekehrt im Schatten stehn und sagte: »Ein großer Wirrwarr, wie es scheint! Wollen Sie so gut sein und den Blasebalg etwas in Tätigkeit setzen?«

Klemens fuhr auf. »Blasebalg?« rief er, »meinen Sie mich oder den da?« Er lachte, setzte sich, ergriff das Instrument, drehte eins der Holzscheite mit ihm um, setzte ihn dann bedächtig in Tätigkeit. Als das Feuer wieder hell brannte, legte er den Blasebalg fort, setzte sich zurück und sagte:

»Kluge Jungfrau! auch Ihnen wird, nehme ich an, bekannt sein, was gemeinhin nicht viele wissen, ich aber weiß es: Nichts fängt da an, wo es anzufangen scheint. Auch diese armen Tränen, welche Sie sahen, auch die -- ich schwöre es! -- nicht nur Ihnen imaginär gebliebene Ohrfeige haben ihre Wurzel nicht im heutigen, sondern in Frau Irenens Hochzeitstage. Ich kam nicht zur Trauung, damit fing es an. Ich habe nun eine Abneigung gegen Schwurformeln im allgemeinen, und im besondern, wenn der, welcher sie aufsagt, nicht daran glaubt, und erschien deshalb erst bei der Tafel. Das Ehepaar brach, wie Sie sich erinnern werden, früh auf, so bekam ich Ottos Frau kaum zu sehn, aber was ich bekam zu sehn, das war nicht hoffnungsvoll. Ich dagegen war so hoffnungsvoll, zu glauben, dies werde in zwei Jahren vergessen sein, aber weit gefehlt! Ja, ich dachte es mir ganz schön, ich hatte vor, ein Buch zu schreiben --«

»Ein Buch?« fragte Renate, aber er winkte großmütig ab:

»O bloß so ein Buch! wie halt a jeder! Und da dachte ich, dies bei mehr Behaglichkeit und Ruhe in Herzbruchs Hause als in so einem möblierten Zimmer tun zu können, denn meine eigne Wohnung hab ich vor ein paar Jahren aufgegeben, und meine Schwester hatte keinen Platz bisher. Natürlich, ich hätte nach der ersten Nacht verschwinden sollen, aber -- ja, was ist da zu sagen? Otto bat mich, ich hoffte weiter, ja, Otto, das muß ich sagen, zwang mich gewissermaßen, indem er meine Stiefel versteckte, und als moralischen Grund gab er vor, seine Frau müßte aufgemuntert werden, sie würde zu dick. Alles gut und schön, aber -- na, ich blieb doch, und Herzbruch, der hetzte ja denn nach Kräften, er fand es herrlich, wenn wir uns die geschliffenen Partisanen gegen den Kopf rannten, und sagte, sie wäre nicht wiederzuerkennen, und ich wäre ein General-Stabsarzt.«

Renate sprang auf und lief ins Zimmer hinein. »Ach, hören Sie lieber auf,« bat sie zwischen Lachen und Weinen, »das ist ja nicht auszuhalten! Erst kommen Sie am Nachmittag, und ich freue mich, denke, ich kenne Sie, und wie Irene mir stundenlang etwas vorjammert, bleibe ich bei meiner Auffassung von der Sache, bis es mir denn doch zu ernst wird, und ich denke: was Wahres muß doch dran sein, und dieser Klemens ist kein solcher Cherub, als welcher er sich gehabt.« »Danke!« nickte Klemens. »Ach, nichts zu danken, denn nun kommen wieder Sie, und nun sieht die Sache wieder noch ganz anders aus, und nun ist Otto eigentlich derjenige welcher. Was ist denn nun das Richtige?«

Klemens kratzte sich mit schief offnem Munde den Kinnrand im Bart und meinte: er wüßt es nicht, er reiste ja nun ab. Daß der Zweck seines Daseins im Hause Herzbruch vollkommen erreicht sei, das wollte er schwören. Nun ginge er acht Tage auf Reisen, dann würde er bei seiner Schwester wohnen und --

»Ach, papperlapapp,« unterbrach Renate ihn lachend und ärgerlich, »was ist das mit der Ohrfeige gewesen?«

Klemens wiegte verdrießlich den Kopf. »Die Ohrfeige«, sagte er, »hat nicht stattgefunden.«

Plötzlich wurde er dunkelrot, Renate erschrak und dachte: nun kommts! aber die Fallsucht schien auszubleiben, er ergriff den Blasebalg, warf ihn auf die andre Seite des Kamins, machte böse Augen, schob das Kinn vor und sagte endlich:

»Daß man von unechter Abkunft sei, braucht man sich nicht sagen zu lassen, meine Teuerste. Ich habe in Zeitungen geschrieben und mich mit mehr als einem Preßbengel herumgeschlagen, und daß ich weiß, wie und wo die giftigsten Spitzen anzubringen und abzuschleudern sind, das kann Frau Herzbruch freilich bezeugen. Meine Abkunft jedoch hat der schmutzigste Schmock, obgleich ich nie ein Hehl daraus gemacht habe, nie angetastet, denn auch so einer hat Kenntnis von gewissen Usancen. Ich bin, wenn Sie es wissen wollen,« sagte er aufstehend, »ich bin darauf auf sie zugegangen, so!« Er trat dicht vor Renate, »und hab die Hand gehoben, so! Und da hat sie sich geduckt, hat kein Wort gesagt und ist zur Tür geschlichen. Ottos Schwester, auch dies mögen Sie erfahren, war die erste und einzige bisher, der ich es mitgeteilt habe.«

»Genug,« sagte Renate reuevoll, »verzeihen Sie nur! genug!«

»Ich habe ja nichts gegen Sie,« lachte er nun, »aber«, schloß er wieder ernst und mit Würde: »wenn ich auch Proletarier bin, bin ich deshalb kein Prolet, sondern reiner Geist; ich stabiliere mich als solchen. Nein, sehen Sie,« fuhr er leichter fort, »zu Irene sagte ich, nachdem ich -- Sie wissen schon! --: ja, da könnte sie nun sehen, wie verdorben sie wäre, daß sie wahrhaftig glaubte, ich wollte sie ohrfeigen, und weiß Gott, es ist etwas daran, und was soll dieser Otto mit einer Frau machen, die glaubt, ihre Ehe geht in Stücke, bloß weil einer zusieht, den sie nicht leiden kann? Ja, bitte, was sagen denn Sie dazu? Sie sind doch ihre Freundin, Sie kennen auch Frau Vehm -- ja, du lieber Gott, ist das ein Unterschied zwischen den Beiden!« Er atmete auf.

Ein Mensch, dachte Renate, ist nicht mehr wie der andre, wenn er nicht mehr tut wie der andre. Es war nicht gerade viel, was Irene zu tun pflegte, zumal im Schatten ihrer Schwägerin betrachtet.

»Der Mann ist ein Sonderling und verkriecht sich,« hörte sie Klemens wieder sagen, »die Frau ist oft stundenlang, tages und nächtens, bei Wind und Wetter unterwegs, um ihn zu finden, und was sie selber im Herzen zu schleppen hat, das wird ja wohl auch Ihnen nicht unbekannt geblieben sein; aber deshalb weicht sie doch keinen Schritt von ihrem Wege und neigt das dunkle Haupt auch keinen Nagelbreit unter ihrer aufgetürmten Last, sondern steht da, lächelnden Mundes, heller Stimme, sichrer Hand und kräftigen Herzens, schöne, edle Karyatide unter dem stöhnenden Gebälk ihres Daseins. Ach, man möchte singen und verzweifeln um solch eine Frau, und Irene daneben, was tut sie? Sie glauben vielleicht, sie sei Ottos Frau gewesen, aber weit gefehlt! Bis vor drei oder vier Wochen war sie's nicht, sie wollte ja keine Kinder haben, quält einen Mann zu Tode mit ihrer -- Daseinsunwissenheit und wirft sich ihm endlich in die Arme an dem Tage, wo ein Mensch ins Haus kommt mit unsichtbaren Augen.«

Er lief mit großen Schritten zornig im Zimmer hin und her, warf die Ellenbogen vor und schlug die Hände zusammen. Ob denn das zum Blasen sei? fragte er. »Na, aber nun hat er sie ja wenigstens, und so wird denn wohl alles in der Ordnung sein«, murrte er, kam auf Renate zu, hielt ihr die Hand hin und bat, gehen zu dürfen.

Renate sah ihn durch Schleier an. Seltsam erinnerte sie sich Ulrikas. Ohne sie wüßte sie heute kaum, was das bedeutete, was Klemens ihr eben verraten hatte, bedeuten mußte für einen Mann wie Herzbruch.

»Ich fürchte, lieber Herr Klemens,« sagte sie leise, »so einfach wird es nicht sein, wie Sie denken, aber -- wir können ja hoffen. Sie vergessen doch nicht dies Haus, wenn Sie wieder in der Stadt sind, nicht wahr? Ich würde gern noch mehr mit Ihnen sprechen, aber ich bin nun auch recht müde geworden von allem. Also auf Wiedersehn!«

»Ja,« sagte er, als fiele etwas ihm ein, »und wissen Sie denn eigentlich, warum ich noch einmal zurückgekommen bin?«

Renate schüttelte den Kopf.

»Weil ... Ich verstehe es nicht«, murmelte er, den Kopf senkend. -- »Weil«, fuhr der dann erklärend fort, »mich unterwegs die Reue ergriff; weil ich dachte, ich wäre vielleicht doch im Unrecht, und -- da man gleich tun soll, was man tun will und kann, so drehte ich wieder um, und -- -- was geschieht? Sie sahns ja, sie tat, was ich tun wollte, sie bat mich am Verzeihung!«

Auf dies hin wußte Renate nichts. Sie standen noch eine Weile schweigend, dann verbeugte er sich und ging.

Renate nickte ihm noch lächelnd zu, als er aus der Tür grüßte, dann fielen die Schleier wieder über alles, langsam erlahmte ihr Denken, rot glimmte die sinkende Glut vor ihren verdunkelten Augen, sie ging zur Tür, löschte das Licht und ging schläfrig und abgespannt auf ihr Zimmer.

Schrecken

Renate hob den Kopf aus dem Schlaf, weil sie jemand an die Tür klopfen hörte; sie glaubte, nur wenige Stunden geschlafen zu haben, aber es war schon Tag. In der Tür erschien die Köchin, ängstlich, und sagte: Frau Herzbruch habe angerufen, das gnädige Fräulein möchte doch gleich ans Telephon kommen, es sei etwas ganz Schreckliches passiert. Renate war schon mit den Füßen aus dem Bett. -- Es betreffe aber nicht Frau Herzbruch selbst, sollte sie sagen. -- Renate war schon in den Pantoffeln, rannte durch die Zimmer hinaus und treppab in die Halle. Es mußte mit Vehm ... Sie nahm den Hörer auf, atemlos, und sagte: »Irene?«

Eine Weile war nichts zu hören als das Sausen und Knistern im Apparat, dann kam Irenes Stimme leise und mühsam aus der Ferne: »Renate ...? du wirst -- sehr erschrecken. Es ist --« Wieder war alles still. »Mein Schwager Vehm«, hörte Renate, »ist -- -- tot. Und -- und --«

»Dora!« schrie Renate entsetzt.

»Nein, nicht Dora,« hörte sie nach Sekunden. »Die Kinder.«

Renate zitterten die Knie. Sie glaubte, einen ungeheuren Schlag gegen die Brust erhalten zu haben, rang nach Atem, fühlte lange Zeit nichts, tastete endlich hinter sich nach dem Stuhl und sank auf ihn hin. Dann hörte sie ihr Herz schlagen -- es mußte Sekunden ausgesetzt haben.

Irene fragte aus der Ferne: »Bist du noch dort?«

Sie würgte einen Laut hervor, brachte dann heraus, was das bedeute?

Lange Zeit antwortete Irene nicht, endlich sagte sie langsam: »Er war gestern wieder da -- als ich aus der Stadt kam. -- Und -- auch Ägidi. -- Sie waren Alle in der Diele. Albert sah ganz -- verwirrt aus, aber -- nachher kam Dora und sagte, er habe ziemlich ruhig gesprochen und gesagt -- er -- er könnte es nicht ändern, die Kinder wären sein, und deshalb müßte auch die Mutter bei ihnen bleiben, oder -- so ähnlich, und -- er ist dann gegangen, aber wiedergekommen nach einer Weile und hat gesagt, er hätte sich besonnen -- ja, ich kann das alles nicht so sagen -- -- -- jedenfalls, er wollte gehn, und sie sollte die Kinder behalten. Dann ist er fortgegangen, er hat sich nicht halten lassen.« Irene schwieg wieder.

»Laß es genug sein, Renate«, bat sie dann. »Er muß nachts ins Haus gekommen sein, ohne daß wer von uns es hörte. Dann hat er im Kinderzimmer erst den beiden --« Irenes Stimme brach schluchzend ab.