Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 5

Chapter 53,665 wordsPublic domain

Es ist ja nicht das, lief das Rad in ihm weiter, nicht diese Eselei, wieder im Korps zu sein, und auch nicht der Alkohol. Es ist einfach die Angst, weil du nicht weißt, was werden soll. Dies ist nun der dritte Versuch. Erst sollte die Natur Klarheit schaffen; dachte natürlich nicht daran. Außerdem Benno, -- nun das war wohl nur ein halbes Viertel von einem Versuch. Nun die Menschen, auf die es ja schließlich ankommt, und da merke ich nun die verfluchte Verzauberung der Relativität. Renate, schönes Licht! dachte er seufzend, aber sein Feuerzeug war wohl naß geworden, das Licht glomm nicht auf, es wurde nur dunkler umher. Woran soll ich mich denn messen, wenn alles relativ ist und ich nicht aus mir heraussteigen kann! Bin ich denn ein Lügner? Ich spiegle den Menschen etwas vor, das ich nicht bin. Schade ich damit? Bin ich nicht bereit zu allem Besten? Zahle ich nicht mit Qual? Irgend jemand sagt mir, ich sei nicht der Sohn meines Vaters, und da soll ich miteins andere Gefühle bekommen? Wie kann ich zwanzig Jahre auslöschen wie ein Talglicht? Darauf aber kommt es an, auf das Innere, und alles andre -- -- ich weiß nicht, sitzt da jetzt einer neben mir oder nicht?

Er wandte langsam und vorsichtig den Kopf. Ja, neben ihm saß ein Mensch, den Kopf in den Händen; schien übers Wasser hin zu sehn. Das war ja ... Georg wandte sich, beugte sich vor, sah das Profil des Dasitzenden und sagte erleichtert: »Guten Abend, Herr Birnbaum!«

Der Angeredete wandte sich um und stand hastig auf.

»Entschuldigen Sie, Prinz,« sagte er mit mehreren Verbeugungen, »ich hatte Sie nicht erkannt. Und diese Bank«, setzte er hinzu, »ist gewissermaßen mein Eigentum, meines und meiner Schwester, wir sitzen oft darauf.«

»Aber so setzen Sie sich doch, alter Freund, und erzählen Sie! Vor zwei Jahren haben Sie Examen gemacht, oder erst vor einem? Habe ich Sie nicht im Syndikatskolleg gesehn?«

Birnbaum bejahte, sagte aber, daß er Mediziner sei.

»Daß Sie's gleich hören, Georg: meine Mutter ist vergangene Nacht gestorben«, sagte er kurz. »Nein, sagen Sie nichts, es ist nichts zu sagen,« fuhr er heftig fort, »sie war ja kein richtiger Mensch mehr, jahrelang schon, wir hatten uns, wenn ich so sagen darf, ihrer schon längst entwöhnt.«

Georg dachte an Bennos Mutter, fragte, ob sie denn krank gewesen sei, und bekam zur Antwort:

»Ja, geisteskrank, sechs, sieben Jahre.«

Sie saßen still beieinander. Georg suchte den verwirrten schwarzen Himmel ab -- war dort nicht ein Stern? -- Nacht stand um den Teich; nichts regte sich darin.

»Standen Sie vorhin dort am Wasser?« fragte Georg. »Sehen Sie, es ist wieder jemand dort! Sehn Sie den Schatten?«

Der Andere blickte hin und sagte: »Ich glaube fast, das ist meine Schwester.« Er schüttelte den Kopf. »So ist sie nun; geht aufs Geratewohl in die Nacht hinein und ist überzeugt, daß sie mich findet. Dafür ist sie ja nun mein Geschöpf.«

Die Gestalt kam langsam am Ufer den Weg herauf, zögerte, kam näher, stand endlich vor ihnen, schmal und dunkel, einen Schal um den Kopf.

»Bist du's, Sigurd?« fragte sie. Er stand auf, trat zu ihr und legte einen Arm um ihre Schulter. »Bist du böse, daß ich mitten aus dem Kaddisch weggelaufen bin?«

Georg schiens, als bewegte sie leise den Kopf hin und her, dann hörte er sie fragen -- eine huschende, verhaltene Stimme --: »Mit wem sitzt du denn hier, Sigurd?«

Sigurd sagte: »Es ist Prinz Georg, Esther, du weißt, daß er eine Klasse unter mir war.«

Georg, der inzwischen aufgestanden war, reichte ihr die Hand; die ihre, in einem Zwirnhandschuh, fühlte sich hölzern an. Ihr Gesicht im Dunkel war nur ein weißer Fleck mit zwei schwarzen darin, den Augen, die allerdings absonderlich geschlitzt schienen. Sie setzte sich ans andere Ende der Bank, ihr Bruder sich zwischen den Beiden. Nach einer Weile hörte Georg ihn flüstern, dann sie, er schloß die Ohren, verstand auch nichts, aber das Flüstern dauerte an ... Nun schloß er auch die Augen, vernahm das seltsame Geräusch der Lippen in Pausen, dachte an die tote Frau und geriet an Heines Vers: >Keine Messe wird man singen, keinen Kaddosch wird man sagen ...< Kaddisch hatte Birnbaum gesagt, aber das war wohl dasselbe. >Dunkler Hund im dunklen Grabe ...< kam das nicht im selben Gedicht vor? Nein, das war ja:

Nicht gedacht soll seiner werden. Aus dem Mund der armen, alten Esther Wolf ...

Keine Messe wird man singen, keinen Kaddosch ... Es ließ ihn nicht wieder los. Sieh, aber nun waren Sterne da! Lieber Gott, wie das nun gleich erleichterte! Da standen sie, klein, schwach, bläulich, dort einer, dort ganz oben, fast über ihm. -- Keinen Kaddosch wird man sagen ...

»Verzeihen Sie, Birnbaum, was ist Kaddisch? Sie sagten es eben. Und mir fiel ein Vers von Heine ein, da heißts --«

»Kaddosch,« sagte Birnbaum, »es ist dasselbe. Kaddisch ist das Totenbeten; die Verwandten verrichten es, oder auch -- wie bei uns, die wir keine in der Stadt haben -- Freunde und angestellte Frauen. Ich bin davongegangen. Ich konnte nicht ertragen, das Klagen zu hören, wo ein Mensch endlich seine Seele wieder hat, denn das müssen die Andern doch wenigstens glauben. Komm, Esther, siehst du die Sterne? Wollen wir Mutter unsern Kaddisch sagen?« Sie antwortete nicht. Einige Minuten später hörte Georg ihn sprechen, nicht mehr in seiner wegwerfenden, schnell fertigen Art, sondern seltsam innig und sanft. --

»Mutter,« sagte er, »warst du denn noch ein Mensch? -- Kannst du uns jetzt sagen, was du warst? Da warst du, warst so klein und noch ganz schön, saßest immer bei uns und hattest keine Augen für uns, wenn wir hinsahn. Aber wenn wir still saßen und lasen, wie oft merkten wir dann, daß deine Augen auf uns waren, wie Kinderaugen, verschüchtert, wie ein Bestraftes, das nicht sein darf wie die Andern ...

»Und so seltsame Dinge mußtest du immer tun! Wenn du allein warst, da bewegte sichs in dir, und du mußtest immer folgen, und wenn einer von uns wieder hereinkam, so warst du nicht mehr da. Dann hocktest du zwischen Sofa und Bücherschrank ganz klein, die Hände im Schoß, oder du knietest unter der Tischdecke, als wolltest du Verstecken spielen, oder du hattest ins Schlafzimmer gehn müssen, das Bett gesehn und dich halb ausgezogen und hineingelegt. Und niemals durftest du im Bett sein nachts, wenn Esther erwachte und nachsah: dann mußtest du mit kalten Füßen beim Schrank stehn, oder im Fenstervorhang, aber du warst doch immer willig, kleine Gestalt, und tatest, was man verlangte, legtest dich gleich wieder hin und decktest dich zu. Manchmal freilich war dirs verboten, mit uns zu essen, und dann mußtest du heimlich in die Speisekammer gehen und finden, was Esther dir hingesetzt hatte ...«

»Und wie war es denn, als du starbst?« fing er leise wieder an. »Auf einmal fandest du die Korridortür nicht verschlossen und huschtest hinaus. Und als dein Sohn im Dunkel mit dem Streichholz die Treppe heraufkam, saßest du auf den Stufen, klein und weiß in deiner Nachtjacke, die Stirn ans Geländer gelehnt, und da warst du tot ...

»Ja, Esther, da war er nun wieder hinausgegangen, der törichte Geist, der ihr all das Seltsame riet, über das sie so viel den Kopf schütteln mußte. Und all das, weil eines Tages ein lieber Mensch auf der Erde lag und nicht mehr antworten wollte auf ihr Schreien und Schütteln und Schlagen, und all das, damit sie nun sein Gesicht wieder hat -- ein wenig Wehmut am Mundwinkel, ein wenig Friede über Schläfen und Augen, und das Unbegreifliche ...«

Sigurd war verstummt. Georg sah nicht ohne Erleichterung viele Sterne oben in der Nacht; auch in der Schwärze des Teichs waren sie sichtbar geworden.

»Und wir,« sagte Sigurd leise, aber wieder heftiger schon, »wir bewegen uns, wir greifen dies und jenes an und nennens Verstand. Einmal merken wir dann, daß wir immer das Verkehrte getan haben. Aber in uns saß doch einer, der wollte es so. Es war so seltsam, Esther, wie Mutter nun dalag unter der Hängelampe, und du standest neben ihrem Kopf, in deinem schwarzen Haar, mit fließenden Augen, im langen, weißen Hemd und getötet vom Schlaf. So sonderbar war das! Nun wirst du bald heiraten wollen und über das große Wasser fortgehen. Ja, meine Lehre ist nun aus. Sehen Sie,« wandte er sich zu Georg nicht ohne ein wenig Bombast, »es ist ja nichts ohne eine gute Seite. Esther mußte die letzten vier Jahre aus der Schule fortbleiben; da hat sie viel unnützes Zeug gespart und eine Menge Gutes von mir gelernt, Buchführung und Philosophie, Sozialwissenschaften, und einen ungeheuren Stoß gute Bücher gelesen. Verloben konnte sie sich auch, und ich kann dann von dem kleinen zum großen Mütterchen zurückgehen, Mütterchen Rußland, und sehen, ob man mich dort brauchen kann.«

»Sie sind doch Balte?« fragte Georg, um etwas zu sagen. Sigurd nickte.

»Komm, Esther, wir wollen gehn«, sagte er, und sie stand auf. -- Georg ging willenlos mit.

Sie sprachen nicht mehr, bis sie am kleinen Palais anlangten. Als Georg sich hier verabschieden wollte, hörte er Esther zum ersten Male nach den wenigen Worten zu Anfang etwas sagen, indem sie erstaunt fragte, ob er hier wohne? -- Leider, gab Georg zurück, sei die Einrichtung noch nicht fertig, sonst würde er sie bitten, hereinzukommen.

»Siehst du, Sigurd,« sagte sie da ganz heiter, »nun komme ich doch hinein!«

»Sie hat es sich als kleines Kind schon gewünscht,« erklärte ihr Bruder, »einmal in den verschlossenen Garten zu kommen, da freut sie sich nun freilich.«

Georg meinte, das Stück hinter dem Schlößchen sei nur klein, aber es würde ihn doch sehr freuen, -- was nicht aufrichtig war, denn er hatte keinerlei Eindruck von ihr gehabt, und obendrein war sie verlobt. Er haßte Verlobungen. -- Also schieden die Geschwister von ihm.

Im Hausflur zauderte Georg, ob er in die unfertigen Zimmer gehen sollte oder in die für die Zwischenzeit zurechtgemachten Prunkgemächer. Aber nach einem Blick in den kahlen, vom schwarzen Abend verdüsterten Raum voller Bücherkisten, Teppichballen und Möbeln in Lattenkäfigen, und einem weiteren durch die Gartentür ins Freie, ob etwa aus Bennos Fenstern Licht falle -- doch alles war dunkel dort --, wanderte er schlaff und unfähig in der dunklen Zimmerflucht hin und her, bald nahe am Weinen vor Schmerzwut im Gedanken an Benno, der natürlich bei Renate war. Renate, die ihm ewig verschlossene! Denn dort war ja nun Magda im Hause, und dies -- nein, dies brachte er nun doch nicht fertig, vor ihren Augen zu Renate zu beten.

Er stand wieder still, durch ein Fenster starrend auf den Rasenplatz, wo aus der Eichengruppe die Nacht wie eine schwarze Fackel aufstieg. >Keinen Kaddosch wird man sagen ...< Dieser Sigurd war gewiß ein ungewöhnlicher Mensch, in der Schule wurde ja viel von ihm gesprochen, seinen Kenntnissen, seiner Belesenheit und -- ja vor allem seiner Hülfsbereitschaft. Nun, mich wird er schwerlich aus meinem Sumpf herausziehen können. Also was bleibt mir übrig?

Darauflos leben, lustig sein, wieder die Nächte durchsausen, saufen, speien, johlen, Zoten hören. Ach, wenn nur die studentische Ausgelassenheit heutzutage nicht so unendlich nichtswürdig wäre! Wenns noch Freude wäre, Überschwang, Lebensüberfülle, wahre Ausgelassenheit voll Geist und Witz. Ausgelassenheit? Ja, die Vernunft wird ausgelassen und der Stumpfsinn herein, sie betäuben sich, anstatt sich zu befreien, vernichten sich selber in Berauschung, sie sind so unfeurig, das ist es, sie brennen ja von nichts und für nichts, ja sie brennen bloß von Alkohol, von Spiritus, dünne, kraftlose Flämmchen, -- o Renate, Renate!

Georg mußte sich niedersetzen vor Mattigkeit, hatte jedoch innerlich etwas Haltung gewonnen.

Was also muß ich tun? fragte er sich, so klar er konnte. Ihnen abschreiben oder nicht abschreiben? -- Es durchzuckte ihn, daß er diese Last auf sich nehmen müsse, wegen der -- Maske, die sich gerade im ständigen Umgang mit seinesgleichen allein probieren lasse. Lieber -- dachte er -- ein besonders schweres Stück Weges jetzt -- und dann Freiheit so oder so, als die lange Ungewißheit, Ratlosigkeit, und so -- Verschleppung.

Wenn ich, dachte er, Herzog bin, werde ich das alles abschaffen. Und damit ich das kann, fuhr er innerlich errötend fort, muß ich nun wohl dafür bluten ...

Die Augen fielen ihm zu; er öffnete sie schwer, sah die zwei grauen Rechtecke der Fenster bleich und öde im Dunkel und tastete nach seinem Herzen. Die Angst stieg darum wie Flut; er atmete mehrmals, so tief er konnte. Entschließe dich, Georg, gebot er sich, schreibe, schreibe gleich! -- und schon zum Aufstehen aus dem tiefen Sessel sich vornüberbückend, die Hände auf den Knien, kam er nicht weiter aus dieser Haltung.

Wenn ichs nicht tue, fragte er sich besinnungslos, tue ich es dann aus Tapferkeit nicht oder aus Feigheit?

Zweites Kapitel: Juni

Begegnung

Georg, an einem glanzlosen Vormittage im Junianfang, ritt Unkas im langsamsten Schritt die breite Mittelstraße zwischen den Alleen in der Richtung auf Herrenhausen hinunter, vornüberhängend mit halb geschlossenen Augen, im verschwommenen Blick nahe die leise schlagende schwarze Mähne, tiefer das wechselnde Zum-Vorschein-Kommen der breiten Hufe, unter denen die staubtrockenen Erdklumpen vorspritzten. So saß er, in seiner schweren Müde, seiner Angstwut, seinem unendlichen Mißbehagen, das Hirn in Bierdünsten, das Herz in Öde; zerpreßt.

Ihm fiel ein, wie er in der Nacht zuvor halbtrunken in die Güntherstraße gelaufen war; wie er -- auf ihm selber unbegreifliche Weise -- zur Rückseite des Gartens gelangt war, halb bewußtlos vor Trunkenheit und Qual am Zaun gehangen und hinüber gelechzt hatte nach dem grauen, ganz dunklen Hause hinter den Bäumen.

Renate ... Wann würde er sie je wieder sehn! Magda -- es geschah ihm freilich recht, daß sie ihm den Eingang verschloß, denn das tat sie ...

Dies war die Gegenwart: freudlos, dumpf, entstellt durch eigene Schuld. Das war die Zukunft: dumpf, abgeschlossen, umflügelt von Gespenstern des Grauens. Dennoch mußte er hinein, mußte, die Maske vor, versuchen, ob -- -- erfahren, ob es erträglich, möglich ...

Unkas stolperte träg; er riß ihn hoch und bemühte sich gewohnheitsmäßig, ihn mit Schenkelschluß und kleinen Paraden zusammenzustellen. In seine geöffneten Augen blendete das halb verhüllte Licht; Spatzenzank schrillte und überlaut Finkenschlag, dicht zu seinen Häupten. Emporblickend folgte er eine Zeitlang den fast auf ihn herunterhängenden Zweigen, deren erste, dünne Belaubung -- Blätter und Blättchen, kaum entrollt, noch zerknittert, weich, weißlich behaart, kaum geborenen Tieren gleich -- Verlangen erregte, danach zu greifen, eins abzupflücken und vorsichtig hineinzubeißen als in leise bitter Süßes. Aber er brachte -- schon zwischen den Zähnen fühlend, wie das Trockene innen saftig sich zusammendrückte und knisterte -- die Hand nicht hoch, und eine hülflose Rührung, die ihn überkam, reizte fast zu Tränen. -- Nun schmerzte sein nach oben gedrehtes Genick; er senkte den Kopf wieder gerade.

Da sah er, ein paar hundert Schritte weit vor ihm, auf dem getretenen Fußpfad neben dem Hufschotter zwei Gestalten kommen, eine weibliche und eine kleinere männliche, und sofort erkannte er Magda in der weiblichen, erkannte sie mit dem Instinkt, obwohl er sich sagte, daß er, wenn sie es wirklich war, sie gar nicht erkennen konnte, so entfremdet wie sie aussah. Allein im Näherkommen blieb es untrüglich Magda, -- und er dachte: Magda -- warum nicht mehr Anna? Es kam so ... Magda in einem hängenden, nein schlottrigen, mattblauen Kleide, das sie mit den Achseln trug anstatt mit den Hüften. Wie weit ihr Gang war! und trug sie nicht Sandalen oder wenigstens keine Absätze unter den Schuhen? Damenschuhe ohne Absätze waren Georg unleidlich. Er konnte die Beine sich abzeichnen sehen unter dem schrittweis hin und her schlagenden Stoff, jedoch -- wie reizlos! Auf dem Kopf hatte sie einen großen Panamahut mit tief gerundeter Krempe, und er sah nun schon ihr Gesicht darunter, blaß, mit undeutlichen Zügen, wie verwischt.

Und daneben, in schwarzem Anzug, den Strohhut aus der Stirn gerückt, die Hände auf dem Rücken, in unbedenklicher Haltung etwas vornüber -- das war ja al Manach! Richtig wieder unter den Lebenden ...

Georg sah ihr Gesicht nun von innen sich erhitzen und ganz rosig werden; sah den Blick der alten braunen Augen und lenkte Unkas hinüber. Augenblicke später hielt er mit Herzklopfen vor ihr, sie lachte heiter, nickte ihm zu, rief: »Tag, Georg!« und begann Unkas den Hals zu klopfen.

»Grüß Gott, Herr al Manach,« sagte Georg, »na wie gehts denn?«

Besten Dank, äußerte Jason, es ginge ja. -- Den Strohhut, den er höflich abgenommen hatte, behielt er in der Hand.

»Aber Georg, was ist das mit Unkas?« fragte sie, bevor er etwas vom Zusammentreffen und Langenichtgesehenhaben vorbringen konnte. »Er klemmt ja die Zunge zwischen die Zähne.«

»Tut er das? So. -- Ja, er wird ja auch alt ...«

»Na Georg, schon so alt? Wieviel Jahre hat er denn?«

»Ich soll wissen! -- Neun oder zehn.«

»Ach, Georg, du weißt gar nichts!« lachte sie. -- Wehmütig an ihrem Gesicht vorüber auf die absatzlosen, staubgrauen Schuhe hinunterblickend -- waren es nicht einmal kleine Lackschuhe gewesen, mit eingedrückter Spitze? -- hörte er sie weitersprechen: ob er vergessen hätte, daß er ihn gekriegt habe, als er elf Jahre alt wurde ... »Ich bekam Terpsichore -- erinnerst du dich noch? -- den Schimmel, der gleich das linke Vorderbein brach -- ich kriegte doch immer was mit an deinen Geburtstagen -- und du Unkas, und damals war er noch nicht drei Jahre alt. Also ist er nun --?«

Georg brauchte eine Weile, bis er hinter den Zähnen hervorbrachte: »Zehneinhalb!« mit alles vergessender Traurigkeit nun an ihren brauenlosen Augen haftend und sehr zu fragen versucht: Hast du denn so gelitten, daß du gar nicht mehr weißt, was Leid ist, und nichts empfindest bei solchen Erinnerungen? --

Dann ermannte er sich, lachte, wiederholend: »Zehneinhalb! das muß Onkel Salomons Handschuhnummer sein! Wie gehts denn dem Alten?« und sprang ab. Er hängte die Trense hinter den Bügelriemen ein, gab Unkas einen Klaps auf die fletschende Zunge, daß er unwillig zurückfuhr, und setzte sich neben Magda in Bewegung, dem Wallach es, wie ers gewohnt war, überlassend, ob er mitkommen oder stehen bleiben wollte. Er kam ja doch immer ...

Sie gingen still. Zehn Schritte weiter hörten sie Unkas, der nachgetrabt kam, bis er mit dem Maul an Georgs Schulter stieß, zum Zeichen getreulichen Vorhandenseins. Jason sagte: »Das gute Pferd.«

Erst Augenblicke später fühlte Georg ein zartes Lächeln in sich aufquellen, wie seltsam bestimmt, sanft und bedeutungsvoll es geklungen hatte: Das gute Pferd ... Er spähte verstohlen an Magda vorüber auf Jason, der vor sich hin ging. Alles war ein wenig krumm an ihm, Genick, Rücken und Knie; die schwarzen Augen aber bewegten sich glanzvoll, lebendig und mit Gelassenheit umher.

Und währenddes hörte er sich Magda nach ihrem Vater fragen, hörte sie irgend etwas Unbestimmtes antworten, dann weitersprechen, von Krankheit, ihrem Gesangslehrer und einer Musikvorlesung, die sie in der Universität hörte, und daß sie Georg einmal von weitem dort gesehen hatte. Wie es ihm denn ginge ... Er sehe gar nicht gut aus ...

»Ach mit mir ist nichts mehr los, Anna«, sagte er gedankenlos.

»Ach Georg!«

»Ich bin wieder aktiv geworden.« Er sah starr geradeaus. Sie blieb stumm.

Das dauerte eine Weile, bis Georg aus den Anlagen zur Rechten die Front des Schlößchens schimmern sah, worauf er sich zusammennahm und fragte, ob die Beiden nicht seine Wohnung anschauen möchten; sie sei eben fertig geworden. Und dann könnten sie ja auch Benno besuchen und sehn, wie er Glück strahlte. -- Magda nickte, sie bogen ab, durchschritten die Allee und wanderten um das Rasenrund.

Dann sagte Georg aus halber Besinnungslosigkeit, ohne die Worte unterdrücken zu können:

»Nun bist du ja wie eine Taube, Anna ...«

Sie blieb stehen, so daß auch er halten mußte und sich zu ihr wenden, sah ihn sanft an und sagte:

»Anna nennst du mich? Ja, behalte nur den Namen.«

Dann ging sie weiter, dem vorausgewanderten Jason nach, indem sie anfing, von Renate zu erzählen, und daß sie nun zweimal allwöchentlich einen Quartettabend hätten; Saint-Georges spiele die Bratsche oder zweite Geige, Irene die erste, Sigurd Birnbaum Cello, »-- kennst du ihn nicht von der Schule her?« -- und Georg nickte. -- Benno Prager, Ulrika und Renate wechselten am Klavier. -- Auch Trios spielten sie, Mittwochs würde geübt, Sonntags müßte gekonnt werden.

»Und wenn du magst, Georg, kannst du gern zuhören kommen. Ich habe mit Renate darüber gesprochen.«

Georg zuckte stark. Aber das -- -- nein das -- -- Sie wußte ja nicht, was sie tat. Aber er konnte es nicht hindern, daß ein Freudegefühl mächtig und mächtiger seine Brust aufdehnte, die Angst daraus -- nein, das Bittere der Angst vertrieb und Süßes hineinflößte. Er richtete sich innerlich auf, straffte seine Haltung, und die Welt sah plötzlich sonniger aus.

Schon hatte er, den Türschlüssel in der Hand, das geheime Gefühl, eine andere als die kleine grau gestrichene Tür hier aufzuschließen; leichtfüßig, die vier Stufen überspringend, strich er voraus durch den Flur und schlug die Tür zu seinem schönen Zimmer auf, -- zum blassen Egon, der hübsch in der Gartentür lehnte, hinunterrufend, daß Unkas draußen stehe.

Ja, es war schön. Magda schlug die Hände zusammen und machte nur große Augen. Zwischen den klarweißen Vorhängen der hohen Fenster, im Schatten des dunkelgrünen Wandstücks hinter ihm, saß der ernste, dunkle Pensieroso und sann nach über die Welt. Es war ganz feierlich. Von überall her schimmerten oder funkelten die erlesenen Farben der Kleinode auf den Bücherregalen, leuchteten die Farben der Frühjahrsblumen, rote und hellgelbe Tulpen, ein tiefvioletter Busch Veilchen, Narzissen, gelbe und weiße, hängende stark blaue und rote Petunien und ein riesiges Gebüsch lichtgelber Mimosenblüten. Jason stand schon unten und untersuchte aufmerksam die hölzernen braunen Apostel unter dem Treppendach.

»Nein, die Lilien!« sagte Magda mit Andacht. Steil aufrecht, edel und großmütig erhoben sie sich über den dunklen Pensieroso.

»Nein, meine Bucharas!« sagte Georg und sah zu seiner Freude zum erstenmal wieder rasches Leben durch Magda fluten, die nun die Stufen hinunterlief, sich auf die Teppiche bückte, ja sogar sich niederwarf, um sie zu streicheln.

»Himmlisch, Georg!« sagte sie, »ganz himmlisch!«

Worauf er eifrig zu den Fenstern lief, ein neues Blendwerk versprach, den gewaltigen samtgrauen Vorhang niederrauschen ließ und zugleich eine Lichtkurbel drehte. Hoch oben im Raum, zwei Meter unter der Decke entfaltete sich und schwebte eine milchweiße Sphäre, wie ein großer Kürbis groß, die ein fremdes, fast beklemmendes Mondlicht durch den dämmerig bleibenden Raum ergoß.

»Nein, hier muß ich Renate herbringen!« gestand Magda noch langer Atemlosigkeit. »Jason, was sagst du?«

Allein kein Jason war vorhanden. Nachsehend fand Georg ihn im Nebenzimmer, wo er, die Hände auf dem Rücken, den Kopf im Genick, geduldig zu dem weißen Perserteppich aufstaunte, der das Wandstück neben der gläsernen Apsis bedeckte. Auch dies Zimmer mit seiner großen Helligkeit, den Vitrinen, schwarzem Stutzflügel und Peddigrohrsesseln in der musselinverhangenen Fensternische fand Magda himmlisch; aber sie war nun wieder stiller geworden und in sich zurückgekehrt.