Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 49

Chapter 493,890 wordsPublic domain

»Niemand, Renate,« sagte er, das Kinn auf die Lehne legend, »niemand will, daß du nicht bist, weil Andre in Not sind, sondern im Gegenteil bist du und dein Haus die Erfüllung all ihrer zartesten und tiefsten Träume und Wünsche, und sie wollen nichts weiter, als daß sie, wenn ein Haus voller Engel an ihrem Wege steht, hineingehn können, wann der Wunsch sie dazu treibt, und daß, wenn es Gott gefiel, eine Schale voll Musik über die Erde auszuleeren, der irdene Topf so geeignet sei, um sie aufzufangen wie der goldene Becher.«

»Ich glaube,« sagte Renate unbedenklich widersprechend, »Doktor Klemens sprach doch von denen, die Not leiden und --«

»Nein,« sagte Klemens, »ihr Freund hat recht. Ich fragte einmal einen Bierfahrer in Camberwell, ob er schon die Sterne gesehn habe, und dieser Bierfahrer sagte, er wollte verdammt sein, wenn ers getan hätte seit Sarah Pedgewoods Tode, denn er hätte keinen Tropfen Ale gesehn seitdem. Aber sehn Sie, doch geht dieser Bierfahrer auf nur zwei Gliedmaßen aufrecht, und daß er es tut, das ist der Beweis, daß er die Sterne sehn möchte, wenn er nur einen Sinn damit zu verbinden wüßte. Die Notleidenden? Nein, verehrtes Fräulein, die gehen mich nichts an. Not wird gelitten zu Lande und zu Wasser, zu Leibe und zu Seele, und wegen Essens, Trinkens und der Liebe brauchten wir keine Internationale zu gründen, sondern das bringt die Welt ganz von selber in Ordnung. Sie leiden nicht Not, sie, die ich meine«, sagte er hart und schlug leicht mit der Faust gegen den Ofen.

»Was dann, Georges?« fragte Renate.

»Ungerechtigkeit leiden sie«, sagte Klemens. »Knechtschaft, das ists, was sie leiden. Sie leiden, daß sie verbraucht werden in den guten Jahren, so daß sie darben müssen im Alter. Sie leiden, weil zehn Menschen in der Welt je tausend Äcker haben, und ihrer zehntausend haben zusammen einen. Sie leiden nicht, weil jener sich Gemälde kauft und dieser jeden Tag eine Frau, weil jener die Zigarre mit drei Mark bezahlt und dieser im Sommer nach Japan reist, sondern sie leiden, sie leiden unauslöschlichen Gram, weil sie keine Zeit haben, um Gemälde zu sehn und um an einem Sommertag im Grase zu liegen, denn weiter wollen sie nichts. Sie wollen und sollen nicht zehn Stunden am Tage arbeiten, auch nicht neun oder sieben, sondern allerhöchstens sechs, und ich sage, daß es dazu kommen wird, wenn nicht heute, dann morgen.«

Renate hatte, da er schwieg, Zeit über seine Worte nachzudenken und sagte nach einer Weile: »Mein Vetter, Erasmus, den Sie kennen, und Ihr Freund Herzbruch und Bogner, Ihr Schulkamerad, wie lange glauben Sie arbeiten die am Tage?«

Klemens lachte, kam bis dicht zu ihr, schüttelte den Kopf und sagte: »Der Geist, Verehrungswürdige, hörten Sie nie vom Geist? Nie, daß er es eben ist, der frei ist allein, und daß ich eben sagte: sie leiden Knechtschaft, sie wollen freien Geistes sein? Und übrigens: wenn ein Fabrikant sich durch seine geistige Arbeit zugrunde richtet, so ist das seine Schuld und geht niemanden etwas an. Sonst hat geistige Arbeit mit der schwersten körperlichen das Erhaltende gemein. Der Arm des Pflügers, des Holzfällers, das Auge des Bergsteigers, der Fuß des Matrosen sind mit siebenzig Jahren noch so scharf und sicher und kräftig wie mit zwanzig, und das Hirn des Forschers, des Erfinders ist es nicht minder. Was zermürbt, ist nicht die Anstrengung; was zermürbt, ist allein die Maschine. Das ist mein Gesetz: Wer eine Maschine bedient, soll dies sechs Stunden im Tag tun und nicht länger, soll es vierzig Jahre seines Lebens tun und nicht länger! Nur der Geist ist frei, und sobald ein Dichter nicht mehr das Recht haben soll, freiwillig zu verhungern oder wahnsinnig zu werden, und sie Gewerkschaften gründen zum Schutz ihres Geistes, sobald kann denn das Ganze zum Teufel gehn. Sie sagen vielleicht, ein Dichter, ein Weiser muß deshalb hungern, weil er zu früh geboren wurde, weil die Welt noch nicht reif sei für seine Werke, seine Erfindungen, seine Lehren. Ach, wie sähe es denn aus in der Welt, wenn jeder käme zur rechten Zeit, wenn alles grade sich einpaßte, wo ein Loch wäre, auch der Pfropfen, wo ein Geber, auch der Nehmer, das wäre so langweilig erstens wie Schwarzer Peter spielen, und zweitens möchte man dann ja wohl anfangen zu verlangen, daß auch Sonnenschein und Regen gleichzeitig auf den Acker fallen, und doch würde das dem Acker gar nichts nützen, sondern es ist wohlweise eingerichtet, daß der Nil nur einmal im Jahre steigt -- wenn auch auf Kosten von einem Jahr unter zehnen, wo er gar nicht steigt, und einem, wo er zu hoch geht. Glauben Sie, daß ich die Welt verändern will? Glauben Sie es, Saint-Georges?« Sie lachten Beide, und Klemens lachte mit. Er war aber sehr erregt und fing gleich wieder an, hin und her gehend im Raum:

»Übrigens -- Ihnen kann ichs sagen -- bin ich nicht in dem Ausmaß international, wie Sie denken, bin ein Deutscher am Ende und sehe, daß die Not hierzulande nicht im entferntesten die Ausmessungen hat wie in andern, in England, in Frankreich. Und was heißt denn Not? Es giebt doch nur Ausbeutung und Arbeitslosigkeit. Arbeitsscheu ist eine Krankheit, oder Anormalität, was Sie wollen, wie Trunksucht. Ausbeutung und Arbeitsmangel bleiben bestehn. Arbeitsscheu und Trunksucht gehören mit Mördern und dergleichen in die Heilhäuser und Arbeitsanstalten; niemand gehört ins Zuchthaus noch aufs Schafott. All das wird nicht heute geändert, aber es wird geändert werden, dafür bürge ich. Tun Sie mir die Liebe und denken einen Augenblick nach. Wann fing das Unheil an? Im Mittelalter gab es keine Armen; es gab Sieche, alte Weiber, Krüppel und Soldaten, in denen sich die gesetzmäßig geregelte Arbeitsscheu verkörperte. Wer arbeiten wollte, hatte immer zu essen. Das Unheil begann mit der Übervölkerung und mit der Maschine. Wie alt ist die Maschine? Knapp hundert Jahr. Nun sehen Sie bloß mal an, seit einem halben Hundert Jahren fing man an, diese Not zu erkennen und zu studieren, seitdem sich alles mit reißender Zeit doch nur verbösert hat, und dabei können wir fröhlich und getrost sein, wenn in tausend Jahren das Blatt sich gewendet hat, dann, wenn man auch im Rächer seiner Ehre, im Totschläger, im Wüstling so wenig mehr einen Verbrecher sieht wie heute im Geschlechtskranken, der Frau und Generationen vergiftet, und im Säufer, der dasselbe tut. Ein Glied faßt ins andre, und keines von den kranken läßt sich für sich allein heilen, sie müssen alle schon im einen ihre Gesundung beginnen.«

Er hörte auf und stand wieder bei seinem Ofen still. Renate, hocherfreut, ihn reden zu hören, fragte, ihn weiter zu stoßen, was er aber damit habe sagen wollen, daß er ein Deutscher sei.

»Ganz einfach,« sagte Klemens, »ganz einfach!«

»In Frankreich, sehen Sie, wenn ich da eine Rede halten will, muß ich anfangen: _La gloire!_ -- In Deutschland, wie muß ich da anfangen? Ich muß mit der Faust aufs Pult haun.« Er lachte: »Ha, ha, ha!« und freute sich königlich. »Was ich dann sage, ist schon gleich, ich muß erst mit der Faust aufs Pult haun. Deshalb nun,« sagte er verschmitzt, »deshalb wäre es nun doch ein Fehler, anzunehmen, daß in Frankreich der Geist herrsche und in Deutschland nicht. Sondern das Gegenteil ist der Fall. In keinem Lande der Welt ist noch der schäbigste Bierfahrer so durchdrungen vom Geist wie in diesem sonderbaren Land. Er hat die fremdartigsten Formen. Er geht in Potsdamer Grenadierstiefeln sehr häufig, übertrieben häufig. Aber er waltet, unsichtbar, jedoch er waltet. Vielleicht nicht die Kultur, aber der Geist ist tiefer hierzuland als anderswo. Deshalb, sehen Sie, beschränke ich mich auf dies Land. Wer schaffen will, kann seine Kreise nicht eng genug ziehen. Mißtrauen Sie meiner Behauptung? Soll ich Ihnen den Geist der Gewerkschaften nennen, noch einmal nennen? Die Internationale, das ist ihr Geist. Der Geist der Geistlosen. Der Geist der Geistigarmen. Und dies ist ihr ganzer, strahlender Reichtum; die Internationale ist ihr Reichtum. Ausgeschlossen vom Nabob, von den Betten der Reichen, träumt jeder sich weich im Arme einer Heerschar von Brüdern, sich reich im Bewußtsein seiner ungeheuren Kraft, im Gefühle, im Glauben, in der Erwartung der Stunde, wo der Riesenarm aus hunderttausend Armen zum Schlage ausholt. Die Internationale ist die große Romantische, die Cherubsarmee, der selbsteigene Trost, die dauernde Zuflucht, das große Asyl aller Obdachlosen, strahlend und gewaltig wie das Junifirmament über eine nackte Erde gewölbt.«

Eine Weile blieb es still im Raum; Klemens stand, die Hand gegen den Ofen gestützt, den Kopf gesenkt. »Ja,« sagte er aufschreckend, »ich muß nun aber fort, es wird höchste Zeit, ich muß noch zu meiner Schwester, heut abend geht mein Zug.«

Renate wollte eben verwundert fragen, ob er sie denn wirklich nur, um sich zu verabschieden, besucht habe, als Irene in Pelzjacke und Barett in der Tür erschien, während Klemens durch die Kapelle zum Podium kam, wo sie sich vom Stuhl erhoben hatte.

Irene verwurzelte sich im Eingang mit einem solchen Blick auf Klemens, daß Renate den Ausruf ihres Namens unterschlug. Klemens schüttelte ihr kräftig die Hand, indem er umherdeutend sagte: »Sonderbare Reden, die wir hier gehalten haben.«

Indem drehte er sich zu Saint-Georges um, sah Irene und fuhr mit den Schultern zurück. Dann biß er sich auf die Lippen, sagte: »Guten Abend, Frau Herzbruch!« und gab Saint-Georges die Hand.

Er ging zur Tür, Irene wich nun zur Seite und neigte den Kopf grüßend. Er blieb stehn. »Sie wußten vielleicht nicht, daß ich Otto bat, mich bei meiner Schwester zu treffen?« fragte er.

»Doch, ich wußte es«, sagte sie.

»Entschuldigen Sie nur,« rief er leicht, »ich dachte, Sie wären aus Zartgefühl hergekommen.« Und ging hinaus.

Irene nahm eine Hand aus dem Muff und schob den Schleier hoch, ohne etwas zu sagen.

»Guten Abend, Irene!« rief Renate, während Saint-Georges zu ihr ging. Da stampfte sie plötzlich mit dem Fuß auf und schrie: »Gott sei Dank! Gott sei Dank, daß er weg ist! Lange genug hats ja gedauert!«

Unter der dreieckigen, fest um den Kopf gezogenen Mütze sahen ihre Augen diamantschwarz unter den Schleierfalten hervor. Sie ging mit harten Schritten zum nächsten der beiden Flügel, warf ihren Muff darauf, zerrte den Knoten ihres Schleiers am Hinterkopf auseinander, warf den Schleier auf den Flügel, riß die Pelzkappe ab und warf sie dazu und fuhr sich mit den Händen in die festgedrückten Locken, um sie aufzurichten; danach ließ sie die Arme fallen, machte einen Schritt, stützte die Hände auf die Hüften und blieb so stehn, mit hängendem Kopf, an der Unterlippe nagend. Renate sah alles mit an. Irene warf den Kopf zurück, trat rückwärts an den Flügel, legte eine Hand auf die Platte, trommelte mit den Fingern, sagte endlich:

»Ja, Renate, jetzt ists also aus. Nun hats eine Ende mit Schrecken genommen, das soll nicht schaden. Gott sei Dank, ich habe durchgekämpft und brauche mir keine Vorwürfe zu machen.«

Was aus sei, fragte Renate unzufrieden.

»Na was! das mit Klemens!« Oh, Renate sollte schon wissen, wie sie gekämpft und sich erniedrigt habe! »Erst sollte es eine Probezeit auf acht Tage sein, damals --«

»Was sollte?« fragte Renate kurz, gestört von dem unverständlichen Hin und Her.

»Daß er im Hause blieb! Dann ist ein Monat draus geworden, aber hassen habe ich ihn gelernt, ach gehaßt habe ich ihn vom ersten Augenblick an, diesen Zerstörer, diesen Schönredner, diesen -- Tanzenden! Herrgott, wie er mich verwundet hat, wie ich hab frieren müssen! Ich möchte wohl wissen, wie er gegen dich gewesen ist, eben! Auch so höhnisch und so metallen? Hat er das wohl gewagt?«

»Georges hat Hunger,« sagte Renate, »komm, wir wollen zum Essen gehn.«

Irene nahm wortlos ihre Pelzsachen auf, während Renate die Kerzen löschte, brauchte eine halbe Minute, um ihren Schleier zusammen zu raffen, folgte dann Renate, während Saint-Georges schon an der Kurbel der kleinen Glühlampe stand, die den Raum jetzt erhellte.

* * * * *

Während des Abendessens verhielt Renate sich schweigsam, innerlich unfriedlich, da der gestörte Nachhall von Klemens sich in ihr kreuzte mit Irenens drohender Entladung. Irene verhielt sich schweigsam, innerlich vermutlich bemüht, der vollen Schale ihrer Verdrießlichkeit, oder was es nun sein mochte, jeden Tropfen zu erhalten. Saint-Georges und sein Bruder schwiegen aus Zartgefühl; Erasmus schwieg wie immer. Jasons Kommen unterbrach die Stille nicht weiter, als daß die Begrüßungsworte laut wurden; er kannte ja kein eigentlich selbständiges Verhalten, stets entsprach nur das seine dem der Andern, und auch wenn er etwas Mitgebrachtes allsogleich hervorzog und dartat, schien es wie etwas Erwartetes so natürlich. Nur als Renate eben den Mund auftun wollte, um die Tafel aufzuheben, öffnete er den seinen, schüttelte unmerklich den Kopf und sagte, die stillen, glänzenden Augen auf Renate gerichtet:

»Weißt du, Irene, was Cervantes sagt?« Und nach einem flüchtig und leidend fragenden Blick Irenens, fuhr er fort: »Cervantes in seinem berühmten Buche Don Quichote de la Mancha, gemeinhin der Donkischott genannt, sagt: Ein Mensch ist nicht mehr wie ein andrer, wenn er nicht mehr tut wie ein andrer. -- Es fiel mir grade so ein, als ich euch Alle so schön um den Tisch sitzen sah.«

Erasmus sah ihn an, wie Renate bemerkte, mit dem sonderbar heftig nachdenklichen Blick, den Jason ihm öfters entlockte. Sie hatten, soviel Renate sich erinnerte, noch nie miteinander gesprochen, doch schien Erasmus eine gewisse Ehrfurcht vor ihm zu haben. Jetzt blieb er an der Tür stehn, die Stirn wie immer leicht gesenkt und fragte zurück: »Wie sagten Sie? Ein Mensch ist nicht mehr --«

»-- wie ein andrer,« fuhr Jason fort, »wenn er nicht mehr tut wie ein andrer. Sie sagen aber besser >als< statt >wie<, ich habe die Übersetzung zitiert, und dann sagte ich es eigentlich nicht zu Ihnen.«

Erasmus nickte und ging hinaus. Die Andern standen still hinter ihren Stühlen, lösten sich nun, Saint-Georges sagte, er brächte seinen Bruder auf sein Zimmer und ginge dann nach Hause. Sie verabschiedeten sich, und Irene, Renate und Jason gingen in die Halle hinunter.

Der Kamin brannte hell, niemand machte Licht. Renate setzte sich ans Feuer und wartete ab; auch Jason setzte sich, nahm den Blasebalg, hielt ihn gegen die Flammen und ließ ab und an einen kleinen Seufzer in die Glut stöhnen. Irene, die hinter seinem Stuhl stehn geblieben war, schien nach einigen Minuten von der Wiederholung dieses Verfahrens nervös zu werden und sagte: »Aber Jason, was machst du denn?«

Jason versetzte still: »Ich unterhalte das Feuer.«

Renate lachte leise. Irene drehte sich um und fing an, im Dunkel des Hintergrundes auf und nieder zu gehn. Endlich trat sie hinter Renates Stuhl und sagte halblaut:

»Weißt du noch, wie ich früher zu dir gekommen bin und mein Herz verglichen hab an deinem? Meins war Angst und Sorge und deines Fülle und Sicherheit. Nun ja, wenn man so schön ist wie du ... Seitdem bin ich lange ausgeblieben, und nun bin ich wieder da.«

»Ein Mensch«, sagte Jason, »ist nicht mehr wie ein andrer, wenn er nicht mehr tut wie ein andrer.«

Renate sah zu Irene auf; ihr rötliches Gesicht, eben noch vom Feuerschein erreicht, blickte mit durchsichtigen Augen ratlos gegen die Flammen. Renate sagte:

»Kind! Ich finde es ja sehr lieb von dir, daß du wieder zu mir kommst --«

»Jag mich nur wieder weg«, murmelte Irene.

»Ich dächte aber eigentlich: du hast doch nun einen Mann; oder kommst du vielleicht seinetwegen?«

Nach einer Weile wurde Irenes Stimme wieder aus dem Hintergrunde hörbar, tonlos: »Auch.«

Dann wars wieder still. Renate war des ziellosen Herumredens und Stehens schon ziemlich müde, aber Irene fing nun zu sprechen an, so daß Renate schon am ersten Wort merkte, sie würde so bald nicht wieder aufhören.

»Er nimmt mir meinen Mann weg«, sagte sie. »Ja das ist nun so.« Hastig redete sie weiter. »Erst sollte es eine Probezeit auf acht Tage sein, denn -- ich sagte Otto gleich noch am ersten Abend, -- ach, es war alles so sonderbar! --« Sie schwieg, fing aber nach Sekunden von neuem an. »Ich lag noch nicht im Bett, am ersten Abend, da hörte ich, wie die Beiden sich an den Kamin setzten und dann an zu reden fingen. Und nun dauerte das Stunden. Immer in Pausen. Viertelstundenlang sprachen sie unaufhörlich, am meisten Klemens. Dann wurde es still, ich wollte einschlafen, -- da fings wieder an. Schließlich redeten sie immer weniger, Minuten und Minuten konnte ich sie förmlich schweigen hören und lag und wartete und wartete, und richtig: da fingen sie wieder an. Es war zum Verrücktwerden. Endlich macht ich Licht und saß mit der Uhr in der Hand, eine geschlagene halbe Stunde war kein Laut zu hören, ich dachte, am Ende sind sie doch leise weggegangen. Da zog ich meinen Kimono an, ging zur Tür und öffnete leise. Richtig waren sie noch da. Das Feuer brannte kaum noch, aber ich sah Ottos hellen Anzug, er lag längelangs im Sessel, hörte mich nicht, und auf dem Sofa lag Klemens. Nun fragt ich denn, was sie bloß machten, und warum sie nicht schlafen gingen, und Otto, halb im Schlaf, sagte glaub ich, er hörte zu, wie Klemens sein Bart wüchse, oder so was. -- Aber nun ging Klemens doch, und -- ja, dann stellte Otto mich zur Rede. Es war herrlich, er stellte mich --! Er hätte ihn doch jahrelang nicht gesehn --«

Renate dachte: Was erzählt sie mir da? Sie hat eine Nacht nicht schlafen können und -- Irene hastete weiter, klagend und eintönig:

»-- und -- ja, ich weiß heut auch nicht mehr, was er sagte, und ich entschuldigte mich auch, denn ich weiß ja, ich bin im Unrecht, er ist sein Freund, und sie kennen sich lange, und sie sind Männer, und ich bin nur eine Frau, und ich kann nur sagen: ich mag ihn nicht!«

»Ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer,« sagte Jason ruhig, »wenn er nicht mehr tut als ein andrer.«

»Hab ich denn nicht mehr ein Recht zu sein, wie ich will?« begehrte Irene auf. »Hab ich kein Recht als deine Frau? sag ich zu Otto. Und da, -- ich sprach grade noch von seinem rodomontierenden Wesen, seinem breiten Bart, und wie er die Worte setzt, alles, was mir so -- so -- ich weiß nicht! -- und seine unsichtbaren Augen ... Auf einmal steht er wieder in der Tür und muß wohl gehorcht haben, es war ja auch nur der Vorhang dazwischen und sagt, -- ja, was sagte er doch noch ...«

»Ein Mensch,« sagte Jason, »ist nicht mehr wie ein andrer.«

»Jason! -- Er sagte: weil ich von Rechten geredet hätte ... Er wollte auch von Rechten reden. Meine Ehe, die wäre eine Jammerleistung, ich hätte nicht mal Kinder, und sie wären zwanzig Jahre Freunde, und ich bloß zwei Jahr verheiratet. Ja, und es wäre zum Tollwerden, sagte er, und ich sollte doch erst mal lernen, was eine Ehe ist, ehe ich mich an einen Mann hängte. Oh, es ist uner--, unerhört ist es!«

Renate hörte sie aufgeregt hin und her laufen. Jason hatte es sich im Sessel bequem gemacht, die Hände vor dem Magen gefaltet und schien jetzt aufmerksam zu lauschen.

»Wie gings nun weiter, Irene?« fragte er, »du erzählst sehr anschaulich. Was hat Otto denn nun wohl gesagt? Sagte er nicht, daß Klemens weder Vater noch Mutter gehabt habe und nicht einmal wüßte, wer sein Vater ist, ein Student zum Beispiel, oder ein Großherzog? Sicher hat er etwas Ähnliches gesagt und wahrscheinlich auch, daß Klemens gehungert hätte für drei und gearbeitet für zehn. Nun, ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer.«

Renate sah Irene hinten auf einer Sessellehne sitzen und die Achseln zucken. Jason wüßte ja alles, sagte sie, es sei schon so gewesen. Ja, sie hätte auch gesagt, daß sie ihn, Otto, nicht so lieben könnte, wenn Klemens daneben stünde, aber sie sei schon müde gewesen, und da habe er denn diese Probezeit von acht Tagen verlangt, aus denen dann Wochen geworden wären, und sie hätte ihn ja auch wenig gesehn, nur bei den Mahlzeiten, da er sonst im Zimmer ihres Schwagers gearbeitet hätte ...

»Ja, Albert Vehm,« sagte Jason, sich aufrichtend, »gut, daß du den Namen nennst. Ein Mensch ist nicht mehr als ein andrer, aber was ist mit ihm?«

»Er ist weg. Wir wissen jetzt, wo er haust; bei einem Bauern aus seiner Praxis, aber niemand bekommt ihn zu sehn.«

Da sah Renate ihn wieder am Zaun stehn und hörte ihn fragen: Und die Kinder ...? Renate schreckte leicht auf, da Irenes Stimme auf einmal dicht über ihr fragte: »Bist du abergläubisch?«

»Nun ja, wie man so ist,« gestand sie halb lachend, »Katzen und Sternschnuppen und Spinnen, und wenn das Streichholz nicht anbrennen will, daß man sich sagt: das und das wird geschehn, wenn ... aber --«

»Ja, so ähnlich,« sagte Irene, »jedenfalls hab ich mir ausgedacht, daß in diesen acht Tagen irgend etwas geschehn sollte, das mich bestärkte oder veränderte gegen ihn, aber natürlich ist nichts geschehn, bloß daß er mir immer unangenehmer geworden ist, und dann hab ichs eben langsam immer weiter ertragen, und --«

»Was war denn nun zu ertragen?« fragte Renate kühl.

»Gott, Renate, daß _ihr_ Beide gegen mich seid, das weiß ich ja längst, und wie soll man denn das auch beschreiben? Die Worte machens doch nicht, das macht doch das Gesicht und die Haltung und die Tonart und alles, oder meinst du, man kann sich da irren, und ich hätte mir bloß eingebildet, daß er es förmlich drauf anlegte, mich aufzubringen und zu empören und --«

»Oh das kann ich mir sehr gut vorstellen«, sagte Jason. »Wenn einer so in die allgemeinsten Dinge eine Spitze hineinsteckt, und man kann nichts sagen, denn da ist gar nichts zu sehn, aber innerlich möchte man aufschrein, nicht wahr, Irene? Und dann so dies: obenhin ... Wenn man sich grade so schön vorgenommen hat, geduldig und artig zu sein, und tut eine bescheidene Frage und kriegt auch eine Antwort, aber was für eine! -- So nach einer Weile, als ob sie erst abgeleckt wäre von allen Seiten, so aus dem Mund geholt wie ein Matrosenpriem und auf die Tischkante gelegt zum Trocknen, ja, das kenne ich ausgezeichnet. Wirklich, ein Mensch tut nichts andres als ein andrer.«

Irene antwortete nicht, aber Renate fing an, sich ernstlich zu sorgen, da sie immer geschwinder und wilder durch den Raum hin und her fuhr, die Hände geballt und mit verwirrten, weggeschleuderten Blicken.

»Wenn Otto mir sagte,« rief sie hart anhaltend, »Klemens könnte keinen Widerspruch vertragen, es sei überhaupt alles Beherrschung an ihm, außer man wäre sachlich oder sächlich, -- was weiß ich, ich bin weiblich! -- -- was blieb mir denn übrig als stille zu schweigen?«

»Gut, Irene, ausgezeichnet!« lobte Jason, »damit trafst du das Richtige.«

»Schweig, Jason! Und immer hackte er auf meiner Kinderlosigkeit herum! Nein, höre, da fällt mir etwas andres ein, was er sagte. Einmal konnt ichs nicht lassen und fragte, was das denn eigentlich für eine Freundschaft wäre, wo einer sich um den andern jahrelang nicht kümmerte. -- Das wäre das Feine dran, sagte er. So, sage ich zu Otto, und wenn ich mich jetzt zwei Jahre Gott weiß wo herumtreibe, dann ists dir wahrscheinlich auch egal. -- Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, sagt er. Ist das nun vielleicht eine Antwort?«

Glühäugig stand sie da und blickte Renate an. Jason machte erstaunte Augen.

»Ich hatte gedacht,« sagte er, während Renate ein Lächeln verbiß, »du wolltest von Klemens reden? Nun,« sagte er und zog sich befriedigt zurück, »du hast ja recht: ein Mensch ist nicht mehr wie --«

»Ja, nun verwechsle ich sie schon«, murmelte Irene, kniff den Mund zu und sagte böse: »Einer ist mir so fremd wie der andre.«

»Höre mal übrigens,« fing Jason an, »du hast das wohl auch verwechselt. Klemens redete von Freundschaft, und du von Ehe.«

»Ah, sieh, Jason!« höhnte Irene spitzig, »du hast wohl auch seine Meinungen über Liebe und Ehe und so.«

»Wenn du mir die seinen vielleicht sagen möchtest ...« meinte Jason.