Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 48

Chapter 483,657 wordsPublic domain

Auf den Treppen und dem Weg zum Automobil sprach weder Renate noch Dora ein Wort, -- aber als sie öffnete, saß bereits Jason darin, pfiffig im Dunkeln. Sie fuhren, ohne Licht gemacht zu haben. Bald überfiel Renate von neuem die Unrast, sie kam nicht schnell genug vorwärts und in ihr Zimmer, und sie preßte unter der Pelzdecke die Finger ineinander, bis sie Jasons Hand fühlte, die er auf die ihren legte, die sich nun leichter zusammenschlossen. Und es dauerte keine Minute, so ward sie ruhig und ruhiger, ihr war, als ob ihr ganzes Wesen schmelze ins Allgemeine und Sanfte, und da zogen langsam von links nach rechts die Gesichter des Tages vorüber, das des Herzogs, Doras, Ägidis, Irenes und ihres Mannes, und das von Klemens, und nicht nur diese, sondern auch die nicht gesehenen Georgs, der fremden Sigune und ihres Lehrers, zwar diese kaum sichtbar, aber sie wußte, daß sie es waren, und das Schwinden eines jeden fügte eine neue Erleichterung zu der alten. Wie leicht rollte der Wagen durch die Nacht! Sie freute sich auf ihr Zimmer, dachte, daß von allen verworrenen und unkenntlichen Schicksalen keines zu ihm Zutritt habe als das ihre, ja vielleicht nicht einmal das, und überdem fielen Jasons Worte ihr wieder tropfend ins Herz: Das Leben ist nicht wie in Schriften und Büchern ... Sie suchte den Weitergang, aber die rechten Worte fand sie nicht, glaubte jedoch nun erst zu verstehn, was sie erst nur als Musik und Wohltat empfunden hatte. Vielleicht, dachte sie, ist wirklich das viele und frühe Lesen schuld an so mancher Wirrnis, mancher Ungeduld, und wieder hörte sie's tönen: Das Leben ist nicht ...

»Wie hieß es doch,« fragte sie leise nach dem unsichtbaren Jason hinüber: »Das Leben ist nicht wie in Büchern und Schriften, denn dort ... Ich verstehe es nicht mehr ...«

»Dort,« hörte sie seine Stimme gedämpft, »dort scheint es dir, als sähest und hörtest du alles zum ersten Mal, was geschieht, was sie sagen, dieser und diese, jener und jene, was sie denken, was sie tun und erleben. Dir aber ist alles angefüllt mit der Erinnerung, weißt du es nicht? Überall tönts dir entgegen: Erinnerung ... Erinnre dich nur! erinnre, erinnre dich! Und: Erinnerung! denkst du versunken und siehst von allem nichts, wie es ist, sondern immer in allem nur das, woran es dich erinnert ...«

»Und dies auch,« sagte sie fragend, »daß dort immer Gestalt um Gestalt so sichtlich und klar sich erhebt; und so kenntlich und gesondert in Farbe und Erscheinung bildet sich aus Schicksal und Anteil ein leichtes Geflecht, -- ist es nicht so, Jason?«

»Und eines hat soviel Gewicht wie ein andres,« vollendete er, »alles ist abgewogen und schwer befunden. Wenn aber ein Mensch erscheint, und nur einer ist vor ihm da, so glaubst du schon viel zu wissen, und was auch sich ergiebt und ereignet, es scheint, als hättest du es geahnt.«

»Am Ende aber,« begann Renate von neuem, »am Ende löst sich alles doch irgendwie, ob im Guten oder im Bösen; wie ein längst erwarteter Gast so einfach kommt der häufige Tod, und wenn es denn aus ist, so ist auch immer alles gänzlich und ein für allemal zu Ende.«

»Ja,« sagte Jason, »ja, da erwartest du denn auch in deiner eignen Welt dergleichen und bist erbittert womöglich, gekränkt und schon ungeduldig, wenn jenes nicht kommt, und dieses ganz andere erscheint, und --«

»So brüchig, Jason, nicht wahr, ohne Weiche, nüchtern, ohne Absicht, ohne Übergang, ohne alle Musik, ohne Klang und Gesang --«

»Da in Büchern«, fuhr er ruhig fort, »doch alles gesungen scheint ...«

»Ach, aber in Wirklichkeit, Jason, ist nichts unterschieden vom andern, nichts ist zu ahnen, nichts wird kenntlich, es wirbelt alles und versitzt sich, Stimmen schallen fern und nah, überschallen, bekriegen sich fassungslos --«

»-- und jedes«, bekräftigte er geduldig, »_scheint_, es scheint so oder so und ist doch anders, ganz anders in Wahrheit, tiefer das Flache, schwerer das Leichte, unerträglich das Schwere, unendlich das Unerträgliche, und du siehst: es trägt sich doch. Nichts wird dir zugewogen, es stürzt über dich herein, Fremdes, Verwandtes, Bittres, Unbekanntes, Lustiges, Trübes, Buntes, Klagendes, Weinendes, alles ist dir ein Unsal von Gewalt, und zu jedem kommst du viel zu spät, denn es ist längst bei dir, wenn du dich aufmachst nach ihm ...«

»-- und nichts nimmt nirgends ein Ende ...«

»Aber dennoch, Kind,« sagte er beschließend, »wenn du allein bist mit deinem Bett, deiner Wand, deiner Lampe, so hat dich auch alles verlassen, denn da Bild und Erscheinung alle fern sind, woran kannst du dich erinnern, um dein eigenes Schicksal zu erkennen? -- Du siehst dich selber kaum, die Nacht steht fremd dabei, und vor dem Fenster rauscht der alte Baum, und dich umrauschts, und jemand sagt: Verzeih ...«

Renate erkannte im Dunkel die Laternen und Vorgärten der Güntherstraße. Jasons Hand löste sich, sie schlang hastig die Arme um seine Schulter und küßte seine Wange. -- Zu Reinhold sagte sie, er möchte Jason nach seiner Wohnung fahren.

Dann schien sie sich aus dem Wagen ohne Übergang in ihr Zimmer geraten, unsichtbare Hände nahmen ihr die Kleider ab, sanfte Müdigkeit nahm ihr auch die Glieder, rauschte es in der Nacht? Zweige oder Flügel? In weiter Ferne zeigte sich ein ernstes Gesicht. -- Ich warte! sagte sie.

Dann schlief sie ein.

Sechstes Kapitel: April

Zinna (Georg an Benno)

xten April, im Fahren

Mein guter Benno:

Fahrt durch Land Beuglenburg. Das Wagenverdeck ist hoch, es hat eben aufgehört zu regnen, oder vielmehr ist Nebel aus dem Regen geworden. Links, rechts, vor mir, hinter mir: Moorlandschaft, öde Ebenen, auf denen die Nebel eines ewigen Februars zu stehn scheinen. Schwarze Bohrtürme auf dem Horizont machen keinen ermutigenden Eindruck. Ich rolle dahin, ich flüchte über diese rollende Kugel Erde, auf der wir ein kleines, flach scheinendes Stück kennen. O Polykrates, o Schiller, o idealische Gefühle! Ich sage nicht, daß alles käuflich sei, ich bin milde gelaunt, obschon trostlos, und sage, daß alles gekauft sein will. Erzählte ich Dir nicht einmal von einem sonderbaren Traum, von einem Filmfestzug, in den ich nicht hineingelangte? Weiland Josef Montfort prophezeite: so erginge es mir im Leben. Meine Gedanken, die es an sich haben, immer merkwürdig leichtfüßig zu bleiben, tragen mich eben in Hauffs Geschichte des jungen Said. Er mußte in Balsora Teppiche und Schleier feilbieten, obgleich er das Patenkind einer Fee und im Besitze ihrer Gabe, einer kleinen Pfeife war, die ihre Hülfe in jeder Mißlage seines Lebens herbeizaubern würde, -- nicht jedoch --: vor seinem einundzwanzigsten Lebensjahre. Vielleicht hab ich auch eine Flöte, eine Fee, einen Ablauftag des Unschicksals, und dies vielleicht, dies Mädchen, diese Heirat -- ich kehre ins obere Gleichnis zurück -- ist der letzte, endgültige Preis, mit dem ich mich zum Handelnden in den Film einkaufe, so daß ich mein eigen Bildnis im Schwarm der Schreitenden, Triumphierenden irdischen Göttern gleich werde dahinfliegen sehn. --

Aus der Ebene, über den Nebel steigt ein schwarzer Kegel, Türme einer kleinen Stadt werden an seinem Fuße sichtbar, jetzt auch Türme auf dem Kegel: Schloß Zinna. Dort oben haust das andre Opfer, die arme Braut, und macht sich von dem Kommenden die sonderbarsten Vorstellungen. -- Herrgott, ist dies ein Land! Um diesen Morast auszubessern, werde ich ganz Trassenberg hineinschütten müssen. Hinter der Grenze war mit einem Schlage alles anders. Dieser Tag ist so trostlos, daß er Einöden und Paradiese einander ähnlich machen könnte, aber bei Beuglenburg und Trassenberg brachte ers nicht zustande. Ich kam durch Landstädte, so langweilig wie Speisekammern, in denen alles aufs Geratewohl irgendwo hingestellt ist. Die Dörfer armselig, verfallen, schmutzig, an keinem Fenster mehr eine Blume, die Kinder schmierig, dickschädlig, dünnbeinig, ekelhaft selbst die keifenden Hunde. Dann die Moorkanäle, schwarze Lineale, entseelte Gräben; auf den breiteren, über die ich hinjagte, -- da kommt wieder einer! diesmal läßt sich sogar ein Segel drauf sehn, ein braunes, welkes Blatt -- diese langen Kähne, die vorwärtsgestakt werden. Nun, wozu schreib ich das? Schloß Zinna wird sichtbar, es scheint ein getünchtes Kloster, lange Fronten mit unzählbaren, kleinen Fenstern, stumpfe, runde und eckige Türme. Meine Hupe wird ihnen wie ein Gjallarhorn dröhnen, wenn ich in die eremitischen Höfe fahre.

Guter Benno, Du bist einer der wenigen, die meine Geschichte von Anfang kennen, ich glaube sogar der Einzige, der sie überhaupt kennt. Erinnerst Du Dich noch der ersten Stunde im Schlößchen, wo ich von Napoleon erzählte? Ob ich gegen Sterne kämpfe oder mit ihnen, -- wer weiß es? Ich bin den Weg weitergegangen, der -- hoppla, das war ein Sprung auf die Brücke! Dies muß der Styx gewesen sein, so sah er aus, trotz eines Motorbootes, das an der Brücke lag. Vor mir liegt ein Stadttor, ganz mittelalterlich. Später weiter.

Nachts

Ich fahre einfach fort:

Durch schaurige Straßen von Kopfsteinen, über einen ganz netten Marktplatz mit Kugellinden, wieder zur Stadt hinaus, durch eine alte Allee zerfallender Kastanien -- braune Vorjahrsblätter an schwarzen Ästen und auf dem schwarzen Boden -- brauchte der Wagen auf endlosen Schlangenwegen fast eine Stunde hinauf; oben zeigte sich wenigstens schöner Fichten- und Birkenbestand, aber die Hecken im französischen Park -- durch die Gittertore sah ich hinein -- schienen seit hundert Jahren nicht beschnitten, die Einfassungen der Teiche zerfielen an der Luft, die Sandsteinfiguren fehlten auf den Postamenten -- wie enthauptet standen sie da --, die Becken lagen voll modernden Laubes. Dann der Schloßhof, himmelhohe Mauern im Rhombus mit violetten blassen Fenstern, die drei Fische im Wappen überm Tor nicht mehr zu erkennen, im Jahrhundertregen, der hier fällt, davongeschwommen, die Helmzier mit Taubendreck besudelt, -- ja, es gab Tauben; da sie liefen und nicht sprangen, können es keine Dohlen gewesen sein. Drinnen stand Eiseskälte, standen erfrorene Menschen mit einem steifen Spruchband vorm Mund, -- eine Kälte übrigens, die in meinem Blut die letzte Wärme prickeln ließ, so daß ich mich vermutlich mit jovialer Munterkeit benommen habe ...

Ich sitze nun an einem von diesen hundert Fenstern im längsten Bau; es ist Nacht, aber der Mond ist da, eine kümmerliche Sichel, die sich schwermütig durch unablässig flutendes Gewölk dahinwühlt, und wenn ich mich hinausbeuge, kann ich diese hundert Fenster leise blitzen sehn, flach auf die Mauer geklebt, als wäre nichts dahinter. Die Nacht ist kühl, aber ich glühe, von Wein, Rührung und Mißmut, habe so viel geschwiegen, daß ich mich nun sehr geschwätzig fühle, die drei Kerzen im silbernen Leuchter schneuze und von der Schreibeschrift in die Stenographie übergehe -- ach, Benno, wann war das, als wir Primaner, Sekundaner waren und unsre Ferienbriefe stenographierten, teils wegen Lernens, teils wegen überschwänglich viel zu sagender Dinge! Kannst Du denn immer noch lesen, guter Benno? Also lies:

Bei den erfrornen Menschen blieb ich stehn -- vielmehr wurde ich von ihrer einem, seines Zeichens persönlicher Adjutant, zur Disposition gestellter Jägermajor, über Treppen und Galerien in ein stockdustres Gemach geführt, in dem jemand zu sitzen schien. Nach einer Weile erkannte ich einen Kopf, der einem riesigen, gekochten weißen Fischaugapfel glich (wir polkten sie als Kinder aus den Augen der Schellfische!). Ich hörte ein Gemurmel, murmelte ebenfalls, der Adjutant murmelte, noch ein Mensch -- der Hofkammerrat -- murmelte, wir verbeugten uns Alle, ich stand wieder draußen. Das war der Großherzog, königliche Hoheit.

Ich folgte von neuem beiden Erfrorenen und kam in einen Saal; große dunkle Gemälde an den Wänden, ein Tisch und fünf Sessel, drei um den Tisch konstelliert, zwei an den Türen. Durch deren eine erschienen zwei so völlig schwarze Gestalten, wie ich sie nicht für möglich gehalten hätte, eine große, hagre, alte mit einem schauderhaft törichten Gesicht; die kleinere, andre, zitterte am ganzen Leib, war todblaß, hatte jedoch wider meine Erinnrung nicht gar so blasse, ein wenig vorquellende Augen; der Mund war nur angedeutet, ein blasser Streif, die Nase anmutig, ja, das Ganze -- im Augenblick nichts als Angst -- war nicht ohne Lieblichkeit, nur entstellt durch Magerkeit und unglaublich sitzende Kleidung. Dazu war das ganz hellblonde Haar so ungünstig angeordnet, daß die breite Stirn mit zwei leichten Buckeln wie ein Felsen aussah. Dies war Sigune, und drei Minuten war ich mit ihr allein.

Lieber Freund Benno, Du kannst mir glauben, ich dachte nicht daran, daß dies meine Frau werden sollte. Ihre Hülflosigkeit war unsäglich rührend, ihre bebenden Hände wollten sich in den schwarzen Kleidfalten verstecken, -- nie im Leben bin ich mir so robust vorgekommen. Ja, was machte ich mit ihr? Ich holte die Hände beide hervor, nahm sie in die Linke, klopfte mit der Rechten väterlich darauf und sprach ihr zu, so gut ich konnte: Aber man muß doch nicht bange sein! Aber man muß sich doch nicht vor mir fürchten ... und dergleichen mehr, und da -- ach, dies Geschöpf! -- nachdem seine erst flehenden Augen sich gleichsam aufseufzend an den meinen beruhigt hatten, machte sie eine Hand aus der meinen los, legte sie um meine Hand und küßte sie ganz schnell. So demütig war sie -- lieber Gott! Sie sagte nichts, ihr Haar duftete ganz leise. Ich brauchte wohl eine Weile, um mich zu sammeln, fragte dann -- und ahnte nicht, wie gut ich fragte --: »Ruft man dich denn noch Gunny wie vor acht Jahren?« »Das wissen Sie noch?« fragte sie hastig, errötete leidenschaftlich, brach dann aber in einen gequälten Husten aus. Ich mußte zurücktreten, Hofdame, Kammerherr und Adjutant erschienen, gleich hinter ihnen der Majordomus mit umflortem Stabe, der auf französisch verkündete, daß angerichtet sei. Es waren noch einige stumme Personen bei Tisch. Ich trank Sigune zweimal zu, was wahrscheinlich ein Etikettefehler, sicher aber ein schönes Mittel war, sie zum Erröten und Lächeln zu bringen. Am Nachmittag gab es bei verbesserter Witterung einen Spaziergang, bei dem ich Sigune mit sanfter Gewalt nötigte, englisch mit mir zu sprechen, nachdem ich herausbekam, daß die Hofdame es nicht verstand. Ich warf ein paar Angeln nach ihrer Bildung aus. Schiller, Uhland, Körner, Rückert, Geibel, Freytags Ahnen und -- Hölderlin. Bei diesem Namen ging sie auf eine wunderbare Weise leicht in Flammen auf -- wie eine weiße Papierrose. Ob sie den auch im Unterricht kennen gelernt habe? -- Nicht im Unterricht selbst, aber doch von ihrem Lehrer. Wer denn das sei? -- Sie zögerte eine Weile, versuchte einen Blick zurück nach der hinter uns verbliebenen Hofdame, errötete und sagte ganz leise, und als spräche sie das kostbarste Geheimnis aus, das Wort: Tröstherzeleid. -- Oh, Benno, wenn Du es gehört hättest! ich glaube, Du hättest geweint. Ja, und nun -- -- ich erschrak im Herzen, und als ich fragte, wer denn das sei, was kam heraus? Der Hofkammerrat war es, eben jener Graf Leunstein von Badenbach, Exzellenz, der als erster dieser Beuglenburgschen Zunft vor mir in Erscheinung trat. Der Name, mit dem sie ihn nannte, erzählt wohl genug. Ich fragte auch nicht mehr. Es stellte sich noch heraus, daß sie mir in Philosophie weit überlegen ist, Kant und Leibniz, Spinoza und Stirner, Platons Staat und Ciceros philosophische Schriften im Urtext gelesen hatte -- armer Kopf, armer Kopf! Dies Mädchen kennt nur zwei Menschen: ihre Hofdame und ihren Lehrer, -- und dann war noch eine armselige Erinnerung an eine liebevolle junge Engländerin, die Gunny gerufen hatte und früh an der Schwindsucht gestorben war. Wie schlecht der kleine Trauerhut mit den Kreppschleifen saß! Und diese Jacke, und dieser Rock und diese Schuh! Alles vom Bazar in Stadt Zinna. Aber die Füße waren schmal und traten zierlich auf.

Die Kerzen weinen Ströme von Tränen -- Benno, sollt ich nicht weinen? Ich stand am Fenster, beugte mich in die Nacht, suchte den Mond, er war fort, nur noch eine rinnende Quelle von feuchtem Glanz in der Nacht, über die es sich faltig verschob; in der Tiefe -- Nachttiefe allein, unsichtbares Land, aus dem es dampfte, kalt und feucht, ein rotes Bahnlicht fern, mir zu Füßen nur schwarze Leere, denn hier ist die Rückseite des Bergs, Felsen fallen steil ab. Ein Gefühl, als könnte -- denk nicht, ich meinte es komisch, obwohl es so klingen mag -- als könnte die kleine Sigune jetzt an einem offenen Fenster sitzen und Okarina blasen. Ich habe sie Augenblicke lang deutlich gehört, simple, klagende Noten, wie Fischmunde winzig im willkürlichen Strome der Nacht hinschwimmend, -- und da sitze ich, male langsam die sonderbaren Schnörkel auf das Papier, und meine eignen Gedanken scheinen mir wie die Siegel einer Geheimschrift, die zu schnell vorübergleitet, als daß ich sie lesen könnte. Hinter den Wolken sind die Sterne, steht, wie allnächtlich, ihre feierlich glühende Schrift, die großen Siegel leuchten, wir dürfen sie berühren mit der Stirn, wir erbrechen sie nicht, sie schweigen uns an.

Und so will ich nicht weiter denken und das Kommende nur erwägen, wenn es sich stellt.

Ein letzter Funke im Gehirn glüht auf, und ich schreibe, schreibe in offener Schrift: Wenn ich denn lüge, eine Abkunft heuchelnd, die nicht besteht, so ist dies doch ein Opfer. Ein sinnloses -- wohl! denn hier zwingen die Alten und Kranken, die Furchtsamen und Beharrenden, sie zwingen die Jungen und in Ängstlichkeit Tapferen in ihren Willen. Wer aber weiß, welchen Sinn all dies hat? Haben diese Kerzen sich ausgeweint, so wird auch eine offene Sonne wieder scheinen über dies traurige Land, das ich wieder zu ermuntern gedenke.

Lebe wohl, Benno! auch ich beabsichtige, wohl zu leben.

Stets treulich Dein Georg.

Siebentes Kapitel: Mai

Klemens

Renate hatte mit Saint-Georges in der Kapelle musiziert; während sie die Noten zusammenlegte, Saint-Georges seine Geige verpackte, meldete das Mädchen Doktor Klemens; Renate dachte, ihm Bogners Engel zu zeigen, und bat, ihn herzuführen. -- Saint-Georges putzte bedächtig die Kerzen vor der Orgel und an seinem Notenpult eine nach der andern, damit es hell genug sei. Dann erschien Klemens, blickte sich um, noch dicht an der Tür, verneigte sich, so tief er konnte, und sprach sie an: »Holder Geist! Welch unschätzbare Gnade für mich, Sie in Ihrem eigensten Reich begrüßen zu dürfen!«

»Bitte, reden Sie weiter,« lud Renate ihn munter ein, »Sie sind ja ein Redner!«

Klemens fuhr heiter fort: »Was ich sehe, erstaunt mich ungemein, und ich wähne mich im Traum oder verzaubert. Streitbare Engel sehen mich an oder schreiten auf mich zu, Musikinstrumente wie himmlische Waffen in den Händen. Kerzen! Rötliche Dämmrung! Und vor einer auserwählten Schar Gepanzerter in goldnen Harnischen erscheint mir die himmlische Peri selber, in dunkelrote Seide gekleidet wie in eine runde Glocke aus Abendhimmel. Alles ist äußerst erstaunlich!«

»Bloß von mir«, bemerkte Saint-Georges, »weiß er gar nichts zu sagen und unterschlägt mich schlechtweg. Guten Abend, Meister, was macht die Internationale, schläft sie oder wacht sie?«

Klemens kam nun herbei, reichte Renate und Saint-Georges die Hand, sagte drohend: »_Noli turbare ...!_« stellte sich vor den nächsten Engel und versank in Schweigen.

»Nun hab ich so oft von der berühmten Internationale gehört und gelesen und sehe zum erstenmal ein lebendiges Stück von ihr«, sagte Renate, aber er schien es nicht zu hören. Nach einer Weile sagte er, tief Atem holend:

»Sechs sind es, wie ich sehe, und schon einer überwältigt. Ja, wer hätte das gedacht, als es eines Tages im Lyzeum hieß: Bob Bogner kommt nicht wieder, der ist weggelaufen. Internationale, sagten Sie? Ach,« meinte er abwehrend, »es giebt so viele, in diesem Augenblick weiß ich wirklich nicht, welche Sie meinen.«

Renate verlangte eine Erklärung, allein, in langen Pausen von einem der Engel zum andern gehend, schwieg er sich nach Kräften aus; beim vierten sagte er, die letzten zwei müsse er sich auf das nächste Mal versparen, setzte sich auf einen der Klaviersessel und fing halblaut an zu sprechen:

»Die Internationalen ... Eine Vielzahl konzentrischer Kreise, und hier sehen Sie den äußersten. Die Internationale der großen, rasenden Kunst, ungeheuren Einmuts auf der Spur des alleinigen Gottes in aller Herren Länder, wetteifernd seit ewig im geheiligten Kriege, Engelscharen, Geniescharen, Heroenscharen, friedlich sich bekämpfend zum Ruhme Gottes, den zu mehren, den jährlich tiefer zu entflammen die einzig fruchtbare Schlacht seit tausend und tausend Jahren ohne Ende über die Erde dröhnt.«

Er stand auf. »Die Internationale der menschlichen Hoheit, deren Namen ich nicht wage auszusprechen vor ihrem erlauchten Antlitz, das ich sehe.« Sein Blick stand in so gerader Flamme gegen Renate, daß es sie mit seltsamem Schauder durchbohrte, und sie errötete noch tiefer, als schon seine Worte sie erröten machten. Dann nahm er ihr Lächeln auf, wandte sich zu Saint-Georges und fuhr fort:

»Damit er sich nicht wieder beklagt, begrüße ich in diesem schlichten Manne die herrliche Internationale des Geistes, der Wissenschaft, die Internationale der wundervoll friedlichen Eroberer in allen Räumen dieser Welt, zu Lande, zu Wasser, im Feuer und im Sturm, im Vogel und im Fisch und im ruhlos schweifenden Atom, Anfüller der unerschöpflichen Arsenale, Herolde, Propheten und Poeten, einmütig heiligen Zornes im unablässigen Grübeln über den Rätseln der unbekannten und der bekannten Welt, Ärzte, Heilmacher des wunden Geistes, der kranken Seele vom Weltgift. -- Ich grüße«, sagte er mit einer kreisenden Handbewegung nach oben, »im unbekannten Erbauer dieses Raumes die nächste Internationale, vom Präsidenten Plutus regiert, auf deutsch: das Kapital, eine Internationale von ganz besonderer Einmütigkeit, also daß zum Beispiel, gesetzt es gäbe Krieg, sämtliche Angehörigen dieser Internationale in allen beteiligten Ländern wie ein Mann, Agrarier, Schwerindustrie und Banken, Dampf in allen Kesseln, sich abmühen würden zur Überwältigung des -- Friedens.«

Er lachte lautlos. Renate dachte an ihren Onkel, kniff leicht die Augen zu und hörte ihn weiter reden, nachdem er zu der weißen Säule des Ofens in der Ecke gegangen war, dem er die Hand auflegte, während er sprach:

»Und ich begrüße Mittelkreis und Kern aller Internationalen in diesem Ofen und seiner Glut. Ich grüße die Kohle. Ich grüße den Mann im nassen Stollen, den Mann im sausenden Förderstuhl, den Mann in der explodierenden Nacht. Alle Mann grüß ich am bezwungenen Feuer, den Mann am Amboß, den Mann am Schalter, den Mann am offenen Feuerrachen mitten im ruhig fahrenden Schiff, mitten im Ozean, den Mann an der Setzmaschine, den Mann am Gebläse, den Mann am Webstuhl, am Strickstuhl, am Spinnstuhl, den Mann an der Nähmaschine, den ein und tausend Mann, der, schmorend als Kohle im feurigen Ofen, das Lied von der einen, meinen singt: Die Internationale! --«

Er schwieg. »Das war schön«, sagte Renate langsam. »Vielleicht denken Sie, ich sollte nun etwas andres sagen, aber« -- sie wandte sich unschlüssig zu Saint-Georges um und schloß: »-- ich weiß nichts andres als das. -- Ich weiß,« fuhr sie, da Klemens den Mund öffnete, fort, »daß viele Tausend Mangel leiden, damit ich --« sie strich mit den Händen über die Falten ihres Kleidrockes.

»Nein, um Gottes willen, welche Verwechselung«, sagte Saint-Georges. Er ließ die Vorderbeine des Stuhles, auf dessen Lehne er im Stehen die Arme gekreuzt hatte, sich zu Boden senken, drehte ihn um seine Achse und setzte sich reitend darauf.