Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 47
»Und die Kinder, -- nicht wahr? die Kinder kennen Sie auch.«
Die Kinder --, -- nun erst fiel Renate ein, daß jetzt Doras Kinder beide an den Masern krank lagen. »Sie haben die Masern«, murmelte sie vor sich hin; ihre Schritte wurden langsamer, denn sie fürchtete sich nun vor der Krankheit; bei ihrem Alter war sie gefährlich. Der Fremde war zurückgeblieben, holte jetzt aber wieder auf und ging eilfertig weiter. Nun sah sie auch an der Rückseite des Hauses einen Lichtschein; dort lag die Diele, daneben war der Eingang ins Haus. Sehr unentschlossen hin und her überlegend, ging sie doch weiter, sah die Gartenbäume, jetzt wurde das dünne Geflecht des Drahtzauns neben der Chaussee sichtbar, und da war die Tür; der Fremde stand dort. Plötzlich war ihr sehr unheimlich und beklommen zu Sinne. Fuß für Fuß ging sie bis zur Tür, immer noch schwankend, ob sie nicht lieber umkehrte, aber sie fror nun auch, die dünnen Sohlen der Hausschuh ließen allzusehr die Kälte durch, hastig entschlossen drückte sie die Klinke der Drahttür nieder und sagte: »Guten Abend!«
Der Fremde, die Augen, wie es schien, gegen das helle Fenster gerichtet, blieb stumm. Renate ging langsam durch den Garten hinauf, am Hause vorüber; erfreulich war das Licht in der kleinen Vorhalle, sie ging die Stufen empor, stampfte den Schnee von den Füßen und betrat die Diele.
Gleich vorn zur Linken, mit dem Rücken nach ihr hin, stand ein Herr, ein Buch, in dem er las, in die Nähe der Stehlampe haltend, die auf Dora Vehms Schreibtisch brannte. Erst jetzt drehte er sich schnell herum, klappte das Buch zu und legte es hin; es sah wie ein Tagebuch aus, und der Herr war jener Doktor Ägidi, den sie vor einem Jahr hier kennen gelernt hatte. Sie gab ihm die Hand, fragte nach Irene, die Luft kam ihr schon peinlich dumpf vor, nebenan wohnten die Kinder; so ging sie hastig durch den Raum und traf im Flur mit Irene zusammen, die sie mit leidenschaftlichem Entzücken begrüßte. Trotzdem schien Renate die Wallung rascher vorüberzugehen, als ihr verständlich war. -- Noch im Treppensteigen erklärte sie ihr Kommen, der Herzog schien auch Irene einige Teilnahme zu entlocken, sie ging in ihrem Zimmer, während Renate sich unter dem Fenster auf das Sofa setzte, hin und her, in ein großes, schöngesticktes weißes Tuch mit langen Fransen gewickelt. Die Heizung funktioniere wieder einmal nicht, klagte sie, Renate solle nur ihre Pelzsachen sämtlich am Leibe behalten. Das Mädchen kam herein und fuhr fort den Tisch zu decken, sagte dann im Hinausgehn, Herr Almanach -- sie betonte den Namen wie alle Dienstleute auf der ersten Silbe -- sei gekommen.
»Der Tisch wird überlaufen!« rief Irene und erklärte, daß sie Besuch erwarteten, einen Freund ihres Mannes, sie laure schon den ganzen Nachmittag auf ihn, nun würde ihr Mann ihn wohl aus der Stadt mitbringen.
»Er wird doch nicht draußen am Zaun stehn?« fragte Renate mit halbem Lachen.
»Hat denn wer am Zaun gestanden?«
Renate fragte, gleichzeitig mit Irene, wie ihr Besuch denn aussehe. »Du kennst ihn ja selber,« antwortete Irene, »er heißt Klemens, er war auf meiner Hochzeit, seitdem kann er sich allerdings verändert haben.«
»Dann war ers glaub ich nicht,« sagte Renate, »dieser hatte keinen Bart oder einen ganz blonden, soviel ich sah, und Klemens war doch --«
»Einen blonden?« fragte Irene erschreckt und blieb stehn, »dann war es wohl ... Wie sah er denn aus, was hatte er an?«
»Einen Havelock und eine englische --«
»Albert!« schrie Irene, »mein Schwager wars! Er ist verschwunden vor acht Tagen! Aber das ist ja --! Entschuldige, bitte, ich muß sofort zu -- Am Zaun blieb er stehn, sagtest du? Ach, das ist ja --« damit war sie fliegend hinaus.
Also das wars, dachte Renate. Und Ägidi ist unten im Zimmer. Albert Vehm war doch erst vor kurzem aus Arosa zurückgekommen. Wie er nach den Kindern fragte ... Ich will doch lieber gehn! dachte sie und stand auf. Überdem wurde die Tür geöffnet und Herzbruch trat ein, trotz des Winters in seinem hellen Anzug, breit und stämmig und fröhlich, mit funkelnden Brillengläsern. Wo denn Irene sei, fragte er gleich, und ob Klemens -- sie kenne ja wohl seinen Freund Klemens, nicht da sei. Renate verneinte und erzählte noch einmal ihre Begegnung mit seinem Schwager, während jetzt Herzbruch im Zimmer auf und nieder ging, die Hände auf dem Rücken, zuweilen am Tisch stehen bleibend und drauf nieder blickend, als zähle er die Gedecke; als das Mädchen wieder eintrat, fragte er, welche Herde denn da zur Krippe gehn solle, und da das Mädchen Almanach stammelte, legte er ihr vernichtend die Hand auf die Schulter und sagte, es heiße Manach, Manach, und sie könnte ruhig noch mal so laut reden. Das Mädchen wurde glühend rot und entlief, -- zu Renate sagte er nur: »Das sind alles schwere Sachen, aber auf meine Schwester kann ich mich verlassen; was sie tut, unterschreib ich.«
Im Augenblick danach trat sie zur Tür herein, Irene hinter ihr, dann Ägidi. Es ist ja genau wie damals, dachte Renate, nur alles viel deutlicher und noch bänger. Dora Vehm freilich schien, wohl durch stärkeren Zwang als damals, gelassener, warnte mit ihrer hellen Stimme Renate vor den Masern; Alle setzten sich wie von selber wie damals um den Tisch; nur Georg fehlte; auch damals war Jason später gekommen. Irene war still, auch Ägidi. Dora berichtete Renate einiges von den Kindern, es gehe schon besser, sie seien munter, Jason sei noch bei ihnen. -- Renate tat eine Frage nach Klemens, und Herzbruch antwortete unbedenklich, ja, der habe seine eignen Methoden, komme oder komme nicht, vielleicht sei er erst bei seiner Schwester, er komme aus Irland. -- Renate erinnerte sich der kleinen Virgo, die jetzt ein Kind erwarten sollte ...
Nun sagte niemand mehr etwas, die Schüsseln gingen umher, dann öffnete sich die Tür, Herzbruch sah auf und sagte: »Da ist der Kalender.«
Jason kam herein, gab Allen leise kopfschüttelnd die Hand, setzte sich und fing an zu essen. Nach einer Weile blickte Herzbruch auf.
»Also, Kalender,« sagte er, »können Sie nicht etwas anregend wirken? Stellen Sie doch einmal einen Satz auf.«
Jason erwiderte höflich: »Gewiß, gern. Indem ich den Anblick zweier essender Ehepaare genieße, muß ich den Satz aufstellen ...«
»Zweie?« Herzbruch ließ den Mund still stehn und sah ihn mißtrauisch von der Seite durch die Brille an. »Sie haben ja 'n Vogel!«
»Das sagen Sie so,« erwiderte Jason, derweil Renate den Blick auf Dora vermeiden mußte, »aber mein Satz beruht eben darauf. Ich gedachte nämlich zu behaupten, daß man zwischen hundert Ehepaaren beliebig viel Vertauschungen vornehmen kann, und kein einziger der Betroffenen vermag es zu bemerken.«
Ägidi fragte: »Sag mal, -- bist du immer so?«
Nicht immer. Er sei verschieden, meinte Jason.
Früher sei er weniger nervös gewesen, bemerkte Ägidi.
Oh, er sei nicht nervös. Ägidi meine das Kopfschütteln. Das sei pathologisch.
Irene erklärte, er habe damals den Schiffsuntergang mitgemacht, blieb aber stecken und rief heftig tränenden Auges: »Wir haben Alle Esther schon vergessen!« so daß Renate erschrak.
»Die Zeit vergeht,« sagte Jason ruhig, »die Zeit ist sehr gut. Es giebt nicht annähernd so Gutes. Sie wird mir auch mein Kopfschütteln wieder nehmen. Ja, das Schiff war sehr groß und ging doch unter. Andre wurden wahnsinnig, ich habe das Kopfschütteln.«
Die Stille saß unheimlich und sich blähend vor Klemens' leerem Teller. Renate war weit fort, sah Esther in ihrem Garten, in Josefs Zimmer, immer blaß, gern lächelnd, arbeitsam, still. Sie hörte Jason durch Schleier sprechen, dann Irene, die zu erzählen schien, wie sie ihren Mann bekommen hatte. Herzbruchs Stimme ertönte schwer und gewichtig dazwischen, nun sah sie wieder den Herzog im Schloßhof stehn, barhaupt, mit einem Heiligenschein, und -- -- sieh, da war ihr Lächeln wieder da! Renate stand auf, da die Andern aufstanden, Dora ging gleich darauf aus dem Zimmer, das Mädchen deckte den Tisch ab, Renate fing an, auf und ab zu wandern, nahm ihre Muffe vom Sofa und wärmte sich. Jason hatte sich vor Irenes Vitrine gesetzt, öffnete sie, nahm dies und jenes hervor und betrachtete es; Renate blieb hinter ihm stehn und sah zu, ohne etwas zu sehn. Noch eben war Wageninneres, und der Herzog und hundert bewegte Gestalten, auftretend und schwindend, -- dann nur Stille der Winternacht, ihre Schritte, und im Dunkel, am Gartenzaun, der dunkle, wartende, einsame Mensch ... Wie war doch alles wirr! Nun Dora Vehm, und jemand ward erwartet, Ägidi kam und ging, Alle trugen etwas, und jeder sagte: Nichts ... ich trage nichts ...
Renate schreckte auf, da sie sich auf dem Sofa fand; mitten im Zimmer stand Irene, wieder in ihrem weißen Tuch, und sagte: »Aber Jason, was machst du denn da?«
Renate folgte ihrem Blick, sah links in ihrer Nähe das Ende des Flügels, sah ihn schräg ins Zimmer ragen, aus der Ecke, wo unter der hohen Figur des delphischen Wagenlenkers, die tief im Schatten stand, Jason saß, die Lider gesenkt, die Arme hin und her bewegend, als ob er spiele, aber er brachte keinen Ton her. Renate sah ihn schweigend an, nichts erfolgte, Jason bewegte hin und wieder das Gesicht, als folge er seinen Händen in Baß und Diskant, dann hoben sich langsam seine Lider, Renate fand seine Augen leise glänzend auf sich gerichtet, er sagte -- und im selben Augenblick hörte Renate deutlich -- und doch gab es keinen Laut im Zimmer als Jasons Stimme -- die Töne, die langsam sich hinzählenden, unendlich beruhigenden Sechszehntel des ersten Präludiums aus dem Wohltemperierten Klavier, und Jasons Stimme sagte darüber: »Ich weiß, was du denkst.«
Und nach einer Weile, während die Sextolen ruhig weiter perlten:
»Das Leben ist nicht wie in Schriften und Büchern der großen und kleinen Autoren. Es ist wie auf Triften dort klar und erkoren, wie Springen der Lämmer, wie Singen von fern, wie des Hirten Schalmei, nicht im Dämmer der Unzahl verloren. Es löst sich ein Schicksal wie Duft aus den Poren der Blumen, du atmest und riechst es dabei, und da glüht es und scheint dir, und Lippe, die redet, und Lippe, die weint, ist dir alles vertraut und benennbar und gar nicht unsäglich, auch jenes, das dumpf und ergraut, -- denn es waltet nur eines zur Zeit, und das Leid und das Licht, und die Nacht des Geweines, der Tag voll Verzicht und die Treue des Steines, sie wechseln und ruhn, sie verwechseln sich nicht, und hat jedes sein Wort und Gesicht und besonderes Tun, und du siehst es sich klären. -- -- Du aber gehst mit gebundenen Händen und kannst dich nicht wehren, du wanderst und stehst, und bist niemals allein, und hast keine Erfahrung. Wie Farben im Staube der Wasser sich bilden, ohne Gewicht, ohne Odem und irdische Nahrung, so siehst du die wilden, die niemals erkannten, verwandten Geschicke sich wölben am Weg, und wanderst vorüber mit gänzlich verzaubertem Blicke, dir selber in Farben und Lichtern wie seltsame Städte mit vielen Gebäuden und Angesichtern unkenntlich erscheinend; und nichts ist bestimmt, und wo etwas beginnt erst, da scheint dir ein Ende, und wo es verschwimmt, scheint dir alles versteint, und lautere Rufe und bunteres Leuchten verschlingen dein Eigentum, -- dunkel die Stufe, so dunkel das Zimmer und dunkel dein Auge ins Dunkel hinein, und nur von deinem Blut der rote Schimmer, wenn die Stunde kam, die eine, deine Stunde, -- und du bist allein.«
Es tropfte heiß auf Renates Hand. Sie bat Jason mit einem Blick, ihre Augen loszulassen, und gleich senkte er die Lider über die seinen. Seltsam groß und schön, aber wie in weiter Ferne, schwebte der mattleuchtende violette Umhang der Lampe über dem Eßtisch; davor stand Irene unter ihrem Tuch, Renate den Rücken wendend. Mein Gott, sie weinte ja, -- was war denn zu weinen? Leise klappte der Klavierdeckel, Jason stand auf, ging zu Irene, legte die rechte Hand auf ihre Schulter, und hielt seine Hand gegen das Licht, so daß Renate ihren Schattenriß sah, und sagte:
»Siehst du wohl, da drinnen sitzt die ganze Musik, Bach, Berlioz und alles. Manchmal, wenn ich so in der Dämmerung sitze, kann ich die kleinen Notenfunken herausspritzen sehn, und wenn ich sie bloß auf einer Tischplatte die Griffe machen lasse, höre ich die herrlichste Musik. Kein Mensch weiß, wieviel zu hören wäre, wenn es nur einmal ordentlich still sein dürfte. Aber ihr habt euch ja nun einmal das Lärmen angewöhnt. Wie ist es, Renate,« fragte er, sich umwendend, »ich kann Reinhold wohl sagen, daß er noch etwas warten soll?« sprachs, nickte winkend und ging hinaus.
Vor Renates Augen senkten sich Schleier um Schleier; immer ferner schwebte das sanfte Licht, das nun Jasons Stimme seltsam verschwistert war. Auch Irene war nicht mehr da, es war nichts mehr, die Zeit war hinausgegangen, nur noch die Stille webte im Raum, fast konnte sie die Fäden sausen und Maschen fallen hören, und langsam schwebte der schattiggrüne delphische Lenker herab; starr, wie die Kannelüren einer Säule flossen die Falten seines Rockes zu Boden, er hielt die Zügel ganz leicht, matt glänzte das Gold seiner Stirnbinde, ruhig blickte das Auge gradaus, der volle, wie zum Pfeifen gespitzte Mund blieb stumm, und unsichtbar in den Zügelriemen bäumten sich die Geschicke.
Es war wieder heller; eine Stimme, Irenes Stimme sagte von drüben, vom Kamin her, -- ihr Tuch schimmerte dort:
»Dieser Mensch geht nun ein und aus bei dir und mir und trägt das Jenseits in der Hand wie einen kleinen Vogel. Kannst du denn noch wissen, wenn du ihn recht ansiehst, was Gut und Böse ist? Ist er denn gestorben? Und nimmt er an uns und allem nur Anteil, weil er noch mit unsrer Gestalt bekleidet ist und nicht ganz zur Ruhe kommen kann?
»Ich glaube, er hat, noch eh wir ihn kannten, so viel menschlichen Jammer mitgelitten, daß er sich hat dran gewöhnen müssen, und das Schrecklichste ist ihm nun das Einfache; wie gutartig und leicht müssen da wir ihm --«
Sie brach ab. Tief und deutlich fragte Herzbruchs Stimme durch den Vorhang aus dem Nebenzimmer: »Bitte, wie spät ists?«
Irene antwortete nach einer Weile: »Dreiviertel zehn«, und im Augenblick danach schlug die schwere Pranke der Standuhrglocke in Herzbruchs Zimmer dreimal summend auf. Als sei nun alles wieder in Bewegung -- so schien es Renate --, fiel neben ihr Irenens weiß und gelber Angorakater von der Fensterlehne auf das Sofa, duckte sich, kroch dann auf ihren Schoß. Lazarus hieß er, weil er so gern in Schößen saß. Da trat auch Jason wieder ein. Renate hatte das Gefühl, gehen zu müssen, aber nun hatte Jason ja gerade dem Chauffeur aufgetragen, zu warten. Einige Minuten lang sprach niemand ein Wort im Zimmer; nebenan wurde ein Stuhlrücken hörbar, Herzbruchs Schritte machten den Boden leise beben, er setzte sich wieder. Jason sagte:
»Ich hab vergessen: Ägidi läßt sich entschuldigen, er ist fort. Dafür kommt ja nun Klemens.«
»Heut abend noch?« fragte Irene. »Das ist ja Unsinn!«
Jason erwiderte nichts. Renate dachte an das, was er eben vom Klavier aus gesprochen hatte, konnte sich aber nur auf den Anfang besinnen: Das Leben ist nicht wie in Büchern und Schriften der großen ... Nun schien es noch stiller zu werden. Jason saß am Eßtisch, ganz grade, die Unterarme auf der Decke. Einmal griff er nach dem Umhang, hob ihn und blickte, die Augen halb schließend, nach den Glühbirnen; ein Lichtstreif fiel dabei ins Zimmer. Ganz hell schrillte die Hausglocke. Renate zuckte zusammen, Irene richtete sich im Sessel auf und saß still und grade. Wieder gingen Minuten, Schritte wurden auf der Treppe, auf dem Flur hörbar, das Mädchen trat ein und meldete: Ein Herr wünsche Herrn Doktor zu sprechen. Irene stand auf, murmelte etwas Unverständliches, rief: »Otto!« kaum laut genug, daß er es hören konnte.
Das Mädchen wich zurück, wieder kamen Schritte, in der offenen Tür erschien eine untersetzte kräftige Gestalt in dunklem Anzug, den Rockkragen hochgeschlagen, und Renate erkannte Klemens' schwarze Bartfräse, die dicken Brauen und die schwere Nase. Er verbeugte sich mit dem Rücken statt mit dem Nacken und sagte: »Guten Abend.«
Jason stand auf und gab ihm die Hand, Irene lief plötzlich zur Vorhangtür und rief hindurch: »Otto! kannst du denn nicht hören?«
Der erschien gleich darauf in der Tür, blieb stehn, sah, wie er pflegte, durch die obere Hälfte der Brillengläser umher, sah Klemens und war mit zwei gewaltigen Schritten bei ihm, schüttelte ihm die Hand und sagte weiter nichts als: »Na, da bist du ja!« Klemens lächelte nur.
»Hier ist meine Frau, du kennst sie ja noch,« sagte Herzbruch, »und das ist Fräulein von Montfort.«
Nun ging er zu Irene und gab ihr die Hand, ebenso Renate.
»Jetzt essen!« meinte Herzbruch, »Irene, er will essen.«
Klemens dankte, er habe ...
»Keine Widerworte,« sagte Herzbruch, »du --«
»Nein, wenn ich doch sage,« versicherte Klemens, »ich hab anderthalb Pfund Bananen ge--«
Bananen? Ob das Essen wäre! »Nichts da«, sagte Herzbruch, Klemens aber beharrte: »Na, Höllenelement, ich will aber nichts fressen!«
»Oh la la --« sagte Irene wie zu einem Kutschpferd, »schreit er immer so, Otto?«
Herzbruch drehte sich halb nach ihr um, sagte dann: »Ja.« Darauf zu Klemens: »Sag mal, hast du eigentlich keinen Mantel? Hör mal, du bist ja klatschnaß! es schneit wohl wieder?«
Klemens lachte und erklärte, seinen Mantel hätten sie ihm unterwegs weggenommen. »Da war so ein Knabe, weißt du,« sagte er, »kam aus Kiew, war ausgewiesen, wollte nach England und ließ sich so von einer jüdischen Gemeinde zur andern bugsieren, war aber leider das Frieren nicht gewohnt wie ich.«
Irene, die den Männern den Rücken zudrehte, sagte halblaut zu Renate, die vor ihr stand: »Der ganze heilige Martin auf Ottos Kosten«, und drehte sich weg. Herzbruch zog seinen Freund in einen der Sessel am Kamin und setzte sich zu ihm. »Ja, nun also schlafen,« riet er, »Irene --«
Das würde kaum gehn, sagte sie obenhin, Jason bliebe doch natürlich hier bei dem Wetter, wie immer, und im andern Zimmer hinge Doras Kinderwäsche zum Trocknen. Herzbruch sagte, dann würde die eben abgenommen.
Das Mädchen sei schon schlafen gegangen, es wäre zehn Uhr.
Klemens lehnte sich derweil hintenüber und wollte sich lautlos ausschütten vor Lachen, als ginge der Streit gar nicht ihn an. Herzbruch schwieg eine Weile, sah seine Frau mißtrauisch an, bemerkte dann kurz: »Also sorge bitte für eine Decke für mich, er schläft in meinem Bett. Bring auch was zum Trinken mit.«
»Wein oder Bier?« sagte Irene.
»Danke, keins von beiden, ich --«
»Denn nicht«, sagte Irene und ging hinaus. Klemens sprang auf, lief zur Tür, machte sie auf und rief: »Ich trinke nur Wasser, Rebekka, klares, biblisches Brunnenwasser!« und lachte.
Herzbruch, wider Willen mitlachend, sagte: »Sie heißt nicht Rebekka«, worauf Klemens meinte, sie schiene ihn jedenfalls für ein Dromedar zu halten. Dabei sah er den Wagenlenker in der Ecke, ging daraufzu, faßte ihn ins Auge und sagte: »Ah! -- Das ist schön! Wer ist das?«
Jason, in der Vorhangtür neben ihm, erklärte, es sei der sogenannte delphische Wagenlenker. Klemens ließ ihn nicht ausreden und beklagte den fehlenden Arm. Aber man könnte doch sehn, wie die Zügelriemen aus den Händen flössen! Und dieser achtsame, unbeeinflußbare Blick, dieser pfeifende Mund! Über das Klavier gebeugt, spähte er nach den Füßen und pfiff durch die Zähne.
»Wetter noch mal,« sagte er, »wie die Füße dastehn! aufgesetzt, festgesaugt, und der Faltenfall des Rocks, dieser Reichtum, wie das niedergießt! Er hat ja Lorbeern im Gehirn. Ja, der weiß, was es heißt, dastehn im Tumult der Begeisterten, im Toben, im Gelächter, das sich überschlägt, und tausend winkende Hände, Kopftücher, Zweige, Tumult ... In Marseille,« sagte er zu Herzbruch hinüber, »weißt du noch? Jean Jaurès, der hatte sie so an den Händen, mehr als zwei glatte Gäule, zehntausend, zehntausend Köpfe, zehntausend Herzen, aus seinem Herzen gelenkt, daß sie schreien mußten, atemlos und lachend vor Erschöpftheit ...«
Renate hatte schon vor einer Weile Dora Vehm in der Tür erscheinen sehn und hörte nun ihre helle Stimme -- wie heiß und schwarz doch ihre Augen waren und das ganze dunkle Gesicht leuchtend durch und durch von Leben und Seele! --: »Aber Klemens, das können Sie doch auch! Wissen Sie nicht mehr: Jena ...?«
Klemens drehte sich um, streckte die Hand nach ihr aus und freute sich: »Dora Vehm,« sagte er, »alter Kamrad, was macht denn die Küche?«
Jason trat leise neben ihn, klopfte ihn auf die Schulter und sagte: »Sie! Ich bin auch ein Redner. Ich könnte auch eine Rede halten, aber Irene hat heut abend keinen Sinn mehr dafür.«
Irene stand mit einem Glas Wasser auf einem Teller, das sie augenscheinlich Jason an den Kopf werfen wollte. Der fuhr indessen fort:
»Sehen Sie, da hat der Delphier nun jahrelang in seinem Winkel gestanden, kein Mensch weiß wozu, und nun kommen endlich Sie und benutzen ihn, um Ihre schöne Seele zu offenbaren. Sehen Sie nicht auch, Dora, daß es kein Wagenlenker, sondern ein Redner ist? Wenn Naumann den Rock anhätte --«
»Gut, Herr Adreßbuch,« sagte Klemens, »Sie haben es vortrefflich ausgedrückt.«
Jason schien darauf gekränkt und meinte, er drücke alles vortrefflich aus, und ob das vielleicht jemand für ein Vergnügen halte, worauf er sich abwandte.
Irene stand steif wie aus Gips mit ihrem Teller. Eben noch versunken in Jasons >schöne Seele<, dachte Renate, und nun ist sie zur Spinne geworden. -- Da sah Klemens das Glas, ging hin, ergriff, tranks aus, setzte es wieder auf den Teller und bedankte sich.
Renate war froh, daß Herzbruch ihn nun mit sich in sein Arbeitszimmer zog; sie saß auf dem Sofa, ungeduldig fortzukommen. Klemens gefiel ihr, aber wie laut war es auf einmal geworden! All die hellen und dunklen Stimmen, Irenes, Herzbruchs, Doras, Klemens', dröhnten durcheinander; sie sehnte sich wieder nach dem Schweigen ihres Zimmers, ja fast nach dem Schweigen des ganzen Hauses. Da flog auf einmal Irenes Teller neben ihr aufs Sofa, sie gewahrte nachträglich die schlenkernde Handbewegung, mit der Irene, jetzt mitten im Zimmer stehend, den Teller geworfen hatte. Jetzt raffte sie mit zwei flügelhaften Bewegungen der Ellbogen ihr Tuch, das über den Rücken herabgesunken war, wieder um die Schultern, warf den Kopf nach hinten gegen das Nebenzimmer zurück und sagte nachdrücklich: »Pfui Deubel!«
Dora trat neben sie und mahnte: »Na, na, Kind!«
»Mich friert«, sagte Irene tief und hart. »Ich glaube, vor dem fürcht ich mich. Man kann seine Augen nicht sehn. Hat er Augen, Dora? Renate! Dann müssen sie durchsichtig sein, und nichts ist dahinter.«
»Richtig! Sehr gut!« lobte Jason. »Er hat Seefahreraugen. Auf allen Seiten das Meer.«
»Und sein Mund,« fuhr Dora fort, »daß du's weißt, ist wie der des Delphiers.«
»Auch das noch«, murrte Irene. »Wenn er auch sein Kinn hätte, wär mir der Delphier ganz verekelt.«
Renate stand auf; sie hatte genug. Auch Doras Gesicht schien ihr jetzt verfallen und welk. Sie ginge mit ihr hinunter, sagte sie zu Renate; zu Irene dann: »Laß uns schlafen gehn, Kind, der Tag war voll genug. Laß uns schlafen und geduldig sein.«
Sie umarmten sich, gingen zum Vorhang, winkten hinein und riefen: »Gute Nacht, ihr Männer!« Irene küßte Renate flüchtig, die mit Dora zur Tür ging, aber sie waren noch nicht hinaus, als Renate Irene fast ängstlich rufen hörte: »Dora! -- -- Dora! was wird aus uns werden?«
Dora wandte sich nach ihr um. Mit tieferer Stimme sagte sie ruhig: »Was fragst du mich? Ich will standhalten. Das andre findet sich. Sei nicht töricht, Irene! Und mach dir keine Sorge um mich. Ich habe meine Kinder. Solange ich die habe --«
Sie verstummte, strich hastig mit der Hand übers Gesicht, lächelte Renate fremd zu und führte sie hinaus.