Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 46
»Danke schön«, sagte er und nickte. »Ich muß noch hinzufügen,« erklärte er dann, »daß erst vor zwei Jahren auch mir dies mitgeteilt wurde, ja, übrigens spielte der Vater unsrer Magda dabei eine verfluchte Rolle, na, der ist nun auch tot. Und dies war die Eröffnung, von der ich eben sprach, die ich ihm zu machen hatte. Mein Sohn und ich -- wir haben also alles beim alten gelassen. Sie haben nicht in meiner Haut gesessen, nein, und ich nicht in der seinen, denn schließlich ist er hier ja derjenige, auf den es allein ankommt, aber -- ich glaube doch: wir haben alle drei recht.«
Renate sann hin und her, aber das Ganze war ihr allzu fremd, als daß sie sich in solcher Schnelle, wenn überhaupt je, hätte hineinfinden können ...
»Und nun«, hörte sie den Herzog sagen, »können Sie sich immerhin denken, wie dies Geschehnis auf mich wirken mußte. Nicht wahr: Ich hatte ihn verloren, als Sohn, -- Sohn meiner Helene; ich behielt ihn aber, ich hatte also -- gesetzt, dies sei möglich -- noch einmal so väterlich um ihn zu sorgen, als ob er mein echter Sohn sei. Ob möglich oder nicht: dies war mein Gefühl, dies hatte es zu sein.
»Und nun diese Heirat,« fuhr der Herzog nach einer Pause fort, »wie? was ist?« unterbrach er sich. Renate, die bemerkt hatte, daß der Wagen, wie bereits mehrere Male, ganz langsam fuhr, reinigte die beschlagene Fensterscheibe mit dem Handschuh und blickte hinaus. Schwarze Nacht wars; der Wagen stand still. Sie ließ das Fenster ein Stück weit nieder, eiskalt drang die Luft ein. Sich hinausneigend sah sie vorn den mächtigen Schattenriß des wulstigen Rades, drohend überwölbt vom Schutzblech, die metallene Halbkugel der Wagenlampe dicht darüber, aus der ein Strahlenkegel weit in die Nacht fiel, schwarz den sargartigen Kühler und blinkende Tropfen an der Glasscheibe vor dem Fahrer. Kalkweiß stand ein gesträubter Chausseebaum im Licht. Gleich darauf tauchte ein zottiger Hund neben einer Weibsgestalt auf, ein Handwagen dahinter; sie hörte den Chauffeur etwas fragen, der Handwagen zog weiter, ein großer Kerl, hinterdrein stolpernd, wandte sich halb im Gehen, schwang die Arme und rief etwas in unverständlichem Plattdeutsch; der Wagen ruckte an, der Motor rauschte, sie rollten.
»Noch zehn Minuten höchstens,« sagte der Herzog, »aber nun müssen Sie das Ganze hören. Sie haben sich wahrscheinlich bereits gefragt, wie Georg zu der ganzen Sache steht. Ich wills Ihnen sagen. Es fängt mit meinem Urgroßvater an. Der war sehr sonderbar; Astrolog; nicht Astronom, sondern Astrolog. Anfang des achtzehnten Jahrhunderts wurde Trassenberg mediatisiert, aber mein Urgroßvater schloß mit Beuglenburg einen Geheimvertrag, nach dem Trassenberg zwar an Beuglenburg kam, jedoch nur auf hundert Jahre, kündbar. Warum dies, ist unbekannt. Er hatte die merkwürdigsten mystischen Neigungen! In seinem Nachlaß fand sich unter vielen andern Seltsamkeiten, Horoskopen, Prophezeiungen eine Vorhersagung: Im Anfange des zwanzigsten Jahrhunderts würden beide Häuser, Trassenberg und Beuglenburg, oder Zinna, auf zwei Augen stehn; von diesen Augen würde es abhängen, ob die Stimmen beider Gewalt im Rate der deutschen Völker erlangen oder für immer verstummen würden, -- die Weissagung besteht aus lateinischen Distichen, astrologische Wendungen, die Gestirne, Venus, Jupiter spielen eine unverständliche Rolle darin. Weissagung und Vertrag haben beide sich in unserm Geschlecht vererbt, und zwar wars üblich, daß diese Erbschaft am Tage der Mündigkeitserklärung vom Erstgeborenen angetreten wurde. Nun konnte es sich nur noch um Georg handeln, aber jetzt lag die Sache folgendermaßen ...
»Der Zinnasche Erbprinz, Bruder eines Totgeborenen und einer schwächlichen Schwester, selber nur mit Mühe und aller Kunst von Geburt an am Leben gehalten, war für mich allezeit -- nicht dasjenige Augenpaar, auf dem die Schicksale der beiden Länder ruhen sollten -- das heißt: ich füge meine Ausdrucksweise nach der Prophezeiung, die für mich keinen bedenklichen Wert hat noch hatte. Nun: im Sommer werden es drei Jahre sein, Georg zog zur Universität, trat ins Leben, ich hielt es für an der Zeit, ihn wissen zu lassen, was ihn in Zukunft erwartete, um so mehr -- bei seinem Hange zur Dichterei und dergleichen schönen, aber wenig weltlichen Dingen. Nun griff eins ins andre. Nämlich: ihn spekulieren zu machen auf den Tod eines noch Lebenden, das widerstrebte mir. Ich hatte aber den Vertrag, der heutzutage -- das vergaß ich zu erwähnen -- ich will zwar nicht sagen: keine, aber doch keine nennenswerte Gültigkeit -- an sich -- hat, wenn der Andre nicht will. Wollt ich ihn durchsetzen, so handelte es sich schließlich nur um die Geneigtheit des Bundesrats, und da von den drei Stimmen, die Beuglenburg und Trassenberg gemeinsam drin haben, zwei schon immer in meiner Hand waren, so -- nun, Sie verstehn. Also war zu kalkulieren: ist der Erbprinz einmal tot, soll dann weiter geerbt werden im Mannesstamm, so kommt zuerst Georg in Frage, und der Vertrag liegt da als Fundament, als Stütze, wie man will. Also ... wo blieb ich stehn? -- So -- ich benutzte also Georgs politische Unkenntnisse (sie hielten länger vor, als ich damals ahnte) und sprach ihm damals schon, drei Jahre früher als üblich, von dem Vertrage und seinen Möglichkeiten in bezug auf ihn. Er war daher, bis vor zehn Tagen etwa, war er in dem Glauben, in der Zuversicht: Herzog von Trassenberg werden zu können. Nun vor allem: das Ganze wäre ums Haar schon vor zwei Jahren zum Klappen gekommen, da der arme Junge Adolf Emil sich bereits zum Sterben anschickte, aber wieder -- ich argwöhne sehr -- gegen seinen Willen daran verhindert wurde, für mich ein Beweis, wie richtig ich gegen Georg verfahren war. Hopla!« sagte der Herzog, denn der Wagen war aufs Pflaster gerollt und schüttelte erbärmlich. Durch das trübe Glas der Wagenfenster fiel gelbes Licht herein zu dem rötlichen Inneren, Laternen, Schaufenster, Menschenschatten, ein Wagen zogen vorüber. Gleich darauf stand der Wagen still.
»Ja, nun muß ich doch abbrechen,« bedauerte der Herzog, »oder bringen Sie mich noch bis oben, eine kleine Viertelstunde«, sagte er verlockend.
Renate nickte, der Herzog ergriff das Sprachrohr und befahl dem Chauffeur sich nach dem Schloß hinauf weiter zu fragen. Bald darauf rollte der Wagen weiter, durch Straßen, Pflaster und Asphalt, hin und her, währenddem sie schwiegen, Renate gespannt, als läse sie Balzac. Kaum rollte der Wagen wieder sanfter dahin, begann auch der Herzog:
»Also weiter. Zu Neujahr gab ich Georg den Vertrag; zwei Tage vorher nämlich schreibt mein Agent, aus Zinna: der Erbprinz liegt im Sterben, diesmal ists sicher! (War aber wieder gelogen, er hat noch zehn Wochen gelebt, es war ein Jammer!) Georg geht hin und klagt den Vertrag ein, und -- nun kam die Enttäuschung für uns Beide: bekam eine schlichte, ja schnöde Abweisung. Nun, was weiter --
»Er schreibt mir, er steht vor einem Rätsel ... Ich tu's selber, ich schreibe nach Zinna, es giebt ein unverständliches Hin und Her, endlich kommts denn zu Tage: Georg heiratet Sigune.
»Ich fahre selber nach Beuglenburg. Der Großherzog, wie ich immer wußte, ist eine Null, vor der dieser oder jener seiner Umgebung, am häufigsten sein Hofkammerrat, ein halber oder ganzer Jesuit, zusammenleg- und entfaltbar, jede beliebige Ziffer von zehn bis neunzig formiert. Mit ihm selber ist nichts anzufangen, seine Umgebung schwört: er reagiert nur auf Fremde nicht, beinah hätten sie gesagt: in ihren Händen sei er Wachs, denn das ist er. Ihrer Aussage nach also besteht er auf seinem Willen, das Erlöschen seines Namens um jeden Preis zu verhindern. Na, nun giebt es ja allerlei Möglichkeiten. Der alte Beuglenburger Lipsch kann päpstlichen Konsens erhalten, um wieder zu heiraten. Immerhin -- dies ist des Hofkammerrats Vorzugswort -- immerhin scheint er -- der Hofkammerrat -- für seine Sigune -- er hat sie erzogen, und da sie aufs äußerste an ihm hängt, muß er wohl auch seine guten Seiten haben; wem fehlen die schließlich nicht? -- er scheint also dem jüngeren Georg doch den Vorzug vor dem alten Lipsch zu geben, sagt sich vielleicht auch, daß aus Alter und Krankheit kein brauchbarer Nachwuchs zu hoffen ist und das Erlöschen Zinnas bloß aufgeschoben, nicht -gehoben. Schließlich sind auch Erbschaftsgesetze nichts Unabänderliches, das heißt: die Sigune kann irgendeinen andern von fünfzig gut katholischen Prinzen heiraten, dessen Sohn erbschaftsberechtigt wird. Wir müssen gleich da sein, der Wagen steigt schon mächtig, merken Sie die Serpentinen? Sehen Sie, da liegt das alte Nest!«
Hinausblickend sah Renate das rötliche, qualmende Lichtertal der Stadt unter sich, ein altes Stadttor, den schwarzen, rötlichen Fluß, dahinter Nacht und den braunen Himmel.
»Ich bin ja auch nun am Ende«, sagte der Herzog. »Georg hat man inzwischen Mitteilung von seiner Heirat gemacht, hinter meinem Rücken, die Schurken! Bei alledem ist das Unglück, daß der Großherzog darauf besteht, noch morgen, am liebsten schon heute abzudanken, also seine Tochter so stracks wie möglich zu verheiraten, wobei ich ahnungslos bin, wiederum, ob das sein Wille oder der seines Hofkammerrats ist. Georg schreibt mir einen verzweifelten Brief nach dem andern: Was denn das heiße, er begriffe nicht -- er hüte sich natürlich vor jeder Kritik -- aber er begriffe nicht, was ich mir je gedacht hätte, er könnte doch das kranke Mädchen nicht heiraten und so weiter.«
»Und was schrieben Sie?« fragte Renate, da er schwieg. Er sah sie mit ein wenig verqueren Augen an und zuckte die Achseln. Er hätte geschrieben, Georg dürfe schon vertrauen, daß alles mit rechten Dingen zugegangen sei, es sei jetzt keine Zeit zu Erklärungen, die er jeden Augenblick später erhalten könne, er selber stehe ihm sofort zur Aussprache, zur Beratung zur Verfügung, vielleicht jedoch ziehe er es vor, allein seinen Weg zu finden. »Glauben Sie nicht, daß er alt genug ist, um zu wissen, wie er zu handeln hat? Ich selber, schrieb ich ihm noch, würde eigenhändig einen Versuch machen ... Und dabei bin ich ja nun. Ich will --«
Er unterbrach sich; der Wagen rollte über eine Brücke, durch ein Tor, machte eine Schwenkung und stand still.
»Zinna,« murmelte der Herzog verdutzt, »aber nun will ich ausreden.«
Renate sah durch die klaren Fingerstreifen im Belag des Fensters neben dem Herzog ein erleuchtetes Tor über Stufen, Schatten und bunte Stücke von Hin- und Hereilenden.
»Ich will«, sagte der Herzog, »doch meine Meinung ändern; ich bin der nächste Erbe und --«
Indem wurde der Wagenschlag aufgerissen. »Wollt ihr zulassen!« schrie der Herzog, zog die Tür am Riemen zurück, klappte und riegelte sie zu. »Hundsfötter!« murmelte er und setzte seinen Hut auf, einen großen alten Schlapphut, aber er sprach nicht weiter. Nach einer Weile sagte er leise:
»Helene -- ja, nun fehlt uns Helene. Wenn ich die Regierung übernehme, so ist die Heirat damit ja immer nur aufgeschoben; der Hofkammerrat weiß, daß ich nur Fisematenten mache und in einem halben oder ganzen Jahr zu Georgs Gunsten verzichte. Also muß ich Sigune ... sie hat die harte Stirn der Zinnas; wenn ich sie herumkriege, so bleibt sie mir sicher, aber wie ich das mache ...?« Er seufzte.
»Lieber Freund,« sagte Renate, »und wie wäre es denn nun eigentlich, wenn Sie alle Beide verzichteten?«
»Wer?«
»Sie und Georg.«
»Nicht um die Welt«, sagte der Herzog. »Die Jesuiten kommen ins Land.«
»Können Sie sich nicht wehren?«
»Erstens gegen Jesuiten!« murrte er unwirsch, »und außerdem habe ich Besseres zu tun. In einem Kriege kann Wunderbares an Kraft und Taten geleistet werden, aber ich wäre ja ein Hundsfott, wenn ich nicht den Krieg vermiede, um eben dies Wunderbare für meinen Frieden zu gebrauchen.«
Renate, hartnäckig zu ihrem eignen Erstaunen, bohrte tiefer: »Sie denken an Ihr Land und vergessen Ihren Sohn. Wie sehr väterlich glauben Sie, daß dies gedacht ist?«
Der Herzog blickte sie grade und schwer an. »Mir,« sagte Renate beinah spöttisch, »-- mir scheint es nun doch, als ob die beiden Augen Ihrer Weissagung -- mich jetzt ansehn.«
Er machte eine abwehrende Handbewegung und schlug die Decke von den Füßen zurück. »Sie stören mich ja, mein Kind, anstatt mir zu helfen.«
Renate sah auf die Uhr im Armband: »Nachdem ich Ihnen anderthalb Stunden zugehört habe, ohne das geringste Widerwort.«
Der Herzog lachte und murmelte, um so gefährlicher sei sie, habe nun alles angesammelt, destilliert und spritze das feinste Gift. Übrigens könne sie ja nicht wissen, was für ihn auf dem Spiel stehe. Er tastete mit der Rechten nach dem Türgriff, drehte ihn, drehte ihn zurück und sagte kurz lachend: »Nun denken Sie, ich will ausreißen.«
»Es ist wirklich Zeit«, warnte sie lächelnd.
»Gut,« sagte er und bot ihr die Hand, »ich werde die Nacht zum Überlegen verwenden.« Er küßte ihre Hand. »Haben Sie Dank, vielen Dank! Ich bin morgen wieder in Trassenberg. Wenn Ihnen etwas Gutes einfällt, unterlassen Sie nicht, mirs zu schreiben. Gute Heimfahrt! Auf Wiedersehn! Leben Sie wohl! Adieu!«
Er hatte sich nach außen gezwängt, stand, von rückwärts beleuchtet und nahm den Hut ab; stämmig und wacker stand er da, Haar und Oberkopf schimmerten im Licht, die Züge waren von Renate nicht zu erkennen, da sie gegen das Licht sah, auch wurde die Tür nun geschlossen, der Motor brauste auf, der Wagen drehte langsam, rollte über den Hof, durch die Einfahrt und über die Brücke in die Nacht zurück.
Renate setzte sich tiefer in den Polstern, lehnte sich an, hüllte die Decke fester um sich und zog sie gegen die Brust; sie nahm die große Muffe, die sie neben sich gelegt hatte, wieder und senkte die Arme bis an die Ellenbogen hinein; es schien ihr kälter im Wagen geworden. Sie lächelte. Da hatte sie ihn nun ratlos gemacht, das tat ihm gut. Wieder lächelnd, empfand sie, daß dies Lächeln schon lange in ihrem Gesicht feststand. Sie glaubte, den Abdruck zu spüren, dieser Mensch mußte es mitgebracht und festgeschraubt haben, sie konnte es nicht loswerden, da war es schon wieder, sie fuhr mit der Hand über Augen, Nase und Mund, aber es kam unverwischbar drunter wie neu hervor, oder lächelte sie diesmal nur, weil sie es hatte fortwischen wollen? Da habe ich die ganze Zeit über gelächelt, dachte sie nun unwillig, und es ging um die ernstesten Dinge. -- Wie, schon wieder die Stadt? Vom Schütteln der Fahrt in ihren Gedanken unterbrochen, sah sie durchs Fenster in die erleuchteten oder dämmrigen und finsteren Straßen voller Menschen und elektrischer Bahnen, solange bis die Chaussee wieder erreicht war. Unterweil war sie nachdenklich geworden, beugte sich vor, stützte das Kinn auf die Fingerknöchel und blickte durch die graue Scheibe in die Finsternis.
Das war ja ein Wassersturz von klirrenden, schillernden und fremden Dingen gewesen. Sie versuchte, sich zu besinnen. Immer sah sie ein kaltes, bleiches, augenloses Gesicht unter einem Jesuitenhut, wie unsinnig! Sigune -- Schionatulanders Geliebte, ein schöner, trauriger Name. Kränklich war sie, blond, mit einer harten Stirn, und dieser Jesuit war ihr Lehrer und einziger Freund. Der kranke Bruder -- und dieser Vater ... Plötzlich erschien der Herzog wie ein Riese dazwischen und fegte alles über Seite. Renate lächelte wieder, verfinsterte aber dann ihr Gesicht und sagte: Bogner -- so hätte er einmal kommen sollen! Aber damals -- wie würde ich mich vielleicht gewehrt haben! Heut mittag noch war mein Dasein ein blauer Teich mit kümmerlichen Wasserrosen; da warf sich dieser unbekümmerte Schratt hinein, bloß um drin zu plätschern.
Im kalten Wagen empfand sie sich auf einmal heiß. Diesen Gedanken, sagte sie, an der Lippe nagend, hätte ich noch vor Jahren den Zutritt nicht erlaubt. Bloß um zu plätschern? Aber es giebt mehr Teiche. Aber er fackelt nicht und greift zu, wenn es ihm paßt, erwiderte jemand aus der Wagenecke. Sie sah flüchtig dorthin, wo der Herzog gesessen hatte. Auf einmal kann er wieder gehn, es ist wie im Märchen, freilich, es war bald ein Jahr her, daß die Herzogin starb und er ... Wieder kam die tote Herzogin zur Türe herein, lebend, bewegte sich leicht zum Tisch, lächelte und neigte den Kopf, indem sie sich setzte. Seltsam, welch belanglose Erscheinungen am sichersten in uns haften bleiben! Ihr Gesicht, so entstellt, als ihr die Augen brachen, war nicht mehr zu sehn. Hatte er sie schon ganz vergessen? Sie hörte ihn seufzen: Helene -- ja, nun fehlt sie uns! Uns ... Freilich: er mußte seines Weges weiter.
Fünfundzwanzig Jahr ist er älter als ich, dachte Renate und herrschte sich an: Genug jetzt! ein für allemal!
Und nun das -- mit Georg! -- Man kann es nicht einmal nennen, wie soll ichs begreifen? Georg? Wer war denn Georg? -- Georg saß mit Esther oben in Josefs Fenster, oder mit Esther im Garten bei der Sonnenuhr. Wenn er kein Prinz ist, so sieht er doch einem solchen zum Verwechseln ähnlich. Nun wundert michs doch, daß -- eigentlich er mich auch nie beachtet hat. Aber das war wohl Scheu wegen Magdas. Zwischen ihm und Esther -- was war da gewesen? -- Sie hörte Sigurds Stimme, wütend im Schmerz, aber sie fand die Worte nicht mehr.
Bogner und der Herzog, welch ein Gegensatz! Wars wirklich einer? Schien ihr die Kalt-- ja, die Kaltherzigkeit des Herzogs nicht nur deshalb so viel heftiger als Bogners stillere Kräftigkeit, weil eben Bogner keine Kraftäußerung kannte als gegen sich selbst und in seinem Werk? Der Herzog war das Hantieren mit Menschen gewohnt, das war sein Leben und sein Werk.
Renate schloß die Augen und schauerte seltsam angenehm zusammen. Indem fielen zwei starke peitschenartige Knalle schnell hintereinander, sie fuhr empor, horchte erschreckt, gleich darauf rollte der Wagen langsamer, auch anders, wie ihr schien, und stand still. Ach, ein Reifen war geplatzt oder gar zwei! Nun kam schon der Schatten Reinholds von vorn am Fenster vorüber, sie öffnete es, fröstelte im Luftzug und sah, daß die Straße weiß war; es hatte geschneit. Reinhold kam zurück: die beiden Hinterreifen wären geplatzt. -- Renate öffnete die Tür und stieg aus. Reinhold bemerkte in seiner Berliner Mundart: »Das ha 'k mir jleich jedacht, wo der Wagen so lange in der Garage gestanden hat.« Er ging in seinem großen Pelz unwirsch um den Wagen, stellte den gehorsam stampfenden Motor ab, klappte einen Kasten auf, nahm Werkzeuge heraus, öffnete einen andern Kasten unterm Sitz und wühlte darin. Die beiden grellen Lichtkegel aus den Laternen fielen weithin über die weiße Chaussee und breiteten sich über die nächtigen Felder aus; grellweiß angeschienen standen die Chausseebäume wie gesträubte Zuschauer da, andre weiterhin, schattenhafter. Weiß wehte Renate der Atem vom Munde, sie trat in den dünnen Schuhen langsam hin und her, fühlte die hartgefrorenen Rillen des Schlammbodens unter der Schneedecke, fror und wollte wieder in ihren Wagen kriechen. »Wie lange dauert es denn?« fragte sie.
Der Chauffeur, die Riemen an einem der festgeschnallten Räder mit aufmontierten Reifen lockernd, murrte kaum verständlich und mit der Abgeneigtheit seines Menschenschlags gegen Zeitangaben, es könnte auch 'ne Stunde dauern, -- bei die Kälte! --
»Armer Reinhold!« sagte Renate und war unglücklich, so lange im Wagen still sitzen zu müssen. Wo sie denn eigentlich wären, fragte sie. Da wo die Herzbruchsche Villa stände, da müßten sie dicht bei sein. Renate zuckte. Sie ging zum Chausseerand und suchte in der Nacht. Richtig, links über den Feldern war ein roter Punkt in der Nacht. -- »Wenn man wüßte, wie weit es ist ...« sagte sie zögernd. Nun stellte Reinhold sich neben sie und meinte, nach dem Licht spähend, es könnte keine zehn Minuten sein. -- Und der Weg? -- Die Chaussee hinunter, dann müßte gleich nach ein paar Minuten eine kleinere Chaussee links abbiegen, an der läge das Haus; die große Chaussee mache einen Bogen weit rechts und treffe nachher die schmale wieder. Ob Renate sich nicht erinnere, damals bei der Hinfahrt zum Herzbruchschen Hause, daß sie auf eine kleine Chaussee rechts abgebogen seien »da, wo wir doch den Herrn Almanach getroffen haben.« Renate zögerte kaum noch.
Irene erwartete sie ja längst. Wie lange hatten sie sich nicht gesehn? Lieber Gott, war das schon seit -- Mai -- oder Juni? Ja, im Mai war ich einmal draußen, und noch zweimal im Juni. Dann ging ich nach Helenenruh, und eh ich wieder hier war, kam >die große Verjüngung< über sie, Masern und Scharlach hintereinander, -- wie ein Kind so dünn und weiß wie eine Kellerpflanze sollte sie ja wieder zum Vorschein gekommen sein, -- Renate seufzte noch einmal, sagte Reinhold etwas Ermutigendes, bat ihn, wenn er fertig wäre, zur Herzbruchschen Villa zu fahren, und machte sich auf den Weg, nun schon ganz in freudiger Neugier, wie Irene aus Italien zurückgekehrt sein mochte ... Auch die Fahrt mit dem Herzog war in ihrer Erinnerung jetzt eitel Freude, die ihren Gang beschwingte. -- Auf die Uhr blickend, fand sie, daß es eben halb acht Uhr gewesen war, und sie ging am Rande der Chaussee unter den Bäumen fort, dankbar für die Wohltat der Stille in der Frostnacht nach dem langen Getose des Motors und dem Hinschnarren der Gummiräder über den harten Boden.
Stehen bleibend dort, wo die Lichtkegel der Laternen zerstäubten, vergrub sie die Unterarme tief in die Muffe, behaglich, denn sie fror nicht, nur an der Kopfhaut merkte sie, da sie keinen Hut trug, ein wenig Kälte. Die Chausseebäume, bleiche Stauden, wurden im Finstern kenntlich und neben ihnen in der Grabenböschung die weißen Steine. Eilfüßig lief sie den Weg hinunter, aber die kleine Chaussee ließ auf sich warten, dafür machte aber die große einen immer stärkeren Bogen nach rechts. Sieh, aber da waren ja Sterne in der Nacht, unendlich fern, winzige, weißliche Punkte, und kaum daß sie diese gesehn, zogen mehr, rechts oben von den ersten, ihr Auge an, das an neuen Sternen nun die unsichtbare Wölbung emporglitt und den großen Wagen erkannte; undeutlich, matt blinzelnd, war jeder Stern nur sichtbar, wenn sie ihn einzeln ins Auge faßte, aber er war es doch! Sie sah sich um im Gehn und gewahrte fern die Laternenkegel, strahlend mitten im Felde der Nacht, dahinter den ungetümen Schattenriß des schwarzen Wagens, ganz ein glotzendes Tier. Sie ging weiter und hatte sich bald so ans Gehen und unbestimmte vor sich hin Sinnen gewöhnt, daß sie plötzlich die Nebenchaussee merkte, die sie halb überlaufen hatte. Abbiegend und aufsehend, sah sie auch schon deutlich zur Linken ein erleuchtetes Fensterviereck, wenn auch klein, aber da kam plötzlich der Schatten eines Menschen von rechts aus der Nacht auf die Landstraße zu, und leicht erschreckt eilte sie weiter, während der Mann näher kam; wenige Schritte hinter ihr mußte er die Straße betreten haben, dann hörte sie ihn ihr nachgehn, ging eiliger, ihr Herz klopfte heftig, die Schritte hörten nicht auf, jetzt kamen sie vielmehr näher, sie blieb Atem holend stehen, der Fremde auch.
Sie sah ihn an; seine Züge waren nicht zu unterscheiden, er hatte eine dunkle, englische Mütze auf dem Kopf und trug einen dunklen Havelock. Schon wandte sie sich entsetzt, um zu fliehn, als der Fremde -- nun erkannte sie auch den glimmenden Blick seiner Augen -- die Mütze abnahm und mit anständiger, leiser Stimme sagte, er bäte um Entschuldigung, er habe sie verwechselt. Sie atmete ein wenig auf und sagte rasch und munter, es befände sich wohl selten um diese Zeit eine Dame in dieser Gegend, noch dazu ohne Hut. Sein Gesicht veränderte sich nicht, während er erwiderte: sie möchte nochmals entschuldigen, zumal er wohl richtig vermute, daß sie zu dem Landhaus -- dort -- wolle. Sie bejahte, bereits im Weitergehn, er ging schweigend mit, ein wenig voraus. Das Fenster ward langsam größer, sie erkannte die Umrisse des Hauses, des Daches und des Hügels. Der Fremde machte eine Bewegung zurück und fragte leise: »Zu wem gehn Sie denn? zu Herzbruchs oder --?«
»Zu Herzbruchs.«
»So«, sagte er und war wieder voraus. Drei Schritte weiter wandte er sich abermal und fragte, wieder ganz leise: »Aber -- Sie kennen -- vermutlich auch die -- andre Dame?«
Verwundert sagte sie: »Frau Vehm, meinen Sie, ja, ich kenne sie.«