Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 45
Er sprach nun von dem Vertrage, bedauerte obenhin die Unerfüllbarkeit, meinte aber, es würde sich vielleicht ein andrer Weg finden zur Verwirklichung von Georgs Hoffnungen. Dann sprach er von der Verwandtschaft des Zinnaschen Hauses, nannte Georgs Vater, -- der habe bereits früher aus einem gewissen Anlaß seine bekannten Grundsätze offiziell betont, die ihm die Übernahme der Regierung unmöglich machten ... Ferner den regierenden Grafen Beuglenburg-Lipsch, Georg Egon, -- und schließlich Georg selbst; der Grad der Verwandtschaft Beider mit dem Hause Zinna sei genau der gleiche; immerhin sei der Graf bereits in höheren Jahren, sei zudem zwar verwitwet, aber katholischen Bekenntnisses und katholisch getraut gewesen, so daß eine neue Ehe folglich ausgeschlossen sein dürfte ... Georg dachte noch, daß auch die Zinnas katholisch seien, da schlug ihm das Satzende erst aufs Herz. -- Ich soll Sigune heiraten! dachte er, bewegte gleichzeitig die Lippen und hörte sich fremdartig sagen: »Ich bitte Sie nun, Herr Hofkammerrat, sich Ihres vollkommenen Auftrages zu entledigen.«
Nun ließ der seine Hände fallen, setzte sich im Sessel vor, faßte flüchtig nach den Brillenstäben, entschloß sich dann, die Brille ganz abzunehmen, kniff mit zwei Fingern den rotgesattelten Nasenrücken und sagte, die goldene Brille ganz leise in der Linken hin und her bewegend, -- er hat ganz gute Augen, dachte Georg, nun, wo er mich grade ansieht --:
»Mein königlicher Herr, der Großherzog, hat den innigen Wunsch, seine Tochter als Ihre Gemahlin, Durchlaucht, zu sehn und damit Sie selber, Durchlaucht, unter der Krone, -- unter einer Krone, welche die beiden Lande, Beuglenburg und Trassenberg, vereinigen würde. Sollte Ihnen, Durchlaucht, wie ich wohl annehmen darf, besonders an dem Titel eines Herzogs von Trassenberg liegen, so --« schloß er ganz schnell und oberflächlich, »würde sich das ja leicht ermöglichen lassen.«
Georg mußte sich zusammennehmen, nicht durch die Nase zu blasen, und glaubte, vor Wut zu explodieren. So. Nun kam es. Erst verzichtete man, fand sich ab, fand sich hinein, ging seiner Wege, -- ja, erst hatte man den schönsten Plan, arbeitete dran Jahre lang, rüstete sich, freute sich, kam näher, und dann -- wars nichts. Dann -- fand man sich ab, war schon ganz wo anders, und jetzt -- -- fing es wieder an, aber: zum Nichtwiedererkennen abscheulich entstellt! Und -- und warum hat Papa nur geschwiegen? Fast zehn Tage geschwiegen? -- Dumpf, hinter unbeweglichem Gesicht die Zähne zusammenbeißend, hob er die linke Hand gegen das Gesicht, betrachtete sie aufmerksam, konnte endlich fragen:
»Bitte, -- ehe wir weitergehn, haben Sie vielleicht die Güte, mir zu sagen, wie Prinzeß Sigune selber sich zu dem Wunsche ihres Vaters verhält.« Mn -- dachte er, das war ein _Faux pas_, daß ich auf den väterlichen Wunsch gar nicht eingegangen bin, aber das ist mir -- Wurst!
Der Hofkammerrat lächelte. Ja, er lächelte ganz freundlich und sagte: »Die Prinzessin hat selbstverständlich keine andern Wünsche als ihr Vater.«
Georg sah dies Mädchen, mager, eckig, unschön, allzublond, schrecklich schüchtern, -- neun Jahre war sie damals. O lieber Gott, nein, diese ganze kranke Familie! Sicher war sie mondsüchtig. -- Der Kammerrat derweil sprach ganz freundlich weiter:
»Die Prinzessin ist leider ein körperlich nicht besonders starkes Kind; was aber die Natur hier versagte, das, kann ich wohl sagen, hat sie durch eine reiche, innere Fülle, an geistigen, ganz besonders aber an seelischen, an Herzensgaben ausgeglichen. Dies weiß vielleicht, ja ich möchte ruhig sagen: dies weiß sicherlich niemand so gut wie ich, da sie mir in langen Jahren ihrer -- leider -- allzueinsamen Jugend fast wie ein eignes Kind geworden ist. Ich bin freilich eine -- ich möchte sagen, philologische Natur, andre würden es auch nennen: lehrhaft, -- immerhin -- die Prinzessin, --« er bog plötzlich ab und fuhr fort: »Ich selber habe die Prinzessin von diesem sie betreffenden Ereignis in Kenntnis gesetzt. Die Antwort, -- obwohl, wie ich der Wahrheit halber gestehen muß, nicht leicht zu erlangen, war derart, wie ich -- nun, wie ich sie erwarten durfte. Und meinen Standpunkt in dieser Angelegenheit werden Durchlaucht bereits erraten haben.« Er hatte seine Brille wieder aufgesetzt, stand auf, griff nach seinem Zylinder und sagte: »Ich habe den Auftrag, Euer Durchlaucht eine Bedenkzeit von einigen Tagen zu überlassen. Der Tod des Erbprinzen, so sehr er die Entschließungen meines königlichen Herrn beschleunigte, bedingt einigen Aufschub. Immerhin, sollten Euer Durchlaucht willig sein, auf die Ideen des Großherzogs einzugehn, so möchte ich mir gleich erlauben, einen Besuch Euer Durchlaucht in Zinna etwa nach Ablauf von drei oder vier Wochen in Vorschlag zu bringen.«
Georg hatte sich erhoben, stützte die Hände auf die Schreibtischplatte und blickte angestrengt aus dem Fenster. Er fühlte die Wut verraucht und sich kraftlos und müde. Ich könnte ihn gleich wegschicken, dachte er gleichgültig. Ohne seine Stellung zu verändern, drehte er Schultern und Gesicht nach dem Dastehenden herum und sagte möglichst ruhig und nicht unfreundlich:
»Ich möchte Ihnen keine allzugroßen Hoffnungen machen. Sie kennen mich nicht, Graf, Sie haben vielleicht von mir gehört, jedenfalls -- ich bin kein Mensch --« hier fiel ihm ein, daß gewiß schon Viele, in der selben Lage wie er, die gleichen Worte gebraucht hatten -- »der sich --« er wollte sagen: auf den Befehl eines alten Trottels, sagte jedoch kurz abschließend: »auf Wunsch verheiratet.«
Danach wandte er das Gesicht nach dem Fenster. Der Graf räusperte sich hinter ihm. Er möchte nicht denken, hörte Georg ihn sagen, daß er eine von dieser sehr verschiedene Antwort erwartet habe. Immerhin gebe es ja noch andre Wege für den Großherzog, und Georg dürfe glauben, daß dieser Weg kaum beschritten worden wäre, ohne Georgs eigne, vorangegangene Initiative, die seine Absichten, zur Regierung zu gelangen, offenbart hätten. -- Ja, also nun bin ich noch selber schuld! -- dachte Georg gekränkt.
»Also bitte,« sagte er, sich umdrehend und locker die Hand hinhaltend, »kommen Sie morgen wieder.«
Er fühlte seine Hand kurz ergriffen und wieder losgelassen. Der Graf wich zur Treppe zurück, Georg folgte mit zwei Schritten empor und öffnete, draußen stand Egon und öffnete die Haustür, Georg sagte Adieu, schloß die Tür und blieb stehn. Das Gefühl, niesen zu müssen, ließ ihn das Taschentuch ziehn, er schneuzte sich, nieste dann ein paar Mal heftig, die Augen tränten ihm, er dachte: ich habe mich im Saal erkältet. Nun fühlte er auch Schmerzen im Rücken, wünschte, sich auszustrecken, aber es war kein Sofa da. Langsam ging er in sein Schlafzimmer und legte sich auf das Bett. Im Fenster war der traurige Märzhimmel und Geäst; er lag fast wie in Berlin.
Sie kann ja einen Andern heiraten, und der kann Regent werden. Oder der Beuglenburger Lipsch kriegt einen Konsens und heiratet sie. Ach, was geht das mich an! Nein, ich bin diese Sache nun müde. Merkwürdig! fuhr es durch ihn hin, habe ich eben wohl nur einen Augenblick bedacht, daß ich der gar nicht bin, für den er mich hielt? Genug, genug mit dem Ganzen! -- Er warf sich herum, fühlte seine Nase dumpf und verschlossen, legte sich auf die Seite, das Gesicht nach der Wand und zog heftig Atem. Langsam erleichterte sich das rechte Nasenloch und wurde frei. Ob Papa dies alles wohl gewußt hat? -- fragte er sich plötzlich. Der Erbprinz war ja immer krank gewesen. Oder weiß er vielleicht einen andern Weg? Und wenn ich nein sage, was dann? -- Sein Kopf glühte, er stützte sich auf den Ellbogen, die Nase war wieder fest verschlossen, die Mundhöhle klebrig, und er drehte sich herum und sah nach dem Fenster; das blendete, ah, kam doch die Sonne? Aufspringend, lief er zum Fenster und sah nach oben. Ja, eine silberne, weißliche Quelle bewegte sich da oben im Grau, Gewölk wurde sichtbar, die Bäume regten sich, nun fiel ein blasser, gelber Streifen. Ach, wie sah auf einmal alles anders aus! -- Ich bin so gräßlich nervös geworden, dachte Georg, so wie die Sonne wechselt, fühle ich mich froh oder trübe. --
Er ging nun wieder ins Nebenzimmer und setzte sich an den Schreibtisch, nieste heftig, schneuzte sich, -- die Sonne war wieder fort. Man könnte es als ein Opfer ansehn, dachte er schwer. Renate, -- das war noch eine Versüßung; und -- es war zuviel, ein Doppeltes an Gewinst, -- es soll aber das eine sein, das reine Ziel. Ach, wie schön, wie schön hätte es werden können! Beuglenburg obendrein -- was gab es da nicht alles zu tun! Sigune -- --? Wer weiß, was sie heute für ein Wesen ist? Zart, gutherzig würde sie jedenfalls sein, lenksam, willenlos. Freiheit genug würde ihm bleiben. Und Renate -- sie konnte ja auch nicht wollen. -- Vielleicht sehe ich sie mir einmal an; wenn sie gar zu schlimm ist, bin ich stark genug, auch rücksichtslos zu sein. Möglich auch, -- ich sage ihnen dann, wer ich in Wahrheit bin! -- Da sah er schon die ganze Szene, Minister, Hofkammerrat, denen er schlichte aber klirrende Worte hinwarf.
Aufstehend setzte er sich auf den Schreibtisch, streckte absichtslos die Hand nach dem Telephon aus, und da er dies getan, nahm er auch den Hörer auf und bat den Hausmeister, ihn mit Benno zu verbinden. Gleich darauf hörte er Bennos Klavier, es brach ab, Schritte kamen, er sagte: »Benno?« --
»Ja, hier bin ich«, antwortete Bennos Stimme. Georg sprach matt und langsam weiter:
»Ich soll heiraten, Benno, die Beuglenburgsche Prinzessin, ja. Und Großherzog werden, -- ja. Na, was meinst du?«
Benno, mit unterdrückter Stimme vor Erregung, sagte: »Ich bin außer mir! Georg! das kannst du nicht! Das ist Gewalt!«
Ach, der gute Benno, dachte Georg und wiegte sich, so ist die Sache denn doch nicht in Fürstenhäusern.
»Ja, lieber Benno, du drückst das ein bißchen stark aus. Wer was erreichen will, muß Opfer bringen. Neigungsheiraten, weißt du, sind an Fürstenhöfen sowieso verpönt. Denke, ich könnte König von Holland werden oder dergleichen, -- und die Prinzessin ist vielleicht sehr nett.«
»Ist sie schön?« fragte Benno.
»Ich weiß nicht, ich glaube nicht; aber sie soll sehr gut sein. Ich kann sie ja denn wenden lassen.«
»Du bist ja gar nicht so zynisch, wie du tust, Georg!«
»Ach, der Teufel«, schrie Georg, »soll da nicht zynisch werden! Na, danke schön, Benno, ich wollte bloß mal hören ... Also du rätst ab?«
Benno stammelte etwas, Georg lachte, er sollts schon gut sein lassen, und legte den Hörer hin. Die Nase juckte ihm wüst, er bearbeitete sie mit dem Taschentuch, indem er spöttisch dachte: Alles ist immer so einfach für die Unwissenden. Ich glaube, ich werde doch mal hinfahren. Ach, wenn man bloß nicht so allein wäre! Wer hilft einem denn? Aber nein, nein, nein, gut so, dies muß ich allein ausführen. Ich will schon fertig werden!
Er dehnte sich, und jetzt schwoll ihm die Brust vor unbestimmtem Verlangen nach Thronen und Fürstendasein. Er sah sich in stiller Arbeit, stiller, freundschaftlicher Gemeinschaft mit einem stillen weiblichen Wesen, das ihn liebte, das er gern sah und das er beschützte. Es könnte doch recht -- schön -- werden --, sagte er sich leise. Ach, man fühlt doch wieder, daß man lebt! Ziele sind da, Wege, Kreuzungen, Widerstände! -- Er faßte nach seinem schmerzenden Rücken, dachte: Vorläufig werde ich wohl Influenza kriegen, und wünschte sich zu Virgo. Er ging auf den Flur, klingelte nach Egon, ließ sich den Mantel anziehn und verließ das Haus.
Flut und Ebbe
Renate trat aus der Kapelle, schloß die Tür, zog den grünen Schal fester um die Schultern und blickte eine Weile in den kahlen Garten. Es dunkelte schon; hinter den schwärzlichen Maschen des Buschwerks und der Bäume lag das Haus, stumm und lichtlos, grau, kalt. Frierend lief sie durch den Garten, die Stufen zur Veranda empor und schlüpfte in die angelehnte Tür. Während sie zuriegelte, wurde hinter ihr die Tür zum Flur geöffnet; dann kam vornübergebeugt, auf einen Stock gestützt, ein großer Mann herein, den sie im Halbdunkel nicht erkennen konnte. Drei Schritte kam er vor, die Füße absonderlich hochhebend, die Augen im großen, rasierten Gesicht fest auf sie gerichtet, lachte leicht auf, und -- »Herzog!« rief Renate und schlug die Hände zusammen. Er richtete sich auf und hob den Stock hoch.
»Was sagen Sie nu?« rief er stolz.
»Ist es die Möglichkeit!« sagte Renate und ging eilig auf ihn zu. Er nahm ihre Hand in seine Linke, sie merkte, daß sie selber es war, die ihre Hand fast gegen seinen Mund drückte.
»Es ist zwar«, sagte er, sie küssend, »unschicklich in Norddeutschland, einer unverheirateten Frau die Hand zu küssen, aber das macht nichts.«
»Sie gehen! Sie können gehen! Nein, wie mich das freut!« Renate legte die Hände wieder zusammen und meinte, sie könnte schon ihre Freude recht deutlich werden lassen. »Und so verschönt, so verschönt! Welche Ehre mir da widerfährt!«
Sie ging zu einem der Sessel in der Nähe des Kamins und zeigte ihm einen andern. Nicht unbeholfen ging er draufzu und setzte sich. Zwischen Beiden kniete das Hausmädchen und machte Feuer unter den Holzscheiten. »Recht so,« sagte der Herzog, »mich friert ausdermaßen. Setzen Sie sich schnell zu mir, ich habe genau zwanzig Minuten Zeit, dann geht mein Zug, ich muß nach Beuglenburg, es giebt die größten Umwälzungen, unterwegs hat mein Chauffeur mich umgeworfen, vielmehr gegen einen Baum gefahren, weil der Bauer nicht so wollte wie er, da bin ich mit dem Zuge gekommen.«
Das Mädchen ging, Renate setzte sich. Er reichte ihr noch einmal die Hand. Sie mußte sich Mühe geben, sein ihr bekanntes Gesicht wiederzufinden. Die Oberlippe war sehr schmal, der Mund schien größer und kräftiger, das Kinn war erstaunlich groß und stämmig. -- Sehr ernst sagte er:
»Ich wollte Ihnen vor allem danken. Wenn mir etwas geholfen hat, waren es Ihre Briefe. Sie sind ein guter Kamerad, ich will dafür sorgen, daß Sie's bleiben. Ja, da habe ich gehen gelernt. So wie's gewesen ist, wirds ja nicht wieder werden, nicht einmal so, wie es hätte werden können, wenn ich gleich damals angefangen hätte, sagt der Arzt, aber --« er setzte sich fest, »man muß zufrieden sein. Nun sagen Sie -- wie geht es Ihnen denn? Ich fürchte, Sie sahen besser aus im Sommer.«
Renate lächelte nur und war froh. »Wollen Sie mir nun nicht erzählen, was das für Umwälzungen sind?«
Der Herzog sah auf die Uhr. »Bloß noch sechzehn Minuten,« sagte er, »vielleicht könnt ich doch einen andern Wagen mieten, ich bin im allgemeinen kein Verschwender.«
»Ja, so nehmen Sie doch meinen!« rief Renate und sprang auf.
»Augenblicklich!« sagte der Herzog, »wenn Sie mit mir kommen. Sie können in zwei guten Stunden zurück sein!«
Renate, schon an der Tür, klingelte, versicherte, sie komme gerne mit, trug dem Mädchen auf, dem Chauffeur Bescheid zu sagen, und setzte sich wieder. Die Scheite im Kamin glommen langsam und widerwillig auf. Renate kreuzte behaglich die Arme und sah den Herzog erwartend an.
»Also,« sagte er, »mein Sohn will Großherzog werden. Es ist eine hundsföttische Angelegenheit, mit Erlaubnis! Vor drei Tagen ist der Beuglenburger Erbprinz gestorben. Er hatte Tuberkeln, seit Jahren schon wurde sein Ende erwartet, ja, vor drei Jahren gaben sie ihn schon auf, aber er erholte sich wieder. Sein Vater ist -- also -- nur noch eine Masse. Erbschaftsberechtigt sind: erstens ich hier, mein Sohn und ein schon bejahrter Graf Beuglenburg-Lipsch, der gerne möchte. Ich falle aus, für mich ist das nichts. Mein Sohn -- ja, was meinen Sie eigentlich? Sie kennen ihn doch ...«
Renate sagte: »Ich schrieb Ihnen ja ... Kenne ich Georg? Ich mag ihn gern, er ist klug, sehr fein und bescheiden. Freilich, was heißt das ...!«
»Nun, lassen Sie mich erst weiter erklären«, unterbrach er. »Außer dem verstorbenen Sohn ist da noch eine Tochter Sigune, neunzehnjährig, eine gute Seele, glaub ich, sehr fromm vermutlich, die Beuglenburgs sind katholisch, die Kleine war und ist -- was ich leider nicht wußte -- ganz in den Händen ihres Erziehers, der Hofkammerrat am Hof ist und nicht nur sie, sondern den ganzen Hof beherrscht. Jesuitisch erzogen übrigens. Die Entwicklung wäre daher die, daß die Beiden heiraten, mein Sohn und die Sigune. Und das scheint mir bedenklich. Georg hat Spätlingsnerven, hat gar kein Talent zur Brutalität, denkt von außen nach innen und ist noch sehr jung. Der Gedanke, daß er erbt, hat ja nun für mich alles Bestrickende. Trassenberg war bis über Achtzehnhundert hinaus selbständig, kam dann zu Beuglenburg. Aber Trassenberg gehört mir. Solange der alte Großherzog regierte, hatte ich keinerlei Schwierigkeiten. Alle Beamtenstellen in Trassenberg besetzte ich. Kommt der Beuglenburger Graf zur Regierung, so habe ich die Jesuiten im Land, und es giebt den ungeheuerlichsten Schlamassel; in jeder Beziehung. Das brauche ich nicht zu erklären. Ich könnte freilich selber regieren, ich bin der nächste, aber -- ich will einmal nicht. Doktor Birnbaum ist zwar dagegen, stabiliert nach wie vor sein heiligstes Menschenrecht, nämlich das, jeden Augenblick seine Meinung ändern zu können, aber -- ich habe mich an diese Meinung zu sehr gewöhnt, bin auch zu alt zu Neuerungen.« Er lachte kurz und griff nach einem imaginären Bart.
Indem trat der Chauffeur ein und meldete, der Wagen sei bereit. Der Herzog stand auf. »Fahren wir nur,« sagte er, »ich bin so schon ungeduldig genug.«
Eine Weile später saß Renate unterm schwarzen Pelz in der Wagenecke, der Herzog in der andern, der rechten, die er sich ausbedungen hatte, da er auf dem rechten Ohre taub sei. Wie Bogner! fiel es Renate ein, wo war Bogner? Oh dies war auch ein Mensch, dieser nicht regierende Herzog! Das Automobil bog gleich in den Wald ein, die Lampe unter der Decke glühte auf, das Gesicht des Herzogs erschien rötlich; eng und warm war der Raum um sie, die Scheiben beschlugen schnell.
Der Herzog war plötzlich verstummt. Renate mochte ihn nicht stören, da er sicherlich viel im Kopfe hatte, auch genügte ihr vollkommen die Wohltat der Fahrt und das Dasein des fremden, immerhin doch -- kaum bekannten Menschen. Sie glaubte, in sich versunken, wohl eine Viertelstunde bereits im Fahren zu sein, als sie ihn sprechen hörte, ohne daß er sie ansah.
»Sehen Sie,« sagte er, »man tut doch immer zu wenig. Oder man ist immer nach einer Seite hin geblendet, und aus den wunderlichsten Ursachen. Jahrelang, jahrzehntelang lag diese Sache nun vor mir, ward sie geplant, beleuchtet -- und -- den Gedanken an diese Heirat habe ich ebensowenig mit kalkuliert, wie ich einen starken Einfluß des Hofkammerrats, an dieser Stelle, ahnte. Es ist bei Gott, als ob er sich versteckt hätte. Denn nun hat der Gedanke: Georg und Sigune, die verteufeltste Ähnlichkeit mit dem Kolumbusei: solange ungedacht -- ists eben nichts -- und sobald gedacht das einzig Naheliegende und Natürliche ...«
Nun wars wieder still, lange Minuten, bis auf das Rauschen der Fahrt.
»Ich habe das eben so obenhin gesagt,« fing der Herzog wieder an, »das mit dem Altsein, aber ich meinte es nicht. Nein, ich bin nicht alt.« Er beugte sich mit einem Ruck vor, faßte seinen Stock und schlug damit auf seine Stiefelspitzen unter der Decke. »Absichtlich habe ich diese Kraftanstrengung gemacht mit dem Gehenlernen. Ich -- ich glaube, es war die Ungeduld von zwei Jahrzehnten, die auf einmal losbrach, und da habe ich denn nachzuholen versucht, was meine Frau in denselben zwanzig Jahren in ihrem Käfig hat abwandern müssen. Nun denke ich mir alles sehr schön. Mein Sohn und ich waren immer gute Kameraden, Birnbaum ist auch da und liebt Georg wie der ihn, es könnte ein Triumvirat, es könnte sehr, sehr gut werden.«
Er schien Renate noch erregter, als sie nach seinen Worten allein erkennen konnte. Sie sagte, es sei sicher viel Gutes in Georg, er beobachte vielleicht ein wenig zuviel sich selbst, aber -- »Nun ja,« murmelte der Herzog, »in diesen Jahren, da ist sich ja jeder ein Labyrinth und sieht an jeder Straßenecke den Minotaurus das Bein hochheben. Ja, entschuldigen Sie nur, ich denke immer noch, ich rede mit Birnbaum wie in all den Jahren. Nun, sehen Sie, so ist Georg. Ich sagte Ihnen, glaub ich, schon einmal, daß ich ihm unbegrenzten Kredit gab. Sie wissen, was das ist.« Renate schüttelte den Kopf. »Nun, das schadet nichts, es heißt jedenfalls so viel, daß er Geld verbrauchen konnte, soviel er wollte. Es war ein Risiko von mir, eine Probe, bankerott machen konnte er mich ja nicht, und so dachte ich: versuchs lieber auf die Weise, als daß er dich hintergeht, Schulden macht und den Namen versaut. Schulden kann ich auf den Tod nicht leiden. Was tut Georg? Braucht -- im Verhältnis -- überhaupt nichts. Nun würde das an sich nichts heißen, wenn er ein -- also von Natur ein Asket wäre, ein Einsiedler, ein zarter, scheuer Mensch, dem das Bunte der Welt nichts bedeutet. Er aber ging ganz frisch in die Welt hinein, machte Dummheiten, ruinierte ums Haar seine Gesundheit. Aber -- --! Was hätte er nicht -- --? er hätte einen Rennstall halten können, drei Rennställe, unermeßlich pokern, Mätressen, Automobile, Paläste, Jachten, was weiß ich, halten können. Nichts davon. Was er am Grunde seines Lebens sucht, ist ihm wahrscheinlich so geheim wie mir selber, und wenn er heute Großherzog sein will, so will er vielleicht morgen Dichter sein -- nun, es giebt schlimmere Schwankungen. Einmal, das will ich gestehn, war ich mißtrauisch. Ich hatte ihm eines Tages eine -- ja, eine schwierige Eröffnung zu machen; er hatte sich zu entschließen. Ich schickte ihn ins Freie, saß und wartete auf ihn. Es ward dunkel; da kam er. Ich dachte: Er braucht sich nicht entschlossen haben, es eilt nicht, aber, dacht ich: Was wird sein erstes Wort sein? Man hat seine abergläubischen Momente, und ich lag selber im Graben. Soll ich Licht machen? fragte er. Ich weiß nicht, das schien mir nicht sehr vielversprechend. Er hätte Licht machen sollen -- nun -- aber -- ich bin wieder davon abgekommen. -- Und nun möcht ich rauchen«, bat er, seine Zigarrentasche schon in der Hand. Renate nickte, freute sich, die große Zigarre von Helenenruh wieder zu erkennen, und atmete nicht unbehaglich den zarten Geruch der ersten Wolke. Man muß ihn reden lassen, dachte sie weich.
Der Herzog saß weit vorgebeugt, wischte zuweilen mit der Hand an der Scheibe und sah hinaus, während er sprach. Jetzt blickte er wieder eine lange Zeit schweigsam hinaus, setzte sich dann zurück, drückte den Rücken fest, sah Renate kräftig forschend an, dann wurden seine Züge weicher, er sagte:
»Gute Freundin! Ich habe nie Gelegenheit gehabt im Leben, unaufrichtig gegen einen Menschen zu sein, diesen und jenen Halsabschneider ausgenommen, gegen einen nahen Menschen also, deshalb möchte ich es auch gegen Sie nicht sein. Da ich Sie also einmal mit dieser Angelegenheit behelligt habe -- und es tut mir aufrichtig wohl, daß ichs durfte --, so sollen Sie auch den Rest wissen. Georg ist nicht mein Sohn. Er ist -- aber das ist gleich, das würde viel zu weit führen, und es genügt ja, wenn Sie die Tatsache wissen. Nun -- was sagen Sie dazu?«
Renate wollte heftig erschrocken abwehren: Nein, nein, lassen Sie mich nichts dazu sagen! besann sich aber rechtzeitig mit der Erinnerung an sein Vertrauen, schlug die Augen gegen ihn auf und sah ihn dasitzen, das Kinn auf die Brust gedrückt, die Oberlippe zwischen den Zähnen, unter der geneigten Stirn aufblickend, nun doch zweiflerisch vor ihrer Antwort. Sie machte ihren Blick herzlich, murmelte für sich: Einen Menschen sollst du messen ... und sagte leise:
»Von meinem Freund schrieb ich Ihnen hier und da, Saint-Georges, den ich immer zu fragen pflege, wenn ich etwas nicht weiß. Der schenkte mir einmal den Spruch: Einen Menschen sollst du messen -- Wenn du in seiner Haut gesessen. -- Und«, fuhr sie, die Hände faltend und mit wärmerem Lächeln in seine Augen blickend, fort: »Wenn Sie geglaubt haben, daß trotz dieser Tatsache er als Ihr Sohn gelten solle, dann habe ich kein Recht, anders zu urteilen.«