Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 44

Chapter 443,747 wordsPublic domain

Georg, in einem dumpfen, verbitterten Traumzustand seit Tagen, jetzt durchbohrt von Ungeduld, in andre Kleider und zu Renate zu kommen, verließ den Berliner Schnellzug und schob sich durch vielerlei Reisemenschen die Treppe hinunter und durch den Tunnel in die große Halle, doch heimatlich berührt vom Altenrepener Gesicht. Er trat in eines der Portale, sah nachmittäglichen Sonnenschein auf dem alten Platz, es war warm und roch nach März. Da! Esther! durchfuhrs ihn, -- aber sie war ja tot ... Aber die da vor ihm im Wagen saß, nein, Esther war es ganz und gar nicht, nur ihr Mund wars mit dem süßen, schwärzlichen Flaum an den Winkeln; das Gesicht war ähnlich blaß und zart, wie es häufig das Esthers gewesen war. Diese saß im Rücksitz des weiten Kaleschwagens -- ein großes schwarzes Pferd stand stämmig und ruhig davor -- tief hineingelehnt, in schwarzem glatten Pelzwerk; die Spitze ihrer Nase war zarter und hochmütiger gekrümmt als Esthers Nase; sie trug einen schwarzen Hut aus Filz mit hochgebogener Krempe, postillionartig, und vor ihr, einen Fuß auf dem Wagentritt, stand ein Herr im Pelz und sprach mit ihr. Nun bewegte sie das Gesicht her, und Georg sah in dem kleinen Dreieck erschreckend groß die Augen mit sehr langen Wimpern von --? -- Gott, wie hieß sie denn noch? -- Schley, Virgo Schley! -- Ein Träger, Taschen unter dem Arm, einen Koffer auf der Schulter, schob sich dazwischen, aber ihre Augen kamen unverändert hervor, unverändert in der Richtung auf die seinen, ohne Erkennung darin, -- und nun er selber, er dachte nichts mehr, fühlte nur und erwiderte ein wunderbares, tiefes Anschaun, das dauerte -- -- dauerte -- --. Jetzt wandte der Herr sich um -- war er ihrem Blick gefolgt? -- Georg sah undeutlich sein Gesicht, es schien ihm bekannt, es war Schley. -- Der nahm den Zylinder ab, trat auf ihn zu und sagte: »Georg, lieber Junge, seh ich dich wieder?«

Überrascht und erfreut sah Georg das Einglas aus dem langnasigen Gesicht tropfen. Sie schüttelten sich die Hände. Die Frau im Wagen hatte sich aufgerichtet und sah herüber.

»Ja, wie ist es denn mit dir?« fragte Georg, »du mußt entschuldigen, ich weiß nichts Rechtes, ich habe so für mich gelebt ...«

Der Adel sei dahin, sagte der Freiherr, sonst nichts; er habe ihn seinem guten alten Papa mit in den Sarg gegeben.

»Ja, und nun bist du Abgeordneter, nicht wahr?«

»Jawohl, jawohl, für den Fortschritt, vorläufig, jetzt will ich eben nach Berlin, es ist noch Zeit, komm, ich stelle dich -- ah, du kennst ja meine Frau!«

Er zog Georg zum Wagen und sagte: »Hier ist der Prinz Trassenberg, du erinnerst dich wohl? Ja, hör mal, Georg --«

Sie reichte ihm die Hand. Lachte leicht und sagte:

»Damals sahen Sie aber hübscher aus, -- was haben Sie denn für Falten bekommen? Daß wir Brüderschaft getrunken haben, hab ich aber vergessen!«

Hatten sie Brüderschaft getrunken? -- »Schade,« meinte Georg, »aber ich verdiene es wohl nicht -- für damals.«

Georg hörte Schley lachen und von jenem Abend reden. -- Wie seltsam ängstlich ihre Augen waren. -- Ihr Mann blickte auf die Uhr, meinte, es würde Zeit für ihn, und küßte seiner Frau die Hand, ermahnte sie, guten Mutes zu sein, drückte Georg die Hand und ging. Nun stand Georg näher vor ihr, sah auf sie herab, aber sie sah ihn nicht an, sondern nach drüben hinaus. Endlich blickte sie auf: ob es ihm recht wäre, sie habe ein Stück die Allee hinunterfahren wollen. Oh, das sei reizend, meinte Georg, da wohne er ja. Er setzte sich in die andre Ecke des Rücksitzes, der Kutscher sah sich um, der Wagen setzte sich langsam in Bewegung.

Georg vermied es, sie anzusehn: sie hielt das kleine Gesicht gesenkt, drückte zuweilen den kleinen schwarzen Muff dagegen, sprach kein Wort. Auch wars allzu lärmend herum, der Verkehr drängte fast in den weit offnen flachen Wagen, vorüber- oder mitfahrende Radler sahen zu ihnen herein, eine lange Zeit blickte vom Hinterperron einer Trambahn ein Halbdutzend Augenpaare auf sie herunter, nun waren sie über den Platz am Café und rollten leichter die breite Straße hinab, plötzlich blendend überflutet vom Untergang der Sonne, in die sie gerade hineinfuhren, die alles umher glühend färbte und Georg zwang, sich im Wagen auf und vornüber in den Schatten des Vordersitzes zu setzen.

Virgo Schley, dachte Georg. Eine Waise, hatte er gehört, die Adoptivmutter eine sondre, alte Frau, -- der Vater des Freiherrn hatte sich vor kaum drei Jahren erst den Adel gekauft, der war freilich nicht viel wert. Langsam kehrte ihr erster Blick in ihm wieder, wie war der doch geschwisterlich gewesen, heimatlich ... Da lenkte der Wagen auf die andre Straßenseite und hielt gleich darauf.

»Ach,« hörte er sie leise sagen, »hier ist ja der Obstladen ... ich wollte ... bitte, helfen Sie mir heraus.«

Georg sprang eilfertig auf den Bürgersteig und hielt ihr die Hand hin, sie streifte, als koste es sie die schwerste Anstrengung, die Decke von den Knien, erhob sich, -- und Georg konnte nun die leichte Schwellung ihres Leibes sehn, wie der Kleidrock sich, von der Decke unten gehalten, straffte: sie war guter Hoffnung. Schwer auf seinen Arm sich stützend, stieg sie mit unendlich langsamer Vorsicht aus. Im Laden kaufte sie unter hundert Zweifeln, Zurücknahmen und Änderungen eine Menge Trauben, Ananas und Birnen, so schöne, gelbe, daß Georg, auch aus Mitleid mit der Verkäuferin, für sich einige von ihnen kaufte. Als sie wieder im Wagen saßen, war sie völlig erschöpft, lachte aber nun ein wenig über sich selbst und fing an zu plaudern, fragte, ob Georg noch studiere, ob er Berlin nicht hasse, und Georg wurde redseliger und versuchte, ihr diese und jene absonderliche Schönheit von Berlin zu beschreiben, so einen Frühlingsabend, wie er ihn eben noch gesehn, wenn in den Körben der Verkäuferinnen in den schon grauen Straßen die Blumenberge leuchteten, gelb von Primeln und Narzissen, feuergolden von Tulpen und blaurot von Rivieraveilchen, und dann die gewaltigen Schattenmassen der Häuserblocks mit ihren Schloten und Türmen in einer brandigen, schwärzlichen Röte, die ins sanft Klare rauschte, in durchsichtig weißes Gold, und über allem der grüne Himmel, locker bemalt mit vergehenden silbernen Rändern von unsichtbaren Wolken, höher hinauf so blau wie das Meer auf japanischen Holzschnitten.

Sie rollten schon auf dem Fahrweg neben der kahlen Allee; angenehm trabten durch die Stille die großen, ebenmäßigen Hufschritte. -- Da bist du nun ... hatten ihre Augen gesagt -- da bist du nun -- da bist du nun ... Ein süß beklemmendes Mitleid bedrängte sein Herz. Bereitete sich hier der Frühling vor, den er eben beschrieb? Nacktschwarz und wie hineingesteckt standen die Gesträuche auf dem graugrünen Rasen, der Himmel war rein und leer; Georgs Gesicht wurde im Fahren durch entgegenschwimmende laue und kühlere Wellen gezogen. Schwere Krähen, wie aus Metall gemacht, schritten im weichen Grasboden, spreizten die Fittiche auf, grün schillernd im Schwarzen, sprangen ab, schwebten zwei Schritte überm Boden ein Stück, landeten hart und in kurzen Sprüngen. Ach, nicht denken, stammelte Georg innerlich, nichts denken! Einfach hinnehmen! Wie entsetzlich war dieser Winter! -- Ich will sie in mein Haus tragen, sie ist ja wie ein verkümmerter Vogel. -- Er sah sie wieder an und sagte sich: Ich werde sie lieben -- so wie Esther --, ich kann nicht anders, mein Herz folgt einmal jedem Stern, um so lieber, je zarter und hülfloser er scheint, ich muß immer brüderlich sein und beschützen. Nun, der Wagen rollte von selber den Weg durch die Anlagen hinunter, schräg auf die Sternwarte zu. Georgs Herz fing an zu pochen, sie kamen näher, das Schlößchen wurde sichtbar, da standen die Kandelaber, Gott sei Dank, er war wieder zu Hause.

»Bitte, halten Sie«, sagte er zum Kutscher, als sie in der Nähe der kleinen Tür waren, und faßte sich ein Herz. »Ach, bitte, kommen Sie nun mit, ich zeige Ihnen meinen Garten ...«

»O, wie gerne!« sagte sie gleich, kindlich erfreut, und siehe da, es ging durchaus leichter diesmal mit dem Aussteigen, und sie lief mit kleinen, leichten Schritten neben ihm her. --

Lächelnd erschien der blasse Egon. -- Das Zimmer war vorbereitet, Blumen in allen Vasen -- alles war wie einst. -- Sie sah sich neugierig um, den Kopf drehend. »Wie hübsch ist es hier!« meinte sie; sonderbar, das hatte doch noch niemand gesagt! -- »Die Menge Bücher! Lesen Sie so viel? -- Später werden Sie mir vorlesen, mögen Sie gern Verse? Ich mag nur Verse.«

Ach, da war nun ein Mensch, der nicht das geringste von ihm wußte, und er von ihr -- -- ja, was war da wohl viel zu wissen. Sie war ganz dicht zu ihm getreten und sah zutraulich zu ihm auf; ganz rasend überfiel ihn das Verlangen, sie in die Arme zu schließen, er sah, daß sie einen Handschuh ausgezogen hatte, ergriff ihre Hand und zog sie zum Munde empor. Da sie nicht wieder fortgezogen wurde, küßte er sie langsam von allen Seiten -- o wie war sie glatt und warm und weich und lebendig, ohne Ring, ohne alles! -- küßte den Rücken, das Gelenk, die Finger einzeln, den kleinen, weichgekrümmten Daumen, der ein kleines, runzliges Gesicht hatte.

»Ja, was machen Sie denn?« hörte er sie nach einer Weile fragen. Klein stand sie vor ihm, den Arm hochhaltend, die Brauen ein wenig gerunzelt, aber der Mund lächelte -- lächelte atemberaubend.

»Soll ich nicht?« fragte er.

»Ach, warum nicht,« meinte sie achselzuckend, »wenn es Freude macht. Aber nun muß ich sitzen.«

Georg mußte ihr einen Sessel vor die Gartentür schieben, dort versank sie, zog auch den andern Handschuh aus, aus dem ein locker sitzender Reifen von Gold zum Vorschein kam, den sie gleich abzog und ihm gab. Er sollte ihn auf den Tisch legen, er sei ihr immer zu schwer. »Aber nicht vergessen nachher, daß ich ihn mitnehme!« rief sie leicht und lachte in sich hinein.

Georg war ratlos. Sie war ja ein Kind -- und Mutter -- -- und hieß Virgo? -- Sie legte die Handflächen gegeneinander über dem Muff im Schoß, neigte das Gesicht und sah nach oben, gegen den verblaßten Himmel, großen, gläubigen Auges. Bald darauf nestelte sie den Hut los -- es sei ihr alles zu schwer --, fuhr mit den Händen ins braune Haar, das kurzgeschnitten war und lockig um das kleine dreieckige Gesicht stand; im Nacken war sie völlig ein Knabe. Sie sah wieder gradaus; Georg, nicht weit hinter ihr an der Schreibtischkante lehnend, konnte die Augen nun nicht mehr wegwenden von ihrem Gesicht, und bald kamen die ihren langsam herbei. Die Nasenflügel blähten sich ganz leise auf, Georg sah es deutlich, -- es erinnerte ihn an -- an ein Kind, das sich im Schlaf bewegt, aufatmet und tiefer schläft.

»Heißen Sie wirklich Virgo?« fragte er. Sie nickte lächelnd.

»Komisch, nicht?« Ernster dann, und mit seltsam tiefer Stimme, und doch nicht ohne -- ohne etwas Verlockendes in Blick und Stimme, sagte sie: »Denken Sie nur! Ich hatte keinen Vater und keine Mutter, eine alte Frau nahm mich zu sich, die nannte mich Virgo.«

»Pflegt sie nicht in Hosen zu gehn?« fragte Georg, sich dunkel erinnernd, »und Pfeife zu rauchen?«

Virgo lachte. Sie wäre selber immer in Hosen gegangen, es sei herrlich, und ihre Stiefmutter sei um die Wette mit ihr geritten und habe Hurra geschrien, Georg sollte sie kennen lernen. Nach einem Schweigen sagte sie süß und ganz langsam: »Georg ist ein schöner Name!« --

Georgs Herz fiel in Stücken auseinander. Cordelias Worte ... Himmel, diese Wiederholungen! -- Schwer sich bewegend, nahm er einen Stuhl, er glaubte, sie nicht mehr ansehn zu können, setzte ihn neben ihren Sessel und ließ sich nieder. Ein Weilchen später legte er seinen Arm auf das weiche Lederpolster der Lehne ihres Sessels, und es dauerte nicht lange, so glitt eine leichte, warme Flocke darauf, ihre Hand; ihre Finger schoben sich in die seinen, sie sagte ganz leise wieder:

»Ich habe mich immer« -- jetzt ward ihre Stimme ganz tief -- »so namenlos gefürchtet vor -- dem Kind. Am meisten vor Wolfgang --« Die Stimme wechselte wieder und tönte hell: »-- nun bei Ihnen ist es gut, und ich kann alles vergessen.«

Georg rührte sich nicht. Ihm war sonderbar zufrieden zumut, ja, glücklich. Dies Kind eine Weile zu schützen, das war sehr gut. Er glaubte, getrost den Arm um ihre Schulter legen zu können, obwohl er es seinetwegen tun mußte, nicht ihretwegen, aber kam es nicht allein darauf an, wie sie es empfand? -- So löste er die Hand aus der ihren, legte dafür die andre hinein und den Arm um ihre Schulter. Als sie sich gleich tiefer hineinlehnte, mußte er sich sagen: Sie trägt ja ein Kind -- wie kann sie mich empfinden? -- So saßen sie schweigsam zusammen, sahen die Schar der qualmenden Fabrikessen in der Ferne langsam undeutlicher werden in der sinkenden Dämmerung, fühlten warm ihre Hände und waren jeder -- Georg sprach es sich aus -- in einem Reich für sich -- aber doch hielten sie einander und spürten Wohltat. -- Als es fast dunkel im Zimmer war, machte sie ihre Hand frei und flüsterte, sie müsse gehn, sie würde erwartet. Sie erhob sich dann, Georg reichte ihr den Hut, sie setzte ihn auf, nahm Handschuh und Muff aus seiner Hand, stand noch ein Weilchen und sah sich um. Dann ging sie leicht hinaus.

Aus dem Wagen die Hand streckend, sagte sie nur: »Ich komme bald wieder.«

»Morgen?« fragte Georg.

Sie lachte hell und kindlich: »Morgen früh! Los, Krischan!« rief sie dem Kutscher zu. Hinter dem davonrollenden Wagen erschien im Dunkel der Bäume langsam das kleine, bläßliche Dreieck ihres Gesichts fast wie ein leerer Wappenschild, in dem dann langsam die beiden Augen aufgingen. Georg suchte schwereren, aber nur von süßer Ratlosigkeit und Hoffnung schweren Herzens sein Zimmer wieder auf, setzte sich an den Schreibtisch, und etwas fiel zu Boden, rollte und blieb klirrend liegen. So --! Ihr Ring -- natürlich hatten sie ihn vergessen. Er suchte, fand ihn nicht, machte Licht und sah ihn vor der Bücherwand liegen, glänzenden Auges wie ein erwischter Igel. Er hob ihn auf, trat zur Lampe, ließ sie aufflammen und suchte nach einer Schrift im Innern des Reifens. Wolfgang Theodor stand darin, 24. Mai. -- Georg wog den Ring in der Hand, schob ihn dann in die Westentasche, dachte: Ich will ihn ihr bringen, dann seh ich sie gleich -- --, aber er entschlug sich des Wunsches. Da lag die Tüte mit Birnen auf dem Tisch. Ja, Birnen! dachte er erfreut, drehte den Sessel, in dem sie gesessen hatte, gegen das Licht, holte eine Birne hervor, riß durstig den Stiel aus und biß von oben hinein wie als Junge. Der Saft tropfte, er verschlang sie mit Stumpf und Stiel atemlos und griff nach einer zweiten. Indem er sie in der Hand wog, hörte er sagen: Das sind so Sexualitäten. -- Er lachte schnaufend durch die Nase. Wo hatte er das --? Richtig, in jenem Tanzsaal in Halensee, zwei solche Handlungsgehülfen standen zusammen, und als zwei Mädchen vorbeitanzten, fragte der Eine: Was sind das für welche? Ach, das sind so Sexualitäten, sagte der Andre. -- Georg zertrat den Gedanken ergrimmt. Sie ist Mutter, dachte er, ja, wie ist das zu glauben? Da war ihr knabenhafter Nacken, ja, so mußte Marias Nacken gewesen sein und so geneigt, als der Engel eintrat und die Lilie gegen sie neigte, und sie konnte nichts begreifen ...

Nein, keine Birne mehr! sagte er. Die erste war unübertrefflich, eine Birne ist besser als zwei Birnen, das ist klar, Wiederholung wirkt tödlich. Oh, und nun wird es womöglich eine Wiederholung Esthers geben. -- Die Frucht in der Hand, die langsam warm wurde, sah er ins Licht und dachte: Liebe Esther! Es war ihm, als hielte er eine Hand umschlossen, langsam begann es in ihm zu wogen, auf einmal hielt er die Worte: Wer noch so jung ist wie du ... Weiter ... Wie weiter? -- Wer noch so jung ist wie du -- Fühlt noch der Schmerzen Gewalt ... Behutsam stand er auf, legte die Birne fort, setzte sich vor den Schreibtisch, nahm Bleistift und den Notizblock und schrieb:

Wer noch so jung ist wie du, Fühlt noch der Schmerzen Gewalt; Später wird alles gelinde, Gram und die Lust und der Tod.

Geh auf die Flamme nur zu ...

Wie nun? Sollte auf die ersten Zeilen gereimt werden? Er fand:

Blasse, geliebte Gestalt. Flamme verzehrt nur ...

Er suchte ... Not, Rot, blinde, Binde, Gewinde, umloht, bedroht ... Ja! Und er schrieb:

Flamme verzehrt nur die Rinde, Aber du bleibst unbedroht.

Damit war es aus. Laß ihr die goldenen Schuh ... fing er noch wieder an, aber er merkte, es war nichts mehr, und dann warf er wütend den Stift hin und hätte sich mit Entzücken selber auf den Kopf gespien. Das verfluchte Sieb ist es ja nur! verschwor er sich, das verfluchte Berliner Sieb, durch das man seine Empfindungen rührt; unten tropfen die Verse heraus, und in der Brust bleibt nichts zurück als Schale und Satz, und man ist so kalt, so schlaff und so traurig wie nach dem Liebeskrampf. Herrgott, Herrgott im Himmel, was soll bloß aus mir werden! --

Aus seiner verzweifelten Erstarrung weckte ihn das Geräusch des blassen Egon im Eßzimmer, der den Tisch für den Abend deckte. Er sprang auf, trat zur Gartentür, öffnete sie und tat zwei Schritte in den Garten. In der kalten Stille stand das Gesträuch und das Geäst der Bäume regungslos, kaum sichtbar; sichtbar nur oben, wo weiße Sterne waren.

Kommt nun wieder das Frühjahr, wieder die alte, seltene Lust, die immer neue, die nie bekannte? Kommen wieder die Schwalben und wecken das Herz, lieblich tönend im leichten Raum, und kommt das große Sprießen über die Erde und das Buschwerk, in dem Vogelstimmen laut werden, als wären sie gewachsen im Gezweig? Kommt wieder über das empfindungslose Herz der allgemeine Schauder, kommen wieder Winde und Gewölk, die Musik der Halmefelder, und kommt auch wieder, wieder das alte Hoffen?

>Und so verbürgt es die Form der Sonnenblume<, hörte er tonlos sagen. Ihn fror leicht. Er ging ins Zimmer zurück, trat an die Bücherwand und suchte Carossas Doktor Bürger. >Und so verbürgt es die Form der Sonnenblume<, das war der Ausgang des Satzes, aber wie hieß es ganz? Das Buch war nicht zu finden, vielleicht hatte Benno es genommen. Da stand Egon in der Tür.

»Weiß Herr Prager, daß ich zurück bin?« Egon zuckte die Achseln. Er habe für ihn gedeckt. -- Georg ging nach nebenan, hörte aber jetzt das Telephon anwecken, ging wieder zurück, hob den Hörer auf und sagte: »Georg Trassenberg.«

Eine kleine, fremde Stimme fragte: »Georg?«

Wer war denn das? Ach, um Gottes willen ... »Virgo?« fragte er.

Er hörte sie leise lachen. »Wie gehts Ihnen denn?« fragte sie.

»Ach, wunderbar!« versicherte er, »wunderbar!«

Eine Weile wars still, er wollte eben fragen, ob er nicht kommen dürfe, da hörte er sie sagen: »Lieber guter Georg, ich konnte es eben gar nicht sagen, ich wollte ...« Sie verstummte.

»Was denn?« fragte er liebevoll.

»Ich habe die ganze Zeit denken müssen, wir haben doch Brüderschaft ...«

»Ja, Est--,« brach es aus seiner Brust auf, »-- ja, Schwesterchen, ja, ich habe es auch immer gedacht.«

»Wie schön!« sagte sie aufatmend. »Da werd ich einmal gut schlafen heut.«

»Ja, das mußt du auch«, bekräftigte er sänftlich.

»Dann, gute Nacht!«

»Gute Nacht, kleine Schwester!«

Georg legte den Hörer hin, stützte die Knöchel auf die Schreibtischplatte, starrte vor sich hin.

So ist es gut, murmelte er tonlos, so ist es gut -- so -- ist -- es -- gut -- --

Neuigkeiten

Georg sah beim Betreten des Arbeitszimmers, links nahe der Treppe, zu seiner Begrüßung zurechtgestellt, einen langen Gehrock, davor eine Hand, die einen umflorten Zylinder hielt, und darüber eine goldene Brille, streckte die Hand aus und sagte: »Herr Hofkammerrat?«

Der verbeugte sich, nicht eben sonderlich tief. Unterhalb der Brille erschien jetzt das nach unten zurückfallende Kinn; kein Bart, ein ältliches Gesicht mit rötlichen, kleinen, scharfen Augen ohne Brauen und Wimpern, vielleicht -- jesuitisch. Im Zimmer klang es trocken:

»Durchlaucht -- --, ich komme vom Beuglenburger Hofe, -- mit einer Trauernachricht.«

Georg zuckte zusammen. Beuglenburg ... Trauer ...? Er war am Hofkammerrat vorüber zum Schreibtisch gegangen, drehte sich nun langsam herum, hörte:

»Ich bin Überbringer der traurigen Nachricht vom Ableben Seiner Hoheit des Erbprinzen Adolf Emil; er verschied gestern abend gegen sieben Uhr nach langem schwerem und mit unsäglicher Geduld ertragenem Leiden.«

Die ruhige und trockne Stimme erlosch. Georg glühte auf am ganzen Leibe und zitterte über und über, -- warum bloß? Was war -- --? Da hörte er sich schon sagen: »Mein tiefempfundenes Beileid, Herr Hofkammerrat, das ich auch Seiner königlichen Hoheit auszusprechen bitte.« Er setzte sich, machte eine Handbewegung und drehte den Schreibstuhl herum gegen seinen Besuch. -- Der Hofkammerrat setzte den Zylinder fort, sank in den tiefen Sessel, lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und fing an, die Handschuhe auszuziehn. Es sauste Georg in den Ohren, er wußte, daß er etwas sagen mußte, er dachte, ohne es zu verstehn: Erbprinz, Großherzog, Sigune. Eine dünne englische Stimme rief ganz fern durch einen Garten: »Gunny! Gun--ny!« -- Mit aller Gewalt nahm Georg sich zusammen, setzte sich grade, da verließen ihn alle Gedanken, er sah den Grafen gelassen, tiefer als er, im Sessel sitzen; nun hob er die linke Hand, weiß und flach, klopfte mit den Fingerspitzen gegen den Mund und räusperte sich. Eine Redewendung schoß Georg auf, die er gleich hersagte: er zweifle gleichwohl nicht, daß die Übermittelung dieser Nachricht nicht der Grund sei für das persönliche Kommen ... Und nun hatte er sich einigermaßen wieder.

Die Stimme des Hofkammerrats war wieder hörbar, trocken und leicht hinbewegt, fast herablassend. Er erklärte, es sei dem Prinzen voraussichtlich bekannt, daß nunmehr von drei Kindern dem verwitweten Großherzog noch eine Tochter Sigune, nunmehr im neunzehnten Lebensjahre stehend, verblieben sei; als bekannt dürfe er wohl auch voraussetzen, daß nach Zinnaschem Hausgesetz die Regierung erblich sei im Mannesstamm des Hauses Siegen-Zinna nach dem Rechte der Erstgeburt bis zum letzten Grade nachweisbarer Verwandtschaft mit der Linie, und daß die weibliche Linie auch nach dem Erlöschen des Mannesstammes von der Erbfolge ausgeschlossen bleibe.

Georg hatte kein Wort verstanden. Er dachte verzweifelt nach. Der Erbprinz ... Tuberkeln -- -- immer krank, richtig. Mein Vertrag, mein Vertrag -- mein Vertrag -- -- Ihm war eiskalt. Wie bin ich denn verwandt mit ...? Er glaubte, dunkel zu wissen, daß außer ihm noch ein Verwandter ... Derweilen fuhr der Hofkammerrat fort, vom Großherzog zu reden und ihn einen armen, kranken, gequälten, der Geschäfte und des Lebens müden Mann zu nennen, durch den Tod des Sohnes völlig gebrochen und gewillt, schon jetzt zugunsten eines Verwandten auf die Regierung zu verzichten. -- Nun komme ich, nun komme ich! schrie da etwas in Georg. Ja, -- der Großherzog, -- magenleidend, von Kind an grämlich, trübsinnig, -- sexuelle Anormalität ... verheimlicht ... Seine Frau machte einen Fluchtversuch vor der Heirat ... armes Geschöpf! -- -- Erster Sohn kam tot ... Sie starb ... Herzschlag -- -- oder -- freiwillig? --

Auf einmal hatte Georg das Gefühl, als ob ihn dieser Mensch unablässig beobachte. Er zog sich im Stuhl zurück, kreuzte die Beine, ließ die Mundwinkel fallen und sagte, da der Graf schwieg: »Bitte, reden Sie weiter.« Der setzte die Ellbogen leicht auf, lehnte die Fingerspitzen beider Hände zu einem Dach gegeneinander und sprach; seine Augen blieben Georg unsichtbar hinter den zwei scharfen, weißen Ovalen der Brillengläser; die Spiegelung der Fenster, auch Geäst waren darin erkennbar.