Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 43

Chapter 433,533 wordsPublic domain

Aber mir, nein, mir blieb keine andre Wahl, in dieser Zeit nicht. Ich war bislang ein Kind, ein Erzeugnis meines Vaters; der überrumpelte mich; und ich war ein Kind, ein Erzeugnis meiner Zeit. Ich allein hätte mich damals in Altenrepen vielleicht anders entschlossen, wenn ich nicht -- wie wir eben Alle -- mit den alltäglichen Dingen des Straßenlebens, des Lebens überhaupt so verwachsen wäre, daß ich mich ihrer Beeinflussung nicht entziehen konnte. Wie sollte ich mich zurechtfinden, damals? Zwischen elektrischen Bahnen, am Telephon, zwischen Läden, Kellnern, den Gesichtern, Anzügen, Hüten von heute, die doch nicht nur außen um mich herum sind, sondern organisch wesenhaft in mir, Formen meines Denkens, Empfindens, meines Seins, -- ja zwischen all dem, was sollte ich anfangen mit diesem unzeitgemäßen Erlebnis? Es ist Kolportage, auf Hintertreppen war ich nicht eingestellt. Vor zwei, dreihundert Jahren, da hätte es gepaßt, zwischen Butzenscheiben und alte Sprüche an den Hausbalken, verschnörkelte Giebel, seidene Schärpen und nächtliche Straßengefechte, Serenaden und Entführungen. Das Schicksal drückte mirs in die Hand, -- ich ließ es fallen.

Helene, dachte er. Der Bissen quoll ihm im Munde, er schluckte heftig, stand auf, griff hinter sich nach der Karaffe auf dem Waschtisch, setzte sie an den Mund, trank einen tiefen Schluck und stellte sie fort. -- Sie war mir so fremd, immer so fremd, ich wußte nicht, weshalb, -- von welcher Mutter bin ich nun geboren? Vielleicht hat sie vor Jahrhunderten schon gelebt.

Gedankenlos und müde aß er die letzten Brocken und dachte: Was nun?

Plötzlich ekelte es ihn vor dem Sofa. Ich will zu Töpfer gehn, sagte er sich trübe, vielleicht -- --. Also löschte er die Lampe, trat auf den Korridor, hörte aber, als er auf die erleuchtete Milchglasscheibe am Flurende zuschritt, Stimmen drinnen, und nun fiel ihm ein, daß er am Nachmittag jemand zu Töpfer hatte gehen hören. Nun gleich, dachte er nachlässig, ich habe nichts gehört, klopfte an, hörte das helle: Herein! und trat ein.

Die Gaslampe am verbogenen Arm unter der Decke strahlte kalte Helle. Ja, da sprang der zierliche, kleine Mensch vom Stuhl am Sofatisch auf -- er und ein andrer Mensch saßen essend daran --, stellte sich mit geschlossenen Füßen hinter seinen Stuhl, die Lehne fassend und sang in seinen hellsten Tönen, den Kopf tief zurücklegend: »Ah, der Herr Positiv tritt herein! wie überaus angenehm!« und dergleichen mehr, während Georg, den Fremden ins Auge fassend, der sich hinter dem Tisch vom Sofa erhob, auf ihn zuging. Teller mit Wurst, Butter, Käse, Milchgläser standen auf der ungedeckten Platte. Der Fremde blickte Georg aus einem zartbräunlich und rosigen Gesicht mit weichem, schwarzem Spitzbart aus herzgewinnend liebenswürdigen, großen Augen an und bot Georg die Hand, während Herr Töpfer weiter sang, dies sei der Herr Topf, der den Berliner Roman schreibe, und das sei der Herr Levite aus Warschau.

Ein Nihilist, dachte Georg, indem er wegen der Störung des Speisens um Entschuldigung bat, aber Herr Levite versicherte mit angenehm weicher und tiefer Stimme, sie seien schon fertig, setzte eine offene Holzdose mit russischen Zigaretten über den Tisch vor Georg und zündete, da Georg eine nahm, gleich ein Streichholz an und reichte es ihm. Georg setzte sich, ungemein angezogen, und versicherte, mit dem Roman sei es nichts. Herr Töpfer, der wieder Platz genommen hatte, wiegte herzlich bedauernd den Kopf und meinte, gleich begütigend, er mache ja auch so wunderschöne Gedichte ... Hellaufsingend schraubte die Stimme sich empor. Die dunkle und weiche fragte sehr ruhig: »Glauben Sie damit der Menschheit zu nützen?«

Georg, erschreckt von der geraden Anrede, wehrte hastig ab: »Nein, nein, Gott bewahre, ich finde mich selber --, ich bin froh, wenn ich mir selber keinen Schaden zufüge!«

»Unser alter Streit«, klagte Herr Töpfer bedauernd und herzlich. »Sollen denn nun die armen Dichter wirklich aus dem Staat heraus? Lieben Sie nicht Ihren Dostojewski über alles? Und -- da wir guten Deutschen --« jubelte er hoch hinaus -- »wenn wir von uns selber reden, stets Goethe als Beispiel heranziehn, so sagte Goethe --«

Allein der Pole schlug ihn sanftäugig nieder, während er noch an dem Zitat sammelte: »Goe--the sagt alles.«

Bestrickend war diese Stimme und die Aussprache des Deutschen! Die Silben kamen einzeln, rein und weich umhüllt, die S- und auch die Z-laute summten zart, die Vokale wurden um einen Hauch gedehnt, die Konsonanten um einen Hauch gedrängt, -- es klang entzückend, kein Deutscher konnte die Sprache so zierlich handhaben wie dieser Pole.

»Ich liebe ihn,« sagte die ruhige, nachdenkliche Stimme nun, »und ich verstehe ihn su lesen; für andre ist er -- das Gift. Ich muß sugebben,« fuhr er langsam fort, die Augen zu Georg aufschlagend -- während er mit der Zigarette im Aschbecher rührte --, so daß Georg das Herz zitterte vor Hingezogenheit und liebevoller Umfangenheit von diesen guten Augen -- »ich muß sugebben, daß die deutschen Dichter etwas voraushaben. Denn sie sind niemals reine Dichter. Wie andere als die grosen Vertreter Englands un Frankreichs, als Dickens und Flaubert oder Balzac gehen die Ihren vor. Jene wollen das Leben darstellen, sie wollen weiter nichts als das: Sie lieben -- der Mensch, da steht -- der Mensch, Sie sehen ihn, Sie fühlen ihn, er iist so warm, Sie verstehen -- sein Leid, und er iist so, Sie heben an ihm, und Sie heben alle Fäden der Wurzeln, er iist fest in seinen Zusammenhängen, das ist so grose Kunst. Wenn dies die Menschen lesen, so vergessen sie sich, es ist -- Su--ro--gat, aber es macht sie nicht froh an ihrem Teil, sie schmähen es, sie schmecken es nicht mehr so, sie gehen ihre Treppe nicht gern, ihr graues Haus macht sie Angst, ihre Frau ist schlecht un häßlich, der Hauswirt ist sehr böse, all dies ist nicht in Dickens, dort ist alles schön, der Schmutz ist schön, die Menschen sind schön un böse; sie haben Gewalt, sie scheinen anders lebbend, und dies ist, was ich sage: Gift. Ich kenne nicht viele deutschen Schrift--stellers, aber ich kenne Goethe, ich kenne auch ein wenig Keller und mit dem französischen Namen -- -- er ist sehr schwer! -- Jean Paul, und sie sinnd sehr nachdenklich. Sie wollen nicht darstellen: der Mensch, sie wollen immer sagen: das Lebben, die Welt, der Gott. Ihre Menschen, sie fragen immer: Warum? Sie kümmern sich so viel um sich selber und um der Welt ...«

Da er innehielt, nach Worten suchend, sagte Georg: »Ja, gewiß, aber ist das nicht noch stärker der Fall bei den Russen? Ich meine --«

Der schöne, rote Mund im schwarzen Bart nahm ihm freundlich lächelnd die Rede ab:

»Sie saggen, was ich wollte. Auch der Rus--se, er denkt; er denkt an Rusland. Alles ist Rusland, nur ist Rusland, und ist Rusenwesen, Rusenleben. Nicht aber der Deutsche! Der Deutsche, er rechfertik sich, daß er ist. Er sieht die Welt: Wie kam er herein? Was tut er? Was fängt er an mit sich? Und er fragt: bin ich gut? Er hat viel Sennsuch nach sich selber, der deutsche Mensch. Immer denkt er auf Besserung. Und er muß immer vorher viel denken, ehe etwas kann geschehn. Sehen Sie,« fuhr er eifriger und gütiger fort, »ich glaube an der deutsche Land,« -- er lächelte, »was nicht heißen soll, ich glaube an der deutsche Staat. Sie gennen Ihre Geschichte. Es hat gegebben ein Reich, Römisches Reich deutscher Nation, das haben gemacht -- die Kaiser, gemacht hat es: die Person. Nunn es gieb wieder ein Deutsches Reich seit viersig Jahr, das hat gemacht der Gedanke, es hat selber gemacht: das Land. Fünfhundert Jahre der Gedanke hat gedacht: Deutschland, und es mußte kommen Napoleon und ihm sagen: Endlich fange an! und so fing es an, ein wenik, und es dachte wieder nach, das Land, sechsig Jahr, da gab es ein kleines Deutsches Reich. Ich hoffe sehr,« lächelte er erst Georg, dann Herrn Töpfer an, »es wird immer denken lang--sam weiter bis in ein deutsches Reich europäischer Nation, wenn es dann giebt nich mehr Sar, un Gaiser, un Gönig.«

Georg, die Arme untergeschlagen, saß still da, so sehr untertauchend in das warme, schmeichelnde, dunkle Wallen dieser Stimme und die Lieblichkeit, mit der die Gedanken darin zum Vorschein kamen, daß lange Zeit verstrichen war, ehe er die Stille im Zimmer bemerkte. Er wußte nichts zu sagen. Ein leises Gefühl -- wie Scham -- bohrte in seiner Herzensgrube. Töpfer hatte sich mit heftig um einander gewundenen Beinen seitwärts im Stuhl gedreht und hielt, die Stuhllehne unter der Achsel, das Gesicht nahe darüber in den Schatten. Georg hörte den Levite wieder und sah ihn auf dem Sofa sitzen, das Gesicht tief gesenkt, die Arme unter dem Tisch, anmutig lächelnd:

»Mir fällt ein: ein Freund von mir machte dies Gleichnis: Legen Sie hin vor einen Engländer, einen Deutschen, einen Russen, einen Franzosen, geschrieben das Wort Ich, und er soll dahinterschreiben ein -- wie heißt es? -- ein Verb, was werden diese schreiben? Der Engländer, -- er wird schreiben, serr einfach: Ich bin. Der Franzose, gleich -- schreibt: Ich lie--be! Der Russe, er schreibt, -- er besinnt sich, er schreibt: Ich sün--di--ge ... Der Deutsche, -- nun, Sie wissen serr genau, was er schreibt, wenn er nicht sagt: Ich werde gehen und denken, was ich werde schreiben ...«

Sie lachten sich an und freuten sich miteinander. In das Gelächter scholl ein leises Pochen an der Tür, Georg drehte sich im Stuhl und sah Frau Wisch mit einem Brief in der Hand, den sie ihm hinstreckte: »Sie missen unterschreiben, Herr Topf, -- ein Brief für Sie!«

Georgs Herz schlug wild, er nahm das Papier und einen Tintenstift, den sie ihm reichte, unterschrieb auf dem Tisch, bat dann die Herren, ihn zu entschuldigen, und ging hinter Frau Wisch her, in sein Zimmer. Lange mußte er nach den Streichhölzern tasten, bis er sie auf dem Absatz des Bücherschranks fand. Endlich brannte die Lampe, er riß den Brief auf, ein Schreiben fiel heraus, er entfaltete den großen Aktenbogen, sah schön geschwungene Schriftzüge, Unterschrift -- das Hofmarschallamt, ein unleserlicher Name, er klaubte eilfertig Worte heraus:

»... gnädigstes Schreiben ... ehrerbietigst zu beantworten ... Kenntnis genommen ... Nachsuchen in den Archiven so lange verzögert ... allerdings gefunden ... dürfte aber von einer Art scheinen, daß die Verwirklichung sich nicht ohne Bruch der Reichsverfassung durchführen ließe ... und infolgedessen rätlich sein, daß Euer Durchlaucht sich vielleicht gleich an die hierfür zuständige Stelle ...«

Was war das für ein Unsinn? -- War das Hohn? Was hieß das?

Er legte den Bogen zusammen, entfaltete ihn wieder, las, fand keinen Rat. Sollte der Vertrag ungültig sein? Aber sein Vater ...! Nun versteh ich die Welt nicht mehr, murmelte er und sah sich dastehen wie Meister Anton bei Hebbel ...

Nicht ohne Bruch der Reichsverfassung ...? Er dachte an Töpfer. Aber wie sage ichs ihm? Sein Herz klopfte heftiger. Sagen wir ihnen, wer wir sind, dachte er hochfahrend und ging zur Tür. Er mußte plötzlich die Stirn daran lehnen. Er suchte nach Gedanken, dabei fiel ihm ein, daß es besser sei, ihm den Vertrag selbst zu zeigen, ging wieder zum Bücherschrank, öffnete und fuhr zusammen, da Cordelias Rubinglas ihm entgegenfunkelte -- -- drohend. Sich zusammennehmend, griff er in die Tiefe hinter dem noch verschlossenen Türflügel, öffnete den Truhendeckel und holte den Vertrag heraus, schloß die Tür -- mit dem Gefühl, er schlösse eine Tür vor einem Menschen -- das Glas noch dahinter sehend --, richtete sich auf, ging hinaus und klopfte bei Töpfer.

Drinnen gab er ihm den Vertrag und bat ihn: sich das mal anzusehn. Kalt und zitternd setzte er sich, nahm eine Zigarette und steckte sie an. Töpfer las stillschweigend, es dauerte endlos. Aber er sah doch einmal auf, lächelte hocherfreut zu Georg, dann auch zu dem Levite hin und sang:

»Ein sehr interessantes Dokument, das Sie da haben! Ist es echt? Aber fabelhaft interessant! Also -- oder muß ich schweigen?«

Da Georg nickte, fuhr er zu dem Polen fort: »Herr Topf, denken Sie, giebt mir hier einen Vertrag zwischen dem ehemaligen Herzogtum Trassenberg und dem jetzigen Großherzogtum Beuglenburg, aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts. Damals wurde Trassenberg wie so viele andre kleine Staaten mediatisiert und kam an Beuglenburg. In einem Geheimvertrag aber, diesem, den Sie hier sahen, wurde beschlossen, daß dies nur für hundert Jahre der Fall sein, daß danach Trassenberg wieder selbständig ...«

Er brach ab, während in seinen Zügen das gleiche Lächeln aufbrach wie im Gesicht des Polen. Der streckte die Hand mit einer kleinen Verneigung gegen Georg, nahm den Vertrag, sagte auch, immer lächelnd und den Kopf wiegend: »Sehr interessant!« las da und dort und gab Georg das Papier zurück.

»Ich habe gehört,« sagte er, »von diesem Herzog Traßberg. Man nennt ihn: der Genosse, es ist ein Scherz, aber er ist ein kluger Mensch, ein guter Mensch. Wenn wären alle Fürsten ihm gleich, wir hätten längst -- der soziale Staat.«

»Ja, und nun,« sagte Georg ungeduldig, »was meinen Sie eigentlich von so einem Vertrag?« Sich verwirrend, da es ihm widerstrebte, noch von seinem Vater wie von einem Fremden zu sprechen, fuhr er fort: »Ich meine: gilt er heutzutage oder ...?«

Die Beiden lächelten wieder, und Töpfer sang hoch auf:

»Da Sie, verehrter Herr Topf, dies Papier in den Händen haben, so sehen Sie ja, was es wert sein mag!« Georg, zornig, als könnte er ihm doch das Gegenteil beweisen, nahm das Schreiben des Hofmarschallamtes aus der Tasche und gabs hin. Töpfer entfaltete es achtsam, las die Überschrift, stutzte, las weiter, blickte auf und fragte mit den Augen. Georg, lächelnd wider Willen: »Na ja, also ich bin der da!«

Töpfer sprang auf, schlug die Hände zusammen, merkte aber alsbald die Unordnung seiner radikalen Gefühle, ward hochrot und krähte:

»Ja, da sage man nun gar nichts mehr! Herr Levite, der Herr Topf hier ist der Prinz Trassenberg!«

Der Pole lächelte hocherfreut, streckte Georg die Hand hin und versicherte ihm seine Freude, ihn kennen gelernt zu haben.

»Also Sie haben diesen Vertrag eingeklagt?« verwunderte Herr Töpfer sich höchlich. »Aber da wundert es mich doch sehr, daß Ihr Herr Vater Ihnen nicht abgeraten hat! Ja, nun sehen Sie mal an! Ein neuer Staat in Deutschland -- bedeutet das nicht ein neues Mitglied des Bundesrats? O lieber Herr Top-- verzeihen Sie nur! -- Herr -- glauben Sie, daß Preußen, daß irgendein anderer Staat einwilligen würde, daß eine Gegenstimme in den Bundesrat gerät? Da müßten denn doch schon sehr schwerwiegende Gründe, sehr schwerwiegende, das heißt im Sinne der Fürstenversammlung schwerwiegende Gründe vorliegen, wenn etwas Derartiges ...« Die Stimme überschlug sich und zwang ihn, still zu schweigen.

Georg sagte: »So!« Er sprang auf und lief im Zimmer hin und her.

»Ja, nun sagen Sie aber bloß,« sang hinter ihm Herr Töpfer, »warum wollen Sie denn nun gerade Herzog werden? Nun, nun, Sie sind ja noch jung und denken sich das so.«

Da Georg keine Antwort fand, lange Erklärungen scheute, so begütigte Töpfer sich selber, indem er meinte, es gebe ja viele gute Dinge im Leben zu verrichten ... Er schien nun doch verlegen, der Levite schwieg gänzlich, so raffte denn Georg seine Papiere wieder zusammen und bat, leutseliger, als er sein wollte, erbittert auf sich selber, die Herren, ihn zu entschuldigen, reichte jedem die Hand und wollte gehn. Der Pole aber hielt seine Hand fest, legte auch die linke darauf und sagte, Georg ganz einhüllend in die tiefe Wärme und Gutherzigkeit seiner Augen:

»Ich sehe, Sie sind ein Aris--tograt, ich habe gern Aristograten des Herzens, aber das will sein sehr gelernt. Gehen Sie su Ihrem Herrn Vater, junger Prinz, grüsen Sie ihn, er gennt meinen Namen wohl, er ist nicht su stolz bei meinem Gruß, sagen Sie ihm, daß er Sie soll lernen zu sein gans Aristograt, so werden Sie gutt lebben, und es wird geben Glück und Segen für eine Menge Volk. Leben Sie wohl!« Er drückte ihm innig die Hand, und Georg ging. --

Ein breites, dunkelrotes Band schlug qualmend aus dem Lampenzylinder nach oben; voll von schwarzem weichem Flockenfall war die Luft, so daß Georg mit der Hand danach schlug. Er schraubte die Lampe tiefer und riß das Fenster auf, atmete mit Heftigkeit die hereindringende Kälte, aber der Rußflockenregen war unerträglich, er löschte die Lampe, ging hinaus, nahm den Überzieher, den Hut vom Haken und ging auf die Straße.

>... als nicht existent im Eigensinn -- bürgerlicher Konvention -- in und aus ...< Was war das? Von Morgenstern. >An die Bezirksbehörde in ...< Es ging ihm schon lange im Kopf herum. Er glitt im Gehen aus, sah den Bürgersteig mit einer pelzigen Schicht von Regenschnee bedeckt, von Fußspuren zersetzt. Regentropfen wehten ihm kalt gegen das erhitzte Gesicht. Oben schaukelten die Bogenlampen an den Drähten. >Untig angefertigte Person -- -- als nicht existent im Eigensinn ...< Georg sah den Polen und den Radikalen unter der Gaslampe sitzen, die Rede vom Aristokraten klang ihm im Ohr, die weichgesummten S-laute, die reinen Vokale und Konsonanten, die langsame Sprechart und wieder das Wort Aristokrat, bei dem der Nihilist in seiner fremden Sprache wohl etwas ganz anderes empfand als ... >als nicht existent im Eigensinn ...< Georg kam nicht los von dem Unsinn ... >bürgerlicher Konvention<, redete es in ihm fort. >Untig angefertigte Person, tief bedauernd nebigen Betreff ...< Er wollte nun die Teile zusammensuchen, aber es gelang ihm nicht, immer wieder kam nur: als nicht existent im Eigensinn, Eigensinn, Eigensinn! Endlich machte er einen Strich, strengte sich an, den Vertrag, die Herren im Zimmer zu sehn, und hörte Töpfer sagen: -- daß Ihr Herr Vater Ihnen nicht abgeraten. -- >Untig angefertigte ...< Ein Rätsel, ein reines Rätsel. Das Gegenteil hatte sein Vater getan! -- Georg glitt wieder aus, fand sich vor einer Querstraße, fand sich unfähig, hinüberzugehn, fröstelte, drehte sich im Winde und machte kehrt. Schwer mit dem Winde kämpfend, ging er zurück.

Der dunkle Korridor lag warm und still; an seinem Ende die Mattscheibe in der Tür leuchtete nicht unbehaglich. Die da saßen, waren gute Menschen, ihre Herzen waren die weichsten, und sie waren doch Radikale und Nihilisten. Ja, weshalb auch nicht? dachte Georg ermattet, indem er sein Zimmer betrat. Kalt wars drin, aber in der Gegend der Heizung glühte noch immer die Luft. Er schloß das Fenster, machte Licht, fand, daß Tisch, Bett, Papier, alles mit Ruß bedeckt war, und streckte sich auf dem Sofa aus.

Also es war nichts mit den Sternen ...

>Korff erhielt vom Polizeibüro< --, fuhr es hell durch ihn hin. Er gab nach und fuhr fort: >-- ein geharnischt Formular -- Wer er sei, und wie, und wo.< -- Da riß es wieder ab; er tastete ... >Ob ihm überhaupt erlaubt, hier zu wohnen ...<

>Wieviel Geld er hat, und was er glaubt.< --

Wieder zu Ende.

>... und Drunter stand: Borwosky, Heck. Korff erwidert schlicht und rund ... ... meldet laut persönlichem Befund Untig angefertigte Person Als nicht existent im Eigensinn Bürgerlicher Konvention ...

... vor und aus und zeichnet, wennschonhin Tief bedauernd nebigen Betreff ...<

Nein, jetzt kam:

>... vor und aus. An die Bezirksbehörde in --. Staunend liests der anbetroffne Chef.<

Georg schnaubte ein Lachen durch die Nase, das er nicht empfand. >Als nicht exist-- --< na, nun wars schon genug! -- Plötzlich fuhr er hoch und rieb sich die Augen. Er war am Einschlafen gewesen. -- Ich verstehe Vater nicht, dachte er kopfschüttelnd. Was hat er dabei gedacht? Er hat ihn mir doch selber gegeben? -- Ach, gleichviel, gleichviel, es war aus, und damit gut, gut, gut!

Georg glaubte zu verkommen an Überdruß über sich selbst. Zum Weinen verbittert gedachte er Renates. Erst vernachlässigte ich sie über Esther. (Ach, ich glaube, ich hätte Esther heiraten sollen!) Dann bildete ich mir ein, ich weiß nicht mehr, weshalb, ich dürfte erst wagen, Renate in meine Kreise zu ziehn, wenn alles gesichert sei. Ich wollte ihr ja das Herzogtum zu Füßen legen. So gehörte sichs. Ah, dazu führten nun meine nationalökonomischen Studien! Keine Ahnung, daß ein Vertrag nach hundert Jahren noch einer ist. Ach, ich bin müde und will schlafen, dachte er, sich ergebend, knöpfte die Weste auf und trat an den Tisch, um den Inhalt seiner Taschen darauf zu legen, Uhr und Kette, Feuerzeug, Brieftasche, Schlüsselbund, Taschentuch. Da lagen die Blätter über die Zustände von Herrn Topf auf dem Bett. Er nahm sie, stopfte sie in die Lade. Da mußte er sich im Zimmer umsehn. Ja, hier lebte er seit ein paar Monaten und hatte sich, von allem Tiefsten abgesehn, ganz wohl darin befunden. Gegen früher war nichts verändert. Er gähnte, dachte an Helenenruh, an grüne Wiesen, an gackernde Hennen. Ach, die ersten Ferientage der Kindheit, das fremde Erwachen in Helenenruh, Sonne im Zimmer, draußen das ganz sonnige Gackern der Hennen, der krähende Hahn, ganz fern die jungen Hähne im Dorf, und dann der erste Blick aus dem Fenster, damals, als ich noch im Nordflügel wohnte, auf die Felder hinaus, die leise wogten, und mitten drin die Dächer vom Dorf, der Kirchturm, und unten vorm Fenster schritten die gesprenkelten Hennen, scharrten mit dem Fuß, sahen links und rechts und gingen weiter ...

Und daß alles dies eigentlich gar nicht mir gehört ...

Er hielt die ausgezogenen Hosen in der Hand, ging nun zum Schrank und hängte sie hinein, nahm Rock und Weste vom Sofa und hängte sie fort, setzte sich und begann, die Stiefel auszuziehn. Den ersten niedersetzend, erinnerte er sich Magdas, ganz sehnsüchtig. Vielleicht liebte ich doch sie am meisten, besann er sich trübe. Er zog den zweiten Stiefel vom Fuß, setzte beide unters Bett, zog die Steppdecke zurück und holte das Nachthemd hervor. Nun kann ich ja also zu meinen rohseidenen Schlafanzügen zurückkehren, dachte er verloren. Ich glaube, morgen fahre ich nach Altenrepen. Vielleicht kommt auch morgen ein Brief vom Vater. Da durchkreuzte sich dies Wort mit dem Gedanken, daß sein Vater nicht sein Vater sei, die Galle stieg ihm hoch, er schleuderte das Taghemd von sich, streifte das Nachthemd über, blies hastig die Lampe aus, merkte, daß er noch in Unterhosen und Strümpfen war, streifte sie ab, warf sie aufs Sofa, legte sich ins Bett und schlief gleich darauf ein.

Fünftes Kapitel: März

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