Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 42

Chapter 423,488 wordsPublic domain

... hinunter (fuhr er fort) bis zur Gedächtniskirche. Kurz vor ihr konnte er zum Zoologischen Garten abschwenken und durch den Tiergarten, die Charlottenburger Chaussee, die Linden, die Friedrichstraße hinab zum Bahnhof gelangen, im blauweißkarierten Aschinger zu Abend essen und mit der Stadtbahn heimfahren. Manchmal gefiel es ihm auch wohl, am Zoologischen Garten im Schacht der Untergrundbahn zu verschwinden, einem Lächeln, dem Schein einer verschleierten Wange, auch einem ganz deutlichen Augenwink nachfolgend, denn die unablässig lauernde Begierde seines Geschlechts ließ ihn immer wieder hoffen, dasjenige weibliche Geschöpf doch eines Tages zu treffen, dem er sich gesellen könne, -- doch wagte er es nie, aus Furcht vor Krankheit bei jener Art von deutlich winkenden Geschöpfen, aus Scheu vor der Anknüpfung dort, und manchmal noch im letzten Augenblick aus Furcht vor der Langeweile, die jedes von diesen Wesen bei längerem Zusammensein ihm bereiten würde. Vornehmlich ergötzte ihn der Reiz, das Gefühl, nicht völlig ziellos, einer schmeichelnden, süßen, ach, immer wieder kostbaren, seltenen, verführerischen Sache anzuhangen, die in seiner Nähe ihm gegenüber saß, in ihrer nie zu begreifenden weiblichen Sicherheit, ausgesetzt nach allen Seiten hin, sich besessen fühlend von Blicken in jeder Bewegung, dem Ausstrecken des Fußes, Drehen des Absatzes und Blick danach, dem Dehnen des Schleiers mit dem Kinn, Rücken am Hutrand, plötzlichem Öffnen der großen Ledertasche, aus dem ein Täschchen von Silbermaschen, ein Spiegel, Bleistift, mehrere Trambahnbilletts und endlich ein Brief hervorkommt, -- an allem diesem teilzunehmen, immer tastend, hebend mit dem Blick an den Augenlidern, drehend an dem zarten Kopf, bis endlich die erwünschte Wendung, der erhitzende Blick herüberflog, -- und währenddem war er vielleicht angelangt auf der Hochbahnstrecke über den Eisenbahngleisen, wo die erleuchtete Wagenreihe wie eine Raupe von glänzendem Meteor über dem untern Sternhimmel der weißen, grünen und roten Signallichter auf dem schwarzen Tuch des weitausgebreiteten Bahnkörpers dahinzog, -- und manchmal fuhr er bis zum Warschauer Tor, freilich selten, denn alle holden Geschöpfe hatten die gleiche Gewohnheit, schon bei der zweiten oder dritten Haltestelle zu entschweben, alte, dicke, geschwätzige Weiber dagegen, denen die Korsettstäbe vorn unter der Bluse abstanden, die erfüllten den Wagen mit ihrem, beim Lärm des Wagens unverständlichem Gerede und stiegen niemals aus, bevor er selber sich rührte. Schön und befriedigend war es dann -- wenn er bis zum Warschauer Tor fuhr --, die leer gewordenen Wagen bis zum letzten durchschauen zu können, wo auf den befreiten, teilnahmlos hölzernen Bänken oder roten Ledersofas nur hier und da ein einsamer Zeitungsleser hinter seinem papiernen Schild saß oder ein Ladenfräulein (welches dann plötzlich seine Handtasche öffnete, um darin zu kramen, als sei dies gerade jetzt unumgänglich nötig geworden) ...

Georg dachte: Hier habe ich mich wiederholt, aber diese letzte Wendung mußte ich doch noch anbringen.

... Von einer leisen und melancholischen Art Romantik angefeuchtet, fühlte er sich in dieser Verlassenheit behaglich, ihren leisesten Schauern im Aufziehn und Entschwinden nachlauschend, zumal jenem: Wenn es bei aller Menschenfülle im Wagen völlig still ward, im Wagen, der mit tastender Vorsicht, immer langsamer, die Höhe des schwarzen Bahngerüstes erklomm, bis fast zum Stillstand, wo nur das emsige Tucken des Motors hörbar war, unendlich langsam die kleinen Lampen draußen heran- und vorüberglitten, indes der Zug vor der abenteuerlichen Kurve wartete oder sie mit sorgfältigster Langsamkeit umkroch, und der Blick unterweil fiel tief hinunter in die Höfe der Kohlenlager oder Stapelplätze, in denen verlassen aussehende Laternen Teile von Schuppen, stille Geschäftswagen, Plakate und Wandinschriften beleuchteten, eine Menge Dinge, die zu betrachten gerade genug Muße war, wenn auch nicht kenntlich wurde, was dem alten, braun und weißen Pferde fehlte, um das ein paar Menschen standen, und das den einen Vorderfuß hob und zuckte.

Georg unterbrach sich, da er merken mußte, daß es ganz dunkel im Zimmer war; das bleiche Viereck des Papiers leuchtete bläulich weiß; jetzt konnte er auch das eben Geschriebene nicht mehr entziffern, holte eilig die Lampe und zündete sie an. Vor Aufregung des Weiterschreibens irrte er Augenblicke lang zwischen der Absicht, eine Zigarette, Streichhölzer, den Aschenbecher, die Feder zu ergreifen und nach der Kurbel der Heizung zu fassen, da es wieder kalt geworden war; endlich gelang es ihm, alles, was er wollte, der Reihe nach zu tun, er schrieb weiter:

Und wie sonderbar traf m-- (dies m strich Georg durch, suchte Augenblicke und schrieb nicht ganz zufrieden, hastig, weiterzukommen --) einen dann die schweifende Stille der großen Hinterfronten mit Riesenfenstern von geriffeltem Glas, hinter denen in hellen Riesenräumen die Schatten von unverständlichen Wesen herankamen oder sich handelnd entfernten; oder auch die Fenster waren klar und zeigten mächtige Säle, gefüllt mit eilig, aber lautlos sich bewegendem Personal, Packern, Schreibern. Und nun die Verschwiegenheit der kleinen Stationen der Hochbahn, wo er wartete mit andern Wartenden, die mantelumhüllt in der Kälte den Rücken in den Wind hielten, den Kopf schief und die Gesichter verkniffen, oder vor Plakatwänden standen, angeschrien, ohne es scheinbar zu beachten, von gemalten Grotesken; vielmehr gähnten sie häufig und spuckten verächtlich aus. Zu warten auf solch einem Bahnhof, mit der schaurigen Aussicht nach links und rechts auf die schnurgerade in die Nacht enteilenden, matt glimmenden Geleise, zwischen denen, wie im Nichts gehend, aus der Ferne ein Mann im Mantel mit einer unterhalb schwingenden Laterne, der sich zuweilen bückt, so langsam heranwandert, als hätte er Jahre Zeit; oder mit dem Blick in die Tiefe, wo über die traurigen, schwarzen, nassen, spiegelnden Plätze und Nebenstraßen ein trüber Omnibus voll stiller, sitzender Menschen hergezottelt kommt und mit lauterem Rasseln, an Geleisen ruckend und geschüttelt, unter der Überführung schwindet, -- und wie totenstill kann es dann sein! -- Oh, und das Auftauchen aus dem unterirdischen Schlund jählings zu mächtig strahlenden Lampen, in große Freiheit und Aussicht, zu Spiegelscheiben, Litfaßsäulen und der erstaunlichen Majestät einer Theaterfront emporgerissen, vor deren umnachtetem Giebeldreieck Bronzewagenlenker Panthergespanne sorglos in die Luft hineinzügeln.

Am trostlosesten aber war es in der windigsten der Dezembernächte auf einem der kleinen Vorortbahnhöfe, Wilmersdorf, Zehlendorf, Friedenau. Dort schien dem Wartenden die Zeit still zu stehn und niemand sich darum zu bekümmern, ob sie weiterging, aber auf einmal trat ein Mantelträger aus einer Tür an ein Eisengerüst, und dort war oben auf einem weißen Schild das Wort >Südring< in großen Lettern starrblickend zu sehn, ward aber im selben Augenblick mitten in seiner Bedeutung abgeknickt, und statt dessen erschien, groß und bedeutungsvoll, >auf allen Seiten Hintergrund<: >Potsdam< in der Nacht. Dort dem endlosen, unaufhörlichen Vorüberrollen eines Güterzuges zuzuschauen, Wagen, Wagen und Wagen, dunkel alle, flache, kistenartige und solche mit Gerüsten, eine Menge voll langer, hinten überstehender Baumstämme, und solche, auf denen Möbelwagen mit riesigen Namenszügen standen, und geheimnisvoll verschlossene gleich fahrbaren Folterkammern, und andre, aus deren Innern das vertraute Stampfen und Klirren eingesperrter Pferde an Kindheit und Abende in warmen, dämmrigen Ställen erinnerte -- in den Boxen die Hinterbeine, deckenverhangen, treten hin und her vor den schlagenden Schweifen --, -- und ganze Städte zogen vorüber in den Wageninschriften: Bromberg, Hannover, Kattowitz, Posen, Danzig, Bochum, Löhne, Altenbeken, Stettin und Stralsund, und immer noch Wagen und Wagen, dahingerissen, unsichtbar von wem, aber zusammengekettet und fortgerissen, schon springend, dahin tanzend, und wieder beruhigt, verrollend, in einem eisernen Strombett von Getöse, das in jeder Minute den Takt wechselte, bis der letzte der dahingeschleppten Sträflinge unvorhergesehn plötzlich dem versunkenen Betrachter das dunkle Antlitz eines schweigsamen Geistes zuwandte, der ohne rechte Begriffe seines Daseins, stumm, nächtig, gehorsam der dunklen Nachtferne rückwärts zuschwebte, winkend mit einer grünen Laterne. Und wie er dann in die grauen Kissen seines Abteils versank, das ein schönes, behagliches Zimmer war, voller Luft von Menschen! Und noch zu genießen war vom Bahndamm im Entgleiten die hell erleuchtete Ferne des Bahnkörpers, wo lichte Häuserfronten, Balkone und hoch oben beschattete Giebel und Dächer in weiter Runde eine rötlich umrauchte Bogenlampe umstanden, und darunter arbeitete eine kleine Rangiermaschine sich, als ob sie festsäße, unaufhörlich den weißen, durchröteten, fortfliegenden Qualm ausstoßend, hin und her.

O Anschaun, o gedankenlose Empfindung, o Vergeßlichkeit! o kleiner Wartesaal dritter Klasse, mit dem glühenden Kanonenofen, dem Plakatbilde von Freienwalde, das seine Fichtenwälder anpreist, oder von einer Hygieneausstellung, oder von einer Gewerbeausstellung; mit der Tafel: Nicht auf den Boden spucken! mit dem zärtlichen Liebespaar im Winkel, ewig wie Bahnhof und Wartesaal ... Und nun wieder das Getöse, der große Wasserfall, das tausendfältig brandende Geräusch der breit aufklaffenden Straßen, das gewundene Gewirr, und das Gefunkel, und die Lichter, die hunderttausend Schilder, die alle schreien, etwas wollen, die Rufe, die Trompetenstöße, das vielstimmige Klingeln, die Geräusche der Sohlen, Pferdehufe, schreienden Geleise, Motoren, Achsen, die strahlenden Schaufenster wieder, die verheißungsvollen Korsettgeschäfte, das fromm aussehende, tiefernste, niemals bewegte Ungetüm des kirchenhaften Warenhauses, die Schlachterläden, die Gossenränder, die Blumenfrauen hinter Körben und Ständen mit kleinen Spritzen am Mund, die Zeitungsrufer, und hinter den Glasscheiben Aschingers der Tresen mit Messinghähnen, der Glaskäfig mit Stockwerken voll leckerer Brötchen, mit der ganzen, eiligen, schlingenden Gefräßigkeit der Menschen, die im Stehen kauen, mit rückwärts gedrehten Augen wie die Hunde, -- und hoch über all dem, hoch in der braunen Nacht -- der Tausendfuß, der brontosaurische Gigant, der blinde, der am ganzen Leibe unaufhörlich zitternd seinen elektrisch geladenen Leib an den Türmen, an den Essen, an Schloten, Firsten, Giebeln, Balkonen, Fenstern und Drähten der brüllenden, rasenden, taumelnden, kreisenden, winselnden Stadt scheuert ...

Georg, glühend im Gesicht, obwohl innerlich kalt und verhärtet von Anspannung, legte den Federhalter hin, faßte langsam mit der linken das Gelenk der rechten Hand und spreizte deren verkrampfte Finger mehrere Male, indem er sich mit dem Gesicht auf das Geschriebene neigte. Er überlas ein paar Zeilen, da widerstand ihm das Schreiben, er dachte: Das ist wieder so ein lyrischer Anlauf! -- Aber es müßte einem doch gelingen, erwiderte er sich, in hundert Druckseiten diese ganze Stadt nach Eindrücken abzuwandeln ... Er stand auf, ging zum Sofa und streckte sich aus, aber die darstellende Tätigkeit hatte sich verkrampft, er schrieb in Gedanken liegend weiter:

Begab er sich nun nicht in eines der vierhundert Kinematographentheater, für die er eine herzliche und kindliche Zuneigung gefaßt hatte, so pflegte er noch einige Nachtstunden ... sich unterbrechend fiel Georg ein: Töpfer! und Tante Henriette, aber er setzte den begonnenen Satz fort: -- ähnlich zu verbringen wie schon die meisten des Tages, lesend, rauchend, oder mit Träumen, Grübeln und Melancholie auf dem Sofa, gewöhnlich so lange, bis die angesammelte geistige Atmosphäre ihren Niederschlag in irgendeiner Erinnerung an eine Beobachtung; ein Erlebnis -- wie er es nannte -- des Tages fand, dessen Schilderung nebst daran geknüpfter oder daraus erwachsender Betrachtung über gewisse, sich wiederholende und trübe Seelenzustände einen melodischen Ausdruck im Umfange von vierzehn Verszeilen fand. -- Richtig, es ist erstaunlich, dachte Georg, wie genau ausreichend das Maß des Sonetts zur Aufnahme von seelischen Entladungen ist. -- Jetzt packte ihn wiederum der Schreibezwang, er sprang auf, ergriff eine Zigarette, entzündete sie über der Lampe, nahm die Feder auf und schrieb:

So mußte ihm jeder Tag schließlich zum Erlebnis werden; es quälte ihn automatisch, blieb einer ohne Gedicht; ein Gedicht war Frucht, war greifbar, bleibend, behielt seine Nahrung und würde ihm nach Jahren ... Vorwärtshastend bildete Georg den Rest des Satzes aus Strichen und fuhr fort: Und was etwa konnte nicht zum Erlebnis werden? Nur halbwach mußte man gehn, in sich selber locker schaukelnd, schwingend ständig gewärtig, Schwung aufzunehmen. Dann, in die Finsternis der ödesten Gassen des Nordens verloren, dann konnte er wohl, von einer Dirne aufgescheucht, mit jählings erwachendem, verwandtschaftlichem Grauen vor einem Laternenarm erschrecken, Arm, den tief im Verließ der toten Sackgasse ein Eingemauerter aus der Wand streckte, verurteilt, dies traurige, ihm selber unsichtbare, bleich grüne Licht zu halten, das sich fürchtet, allein seit hundert Jahren mit dem Eingemauerten und mit seinem Spiegelbild in der Pfütze auf dem Pflaster. Und -- so schloß das Sonett: Darunter steht das Weib, das nach dir winkt. -- Andermals: welch sonderbares Empfinden, von der Eisenbahnbrücke herab auf dem schwarzen Sumpf das Gewimmel von Lichtern zu durchforschen und zu verfolgen, Rubingehänge, dazwischen bleiche Türkise, gelbe Lichter wie Totenkerzen und runde, grüne, erfrischende, regungslos allesamt: dazwischen aber, aus einer schnell geöffneten Türe der Nachtferne, kriechen Ketten und funkelnde Bänder und leuchtende Schlangen, und auf einmal ist nahe darüber ein schwächlicheres Licht zu gewahren, der Mond, der nichts zu sagen weiß, als daß wohl auch dem Oben Beleuchtung gebühre. Zärtlicher, wehmutsvoller, verwandter berührte freilich die Begegnung mit jener Birke, die im abgestorbnen Garten vorm Haus plötzlich als bleicher Nebelstreif erschien, als ob sie zu sich her winkte, und dann, als sei es nun so weit, ihr letztes Blatt fallen ließ.

Georg stockte; er sah sich in Zwielicht und Düster unbekannter Straßenstollen herumgehn, ohne Ausblick, im undurchdringlichen Nebel; wo er die Kirche vermutete, da war nichts, nur Nebelqualm rollte wie -- also wie aus einem Faß, und Lichter schwammen darin, farbige, blasse, opalene, schwer und aufgequollen, hochoben größere Lampen, prahlend, dicht unterm festen Verschluß von braunem Rauch, aber dann barst die Mauer, er atmete auf, starrte jählings und geblendet in das breite Blenden einer Riesenstraße von Läden und leuchtenden Schildern. Überdem fiel ihm der umgestürzte Koloß von Zementscherben ein, verklebt mit buntem Papier, der ihm den trostlosen Aphorismus zuseufzte: Hier liege ich, die Säule eurer Kultur, die Litfaßsäule! -- Und er erinnerte sich erbittert, an ihrer einer den seraphischen Namen Jean Pauls in halbmeterlangen Lettern gelesen zu haben, aber als er neugierig näher trat, so wars die Ankündigung eines Coupletsängers im Apollotheater ...

Die Kultur, dachte Georg, im Stuhl zurückgelehnt, kommt bald ab, und das Gefühl, glaube ich, wird auch bald abkommen. Man sieht es ja an der Kunst, die kommt schon ab, ihre Züge haben sich bereits erschreckend gewandelt wie die von einem, der in den letzten Zügen liegt, bloß burlesker. Aus dem Drama ward das Theater und zuletzt der Kientopf, aus dem Gedicht das Couplet, aus dem Maler der Futurist, aus der Musik das Grammophon. Und wie ist es mit dem Kunstgewerbe? Da soll nun auf einmal alles geschmackvoll sein, und was kostet das für Mühe! Der Grieche, wenn er etwas machte, das ihm wohlgefiel, siehe da, so wurde es schön; wir aber wollen immerzu etwas Schönes machen, und dann gefällts keinem. Wenn ich aber gar einen individuellen Türklopfer sehe, so wird mir vor meiner Gottähnlichkeit bange. Georg raffte sich auf, tauchte die Feder ein und schrieb:

Zuweilen verbrachte Herr Topf die Abende in einem behaglichen Zimmer von schwerfälligem Reichtum; auf dem Sofatisch brannte eine verstellbare Lampe aus Messing mit grünem Schirm, und daneben saß die Tante von Herrn Topf, die er Tante Henriette nannte, und strickte oder häkelte, während sie sich von ihrem Neffen ein modernes Buch vorlesen ließ, Strindberg oder Sternheim, über den sie sich wütend ärgerte, aber das mochte sie gern. Die kleine Eisenbrille mit dicken Gläsern saß ihr vorn auf der Nasenspitze, zuweilen blickte sie darüber hinweg in die dunkle Zimmerecke, wo ein kleiner weißhaariger Mann in hellgrauen Beinkleidern, sehr soigniert, mit einem rosenfarbenen Papageien im Schoß saß oder auch am Kanarienvogelbauer herumbusselte und seinen grüngelben Bewohner mit dem Taschentuch leise quälte. Oder aber er ging zum Ende seines Korridors, klopfte an die Tür und wurde von einem ganz hellen: Herein! in das große, kahle Zimmer, dämmrig im Schein der Petroleumlampe auf dem Schreibtisch am Fenster, gerufen, wo (unter den riesigen Bildern Kaiser Wilhelms und seiner Gemahlin auf der roten Tapete) der Komparativus von Herrn Topf saß oder vielmehr eilig aufsprang, ganz klein und zierlich, aber mit schönem, dichtem Vollbart um das rötliche Gesicht, hocherfreut und lächelnd: Herr Töpfer, Schriftsteller und radikaler Sozialist ... Georg schrak auf; eine Tür ging fern, langsam kamen weiche Schritte Stufen herauf, schlürften auf dem Gang. War der Briefträger gekommen? Nein, die Schritte endeten in der Küche, ein Topf auf dem Herde wurde hörbar gerückt. Georg legte die Feder hin und begab sich auf das Sofa.

Wozu schreibe ich das? dachte er mißmutig.

Denn immer und immer wieder, fuhr die Kette von Worten und Gedankenbildern in seinem Gehirn hartnäckig fort, kehrte er aus alledem zur ewig gleichen trüben Tiefe des eigenen Daseins zurück. Dort suchte er am Grunde, aber das Gewesene, das er fand, machte ihn hülflos, er hielts und konnte es nicht verstehn, er hatte kein Gedächtnis, keine Erinnerung, die Vergangenheit rührte nicht mehr, das Bewußtsein, daß es einmal gewesen, Bedeutung, Lebendigkeit, Glanz, Farben gehabt hatte, oder daß am Ende er zu schwächlich war, sein Leben nur eine genietete Kette von Augenblicken -- deren einzelne unsinnig und monströs in ihrer übertriebenen Verzerrung des Stillstandes aussahen wie losgetrennte, sekundenkurze Bilder eines Films, und von der im Zusammenhang stets nur drei oder vier Glieder sichtbar waren, indem das letzte schon wegschmolz, während das neueste kaum erst keimte --, daß da nur ein Zusammenhängen war, kein Wachstum, ein Gleiten, kein Aufbau, daß er dergestalt, auf einen winzigen Raum von Gegenwart angewiesen und zusammengedrückt, sich erhalten sollte, Jahrtausende, ungeheuer und drohend, hinter sich, eine nachtfinstre Zukunft, drohend und ungeheuer vor sich: das erfüllte ihn mit einer großen Verdrießlichkeit, die, das wußte er wohl, kein Leiden war, kein Schmerzerdulden, die zuzeiten aber doch zu lebhaften Angstzuständen, ja manchmal in ein Schrankenloses der Beklemmung wuchs.

Georg schüttelte den Krampf der sich schreibenden Sätze erbittert von sich, setzte sich auf, legte die Ellbogen auf die Knie, starrte in die Lampe und dachte, er habe wohl den Teufel zitiert, denn nun stieg die Angst wie Spinnen von allen Wänden herunter. Ich habe mich, dachte er verkniffen, vor mir selbst ins Papier gerettet, da liegt nun mein Abklatsch, nichts als ekelhaftes, absurdes, vor sich hinlallendes: Ich! ich! ich! Wozu sitze ich denn hier? Wozu hab ich seit drei Monaten ein und denselben Anzug am Leibe und nenne mich Topf? Was habe ich in diesen Topf gefüllt? Die schwarze Regentraufe von den Dächern ist hineingelaufen, aber von keiner Menschenseele ein Tropfen. Kommt es nicht auf die Menschen an? Ich kenne sie nicht. Töpfer kenne ich, der ist eine kleine Welt für sich, Frau Wisch, nun ja. Alle andern sind mir eklig. Wenn ich sie in der Elektrischen sitzen sehe, zusammengepfercht, viertelstundenlang still, vor sich hinblickend jeder in sein eignes, verrammeltes Ich aus ihren Bündeln von Gesichtszügen, die so notdürftig von da und dort her zusammengerupft und verknotet sind, daß man es kaum begreift, so schüttelt mich der Abscheu. Jeder ist jedes Feind. Mein Feind ist der Kellner, der nicht im Augenblick fliegt, wenn ich eintrete, mein Feind der Schaffner, der geflissentlich meine Hand mit dem Groschen übersieht und zu andern Fahrgästen geht, mein Feind der Beamte am Postschalter, der sein Geld zählt, sortiert und Päckchen häuft, oder Zahlen addiert, anstatt mir meine Fünfpfennigmarke zu geben, mein Feind die Verkäuferin, die mich warten läßt, und die fünf oder drei Frauen und Männer im Laden, die mich zwingen, Minuten meines Lebens wegzuwerfen, die nicht so viel wert sind wie das Einwickelpapier um die Butter, -- die ich mir aber um keinen Preis entreißen lasse. Alle hassen Alle, was soll daraus werden? Und nur um der Ungeduld willen. Ungeduld schreit aus jeder Bewegung, aus den Augen des Chauffeurs, dem ich nicht rechtzeitig ausweiche, aus -- aus jedem Auge! Ich aber, nur ich, ich hänge überm chaotischen Abgrund einer Seele, meiner Seele, und weiß, daß ich einsam bin, und daß Alle es sind wie ich. Das ist meine Angst, das ist die Angst, das ist die Angst der Stadt.

Nein, du lügst ja, sagte etwas in ihm. Er horchte hin, legte das Gesicht in die Hände und gab es zu. Aber gleichviel, woher die Angst! Sie ist da, und Angst ist Angst. Ich fürchte mich vor der Zukunft. Ich unternehme Dinge, die -- deren Ablauf mir unbekannt ist, ich klage einen Vertrag ein, der mich auf einen Thron bringen soll, und ich weiß nicht, was das heißt, was all damit verbunden ist, und wie ich die nötige Sicherheit in mir selber erlangen soll, da ich, da ich -- auf diesen Thron nicht gehöre. Und über all das hin braust das unendliche Hunnengeschwader meiner Gedanken, die ich nur fliegen lassen kann, nicht halten.

Georg empfand, daß ihn hungerte; auf die Uhr blickend, fand er, daß es kurz vor halb acht war. Er räumte die Blätter flüchtig auf das Bett, öffnete dann die Tür des Verschlages und holte nacheinander von der Fensterbank eine gläserne Dose mit Butter und einen Teller mit einem Stück Holländer Käse, von dem Bort überm Waschtisch einen Viertellaib Brot, einen Teller, ein Messer, zwei Eier aus einem Kasten, eine Tüte mit Zucker und sein blaues Wasserglas, brachte alles auf dem kleinen Tisch unter, schlug die Eier ins Glas, tat Zucker dazu, rührte um und trank, dann erst setzte er sich, strich zwei starke Scheiben, belegte sie mit Käse, schnitt sie in Würfel und fing an zu essen. Appetitlos kauend und schluckend, folgte er Gedanken, die sich rastlos erneuerten.

Ein Übelstand der Zeit ist es vermutlich, daß wir uns Kenntnisse -- nicht Wissen -- mit so ungeheuerlicher, hexenhafter Geschwindigkeit aneignen; und mit dieser, durch Jahrhunderte entwickelten Leichtigkeit, Selbstverständlichkeit der Erfahrung kennen wir, was wir nie erfuhren. Was wir kaum sahen, dessen erinnern wir uns schon wie an hundertmal Erlebtes; mit der gesammelten Erfahrung unsrer Vorfahren geboren, ohne sie erworben zu haben, sind wir bloß Erben, -- ja, wir, sage ich da recht literarisch, aber wäre ich wirklich allein so? Ich kenne ja niemand, aber ich glaube es nicht. Nichts pflegt einmalig zu sein. Wir leben zu schnell, wahnwitzig schnell, und da heißt es denn -- er lächelte kränklich --: In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling. Bald auf gerettetem Boot treibt er zum Hafen als Greis.