Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 41
Renate, die schlecht und kaum willig zugehört hatte, murmelte vor sich hin: »Nichts ist, was dich bewegt, du selbsten bist das Rad, das aus sich selber läuft und keine Ruhe hat ...« Das war Bogners Zeichen unter seinen Bildern. Und keine Ruhe hat ... und keine Ruhe hat ...
Sie merkte, daß es schon lange still im Raum geworden war. Saint-Georges bückte sich, nahm den Blasebalg von der Erde und begann langsam die Flammen anzublasen, so lange, daß sie das anhaltende Gleichmaß der Lustseufzer kaum noch zu ertragen glaubte und ihm eben Einhalt tun wollte, als das Stubenmädchen erschien und meldete: »Frau Tregiorni.«
Als ob sie gesagt hätte: ein Engel! dachte Renate, erlöst aufspringend und zur Tür eilend, die sie öffnete. Sie umarmten sich und beglückwünschten sich zum Fest, -- aber Ulrika sah keineswegs gut aus, blaß, das Haar schien die Stirn zu bedrücken und saß nicht vorteilhaft, die Nase trat scharf hervor, die Augen lagen tief. Nachdem sie auch Saint-Georges begrüßt, sagte sie, in einen Stuhl gleitend, die Augen niedergeschlagen und mit tonloser Stimme, wie sie beides mitunter an sich hatte: sie sei eigentlich gekommen, Renate um Vinzent van Goghs Briefe aus Josefs Besitz zu bitten, um -- Renate verstand den Grund nicht, indem sie schon zur Tür ging, um das Buch zu holen, woran wieder Georges sie hindern wollte. Dann bemerkte Ulrika gleichgültig, sie könne ja mitkommen, sie sei ohnehin lange nicht oben gewesen, und er merkte wie auch Renate, daß Ulrika mit ihr allein sein wollte, worauf sie sich bei ihm entschuldigten und gingen.
Aber es war kalt im Zimmer oben, die Heizung nicht angestellt. Renate tats, suchte dann das Buch im Halblicht des violetten Lampenumhangs und trug es zum Tisch. Ulrika schien verschwunden in der dunklen Nische des großen Fensters, sie wechselten ein paar Worte wegen der Kälte, -- dann setzte sich Renate doch, da die Freundin bleiben zu wollen schien. Das weiße Buch leuchtete still auf der leeren grünen Tischdecke. Und wieder erschien Josefs Gestalt, die Straße heraufkommend, auf eine Laterne zu ... Renate fröstelte und wünschte sich einen Schal. Ob sie das Buch kenne, fragte sie Ulrika. Die schien zu verneinen in ihrem Dunkel und zu fragen, wie es sei, worauf Renate allerlei hinsprach, daß es fast langweilig zu lesen, nur vom Malen die Rede sei, von Bildern, an denen er male, oder die er malen möchte, oder gemalt habe, und daß man doch nicht loskommen könne vom Anfang bis zum Ende ... Ulrika war derweil herangekommen, stand, den linken Arm hinterm Rücken gefaßt mit der andern Hand, nieder blickend auf das Buch.
Was mag ihr sein? fragte sich Renate. Da war die Freundin wieder die Fremde, die Umschlossene, die alles verschwieg. Wollte sie sprechen?
»Glut und Eifer«, sagte Ulrika ohne Ton, »ersetzen ja manches. Und wenn eine Lebendigkeit tief und gewaltig erscheint, so glaubt man wohl, an die ganze offene Welt angeschlossen zu sein, alle Stimmen zu hören, alles Weben zu sehn, denn man sieht --« Sie hob den Blick schweifend über Renate weg, die bei sich dachte: Nun ist sie ja schon dort, wohin sie wohl kommen wollte ...
Immer noch gesenkter Lider glitt sie nun in den Sessel, der hinter ihr stand, legte ein Knie über das andre, zog den Kleidrock nach unten und faltete die Hände darüber.
»Hast du«, fragte sie aufblickend an Renate vorüber, »dich je gefragt, wie man im Traume sieht? Man sieht durch die schlafgeschlossenen Lider, deshalb ist immer alles so -- unklar, wie durch Wasser gesehn. So wars all die Monate mit mir, und nun --« Sie schwieg.
»Ist es anders geworden?« wagte Renate leise zu fragen.
»Eifer und Glut, Wollen und Glauben,« sagte Ulrika wie zu sich selber, »die genügen ja nicht.«
»Weil sonst jeder etwas Großes werden könnte, meinst du, der es sich nur ernstlich vornähme, und eben das nur diejenigen können, die auch -- die Gabe haben?«
»Auch nicht die Gabe«, versetzte Ulrika ernst. »Auch die läßt sich haben, so mancher hat sie; aber deshalb hat er noch nicht -- -- das Leben«, schloß sie unsicher.
Renate mußte das Wort Liebe denken und sagte es leise, doch nun fielen Ulrikas Hände auseinander. »Auch nicht,« sagte sie emporblickend, »nein. Das genügt alles nicht. So jedenfalls nicht, wie man das Wort versteht. Was tut er denn, dieser Maler,« lächelte sie flüchtig auf, »glaubst du vielleicht, er liebt die Kunst, so wie wir, du, ich sie lieben?« Sie sprach eilig weiter. »Nein, was tut er, was tat dieser van Gogh? Sie atmen Kunst ein, und sie atmen sie aus. Sie leben -- weiter nichts. Ihr Leben ist Kunst, sie haben das Leben. Sie denken ja nicht nach, oder wenn sie nachdenken, ists doch wieder etwas für sich, ist kein Malen, kein Leben. Ach, all das ist so schwer zu denken und zu sagen!« Sie stand mutlos auf.
Renate, nun ganz ruhig und sanft, fragte liebevoll hinüber: »Muß mans denn denken und sagen?«
Ulrika blickte wieder auf das Buch und gab ihm, das Ende des heraushängenden Lesezeichens fassend, eine kleine Drehung. »Man muß wohl«, sagte sie schwach lächelnd.
»Sie sind eben die Seltenen, diese«, fuhr sie wieder fort. »Man kann ihnen in keiner Weise gleichen. Was tun sie denn nur?« Sie grübelte angestrengt nach. »Ich glaube, sie tun nichts, als daß -- ja, daß sie sich selber schaffen jeden Tag. Und dadurch schaffen sie Welt. Ja, wie? Ihr Schaffen ist -- ist --, die Welt sichtbar zu machen, Sichtbares und Unsichtbares erst sichtbar zu machen. Denke dir Kunst fort aus der Welt -- es ist ja nichts mehr vorhanden. Keiner wüßte, wo er stünde, keiner« -- sie lächelte hell, zum Zeichen, daß sie Bogner zitierte -- »wüßte, wie Baum und Sonne und er selber aussähe, wenn nicht eines Tages einer angefangen hätte zu malen. Hier sind doch neue Gesetze, begreifst du? Nicht unsre, gar nicht die Naturgesetze, ganz eigne.«
Wie leuchtete nun ihr erhitztes Gesicht! »Ja -- -- du bist ja aber glücklich, Ulrika!« sagte Renate ergriffen. Die hellen Augen erloschen augenblicks hinter fallenden Lidern.
»Ich sollte es ja sein«, erwiderte sie dann ruhig. Plötzlich trat sie zurück in den Raum, blickte funkelnd und heiß und sagte: »Ich war es ja, war es ja bis heut! Sie war ja schon Lebenskraft geworden -- meine Musik. Kannst du's denn verstehn? Wie soll ichs nur erklären? Das Leben haben, sagt' ich, nun -- und was ist das? Allwissend sein, wissend um alles Werden, alle Entfaltung, alle Geschichte, die Leiden kranker Kinder, die Not geplagter Eltern, die Trübsal der Gebrochenen, das Elend der unentrinnbar Verstrickten, und die Wonne des Sommerabends, die Augen der Sterne -- dies alles wissen und -- hochheben im Werk, zeigen im Werk, sich als dessen Durchgang, dessen Werkstätte fühlen, wo es umgeschmolzen, umgewirkt wird zu Ordnung, zu Klarheit, zu Gesetz, aus dem es dann alles wieder strömt --: verwandelt, so daß wirs empfinden. Nun, und ich -- ich war wohl noch weit davon, aber -- ja, wie sage ich es denn nur?«
Verzweifelt umherblickend, trat sie an das nächste Bücherregal, legte die gefalteten Hände gegen seine Kante, die Stirne darauf und sagte wie herausbetend: »Daß es eben nicht Musik war, was ich spielte! nicht Noten, Quinten, Synkopen und Fugen, Sonaten, Konzerte, sondern -- Menschenwerk, Menschenleben, Weltleben, Weltwerke. Formen allen Seins und allen Leidens, Erzeugnisse einer unendlichen Liebeskraft und einer unendlichen Daseinsnot, nicht Musik -- nein, Liebe und Leiden, und nicht Allegro, nicht Andante, sondern -- Kindheit und Wachstum und Älterwerden, Schmerzen eines Knaben, Zweifel eines Mannes, Hoffnung auf weiche Hände, Enttäuschung, ach -- und das Aufstehn frühmorgens, die Schwermut am Abend -- alles all, was ist, was wir Alle sind.«
»Und nun nicht mehr?« fragte Renate, ganz heiß durchströmt von dem Brand.
Ulrika richtete sich auf, und wie sie nun wieder zu ihrem Sitz ging und sich hinließ, war sie wieder die Abwesende, die wohl preisgeben wollte und es doch nicht vermochte, in sich gefangen. Sie sagte bedrückt:
»Die Worte machen ja alles so anders. Nichts war ja so, wie ich sagte, ich lebte ja nur, ich fühlte mich auf die eine Weise, bis er kam, und nun auf andre Weise. Aber die erste ist doch nun nicht mehr, also ist es auch nicht anders, -- kannst du denn herabsehn auf dein Leben? Man steht doch immer darin, man fließt mit, und alles ist unentrinnbar. Ach, wenn man nur fühlen könnte! Dann wäre kein Mord eine Untat. Sage das Wort nicht -- was ist dann?«
Renate verlor die Worte im Hören, ohne sie begriffen zu haben. Eine Weile danach kam sie zu sich, unwissend woher, und erkannte, daß Ulrika von einem Bilde sprach -- ja, einem Bilde, an dem Bogner malte, wieder malte, nachdem er es schon als Knabe geplant: der Kampf um Troja, Achilleus auf dem Wall, wie er um Patroklos schreit so gewaltig, daß die ganze Schlacht zurückrollt gegen die Stadt ... »Ja, kann man denn Schreien malen?« fragte sie ungewollt.
»Ich sagt' es ja eben,« erwiderte Ulrika, »er selber behauptete, es sei unmöglich, ganz sinnlos, und doch muß er an diesem Bild schon bald zwanzig Jahre sitzen ...« Wieder vergeßlich, versunken ins Anschaun dessen, wovon Ulrika sprach, der hundert Studien, Leiber, verrenkter Gliedmaßen, Verwundeter, Sterbender, Arme, Beine, schreiender Münder, dann auch eines Eisenbahnunglücks, das Bogner mitgemacht habe, und dessen Schmerzensausdrücke bei den Verletzten er später bei den Aktstudien aus der Erinnerung noch habe übertragen können, hörte sie langsam die etwas klagende Stimme der Freundin wieder deutlich werden:
»Und wie ich dastand in dem öden Raum, der ganz voll war von diesem wilden Leben, Rossen und Wagen, Kampf und Verzerrung, immer wieder dieselbe Gebärde des Grauens sah, dazwischen Entwürfe zu einem schwarzen Sonnenuntergang, in dem der Heros ganz klein stehen sollte, während vorne die zurückflutende Schlacht sich bäumt, -- o Gott, all dies Stückwerk zu sehn, Rüstungen, Schienen, Fäuste, immer wieder Fäuste mit abgebrochenen Schwertstücken, Beine, nackt, verdreht, Rippen, von Armen herausgepreßt -- und zwischen all dem er, so unbekümmert, bei aller Zweifelei so im Triumph seiner Ganzheit, in der die tausend Stücke einmal aufgehen würden, -- da -- ja, da trat ich glaub ich ans Fenster, ganz mutlos und hoffte nichts, als daß -- nun was? Aber ich sagte etwas wie: >Wenn ich dir helfen könnte ...< Da legte er seine Hände auf meine Schultern, zwang mich ihn anzusehn und sagte ganz leicht, ich hülfe ihm ja -- nun, noch dies und jenes, was ich nicht mehr weiß, was lag auch an den Worten! -- Mir ward leicht, ganz leicht.«
»Und nun?« mußte Renate endlich fragen, da sie vor sich niederblickend schwieg.
»Nun siehst du's ja: ich bin hier. Ich kam heim, ich saß bei Mama, dann legte sie sich bald, sie kränkelt ja immer mehr, dann kam eine Schwester von ihr -- da wurde ich auf einmal unruhig und ging hierher. Unterwegs --«
Renate horchte auf, da sie Schritte im Treppenhaus hörte; auch Ulrika schien sie zu hören, denn sie brach ab, erhob sich, nahm das Buch und sagte: »Es ist ja auch nichts weiter zu sagen.« Sie trat auf Renate zu, die sich erhob, schloß sie in die Arme und meinte, es würde wohl alles wieder anders werden, wer könne wissen ... und dergleichen, während schon Saint-Georges den Kopf ins Zimmer steckte und erklärte, dies gehe zu weit! Dreiviertel Stunden sitze er allein, am Neujahrsabend!
Wie er doch den rechten Augenblick abgepaßt hat -- für Ulrika, dachte Renate, obschon selber ratlos, was das Ganze nun bedeuten sollte. -- Als sie einen Augenblick später hinter den Beiden, die miteinander sprachen und lachten, die Treppe hinabstieg, empfand sie bekümmert die Linderung, die aus Ulrikas Unruhe ihre eigene durchflossen hatte.
Es ist am Ende nur, daß ich zuviel allein bin, dachte sie dann; man hängt sich selber zu sehr nach, und -- die Andern sind immer warm und wärmen; ist man dann allein, muß man sich doppelt kleiden und einspinnen ins eigene Fühlen und Grübeln, aber ... aber ...
Renate wußte nicht weiter. Sie waren unten angelangt.
Viertes Kapitel: Februar
Wirrnis
Georg saß und schrieb:
Ein junger Mensch kam an einem Oktobertage mit dem Eilzuge von A. auf dem Bahnhof Zoologischer Garten in Berlin an, ohne Koffer noch Tasche, gut gekleidet, in einem schwarzen Herbstmantel und kleinem grauen Hut, stieg die Treppen hinunter und ging wie ein Müßiggänger die Joachimsthalerstraße hinunter, aber er suchte sich eine Wohnung. Er bog in die Kantstraße ein und ging sie hinunter bis über den Savignyplatz hinaus, währenddem er wohl achtmal, von dem Schilde: >Möbliertes Zimmer!< angerufen, in einem Hause verschwand, um jedoch ...
Georg strich die letzten zwei Worte unwirsch aus und schrieb statt dessen:
... kam aber alsbald, jedesmal ein wenig erschöpfter, wieder heraus, und zwar bald auf der linken, bald auf der rechten Seite der breiten Straße. Schließlich strandete er vor einem Damenhutladen auf der linken Seite, in dessen Fenster das >Möbliertes Zimmer!< wiederum auf einer Papptafel zu sehn war. Während er noch zögerte, wurde drinnen im Schaufenster eine Milchglasscheibe geöffnet, es kam ein Frauenarm mit einem Hut auf der Hand hervor, dann auch ein Gesicht, dunkeläugig, dunkelhaarig, ältlich, versorgt und gutherzig. Gleich trat er in den Laden, die Frau zog sich gerade wieder nach innen aus dem Fenster zurück, war ziemlich groß und sah wirklich sehr freundlich aus, ohne etwa ein besonders freundliches Gesicht zu machen. Er sagte: »Hier ist ein Zimmer zu vermieten?« Die Frau antwortete in einem ihm unbekannten Dialekt (statt müssen sagte sie »missen«), zurückhaltend, es sei aber nur klein, bat ihn dann, mitzukommen, und er folgte durch ein großes Zimmer, in dem vor einem breiten Fenster zur Rechten zwei junge Mädchen saßen, mit dem Garnieren von Hüten beschäftigt. Die Frau stieg drüben ein paar Stufen zu einer Tür empor -- sie ging schlürfend in Filzschuhn, schwerfällig; ebenso schwerfällig schlich ein alter schwarzer Pudel, der von einem verschossenen, grüngelbbraunen Samtsofa sprang, auf den jungen Menschen zu und berührte ihn vorsichtig mit der Schnauze -- öffnete sie und ging weiter -- der Mensch ihr nach -- in einen schmalen, dämmrigen Gang hinein, mit Türen auf der rechten Seite, durch deren Milchglasscheiben in der oberen Hälfte spärliches Licht hereinsickerte, und von denen die zweite -- die erste war nach dem Briefschlitz darin die Korridortür -- halb angelehnt in die Küche hineinsehn ließ. Vor der dritten blieb die Frau stehn, stieß sie auf und ließ den Mieter ins Zimmer sehn.
Es sei gleich gesagt, daß dies Zimmer gemietet wurde. Es war keine vier Meter lang und kaum zwei breit; an der Tür gleich rechts stand ein gewöhnlicher, rotbrauner Kleiderschrank, daran stieß das Fußende des Bettes, und dahinter stand dasjenige Möbel, dem das Zimmer seinen neuen Bewohner verdankte, nämlich ein alter Bücherschrank -- wie sein neuer Besitzer ihn nannte -- aus braungelber Birke, unten Kommode, darüber Schrank mit sechs Fensterscheiben, von grünem Taft innen verhangen, bedeckt mit flachem Giebeldreieck; gutes Biedermeier. Gleich hinter ihm -- er stand halb davor -- war das Fenster mit sehr breiter Bank, die Heizung war drunter. Gegenüber dem Bücherschrank war eine kleine braune Tür, die in einen winzigen Verschlag führte; drin stand ein alter, hölzerner Waschtisch mit einem blechernen Becken, einer blauen Karaffe und einem weißen Seifennapf; ein Bort aus zwei Brettern, die an rotbraunen Kordeln hingen, schwebte schief an einem Krampen darüber. Dem Bett gegenüber an der andern Wand -- keinen Meter breit war der Zwischenraum, den ein kleiner Tisch unter einer lang herunterhängenden, bräunlichgelb gemusterten, mehrfach gestopften Decke ausfüllte -- stand ein altes, gemeines Sofa, das gleichwohl Vertrauen erweckte. Zwischen seinem Kopfende und der Tür zum Verschlage hing ein kleiner, alter Spiegel mit ungeschliffnem, in der Mitte geteiltem Glase, ebenfalls aus gelber Kirsche und ebenfalls mit einem Giebeldreieck. -- Über dem Bett hing eine schmutzigdunkelrote Steppdecke, und auf dem Schrank stand eine Lampe aus weißem Glase, in deren Bassin gelb das Petroleum schimmerte. Vor dem Fenster waren alte, aber sehr saubere gelbweiße und geraffte Gardinen. Dies alles zusammen kostete den jungen Menschen achtundzwanzig Mark im Monat, wofür er auch die Heizung, die Lampe und noch eine Tasse Kaffee des Morgens nebst einer gestrichenen Schrippe haben sollte.
Georg, der während des Schreibens unablässig Zigaretten geraucht hatte, sah auf, murmelte: Es wird zu lang, aber die Beschreibung genügt ja nun, und er sah sich um, ob auch nichts vergessen war. Richtig, die Tapete! -- Indem empfand er, daß er zu tief im Sofa saß, stand auf, faßte den Tisch an beiden Schmalseiten und trug ihn vor den Bücherschrank. Es war glühendheiß im Zimmer, er tastete nach der Kurbel im Heizkörper, fand sie und drehte sie herum. Dann blickte er durch die Gardinen auf den Hof, und gerade kam langsamen Schrittes aus dem Portal zur Rechten der Briefträger und ging vorüber. Georg fluchte leise: Wieder nicht! beruhigte sich, zog sich zurück, nahm eine neue Zigarette aus der Schachtel, schob die Blätter auf dem Löschblatt zusammen und schrieb weiter:
Der junge Mensch hieß Topf, und so sei er genannt. Diesen Namen hatte er der Zimmervermieterin mitgeteilt, und sie zweifelte nicht an ihm; auch die Polizei nahm ihn gutgläubig hin. Herr Topf also besuchte an Vormittagen die Universität in verschiedenen Hörsälen, und zwar genau bis zum siebenzehnten Dezember des Jahres. Längst von einem allgemeinen Widerwillen gegen die Nähe vieler -- und so zusammenhangloser -- menschlicher Gesichter erfüllt, wurde ihm insbesondere die Ausdünstung des studentischen Proletariats, welches die Publika besuchte, vermischt mit der fast unleidlicheren, aus Schweißgeruch und Parfüm zusammengesetzten der weiblichen Studierenden unerträglich, aber erst am genannten Tage ward ihm klar, daß er Stunden um Stunden versaß, um nicht mehr als Fingerzeige für eigene Wege zu erhalten, daß er besser tue, sich auf die Schriften selber, die großen Arsenale zu beschränken, und schließlich und vor allem, daß sein Mitschreiben und Ausarbeiten des Gehörten zwar Fleiß sei, jedoch nur um der Fleißigkeit willen von ihm betrieben wurde, nicht wegen des Stoffes und der Kenntnisse.
Herr Topf -- dies war der einzige, wahre und echte Grund, den wir heute aufzudecken in der Lage sind -- begann am Winter, an der Stadt Berlin, an sich selber zu kränkeln. Er erhob sich ziemlich spät am Morgen, kleidete sich in immer den gleichen, nämlich einzigen Anzug, bloß daß er lederne Reiseschuh an die Füße tat, und begab sich nach vorne in das große Zimmer, wo bereits an ihrem langen Tisch am breiten Fenster die beiden Mädchen saßen, die große, magere, bleiche, blonde, und die kleine, dicke, rote, braune, mit bunten Bändern, Zeugen, Hutmodellen aus Draht und Gaze, ganzen und fertigen Kapottehüten und andern Dingen beschäftigt. Dort sank er in einen tiefen alten Sessel, bekam alsbald seine Schrippe, seine Butter und seine große Tasse voll heißen, aber dünnen Kaffees vorgesetzt, sah in die Zeitung, gestattete dem alten, halbblinden und sehr ruppigen Pudel Valentin, sich an seinen Schienbeinen zu scheuern, sprach ein paar Worte mit den Mädchen oder mit der Wirtin, Frau Wisch, die mit versorgter Stimme und in magdeburgischem Dialekt, wie inzwischen offenbar geworden war, von ihrer Tochter erzählte, als welche in Stolberg am Harz mit einem Gärtner verheiratet war und ein Kind erwartete. Später saß Herr Topf in seinem Zimmer und las in einem Buche, oder er schrieb einen Brief, oder er saß in der Sofaecke und rauchte, oder er lag auf dem Sofa und starrte auf die weiße Glaslampe auf der Schrankecke, oder wenn er anders herumlag, durch die Gardinen, über den Hof gegen die Brandmauer eines Schuppens, oder eines Bildhauerateliers ...
Georg sah aufblickend hin, murmelte: Ich weiß es nicht -- und schrieb weiter:
... durch die kahlen, meist nassen Wipfel eines Baumes nach dem meist bewölkten grauen Himmel. Mittags ging er in ein kleines Restaurant in der Nähe zum Essen, legte, zurückgekehrt, sich auf das Sofa und schlief eine Stunde oder schlief auch nicht. Meist aber blieb er liegen, bis es dunkel wurde und länger, denn mit fortschreitendem Winter wurde es früher und früher dunkel, zu schweigen von den Tagen, an denen es gar nicht hell wurde. Er empfand in diesen Stunden wenig, außer der Wärme der Heizung, aber er dachte viel, und nicht selten dachte er ein Gedicht, das er dann beim guten Licht der herabgeholten weißen Lampe aufschrieb. Um die Zeit des Dunkelwerdens jedenfalls, heute früher, morgen später, zog er Stiefel und Mantel an und ging auf die Straße. Nun konnte er verschiedenes unternehmen.
Er konnte sich in den Grunewald hinausbegeben -- von dem er beiläufig nie mehr kennen lernte als den Teil vom Bahnhof Grunewald bis zum Restaurant Hubertus mit den beiden Seen, dem Jagdschloß und den zählbar scheinenden, gleichmäßig kahlstämmigen Kiefern -- und dort konnte sich wohl die öde Kahlheit des winterlichen Gehölzes, das vielfältige Schweigen und das unsichtbare Auge der Einsamkeit zwischen den tausend nackten Stämmen hervor, konnten die grauen Flächen der schlecht überfrorenen Seen, der seltsam beklemmende Hauch des dunkelgrauen Winterhimmels, und später, im Dunkeln, die Spiegelungen der Laternenlichter im Eis und ihr Durchscheinen des schwarzen Zaunes von Baumstämmen auf dem gegenüberliegenden Ufer --, all dies konnte sich zu einem schauerlichen Schwellen und Tönen in seinem Innern vereinen.
An gewöhnlichen Abenden aber war sein Weg, der Weg des Herrn Studenten Topf, fast immer der gleiche, wenigstens anfänglich: die lange, graue Zeile der Kantstraße, unter der schwebenden Schnur der fleischroten Bogenlampen, zwischen den Wandungen spiegelnder Läden voll feurig beleuchteter und funkelnder Gegenstände --
Georg, sich erinnernd, schweifte mit dem Auge die Straße hinab und sah: Margarinefässer, Pfirsiche, Melonen in gefächerten Kästen, Tomatenhügel, Schaufenster voll stehender Spazierstöcke und Schirme, Buchläden voller gelber, roter, grüner, blauer Rücken von ungebundenen Broschüren, rotblutige, zerteilte Tierstücke auf Marmorplatten, dazwischen grüne Blattpflanzen, Herrenmodenauslagen, Kragen, Hemden, Krawatten, alles herrlich beleuchtet, kostbar und erfreulich, aber er schrieb es nicht auf --