Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 4

Chapter 43,682 wordsPublic domain

»Ich hab'n Schwalbe geliehen, der seinen glaub ich auf seinem Gut vergessen hatte. Meine Frau -- ich bin drei Tage verheiratet -- hat 'n mir grad erst geschenkt.«

»Haben Sie denn schon drin gelesen?« fragte Georg neugierig.

»O freilich! Ich kenne ihn lange! Er ist ja sehr -- schwierig, aber wenn man sich 'n büschen Mühe giebt, dann -- geht es. -- George -- -- ja, das ist so 'n -- großer Saturn möcht ich sagen ... So ein ganzer riesiger Weltkörper in einem goldenen Ring von Gesetzen. Nee, wissen Sie,« fuhr er auf einmal ganz lebhaft fort, das Monokel schnell wegtropfen lassend, »wissen Sie, da is ein Gedicht in einem früheren Buch, das fängt an: >Die Herden trabten aus den Winterlagern ...< Kennen Sie das? -- Ja, ich muß doch sa--gen,« sprach er wieder langsamer, »wie ich das zuerst las -- da sind mir die Tränen in die Augen getreten.«

Georg fühlte sich eigentümlich ergriffen, weil der Mensch so ernsthaft und echt sprach.

»Ja, nicht wahr,« erwiderte er eifrig dann, »so ists mir mit manchem Gedicht ergangen, und --«

»Und er hat so was Heiliges, muß ich sagen,« hörte er die gar nicht mehr näselnde Stimme wieder, »so etwas Götternahes wie sonst nur Hölderlin. Das ist alles wie so große eherne Platten ...«

»Ja, eingegraben, nicht wahr? So unabänderlich und unerbittlich!«

Georg ärgerte sich, daß ihm Worte und Geist versagten, wandte sich und trat an das offene Fenster, das nicht eben hoch über der Straße lag.

Plötzlich gab es einen Stillstand in Georg.

Die Bogenlampe über dem Portal verbreitete ein stark flutendes rotes Licht. Jenseits von dessen Grenze lagen die Anlagen im Dunkel, wo wenige, grünlich weiße Laternen brannten. Eine Zeile von ihnen führte unterhalb des hochübertürmten Schattenrisses der Universität vorüber; eine andere zur Linken in die Ferne, unterm schwarzen Wall der Alleebäume. Das Pflaster war schwarz, naß beregnet. In ein und dem selben Augenblick spürte Georg einen sehnsuchterregenden Atemzug aus der Mainacht und hörte er eine Stimme in seinem Innern sagen:

>Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren -- In Liebesqual -- in leerem Zeitverprassen ...<

O mein Himmel ja, >wer wüßte je das Leben ...? Wer hat die Hälfte nicht davon verloren?<

Schley hinter ihm im Zimmer sagte etwas; Georg konnte sich nicht losmachen, blickend, ohne zu sehen, doch fing er willenlos an zu zählen, als die Uhr im Turme der Universität schlug, und zählte zehn Schläge. -- Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren ... Nein, das ging ein wenig zu weit ... Freilich, was kam auch heraus bei solchen Gesprächen? Nun, wenns gut ging, eine angenehme Bekanntschaft -- man mußte doch Menschen kennen lernen -- eine Freundschaft womöglich. Schade, daß Schwalbe, als Soldat, selten zu haben sein würde ... Aber wenn ich öfter herkäme -- Verkehrsgast würde ... Öfter herkäme ... öfter herkäme ...

Ja: meine Maske ... Deshalb kam ich ja. -- Georg merkte den leisen Druck der Angst auf der Brust und fuhr auf. Mit heftigem Schnarchen warf ein gewaltig großes, offenes Automobil mit blendenden Scheinwerfern sich um die nahe Hausecke zur Linken und rauschte heran; etwas Kleines, Weißgekleidetes befand sich einsam im erhöhten Rücksitz, eine junge Dame, die, gegen den Fahrtwind geneigt, mit der einen Hand, erhobenen Armes, einen helmartigen kleinen Hut aus rosafarbenem Stroh auf den Kopf drückte, und im nächsten Augenblick hielt der Wagen dicht vor Georg. Aus einem kleinen, weißen, fast dreieckig geformten Antlitz richteten sich übergroße schwarze Augen auf ihn. Dann öffnete sie den Mund und sagte:

»Guten Abend. Ach bitte, ist mein Mann vielleicht hier? Baronin Schley.«

Baronin Schley? Georg staunte. »Aber gewiß, Baronin!« rief er, »Augenblick!« und zu Schley zurück: »Herr von Schley, freuen Sie sich, Ihre Gemahlin ...«

Schley kam ungläubig und mit Seelenruhe ans Fenster, hatte aber kaum einen Blick hinausgeworfen, als er nur: »Virgo?« sagte und schnurstracks hinausging. -- Virgo? dachte Georg. Mein Gott, das ist hinreißend! -- Und ging flugs hinterher.

Durch das offene Haustor, die Stufen hinunterblickend, sah er sie im geöffneten Wagenschlag stehn, leicht mit dem einen Fuß hin und her schlenkernd -- ganz rosenfarben war der von Strumpf und Seidenschuh -- emsig auf ihren Mann herunter redend und lachend, und während Georg nun hinzuging, rief sie ihm entgegen:

»So, also Sie sind dieser Prinz, dessentwegen er mir durchgegangen ist! Was gehn dich wohl fremde Prinzen an, wenn du gerade geheiratet hast! -- Er telephonierte, ein Prinz wäre da und er müßte hierher.« Sie schöpfte Atem. Ihr Mund mit gesenkten Winkeln war ein entzückendes kleines rotes Dach. Die Nasenflügel blähten sich zitternd, und wie hoffärtig war die kleine Biegung der Spitze! Tiefe, bläulich schwarze Ränder unter den Lidern machten die Augen noch größer, als sie waren.

»Und da wollten Sie ihn wegholen?« hatte Georg gefragt.

»Nein,« sagte sie, »nun will ich hinein. Nun will ich die akademischen Sitten kennen lernen.«

Schley, während Georg nur »Ach weh!« äußerte, meinte, zu ihr aufsehend, langsam und ruhig: »Ach, davon verstehst du ja -- gar nichts«; worauf sie aus dem Wagen kletterte.

»Los!« sagte sie, zwischen den Beiden stehend, »Ihren Arm, Durchlaucht! und deinen, Wolf!« Sie warf auflachend den Kopf zurück und zog die Beiden wie ein Kind mit sich; und wie bei einem Kinde -- Georg sahs, als sie vor den Haustorstufen den Kopf senkte -- war unter der tiefen Krempe von zartem, rosigem Stroh -- eine einzige goldene Rose saß daran -- das Haar, braun, kurzgeschnitten, in lockeren Büscheln durcheinanderstehend.

Augenblicke später fuhr die freudig überraschte Korona auf der Terrasse von den Stühlen, wurde vorgestellt, der Senior legte seine Würde nieder und -- die Fidelität eröffnend -- die des Vorsitzes zur ersten Attischen in die Hände Georgs.

Ja, nun würde es köstlich werden ... Georg drückte sich mit Behagen gegen die hohe Rücklehne des Präsidenstuhls zurück, die Tafel hinunterschauend, die kleine Fremde zur Rechten, ihren Mann zur Linken und weiterhin all die erwartungsvollen, blitzenden Augen und roten, vergnügten Gesichter, Schwalbes feste, bereitwillige Freundlichkeit und des überragenden Hardenbergs Georg zugewandtes Lächeln, das merkwürdig menschlich an dem, wie ein Zaunpfahl ungefüge zurechtgeschnittenen Haupte angebracht war.

»Entschuldigen Sie, Baronin,« sagte Georg, »nun giebts einen Knall!« und sie fuhr zusammen, als das Schlägereisen über die Tischplatte prallte. Dann sagte Georg schnell ein paar verehrungsvolle Begrüßungsworte auf und befahl -- ihr zumurmelnd: »als erste Vorführung« -- den Salamander.

»_Ad exercitium salamandri! Salamander incipitur_ eins, zwei, drei, eins!«

Georg spähte, während hörbar ringsum aus den angesetzten Gläsern das Schlucken gluckste und sichtbar die gelbe Flüssigkeit abnahm, nach Virgo -- denn so nannte er sie. Sie sah großäugig, den Mund halb offen vor Staunen, zu ihrem Mann auf.

»Zwei, drei. Eins -- -- zwei -- -- drei.« Die Gläserböden rumorten auf dem Tisch. »Eins! -- zwei! -- drei!« Der Aufschlag sämtlicher Gläser erdröhnte tadellos. »Füchse haben nachgeklappt, in die Kanne eins, eins, Blume melden! _Salamander ex, silentium ex, colloquium!_« schnurrte Georg zu Ende und setzte sich, nicht ohne Stolz.

»Wolf, was für'n -- Unsinn!« sagte sie hörbar in das allgemeine Schweigen, worauf ein Gelächterhallo folgte. Drei, viere begannen auf sie einzureden, aber sie schnitt alles ohne weiteres ab und gebot spöttisch: »Na denn weiter! nächste Nummer!«

Georg schlug vor, ein Lied zu singen. »Von Scheffel,« sagte sie, »die sollen ja so komisch sein,« und da mehrere Stimmen den >Enderle< beantragten, befahl Georg diesen. Das Klavier ertönte, vier, fünf Hände reichten ihr Liederbuch der Kleinen, Füchse kamen viel zu spät, aufgeregt noch blätternd, zu dem selben Zwecke herangesegelt, Georg erhob sich, das Lied begann.

Leider verzog sie, wie Georg bemerkte, bei keinem der köstlichen Verse eine Miene; selbst das >Jetzt weicht, jetzt flieht, jetzt weicht, jetzt flieht, mit Zittern und Zähnegefletsch!< entlockte ihr kein Lächeln, und das Lied war aus.

»Aus«, sagte sie seufzend und sah umher. »War das komisch?« Sie zog ein Gesicht, als argwöhnte sie, daß man sich über sie lustig machte. »Warum singt ihr dann nicht lieber von Christian Morgenstern etwas; darin ist doch wenigstens Sinn. Na, also dann weiter, was giebts noch zu sehen?«

Also wurde ihr der Trinkkomment vorgeführt. Ein Feuerwerk von Zuprosten nach allen Seiten sprühte. Vor-, mit-, nachkommen, übers Kreuz, unter demselben, definitiv, bis keiner mehr wußte, was er wem schuldig war, während die Füchse in die Kanne steigen mußten, daß sie verreckten, in den Verruf flogen und sich verzweifelt herauspaukten, der aus dem zweiten, der aus dem dritten, ein Tohuwabohu, in dem sie immer stiller und immer blasser und immer schmaler an ihrer Stuhllehne wurde, selten matt lächelnd, wenn jemand auf ihr Spezielles mit ausgeschlossener Löfflung trank, -- als wovon ihr Georg erklärte, daß es keine Beleidigung sei, sondern eine Ehre.

»Nun ists genug,« raffte sie sich endlich auf, »ihr werdet ja alle betrunken werden.«

Schley und Georg betrachteten sich sardonisch während des Höllengelächters der Übrigen, Beide augenscheinlich das gleiche Wort auf den Lippen, das sie verschwiegen. Georg selber keuchte einigermaßen vom quellenden Bier in seinem Innern.

»Ich hab mal«, hörte er sie erst nach einer Weile leise sagen, »was von Bier -- Bierjungen -- heißt es nicht so? gehört. Was ist denn das? Das ist noch nicht vorgekommen«, meinte sie mit mühsamer Heiterkeit. Georg seufzte.

»Also los, Baron, zanken wir uns. Ein Bierjunge«, erklärte er ihr, »ist ein Bierduell nach vorangegangener Beleidigung. Ich muß mich doch wundern, Baron, Sie nach kaum angefangener Ehe in solcher Gesellschaft zu sehn.«

»Das geht Sie ja gar nichts an, Durchlaucht.«

»Nichts angehen! Das ist Tusch!« schrien ein paar Stimmen.

»Bierjunge!« sagte Georg finster.

»Doppelt!« erwiderte Schley, »das ist hier so üblich,« setzte er hinzu, »entschuldigen Sie.«

»Dreifach!« versetzte Georg. »Na, nun ists aber genug. Herr von Schwalbe, bitte wollen Sie Richter sein?« Schwalbe erhob sich bereitwillig mit einem Ruck.

Da es nun eine Pause gab, bis Schwalbe, zwischen Georg und Schley sich setzend, die herangeschleiften sechs Gläser auf ihre genau gleichmäßige Füllung verglichen hatte, meldete der Fuchsmajor gurgelnd von unten einen Solokantus der Zwillinge, die sich wankend erhoben, dann mit ungeheurer Anstrengung steif dastanden, die Mützen abnahmen und sich langsam herdrehten. Ihre kleinen, todbleichen Gesichter mit schwimmenden Augen sahen so entsetzlich aus, daß Georg Virgo kaum anzublicken wagte. Sie sah vor sich nieder. Stumm standen die Zwillinge. Aus den Anderen scholl Gelächter, aber auch Widerspruch. Dann schrie Ellerau, breit dasitzend, grausam: »Also los, Füchse, wirds bald! Euren Kantus! Baronin wartet.« Die schluckten. Hohl, um so hohler, weil ohne Klavierbegleitung, fingen sie an zu singen:

»Ach, unsre Ju--u--geend -- Wird -- so -- ver--geu--eu--det -- Ja -- uns--re -- Jugendzeit -- Die -- wird -- ver--tan ...«

»Nun ists aber genug«, bemerkte Schley. »Genug!« schrie Georg, »geschenkt, Füchse, hinsetzen! Macht, daß ihr --«, er verstummte, für sich allein ergänzend: »-- hinauskommt!« -- Und die Zwillinge setzten sich verdutzt und eilig. Augenblicke später verschwanden sie. -- Schwalbe erhob sich, verkündete das Bierduell mit dem Stichwort »Baltoborussia sei's Panier!« und Schley und Georg standen auf.

»Ergreift die Waffen, berührt die Waffen, los!«

Die ersten Gläser verschwanden schnell. Als Georg, etwas langsamer am zweiten schlang, sah er zu Virgo hinüber; die saß wie ein Steinbild mit Augen wie schwarze Löcher. Als ihr Mann das letzte Glas ergriff, erhob sie mechanisch die rechte Hand, wie um ihn zurückzuhalten.

»Borussia sei's Panier!« sagte Georg mühsam, das Glas hinsetzend, und Schwalbe kündigte an, daß Herr Baron von Schley als zweiter Sieger hervorgegangen sein dürfte.

Plötzlich war alles durcheinandergeraten. Georg saß irgendwo und redete ununterbrochen auf die Allerholdeste ein, aber dann riß das ab, Georg irrte umher zwischen Stehenden und Sitzenden, fühlte sich sehr unglücklich und in seiner Sehkraft beeinträchtigt. Lichter verschwammen blitzend in Qualm, Wänden und blauen Flecken; was er ansah, schwang sich kreisend zur Seite; ganz hinten stand eine weibliche, kleine, weiße Gestalt, die er auf keine Weise erreichen konnte, sie hatte ihn ja weggeschickt, obwohl er sie so glühend liebte, nun stand sie mit einem Andern dort und sprach Schlechtes von ihm, o, sie war ihm entsetzlich böse, und unglücklich war sie, Georg brach das Herz, es war im Leben nicht wieder gutzumachen, denn morgen -- nein übermorgen reiste sie nach Japan. -- Da, jetzt saß er wieder, hatte einen andern -- Schwalbe -- dicht neben sich und redete unaufhörlich auf ihn ein, steigende Rührung im Herzen und das Gefühl unermeßlichen Genusses im Ausschütten seiner geheimsten Gedanken. Hin und wieder hörte er auch den Andern sprechen, verstand ihn auch, sah seine rundliche, rote Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sein eigenes Knie zu tippen, fühlte sich bekräftigt und verstanden und redete wieder. -- Dann wurde ihm furchtbar übel; er bezwang sich noch, allein es ward schlimmer, der Raum, die Lampen, grüne Wipfel, ein großer, geschweifter, grauer Lampion wankten auf ihn zu, er stand auf und fand sich im selben Augenblick unter ungeheuren Qualen seiner in Stücke brechenden Brust, keuchend mit rinnenden Augen und quellendem Munde über ein Becken gehängt. Dann riß wieder alles ab, er erwachte und hörte ein ohrenbetäubendes Geheul, fühlte sich in die Lüfte erhoben, Hände tasteten an seinem Leib, er wurde getragen, hatte eine blaue Mütze in der Hand, die er schwenkte, rief: »Baltoborussia _for ever_!« Plötzlich glitt er zur Erde, stand wankend, umarmte jemand und saß auf einem Stuhl, ein Glas in der Hand, während immerfort jemand kam, um ihm die Hand zu schütteln, worauf er dann einen Schluck ekelhaft bittern Zeugs in sich trank.

Und wiederum eine Weile später kämpfte Georg mit den Ärmellöchern eines Mantels, fluchte, weil jemand ihn hinten am Kragen in die Höhe reißen wollte, und dann stand er vor einer Droschke, innen und außen beladen mit Korpsbrüdern in Zivil, die sich auf Georg stürzten und ihn -- durch das Fenster, wie es schien -- hineinzwängten. Sie führen nach einem herrlich stinkenden Ort, sagten sie und sangen den schönen Choral: Lasset uns noch einen verlöten! während einer unendlichen Fahrt durch eine finstere Fabrikstadtgegend. Schließlich hielten sie den Wagen an und hatten noch zwei Straßen zu gehn, vornüberschießend, Georg unter jedem Arm einen Zwilling, von denen immer einer stehen bleiben wollte, um eine Rede über Moses zu halten. Dann ging es irgendwo Treppen hinauf in ein Haus, in einen kleinen Saal voller Mädchen, die in Jubelgeschrei ausbrachen. Georg wußte noch: nach dem ersten Glase Sekt bin ich hin ... Dann trank er es.

Einige Zeit später hatte Georg das Gefühl, zu erwachen, jedenfalls wurden allerhand Dinge deutlich um ihn, und er fand sich an der Wand eines Saales mit unaussprechlich öden Wänden lehnen, ein Sektglas in der Hand, das im selben Augenblick zu Boden fiel, und zum Umsinken berauscht. Im Saal, unter den vom Tabaksqualm und Staub fast blinden Glühbirnen war ein Hexentanz von einigen zwanzig Mann in Fräcken, Röcken oder Hemdsärmeln und ebensovielen splitternackten Weibern, die Georg unsäglich garstig und alle zu kurzbeinig erschienen. Einmal tat sich für Sekunden der Schwarm auseinander und durch die Gasse sah Georg drüben einen großen, hagern Menschen stehn, hektisch und ungesund, der mit theatralischer Gebärde im ausgestreckten Arm ein nacktes Mädchen lehnen hatte wie eine Harfe, auf deren Leib er mit der Rechten große Harpeggien griff; dazu deklamierte er mit hohler Stimme, deutlich vernehmbar: Vom Eise befreit sind Strom und Bäche ... Dies Bild schwand spurlos, etwas Nacktes und Weiches taumelte gegen Georg, sank, während er, selber auf einen Stuhl fallend, es schwach festhielt, in seinem Schoß zusammen und schlief ein. Eine Zeitlang betrachtete er das fleischerne, magere Bündel Schlaf und tote Freude auf seinen Knien, legte ihren Kopf behutsam an seiner Schulter fest, ließ sein Gesicht weinend darüber fallen und schlief auch.

Schütteln erweckte ihn wieder; auch das Mädchen erwachte, klammerte sich an ihn, schluchzte und wollte ihn nicht fortlassen. Georg entkam jedoch irgendwie, fand sich bald darauf allein in einer morgengrauen, nebligen Straße und ging mit dem stumpfen Entschluß, zu Fuße heimzugelangen, halb im Schlaf so lange durch unbekannte Straßen, bis ihn ein Automobil fand, in dem er sein Haus in der Morgensonne unter lebhaftem Vogelgezwitscher erreichte. O Gott! dachte Georg, als er auf sein Bett fiel, o Gott! Morgen ist Sonntag!

Kaddisch

Georg, an sich selber verzweifelt festgebissen, mit Verwünschungen beladen, entstellten Herzens voll Wut und Öde, hockte auf einer Bank im Park am Sonntagnachmittag. Seltsam schwärzlich war die, schon wie später Abend tiefe Dunkelheit in der Luft; tiefschwarz, nur durch den Fußweg und schmalen Uferstreifen von Georgs Füßen getrennt, der Teich, in dem große Stücke von kalt grauem Silber glommen. Der letzte, mehr schwere als scharfe Atemzug des abgestorbenen Winters schien in den feuchten Lüften abzustehn.

Ich habe, sagte Georg zum hundertsten Male zu sich, wie eine Canaille an mir selber gehandelt. Ich bin ein Pfuscher meines Lebens. O mein Gott, flehte er elend, sollte es wahr sein, daß seit -- seit -- er tastete nach einer Vorstellung und fand wieder nur, seltsam in der Luft hängend wie ein Stück kalten Mondes, diese -- Maske --, seit dieser Maske also die Dinge anfangen, mir zum Unheil auszuschlagen? Ja, warum ging ich denn zu den Balten? Um die Maske zu versuchen. Dann war alles natürlich und überraschend freundlich und nun -- -- ich weiß zwar nicht: ist Schley wirklich auf dem Wege nach Japan? Und bilde ich mir nur ein, daß er seinen Assessor abgelegt hat? -- Nun, es wird schon so sein, daß er verschwindet. Schwalbe werde ich kaum haben können, höchstens für mich allein, nicht an den Abenden, den -- o diese Abende, nun kommen sie wieder, da kommen sie! Ich bin verwünscht! -- Er krümmte sich, die Stirn zwischen den Fäusten. -- Selbst wenn es, wie Ellerau sagte, nur drei in der Woche sein sollten und ich mich um die andern herumdrücken kann, für mich allein esse ... dann ist noch der Paukboden, und der ganze Fechttag am Sonnabend, da sind tausend Zwischenfälle, die mir Stücke aus meinem Leben schneiden -- ach, es ist ja nicht auszudenken! -- Ihm brach der Schweiß aus allen Poren; es war, als schwitzte er Fett aus Händen und Gesicht, sein Hirn dröhnte und kochte, die Augen brannten, der Gaumen lechzte, und im Magen polterten ekelhafte, moorige Massen. -- Wenn ich, dachte er sich als letzte Rettung aus, in spätern Jahren einmal mein Leben in der Hand halten werde und nachsehen, was dies und jenes für ein Gewicht und Gesicht darin hatte -- was für ein Aussehn mag dann dies Erlebnis haben?

In der Grotte von Buschwerk hinter ihm raschelte es, ein Vogel oder eine Ratte, sonst war kein Laut in der furchtsamen Abendstille. Die Stücke bleichen Himmels glommen leidenschaftlich und zuckten im düstern Teich; Gewölk rollte darüberhin, graues und schwarzes. Auf den Ufern umher standen die kaum belaubten Bäume dunkel und regungslos; schwer hangend, fahl, die Trauerweiden drüben an der kleinen Brücke, die ins Trostlose zu führen schien. Oben huschte die lautlose, verfinsterte Wolkenbewegung. Die Luft stand, nicht kalt, nicht warm, unfreundlich.

Will es nun nicht endlich bald regnen? dachte Georg erbittert. -- Es regnete nicht, aber es wurde unheimlicher, als stünde etwas bevor. Bäume fingen an wie Gespenster auszusehn, wie entseelt, wie entsetzt. Aber all dies ist in mir, dachte Georg; die gute Natur, sie weiß nichts, sie nimmt die Gestalt von dieser oder jener Stunde an, wenn wir das Herz danach haben, es zu sehn. Wir sagen dann: heiter, oder: trübe, weil uns immer etwas peinigen muß oder freun. Du, Natur, schlichte, richtige, bist ohne Entweder-oder, aber du giebst nach, wenn wir uns an dich hängen, wir immer Beladenen; du hast nur dich selber zu ertragen, du entwächsest dir nie, du bist dir immer leicht und schwer genug, derweil wir stürzen oder steigen, hängen oder fliegen -- ich glaube, all das Elend kommt doch allein von unsern Füßen her. Wenn wir fest stünden, würden wir vor unendlichem Staunen über all die Bewegung um uns her längst in diese milde Ergebenheit des duldenden Baumes versunken sein, der allem nachgiebt und um nichts sich bemüht. Aber diese Stunde ist wahrhaft schrecklich. Vielleicht war es doch sie allein, die sich den Nachmittag über entfalten wollte, rang und nicht konnte. Ich stand am Fenster, stundenlang, und sah, wie sichs wandelte. Nun ist es ja, als lägen überall Tote begraben; unterm Rasen dort rechts, der wie mit umdüsterten Augen herüberblickt, durch die Dunkelheit, die sich hebt und bewegt; im Teich, unter allen Bäumen -- vielleicht liegen welche überall, still, mit gefalteten Händen, ohne Bewegung, aber sie haben begriffen, daß sie tot sind, und wissen nicht, was nun geschehen wird.

Ach, stünden sie _auf_ einmal! alle, in irgendeiner Gestalt! gingen umher, streiften mich, daß doch nur einmal etwas geschähe, das entsetzte, das starr machte, das man nicht aus sich heraus erfinden müßte wie jedes Staunen, jeden Schrecken, jedes Gefühl, das tausend Jahre alte, tausend Male empfundene. Daß einmal etwas hereinbräche über einen, von draußen, von weit draußen, ein Unmeßbares, für das man nicht im Augenblick alles bereit hätte, um es festzustellen, um es zu erkennen! Ich verstehe Raskolnikoff, ich verstehe, daß er etwas tun mußte, von dem er nicht vorher wußte, was es sein würde; das sich vorher berechnen ließ bis aufs Haar, und das doch ein völlig anderes sein würde, wenn es geschehen war. Ich verstehe, wie er mit all seinen Haaren, mit zehntausend schmerzlichen Knoten an seiner Umgebung hing, an Steinen und Menschen, an Häusern und Geschäften, an Gefühlen und Plänen, an Büchern und Maschinen, und wie er den einen, einzigen Ruck haben wollte, wo alles das riß, und er so allein war im Raum, wie nur die Seele eines Mörders allein ist, die zwischen Sternen sitzt und friert.

Dummheit friert an mir. Aber ich schreibe ihnen, sie möchten entschuldigen, ich wäre gestern betrunken gewesen, und sie möchten mich gefälligst ... Heut noch schreib ichs, denn wenn ichs heut nicht tue, so fällt mir morgen ein, mich an ihre edlen Regungen zu wenden und dem Konvent eine freundliche Rede zu halten, und dann bin ich schon ihresgleichen, und sie kriegen mich doch herum. Oder am Ende ists heute doch nur der Alkohol im Leibe, und wenn morgen früh die Sonne scheint, denk ich, es wird schon gehen, oder daß ich wieder acht Tage verreisen kann, und daß sie mich auf vier Wochen hinaushängen, oder daß ich einfach versuche, zu tun, was mir paßt, zu ihnen gehe, wann mirs beliebt, und warte, was _sie_ tun. Warum soll ich auch handeln? Wär es eine Gemeinheit, ein Verbrechen, das man bereuen könnte, Herrgott, so hätte man doch was _getan_! Nun ists bloß eine Dummheit, und -- ist das ein Mensch, der Schatten da? Ich bin ja ganz schreckhaft geworden! --

Hinter der nackten Esche, die vom rechten Ufer her ihren riesigen Ast kahl und schweigsam über die fahle Fläche reckte, kam der Schatten hervor, trat dicht ans Wasser und stand dort, seltsam, als ob er hinge, dunkel vor der Undeutlichkeit des Parks und dem bleichen Scheinen im Wasser. Nach einer Weile glitt er fort und verschwand zur Rechten hinter Gebüsch. Georg nahm seinen Stock von der Bank, drehte sich seitwärts, legte das linke Bein über das rechte, den rechten Ellenbogen auf die Banklehne und den Kopf auf den Unterarm.