Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 38

Chapter 383,695 wordsPublic domain

Da ist eine andre Bühne. Da ist ein Freund, ein guter Mensch, nun wird alles gut werden. Eine Rolle ist da, nicht so groß, aber gut genug, um zu zeigen, wieviel heller die Sonne brennt, und es geht ja vorzüglich, der Freund hilft, Alle staunen. Ein Tag kommt, da ist der gute Freund nicht mehr der Freund, er riecht, er ist ein Feind geworden, aber was schadets? Die Sonne ist da, die Sonne genügt.

Der Abend ist da, die Sonne kann nicht ihre ganze Kraft brauchen, aber man sieht sie hell genug, und daß sie heller sein könnte. Man ist zufrieden, man schläft wieder einmal, man hofft -- aber was steht denn in den Zeitungen? Es war nichts, es war alles so übertrieben, kein Verständnis für den Umfang der Rolle, in ganz verkehrten Händen, eine Anfängerin, die bescheidener sein sollte ...

Sinds denn schon Jahre geworden? War es denn so? War es nicht ganz anders? viel mehr? Wie gingen denn die Jahre? Ging man denn immer spazieren im Park, im Feld, in den Straßen? Nähte man die alten Kleider immer noch einmal um? -- sie lachen schon lange im Salonstück, so geht es nicht weiter, mein Fräulein! -- Aber meine Gage ...

Gage liegt auf den Straßen reichlich genug zum Aufheben. Die arme Seele will die Gage von der Straße nicht, sie wartet, sie hat ja Geduld, sie steht Tag für Tag im häßlichen Zimmer und lernt, für später, die Sonne brennt, sie vertausendfacht ihre Kraft in tausend Gestalten, Alle haben die Sonne in der Brust, sie sehnt sich, sie lernt, sie lernt, sie hungert, sie weint längst nicht mehr ...

Ach, kann man das schreiben? Es war ja nicht so, es war ja alles ganz anders. War die Welt etwa schlecht? Warfen sie sich Alle über die eine arme Seele her und wollten sie zerdrücken? Die Welt ist nicht schlecht, die Menschen sinds nicht, es will, sagt der kluge Georg, ein jeder nur das Seine und will sich nicht hindern lassen dabei, aber -- die arme Seele hatte kein Glück.

Kein Glück? Es sind Jahre geworden, aber nun ist das Glück da, der Tag ist da, der -- Tag ist. Eine Rolle ist da, und alles geht sehr schnell, eine Aushilfe, der Direktor zuckt die Achseln, aber man kann ja die Rolle, im Schlaf kann man sie, und man spielt, und die Sonne brennt und strömt aus Augen und Kehle, aus den Gliedern und dann -- am Morgen nach dem glückseligen Abend, wo sie Alle ihr um den Hals fielen, der armen Seele, und sie küßten und weinten, und sie kaum schlief vor Trunkenheit -- was steht in den Zeitungen der kleinen Stadt? O welche Empörung! War das nicht Babel? War das nicht abscheuliche Realistik? (Und war doch nur Stil gewesen, nur Stil, so dumm ist die kleine Stadt!) Die Welt war nicht gut am Morgen, die Menschen hatten alles vergessen, was die arme Seele für unvergeßlich gehalten, in den Zeitungen stand, daß man es vergessen müßte, der Direktor war ja nicht unfreundlich, es tat ihm leid, aber -- Sie sehen, Severin, Sie sind nicht für hier ...

Aber die Sonne, ein Widerglanz ganz klein saß er doch in einer Zeitungsspalte, ein Keim, der aufging, und da war man in einer andern Stadt und spielte sich aus, das Glück war da, die Sonne brannte, brannte sehr schön im klassischen Stück. Aber im klassischen Stück war das Parkett leer, im Salonstück saßen die Offiziere und Damen, -- die Toiletten der Severin waren unmöglich, und waren doch so schön, wie die größere Gage erlaubte, die Sonne brannte ...

Warens schon viele Jahre?

O der wahn--witzige Durst! O die wütende Sehnsucht! O die Verzweiflung! All die vergebene Arbeit und Müh! Man ging wieder spazieren. O brennende Nächte, Fleiß, Fleiß, Fleiß, und Darben, die arme Seele wurde mager und häßlich, was schadete das, sie wartete auf den Tag, sie hatte keine Sorge mehr um Hunger, um Scham und Verzweiflung, wenn eine Rolle kam und ihr wurde ein Hemd angezogen, das reichte kaum zu den Knien, und die Stimme des alten Feindes sagte: Sie müssen wohl selber sagen, Severin, mit den Beinen ... Tage und Nächte. Alle Bücher gelesen, alle Rollen studiert, alle Werke, Geschichte, Kostümkunde, Biographien, die Sonne brannte, ein Morgen kam, grau, grau, sie war allein, kein Licht mehr.

Schon viele Jahre ...

Da kam ein Mensch. O zart, o schön und ganz sanft wie ein Engel. Sein Blick durchbohrte die arme Seele, er war rein. Verkündigung, dachte sie, o Engel, bist du's? Ein Dichter, er hatte ein Stück geschrieben, Theodosis, das wurde aufgeführt, die arme Seele sollte spielen, sollte sagen:

Ich wollte ihnen dienen. O in Schauern Sollten sie stehn und horchen: Hört, es klingt Die Erde, ja die Erde klingt, die alte. Wir sind geliebt, wir Menschen sind geliebt, Denn eine Blinde baut uns goldne Brücken, Denn eine Stimme kam, um uns zu dienen ...

Und da -- gnädiger Gott! -- war die Erwartung zu groß? Wars schon zuviel? Da erkannte die arme Seele, daß sie all die Zeit noch ein andres Leben mit sich getragen hatte, geheim, von dem niemand wissen durfte, aber Er, Er mußte es wissen, er würde nicht richten, sie dachte: du bist rein, alles ist rein vor dir, auch dies Leben. Er war rein, aber er war zart. Er ertrug nicht den Anblick, er ging fort. Keiner erfuhr, wohin. Als Jahre dahin waren, konnte die arme Seele in einem Zeitungsblatt lesen, daß im Walde eine Leiche gefunden war.

So furchtbar war ihr andres Leben ... Ich zeige es auch Dir.

Erlosch die Sonne? Das Stück ward nicht gespielt, die arme Seele brach durch.

Nein, es kam ja das Glück. Wie hatte der große Mann von ihr gehört, in der königlichen Stadt, vor dem die Könige spielten und in Gold und Seide gingen? Wie konnte denn das Firmament sich neigen wollen? Die arme Seele sollte dort hinauf, die Sonne sollte vor Allen brennen, der große Mann wollte es. Die Seele war nicht gebrochen.

Die Sonne brannte, es war ein alter Vertrag, in dem stand: noch ein halbes Jahr, die arme Seele wollte ihn halten. Weshalb? Sie hatte zuviel Geduld gehabt. Der große Mann würde warten, noch ein halbes Jahr, die Sonne brannte, der große Mann wartete nicht.

Aus wars mit der armen Seele. Abend und Nacht und Morgen, die Sonne war aus, aus war das Leben.

Nun, wie war es denn? Warum saß die arme Seele im Theater wieder wie jeden Abend? Freilich, sie war nun zufrieden mit allem, sie wußte, lange dauerte es nicht, die Menschen waren ganz fern, der armen Seele war leicht, die Menschen hatten sie glücklich gequält.

Sie hatten mich glücklich gequält, Georg, und an diesem Abend kamst Du.

Deine Augen sagten: bist du's? Deine Augen sagten: steh auf! Deine Augen sagten: geh voran, ich komme.

Eine Brücke. Wo warst Du, Georg? Glück und Segen, dachte die arme Seele, er kommt, etwas soll noch sein. Und kommt er nicht, so ist hier die Brücke, das Wasser ist unten, es geht ja schnell.

Glück und Segen, geliebter Herr, und höre nun von dem anderen Leben!«

* * * * *

Georg -- sein ganzes Blut lag ihm im Innern, zu einem glühend kochenden Klumpen geballt -- sah sich jetzt aufstehn, zur Wand gehn, die Arme dagegen legen und den Kopf auf die Arme und -- -- nein. Nahe vor ihm lag ein schlafendes Gesicht, die Augen fest geschlossen, aber der Mund lächelte vor sich hin, hatte nicht aufgehört zu lächeln, schwelgte im Lächeln und wußte, wußte ...

Er sah auf das Blatt. Da war wieder der siedende Katarakt, an dem er eben gestanden hatte, war diese Feuersbrunst von Leiden, die in seinen Ohren leiblich getost hatte, dies Gigantengehämmer der Qual. All dies in Cordelias Brust, seiner Cordelia, der immer heitern, immer kindlichen, seligen, immer -- nein, einmal war der Schmerz ausgebrochen, das Untier, aufbrüllend, alles zerfetzend mit dem Hieb seiner Pranken, einmal ... Einmal ist nichts, und hier war das Lächeln.

Georg nahm die Blätter wieder vor und las weiter.

»Du hast gesehen, Georg, daß die arme Seele eine Schwester hatte, und hast sie wohl abstoßend gefunden. Da die arme Seele selber sie kannte vom ersten Blick des Lebens, war sie die Häßliche immer gewohnt. Und diese Häßliche hatte ja auch das >Schönste<. Das >Schönste< war vom ersten Bewußtsein des Lebens an, später erst lernte sie, daß die Schwester es hatte, daß es sich von ihr immer bekommen ließ, und noch später, daß es sich nur von ihr bekommen ließ, und daß niemand sonst davon wissen durfte; und noch viel später endlich, daß es kein >Schönstes< war, sondern ...

Wenn die arme Seele kaum in ihrem Bett lag am Abend, das Licht gelöscht war und Alle gegangen, die beim Auskleiden und Waschen geholfen, gescherzt und gelacht hatten, dann ging leise die Tür, die viel ältere Schwester kam herein und stieg zu ihr ins Gitterbett, und dann ...

Laß, Georg, laß! laß doch los, Georg, ich kann ja nicht!

* * * * *

Seltsam! Als ich die letzten Worte schrieb, wars Nacht, es ging schon auf Morgen, ich legte mich und schlief bald. Nun ist auch Morgen und Mittag gewesen, ich habe wieder eine Stunde geschlafen, und plötzlich ist alles verwandelt. Ich weiß so viel, alles glaube ich zu wissen, ich glaube, ich darf ...

Es ist fast, als hätte ich Dirs gesagt. Du hast ja verstanden, Georg, Du bist ein Mann -- Männer verstehen ja solche Dinge, auch wenn man sie gar nicht meinte, also hast Du verstanden.«

Georg sah die Tote an. Ja, sagte er, ich habe verstanden. Aber --, -- er wußte nicht weiter. Er las.

»Nein, nichts habe ich Dir gesagt, ich weiß es, und doch -- ich glaube, ich darf. Auf einmal ist auch das Gewebe fertig, an dem ich so lange gesponnen habe, ohne es zusammen zu bringen, das ich meiner Schwester überwerfen kann, damit sie mir ein halbes Jahr läßt. Ein halbes Jahr, das genügt, und mehr ist unmöglich.

Ein halbes Jahr Glück. Mir ist eingefallen, daß ich ja die Sonne habe. Zwar ist sie eigentlich so beschaffen, daß sie nur vor Vielen brennt, aber ich denke, sie wird sich nicht versagen.

Ich will kommen und will spielen, Georg. Wundersam, nicht? daß man sagt: spielen. Ein halbes Jahr, ich bin glücklich, bins schon, ich brauche nichts zu erfinden, nur die Lüge muß ich verbergen, nur dazu ein wenig Spiel; und ein wenig, wenn es -- wenn es einmal schwer ist, zu spielen. Oh ja, nun werde ich spielen!«

Georg fühlte die Glut auf der eigenen Stirn. -- Also das wars? Sie hat gespielt und gelogen, und ich habe gelogen, wir Beide. Oh Gott sei gelobt, daß ichs getan habe! durchfuhrs ihn, ich hätte ihr am Ende noch das Letzte zerstört.

Er suchte die Zeile, wo er aufgehört hatte, wieder und las:

»Ein halbes Jahr -- und dann der Tod. Ein halbes Jahr lügen und dann die Wahrheit. Ich sehe das halbe Jahr, es glänzt; und ich sehe die Stunde, wo Du dies liest. Weißt Du nun alles, Georg? Richtest Du, wie der Arme, Zarte nicht richten konnte und doch zerbrach und hinging; tragen wollte und doch nicht konnte und vielleicht anfing, die Sterne abzuzählen auf das Rechte, und steht noch heute und findet es nicht heraus ... Weißt Du noch den Anfang, vor einem Monat, weißt Du nun, warum Du mich gar nicht verstehen konntest? Weißt Du, wie ich in Deine Tür kam und vor Staunen verging?«

Georg sah und wußte alles. Ihre Andacht, ihre grenzenlose Beklommenheit, und wie sie am Boden kniete und sagte: »Ich bin dein eigen« ... Und dann, in der Finsternis, am Wasser, wie sie heraufgestiegen war, auf den Knien lag und aufseufzte den einen tiefen Seufzer, und dann lag und weinte und aufstand, fortging und nicht mehr kam ... Dann hatte sie einen Monat gerungen, dann kam das halbe Jahr, -- und er hatte nichts gewußt. Sie hatte die Hölle unter ihre Füße gestampft und stieg herauf, wie ein Engel rein, sie ... Georg faßte behutsam den Mantel und zog ihn über ihren Gliedern fort, bis zu den Knien, sah leise schaudernd die weiße, im Kerzenschein nicht abgestorbene Haut ohne Makel, wie er sie gekannt, legte den Mantel wieder darüber, das Lächeln ihres Mundes scheuchte ihn ganz zurück, er gewahrte die Blätter in seiner Hand und las, entschlossen, zu Ende zu kommen.

»Genug, Georg, genug. Ich weiß nicht, was Du denkst. Vielleicht denkst Du jetzt, ich hätte sprechen sollen. Vielleicht verstehst Du es gar nicht, denkst, ich hätte es versuchen sollen, hätte den Tag herankommen lassen sollen, wo mein Vampir vor Dich hingetreten wäre und ausgeschrien hätte, was ... Vielleicht verstehst Du auch mich nicht, daß ich dem Vampir so habe erliegen können, so in seiner Gewalt blieb ... Ach, fünfzehn Jahre unwissender, solcher Gewohnheit -- und nichts ist mehr zu retten. Tausend Versuche, und kein Erfolg; aus seinen Krallen gab es ... wozu? Töten -- nicht wahr, Georg? das denkt sich so einfach und nah für den Fernen, aber ich weiß, daß man dazu geboren wird oder anders nicht dazu kommt -- vor dem eigenen Tod.

Ich komme, Georg.

So war das Ende der armen Seele doch beschlossen auf der Brücke, als sie auf Dich wartete und dachte: entweder -- oder. Nur ein wenig hinausgerückt wars, weit genug, um es ganz vergessen zu können für ein halbes Jahr.

Ach, und eine kleine Hoffnung ist noch. Soll ichs noch sagen, Georg?

Ein Kind, Georg, ein Kind. Dann, oh dann, weiß ich, ist alles gut, ist alles andre wie abgerissen, dann ist nur das eine, nur es, das Kind, Tod und Leben ganz gleich, nur nötig das Leben, weil es lebt. --

Ich bin müde, die Welt wird dunkel, ich werde wieder schlafen. Diese Blätter hebe ich auf bis zu dem Tag, wo Du alles wissen mußt. Ich sehe die Zukunft nicht, alles was ich sehe, ist die Sonne in meiner Brust, und daß sie brennt, alles was ich will. Gute Nacht! Ich komme.

* * * * *

Heut war der Abend, an dem ich vor Dir Theodosis spielte, zum erstenmal ganz: spielte. Das Halbjahr ist um, das Zeichen war da, es soll nicht mehr sein. Wie es kommen wird, mag sich zeigen, von heute an ist Abschied.

Glück und Segen, geliebtes Haupt, es war wunderbar! Glück und Segen, die arme Seele ist nicht sehr betrübt, obgleich es schwer ist, von Dir zu gehn. Das Ziel ist erreicht, mir ist nicht bange, ich werde gar nicht mehr spielen brauchen die letzte Zeit. Alles hat sich so geglättet, all das viele Leid ...

Es ist doch alles nur Liebe gewesen. --

Und vielleicht -- auch wenn ich aus dem roten Becher getrunken habe -- nimmt es noch kein Ende mit ihr.

Dann werd ichs wissen.

Erhalte mir Dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben!

bittet die arme Seele Cordelia.«

Georg legte die Blätter leise zusammen und erhob sich. Es war still. Er suchte in sich, die tiefgebrannten Flammen der Kerzen im Blick. Er versuchte, zu begreifen, daß hier Tod war, und was das war: Tod? Aber er fand nur eine unerkennbare Fremdheit. Nicht Angst, nicht Grausen, nicht Schmerz, -- nur eine feierliche Schwere, die nicht drückte. Er heftete noch einmal die Augen auf das Lächeln der Toten, zog schnell den Mantel darüber hoch, nahm das rote Glas an sich, löschte dann eine nach der andern die Flammen und ging leise durch den Raum auf den Lichtspalt der Türe zu, jetzt merkend, daß von dorther der Geruch des brennenden Tabaks kam, den er schon längere Zeit unbewußt wahrgenommen hatte.

Josef Montfort wandte sich im Stuhl um, in dem er, den Rücken der Tür zugewandt, in der Nähe eines Sofas saß, das an der Wand stand. Er rauchte, an der Erde stand eine Kerze im Blechleuchter, ein Wasserglas mit rötlichem Bodensatz und eine Flasche Wein. Es hätte behaglich ausgesehn, wenn nicht auf dem Sofa der weibliche Körper gelegen hätte; allein als Georg, Ekel und Schauder, die heftig in ihm aufstiegen, überwindend, hinzutrat, war auch hier nichts Abscheuliches mehr. Montfort hatte der Toten die Hände zusammengelegt, sie lag grade, die Augenlider waren geschlossen, die Zungenspitze verschwunden, der Mund geschlossen, sie sah müde, friedfertig und gut aus. Montfort zeigte ihm alles deutlich, indem er die Kerze hochhielt und leuchtete. Dann gab er ihm auch den Zettel in die Hand, den die Tote gehalten hatte, und Georg steckte ihn in die Tasche zu dem übrigen. --

Leben wir, so leben wir dem Herrn ... Dem Herrn? dem Herrn? Nun gleich, das Wort enthielt ja wohl alles, und wenn Cordelia es für die Schwester geschrieben hatte, so war auch hier alles geschehn.

»Wollen wir gehn?« fragte er Montfort. Der nickte, ließ ihn voran bis zur Tür und löschte das Licht.

Die Taschenlaterne leuchtete ihnen nach unten. Im Hof fiel es Georg ein, daß sie kaum würden aus dem Hause kommen können, doch zeigte Montfort, ehe er etwas sagen konnte, einen Schlüssel, lächelte ein wenig mit einem Auge und sagte: »Ich sorge für alles.«

Auf der Straße, überm Fluß brauten Nebel und nächtliche Dämmerung. Die Laternen waren erloschen. Montfort warf das Ende seiner Zigarre über das Geländer, die rote Flugbahn erlosch, er sagte, Georg unter den Arm nehmend:

»Ich muß Sie um einiges bitten, lieber Freund. Erstlich, zu vergessen, daß Sie mich hier sahn, jedenfalls vor jedem, der mich kennt. Ich weile unbekannt hier. Zweitens sich nicht weiter zu wundern, daß Sie mich trafen. Es dürfte Ihnen ja kaum unangenehm gewesen sein. Mich selbst wundert es durchaus nicht, da ich seit Kindesbeinen, möchte ich sagen, die Gewohnheit habe, an Stellen aufzutauchen, wo sich das Fürchten lernen läßt. Gelernt habe ich es leider nie. Das Unglück meines Lebens. Nun -- ich hoffe, wir plaudern ein ander Mal darüber. Sehen Sie, da sind wir über die Brücke. Übrigens -- mit Ihrer Erlaubnis würde ich nichts dagegen einzuwenden haben, wenn Sie mir ein Bett anböten für die Nacht; bis zu dem meinen wäre es verteufelt weit in Anbetracht der Stunde. -- Ja, noch etwas: mein Gesicht. Sie haben vermutlich bemerkt, daß etwas damit nicht in Ordnung ist. Nun -- auch darüber werden wir plaudern, wenn uns das Leben wieder zusammenführen sollte, was, wie ich hoffe, in für Sie weniger schwerer Stunde der Fall sein wird.«

Georg, willenlos übergossen von der plätschernden Suada, blieb nun stehn, da sie bei der ersten Laterne angelangt waren, blickte Montfort an, blickte zu dem Glaskäfig auf, in dem der Glühstrumpf atmete, und dachte: Habe ich denn nun alldas geträumt? Wann stand ich denn schon einmal neben einer solchen Laterne? War das nicht -- als ich Renate zum ersten Mal sah? -- Er zuckte zusammen. Seine linke Hand fühlte die Papiere in der Tasche, seine rechte das warme Glas. Kein Traum. Cordelia war tot. Aber auch kein Schmerz kam hoch in seiner Brust; im Dunkel wehte es auf, lächelte tief, und entschwand. Georg ging weiter.

Allein! sagte jemand tonlos in seiner Nähe; allein, allein, allein.

Hier enden des fünften Buches neun Kapitel oder ebenso viele Monate.

Sechstes Buch. Fragmente aus den halkyonischen Jahren III oder Die Schleuse

Erstes Kapitel: November

Berlin

Georg sah, als er eines Nachmittags den dunklen Gang in seiner Berliner Wohnung hinunterging, einen Brief hinter der Korridortür liegen, augenscheinlich durch den Postschlitz geworfen, und erkannte im Aufheben mit Verwunderung und Verdruß nicht nur seinen Berliner Pseudonymen, sondern auch Bennos Handschrift: die Universität, an die adressiert war, hatte den Brief nachgeschickt. Äußerst mißgestimmt gegen Benno, der sein nachdrückliches Verbot des Schreibens übertreten hatte, stopfte er ihn in seine Manteltasche, und erst, als er im vollbesetzten Stadtbahnabteil an der Türe lehnte, gab er der Reizung des Verschlossenen in seiner Tasche nach -- dazu dem Verlangen nach einer Beschäftigung, das von dem stumpfen, gerüttelten Beisammensein mit den ereignislosen Gesichtern der Mitfahrenden hervorgerufen wurde -- und öffnete, sehr widerstrebend, den Brief. Nur mit den Augen zu überfliegen und wieder fortzustecken willens, las er:

Altenrepen, den 26. 11.

Ja, mein Georg, so siehst Du mich Dein strenges Gebot übertreten. Aber Du kannst, nein, Du kannst nicht verlangen, daß ich es halte, daß ich weiter in dieser alltäglichen und -- ach mehr noch! -- allnächtlichen Sorge und Ungewißheit um Dein Ergehen hinlebe. Ich bitte Dich, gieb mir ein Lebenszeichen! Wenn ich an Dich denke, sehe ich Dich in diesem entsetzlichen Berlin wie in einem Mahlstrom umgetrieben, es flimmert mir vor den Augen, Dich, allem Schönen, Reinen, Edlen so hingegeben und nun so zu Boden gedrückt durch das furchtbare Erlebnis, in der Einöde zu denken, die der Name Berlin vor meinen Augen entstehen läßt. Georg, die Nacht, wo Du mir von Cordelia sprachest, die Tote selbst, ihr Lächeln, der schauerliche öde Raum unter dem Dach -- unzählige Bilder, die nicht vor meinen Augen weichen, werde ich im ganzen Leben nicht vergessen. Ich träume davon, es läßt mir keine Ruhe, auch ist ja niemand da, mit dem ich darüber sprechen könnte. Elfriede -- ich versucht' es, aber -- was kann sie davon verstehn, die nichts sah, noch mein Empfinden für Dich teilen kann; ihr muß es ein fremdes schauerliches Märchen bleiben, und von vielem darin hätte ich kaum einmal gewußt, wie es ihr sagen. Ich bin manchmal recht allein, Du fehlst mir täglich, ich spreche mit Hesekiel von Dir, aber -- der Sprachschatz des Armen ist recht beschränkt, -- ach, unsre schönen Gespräche! Wird all das jemals wieder kommen? Auch Magda ist fort, -- willst Du sie wirklich nicht aufsuchen? Sie würde doch sicherlich ein gutes heilsames Wort, ein linderndes Mitschweigen für Dich haben. Genug, ich sehe längst Deine Unzufriedenheit, und vielleicht -- ich hoffe es ja -- sind all das auch nur Einbildungen von mir.

Ich bin fleißig, Elfriede ist heiter und engelhaft wie je, und mein Leben könnte das glücklichste von der Welt sein, ohne -- Du weißt, wie ichs meine.

In Treue Dein alter Benno

Kümmerlich, dachte Georg, sehr kümmerlich ist das! indem er den Bogen faltete und in das widerspenstige gelbe Seidenpapierfutter des Umschlages pfropfte. Guter Benno, deine Sorge ist ebenso rührend schön -- für dich, wie herzbeleidigend für mich. Außerdem geht mirs glänzend, und alles was du schreibst, ist Unsinn. Du -- -- Überdem wurde die Tür hinter Georg aufgerissen, drei und mehr Menschen drängten herein und ihn bis zur gegenüberliegenden Tür -- sehr ärgerlich! denn was hatten sie auf diesem winzigen Tiergartenbahnhof, wo überhaupt niemand einzusteigen pflegte und deshalb auch niemand einzusteigen hatte, obendrein in seinem Abteil zu wollen? giftete er sich. -- Eingezwängt stehend, eine Hand am Gepäcknetz, ließ er seine Verstimmtheit gegen den Freund weitertosen. Wie er mich bloß so falsch verstehen konnte! Als ob nicht mein ganzer Jammer eben darin bestanden hätte und bestünde, daß sie -- daß sie tot ist, nichts als das, fort mit allem, jenseits, zugedeckt mit diesem Lächeln, das mich verfolgt ...