Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 37
Georgs Kopf sank langsam vornüber auf das Blatt und lag fest. Als die Umnachtung wieder gewichen war, sprang er auf, riß alle Kraft, die zu erreichen war, zusammen in das Jagen seines Herzens, sah Hesekiel stehn und sagte: »Weißt du, was geschehen ist, Hesekiel?«
»Is ein Unglück geschehn, Herr Doktor?«
»Es -- es scheint so, Hesekiel. Sage mir jetzt -- kannst du mirs genau sagen: warst du allein im Haus, als du gingst?«
»War ganz allein, Herr Doktor, sell kann i --«
»Wann bekamst du diesen Brief?«
»Gestern abend, Herr Doktor. Gnä Frau gab ihn mir. Gestern abend wars, so um halber acht herum.«
»Und was sagte sie?«
»Sehr lieb und gut war s', wie halt immer. Gab mir den Brief und sagte, daß ich ihn bringen soll, heint, wenn dunkel wär. Ach, Herr Doktor, is am End gar g'storm, gnä Frau?« Hesekiel fing an zu weinen.
Georg legte ihm bewußtlos die Hand auf die Schulter. -- »Ich muß sie sehn,« fuhr er dann auf, »ich muß wissen, muß -- Hesekiel, sage mir -- besinne dich, sage mir: weißt du die -- die andre Wohnung von gnä Frau?«
»Sell weiß i net, Herr Doktor.« Georg sah es wieder dunkel werden. »Man könnt am End -- am End könnt ma nachschlagen im Adreßbuch ...«
Natürlich, mein Gott! das gabs ja, Adreßbuch ... Georg lief ins Ankleidezimmer, wühlte Mütze und Mantel hervor, dann stand er wieder vor Hesekiel, sah gleichzeitig den Stoß Blätter noch ungelesen auf dem Tisch liegen, raffte ihn samt dem Brief auf und steckte ihn in die Tasche. Hesekiel nahm er mit sich ins Freie und schickte ihn mit irgendwelchen Worten nach Haus.
Cordelia nicht mehr da! Nicht mehr da, mehr da, mehr da ... Das Ende ... das Ende ... Georg jagte die Allee hinab, über den Platz, auf ein erleuchtetes Schild >Schloßwende< zu, stand dann vor einer Theke, eine Frau gab ihm ein Adreßbuch, er blätterte, suchte, er fand endlich: Severin, Karl, Tischler; Severin, Doktor; Severin -- plötzlich, furchtbar deutlich: Severin, V., Privatiere, und C., Schauspielerin, Inselbrückstraße 9, Hinterhaus 2 Treppen.
Georg lief wieder durch schwarze, nasse Straßen mit Laternen. Inselbrückstraße -- ganz in der Nähe -- Gerberstraße -- Inselbrücke -- da war die Hartwigstraße, er bog ein ... Severin, V., Privatiere ... O, sie hatte eine Schwester! -- Georg mußte an einer Laterne stehen bleiben und den Schweiß von der Stirn trocknen. Er merkte plötzlich, daß er sich fürchtete. Inselbrückstraße, eine verrufene Gegend ... Er schüttelte den Kopf und ging weiter mit lahmen Füßen, dann wieder schneller durch die enge Buchbinderstraße, wo es fast finster war. Er hörte Schritte hinter sich, längere Zeit, plötzlich eine Stimme, die seinen Namen sagte, blieb stehn und drehte sich um. Ein großer, breitschultriger Mensch zog den Hut, es war -- war? -- Josef von Montfort. Merkwürdig sah sein Gesicht aus ...
»Aufs höchste entzückt, lieber Prinz! Sie erinnern sich doch meiner?« Der fast schmerzhafte Händedruck brachte Georg zu sich. »Ja, da streift man so herum durch abenteuerliche Gegend, und da findet man die Erlauchten. Aber -- mein Gott, Prinz, wie sehen Sie aus? Was ist Ihnen?«
Georg fühlte, daß sich ein Arm um seine Schulter legte, daß er weitergeführt wurde, und vergaß sein Erstaunen über die Begegnung vor großer Erleichterung.
»Ich verstehe, ich verstehe schon«, hörte er begütigend hinter sich sprechen. »Ein Unglück, ein Schmerz, eine Tote vielleicht? Kopf hoch, mein Junge, nur ruhig, nur ruhig! Wohin geht der Weg?«
Georg sagte: »Zur Inselbrückstraße. Ich bekam einen Brief. Ich -- jemand wohnt dort, der ... Ich war nie dort ... Ich wäre dankbar ...«
»Gewiß, aber gewiß! Nun nur ruhig! Wir werden alles an uns herankommen lassen. Inselbrückstraße -- eine böse Gegend. Und die Nummer? Sehen Sie, da ist die Brücke schon!«
Die Brücke, überragt von eisernen Trägern und Balken, lag schwarz im Schein ferner Laternen, umrieselt von leuchtendem Nebel. Georg nannte die Hausnummer. Als sie fast hinüber waren, sah er zu seiner Linken, am gemauerten Flußufer hinunter die Inselbrückstraße, Laternen, dampfend, dunkle Häuser und helle Fenster. Montfort, der die Hand unter seinen Arm geschoben hatte, schwieg. Gestalten kamen, nicht als ob sie gingen, sondern wehten, weibliche, in Pelzen und riesigen Hüten, ein Mann schlich an der Hauswand, zwei weibliche blieben stehen, Georg sah ihre gefärbten Gesichter deutlich im Vorbeigehn. Er hörte Montfort etwas murmeln, fühlte sich angehalten und blieb stehn. Nun bekam er sich wieder fest, las von einem, viereckig um eine Lichtkugel gebogenen Glasstreifen >Unionkino< in roten Lettern und sah eine transparente Glaswand darunter leuchten von Schrift und gemalten Indianern. Daneben war ein schmaler Hausflur und daneben eine große, dunkle Torfahrt mit geschnitzter Tür, über der in einem kleinen blauen Oval deutlich eine goldene Neun erschien. Montfort erfaßte den Drücker und bewegte ihn, die Tür war zu.
»Das war zu denken«, sagte er. »Und dies Haus --«
Indem lehnte sich zu einem offenen Parterrefenster neben der Torfahrt ein fettes Weib heraus, rief: »Man Geduld, meine Herren, ich komme sofort!« und verschwand.
»Um Gottes willen, das ist ein Bordell!«
»Ja, da wollen wir nicht hinein. Kommen Sie, es wird sich anders machen lassen.« Montfort zog ihn zu dem Hausflur, in dem Georg jetzt einen Billettschalter entdeckte. Montfort bezahlte, empfing zwei rote Billetts, sie traten auf einen Vorhang zu, der den Flur versperrte, doch wurde er im selben Augenblick von drinnen zurückgeschlagen. »Erster Platz!« rief eine weibliche Stimme, ein Mann ließ sie eintreten, Georg sah Finsternis, dann einen Lichtkegel, der aus dem Hintergrund breit nach vorn flutete, darunter eine Menge beleuchteter Gesichter, ebensolche gerade vor sich, etwas höher, Stehende, die nun vor ihnen bereitwillig auseinander wichen, da der Mann sie den Gang hinunter führte. Sein Gesicht war Georg plötzlich ganz nahe, indem er sagte: »Einen Augenblick, meine Herren, es wird gleich hell.« Dann ging er wieder nach vorn.
Eine Weile standen sie, und Georg sah das Flimmern und Zucken der schwärzlichen Bildfetzen auf der Leinwand. Dann fühlte er sich an der Hand ergriffen, Montfort zog ihn zu einer Tür, über der ein Licht war und auf einem Pappdeckel >Erfrischungsraum< zu lesen stand. Nun war da ein kleiner Flur mit Türen links und rechts und schräg gegenüber. Auf der linken stand wieder >Erfrischungsraum<, über der rechten >Toilette<, Montfort trat zu der gegenüberliegenden -- ein rotes Licht neben der Aufschrift >Notausgang< brannte darüber --, öffnete sie, sie standen in einem dunklen Hof. In der Nachthöhe hier und da schwebte ein leuchtendes Fenster. In der Rückseite des Vorderhauses waren viele große Fenster hell, und Georg konnte durch ein offenes in einem erleuchteten Raum einen Mann sehn, der sich ein wollenes Hemd über den Kopf streifte, worauf ein gelber Vorhang davorfiel.
Und nun fiel ihm ein, daß er hier Cordelia suchte ...
Im Finstern hinten waren zwei wandgroße Öffnungen, in denen es gräulich dämmerte. Montfort murmelte etwas von Speichern und dem Fluß, während Georg hinter ihm über das glitschige Pflaster ging. Eine Türöffnung war da, ein Flur, ein Treppenhaus, und auf einmal ein kleiner Lichtkegel, der umher tastete. »Wieviel Treppen?« fragte Montfort; Georg erwiderte: »Zwei!« Sie tasteten sich vorwärts, stolperten über Stufen, dann sah Georg im Lichtschein der kleinen Taschenlaterne das Geländer und die Stufen der Treppe und folgte Montfort hinan, krampfhaft bemüht, zu vergessen, was bevorstand. Das Steigen dauerte endlos, die Hand am Geländer. Endlich stand Montfort vor einer Türe still und sagte: »Wir sind oben.«
Sie mußten unter dem Dach sein. Der Lichtkegel schöpfte aus der Tür ein Porzellanschild heraus, auf dem klar und leserlich der Name >Severin< stand. An der glatt braun gestrichenen Türfläche war nur ein metallener Knopf. Indem erlosch das Licht.
Das dauerte wieder endlos ... Anklopfen -- Warten -- Anklopfen, lauter. Die Schläge dröhnten durch das Haus. -- »Wir müssen öffnen«, sagte Montfort. Das Licht blitzte wieder auf und erlosch, Georg hörte rütteln; gleich darauf flog die Tür gegen seine Stirn, daß er zurückfuhr.
»Nun bitte ruhig sein,« flüsterte Montfort, »ich werde vorangehn. Aber da ist ja Licht!« Er zauderte.
Undeutlich quoll das rötliche Leuchten aus dem Hintergrund, wie es schien, über eine Wand empor, die halbhoch war. Im wiederaufleuchtenden Laternenschein gewahrte Georg Schränke, einen Stuhl, ein Sofa an den Wänden eines kleinen Korridors, dann erlosch das Licht wieder, und Montfort sagte leise: »Ich habe etwas gesehn, warten Sie«, worauf Georg ihn nach links hinüber gehn sah.
Dort -- er zuckte zusammen -- stand ein Mensch, stand ganz gerade und still; nur den Kopf hielt er tief gesenkt. Darüber war das bleiche Quadrat eines schrägen Fensters im Dach.
»Nein,« hörte er Montfort laut und langsam sagen, »das kann sie nicht sein«, und trat zitternd näher. »Machen Sie doch Licht«, sagte er.
»Man muß nicht alles beleuchten.«
Und nun sah Georg, da das Dunkel sich aufhellte, einen Kopf mit weißlichem Haar, das Genick und eine Schnur, die nach oben verlief. Arme standen seitlich ab. Alle Kraft zusammennehmend, zischte er wütend: »Machen Sie doch Licht!« -- Aber er fuhr doch gepeitscht zurück, als er die kleine, in Kleidern schlottrige Figur mit abstehenden Armen und hängendem Kopf dastehen sah, die zwischen Zahnreihen hervorstehende Zungenspitze, das Zahnfleisch, zurückgeraffte Lippen, die lange spitze Nase im weißen Gesicht und nun auch das Weiße in halboffenen Augen, aus denen ein schiefer, listiger Blick zu ihm sprang. Dennoch fiel eine Berglast von seiner Brust. »Das Gespenst«, flüsterte er heiser. Und dann, erklärend: »Ihre Schwester.«
»So, so. Aber was hat sie denn da?« Indem machte der Arm des Leichnams einen Ruck und hielt Georg einen langen Papierstreifen hin. Montfort lenkte den Lichtkegel darauf, faßte das Handgelenk und drehte es herum, fing dann an zu lesen:
»Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.«
Er hatte schön und ruhig gelesen, und als Georg jetzt hinzutrat, konnte er sehn, daß es Cordelias Schrift war. In plötzlicher Kälte und Gelassenheit drehte er sich darauf um, öffnete eine lose kleine Tapetentür und fand sich in einem großen Raum mit zur Hälfte schrägem Dach, in dessen Hintergrund auf einem Tisch ein schöner messingner Tempelleuchter mit einigen halb herabgeschmolzenen Kerzen brannte. Darunter funkelte etwas Blutrotes, ein Glas, und dahinter, an der Wand, stand ein Bett, über das Cordelias schwarzer Seidenmantel gebreitet war, weit, bis auf den Fußboden herab.
Lange Zeit kam Georg nun nicht weiter. In seine Augen brannte der rote Becher, und dahinter zeigten sich unbekannte Erscheinungen: eine Frau in einem dunklen Laden mit einem Kopftuch, ein Schaufenster voller Lampen und Geschirr auf Regalen, ein altes, plumpes Kirchenschiff, -- bis er plötzlich, weit rechts von dem Glase, am Ende des Bettes, zwei weiße Füße gewahrte, die gegeneinander gewinkelt emporstanden. Und jetzt zog Cordelias Antlitz wehend vorüber in einem schmerzlichen Gefühl. Er trat näher an das Bett, es waren Umrisse eines Körpers unter den schwarzen Seidenfalten zu erkennen, die stark glänzten. Hier sollte Cordelia liegen ... Und dies waren ihre Füße ...
Und nun sollte der Mantel von oben aufgehoben werden, dann würde etwas -- da -- sein ...
Georg wußte nicht, wie, doch nun hatte er den Mantel aufgeschlagen, und dort lag ein Gesicht und -- es schien Cordelias Gesicht.
Er beugte sich darüber und sah von oben auf zwei festgeschlossene Augenlider unter einer fremden, sehr reinen Stirn, von der das braune Haar zur Seite gestrichen war. Aber dann -- ein Schauder, nie gekannt, rieselte durch seinen ganzen Leib -- sah er das Lächeln eines Mundes, das ausströmte, mit einem namenlosen Triumph, gegen sein Herz.
Plötzlich war alles in ihm ausgelöscht und vernichtet. Nur das Lächeln noch strömte sich unaufhörlich aus. Das ganze, weiße, weiche, sanft gerundete Antlitz unter ihm schwieg in tiefem Schlaf; schwieg sich in Ewigkeit aus, schwieg, leuchtete ihn an mit grenzenlosem Schweigen. Und auch das Lächeln schwieg, schwieg und gebot Schweigen. Da war nur dieser Mund, der sein Lächeln festhielt; festhielt mit beiden hochgebogenen Winkeln, um nicht aufzuhören mit Lächeln, nicht auf-, nicht aufzuhören mit Lächeln.
Und dies war jenseits; jenseits von allem, von jedem Ahnen und jedem Wort. Sie lag und wußte; wußte, daß sie schlief; lächelte, lag, lächelte, weil sie wußte, alles wußte, alles, alles ...
Georg wandte sich langsam fort. Hier war nichts mehr. Kein Tod, kein Schmerz, kein Verlust. Nur -- Ende. Sie war drüben.
Aber, unwollend die Hände in die Manteltaschen senkend, fühlte er Papiere in der einen und erkannte beim Herausziehn Cordelias Schrift. Längere Zeit verging, während es ihm einfach schien, die Blätter in eine der Kerzenflammen zu halten, allein das Gefühl: Cordelia, jene, die Andre, habe sie geschrieben und für ihn bestimmt, hielt ihn zurück. Nach einem Stuhl umherblickend, hörte er ein leises Geräusch; in der rötlichen Lichterdämmerung des Raumes stand die hohe und dunkle Gestalt Josef von Montforts, der zum Bett hinsah -- seltsam, mit einem lebendigen und einem starren Auge, und wie der Länge nach mittwärts gespalten schien sein Gesicht. Georg winkte ihm, näherzukommen, sah ihn herzutreten und vor das Bett, worauf er nach einem Blick auf das Antlitz überrascht zurückfuhr, dann wieder sich überbeugte und in dieser Haltung verblieb, so lange, daß Georg, einen Stuhl entdeckend, ihn herbeitrug. Nun stand Montfort wieder aufrecht, den Blick in die Leuchterflammen geheftet, und sagte nach einer Weile wie zu sich selber langsam: »Das war ja fast zum Fürchten ...« Dann wandte er sich zu Georg.
»Sie wollen etwas lesen?« fragte er mit Zartgefühl gedämpft. »Ich werde nicht stören. Sie werden mir aber erlauben, daß ich Sie nicht allein lasse in diesem Hause.«
Er neigte ernst den Kopf, und Georg sah ihn auf den Fußspitzen durch den Raum zurückgehn und hinter der kleinen Tür verschwinden, -- wobei er sich nun des abscheulichen Leichnams erinnern mußte, der dort hing, doch hinderte ein Streifblick auf den unwandelbar lächelnden Mund alle weiteren Gedanken. Er stellte den Stuhl neben das Bett, setzte sich so, daß er das schlafende Antlitz mit jedem Blick über den Rand des Papiers erreichen konnte, faltete die Bogen auf und las.
»In der Haide; im April
Ein ganzer Monat fast ist vergangen, seit ich Dich zum erstenmal sah, und zu einem Entschluß bin ich nicht gekommen. So bin ich hierher gefahren in den kleinen Haideort, dessen wunderlicher Name Cananoë lieblich an Kindheit und die geheimnisvollen Kähne der Indianer erinnert, die man Kanoee nannte. Es ist kühl, windig, der Himmel bewegt -- zum Abschied, zum Willkommen? -- er selber weiß es kaum, wie es scheint, ob es Herbst ist oder April hier unten in der Welt. Meine Fenster zu ebener Erde im kleinen Bauernhaus gehen auf den Obstgarten hinaus, der noch ganz kahl ist, und ich kann beim Schreiben durch den Raum hinten die braune, kahle Haide zu Hügeln mit schwarzen Wacholderstauden ansteigen sehn, und dahinter den blauen Himmel, in den kleine und größere Wolkenballen lichtweiß unaufhörlich hineinquellen ... Und unaufhörlich wechseln Sonnenschein und Beschattung. Zu hören ist nichts als der Wind und fernes Schnattern von Enten.
Und so will ich denn einmal mein ganzen Leben ausbreiten vor mir und vor Dir, denn ich ahne wohl, daß Du einmal diese Zeilen lesen wirst. Ausbreiten wie ein elendes Gewand, an dem alles und alles zerrissen ist. Und muß wohl anfangen mit dem Anfang. Wie soll der Anfang heißen? -- Es war eine arme Seele.
(Denn sie war ein paar Jahre im Paradiese der Kindheit und dann immer im Fegefeuer.)
Das Haus, in dem sie geboren wurde, hätte seinem Namen nach das allerheiterste sein müssen, und für die arme Seele, die sieben Kinderjahre darin verlebte, war es das auch. Viele schöne, blondhaarige und schwarzhaarige Wesen in himmelblauen und rosenfarbenen Gewändern waren im Wachen und Träumen um sie her, pflegten sie, badeten und liebkosten sie und lachten beständig, und als sie erst so alt war, daß sie Märchenbücher lesen konnte, wußte sie ganz genau, daß es Feen waren, und sie ein Königskind, alldieweil nur solch eines Feen und Elfen zu Dienerinnen haben konnte, alle Tage Schokolade trinken und Zuckerwerk essen, soviel sie mochte. Dazu gab es allezeit, besonders aber am Abend, eine himmlische, geheimnisvolle Musik zu hören, auch des Nachts, wenn sie einmal aufwachte, Musik und Gesang, Gelächter und Gläserklirren aus den schönen Zimmern und Sälen voller Spiegel und Lampen und kostbarer Teppiche. Und von Allen wurde sie liebgehabt, wurde geküßt und gedrückt, war immer die einzige ihrer Art und führte das wunderbarste Leben. Du verstehst wohl, daß es ein Freudenhaus war. -- Ihre Mama, eine große, dunkle Frau mit blitzenden Steinen in den Ohren, war die Herrin, der all die Schönen dienten und zuweilen böse von ihr gescholten wurden. Dann legte die arme Seele sich ins Mittel, es gab Gelächter, und alles war in Ordnung.
Diese herrlichen Tage dauerten, bis die arme Seele sieben Jahre alt war. Da kam auf einmal ein großer Jammer und Aufruhr, die Mama lag ganz bleich zwischen Kerzen und grünen Bäumen, Alle weinten, obschon es sehr feierlich war und nicht traurig, also weinte sie auch. Dann kam ein großer, starker Mann mit einem schwarzen Schnurrbart, der schon manchmal die arme Seele auf seine Knie genommen hatte, wenn er einmal da war, und gesagt, er wäre ihr Papa. Er gefiel ihr nicht besonders; böse schien er nicht zu sein, aber er roch häßlich und nahm die arme Seele mit fort.
Nun wurde es beinahe noch herrlicher. Die Feen waren zwar weg, aber dafür kamen die Tiere. Alle Tiere aus den Bilderbüchern kamen, waren ganz zahm und fraßen aus der Hand, Pferde, ganze Reihen und in allen Farben, schwarze, braune und weiße, die buntesten Katzen, Hunde aller Arten, vom kleinsten Rehpinscher bis zum riesigen Neufundländer, Affen in bunten Soldatenjacken, ein großes Schwein, eine Menge Gänse, Ziegen und Esel und die ernsten Kamele, und vor allem zwei ungeheure, graue Elefanten. O und auch wilde gab es, die einen durchdringenden, ganz betäubenden Geruch ausströmten und nur durch Eisenstangen gesehen werden konnten, Löwen, Tiger, Jaguare und Leoparden, und das war mit das herrlichste, ganz klein im Dunkel zu stehn und in dem wilden, starken Geruch und sie hinter den Gittern am Boden liegen zu sehn, ganz schlaff wie Häute, aber sie atmeten heftig, und auf einmal, wenn sie den Kopf hoben, erschienen ihre gelben Augen, die eine Weile Ausschau hielten in weite Ferne ...
Die Menschen dahier waren mit der armen Seele stets lustig und freundlich, jedenfalls die Männer, die fürchterlich stark waren oder fürchterlich gelenkig; sie meinten es gewiß gut, wenn sie die arme Seele mit einer Hand an die Decke schwangen, aber ihr Geruch war schwer zu ertragen. Die Frauen hier kümmerten sich weniger um die arme Seele, gingen bei Tage grau und mürrisch umher und strahlten erst am Abend, wenn die Vorstellung kam und alles anfing zu glänzen.
Und alle paar Tage gabs eine andre Stadt zu sehn und dazwischen wundersame Reisen in der langen Wagenkolonne. Sind denn alle Wandertage durch das flache Land Sommer- und Sonnentage gewesen? Die wenigsten waren es wohl, aber nun ist da nur ein unendliches Lerchengetriller, unendliches Himmelsblau, sind die gelben Wände der Kornfelder, aus denen man mit vorsichtigen Armen große rote Mohnblumen und blaue Cyanen herausholen durfte, sind die weißen Landstraßen mit den vielen Schatten der grünen Wagen und der Pferde, die kurzen, wunderlichen Schatten, die unter einem fortzogen, wenn man sich abmühte, darauf zu treten, und sind die schmalen grünen Streifen zwischen Straße und Grabenrand, auf denen man sich immer wieder lange, lange bis zum Schreien und Winken der ganz klein gewordenen Kolonne vergessen konnte, im Suchen nach einem Vierblatt unter den aberhundert kleinen grünen Blättern des Klees.
Ein komischer alter Mann war da, der immer kaute, ganz vertrocknet im Gesicht, schief, mit einem Holzbein, ein gewesener Clown, dem einer von den Löwen das fleischerne zerrissen haben sollte, der war ihr Lehrer. Er muß viel mehr Kenntnisse gehabt haben, als die arme Seele damals ahnte; viel später merkte sie erst, was alles sie gelernt hatte, ohne je in eine Schule gegangen zu sein.
Im Zirkus zu arbeiten brauchte sie nicht. Sie hatte sich gleich beim ersten Versuch etwas gebrochen, wobei sich herausstellte, daß ihre Knöchlein zu zart waren für diese gefährliche Arbeit. So wars ein glückliches Leben, und das >Schönste< darin ist noch nicht einmal beschrieben.
Später aber wurde alles immer blasser und farbloser, sie wuchs heran, und eines Tages starb auch ihr Vater. Sie und ihre Schwester kamen damals zu einem Onkel ins Haus, der sie ungern nahm, sich aber später mit der armen Seele ganz gut vertrug, ein strenger, trockner Mann, knochig und wortkarg, der einen kleinen Weißwarenladen hatte in einer süddeutschen Stadt und Guttempler war. Hier ging die arme Seele auch eine Zeitlang in eine richtige Schule, aber dann kam eine böse Zeit endloser Kämpfe und Schmerzen, denn sie wollte nun Schauspielerin werden. Sie hatte schon im Zirkus alle möglichen Dichter und Stücke gelesen, und schon als sie noch klein war, angefangen, die Leute dadurch zu belustigen, daß sie ihnen vormachte, wie sie waren, worin sie es mit den Jahren zu großer Fertigkeit brachte. Und die Kämpfe gingen vorüber, die arme Seele bekam einen Lehrer, und einen andern Lehrer, sie kam in eine andre Stadt, lernte und lernte, und das Leben bestand nur noch aus Lernen und Theater und Theaterleuten, und eines Tages hatte sie ausgelernt, und jeder prophezeite ihr eine glänzende Zukunft. Sie hatte auch schon einen schönen großen Vertrag mit einer guten Bühne in der Tasche, und die lange, lange Qual fing an.
Ja, wie ist das? Man meint, man hat eine feurige Sonne in der Brust, und nun wird nur der Vorhang hochgezogen, und die Sonne strahlt, daß alle Bühnenlampen erblinden müssen. Und wie ist das? Ein Theater ist da, da soll man spielen. Aber da sind Viele, die spielen wollen, für jede Rolle bald zwei und drei, man muß warten, o man hat ja Geduld, die Sonne brennt, es tut weh, aber sie brennt, und man wartet. So spielt man die kleinen Rollen, kommt in ein Zimmer, verneigt sich, giebt die Hand, wie mans gelernt hat, und man wartet und hat viel Zeit, weiter zu lernen und -- da sind nun die Männer. Man mag sie nicht, sie riechen schlecht und haben böse Augen und -- man wartet vielleicht auf einen, denn -- man ist eine arme Seele, die nicht viel weiß von der Welt.
Da geht man zum Feind, der der Direktor ist, und bittet um eine Rolle. O, ja, gewiß, die Rolle ist da, sie wartet schon, der Direktor ist einfach und kühl, und man möchte sterben vor Schreck und Beseligung: die große Rolle!
Da kommen nun die Proben, und es geht ja nicht? Was ist nur, warum es nicht geht? Es ist alles schlecht und verkehrt, was man sich in den langen, langen Nächten ausgedacht und geprobt hat und so sicher wußte, und es sind ja nun auf einmal lauter Feinde da, die lachen und kaum noch antworten, und kaum noch nicken, wenn man grüßt. Der Regisseur ist da, ein Feind, der gerät ganz außer sich über das unmögliche Spiel. Wo ist denn die Kraft geblieben? Wartet nur bis zum Abend, Geduld, es wird besser werden, die Sonne brennt, -- aber sie ist so klein geworden, täglich wird sie kleiner und schwächer, sie sieht einer Sonne gar nicht mehr ähnlich, vielleicht war es gar keine? Alle lachten und sehen, wie klein sie ist, Alles und Alle sind kalt, und die Sonne erlischt, man hat die Rolle nicht mehr, man steht auf der Straße.
Oder war es vielleicht nicht so? Vielleicht war es ganz anders? Es ist lange her ...