Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 36

Chapter 363,788 wordsPublic domain

»Denn der Mensch«, sagte er, »kann sich wehren, das Tier nicht. Das Tier kann beißen und ausschlagen, aber das hilft ihm nichts, denn es muß dableiben; der Mensch kann weggehn. Er geht in ein andres Land oder geht aus dem Leben. Das Tier kann nicht aus dem Leben, wie es nicht aus seiner Haut kann. Ferner war ich Agent. Agenturen giebt es für alles, zumal in Amerika. Agenturen für Politik, für Minen, für Geldgeschäfte, für Doktordiplome, für Mädchenhandel, für Bestechung, Spionage, An- und Verkauf deutschen Adels an reiche Mädchen, für Schmuggel, Gründungen und für Mord. Einige werde ich wohl ausgelassen haben. In Colorado Springs war ich auch Falschspieler, du weißt, ich kann die Karten nicht leiden, aber Falschspiel ist reizend, solange man sich einbilden kann, der einzige am Tisch zu sein, der betrügt, und das gelingt ja wohl eine Weile. Dort wars, wo ich mein Gesicht verlor, es stahl natürlich eine Frau, beschreiben möchte ich es dir lieber nicht. Ich habe ja auf Frauen immer eine gewisse Anziehungskraft ausgeübt; dort, wo man weniger empfindet und denkt, sondern gemeinhin tut, was man empfindet oder denkt, war es fast unerträglich, und so war ich nicht sehr böse über den Verlust; leider stellte sich dann heraus, daß die Halbierung die Anziehungskraft nicht unbedeutend gesteigert hatte. Ach, Kind,« unterbrach er sich, »ist es nicht genug? Ich könnte niemals fort gewesen sein und das gleiche erzählen, du würdest nicht besser wissen, ob du mir trauen darfst oder nicht.«

Er sah trübe zu ihr auf. Renate dachte gelähmten Herzens nur: Josef -- und lügen, um sich einen Hintergrund zu geben? -- »Aber ich habe dir Grüße auszurichten«, sagte er nun. »Ein gewisser Sigurd Birnbaum, weiland Cellospieler Renates, trug sie mir auf, mit dem ich gewisse Operationen auszuführen hatte, um einen gewissen Geheimbundsfreund in Tscheliabinsk aus der Katorga zu befrein.«

»Mein Gott, Sigurd,« sagte Renate, »was ist aus ihm geworden?«

»Dort,« erklärte Josef sehr ernst, indem er sich langsam erhob, »dort giebt es Idealisten. Aus Frankreich -- es lebt sich dort angenehm, wenn man es versteht, für einen Franzosen gehalten zu werden, jedoch -- aber das führt zu weit -- jedenfalls kam ich von dort nach Russland und schloß mich der revolutionären Bewegung an. Dort verbrodeln die Menschen freiwillig und mit Gesang. Ich will dir etwas erzählen.«

Er setzte sich wieder hin. Was wird nur Onkel sagen? dachte Renate. Wird er ihn erkennen? Sie merkte, daß sie zitterte. Sie begann sich zu fürchten und hörte Josefs Stimme aus der Ferne, die langsam Satz um Satz hinsagte.

»Ein jüdischer Knabe war vierzehn Jahre alt, als er seine Eltern und deren ganzes, sehr großes Vermögen durch ein Pogrom verlor. Er ernährte sich selber, besuchte das Gymnasium weiter und wollte Apotheker studieren. Mit sechzehn Jahren wurde er bei einer Massendemonstration verhaftet, in Bausch und Bogen mit verurteilt und kam ins Gefängnis. Dort wurde er mit den sozialistischen Ideen bekannt, eignete sich das theoretische Wissen an und verließ das Gefängnis als Sozialist. Er verdiente Geld durch Unterricht, studierte, erreichte in der Bewegung bald eine führende Stellung, las viel und hungerte mehr. Als Redner bei einer Demonstration wurde er wieder verhaftet und kam für zwei Monate ins Gefängnis. Er und seine Arbeit waren für die Bewegung wichtig; daher ließ eine Studentin, mit der er zusammen gelebt hatte, sich jede Nacht in einem, dem Gefängnis benachbarten Holzlager einschließen, kletterte, obgleich auf sie geschossen wurde, zu seinem Fenster an der Mauer hinauf und tauschte Zeitungen und Berichte mit ihm aus. Er saß in Einzelhaft, durfte weder rauchen, noch lesen, noch irgend etwas tun. Er durfte eine einzige Stunde am Tage spazieren gehn und erhielt so Verbindung mit den sogenannten Kriminellen, das sind die wirklichen Verbrecher, unter denen er sozialistische Propaganda betrieb durch Reden und Broschüren, ihnen Verteidigungsreden anfertigte und sie vorbereitete. All dies durch die Klopfsprache, deren System ich dir ein andermal erkläre; man kann nach vier Seiten, oben, unten, links und rechts klopfen. Er organisierte unter anderm einen Hungerstreik wegen der Verurteilung von Leuten, die nichts mit der Bewegung zu tun hatten. Er war ein Idealist. Als er das Gefängnis wieder verlassen hatte, half er bei der Vorbereitung einer Revolution, reiste als Provisor, arbeitete in kleinen Orten, benutzte die Nächte zur Propaganda, zur Verbreitung gefährlicher Druckschriften, übernahm selbst deren Ausarbeitung und Druck, arbeitete zum Beispiel vier Wochen in einem Keller, um halb im Dunkeln eine Anzahl Broschüren mit der Handpresse zu drucken. Die Revolution brach aus, die Regierung organisierte eine Gegenrevolution, wie das da üblich ist, der Pöbel machte Pogrome, die Soldaten beteiligten sich an der Plünderung, die Sozialisten organisierten eine Miliz zum Schutz der Unbeschützten, und er wurde Hauptführer des Bundes jüdischer Sozialisten. Die Juden sind dort, wo er war, Fabrikarbeiter. Er wurde verhaftet und für lebenslang nach Sibirien verschickt. Nun ist in Rußland alles organisiert, auch die Bestechung; die Sozialisten haben eine eigne Gesellschaft gewissermaßen, auch eine Kasse, zur Befreiung der Militanten oder politischen Verbrecher. Er entkam während des Transportes mit einem Andern, sie fuhren sechzehn Tage auf der sibirischen Bahn als blinde Passagiere unter den Bänken der Waggons, verließen wenige Tagereisen vor Petersburg den Zug, hängten sich unter einen Wagen, um bei Nacht abzuspringen, aber der Freund hatte Angst, er mußte mit dem Revolver auf ihn schießen, sie sprangen ab und schürften sich die Haut. Die Organisation beförderte sie an die Grenze, er bekam einen falschen Paß, einen Verkehrspaß für Galizien, den dort jeder haben muß, darin stand leider, er sei ein alter Mann mit grauem Bart. Er wurde wieder verhaftet, brach allein aus, verschaffte sich Bauernkleidung, wanderte als Landarbeiter von Ort zu Ort, kam über die Grenze und durch Rumänien, Ungarn, Österreich, die Schweiz nach Frankreich. Als Ausländer wurde er an der Sorbonne nicht zugelassen, er arbeitete in einer kleinen Maschinenfabrik und organisierte dort einen Streik wegen schlechter Löhne. Seine letzte Kraftleistung war, den Fabrikbesitzer aus dem Fenster zu werfen; er arbeitete weiter in seinen Betrieben, als Buchbinder, lebte von dreißig Franken monatlich, aber seine Energie war zu Ende. Da kam aus Rußland jenes Mädchen, das ich erwähnte, die Studentin, sie brachte ihn in eine Apotheke als Laufburschen, wo er sich die französischen Namen der Medizinen aneignete. Er studierte wieder, es gelang ihm später, an der Sorbonne zugelassen zu werden, er studiert nun weiter. Die Examina sind dort in Pharmazie zahlreich und sehr schwer, er ist jetzt Provisor, um Geld zu verdienen, muß noch das Abiturientenexamen und Staatsexamen machen, um die Erlaubnis zum Besitz einer Apotheke zu bekommen. Ich lernte ihn kennen, da ich jenen Sozialisten, dem ich mit Sigurd zur Flucht verhalf, nach Frankreich brachte, wo er in Paris unter den Sozialisten eine bedeutende Stellung einnimmt.«

»Nun hast du wohl«, sagte Josef, »einen Begriff, wie andernorts Menschen leben. Im Vergleich zu ihnen -- ich nannte eben absichtlich seinen Namen, denn es giebt mehr als einen solchen -- lohnt es sich natürlich nicht, von mir zu reden. Ich nahm ja an alledem auch nur teil wegen der Bewegtheit, nicht wegen der Ziele. Sigurd Birnbaum übrigens studiert in Odessa, ist Assistent in einem Krankenhaus und der gute Heiland aller kranken Kindlein; übrigens -- war er immer so finster? Er soll an Schwermut leiden und -- ja, nun mußt du wohl zum Essen hinein.« Er holte einen Zettel aus der Tasche. »Hier ist eine Adresse,« sagte er, »wenn du Verlangen nach mir haben solltest, bin ich durch sie immer zu erreichen.«

Renate nahm das Blatt nicht, das er ihr hinstreckte, sah ihn nur an und sagte: »Josef!«

»Nein!« versetzte er gebieterisch. »Bitte nicht, fordre nicht, es ist unmöglich. Du brauchst mir nichts zu sagen. Ich bin nicht erst seit heute in dieser Stadt, ich weiß alles, was sich während meiner Abwesenheit in diesem Hause zugetragen hat, ich weiß auch alles von dir, was sich durch dritte Hand wissen läßt. Vorläufig bleibe ich, ich bedarf etwas Ruhe.« Er erfaßte ihre Hand, drückte den Zettel hinein und schloß sie darüber. »Willst du Gründe? Ein andermal wird Zeit dafür sein. Immerhin: ein Wort!« Sein eines Auge starrte bedeutsam, während er schloß: »Erasmus; ich gedenke noch zu leben.«

Er zog die Uhr, hielt sie empor, um das Zifferblatt zu erkennen, und sagte: »Es ist hohe Zeit für dich. Daß du von mir schweigst, halte ich für selbstverständlich; es könnte sonst Unheil geben. Nun genug. Lebe wohl! auf Wiedersehn.« Er bot ihr die Hand.

Renate erhob sich, legte die Hand auf seine Schulter und sprang von der Schaukel auf die Erde. Nun versuchte sie es noch einmal, richtete durch die Dunkelheit ihre Augen auf das seine und bewegte die Lippen. Angezogen, kam er ganz nahe, legte den Arm um ihre Schulter und, den Mund dicht vor ihrem, sagte er: »Was -- --?«

Renate fühlte ihr Blut gerinnen. »Alles --« sagte sie lautlos; und nach einem Augenblick: »-- für deinen Vater.«

Er fuhr zurück, sein Auge starrte wütend, er stieß hervor: »Bist du denn wahnsinnig geworden?« Drehte sich um und ging in Eile unter den Bäumen weg. Sie sah ihm fassungslos nach. Weiter unterhalb, wo es heller war über den Wiesen, kam noch einmal sein Schatten zum Vorschein. Sie fühlte den Zettel in der Hand, öffnete ihn und las trotz der Dunkelheit leicht das einsame Wort: Jason. -- Sie sah etwas Weißes auf der Erde, bückte sich und fand das Paket, das er bei sich gehabt hatte; sein Stock lag darüber. Sie nahm beides und ging langsam in den Garten zurück, in die Kapelle, legte die Sachen auf einen Stuhl, ging hinaus, verschloß die Tür und ging durch den Garten ins Haus.

Vor der Tür des Eßzimmers hörte Renate von drinnen lautes Durcheinandersprechen und Gelächter; sie glaubte Ulrikas Stimme zu hören, legte die Handrücken gegen die Wangen und fühlte, daß sie glühten; die Hände waren eiskalt. Sie trat ein; ja, Ulrika war da, auch Bogner; Alle, Erasmus, Saint-Georges, sein Bruder und Magda saßen bereits essend um den Tisch. Renate blieb an der Tür stehn, klatschte, ihr Zuspätkommen und ihre Erregung zu verbergen, in die Hände und rief lustig: »Ach, sieh, der Maler mit den süffisanten Augen ist wieder da!« Die Andern lachten, Ulrika rief, sie sollte sich schnell hinsetzen, sie kriegte sonst nichts mehr zu essen, fragte, was das heißen sollte: süffisante Augen, erklärte dann aber erst, daß sie und Bogner im Walde im Kreis gelaufen und wieder hergekommen seien. Nun bestand Bogner auf Erklärung seiner süffisanten Augen, aber Renate, in plötzlicher Mattigkeit, verwies ihn an Saint-Georges. Sie sah eine Tomate auf ihrem Teller, die dampfte, nahm die Gabel, löste den Deckel ab und zwang sich zu essen. Wie dröhnten denn die Stimmen? Selbst die ruhige von Saint-Georges summte bohrend in ihr Gehör.

»Dieser berühmte Maler«, sagte Saint-Georges, »pflegt die Dinge vereinfacht zu sehn, um nicht zu sagen, abstrahierend; er scheidet das Gewohnte aus und sieht, was fehlt, oder aber was da sein könnte, oder was zuviel ist, und was den Andern mißfällt, das gefällt ihm gerade, weil es krumm ist.«

»Ach,« sagte Bogner heiter, »nun fällt mir ein, daß einmal jemand zu mir sagte, wenn ich ihn ansähe --«

»Bitte,« unterbrach ihn Saint-Georges, »das hat er sicher nicht gesagt. Er hat gesagt: Wenn Sie einen ansehn -- nicht >mich<, nicht wahr? Die Gesellschaft ist >man<, Renate, nicht >ich<, das ist auch ein Eckstein davon.«

Renate sah seine Augen von drüben auf sich gerichtet; es kam ihr vor, als ob er alles wüßte. Sie nickte und senkte das Gesicht. Der Maler fuhr fort:

»Also, wenn ich einen ansähe, sagte er, hätte man immer das Gefühl, ein Westenknopf wäre offen, oder der Schlips säße schief, oder es wäre ein Fleck am Kragen, und man müßte immer an sich herumfummeln.«

»Siehst du,« sagte Ulrika, »warum willst du auch niemals lachen! Du machst immer bloß so krumme Mundwinkel, und das sieht denn so heimtückisch aus.«

»Und dann vor allem,« begann wieder Saint-Georges, »diese raffiniert sokratische Methode, alle Augenblicke zu sagen: Davon verstehe ich nichts.«

Renate zuckte zusammen; mein Gott, wie laut lachten sie denn, das prasselte ja nur so auf ihren Kopf herunter!

»Meinen Sie, daß Ihnen das einer glaubt, wirklich? Deshalb hält man Sie doch bloß für -- entweder teilnahmslos -- um nicht zu sagen: interesselos, oder hochfahrend, oder faul, oder für einen verkappten Anarchisten, Atheisten oder so.«

Plötzlich dröhnte Erasmus' tiefe Stimme in das Gelächter, -- aber nein, er saß ja ganz still da und sagte ruhig: »Wäre die Welt so undankbar, wie es nach Ihnen scheinen sollte?«

Ach, Erasmus war ein guter Mensch, und sein Bruder stob wie ein Windhund durch die Welt ... Renate griff nach der Tasse, um die aufsteigenden Tränen mit dem Tee herunterschlucken zu können, aber nun war der Tee so heiß, daß sie mit einem kleinen Schrei die Tasse wieder hinsetzte; sie lachte verlegen, die Andern verlachten sie, sie kühlte die Zungenspitze an der Serviette und war froh über ihr Ungeschick. -- Magdas Stimme klang wohltuend leise:

»Ja, Erasmus, wenn man jemand so sprechen hört wie Saint-Georges, klingt alles so fremd, sieht so zerbrochen, so zerstückt aus, hoffnungslos, und die Menschen so ungütig. Ich kenne ja eine Menge Menschen, in Berlin, meinen Lehrer und ähnliche. Ja, sie lügen viel und beschwatzen sich, sie können ja niemals, wie sie wollen, sie hängen Alle voneinander ab, sie möchten gerne anders, ein jeder, aber --« Sie stockte.

Ulrika hob die Achseln und meinte, die Künstler seien freilich die schlimmsten, nicht die Schaffenden, sondern die Darstellenden, die Virtuosen, denn da herrsche über alles der Agent.

Renate schlug nur das letzte Wort mit wildem Sinn ins Ohr, sie fuhr erschrocken auf und stieß hervor: »_Was_ sagst du?«

Ulrika lachte. »Warum erschrickst du denn so?« Renate wußte nichts zu antworten, hörte nichts mehr, nur Stimmengewirr, raffte sich endlich auf und sah, daß es Zeit sei, von Tische aufzustehn. Jähliche Todesangst im Herzen, zog sie Magda einen Augenblick an sich, strich ihr übers Haar, ging hinaus und trat über den Flur vor das Zimmer ihres Onkels. Sie glaubte, ihn nicht ansehn zu können, fühlte sich gleichwohl gezwungen, dies sofort zu versuchen, hinter ihr wurde die Tür geöffnet, sie drückte eilig die Klinke nieder und trat ein.

Der Schattenriß des alten Mannes war vor dem einen Fenster; er schien auf die Straße zu blicken; in den Fenstern stand das blaue Zwielicht. Gleich darauf fiel heller gelber Schein von unten herauf durchs Zimmer; die Laterne war draußen angezündet. Schritte waren hörbar und entfernten sich.

»Onkel!« flüsterte sie. Er drehte sich langsam um, sie sah im Lichtschein seine Augen, einen Augenblick fast gedankenvoll. Schnell ging sie auf ihn zu, legte die Stirn an seine Schulter, umfaßte ihn an den Armen, hoffte inbrünstig, er möchte ihrem Leib anfühlen, was sie wußte. Sie zitterte, als sie seine Hand auf ihrem Rücken fühlte; Gott sei gelobt, dachte sie, er ist ruhiger geworden, er muß etwas empfunden haben, ja vielleicht wußte er es schon eher als ich! -- Leise versuchend hob sie das Gesicht. Er sah wieder auf die Straße.

Aber nun schob er sie sanft von sich, sie trat zurück, er ging an ihr vorüber, legte die Hände auf den Rücken und begann im Zimmer auf und nieder zu gehn. Da fiel ihr ein, daß sie schon seit einigen Tagen seinen Schritt im Zimmer gehört hatte -- ach, es war sicher, er -- nein, ruhiger war er nicht geworden, das war ja Unsinn, er war ja immer die Ruhe selbst gewesen! Unruhig war er geworden, er ging umher, er sah auf die Straße, wartete, lauschte, suchte.

Im Augenblick überfiel sie gewaltig die Ahnung, die Gewißheit, daß Josef nicht fortgegangen oder daß er inzwischen wiedergekommen war, daß sie ihn finden konnte ... Aufgeregt schritt sie zur Tür und hinaus, lief die Treppe hinunter -- seltsam, es war alles leer! wo waren denn die Andern? -- Nun durch den Garten, den Weg hinab durch die Büsche; am Pförtchen lehnte ein Mensch, es war Georges. Ihr Herz sprang verzweifelt auf und stürzte. »Georges!« rief sie halb weinend, »bist du allein?« Sie mußte sich von ihm halten lassen, bebte an allen Gliedern und weinte. »Ich habe ihm alles versprochen,« schluchzte sie, »was soll ich denn tun, mein Gott, was soll ich denn?«

Langsam fühlte sie sich wieder geborgen, ermannte sich, trat zurück und trocknete ihr Gesicht.

»War Josef da?« fragte er leise. Sie nickte.

»Wenn er zurückgekommen ist,« fuhr er begütigend fort, »wird er auch eines Tages ins Haus treten. Ich kenne ihn nicht, aber -- er hat wohl kein Verbrechen begangen, aber das verwirrte Herz seines Vaters wird ihn doch herumtreiben und anziehn.«

»Ach, Georges,« klagte Renate, »was hat er denn getan? Du weißt ja, was ich dir von seinem Vater erzählte, und da siehst du wieder: was ein Mensch tut, das allein macht das Unheil nicht aus; das Unheil, weißt du nicht mehr, damals sagtest du es selber, ja, Georges, du hast es mir erklärt: das Unheil bildet sich im Herzen. Josef ging nur fort, was war auch dabei? aber sein Vater nahm es als Strafe vom Himmel für eigenes Verschulden.«

Saint-Georges antwortete nicht. Sie standen schon wieder auf dem Gartenweg, Renate ging langsam zum Haus zurück. Beim Anblick der Kapellentür fielen Josefs Paket und Stock ihr ein, sie sagte Saint-Georges davon und bat ihn, die Sachen an sich zu nehmen, vielleicht in seines Bruders Zimmer zu bringen.

Sie gingen in die Kapelle, er machte Licht, Renate nahm das Paket auf.

»Vielleicht braucht er es aber«, sagte sie, streifte nach kurzem Zaudern die Hülle ab und hielt einen Lederkasten in der Hand, wie eine flache Zigarrenkiste groß. Am Ende ists etwas für mich! dachte sie und öffnete den Deckel, hatte aber kaum hineingesehn, als sie entsetzt alles fallen ließ, und was da am Boden lag, war Josefs halbes Gesicht; es sprang und rollte wie aus Kautschuk und lag still, eine halbe Maske. Saint-Georges hob sie auf.

»Sei ganz ruhig,« sagte er, »es ist nichts Schreckliches, eine Maske.«

Sie trat voll Furcht und Abscheu näher, er drehte das Ding in den Händen, ja, es war ein halbes Gesicht, dem Josefs so ähnlich in der Tönung, Kinn, Wange, Stirnansatz und ein furchtbar blickendes schwarzes Auge, daß es sie durchschauderte. Sie stammelte ein paar erklärende Worte von Josefs Aussehn.

»Elfenbein«, sagte Saint-Georges, zwei Bänder durch die Hand gleiten lassend, die an der Stirn hingen; am Halsstück war eine, fast zum Kreis gebogene Spange aus Elfenbein, die wohl den Hals umschließen sollte. Saint-Georges entdeckte und wies ihr chinesische Schriftzeichen an der Innenseite und meinte, wenn es mit Josefs Gesicht so sei, wie sie sagte, so könnte die Halbmaske wohl in der Dämmrung oder bei halber Beleuchtung ein ganzes Gesicht vortäuschen; es sei kostbare Arbeit, nur ein Chinese könnte dergleichen anfertigen, ohne Zweifel würde sie ausgezeichnet schmiegsam passen. Seine Erklärung beruhigte Renate nicht; die Maske ihm aus der Hand nehmend, wieder schaudernd, dachte sie: die andre Gesichtshälfte von ihm habe ich nun in der Hand -- und kann kein Ganzes daraus zusammensetzen. -- Dann überließ sie Saint-Georges die Maske, der sie wieder verpackte.

Aber danach, zur Ausgangstür vorgehend, glättete sich ihr Empfinden. Fast, fühlte sie, hätte er mich hineingerissen in seine Fremde. Wie toste es schon, Meerflut, Inseln und fliegende Sterne, allein -- wie hatte doch Georges gesagt? >Sie bleibt gleichgültig, regt sich nie auf und nimmt sich Zeit.<

Indem sah sie ihn selber neben sich in der Türe stehn, die Blicke durch das Dunkel ruhig in die ihren senkend, und sie lächelte, die Augen schließend, ohne zu wissen warum.

Als sie dann ins Freie traten, fühlte Renate erquickend den vollen Strom der herbstlichen Nachtluft, und siehe da, über den Bäumen -- ach, wie lange hatte sie es nicht gesehn! -- schwebte Josefs Fenster in der Nacht, schöne, sanfte, grüne, gotische Fläche. Magda, oder auch Ulrika und Bogner mußten dort oben sein. Sie konnte die Augen nicht abwenden von dem tröstlichen Schein, folgte endlich Saint-Georges, der voraufgegangen war, minder verzagt und hoffenden Herzens.

Neuntes Kapitel: Oktober

Cordelia

Georg, aus seinem Schlafzimmer am Abend hervortretend, wo er die Koffer für Berlin geschlossen hatte, erschreckte sich vor einer geduckten kleinen Gestalt, die im Geisterlicht der Sphäre am Treppenfuß stand: Hesekiel. Ärgerlich auf Egon, der trotz häufigen Tadels wieder einmal zu faul gewesen war, nur die Stufen hinunter zu gehn, um die Kurbel der Hängelampe zu drehn, fragte er: »Nun, was ist denn, Hesekiel? noch ein Brief?« indem er die Schreibtischlampe aufflammen ließ. Ja, Hesekiel hatte einen Brief, einen großen, sonderbar dicken Brief. Als Georg, im Stuhl sitzend, ihn aufschnitt, kam ein ganzer Pack beschriebener Blätter zum Vorschein, um den ein gleichfalls beschriebener Briefbogen geschlagen war; alles Cordelias Schrift. Georg klappte den Briefbogen auseinander und las:

»Die arme Seele sendet ihrem Gebieter diesen letzten Gruß.

Glück und Segen! Es ist alles gekommen, wie es beschlossen ward in dem himmlischen Rat, so wird auch das letzte bald geschehen sein. Glück und Segen! das Bett ist gemacht, bereit steht der Becher, bereit ist die arme Seele. Glück und Segen über das heilige Leben dessen, der dies liest.«

Georg flimmerten die Augen. Esthers dunkelfarbiger Schmetterlingskranz um die Kuppel der Lampe zuckte leuchtend und tanzte. Das Herz vom Angstkrampf zusammengezogen, starrte Georg. Das Ende, sagte er, das Ende ... Cordelia war ... war ...

Er nahm das Blatt wieder vor, seine Hände flackerten, er mußte es auf die Tischplatte legen, er las:

»Glück und Segen, die arme Seele ist nun nicht mehr da. Wo bist Du, Geliebter? Glück und Segen, ich bin schon den kleinen Fluß hinuntergeschwommen, schon rauscht der ewige Strom, ich hebe noch einmal die wieder verarmte Hand, es rauscht -- horch, es rauscht ...

Glück und Segen, Glück und Segen!

Im großen, dunklen Meerstrom sind alle Wellen einander gleich. Was macht so dunkel den Strom, so groß, und die Wellen so gleich? Das ist die ewige Liebe. -- Doch einmal, wenn Abend ist über der schweren See, die Rose, die himmlische, entfaltet ist an der unsterblichen Brust, so blinkt eine Welle auf ganz fern, die Du kennst, eine lächelnde Welle, die Dich erinnert an: Einmal ... Und Du sinnst: arme Seele, bist du's?

Und so gehn die Jahre, so wandert die Zeit. Ist auch Dein Herz nun alt geworden, geliebte Jugend, Dein Haar ergraut, faltig Dein Mund? Die Berge stehn dunkel, so ernst sind die Sterne, nicht mehr lang ist der Weg, schon hörst Du den Strom.

Glück und Segen, das Leben war schön! Sang es der Wind, klang es der dunkelnde Baum? O mein sinkender Freund, es war die arme Seele! --

Viele Menschen kommen herein und stehn um einen Schläfer in friedlichem Schlaf. Da kommt auch die arme Seele mit ihrer Blume und ihrem Dank. Sie hatte einmal die Hände voll Gold -- es ist alle geworden. Nun legt sie die kleine Blume auf die erstorbene Brust, ihr Amt ist nun aus, sie wandert ins Meer und vergeht. Wo bist Du, Geliebter?

Gute Nacht, schlafe wohl! Es muß wohl sein. In meiner Brust sitzt eine goldene Schlange, die will seit ewig hinaus, aus der himmlischen Schale zu trinken. Gott ist allzeit gut.

Ich liebe Dich, Geliebter, auch dort, wo Du mich nicht mehr siehst. Das Blatt ist aus, aus ist das Licht, aus ist das Leben. Geküßt tausendmal! Abschied -- ich kann nicht mehr -- alles gut.

Cordelia.«