Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 35
Auf einmal war Renate allein mit Saint-Georges; auch Magda war gegangen.
»Ach Georges,« sagte sie, »ich muß mich ins Gras legen, glaubst du, daß es was schadet?«
Nein, er glaubte es nicht. Also streckte sie sich längelangs in den hohen Halmen und verdorrten Blumenstauden auf dem Rücken aus, blinzelte gegen den immer goldeneren Himmel und fühlte wonnig an Schultern und Rücken, Füßen, Waden und Kniekehlen überall die andrängende, mächtig tragende Feste der Erde, auf der sie -- die Augen schließend, fühlte sie es mit Macht -- in ungeheurer Sicherheit, vom riesigsten Rücken getragen, durch Helles und Dunkles, Tage und Nächte, jahrlang durch gewaltige Räume umrollend dahingetragen wurde. Ja, einen Augenblick glaubte sie zu spüren, wie es hinter ihr, im Westen stieg, wie sie selber nicht lag, sondern stand, ausgebreiteter Arme, wie angenagelt an die immer sonnenaufgangwärts umrollende Kugel, selig gekreuzigt, schmerzlos im Herbsttag, gefüllt mit goldenen Adern von himmlischer Luft, nur ein leichtes Gewebe selbst, im Gras ausgebreitet, von purpurnen und goldenen Fäden und Maschen, in dem das wunschlos pochende Kleinod schwebte, liebevoll, ihr Herz.
So lag sie lange Zeit, still, die Augen zu, vor dem verschlossenen Blick das leise Brennen der unsichtbaren Helle; hoch über ihr rauschte es selten einmal und ward wieder still, schauderte etwas leicht auf und beruhigte sich wieder, eine kühle Welle lief über ihr Gesicht, ein Haar oder zwei wehten kitzelnd über Nase und Wange, ein Tier kroch juckend über ihre Hand, rings wehte kaum vernehmbar das Gras, die gedämpfte Natur krachte unhörbar leise im Saft, sie ruhte, Renate ruhte.
Aber jetzt mußte sie den Kopf heben, die Lider halb öffnen und Saint-Georges ansehn, über ihre Füße hinaus spähend; er saß in der Bankecke, einen Arm auf der Rückenlehne, ein Bein auf dem Sitz, und schaute schräg in die Höhe; seinem Blick folgend, sah Renate zwischen den Steinfiguren auf dem Dach, die hell besonnt im Lichten standen, zwei farbige Tauben laufen; es blitzte Weiß in der fernen Bläue auf, eine dritte schwang sich zu den andern.
»Georges,« sagte sie, sich wieder legend, »seit langem ist es mir dann und wann, als ob ich warte; oder ungeduldig bin; oder -- -- ist Warten gut, Georges, oder nicht?«
Einige Zeit verging, bis sie ihn sprechen hörte. »Jeder Mensch,« sagte er, »dessen Geist Augen hat, zu sehen, bekommt von Anbeginn die Richtung zuerteilt, in der sie sein Leben lang stehn: ins Heute, ins Gestern, ins Morgen gerichtet. Das sind die drei Temperamente; vier giebt es nicht. Wer allzutief ins Gestern blickt, dem verfärbt es das Morgen, wie Rot das Weiße grün färbt; wer allzuscharf nach Morgen späht, der erblindet fürs Heut, der wird unruhig, vielleicht unselig. Wer nur aufs Heute schaut, wird leicht bodenlos -- ohne Gestern -- und erbarmungslos -- ohne Morgen. Die Menge blickt halben Auges verschwommen -- nach allen drei Seiten. Der große Einsame blickt ganzen Auges tief und klar -- nach allen drei Seiten.«
»Ach,« sagte Renate dankbar, »eine Antwort hast du mir glaub ich nicht gegeben, aber es ist wunderbar, auf dem Rücken zu liegen und nach Schmetterlingen zu gucken.«
»Herbstschmetterlinge, Renate,« hörte sie ihn antworten, »die Flügel grau, von Weisheit verstaubt.« --
»Sage mir, Georges,« fing sie nach einer Weile wieder an, »wenn ich denn schon unruhig bin, warum rühre ich mich nicht mehr?«
»Wir lesen«, sagte er langsam, »im Leben der Bienen von Maeterlinck über die Bienenkönigin: sie bleibt gleichgültig, regt sich nie auf und nimmt sich Zeit.«
Alsbald riß Renate die Staude aus, die sie gerade in der rechten Hand hielt, und warf sie nach ihm hin, jedoch mehr zum Schein, denn sie machte die Augen deshalb nicht auf. Auf einmal kam ihr auf dem Weg über Bogner Cornelia Ring ins Gedächtnis, sie fragte nach ihr, hörte Georges etwas antworten und sagte, verloren in Gedanken: »Josef wurde ihretwegen in vielen Häusern nicht eingeladen ...«
»Ja, das geht auch nicht«, meinte Saint-Georges. Die Augen geöffnet, sah sie das Skurrile in seinem Gesicht.
»Hätte ers heimlich tun sollen?«
»Heimlich, Renate? Was ist heimlich? Alle tun, was er tat, nur meist in mehr sporadischer und ebenfalls mehr widerwärtiger Form. Aber sie tun es mit allerhöchster Erlaubnis ihrer Frauen, Mütter und Schwestern -- ich nehme die Bräute aus, denn sonderbarer- oder auch rührenderweise gilt Brautzeit gemeinhin als Schonzeit, und dann ist es natürlich auch so, daß jede Mutter, jede Frau immer im eignen Sohn oder Mann eine Ausnahme sieht. Also sie tun es, mit der Erlaubnis, es heimlich zu tun; z. B. nachts, wenn die Gesellschaften zu Ende sind, in die Bars und Bordelle zu fahren, wie das hier und wohl in allen Städten üblich ist. Die Gesellschaft -- aber ich weiß nicht, ob du --«
»Nur zu, Georges,« sagte Renate, »ich sagte es ja schon: es ist wunderbar, im Grase zu liegen und von der Gesellschaft reden zu hören. Sprich von der Gesellschaft, wir haben ja schon davon angefangen, vorhin bei Busonis Wort.«
»Die Gesellschaft«, redete Saint-Georges, »hat durchaus nichts gegen Unmoralität, sondern braucht sie im Gegenteil notwendig als Würze und als Hintergrund, wie gewisse Dinge nur weiß aussehn, wenn man sie auf was Schwarzes legt. Die Gesellschaft, wenn du das etwa glauben solltest, hat -- wovon das Wort herkommt: von _mores_ und _mos_ gleich Gewohnheit -- kaum Moral, sondern sie hat Sitten, und giebt danach Gesetze, bestraft daher nicht die Sittenlosigkeit, sondern allein die Sittenwidrigkeit. Sie wird daher ferner immer das Geheime dulden; was sie nicht duldet, ist die Ausnahme. Zum Beispiel Bogner. Sie kennt keine Dirnen -- als Dame -- aber uneheliche Mütter -- als Fürsorgevereinsmitglied. Sie hat Verbote nötig, um sich Grenzen zu ziehn, nicht Gesetze, um das Übel zu tilgen. Sie überwacht nicht tuberkulöse Väter _in spe_, sondern versucht, tuberkulöse Kinder zu heilen. _Dito_ Geschlechtskranke, Trunksüchtige und dergleichen. Sie verurteilt die Prostitution -- als Gatte -- und unterhält Bordelle -- als Gemeinderatsmitglied. In diesen wieder überwacht sie die Insassen, aber nicht die Gäste. Sie ist gegen die Trunksucht, weil sie die Gesundheit untergräbt, und verachtet den Abstinenten, weil er ihre Gesundheiten nicht ausbringen will. Sie erlaubt einer Dienstmagd von vier Sonntagen zweie zum Ausgang, um sich zu vergnügen, und jagt sie zum Teufel, wenn sie guter Hoffnung ist. Sie hat den Frauen nacheinander das Tanzen, Reiten, Schlittschuhlaufen, Schwimmen, Radfahren, Studieren verboten und wieder erlaubt. Sie erlaubt dem Ehebrecher, den Ehemann zu töten, und sie tötet den Ehemann, der sich ans Gesetz wendet. Sie erlaubt, die Ehe zu brechen, aber sie erlaubt nicht, sie zu zerbrechen. Sie verabscheut das Laster, aber sie füllt die Gerichtsverhandlungen. Die Gesellschaft weiß nichts von Logik, sondern nur von Gewohnheit, hält für schädlich nicht das Zerstörende, sondern das Neue, will nicht verbessern, sondern verdecken, will nicht bestrafen, sondern sich schützen, sie verbannt nicht, sondern läßt verhungern. Sie hat ein Gutes: gar kein Gedächtnis. Sie gleicht der Fliege vollkommen. Sie setzt sich auf alles; sie ist völlig geschmacklos.«
Ach, wie angenehm das plätschert, dachte Renate und fragte, warum er Bogner erwähnt habe. Saint-Georges lachte mit Behagen.
»Bogner?« sagte er. »Bogner lief als Knabe weg und kam wieder als Mann. Er machte Besuche, in einen sehr schönen Schoßrock gekleidet, mit einer lichten Weste, anstatt in Samtjacke und Schlapphut daher zu kommen, oder wie es jetzt Mode ist, in Wickelgamaschen und Joppe. Das war schon gefährlich. Er zeigte sich weder geistreich noch boshaft, weder unmanierlich noch blödsinnig, er war artig. Das war schon sehr gefährlich. Er ließ aber seine Augen im Zimmer umherwandern, und siehe da, alle Schande ward ihm offenbar. Weder die unmoderne Einrichtung mit Sofaumbau, die längst hatte ersetzt werden sollen, noch die Sofaschoner -- Antimakassars, sagte man früher dazu --; weder das Loch im Teppich, noch der zerbrochene Glühstrumpf, weder die schmutzigen Gardinen, noch die ungewaschenen Fenster, nichts sahen sie seinen Augen entgehn. Ich kenne Leute, die Leute kennen, die ... und die sagten es mir. Natürlich sah er gar nichts dergleichen, aber die ihn sahn, mußten es glauben, denn was kann man denn anders sehn, wenn man so sieht wie er, als Schäden, Flecke, Löcher. Furcht voreinander ist der erste Eckstein der Gesellschaft, Renate. Aber weiter. Er übersah das Ölstilleben von der Tochter des Hauses und fragte nach der Miniature eines längst begrabenen Urgroßvaters, der nichts hatte erben lassen. Er legte die Photographie des Schwiegersohns wortlos fort und nahm einen alten, grünen Porzellanmops in die Hand, unter dessen Hinterteil er zwei gekreuzte blaue Schwerter entdeckte, die noch nie ein Mensch gesehn hatte. Er machte auf einen schief hängenden Starenkasten aufmerksam, der sein Dasein verfehlte, aber seit Jahren schon so hing und das Bild des Gartens vervollständigte. Er nannte eine gemeine weiße Rose: welch schöne Clara Watson! und verachtete das verblüffende Wachstum der Araukarie. Er bat um die Erlaubnis, eine Skizze vom Kohlenkeller machen zu dürfen, in dem doch alle leeren Boonekampkrüge der Hausfrau aufgestapelt waren, und er malte keineswegs das Porträt der Braut in Pastell. Er schickte kein Bild zur Ausstellung der heimischen Kunstgenossenschaftler, und als er einmal daselbst betroffen wurde, bat er gerade den Kustos um ein Glas Wasser, weil er vor einer Landschaft des Stadtmalermeisters an einem Lachkrampf erstickte. Er --«
»Ach, Georges, das ist doch nicht wahr!«
»Nein, natürlich ist es nicht wahr,« rief er aus einem Gelächter, »aber ist es nicht glänzend erfunden? Hätte er doch von der Musik der Farbgebung, dem Rhythmus der Flächen und der seelischen Dynamik des Pinselstrichs geredet, so wäre es gegangen. Er aber sagte überhaupt gar nichts. Welch ungeheure Boshaftigkeiten also mußte er verschweigen. Er hätte auch die fürchterlichsten Lästerungen, Frivolitäten und Frevelmeinungen äußern dürfen, denn mit dergleichen verhält es sich seit alters so, daß der Bourgeois sie verdammt und verabscheut, wenn sie in Büchern stehn, wenn aber jemand sie äußert, so heißt es: das sagt er nur so! Der Bourgeois glaubt nicht nur nicht, was ein Andrer sagt, wenn es fremd und erschreckend klingt, sondern glaubt nicht einmal, daß der Andre selber es glaubt. Wäre er aufrichtig, für welch schaurige Lügner müßte er alle Sonderlinge und Eigengänger halten. Früher wurde von einem Manne verlangt, daß er tut, was er denkt. Milder Denkende rieten späterhin, es genüge, zu sagen, was man denkt. Heute giebts schon niemand mehr, der denkt, was er denkt. Und von Bogner sagen sie ja nun: er hat süffisante Augen.«
»Ach,« rief Renate, sich aufrichtend, »nun weiß ich, daß du die Wahrheit sagst! Da auf der Bank habe ich gesessen und dies Wort in einem Briefe von Magda gelesen; ihr Vater brauchte es gegen Bogner. Ach, wie lange, wie lange ist das her!«
Sie wollte eben das Gesicht gegen die Knie senken, als sie zu ihrer Rechten hinter den Büschen etwas Menschliches zu sehn glaubte, eine Bewegung, ein Gesicht. -- Vielleicht war jemand am Zaun draußen vorübergegangen. Sie wollte sich wieder legen, sah aber nun, daß der Garten schon tief im Abendschatten lag; nur zu ihren Häupten, hoch in den Wipfeln, hing noch das scheidende Licht, und noch flossen warme Spuren und goldne Hauche über den weitoffnen Himmel. Sie sprang auf, schüttelte ihr Kleid und rief Saint-Georges zu, er solle schnell seinen Bruder herunterholen, damit er noch an die Luft komme, -- und da stand auch schon Magda wieder in der Veranda und fragte herüber, ob es nicht Zeit sei, den Gelähmten zu holen. Saint-Georges folgte, Renate rief ihm noch zu, sie ginge in die Kapelle. Der Lahme liebte es sehr, die Orgel am Abend zu hören, wenn er umhergefahren wurde.
Den Weg zwischen den Gebüschen hinunter, gegen den Zaun zu gehend, gewahrte Renate jetzt deutlich ein Gesicht draußen hinter dem Gezweige. Näherkommend sah sie die Blätter sich bewegen, eine Hand teilte sie; Josefs Gesicht war draußen, seitwärts gedreht; er sah sie nicht an.
»Josef!« stieß sie hervor. Ihr Herz tanzte. War sie erschrocken? Ihr Herz kümmerte sich um gar nichts und war außer sich. -- Nun drehte er langsam das Gesicht her. Seltsam ... wie starr das Auge war! und die ganze Hälfte des Gesichts, die rechte, war -- ja, sie war nicht da, etwas Schwarzes war da, aber die Dämmerung ... Nun lief sie hin, trat ins Buschwerk auf den Rasen, da war der Zaun, da stand er, schwarz, fein gekleidet, unbeschreiblich duftend, wie immer.
»Wirklich, ich bins, Renate,« sagte sein halber Mund, das halbe, lächelnde Gesicht, »willst du herauskommen?«
Nun stand sie ganz dicht vor ihm, hörte, daß er atmete, sah das schwarze Tuch, das vor der rechten Gesichtshälfte war, nein -- der ganze Kopf war damit verhüllt, nur vom linken Ohr bis zur Nase, in senkrechter Linie über die Stirn, neben der Nase, über den Mund und das Kinn herunter abgegrenzt war sein Gesicht zu sehn, wie ein Viertelmond, bräunlich bleich und schön wie je, nur das Auge starrer, doch verging auch dies, nun sie tiefer hineinsah.
»Josef, was ist mit deinem Gesicht?«
»Komm heraus, komm heraus, o du schöne Braut!« lockte er, »dann sollst du alles erfahren!« ging zwei Schritte am Zaun hin und öffnete die Tür; sie schob sich unter dem Strauchwerk her dorthin, ging durch die Tür, wollte fragen, warum er denn nicht hereinkomme, ließ es aber, stand vor ihm, furchtsam vor seinem Aussehn, aber doch innig froh im Herzen. Sie legte die Hände auf seine Schultern und ließ zu, daß er die seinen auf ihre Hüften legte. »Daß du nur da bist!« sagte sie glücklich. »Ich merke nun, wie oft am Tage ich dich in meinem Herzen unterschlagen habe. Ich kann ja nicht sagen, wie ich mich freue. Ja, ich bin sehr erstaunt darüber.«
Er lächelte fortwährend, zuckend mit Mund und Augenwinkel. »Wenn du mir einen Kuß gäbest,« sagte er, »wie wäre das?«
Sie hob sich ein wenig auf den Zehen und küßte ihn unter das linke Auge. Danach mußte sie freilich mit dem Fuß aufstampfen, mit der Faust in die Handfläche schlagen und sich verschwören, daß es ein Elend sei, daß die Ungeratenen, was sie nur wollten, erhielten, während die Guten ohne Ende darben müßten.
»Ich fürchte,« sagte Josef, »es liegt nicht an den Bösen und an den Guten, sondern allein an dem menschlichen Herzen. Du goldnes Mädchen!« sagte er plötzlich erschüttert und schien gewillt, auf die Knie zu sinken. Er bückte sich bis tief auf ihre herunterhängende Hand, faßte und küßte sie gewaltsam. Sie legte die Hand auf seinen Kopf, merkte, daß sie fast standen wie damals beim Scheiden, Josefs Vater wanderte fremd, sinnlos heiter vorüber, es war dämmrig, feuchte Schleier hingen vor einer fremden Mauer, ein Dach darüber ... ihre Kapelle wars. Sie fühlte seltsam das schwarze Zeug unter ihrer Hand, faßte jählings, von unverständlichem Zorn ergriffen, zu, zerrte und riß es herab. Er richtete sich auf, so hoch er war, der Lappen hing schwarz an seinem Hals, Renate prallte zurück und schauderte vor seinem rechten Gesicht, das fehlte, das nur dunkelrote Haut war, nach innen gedrückt, ohne Spur von Zügen, kein Kinn, keine Augenwölbung, nur ein Loch, zugekniffen, kein Backenknochen, der Mundwinkel hineingewischt. -- Sie schlug die Hände vors Gesicht. Als sie wieder aufsah -- ach, es war wohl doch ein Traum, das Ganze! Denn nun war sein schönes Gesicht wieder da, eine Hälfte davon, unverstellt und unverändert wie vor zwei und einem halben Jahr, ja, so edel und bedeutend, daß schon das Spukbild eben ausgetilgt war und nichts mehr galt als dies. Dies Gesicht lächelte nun, sie folgte mit Mund und Augen und sagte: »Verzeih, ich war ungeschickt! Ich habe nichts gesehn. Und nun komm ins Haus.«
Josef bückte sich, hob einen Stock, einen leichten grauen Hut mit schwarzem Band und ein kleines Paket vom Boden, setzte den Hut auf und sagte: »Ins Haus nicht. Wir gehn zu der Schaukel dort unter den Bäumen, da kannst du sitzen.«
Damit ging er vorauf. Sie folgte zögernd.
Es war eine große, wohl zwei Meter lange Schaukel mit eisernem Geländer, die in einem Eisengestänge an vier starken Pfosten hing. Josef bot ihr die Hand, sie stieg auf das Bohlenbrett und setzte sich auf das Geländer. Sie sah sich um. Seit den Tagen der Friedliebenden Gesellschaft war sie nicht hierhergekommen. Damals hatten sie einmal Alle in der Schaukel gestanden, Irene, Ulrika, Esther, Georg, Benno, und hatten sich geschaukelt und gesungen dazu im Kanon: »Oh wie wohl ist mir am Abend ...« Die Schaukel knarrte. Josef, am andern Ende stehend, setzte sie leise in Bewegung; das sanfte Wiegen tat Renate wohl. »Wo warst du?« fragte sie.
An das Geländer der Schaukel gelehnt, den Kopf gesenkt, stand er und schwieg. Einmal zuckte sein Mundwinkel. Renate sah eine feurigrosige Wolke sehr langsam über das Dach der Kapelle hinfahren; leicht sitzend auf dem friedlich schwankenden Boden, erinnerte sie sich, wie sie im Rasen lag eben zuvor, Saint-Georges plauderte, die Welt war eng und angenehm und still, -- da stieg dieser Mensch aus dem Rasen herauf, im glitzernden Behang eines riesigen Hintergrunds, der Fremde, der -- nie war sie so davon durchdrungen wie jetzt! -- im Leben nichts gewußt hatte von Gesellschaft und Gewohnheit; der in ihr so gut war wie ein Jaguar, der sich zahm stellt, in einem Geflügelhof. Ja, so stand er, wieder zahm, strömend aber wilden, atemraubenden Dunst; und hinter sich, pompös, das Porta der Welt.
»Zu fragen, woher einer komme,« hörte sie ihn sagen, »das liegt freilich nahe für den Weilenden, aber dem Kommenden, das kannst du mir glauben, liegt es wirklich reichlich fern. Guter Gott, wie schön du doch bist! Ist denn all die Zeit hier einer gewesen, der dir das gesagt hat?« Ja, sieh da, er traf den Nagel, wie immer, auf den Kopf. »Setze mich wie ein Siegel auf deinen Arm und wie ein Siegel auf dein Herz«, sagte er. »Denn Liebe ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist fest wie die Hölle. Ihre Glut ist feurig, eine Flamme des Herrn, daß auch viele Wasser nicht mögen die Liebe auslöschen, noch die Ströme sie ertränken. Wenn einer alles Gut in seinem Hause um die Liebe geben wollte, so gälte es alles nichts.«
Ihr Gesicht stand in Flammen, sie genoß das Funkeln seines Auges, atmete tiefer und dachte mühsam: Einmal wird einer noch andre Worte haben, er braucht sie nicht von Salomo borgen, und sie werden mich doch verbrennen, wo ich diese nur brennen sehn kann.
»Du hast mich angehört«, fuhr er kühler fort, »in der letzten Stunde, du hörst mich wieder an in dieser, ich muß reden, es nützt mir nichts, und wenn ich alle sechzig Minuten dieser Stunde zusammenpressen könnte in eine, sie würde doch nicht so glühen, um dich zu durchbrennen. Ich weiß, es liegt nicht an dir, wie es nicht an mir liegt, es liegt an der Einrichtung allein. Ich sehe dir an, daß niemand zu dir kam, seit ich fort bin, dein Hals ist der alte Turm von Elfenbein --«
Sie zuckte, er hob die Hand gegen sie, lächelte kurz und sagte: »Hab keine Angst, ich fahre nicht fort in der salomonischen Beschreibung. Wahrhaftig: häufig habe ich nicht an dich gedacht, aber eines Tages hats mich doch übermannt, da kam ich gleich. Wie braun du bist! Das Feuer deiner Augen brennt kalt wie der Edelstein in meiner Tasche, aber dein Mund ist hundert und tausendmal süßer geworden.«
Renates Augenlider wankten, sie fühlte, daß ihr Kopf hintenüber wollte, und dachte sekundenlang: ... ich würde mich nicht wehren ... Heute nacht, dachte sie, wird es mich zerreißen vor Pein nach -- nach wem denn? Sie öffnete die Augen und freute sich, daß er viel zu hoffärtig war, um mehr zu nehmen als ihr Weichwerden und ihr Dämmern.
»Sage nun,« bat sie mit verschleierter Stimme, »wo du warst, und wo blieb -- dein Gesicht!«
Er setzte sich auf das Schaukelbrett vor ihre Füße; in der tieferen Dämmerung unter den Bäumen sah sie jetzt nur seinen schwarzverhüllten Kopf, seine Nase und ab und an den Schein seines Gesichts und das auffunkelnde Auge; er hielt den Hut in den Händen, die Ellenbogen auf den Knien.
»Drei Viertelstunden hast du noch,« sagte sie, »dann ist Abendbrotzeit, und wir müssen hinein.« Er schwieg noch ein Weilchen, dann hörte sie seine Stimme.
»Zu sagen, wo ich war, lohnt sich nicht, aber du bist ja nun neugierig. Übrigens ist die Welt viel kleiner, als man gemeinhin denkt, wenn man die wilden Erdteile ausnimmt: dort war ich nicht, auf Forschungsreisen zu gehn, hab ich für später vorbehalten, ich wollte ja erst Menschen sehn. Ich bin ja nun einmal Idealist und ging daher aus, einen zweiten zu suchen.«
»Was ist ein Idealist?« fragte Renate.
»Ach, unterbrich mich lieber nicht, sonst muß ich zuviel nachdenken, ob du auch verstehst, was ich sage; ein Idealist ist ein Mensch, der sich in einen Kochtopf voll Wasser setzt, denselben ans Feuer rückt und nicht heraus steigt, ehe er ganz und gar drin verkocht und verbrannt ist. Der Kochtopf kann ja denn Liebe, Tibet, Goldmachen, Verseschreiben, Marxismus oder sonstwie heißen.«
»Fandest du solch einen?«
»Zwei!« sagte er, »in Amerika. Den einen traf ich im Polizeigefängnis in Ohio --«
»Im Poli--?«
»Ich sage ja, du sollst mich nicht unterbrechen, denn sonst geraten wir ins Uferlose, ja, ich saß darin wegen einer großen Minensache, es war eine so große Schiebung, daß während des Verfahrens die halbe Welt hineinverstrickt wurde, und da mußte es niedergeschlagen werden. Der Idealist war ein vielfach rückfälliger und bestrafter schwerer Tresoreinbrecher, der mir durch Klopfsprache seine Entrüstung mitteilte, daß er immer wieder bestraft würde, während er doch von einem kleinen Kapital ein bescheidenes und ordentliches Leben und die Einbrüche nur ausführte, um das erlangte Geld sofort an Bedürftige auszuteilen, das heißt, in Wahrheit war er nicht hierüber so entrüstet, sondern weil es nicht gelingen wollte, den Richtern zu beweisen, daß er überhaupt nicht stahl; denn was er stahl, sei ja nicht fort, sondern sei da, er hatte immer die Belege bei der Hand, Reverse der Banken über Einzahlungen auf diesen und jenen Namen -- frage nicht, das Geld war den Leuten absolut sicher -- also sei es durchaus nicht gestohlen, sondern habe nur den Liegeort gewechselt. Dies war ein Amerikaner. -- Den andren Idealisten fand ich auf einem englischen Leuchtturm eines winzigen Eilands, ich darf nicht sagen, wo, irgendwo an der Küste. Er war kein Engländer, galt aber für einen, war ein deutscher, verabschiedeter Offizier und hatte bereits an die dreißig Jahre seines Lebens in dieser Einöde damit verbracht, auf den Augenblick zu warten, wo zwischen Deutschland und England der Krieg ausbrechen würde, um alsdann seine Lichter auszupusten und gehängt zu werden. Nun möchtest du wohl wissen, was ich und wo ich noch war. Die Vereinigten Staaten sind das Grauenhafteste auf der ganzen Welt, ich war auch im Westen, war Minengräber, Goldwäscher und Viehhirt, es war für eine Weile ganz lustig, aber ich konnte es auf die Dauer nicht ertragen, wie sie ihre Pferde mißhandeln.«
Da er eine Pause machte, fragte Renate, nichts als zuhörend: »Aber das Mißhandeln von Menschen, das konntest du --?«