Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 34

Chapter 343,867 wordsPublic domain

Im Begriffe, seinen Namen zu schreiben, hielt Georg ein. -- Was ist denn das? sagt er schwer aufatmend, was hast du denn da gemacht? Du hast ja gelogen. An sie hast du nicht gedacht, sondern hast Cordelia empfunden, und das Gefühl nur ein wenig umgewandelt, daß es paßte ...

Aber wenn es paßt, mußte er sich widerlegen, so hats doch seine Gültigkeit irgendwie. Eben war es so, daß ich nicht an Magda denken konnte, wenn ich es aber wirklich tue, ernstlich, so empfinde ich auch, wie ich schrieb, und -- ja, und das vor allem wars, was ich empfand: sie wird immer bleiben, immer --

Und Cordelia? Ist es denkbar, je ohne sie zu sein?

Jetzt höre ich auf zu denken für mindestens drei Stunden, dachte er ärgerlich lachend, unterschrieb, faltete und schloß den Brief in einen Umschlag, den er adressierte, worauf er sich erhob, um in der Sofaecke nun ganz die Dämmerung zu genießen und die Erinnerung an die Zärtlichste, die Einzige ...

Im Niederlassen jedoch merkte er, daß er sich auf etwas Hartes, Buchartiges setzte, und zog unter sich ein großes Heft im Aktenformat mit blauen Pappdeckeln hervor, schlug es auf und las im Zwielicht das groß und geschwungen -- als Titel -- von Cordelias Hand geschriebene Wort: Theodosis; darunter, kleiner: Tragödie.

War das eine Rolle? Er hatte noch nie den Namen gehört. Auch schien ihm jetzt, als er das Blatt umschlug und Verse fand, die Handschrift Cordelias anders als jetzt, nicht so ausgeschrieben, jugendlicher; und schon im Begriffe, das oben stehende Personenverzeichnis zu lesen -- Pelagios, Thespesios hatte er schon erhascht -- hielt er sich zurück, von einer Art Duft oder Hauch berührt, der ihm Einhalt bot; schlug das Heft wieder zu und legte es auf den Tisch.

Und dann hörte er deutlich durch das Regengeräusch das Nahen eines Automobils; es ward lauter, kam ganz nahe und verstummte dann. Das mußte sie sein. Georg war im Nu durchs Zimmers, die Treppe hinunter, trat unter die Säulen vor der Tür, als sie eben den Weg heraufkam, ohne Hut, im grünen Regenmantel, und hielt sie im nächsten Augenblick in den Armen.

Im Zimmer oben zog er sie eifrig zum Sofa, als sie das Heft bemerkte und -- zum erstenmal glaubte er diese Bewegung zu sehn -- die Augen feindlich zusammenzog. -- »Hast des gfunden?« fragte sie.

»Es lag in der Sofaecke. Sollt ichs nicht sehn?«

»Warum net gar? Die alte Sach.« Damit hatte sie's aufgenommen, ging zum Kastenschrank, zog unten eine Lade auf und legte es hinein. Im Zuschieben mit Händen und Knien schien sie sich zu verlieren, richtete sich langsam wieder auf und trat an das Fenster.

Erinnerungen, dachte Georg; sie ist traurig geworden. -- Nein, diesmal will ich nicht, wie man immer tut, Zartgefühl nur durch Schweigen beweisen. Erinnerung will gelöst sein, nicht zerdrückt -- und er ging leise zu ihr, zog sie an sich und fragte behutsam, über ihr Haar streichelnd: »Warum hast du's fortgelegt?« -- Sie schwieg. Wie ihr Haar duftete! Sie atmete stark.

»Möchtest du mirs nicht vorlesen?« fragte er wieder, da er ein leises Nachgeben in ihren Schultern zu spüren meinte. »Oder spielen?« setzte er, noch leiser, hinzu.

Eine lange Weile blieb sie still. Dann, heftiger atmend, fragte sie weich: »Woher weißt denn, daß ich spielen kann?«

Nun hielt ers für das beste, zu schweigen. Immer tiefer und schwerer wogte ihre Brust.

»Möchtest du's denn gern?« flüsterte sie kaum hörbar und räusperte sich. -- Er drückte sie an sich. »Wart ein Weilchen«, sagte sie schnell, drückte sich um ihn herum, lief durchs Zimmer und verschwand.

Es war ganz dunkel geworden. Georg, am Fenster stehend, dachte: Ich sollte nie fragen! sagte sie im Anfang -- und nun kommt es doch, ganz von selber. So ist es im Leben. Eine wirkliche Elsa hätte auch nicht geradezu gefragt: Wer bist du? Wo kommst du her? -- Eines Tages hätte es sich von selber ergeben, und dann wäre es auch vermutlich nicht halb so schlimm gewesen, wie der Lohengrin ankündigte ...

Er mußte jedoch lange warten, bis sie wieder kam. Still und ernst, auf unhörbaren Füßen erschien sie im dunklen Raum, dunkel selber im Haar und dem schweren, schwarzen Mantel; nur ihr Gesicht schimmerte sehr weiß.

»Setz dich ins Sofa«, bat sie, und er tats. Sie blieb vor dem Kastenschrank stehn, legte still eine Hand in die andre und sprach, das Gesicht zum Fenster gewandt, erst nach langer Zeit:

»Theodosis war eine arme Seele. Sie war stumm geboren und blind. Dennoch fand sich ein Mensch, der sie liebte, dem sie vermählt wurde, und der von einem Nebenbuhler erschlagen ward in der selben Nacht. Nun kommt ihr alter Lehrer Thespesios, der sie als Kind lehrte, den Druck seiner Finger in ihrer Hand zu verstehn und zu erwidern, und sagt ihr, was geschehn ist. Der Schrecken durchbrennt sie, sie lodert auf, sie kann sprechen.«

Cordelia schwieg. Georg, in seltsam tiefer Erregung, da er ihre Stimme noch nie so gehört hatte, so tief und tönend, so voll aufkeimender Musik, sah ihre Augen durch den Raum wandern, mit fernem Blick, unsäglich ernst, bis zu ihm, doch sah sie ihn nicht an.

Auf einmal glitt von ihren Schultern der Mantel -- ihr Leib glänzte fast metallisch auf in der Dunkelheit --, glitt bis zu den Hüften, wo ihre linke Hand ihn hielt; die Rechte streckte sich ein wenig vor, steif, als würde sie von einer andern gefaßt. Sie hielt den Kopf lauschend vorgesenkt; dann entflog irgendwo ein gurgelnder Laut: »Weh über mich!«

Die Rechte noch in derselben Haltung, fuhr die Linke zum Munde, in ihrem Blick war Entsetzen, der Mantel war am Boden, aber jetzt -- kaum daß Georg noch Worte vernahm, so flutete eine maßlose Stimme durch den Raum, wie ein Engel in tosenden Flügeln --

»Mein Mund! was ist mit meinem Mund? er brennt! Wehe, ich brenne! eine Flamme schlug Aus meinem Mund, und alles steht in Brand. Was ist? ich höre eine schreckliche Entstellte Stimme. Meine Stimme ists! Ich konnte sie nicht halten ...«

Sie war still: sie stand noch immer wie zuerst. Georg bebte am ganzen Leib. Diese nie gekannte Stimme! Diese singende Kraft, diese schwelgrische, üppige Musik, und Verse, die sie schwang wie Fackeln und Dolche, lodernd, triumphierend, in seine Brust. Und nun -- nur die Arme ein wenig zu einer hülflosen Gebärde des Umarmens ausgestreckt, tiefer gebeugten Leibes -- sang sie weiter:

»O Stein an meinem Mund, o kalte Säule! O Mund, ich schließe dich an diesen Stein, So stumm warst du, so eisig diese Nacht, Da über dir ein andrer Mund verglühte, In dich hineindrang, aber du warst Stein ...«

Sie warf die Hände empor und rückwärts zum Genick, empor das Gesicht:

»Nun schrei, zerborstner Stein, nun gell es aus, Daß ich nur höre diese grauenvolle, Verworfne Stimme, die nur ward zum Schrei Erschaffen, nur zum Schrei!«

Wieder vornüber sinkend, faltete sie die Hände in der Höhe der Brust, sie wand sich zart, Georg sah jetzt ihr Gesicht, entfremdet, die Augen geschlossen, schmal geworden; sie lächelte Gram:

»O meine Kindheit! O meine Sehnsucht, süß und schmerzenvoll! Da alle Welt voll Lieder war und klang, Wie tönte jedes Ding, wie sprach von Liebe Das kleinste auch, dran meine Hände rührten, Du Becher, draus ich trank, du Ring, du Vase, Glücklich beredt, und lächelte mich an, Daß ich euch liebte tief aus meinen Schmerzen. Dann manchmal schiens, als sei doch einmal alles Verstummt, und kein Geräusch als in den letzten, Versteinerten Tiefen, dunkel in mir murmelnd, Die Stimme, meine Stimme, die vergrabne, Arbeitende ... Ich konnte ihr nicht helfen.«

War das denn Spiel? Übermannte sie jetzt wirklicher Schmerz? Aber da wich schon die Qual, sie lächelte wieder, doch fielen die Hände auseinander, fielen ab, unwissend geschlossen bis zu ihren Schenkeln, wo sie haften blieben, und sie stand nun, eine hülflos gekrümmte Figur ...

»Wie sollte sie Einst süßer tönen! ach, wie sollte sie Liebkosen! all die stummen Herzen sollten Von ihr gestillt und fröhlich sein. Es würden Die alten, göttlichen, unsichtbaren Flügel An ihren Schultern wieder sichtbar werden, In Himmel tragen, die entgegenschweben ...«

Ihre Stimme, zu innigster Innigkeit versüßt, verhauchte im Geflüster der brünstigsten Sehnsucht:

»Ich wollte ihnen dienen. O in Schauern Sollten sie stehn und horchen: Hört, es klingt Die Erde, ja die Erde klingt, die alte. Alles wird klingen, alles ist voll Liebe, Wir Menschen sind geliebt, wir sind geliebt, Denn eine Blinde baut uns goldne Brücken, Denn eine Stimme kam, um uns zu dienen ...«

Mein Gott, sie sprach ja von sich selbst! Das war ja sie, sie, und stockte nun, besann sich, sagte stumpf: »Nun schreit sie bloß!« und flog plötzlich in ihren Armen empor in den Raum, stand langausgestreckt nach oben, schmerzausjauchzend wie eine knatternde Flamme:

»Ach, was aus mir Jetzt Worte schleudert, nennt ihr Sprache, ach, Nur meine Stummheit ists, die reden lernte Und alles überschreit! O daß ich sänge! Eindränge in die Seelen mit Gefühl, Die Namen stammelnd, Namen, blühend, Kinder, Im Welken Himmlische, und Worte, Worte ...«

War es denn zu Ende? Georg wagte nicht, sich zu bewegen. Sie stand immer noch wie zuletzt, die Augen geschlossen. Dann schien sie zu wanken. Georg sprang auf und kam eben rechtzeitig, sie aufzufangen. Sie fiel abgebrochen gegen ihn wie eine Säule. Er fühlte sie schweißbedeckt und eiskalt am ganzen Leib, aber sie war nicht ohnmächtig, sie zitterte, er raffte den Mantel vom Boden, selber zitternd, und hüllte sie hinein, während Gedanken in ihm schwirrten wie Funken. Sie an sich drückend, flüsterte er stumm: »Ich weiß ja, ich weiß ja nun alles. Ärmste, du hast nie spielen dürfen, was du konntest, du hattest -- ach, was weiß ich, wie es war, aber nun ... Komm,« sagte er sanft, »komm, leg dich hin, komm, es ist ja nun gut! ich weiß ja nun ...«

Da horchte sie auf. »Was weißt du nun?« hauchte sie.

»Ach -- alles; was dir fehlt, wer du bist. Aber das hat nun ein Ende. Ich kann ja alles für dich tun, ich --«

»Was willst du tun?« fragte sie, seltsam schmelzend und ergeben.

»Ach ... Du weißt doch: das Theater ist doch nichts ohne meinen Vater, und ich selber ... man hat doch alles für Geld. O die Schurken, nun weiß ich alles! Was soll ich tun, Herz? Soll ich morgen zum Intendanten gehn? Willst du hier bleiben? Willst du nach Berlin? Sag doch, Herz, du bekommst ja!«

»Zum -- -- In--ten--danten?« sagte sie vergehend. Ihm schmolz das Herz in der Brust. Mein Gott, warum hatte sie denn nur geschwiegen, immer geschwiegen!

Da merkte er, daß sie weinte. Und dann war sie auch schon in ein Schluchzen ausgebrochen, daß ihm das Herz stillstand vor Grauen. Sie schüttelte sich minutenlang wie ein rasendes Tier, dann brüllte es aus ihr heraus, sie fiel vornüber so schwer, daß sie ihn mitriß, er mußte knien, um sie zu halten, sie lag halb am Boden, er richtete sie auf, sie wimmerte, er sah ihr Gesicht, aus den geschlossenen Lidern schossen stromweis die Tränen, während der Mund sich verzerrte, und sie fiel wieder um, er richtete sie mit Mühe auf, sie fiel ihm über den andern Arm, lag am Boden, schluchzte, schluchzte, schluchzte, sie schüttete Schmerz aus, wimmernd aus keuchender Brust, als würden eiserne Stücke in ihr zerbrochen, und es nahm kein Ende.

Georg konnte nur noch neben ihr sitzen und ihre Hand festhalten, selber wie erfroren vor Mitgefühl, bis der Ausbruch langsam zu erlöschen begann, das Weinen leiser wurde, das furchtbare Zittern aufhörte; bis er es dann wagte, sie aufzurichten und zum Sofa zu führen, wo sie sich hinbetten ließ und dann still wurde. Er trocknete ihr geschwollenes Gesicht, die immer noch fließenden Augen mit seinem Tuch, doch nahm sie es nun fort, schob sich ein wenig höher in den Kissen, öffnete die Augen und sah ihn an. Ihren Blick -- dunkel, kaum sichtbar im Dunkeln, da sein Schatten noch über ihr lag -- verstand er nicht, auch schloß sie die Lider bald, lag still und sagte leise:

»Weißt du, Georg -- wir wollen noch ein wenig warten ...«

»Ach, nun wieder warten!«

»Ja, Georg. Sieh mal: -- -- es ist doch nun alles anders geworden, als ich dachte. Ich muß mich ja nun ganz -- herumdrehn. Ich -- ich möchte aber nicht, daß du in -- in dies hineingerätst, was ich jetzt bin.« Sie sah ihn nun wieder an und schien zu lächeln. »Sein Stolz hat halt a jeds. Ich möcht auch schon net hier bleiben, wenns einmal anders werden soll. Da mach ich erst hier ein End, und dann -- in Berlin -- da bin ich ganz frei, da hast mich dann ganz für dich und kannst mit mir machen. Möchtst das net? Georg?«

Georg wand sich und war gar nicht einverstanden.

»Na, Georg, du mußt das doch einsehn! I kann doch net so auf einmal! Sagn mir halt: Berlin. Is recht, Georg?«

Georg gab nach für den Augenblick. Es ist ja noch ein Monat Zeit, einerseits -- und vielleicht hat sie ja auch recht. Wenn schon überhaupt anfangen, dann ganz oben, dachte er, küßte sie dann zärtlich und ließ sich von ihr das Haar glätten.

»Aber Cordelia,« mußte er nun gestehn, »was kannst du alles! Es ist ja unerhört!«

»Ich kann schon was«, meinte sie mütterlich. »Und dann für dich ...«

»Wie du nur dastandest! Hast du wirklich die ganze Zeit mit geschlossenen Füßen gestanden? Alles mit den Armen gemacht und mit der Stimme? Kind, was hast du für eine Stimme!«

Sie lächelte sanft, schloß die Augen, seufzte und streckte sich aus.

»So ist gut, Georg. So liegen ist gut. Und nimmer viel reden, weißt! Ich ruh mich ein wenig. Wir haben ja noch die ganze Nacht.«

Die ganze Nacht ... Er deckte sie sorgfältig mit dem Mantel zu bis ans Kinn, tastete nach ihrer Hand darunter und hielt sie. Ein wenig wandte sich ihr Gesicht herüber. Sie lag still. Und so saß er bei ihr, glücklich, dankbar, gut sein zu dürfen, hülfreich. Der Herbstregen schlug schwer gegen die Scheiben. Er hörte den Gang der Pendeluhr durch das Geräusch der Wassers, langsam, seelenruhig, und sein Innres ebnete sich, hinschwellend durch die immer sanftere Stunde, der verhangenen Ebene gleich, zu den zaubrischen Wäldern der Zukunft.

Wiederkunft

Renate, mit Saint-Georges und Magda, die vor ihrer Rückkehr nach Berlin noch einige Zeit bei ihr bleiben wollte, aus Helenenruh heimgekehrt, suchte ihr Zimmer auf, um sich umzukleiden.

Die Fenster im Wohnzimmer standen weit offen; es war wie im Freien, der Septembernachmittag drinnen wie draußen leicht, bläulich und durchgoldet. Auf ihrem Schreibtisch fand Renate eine kleine Druckschrift -- Feruccio Busoni: Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst -- aus der ein kleiner Zettel fiel; von Ulrikas Hand stand darauf gekritzelt: Ich bin in der Kapelle. Bogner sitzt im Garten.

Das Mädchen trug mit dem Chauffeur Koffer und Hutschachteln herein. Renate legte Jacke und Hut ab, auf einmal ein wenig wehmütig, ohne erkennen zu können, weshalb. Ob es schon die Luft des Hauses war, die sie wieder bedrängte? -- Sie trat ans Fenster und vergaß für Augenblicke die trübe Wallung über dem Anblick weißer, goldiger Wolkenstreifen im Blau über den noch schweren und dichtgrünen Massen der Gartenbäume.

Und siehe da: Bogner saß -- natürlich drehte er ihr den Rücken zu! -- auf einem Feldstühlchen vor einem roten Busch, ein großes Skizzenbuch auf den Knien, aber die rechte Hand, die Renate sichtbar war, lag völlig still; er betrachtete nur.

Und dort zur Linken -- ja, da saß der Onkel, nicht anders scheinend als ein friedlicher Patriarch, kahlhäuptig und weißbärtig, auf der weißen Bank in der Grotte von Buschwerk, neben der ein Birkenbaum, goldgelb im Laub, leichte Wache hielt, vor sich den Rasenplatz. Gedämpft aus der Kapelle ward die Orgel hörbar -- alles war wie zuvor, nicht leichter, nicht schwerer, aber -- da es wieder neu war -- schwerer ließ es sich auch wieder an.

Renate ging ins Schlafzimmer, zog eilig Rock und Bluse aus, wusch sich im Badezimmer, legte dunkelblaue Seidenstrümpfe, die ihr grad in die Finger gerieten, an, kleine blaue Schuh und irgendein weißes Kleid, locker und schlicht von oben bis unten, beim Zuhaken bemerkend, daß es einen hohen, anschließenden Kragen hatte, mit kleiner Rüsche, in Wellenform geschweift unter Kinn und Ohren. Als sie ihre Schatztruhe öffnete, überkam sie Erinnerung. Der freie Raum darin, den die aufgeschichteten Lederkästen ließen, war angefüllt mit dem bunten, glitzernden Gewirr des Alltagschmucks; sie griff hinein und zog ein Bündel langer Ketten heraus in allen Farben, blaugrün, rosenfarben, weiß, gelb und gelbgrün; ein mattgoldner Armreif fiel zurück, und sie ließ das Ganze wieder sinken, legte die Hand auf einen der Kästen und dachte an ihr erstes Halbjahr im Hause, wo der Onkel und Josef allwöchentlich gewetteifert hatten in Geschenken, die dann sie, immer eines bis zum nächsten, tragen mußte, abwechselnd einen Tag um den andern. Kleine Verse hatten sie dazu gemacht --

Eine Chatelaine -- Perlen nennt man Tränen. Tränen sind aus Salz -- Schling sie um den Hals.

Ihre Augen verschleierten sich; sie löste eine lange Kette von fingernagelgroßen, länglichen Perlen aus Lapislazuli, hartblau mit goldenen Spuren, aus den übrigen, legte sie über den Nacken und ließ sie vorn bis zum Schoß herunter fallen. So ging sie, Ulrikas Heft an sich nehmend, hinunter.

In der Halle jedoch hielt ihr lebensgroßes Spiegelbild sie auf. -- Wie seh ich denn aus? fragte sie sich erstaunt, ich bin ja ganz fremd geworden! -- Aus dem weißen Kleidhals mit der blauen Kette stieg ihr Gesicht, fast so braun wie ihr Haar; die Wangen glühten röter als sonst, auch der Mund, und die Augen, tiefer liegend, schienen in dunklerem Feuer zu stehn. Plötzlich fühlte sie sich so angeprahlt von den eigenen Farben und Gluten, daß ihr das Blut in die Wangen schoß und sie sich abwandte. -- Wofür denn nun all das, wofür? Was soll denn ich damit, und ich brauchte es ebensowenig mehr zu tragen wie den Schmuckberg da oben, der bald zwei Jahre im Finstern liegt. --

Überdem fiel ein Schatten von draußen herein, der Onkel erschien in der Tür. Auch seine Stirn, die kahle, schöngewölbte, war gebräunt, die heitern Augen hatten keinen Blick, fast verhangen vom Weiß des Bartes. Seltsam hoch und spitz -- fast wie bei einem heiligen Antonius eines alten Bildes -- war sein kahler Kopf. -- So ging er vorüber und hinaus. Die Hände gefaltet sah Renate ihm nach.

Eine Weile später stand sie ein paar Schritt hinter Bogner. Auf dem Blatt war ein Durcheinander, von allen vier Rändern ins Weiße gezeichnet, Blätter, Zweige, ganze Stücke des Busches, einzelne Blätter haargenau, ihre Drehung, Schattung, Glanz und Zahnung, Ansatz am Stengel, Verknotung im Ast, alles hundertmal lebendiger geworden im Durchgang durch seine Augen, als die Augen Renates es am wirklichen Gewächs wahrnehmen konnten. -- Ach, hier war Leben, hier wars! --

Leise ging sie wieder davon, setzte sich auf die Bank, auf der sie zuvor ihren Onkel gesehn hatte, und versuchte, sich in die Zeit der Friedliebenden Gesellschaft zurückzuversetzen, indem sie nicht zu Ulrika ging, da die Zeit zur Begrüßung von selber herankommen würde. Sie öffnete die Druckschrift, sah zu Bogner hinüber, sah empor und erblickte das Gesicht von Saint-Georges' Bruder zart und rosig an seinem Fenster, nickte ihm zu und winkte. Er, tief errötend wie stets, sprach ins Zimmer hinein, und gleich darauf erschienen Magdas Gesicht und schwarzbekleidete Schultern, die nickte und lächelte, dann auch Saint-Georges. -- Sie zogen sich wieder zurück. Renate blätterte zum Anfang des Buches, hier und da einen Blick hinein stechend, blieb haften mit einem und las:

>Und was kann schließlich die Darstellung eines kleinen Vorgangs auf Erden, der Bericht über einen ärgerlichen Nachbar -- gleichviel ob in der angrenzenden Stube oder im angrenzenden Weltteile -- mit jener Musik, die durch das Weltall zieht, gemeinsam haben?<

Hineinsinnend in das königliche Wort hob Renate die Augen. Auf der Veranda stand Magda, schmal, im hängenden schwarzen Kleid, aber schön bräunlich von Antlitz. Bogner hatte wohl ein Geräusch gehört, drehte sich um, sah Magda, winkte ihr zu und erhob sich. Bogner war braun wie ein Affe, an den seine Augenhöhlen jetzt mehr als früher erinnerten; hier war Einer immer brauner als der Andre. Jetzt entdeckte er auch Renate, lächelte, warf sein Buch zu einigen andern in den Rasen, kam und streckte ihr die Hand hin. Sie möchte nur entschuldigen, er säße schon ein paar Wochen jeden Tag hier und studierte, ja, er wollte nun die ganze Friedliebende Gesellschaft malen, ein bei ein, sechs Meter lang, fünf Meter hoch. Nein, sitzen brauche ihm niemand, antwortete er auf Renates Frage, wäre alles schon fertig von damals her.

Indem kam Ulrika von der Kapelle her, gelbweiß gekleidet, und war richtig auch so braun wie ein Mulatte, nein, eher kupfern, und sie sagte gleich tief beschämt, ihr Haar sei nun glücklich übergeflossen. Das Heft auf der Bank neben Renate entdeckend, raffte sie's auf und sagte, sie müßte Renate eine Stelle vorlesen. Während sie noch suchte, kamen Magda und Saint-Georges, es gab ein langes Händegeschüttel, dann hatte Ulrika gefunden und las:

»>Wohl ist es der Musik gegeben, die menschlichen Gemütszustände schwingen zu lassen: Angst, Beklemmung, Erstarkung, Weichheit, Aufregung, das Überraschende< und so weiter --« sagte Ulrika -- »>ebenso den inneren Widerklang äußerer Ereignisse, die in jenen Gemütsstimmungen enthalten sind. Nicht aber den Beweggrund jener Seelenregungen< -- und so weiter! Nun: >Ebenso vergeblich ist es, moralische Eigenschaften, Eitelkeit, Klugheit in Töne umzusetzen, oder gar abstrakte Begriffe wie Wahrheit und Gerechtigkeit ... Könnte man denken, wie ein armer, doch zufriedener Mensch in Musik wiederzugeben wäre? Die Zufriedenheit, der seelische Teil, kann zu Musik werden; wo bleibt aber die Armut, das ethische Problem, das hier wichtig war: zwar arm, jedoch zufrieden. Das kommt daher, daß »arm« eine Form irdischer und gesellschaftlicher Zustände ausdrückt, die in der ewigen Harmonie nicht zu finden ist.<«

Ulrika sah sich triumphierend um. Renate aber hörte weder ihre Worte, noch was die Andern sagten, ganz gefangen in ihren Blick, der von ihr, die allein saß, über die vor ihr Beisammenstehenden glitt, gefesselt von den Gesichtern, Ulrikas lebhaftem, Magdas im Zuhören äußerlich abwesendem, und Georges' gelassenem, leicht ein wenig sarkastischem. Länger haftend an seinem, dem ägyptischen König in diesem Augenblick, wo es sich glättete und der Blick aus lichten Augen nach oben ging, ähnlicher als jemals scheinenden Gesicht -- hörte sie auch ein paar seiner Worte -- vom verräterischen Glanz des Bestrickenden an der schönen Form -- und wußte auf einmal, weshalb sie wehmütig geworden war beim Anblick von Ulrikas Zettel oben, den sie wieder vor sich sah. Ja, damals, als es die Friedliebende Gesellschaft gab, lag in der Halle wohl, oder auf der Sonnenuhr, oder sonst irgendwo, solch ein Papierschnitz mit einem Namen, dem er galt, und einem Ort in Haus oder Garten, und nur die Handschrift zeigte an, wer ihn hingelegt hatte. In ihrer Schreibmappe mußten noch ein paar zu finden sein.

Aber wir sind ja Alle wieder da! Magda, Bogner, Ulrika, Georges! Irene, Jason, Georg, Benno sind irgendwo in der Stadt -- ja, warum ist es nicht wie früher? wer fehlt denn? Ach Gott, Esther, hab ich dich wirklich so vergessen? Und Sigurd ... wo mochte der sein? -- Könnte es nicht doch werden wie damals?

Da sah sie die Andern wieder vor sich stehn, schweigsam jetzt, jeder nachsinnend über etwas, wie es schien, sonderbar still, jeder für sich mit seiner inneren Welt, umgeben vom Grün, von der warmen, herbstlichen Luft -- und doch alle von Nachdenklichkeit eigentümlich vereint. Es war so traumhaft ...

Nein, das war gewesen! Und das hier -- das waren die Schatten davon, die zusammen kamen, um den alten Ort anzusehn. Es war --

Renate stand auf, die Andern lösten sich, und Ulrika legte den Arm um sie, fragte dies und das, erzählte, doch kam der Maler alsbald, seine Bücher unterm Arm, und nahm sie mit fort, denn er wollte durch den Wald laufen, und sie wollte mit. Ulrika immerhin schien froher und offner als jemals.