Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 33

Chapter 333,768 wordsPublic domain

Er sank wieder zurück und lächelte. Arme Seele, ich liebe dich wahrhaftig, so sehr ich kann, und ich bin dir dankbar, oh dankbar! Du Verzaubernde! -- Die Abendfahrten über Land fielen ihm ein, im Automobil, wo es immer paradiesische Entdeckungen gab, Stücke Landschaft, Haidhügel mit Wacholder, ein namenloses Dorf, zu dem sie Geschichten erfand, und wars nur eine trübsinnige Henne in einer schmutzigen Kate, -- und wie sie mit den Menschen hantierte, mit einer Herzlichkeit und Frische, die den härtesten Bauernschädel knackte, jeden Augenblick Miene und Sprache wechselnd, aus dem Hochdeutschen ins Oberbayrische fallend oder in ihren Mischmasch aus beidem ... Ihm lachte das Herz, als ihm der blinde Leierkastenmann mit seiner schwarzen Brille, der Orgel auf dem Rücken, ins Gedächtnis kam, der sich am Straßengraben hinstocherte mit seinem schmierigen Spitz und nun aufgeladen wurde in den königlichen Rücksitz allein, und wie sich dann weiß Gott wie herausstellte, daß der Kerl sah! Herr du meines Lebens, das Ungewitter! Wie sie im Sitz neben mir kniete, im flatternden Haar wie ein Windgott, und über die Brüstung mit geballten Fäusten auf die Kanaille im Rücksitz loswetterte, und ich davonraste und plötzlich anhielt, und sie über die Lehne weg wie ein Pardel, und der Kerl aus dem Wagen wie der exorzisierte Satan. -- Gott im Himmel, Georg, wann wirst du jemals wieder so glücklich sein!

Er sprang auf und blickte auf die Uhr. Es war schon dreiviertel sechs, Zeit zum Frühstück. Um sechs saß er doch sonst immer an der Arbeit. Wieviel Stunden Ferienkurs waren heut? Zwei wie meist, dann noch zwei Stunden Arbeit von zehn bis zwölf, dann Schlaf, Essen und wieder Arbeit bis Zwölf oder Elf. Jeden Tag beisammen zu sein, verbot das Gesetz der Liebe ...

Noch ein mal sich reckend, die Arme mit geballten Fäusten ausstoßend und sich dehnend, daß es krachte, klomm er die Böschung wieder hinan, ein wenig beschwert in der Brust, denn -- sagte er sich -- kann man ein solches Kleinod jemals aus den Händen lassen? Eine Prinzessin von solcher Art wie diese halbe Kroatin aus Oberbayern gab es freilich nicht, welch ein Jammer!

Aber Renate. Renate mußte -- bei aller Hoheit gegen Fremde -- ihr doch ähnlich sein, wenn -- wenn sie liebte. Nun, Renate -- es machte Schwierigkeit, an sie zu denken in dieser glorreichen Epoche seines Lebens. Jedenfalls aber -- -- noch ein halbes Jahr vielleicht, dann kam -- der Vertrag, kamen tausend, kam die eine Pflicht; kam auch Renate, das stand fest.

Auf der Plattform hinter dem Hause angelangt, hörte Georg bereits das Badewasser im Innern rauschen und entglitt freudig dem geistigen Labyrinth. Hesekiel erschien, den Frühstückstisch vor den Leib geklemmt, und Georg half ihm, ihn zur Plattform zu tragen, was den Guten äußerst verwirrte und zu tausend Segnungen bewog, worauf Georg die kleine Diele im Innern betrat, an der Tür des Badezimmers klopfte und den Kopf durch den Spalt steckte. Natürlich, der Raum war undurchsichtig von Wasserdampf, Cordelias Kopf war kaum zu sehn über der eingelassenen Wanne im Boden, und Georg unterließ nicht, ihr zum hundertsten Male bedeutende Vorhaltungen zu machen.

»Ja, was willst denn überhaupt? Zu seiner Zeit a jeds, hörst, das ist überhaupt unschicklich, da herein zu kommen! Geh, Georg, sei stad, ich komm gleich!«

»Ja, ich geh ja schon! Übrigens, was ich sagen wollte: ich hab den Vers jetzt!«

»Na?«

»Es heißt: Gramvoll -- nein! Zornvoll, gramesvoll ward vom Donner der Wogen der Kühne.«

Sie schlug die Hände überm Kopf zusammen. »Ach, Georg, was bist du für ein Klabautermann! Zornvoll, gramesvoll ward --« sie bauschte die Worte im Munde -- »ja, und wie heißt es im Griechischen? -- Viel -- im Meer -- litt er Schmerzen im Gemüt -- die allersimpelsten Worte, -- geh, mach, daß d' weiter kimmst mit dein' Bombast, mit dein' Donner der Wogen!«

Georg klappte die Tür zu vor einem triefend nassen Badeschwamm, der herüberflog, und stieg in äußerster Kümmernis über seine Dummheit ins kleine Wohnzimmer hinauf, wo ihm in der Ecke des Sofas alsbald glückselig die Augen zufielen.

Achtes Kapitel: September

Regen

Georg verlor an einem Regennachmittag im September die Lust an der Arbeit so gänzlich über dem Verlangen, in den Regen hineinzugehn, daß er, kaum gedacht, in festen Schuhen, Gummimantel und Mütze vor der Türe stand, mit weitoffenen Nüstern die kalte, frische Feuchte der Luft in die Lungen ziehend.

Wundervoll war die Leere des verschleierten Parks. Georg ging; der Regen fiel mit fast lieblicher, mit liebkosender Leichte, hinwehend über die Lichtungen der Wiesen, hingebungsvoll sich mitunter ganz in Seele, in nebelnde Feuchte auflösend, in Schleiern sich einsenkend in die ruhig duldenden Wipfel. Die aufgeweichten Wege schienen noch nie betreten. Noch war alles Laub tiefgrün, hier und da zart gelb gesprenkelt; nur wo Nußbäume standen, leuchtete das nasse Gelb. Die Gruppen der Bäume und Gebüsche, von der Regenumschlingung zusammengeschlossen, schienen schöner aufgeteilt. Gleichmäßig rieselte die Stille mit dem Säuseln der Feuchte; alles bewahrte Ruh im Empfangen der Erquickung.

In linden Gedanken sich selber umschweifend, gelangte Georg an den grauen, dampfenden Spiegel des Teichs, an die Bank, wo vor langem Sigurd den Kaddosch gesprochen. Esther, kleine Esther -- was war aus ihr geworden am Grunde der großen Wasser? -- Ein Regentag, gewaltsamer als dieser, wars, da kamen die Beiden herein, triefend und lustig, und es gab Verkleidungen und Gelächter.

Matt, sehr verblaßt glänzten die Farben der Erinnerung durch den Nebelregen der Jahre.

Ist es nicht doch besser geworden? dachte Georg; und ernster? >Ein guter Geist hält über mir die Wage ...< Ich weiß noch: hier saß ich, wie ich Balto-Borusse geworden war, und fragte mich, welches Gewicht einmal dies Erlebnis haben würde. Um richtig wägen zu können, dürfte wohl noch nicht genügend Zeit verstrichen sein, aber ich denke doch: über die letzten Folgen bin ich hinaus. Ein leichter Herzfehler, Meidung alkoholischer Getränke, die Erinnerung an Tozzi, an Schwalbe --, das ist wohl alles, soweit ich sehe, und nicht eben viel.

Georg wanderte weiter in einer plötzlichen Sehnsucht nach seinem Vater. -- Ich könnte doch eigentlich viel mehr von ihm haben, stellte er fest, und deshalb ist es doch schade, daß er nie schreibt. Nein, für Gedankenaustausch ist er nicht zu haben -- gesetzt, ich hätte was zu tauschen --; sein Leben beschränkt sich auf Leistung. -- Überdem fiel ihm eine Andeutung aus Magdas letztem Brief ein, als ob sein Vater es wieder mit dem Gehen versuchte; er hielt das wohl geheim oder ließ merken, daß es unbeachtet bleiben sollte, solange kein Erfolg sich zeigte. Sonderbarer Mensch, der er doch war! Sollte er wirklich der kranken Frau wegen sich freiwillig diese Fessel an den Fuß gelegt haben? Und weshalb wollte er nun los? Freilich war er jünger, als man seine Väter sich so denkt, drei-, vierundvierzig, und konnte noch bald ebensoviel vor sich haben ...

Georg war im weiten Bogen zum Ende der Lindenalleen gelangt und ertappte sich in der Richtung zu Cordelias Hause. Auf die Uhr blickend, fand er, daß sieben nahe bevorstand. Vielleicht war sie da, -- sie pflegte ja allabendlich die Blumenstöcke zu gießen und den Vasenblumen frisches Wasser zu geben. Und wenn sie nicht kam, -- konnte es nicht einmal ganz schön sein, ohne sie in ihrem Duftkreis zu weilen?

Alsbald, die stille Alleestraße zwischen Gärten und Landhäusern bergan geschlendert, öffnete Georg das Gittertor und stieg den gewundenen Weg hinan zum Hause, das nun ganz in einen Kranz von Dahlien eingefaßt war, schwarzroten, eigelben, weißen und feuerfarbenen, alle Häupter übersät mit metallblanken Tropfen. Unter der Vorhalle aber saß, ganz still und so vertieft, daß er nichts umher sah noch hörte, ein kleines Buch vor den Augen, Hesekiel. Auf Georgs Anruf kehrte er erschrocken in sich selbst zurück, dienerte heftig und lief herbei, wehmutvollen Mundes, aber heiterer Augen. Georg fragte, was er denn lese; er brachte das Buch, ein Neues Testament.

Ob er denn auch verstünde, was er lese.

»Gnä Frau hat mirs angestrichen, was i lesen derf. Sehr schön is, sehr schöne Sprüch.«

Richtig fand Georg hier und da ein paar Zeilen, einen Absatz dick mit Bleistift eingerahmt. »I solls auswendig lernen,« erklärte Hesekiel diensteifrig, »sie hört mirs dann ab.«

»Na dann sag mir doch auch mal einen Vers! Einen, den du gern hast, -- oder vielleicht die gnädige Frau ...«

Hesekiel zog die Stirn in Falten, schwer sich besinnend. »Es sind halt so viele«, äußerte er bedenklich, fing aber im nächsten Augenblick an zu sprechen und brachte stotternd, aber ganz richtig zusammen:

»Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn, den Spruch hat gnä Frau so schön gefunden.«

»Sehr schön, Hesekiel!« Er lächelte mühselig. »Verstehst du's denn auch?«

»I woaß net so gnau. I denk mir schon was. Mir san katholisch, mir zwa«, erklärte er plötzlich.

»Ah, du und die gnädige Frau?«

»Ja, mir san katholisch.«

Georg wußte nun nichts mehr, gab dem armen Teufel sein Buch wieder und ging ins Haus.

Sanft grüßend empfing ihn das kleine Wohnzimmer, dämmrig, enger als sonst. Georg trat ans Fenster, und ihm kam, da er jenseit des ums Haus führenden Kiesweges große Sonnenblumen stehen sah, die Häupter gesenkt, schwer von Regenperlen, -- wieder Magdas Brief ins Gedächtnis: er hatte so in Tränen gestanden, so gebeugt in Wehmut um die Gestorbene. -- Georg hatte ihr gesagt, unfähig falscher Gefühle zu scheinen vor ihr, daß ihm keine Mutter gestorben war, und dies hatte ihren Schmerz fast vertieft.

Unser keiner lebt ihm selber, und unser keiner stirbt ihm selber ... Georg fand, daß er die ganze Stelle im Gedächtnis behalten hatte, so hing eines im andern. -- Leben wir, so leben wir dem Herrn ... Auch in diesen Worten war eine Erinnerung an Magdas sanfte Gestalt. -- Darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. -- Es klang sehr tröstlich; klang nach Händen, die nichts entgleiten lassen.

Georg hatte Lust, ihren Brief zu beantworten; nicht zu beantworten, -- was gäbe es zu antworten auf Schmerz? -- aber zu schreiben. Allein wie anfangen?

Jetzt, vor dem Sekretär sitzend, gewahrte Georg sich selber zur Linken hinter dem bläulichen Glasschleier des Spiegels, ein wenig sonderbar nicht nur durch die prunkvolle Umrahmung von Leisten und Gespiegeltem, den Kerzen und der mattblauen Vase, die heute dort stand, den Rand überhängt von gelben Rosenköpfen, sondern durch die Verschleierung vor allem, die ihn sich selber wie in einem andern Zimmer erscheinen ließ, dasitzend einsam, ohne Stunde, ohne Zeit, nicht vergehend. So einsam also sieht man immer aus, wenn man allein ist, dachte er. Es war beklemmend hinzusehn, er wollte sich schon wegwenden, entdeckte jedoch nun in seinen, übrigens wie immer scheinenden Zügen etwas Neues, eine kleine, neben dem linken Mundwinkel eingegrabene Falte, deren Herkunft er nicht begriff, bis er, unbemerkt den Mund verziehend, spürte, daß diese Mundbewegung etwas wie -- Verachtung ausdrückte. -- Dazu, sagte er, entschlossen sich abwendend, scheint mir denn doch wenig Ursache. -- Es sei denn Verachtung deiner selbst, fuhr eine andre Stimme in ihm fort, die er indes überhörte, in Cordelias Schreibmappe nach Briefpapier suchend.

Er fand aber zuerst einen Brief mit seiner Adresse von ihrer Hand darauf, schön, groß, rund, klar in Lateinschrift geschrieben, drehte ihn herum -- er war offen --, dachte, es sei vermutlich solch einer, wie er ab und zu bekommen hatte, sei's weil sie ihm einmal absagen mußte, sei's aus keinem triftigeren Grunde als dem, ein Zeichen zu senden, einen zärtlichen Gedanken, einen kleinen Vers, -- und richtig, als er den Bogen erwartungsvoll herauszog und entfaltete, las er Verse:

O komme, Geliebter, es freun sich die Fluren, Der Storch und der Star und verwandte Naturen. Weiß schimmern die Birken auf grünender Trift, Da ich schreib in die Rinde mit brennendem Stift: O komme, Geliebter, zu festlichen Stunden, Wir wollen uns tränken, wir wollen uns munden!

Die arme Seele.

Nun da bin ich ja! freute sich Georg, aber wo bleibst du? -- Wie lieblich sie das wieder zusammengeleimt hatte, gar nicht empfindsam, klein und frisch wie ein Veilchenstrauß! Sie war ein Juwel.

Aber er wollte doch an Magda schreiben, und damit ließ sich nicht anfangen. Indem geriet ihm, als er mit einem verlorenen Blick hinter sich die Bücherregale streifte, die im Eck neben dem Sofa zusammenstießen, Irene in den Sinn, nach der Magda gefragt und die er gestern wieder einmal mit einem Detektivroman im Arbeitskorb gefunden hatte. Und im selben Augenblick hatte er eine so schöne Hohnrede über sie, mit soviel aparten und glatten Wendungen im Kopf, daß er hastig ein paar frische Bogen aus der Mappe fingerte, seinen Halter zog und zu schreiben begann.

Liebe Magda:

Dies also, dies ist Irene Herzbruch! Dein Wunsch, von ihr zu hören, umarmt den meinen, von ihr zu reden. Gut, fangen wir an, liefern wir eine Beschreibung.

Daß sie mit ihrem Mann vor ein paar Monaten ihre Langenhagener Sommerwohnung bezogen hat, weißt Du, vermutlich auch, daß sie diese Wohnung -- eine Photographie bekommst Du -- mit Herzbruchs Schwester, Dora Vehm und deren Mann teilen. Nachdem ich dreimal ganze und halbe Tage draußen gewesen bin, habe ich die Männer übrigens noch kaum zu Gesicht bekommen. Dr. V. hat seine Praxis und Sprechstunden in der Stadt, H. dito seinen Verlag. Dora Vehms erinnerst Du Dich vielleicht von Irenens Hochzeit: prachtvoll anzusehn, mit dunkler Haut, schwarzem Haar, schwarzen, glänzenden Augen und einer schönen, sicheren und freien Haltung. Die Stimme manchmal etwas schrill, zum Beispiel, wenn sie sagt: Nein, das ist ja rasend komisch! -- (N. b. daß sich doch alle Frauen im gesellschaftlichen Umgang solche Übertriebenheitsworte angewöhnen müssen, wie rasend, oder himmlisch oder reizend.) Diese tüchtige Frau ist Urheberin einer Volksspeiseanstalt, wo Arbeiter und Frauen für 40 oder 50 Pfennige ein nahrhaftes Mittagbrot bekommen, und diese Anstalt leitet sie ganz allein, teilt sogar nicht unhäufig selber das Essen aus; ferner ist sie Vorsitzende irgendeines Frauenvereins; ferner leitet sie ihren Haushalt; ferner hat sie Freunde, denen sie lange Briefe schreibt; ferner singt sie, und gar nicht schlecht; ferner geht sie in viele Konzerte, Theater, Vorträge, Vorlesungen; ferner ist sie in der schönen Literatur verblüffend bewandert, und auf ihrem Tisch liegen Knoop, Kierkegaard, Hamsun und die Geschichte des Dr. Bürgers von Hans Carossa; und schließlich hat sie zwei entzückende Kinder von drei und fünf Jahren, Knaben und Mädchen, mit denen sie, ungelogen, niemals weniger als eine volle Hälfte des Tages zusammen ist. Da soll einer sich ein Beispiel nehmen. Und nicht etwa, daß dieses Ganze ein verfitzter Rattenkönig oder Schlangenballen wäre, aus dem all diese unterschiedlichen Verrichtungen mal dieses mal jenes Haupt züngelten, um was zu verschlucken, sondern ohne Unrast, ohne Fahrigkeit, auf einer einzigen, sanft und ebenen Linie rollt ein solcher Tageslauf einer solchen Frau ab, sie ist heiter, gelassen und fröhlich, und hat immer, immer noch für ein Dreizehntes Zeit in der zwölften Stunde.

Ach so, ich wollte von Irene schreiben. Du merkst, daß ich diese Frau anbete und verehre. Von dem Denkmal, das ich ihr in meinem Herzen gesetzt habe, war dies eben ein freilich sehr kümmerlicher Abdruck. Ein Hurra allen wackeren Frauen, würde Bernhard Kellermann sagen. Also nun Irene.

Als ich das erstemal zu ihr kam, -- ja, also das Haus siehst du sehr schön auf einem Hügel liegen, der von der Chaussee langsam flach ansteigt: zu unterst sind Gemüsefelder, dann kommt ein Blumengarten -- alles noch neu und sehr spärlich, zumal um diese Jahreszeit, dann Wiesen mit dem Haus in der Mitte; die rückwärtige Seite ist mit der >Hecke< bewachsen, wie man das hier nennt, das heißt also Buschwerk und Unterholz, Haselstauden, Eschen, Weiden, auch Tannengestrüpp, ein wahres Dickicht, Wassertümpel und zuletzt ein kleiner, abgenutzter Steinbruch. Ja, also da fand ich Irene, ihrer Stimme folgend, die von weither gellend hörbar war: Sie! Sie haben ja ihren Fusel noch dick in den Augen! Was Sie sind? Sie sind weiter gar nichts als ein besoffenes Schwein, wissen Sie das? Gehn Sie mal nach Hause und schlafen Ihren Rausch aus -- und so weiter. Ja, da stand sie breitbeinig im Bohnenbeet, einen Spaten schwingend, aber der so beschimpfte Gärtner war wirklich äußerst betrunken und gerade dabei, tätlich zu werden. Ein andermal fand ich sie mittags auf dem Rasen im Dickicht mit einem Roman von Skowronnek. Und das drittemal trug sie mit der Forke von einem kleinen Handwagen den Kompost und verteilte ihn über die Melonenbeete.

Dies wäre Irene? Freilich, freilich! Und was wäre viel dagegen zu sagen, wenn nicht -- ja, wie soll ich das beschreiben?

Sieh mal, wenn die Frau eines Rittergutspächters, dessen Dasein reineweg von seinen Äckern, Beeten und Ställen abhängt, sich so gehabte, da wäre das trefflich, obzwar auch dann noch zu fragen wäre, ob hierzu der Weg über ein Kloster vonnöten gewesen wäre. Was ist alte, älteste männliche Forderung an eine Frau? Daß sie das Notwendige mit Anmut tue. Was heißt Anmut? Eben jene Leichtigkeit und Gelassenheit der Gebärde, jene Unscheinbarkeit, ja Unsichtbarkeit des Tuns, jenes Darüberschwebende des Ganges, so daß von allem Kräfteaufwand nichts eigentlich vor andern Augen erscheint, als der Überschuß und die Freiheit zu andern Dingen, eben jene Anmut Dora Vehms, welche genau die des Trapezkünstlers ist, der nach jeder Vorführung, ein Lächeln auf den Lippen und mit ausgebreiteten Armen vortänzelnd, dem Zuschauer vorzuspiegeln hat, daß seine Leistung Kinderspiel sei, abgetan zwischen zwei kleinen Atemzügen. Sie aber geht in diesen Dingen bis zur Selbstvernichtung auf. Wenn sie morgens früh um fünfe ihre Hühner füttern muß, so schläft sie natürlich Glock neune ein. All dies, um im Winter selbst eingeweckten Spargel und selber eingekochtes Pflaumenmus essen zu können. »Und das Ganze«, hören wir meinen Vater sagen, »ist denn wie an die Wand --, usw.« Langsam umnachtet sich ihr Geist. Bücher liest sie keine, außer den oben angezeigten. Für derbe Worte und Redensarten hatte sie immer eine Vorliebe; Rhinozeros ist ihr Lieblingswort, das sie ja freilich am fröhlichsten an sich selber verschwendet. Siehe sie dastehn: in einem lachsfarbenen Morgenrock, Rüschen an Hals und Ärmeln wie immer, mit ihren sanft und länglich gerundeten Hüften -- noch sind sie's -- tausend goldne Lockenwirbel ums krebsrote Gesicht, indem sie sich mit dem Zeigefinger vor die Stirn tippt und sagt: Ich Rhinozeros!

Schließlich weiß man ja nicht, wie lange sie's treiben wird. Ferner ist auch die Abwesenheit ihres Mannes in Erwägung zu ziehn, aber wiederum -- die sozialwissenschaftliche Hauptabteilung seines Verlags, und die neue Zeitschrift gleichen Charakters, die er jetzt zu gründen im Begriff ist, könnten ihr genug Gelegenheit bieten, mit ihm zusammen ein gemeinsames Leben ernster und würdiger, wirkender und fortwirkender Tätigkeit zu führen, anstatt daß sie sich Sommers abrackert, um Winters essen zu können. Sauwohl fühlte sie sich, sagt sie, und überhaupt sei dies die wahre Bestimmung des Menschen, zu essen und zu trinken und dafür zu sorgen, daß man zu essen und zu trinken habe. Ihre Geige, wenn du danach fragen solltest, ist seit Monaten vergessen. Gewiß: Bau und Einrichtung von Haus und Garten mußte sie so ziemlich allein bewerkstelligen, und es ist ja auch reizend geworden, aber wozu? Sie wohnt ja nicht, sie hat ja immer bloß zu tun. Ihre Kleider sind entzückend, sie macht sie selbst, Renate auch, aber ich habe Renate nie am Schneidertisch gesehn.

Ja, wären nicht die Kinder -- du weißt, ich liebe Kinder -- und Dora Vehm, so würde ich diesen Verkehr vermutlich aufgeben. Manchmal ist ja auch H. abends anwesend, und auch der Doktor ist ein feiner, freilich sehr stiller, in sich gekehrter Mensch, aber da braucht man nur irgendeine Sache unterm Himmel zu berühren, so giebt es ein schönes, ernstes Gespräch, man fühlt einen feinen Keim in die Brust fallen, und die Stunde war nicht umsonst.

Ehrlich, Magda: Im Gastbuch unseres Korps fand ich die folgenden, sonderbaren Verse meines Papas, soviel ich weiß die einzigen, die er je gemacht hat, frei nach Storm:

Habe niemals eine Meinung! Innerstes bleibt stets verborgen. Was am Nachbarn du bedauerst, Tust du heute, tust du morgen.

So würde ich mir auch nicht diese Meinungsäußerung über die gute Irene erlaubt haben, wenn ich nicht selber während der Trassenberger Monate ernstlich an mir selber gefeilt und mich besonnen hätte, was ich war, und wer ich sein soll. Ich habe auch ganz tüchtig gearbeitet, denn das abgebrochene Altenrepener Semester drückte kräftig genug, und wenn auch Greifbares nur wenig dabei herausgekommen sein mag -- ein Überblick, flüchtig genug, über das gesamte, über dies ungeheuerlich horrende Besitz- und Arbeitsfeld Papas -- so habe ich doch Arbeitslust und Zukunftseifer in reichlichem Maße davongetragen. Froh bin ich dabei -- darf ich das einmal sagen? -- daß Du, immer Gütige und Verstehende, meinem Wege treu geblieben bist, und mit mir hoffst, und mit mir vertraust. Denn das tust Du doch, nicht wahr? Deine Briefe taten mir so wohl! Wirst Du nicht bald einmal wieder nach A. kommen, damit ich Dich singen hören kann? Oder ist die Stimme noch immer nicht so weit? Nein, nein, rede mir Du in deiner Bescheidenheit das nicht aus: Dein Gesang ist besser als Irenens Einmachegläser. Weiland Josef Montfort schenkte mir einmal -- der Großmütige! -- ein Wort; es ist von Salomo und lautet: Erhalte dir dein Herz, denn aus ihm kommt das Leben. Aus dem Herzen kommt Deine Stimme, aus einem allwissenden Herzen, Magda, ich muß es sagen, und ist Leben und muß Leben wirken.

Irene hat ihr Herz eingeweckt; möge sie sich im Winter ihres Mißvergnügens daran laben. --

Georg hielt inne. Der Nachsatz, fand er, hatte den Abschluß verdorben; nun konnte er so nicht enden, und ein Übergang war schwer zu finden. Auch schien ihm noch etwas zu fehlen, ja, die Hauptsache war mit den wenigen Worten gegen Ende doch noch nicht ausgesagt, sein dankbares Gefühl für sie und ...

Er stand auf, trat ans Fenster, merkte, daß der Regen stärker niederrauschte, und schloß es. Sogleich dämpfte sich der Lärm, aber Georg gewahrte auch, daß es dunkler geworden war mittlerweil, er mußte zum Ende kommen. Da verschleierte sich der Raum langsam vor seinen Augen, er sah noch vom Sofatisch her etwas Rotes dunkel glimmen, das Rubinglas, das er einmal mitgebracht hatte. Es quoll undeutlich in ihm, er sah wieder den für Magda bestimmten Brief liegen, setzte sich davor und schrieb:

Ich mußte eben die Feder hinlegen und lange am Fenster stehn. Es ist dämmrig, der Regen schlägt an die Scheiben. Esthers Volière fand ich bei Irene, wo ist Esther? -- Wie sind wir Alle auseinander gewirbelt! Daß wir immer wohl dies und jenes unternehmen können, aber halten läßt sich nichts davon. Wer hielte sein eigenes Herz, geschweige denn fremde? Unwiderstehlich angezogen treiben wir zu immer neuen Wirbeln hin, und schaurig ist, daß, was am wildesten glühte, am eiligsten erkaltet. Ferne, liebe Freundin, ich weiß nichts von Dir, aber wie den guten, immer gleichen Benno hier -- natürlich vergaß ich den Allzubescheidenen zu nennen, als ich eben die Hiergebliebenen zählte -- so sehe ich Dich dort: ein Bleibendes im Getümmel, eine sanfte Säule im Kreisen, einen immer steten, leisen, aber in jeder Stille um so geheimnisvoller vernehmbaren Ton, und ich denke: tausend Saiten des aufgeregten Daseins schwirren und rasseln ihr verworrenes und bezauberndes Spiel: eine Saite ruht immer und tönt tagein, tagaus, jahrein, jahraus immer den gleichen, himmlisch einfachen, und o so tröstlichen Klang!

In Dankbarkeit der Deine