Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 31
Renate nickte erregt und hülflos, fragte sich, ob sie noch spielen sollte, wandte sich dann zu Magda hinüber, aber die war nicht mehr am Fenster. Noch zauderte Renate, erhob sich dann aber leise, schritt bis zur Türöffnung und ging dann, da sie fern einen leisen Lichtschein bemerkte, durch die dunklen Zimmer Magda nach.
In dem großen, düstern Gemach saß Magda am kleinen Rokokoschreibtisch der Herzogin bei einem Licht vor den matt glänzenden Goldbronzebeschlägen der vielen kleinen Schubkästen des Aufsatzes, unter dem Bilde des Herzogs, die Unterarme auf der Tischplatte. Renate legte, zu ihr tretend, die Hand auf ihre Schulter, und sie sagte:
»Ich kann nicht mehr; ich möchte zu Bett gehn. Laß ihn noch nicht allein. Starke Männer wie er sind so hülflos. Es wäre gut, wenn er weinen könnte. Was schenkst du mir vorm Schlafengehn?« fragte sie, zu ihr aufblickend.
Sie schwiegen Beide, Beide an die Genfer Zeit denkend, wo Renate Magda allabendlich einen Spruch schenken mußte, und Renate schauderte vorm Schwinden der Zeit. Lange fiel ihr nichts ein, doch dann kamen die Worte Hölderlins zum Vorschein, die sie leise über Magdas Scheitel vor sich nieder sagte:
»Gleich dem Gewölke dort geh ich dahin, und du Ruhst und glänzest in deiner Schöne wieder, du süßes Licht.«
Als sie zusammen in den Saal zurückkehrten, stand der Doktor Birnbaum neben dem Herzog, an seiner Zigarre wickelnd, den Kopf gesenkt; der Herzog hielt den seinen in der linken Hand, die er auf das Knie gestützt hatte. Plötzlich machte der Doktor einen kleinen Ruck von Verbeugung und schlich leise hinaus. Magda hatte sich von Renate losgelöst, stand einen Augenblick frei im Raum, schien zu schwanken, aber dann ließ sie die Hände fallen und ging eilig zur Tür und verschwand. Renate blieb stehn, schaudernd vor Ratlosigkeit. Der Sturm wühlte heftiger um das Gebäude; am ganzen Haus schienen klappernde Dinge locker zu sein, die sich losreißen wollten. Auf einmal schlug irgendwo in der Tiefe eine ferne Tür laut hallend zu. Der Herzog ließ die Hand sinken, richtete sich auf und sah Renate in seiner Nähe. Augenblicks mußte er lächeln, und sie sah deutlich den Ausdruck eines Menschen, der leidet und dem ein Andrer eine schöne Sache hingeschoben hat, über die er sich freuen muß, -- aber dies erlosch, er senkte langsam den Kopf und sagte, scheinbar aus früheren Gedanken und sehr verzweifelt: »Wissen Sie denn vielleicht einen Spruch?« -- Sie erschrak.
Aber sie dachte nicht weiter, suchte umher, aber nun war sie durch die Verse vorhin an Hölderlin gefesselt, ihr fiel ein: >Wie so selig doch auch mitten im Leide mir ist<, und das sinnlose Wort ließ sich lange nicht abschütteln, bis sie endlich wieder jenes erste erhaschen konnte, und im dunklen Gefühl, daß es irgendeinen Sinn habe, sagte sie leise das Ganze auf:
»Heilig Wesen! gestört hab ich die goldene Götterruhe dir oft, und der geheimeren Tieferen Schmerzen des Lebens Hast du manche gelernt von mir.
O vergiß es, vergieb! gleich dem Gewölke dort Vor dem friedlichen Mond, geh ich dahin, und du Ruhst und glänzest in deiner Schöne wieder, du süßes Licht!«
Sie hatte nach der Lampe gesehen, solange sie sprach, und nun, ohne erst mit Augen zu fragen, wußte sie, daß sie zu ihm hinzugehn hatte, aber jetzt war es der Erasmus, dem sie die Hand auf die Schulter legte. Während vor ihren verdunkelten Augen die Wände der Kapelle sichtbar wurden, die Pfeifen der Orgel, die Fensters, hörte sie das aufsteigende Schluchzen in der Brust des Mannes, das er noch bezwingen wollte, dann fühlte sie ihre linke, herabhängende Hand heftig ergriffen, und diese an seine Schläfe pressend, daß es sie schmerzte, weinte er, und sie hielt still, bis er genug hatte. Einmal, wie ein Knabe, der glaubt, sich entschuldigen zu müssen, brachte er hervor, ungeschickt und kläglich: »Sie war doch nie da, und nun ist sie ganz fort.« Renate biß die Zähne zusammen; langsam hörte er auf. Um ihn ja nicht zu beschämen, ging sie eilfertig hinaus.
In ihrem Zimmer saß Renate lange auf einem Stuhl, biß ins Taschentuch und dachte, es sei nicht anders, und sie müsse dem Erasmus nun schreiben, daß er sie haben könne. Sie fühlte mit furchtbarem Reiz den Zwang, irgend etwas zu tun, als sei da ein Strom des Leidens, über den ein einzig Mal und in diesem Augenblick der Damm einer Tat geworfen werden müsse, und wenns eine Untat war. Der Erasmus hatte niemand, und ihm stand sie doch nah, und der reiche Mann hier, der Herzog, der hatte gleich jemanden bei der Hand. Ihr quoll das Herz von Elend, die Zunge ward ihr bitter im Mund, sie sprang auf, lief zur Tür, auf den dunklen Flur und an ein Fenster. Aber es war kein Licht mehr im Saal. Im Dunkel gesträubte Gestalten von Bäumen schüttelten sich, wankten, schlugen mit Ästen; schwer goß der Regen, und die Dachpfannen lärmten. Einmal, dachte Renate sinnlos, sind wir ja alle tot. -- Als aber jetzt ein Geisterscheinen durch die Nacht ging, hielt sie es für die abgeschiedene Seele, die in Sturm und Nächtelärm auch noch nicht wußte wohin, herumwehend, nach Seufzern der Lebenden haschend und langsam, langsam sich verlierend in das Allgemeine der dämmrigen Welt.
Sie trat zurück vom Fenster, ging in ihr Zimmer, entkleidete sich müde, legte sich und verlor in Bälde Sinne und Herz in dem öden Dämmerland der zerfließenden Träume.
Sommer
Renate saß auf dem Rand des Deiches im Schatten des hinter ihr stehenden Sonnenschirmes, ließ die Füße nach unten hängen, hielt die Hände über Buch, Briefblock und Bleistift im Schoß gefaltet und betrachtete die hellblaue, sonnenglitzernde Wasserfläche vor ihr mit tiefem Behagen. Als sie sich satt gesehen zu haben glaubte, legte sie das Buch neben sich ins Gras, klappte den Löschblattdeckel des Briefblocks um, setzte die Feder an und schrieb:
»Lieber Josef!«
An meinem Geburtstage kam ich diesmal leider nicht --, wollte sie fortfahren, allein das war nicht möglich. Es gab nichts zu schreiben. Sie wollte sich besinnen, weshalb das so war, fand aber keinen Grund, worauf sie das Blatt lostrennte, es erst zusammenfalten wollte, dann aber wie es war aus der Hand fliegen ließ. Es stolperte mühselig, vom Luftzug unbeholfen gestützt, die grüne Deichwand hinunter bis unten, wo es groß und weiß haften blieb. Wenn ich nun wüßte, ob Flut oder Ebbe ist, dachte Renate geringschätzig, könnte ich ja noch warten, bis es in See sticht. Ein schönes weißes Blatt mit Wasserlinien und Lieber Josef! darauf dürfte genügen. Sie wartete wirklich ein Weilchen, sah eine, zwei Wellenzungen -- träge, als ob es die Mühe nicht lohnte, nach dem Blatt emporlecken, dann hatte sie genug, sah auf das neue Blatt auf ihren Knien, setzte wieder an und schrieb in einem Zuge:
»Ach, Georges ...
»Ein ganz kleiner Wind möchte gar zu gern den unteren Rand des Blattes hochheben, auf dem ich schreibe, immer wieder versucht ers, seine unsichtbare, kleine weiche Hand drunter zu schieben, bis ich ihm einen Klaps gebe, dann ist er für Augenblicke still. Auf dem Papier liegt Schatten, und links unter mir liegt ein unförmliches Ungetüm von Schatten die Grasböschung hinunter, das bin ich mit dem hinter mir stehenden Sonnenschirm; rundum aber ist alles Licht, schwellendes, singendes, funkelndes, flimmerndes, tanzendes Sommerlicht, aber was mir im Ohre, im Blute rauscht, leise rauscht, anschlagend immerfort, immer wieder, ununterbrochen, das ist die See, die See dicht mir zu Füßen am Deich, auf dem ich im Grase sitze, die See, die, wie mir scheint, in die höchste Flut gestiegen ist, die beim Landwind nicht brandet, sondern nur anschlägt, immer wieder, ein kleiner Schlag, und wieder -- ein leichter Schlag, und so fernhin zur Linken, und fernhin zur Rechten am Ufer die leise Bewegung des weißen Bandes, das zurückgezogen wird und wieder angeworfen, so leicht, so leicht ... Aber wenn ich die Augen hebe, liegt sie still und gewaltig da, nicht eben unermeßlich, der Horizont ist ganz nah, es ist nur ein kurzes Stück Wasser, das ich sehe, aber es ist doch unermeßlich, denn es endet nirgends, und es bewegt sich so geheimnisvoll, es ist wie eine ungeheure Masse von Wesen, Tierwesen, Götterwesen, gestaltlos aufgelöst und doch wesenhaft, als könnte jeden Augenblick Gebärde und Blick und Leib deutlich herausspringen und sich zeigen, aber schon versinkt es wieder und ist so beklemmend allgemein, Heerscharen, nur Heerscharen heranströmender Seelen, die niemals näherkommen. Und kühl ist es dabei, wonnig kühl und glitzernd und wäßrig dunkelblau und unsagbar ruhig unter der großen Sonne am Himmel.
»Ich hab die burgunderrote Seidenjacke an, Georges, es wäre mir aber nicht unlieb, wenn Du Dir den hinter mir stehenden gelblichen Leinenschirm weg dächtest und an seiner statt -- Septentrio, sanftesten Seewind, einen kiefernbraunen Götterjüngling, der mit ebenhölzernem Kamme -- -- soweit. --
»Lieber guter Georges, als ich zuerst eben Deinen Namen schreiben wollte, hätte ich fast mit einem S angefangen und Schorsch geschrieben oder auch Schorschl. Siehst Du, so wohl ist mir! Nicht ganz christlich wohl, denn wir haben ja vor kaum acht Tagen die arme Helene zur Ruhe gelegt auf der kleinen Insel im Süßwasserteich. Am Rande einer kleinen Lichtung liegt sie, wie sie es gewünscht hatte, unter einer Blutbuche. Kein Grashügel ist zu sehn, nur flacher, grüner Rasen, und am Baumstamm ist eine eherne Tafel, von weitem kaum sichtbar, auf der steht nur
_Helene_ Herzogin
»Der Herzog war fast drei Wochen fort; ich sehe ihn nun zuweilen von weitem im Park sitzen. Georg ist wieder fort ins Semester.
»Lieber Freund, es ist ein Wintertag gewesen, und an diesem Wintertage verlor sich diese Renate Montfort und sagte zu Georges, weil er etwas gesagt hatte, das ihr nicht gefiel: Geh hinaus. Da ist er aufgestanden und hinausgegangen, und sie saß böse da und zerriß ihr Taschentüchlein wie so eine Hysterische, bis er wieder hereinkam und sagte, es hätte aufgehört mit Regnen. Da ist sie aufgestanden und vor ihn hingetreten, hat aber nur ihr rechtes Handgelenk auf seine linke Schulter gelegt und ist so einen Augenblick dagestanden und hat den Kopf gesenkt gehalten und ist hinausgegangen. Ich habe eben versucht herauszubekommen, was ich gedacht haben mag in jenen Augenblicken, aber es muß feststehn, daß ich wirklich nichts gedacht habe, nur etwas empfunden. Ich glaube, bei Männern ist das unmöglich, und ich sage gleich, daß sie es deshalb besser haben, denn sie wissen sich immer zu helfen mit einem obstinaten Gedanken, wir aber sind uns selber preisgegeben, müssen aus solchen Pausen des Nichtseins nachher handeln, und alles wird verkehrt. Sonst habe ich ja diesen ganzen, traurigen Winter lang nichts getan als herumgegrübelt, es war entsetzlich, ich weiß nun erst, wie meiner armen Magda ums Herz gewesen sein muß in dem Winter vor zwei Jahren.
»Sage, Georges, ist es wahr, daß in der Güntherstraße die Sonne nicht mehr scheint? Oft, so oft, wenn ich mittags am Fenster stand und den alten Mann in seinem schwarzen Mantel, gebückt und schneeweiß auf dem Weg um die Sonnenuhr wandern sah, so dachte ich, daß er den Schatten von der Uhr fortgenommen habe und selber der Schatten sei, der in furchtbarer Schnelle herumkreise und die ganzen Sonnenstunden des Tages abwirble, und wenn er plötzlich fort war, war auch keine Zeit mehr im Garten und im Hause, und alles stand still.
»Es war immer Schlackerschnee und Regen, solange ich diesen Winter zurückdenken kann, nur einmal erinnere ich mich eines Vorfrühlingstages, da fuhr ich zu Irene, und die Sonne schien, aber siehst Du: in der Güntherstraße war das nicht. Und ich kränkelte immerfort -- wann wäre ich früher krank gewesen! -- und oh wie mir am ganzen Leibe zumute war, das kannst Du ja gar nicht ahnen, und ich kanns nicht beschreiben.«
Aufblickend dachte Renate, daß aus den zwei Tagen, die sie allmonatlich zu ruhen pflegte, mit der Zeit fünf geworden waren, wo sie sich kaum zu regen vermochte, wo sie kaum ein Stück Kleidung am Körper ertragen konnte und immer nur auf dem blauen Sofa lag, halb oder ganz entkleidet, stundenlang manchmal vor sich hin weinend vor Gram und Hülflosigkeit über sich selbst, aber das konnte sie ihm nicht gut schreiben, und sie fuhr fort:
»Tagelang, wochenlang drückte mich jedes Band, jede Falte auf der Haut, ich kam mir neidlos vor wie die berüchtigte Prinzessin auf der Erbse, und wieder tagelang und wochenlang war ich so schlampig, daß ich vor reiner, oder vielmehr unreiner Trägheit manchmal des Morgens nicht gebadet habe, sondern bloß abends. Ich weiß nicht, woher ich so war, denn das kann ich doch nicht auf mein Herzeleid wegen Onkel Augustins schieben. -- Was es auch gewesen sein mag, so bitte ich Dich jedenfalls heute herzlich um Verzeihung wegen jeder Laune und Unwirschheit, wobei mir albernerweise einfällt, daß ich noch nie einen Menschen habe sagen hören, er sei wirsch, aber nun bin ich wirsch.
»Da ist der Bleistift abgeschrieben, und ich habe kein Messer, um ihn anzuspitzen, und Georges ist nicht da, der ein Messer haben würde, und ich denke, wenn mans wagen könnte, so würde ich mich jetzt splinterfaselnackt ausziehn und von oben ins Wasser springen, da wo es am tiefsten ist. Leider konnten wir noch nicht in der See baden, es ist noch zu kalt. Ich hole das letzte Bißchen Graphit aus dem Bleistift heraus, sende Dir viele schöne Grüße und anbefehle, daß Du spätestens am fünfzehnten Juli in Helenenruh zu erscheinen hast. Helenenruh gehört nämlich jetzt Magda, und da sogar der Herzog sich als ihr Gast betrachtet, so wirst Du kaum herzoglicher als der Herzog sein wollen. Grüß Gott, Georges, und mach, daß Du kommst! Stets Deine alte Renate.«
Renate legte die Blätter zusammen und in das Buch, auf dem sie geschrieben hatte, legte es ins Gras und streckte sich lang aus. So lag sie eine halbe Stunde, oder eine ganze, sie wußte es nicht, die Hände unterm Kopf, friedlich aufgelöst in Sonnenschein, Himmel und Geräusch der See. Dann stand sie auf, klappte den leinenen Sonnenschirm zu, klemmte ihr Buch unter den Arm und schlenderte langsam über die Wiesen hin, im Gehen einen lockern Strauß von gelben Sternblumen und Gräsern sammelnd. So geriet sie in den Schatten des Parks, wanderte hindurch und geriet an den Teich, ging zur Bank, die dort stand, und setzte sich, machte ihr Buch auf und las ein Stück im Großen Kriege der Ricarda Huch, merkte aber, daß es sich nicht gut las im Freien und in der Sonne. Ja, dachte sie aufsehend, wie kann man im Sonnenschein lesen: Graues Gewölke bedeckte den Novemberhimmel, oder dergleichen? Aber sonderbar, daß nur das künstliche Licht abprallt -- denn dabei gehts doch! -- aber die Sonne läßt ihrer nicht spotten ...
Das Stück des Weihers vor ihr war glatt und schwarz, Himmelsblau und Wolken erfüllten die Tiefe, vielmals tiefer als der Weiher selber war, zur Rechten war alles grün, eine rasenhafte Fläche von Entenflott, ja dort war wohl Magda hineingeritten und hatte Jason herausgeholt. Wie war das zu verstehn? Jason, der herumging wie eine sonderbare Abart des lieben Gottes, der sollte hier -- --? Magda freilich, -- ihre Tat war eher zu verstehn heute. Nur dunkel tauchte in Renate eine sonderbare Prophezeiung auf, -- ach längst erledigt und abgetan! -- Renate sah nach links hinüber zu den Baumkronen der Insel in einiger Entfernung. Sonderbar, die kleine Brücke, die dort hinüberführte, stand ja schräg empor? Richtig, sie erinnerte sich, daß ein Gewinde daran war, um sie durch einen Knopfdruck, wenn man auf der Insel war, steigen zu lassen, so daß niemand herüber konnte, denn es war ja einmal ein Liebespavillon auf der Insel gewesen, die Trümmer waren erst jetzt fortgeräumt, denn nun war es ein Friedhof; und nun hatte der Herzog wohl auch das durchgerostete Hebewerk erneuern lassen. Renate dachte an Stöckelschuh unter breiten Seidenröcken, an zierliche Krummstäbe, Bänder und schäferliche Hüte, die einmal über diese Brücke geglitten waren. Schwerer trug sich ein Sarg von Ebenholz mit silbernen Beschlägen an dem traurigen Tag der Fackeln und Flöre, seltsam flatternd in kräftigem Seewind und hellem Sonnenschein.
Indem bewegte sich etwas auf der Insel, ein Mensch, schwarzgekleidet, kam auf die Brücke zu, von einem andern, kleineren begleitet, der Herzog auf seinen Stöcken. An der Brücke blieb er stehn und schien herüberzublicken. Dann ging er über den Steg, blieb stehn, und nun entfernte sich der Andre, Dr. Birnbaum wars, nach dem Schloß hin. Der Herzog kam auf dem Uferwege auf ihre Bank zu, langsam, Stock um Stock und Fuß um Fuß vorwärtssetzend, vornübergebeugt, -- Renate blickte fort, um es nicht mit anzusehn. Als sie seine Schritte nahe hörte, stand sie auf, er versuchte eiliger zu gehn und bat sie schon, sitzen zu bleiben. Bald darauf saß er neben ihr, erhitzt von der Anstrengung, sein Keuchen unterdrückend, die Stöcke zwischen den Schenkeln, barhaupt. Renate fand ihn stiller, die Augen freilich hatten sich noch nicht gänzlich wieder in der Gewalt, und ein Blick von sonderbarer Ängstlichkeit kam dann und wann zum Vorschein. Verquer dazwischen fuhr dann ein gewaltsamer Ausdruck von Verächtlichkeit, am Munde im Bart verzuckend. So saß er eine Weile still, über den See hinblickend, sah dann zur Seite, sah Renates Buch auf der Bank, rührte mit der Hand daran und sagte, er habe sie hoffentlich nicht gestört. Renate, schon zufrieden, daß er sich wieder an einen Menschen gemacht hatte, dachte, daß er nun einen Anfang gefunden habe, und lächelte nur verneinend; da er aber wieder schwieg, sagte sie ihm, was sie eben gedacht hatte vom Lesen im Sonnenschein. Er hörte zu und schwieg weiter, sagte dann, einen Schweißtropfen mit der Hand von der Stirn wischend: »Ein hübscher Gedanke, ja, sehr hübscher Gedanke. Meine Frau las viel, auch die letzten Jahre wieder konnte sie sich doch vorlesen lassen, ja, sehen Sie, das muß man doch sagen, ja, das muß man doch sagen, daß es, solange ein Mensch lebt, solange er leben muß, nichts Unerträgliches gibt. Ihr Kopfschmerz war so, immer durch Tage, ja durch Wochen hin so, daß sie in den ersten Jahren mit Gewalt am Leben gehalten werden mußte. Ja, und dann hat es sich doch gegeben, oder vielmehr sie ist es gewohnt geworden. Mitunter waren ja auch Tage, zwei Tage, drei Tage, wo der Schmerz nur ganz leicht war. An den schweren Tagen soll es so gewesen sein, als ob -- also wie diese mittelalterlichen Mundbirnen -- als ob ihr die Knochen des Kopfes von einer ungeheuer langsamen Gewalt auseinandergetrieben würden, aber das waren nur die Nerven, ja nur die Nerven. Sehen Sie, und das dauerte nun bald zwanzig Jahr.«
Er hatte langsam, aber doch leicht und ruhig, beinah trocken vor sich hingesprochen. Jetzt drehte er sich zu Renate herum, legte die Hand auf das Buch und sagte:
»Die Weisheit des Herrn ist unvergänglich, und seine Güte währet ewiglich. Dies Wort ging so in mir herum, und sehen Sie, ich finde es doch erstaunlich, wie die Menschen solche Worte aufgestellt haben. Man kann fast nicht daran rütteln, es steht so da wie ein Turm, und wenn es sich auch nicht denken läßt, so läßt es sich doch sehn, nicht einsehn, aber sehn, jawohl ...«
Nun schwieg er wieder und sah vor sich hin. Renate dachte, daß dieser Mensch wahrscheinlich niemals geschwiegen habe. Er konnte alles sagen; was er wollte und wie ers wollte. Immer waren Menschen da, die es anhören mußten und darauf eingehn. Und vielleicht gerade, weil er gegen seine Frau zum Schweigen verurteilt war, hatte dies ihn um so leichtherziger gemacht im Aussprechen seiner Gedanken gegen die Andern, gegen seinen Sekretär vor allem, der ihm durch den Tag hin anhing wie ein Schatten. Denn das Eigentliche war es doch nie, was er sagen konnte, oder wenn es schon das Eigentliche war, so konnte ers doch nicht auf die rechte und innerst gewünschte Weise hervorbringen, und es war -- aber in diesem Augenblick hörte Renate ihn wieder sprechen und merkte betroffen, daß er eben das, was sie zu denken im Begriff war, aussprach, indem er anfing:
»Ich will Ihnen sagen -- es ist nun schon so, daß ich den Mund nicht halten kann,« unterbrach er sich lächelnd -- »ich will Ihnen sagen, daß ich eigentlich jahrelang, zwanzig Jahre lang in einer fremden Sprache geredet habe. Ich habe nicht wenig geredet, es war ja immer wer zum Zuhören da, aber immer habe ich meine Gedanken erst so übersetzen müssen; in die Fremdsprache. In der eigentlichen schwieg ich mich aus, in der hätte ich mit Helene reden können, aber nun war das ja zugeschüttet. Haben Sie«, fragte er, sich unterbrechend, »meine Schwester kennen gelernt? Richtig, Sie spielten uns ja vor neulich abend! Ja, mit der Fürstin habe ich wohl auch hier und da ein Wort in unsrer Muttersprache gesprochen, aber es war doch nicht die richtige, nein, es war nicht die richtige.«
Er faßte sich mit der Hand nach den Augen, als gebe es etwas wegzustreifen, und sagte:
»Es ist mir doch fortwährend, als wäre sie selber wie ein Schleier vor mir weggenommen, und ich kann sie nun erst sehn, wie sie wirklich war, und was ich -- nie besaß, und was ich nun endgültig verloren habe.«
Er hielt inne, und Renate merkte wohl, daß dies auch nicht die rechte Sprache war, und wie er herumtastete, hülflos genug, und nach um so gemeineren, allgemeineren Worten griff, je heftiger ihn nach eigentümlichen verlangte. Hastig sprach er schon weiter, auf einmal von seinem Malheur, an das er nun immer denken müsse, dies merkwürdige Zusammentreffen mit dem Krankheitsbeginn seiner Frau, und er erzählte, wie das gewesen sei: zwei Stockwerke hoch sei die Planke des Baugerüstes gebrochen, und er habe schwankend und um sich greifend sich noch gesagt: springen und -- vornüberfallen, sonst ist das Rückgrat zum -- da lag er unten, die beiden Füße waren einfach ab. Anfänglich habe er, als es mit dem Gehen nichts wurde, geheult wie ein Dorfköter an der Kette, -- er lachte gutmütig und zeigte Renate eine Narbe am Handgelenk, die sei vom Einschlagen der Glasscheibe am Gewehrschrank, den sie zugeschlossen hatten, ja, damals sei er ganz außer Rand und Band gewesen. Wie sich denn aber das Leiden seiner Frau so hartnäckig erwiesen habe wie seine Gehunfähigkeit, da habe er nachgegeben und um so leichter verzichtet. Vielleicht, meinte er, hätte ich sogar gehen gelernt, der Arzt sagte sowas von ein paar Jahren, dann würde alles wieder zurechtgewachsen sein ...
»Aber sehen Sie,« hörte Renate ihn wieder deutlicher reden, da sie sich aus den Vorstellungen und Bildern, die seine Worte erzeugten, losmachte, »da wollte ichs denn auch nicht mehr, wenn Sie vielleicht eine Ahnung haben, was Warten ist, Warten, wie sie und ich auf ihre Heilung, auf Linderung gewartet haben, erst Wochen, sechs Wochen, neun Wochen, zwölf Wochen, und auf einmal warens Monate, drei Monate, fünf Monate, acht Monate, und nun -- Jahre, ein Jahr, drei Jahre, vier Jahre, fünf Jahre, sechs Jahre und am Ende -- alles umsonst.«
Er schlug die Handballen gegen die Stirn, krümmte und wand sich innerlich. Gleich aber ermannte er sich wieder, setzte sich gerade, faßte seine Stöcke und sagte: