Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 30
Der Saum weißer Stifte, von dem die schwarze Roßhaarbespannung des Sofas gehalten wurde, war ebenso vergilbt wie an den breiten Stühlen, die den Tisch umgaben. Am kleinen Sekretär mit schräger, eingelegter Platte zwischen den Fenstern war die Fournierung hier und da gesprungen, eine Kante gesplittert, das Schloß war locker, ein Griff fehlte an einer der unteren Laden. All das gehörte sich so; es waren ehrsame Narben. Hatte Jason al Manach nicht einmal von den ererbten Dingen gesprochen? Georg wußte die Worte nicht mehr, allein hier redeten sie ja selber ihre gedämpfte, aber wie vernehmliche Sprache: daß sie hervorgegangen waren, einzeln wie die Könige aus einzelner Hand, die einsam von Grund aus sie gefertigt, liebevoll, verständnisvoll für ihr Ganzes, für unendliche Zeiten bestimmt zu dauern; und da waren sie wie damals, gealtert, viel genützt und unverbraucht, nur stattlicher in ihrer alten Erinnerung, ihrem Bewahrtsein, in der schlichten Gebärde, mit der sie um sich den Hintergrund schrieben, der zerfallen war: Menschen und Geschicke.
Ja, -- und ich? dachte Georg.
Glänzend mit mächtigem Antlitz von Messing in ihrem die Decke berührenden Haupte stand die Älteste neben der weißen Tür, die standfeste Riesin, die englische Dielenuhr, die auch die Monate zu zeigen verstand; sie schlug langsam, wie im Geburtsjahr 1757, den selben gemessenen Pendelschlag, auf den hinhorchend Georg für lange Sekunden sich verlor. Sie tickt den Schritt der Sekunde, sagte er sich dann; das macht es so geruhig und wohltuend. Und wie vornehm, wie zurückhaltend war das gedämpfte Rücken im Gehäus! Ja sie war die Älteste.
Georg lächelte bitter. -- Eigentlich sollte ja ich es sein. Ich, der sich einmal einbildete, mit Friedrich Barbarossa vor Akkon gelegen, bei Benevent für deutsche Sehnsucht gefochten und vielleicht das Leben verloren zu haben ... Ihm zogen Georges Verse aus den Romfahrern durch den Sinn:
>Freut euch, daß nie euch fremdes Land geworden ...
... Wie einst die Ahnen, denen dürftig schien Die kalte Treue vor dem Fürstenstuhle: Wunder der Welt und Sänger Konradin!
Durch euer Sehnen nehmt ihr ewig teil An froher Flucht der silbernen Galeeren, Und selig zitternd werfet ihr das Seil Vor Königshallen an den Azurmeeren.<
Durch euer Sehnen ... Georg zitterte, er glühte von der triumphierenden Schönheit der Strophen. Durch euer Sehnen nehmt ihr ewig teil ...
Ja, sein Teil war das. Sehnen -- nach was? Nach oben doch, nach -- nach sich selber zu immer höherer Geburt, besser zu werden, reiner zu werden, edler, tüchtiger, wissender ... Was wollte er denn auf einem Thron?
Bin ich nicht glücklich hier? Hilfst du mir nicht, süße, teure Seele, mein Auge immer wieder nach innen zu lenken? Wohnt nicht vielleicht doch ein Gott dort innen und pocht ein ewiges Werk, pocht bei mir und wirkt bei dir in immer strahlenderen Farben das Gewebe unsäglicher Liebe? Habe ich nicht genug, ernst zu sein, unruhig zu sein im unaufhörlichen Verlangen nach Besserem? Wenn es denn schon keinen Gott giebt, das Ahnen des Göttlichen, den Zwang des Göttlichen, den Hauch von Jenseits in der Brust? Habe -- ja, habe ich nicht etwas Neues für mich allein, dachte er erleichtert in der Erinnerung an seine eigenen Verse, Neues -- nein, sondern Uraltes, Anfängliches, älter und edler und reicher sogar an Ahnen, abertausend Ahnen in unablässig geistiger Beugung? Und mag mein eigenes Handeln als Bürgschaft solchen Ahnentums noch so bescheiden sein: der alte Geist hat doch Leben in mir und Bewußtsein. -- Da stieg strahlende Heerschar vor seinen sinkenden Augen auf, Heroe gereiht an Heroe, Erzengel an Erzengel, unübersehbar, von George hinab zu Dante, zu Pindar, zu Homer, und wieder herauf im gewaltigen Schwung über unsterbliche Häupterschar zu Hölderlin, zu Novalis, zu George.
Georg legte nicht ohne Demut in der gedämpften Bewegung seinen Mantel ab, denn es trieb ihn, bei aller Abgespanntheit, seine Verse jetzt nicht unvollkommen zu lassen. Dabei schlug ein schwerer Gegenstand in einer Tasche gegen die Stuhllehne, er faßte, im Innern schon murmelnd und sich erinnernd: Hügel wandern blau im Rauch, -- danach und holte geistesabwesend das Rubinglas hervor, lächelte flüchtig und wußte vor geistiger Abwesenheit, gleichzeitig nach Schreibpapier ausblickend, längere Zeit nicht, wohin er damit sollte. Endlich hatte er die Platte des Sekretärs herunter und auf die ausgezogenen Leisten gelegt, stellte das Glas nun ins Innere vor die kleinen Laden, öffnete Cordelias Schreibmappe, fand zum Glück einen Briefbogen, holte seine Niederschrift hervor und begann, das Ganze sorgfältig durchprüfend noch einmal zu bilden. Im Schreiben der letzten Zeile hörte er hinter sich die Tür gehn und sah im zerstreuten Sichwenden Cordelia, die ganz erschrocken schien, ihn nicht schlafend zu sehn.
»Komm nur, ich lese dir was vor«, sagte er. -- »Wie du nur aussiehst!« erwiderte sie näher kommend, »ganz überwacht!«
»Schadt nichts, setz dich nur!« Sie blieb stehn, an den Kastenschrank zurücktretend, und er las, kräftig Takte herausfördernd und Reime:
»An den Schnellzug
Rase durch das Morgenland, Durch den weißen Nebeldampf, Eisenhengst im Radgestampf, Glutgefüllt und wutentbrannt.
Stürme an den Wäldern hin, Donnre übers Brückenjoch, Eisenroß, das Morgen roch, Mitten schon im Morgen drin.
Feld und Wiesen golden lohn, Hügel opfern blau im Rauch, Silberblitzend winkt dir schon Hagedorn und Holderstrauch.
Immer voller flammt der Tag, Tobend, wiehernd, fortgerafft, Spaltest du mit Riesenkraft Eichenhain und Fichtenschlag.
Schleuderst Dörfer hart beiseit, Wo die Ebne staunend schwillt: Wie dein Atem eisern schreit, Wie du rasselst im Gefild.«
»Das ist ja großartig, Georg!« Beschämt ließ er sie ihm um den Hals fallen. »Wirklich, Georg, das gefällt mir! Das ist wieder gesund und beflügelt, nicht so wie die letzten, die warn auch schön, aber so wie kranke Blumen, weißt. Ja, nun mußt du schlafen, pascholl! -- Aber was ist denn das hier?« -- Sie sah das Glas.
»Ach, dein Glas, Cordelia, da hab ichs hingestellt! Hier, das hab ich dir mitgebracht.«
Still, während er sich entzog und zwischen Stuhl und Tisch hindurch sich ins Sofa zwängte, nahm sie das Glas an, trat zum Fenster und hielt es empor, so daß es augenblicks aufloderte wie ein Juwel, blutrot.
»Ach, Georg ist das schön!«
»Dein Herz, Cordelia,« sagte er, plötzlich taumelnd von Schlafverlangen, »dein Herz -- mußt ich denken ...«
Er hörte nicht mehr, was sie sagte. Noch vernahm er Schritte, leise, dann das Niederrollen der Rulos, Schritte, das leise Zudrücken einer Tür. Die Augen noch einmal öffnend, sah er, daß es dunkler im Zimmer war, goldbraune Luft, und daß vor ihm das rote Glas stand. Eine zärtliche Wallung verging, kaum sich regend, im schweren Rieseln der Umnachtung.
Sechstes Kapitel: Juli
Requiem
Renate, an einem offenen Flurfenster im ersten Stockwerk des Nordflügels von Helenenruh stehend, als es eben Nacht geworden war, hörte Magdas singende Stimme, die im Klaviersaal die Gruppe aus dem Tartarus begann. Ein Fenster war dort offen und matt erleuchtet. Renates Augen ruhten halbgeschlossen im ungewissen Dunkel, das leise vom fallenden Regen rauschte und sich zu bewegen schien. Ein Tropfen spritzte hier und da herein, ihre Hand treffend, ihre Stirn; es war kühl. Am Himmel oben über den beweglichen, finsteren Massen der Baumwipfel war ein wenig Licht hinter gelblichem, dahinflüchtendem Gewölk. Bleich gegenüber schimmerte die Wand des Südflügels. Ohne hinzusehn konnte sie in dem erhellten Saalfenster zur Linken den Lichtschein der unsichtbaren Lampe gewahren, die in der Mitte auf einem Tisch stehen mußte, und, schräg durch den Raum hin, die hohe weiße Mitteltür samt ihrem flachen Giebeldreieck und dem fast schwarzen Porträt im Goldrahmen darüber, dicht unter der Zimmerdecke. Zu sehn war niemand.
Die Musik des Harmoniums kam sanft und wehend, -- schön, klar und kräftig kamen die dunklen Töne der singenden Stimme durch den Regenfall. Ein heftiges Aufschaudern der windgetroffenen Baumkronen überrauschte jetzt alles, es ward still, leiser der Gesang, in einer Dachrenne plätscherte hörbar die Regenflut, es klapperte, -- oder wars auf der Terrasse? -- Da stürzte mit mächtigem Aufbruch, ja wie ein großes, schwarzes Panthertier stürzte die große, tiefe Stimme mit »Ewigkeit! Ewigkeit! Bricht die Sense des Saturns entzwei!« in das Finstre, warf sich durch den Nachtstrom empor, triumphierte, senkte sich, stieß ein zweites Mal siegreich vor und schwand im Allgemeinen der Musik, untertauchend wie ein Schwan, und in den verworrenen Stimmen der Regennacht.
Renate bebte leise, frierend von Nachtkühle und dem Gesang. Lauter toste der Regen. Oh dies gewaltig gebliebene Herz in der singenden Brust! Aber oh, wie waren die Toten einsam und ganz im Freien, ausgesetzt aller windigen Geschäftigkeit der Nacht und der wimmelnden Erde! -- Da sah sie den Katafalk der Herzogin mitten in der Nacht stehn, schwarz, die großen Kandelaber, flatternd im Winde Flöre und Kerzen, das große, starkriechende Gepränge der Blumen, Schleifen, Palmwedel, umher die Schauer gedrängter Menschen, und inmitten das seltsam kleine, kaum wahrnehmbare tote Antlitz der aufgebahrten Gestalt, in weißen Kissen, gerader und viel steifer, als sonst ein Mensch liegt. Daneben war der Rücken des Herzogs, gebeugt, sein Hinterkopf, der kein Auge von der Schläferin wandte.
Aber dies verschwand, und im lichten Morgenkleide kam die Herzogin zu einer Tür herein, zu ihr, die an einem Fenster stand, einen Morgengruß hinnickend, und setzte sich an den Frühstückstisch. Sie sagte mit leichter Stimme etwas, aber Renate konnte es nun nicht mehr hören, besann sich vergeblich auf Worte, fühlte, daß sie traurig war und das schreckliche Entgleiten eines Toten, der uns nicht sehr nahe stand, ins Ungewisse. Da war das Gesicht des Herzogs, wie es langsam aus dem Wagenschlag kam, die heißen Augen, die herumfuhren, zu ihr empor, und sie wollte die Stufen hinunter; sein ganzes Gesicht war gesträubt von Bart, dann kamen unten die Stöcke zum Vorschein, er zwängte sich heraus, stand, und an Renate vorüber eilte Magdas schwarzgekleidete Gestalt zu ihm, und dann schien etwas ihn zu durchbrausen, und er hing über ...
Wollte Magda nicht wieder anfangen? Das Harmonium war sehr gedämpft hörbar, lange Zeit. Renate setzte sich auf die Fensterbank, den Rücken gegen den Rahmen gelehnt, vom Schlosse weg ins Dunkel der Parkwiese blickend. Gleich darauf ward es am Ende des Flurs hell; die Wendeltreppe, aus der Tiefe beleuchtet, ward weißgetüncht sichtbar, und von unten heraufsteigend erschien ein Diener in Frack und Kniehosen; er griff nach der Wand, die Lampe unter der Decke glühte hell auf, kam auf sie zu und bat sie, in den Saal zu kommen. Sie fragte, ob auch die Fürstin Schwester dort sei, und er bejahte.
Wenig später stand Renate vor der Saaltür und hörte von drinnen das Harmonium im sachten Vorspiel zu >Du bist die Ruh<. Sie zauderte, wartete dann einen Augenblick ab, wo der Gesang schwoll, öffnete behutsam und trat ein. An der Tür blieb sie stehn.
Auf dem ovalen Tisch in der Saalmitte stand eine Petroleumlampe von glänzendem Messing mit geradem, grünem Schirm. Aha, die selbe Lampe, welche die alte Fürstin stets auf Reisen mit sich zu führen pflegte, ergrimmt auf das elektrische Licht. Da saß sie, rechts am Tisch, und strickte, sah nicht auf, denn sie zählte gerade, die Maschen mit dem linken Daumennagel zusammenschiebend; das in Falten hängende Kinn -- Festons hatte Georg gesagt, und einen Augenblick kam Renate sein Gesicht dazwischen, verdunkelt von der schwarzen Kleidung und verlegen, weil er gescherzt hatte mitten in seiner Trauer -- gegen die Brust gedrückt, sah sie von oben schräg auf ihre Hände; eine kleine eiserne Brille hing ganz vorn auf der Nasenspitze wie ein windiges Geländer. Diese sparsame Alte trug eine gestrickte schwarze Mantille um die Schultern, aber die Hände, die aus schwarzen Pulswärmern kamen, waren über und über beladen mit funkelnden Ringen. Jetzt sah sie gegen Renate auf, dunkeläugig, rückte an ihrer Brille, musterte sie scharf, fuhr mit flacher Nadel über die aufgesträubten Blätter eines vor ihr liegenden Buches -- sie dehnten sich gleich wieder empor --, blickte hinein, blickte wieder auf und verneigte sich mit dem Oberkörper, freundlich lächelnd und nickend, während Renate zu Boden sank. Dann hielt sie ihr Strickzeug weit von sich ab, fuhr mit gewaltigem Stoß der linken Nadel hinein und rasselte darauflos, nicht ohne schräg von oben gegen die emporstehende Buchseite zu blicken. -- Renate lächelte in sich hinein, denn da die Fürstin außer ihren beiden Beschäftigungen auch wohl noch auf den Gesang hörte, so schien ihr dies eine gewinnsüchtige, aber geschickte Alte.
Links am Tisch sah Renate nun den breiten roten Rücken eines Sessels mit vergoldeter Umrahmung auf ganz kurzen Beinen. Darüber war der Hinterkopf des Herzogs, wie ein Strudel: eine tonsurhafte kahle Stelle mitten im Wirbel des großen, runden Haarschädels im Schatten der Lampe. Renates Eintreten hatte er scheinbar nicht gehört.
Und da rechts in der Ecke, halb im weißen Vorhang des offenen Fensters, war noch etwas Lebendiges, nämlich ein kleiner Greis mit glattem, rosigem Gesicht, aus dem zwei freundliche kleine Augen Renate unbeirrt anstarrten, während ihm ein rosenroter Papagei über die Hände im Schoß an der Weste hinaufkletterte, sehr mühselig, mit Schnabel und Krallen sich abwechselnd einhakend und festkrallend.
Daneben war die dunkle Türöffnung zu den Zimmern der Toten. Stand sie vielleicht darin, auch zuhörend, die Augen im sanften Licht, erleichtert? -- Aber Magda blickte vom Harmonium herüber, nickte und lächelte während des Zwischenspiels. Renate lehnte sich gegen die Tür, folgte den langsamen und kunstlosen Griffen und Veränderungen der schmalen Hände auf der Klaviatur, selber fern in unbewußten Gedanken, kaum hörend, daß jemand sang. Dann war es still im Raum.
Der kleine Greis, augenscheinlich der Mann der Fürstin, klopfte seinem Papagei auf den Kopf und erhob sich. Die Fürstin sah auf, räusperte sich stark zum Herzog hinüber, zog, da er sich nicht bewegte, eine Nadel aus dem Strumpf, zeigte damit auf Renate und sagte: »Nun sie!«
Magda erhob sich. Jetzt bewegte sich der Kopf des Herzogs, einen Augenblick wurden seine Stirn und Augen über der Sesselwand sichtbar, dann stand er schwer auf und sagte heiser: »Guten Abend.« Und zu den Andern: »Bitte, dies ist Fräulein von Montfort.«
Der kleine Fürst kam zierlich und ein wenig schlotternd im Gehrock herbei, den Papagei an die Brust gedrückt, und verneigte sich sehr tief.
»Setz dich nur!« schrie die Fürstin. Er machte mit der rechten Hand eine Muschel am Ohr und hielt es ihr hin, aber sie sah es nicht, und während er sich, Renate zulächelnd und kopfschüttelnd, zurückzog, sagte sie zum Herzog, kaltblütig auf französisch, dies wäre ein sublimer Mensch, worauf sie in derselben Sprache zu Renate fortfuhr, sie habe das auf französisch gesagt, um die Schmeichelei nicht so geradezu herauszuschmettern. Freundlich und auf deutsch bat sie dann etwas zu spielen. »Aber nichts Modernes!« sagte sie.
Renate setzte sich, aber nun fiel ihr nicht das geringste ein. Endlich fand sie die kleine Ballettmusik zu den Gluckschen Gefilden der Seligen und fing damit an, gleich darauf sich erschreckt fragend, ob wohl außer Magda jemand den unpassenden Titel der Musik kannte; die war freilich sanft und lieblich genug. Als sie geendet hatte, sagte die Fürstin, das wäre Kleinkindermusik. So begann sie denn das Orgelkonzert von Friedemann Bach, indem sie dachte: ich will dirs heimzahlen. Bald aber erschrak sie heftiger, denn sie fühlte plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter. Die Fürstin neben sich gewahrend, wollte sie schon die Hände von den Tasten nehmen, weil aber weiter nichts erfolgte, spielte sie fort, die Fürstin blieb so neben ihr, und nun jagte sie die achttaktige Fuge in ihr großes Rasen hinein, daß es in den Fugen des Instrumentes krachte. Am Ende des ersten Satzes sagte die Fürstin nur: »Weiter! Zweiten Satz!« Sie schien mächtig aufgeregt, und so ging auch dies endlos scheinende Gigantengehämmer des nächsten Satzes ohrbetäubend vorüber, ohne daß die alte Dame ihre Stellung verändert hätte. Am Ende atmete sie gewaltig auf, packte Renates Gesicht, küßte sie unter plötzlich strömenden Tränen und rief: »Heldenhaft! Heldenhaft!« Dann erklärte sie, daß sie gern so neben einem Spielenden stünde; das ginge ihr dann gewaltig durch Mark und Bein. -- Als Renate sich im Sessel umdrehte, blickte sie gerade gegen die geröteten Augen des Herzogs, die sie starr anschauten. Seine Schwester trocknete sich die Augen und das Kinn, über das ihr vor Eifer ein wenig Mundfeuchte heruntergelaufen war. Dann riß sie ihren großen Pompadur auf, fuhr tief hinein und brachte einen Kake zum Vorschein; den schenkte sie Renate; er war nicht mehr ganz heil. Es war eine kriegrische alte Frau.
Am Tische sitzend nahm sie ihren Strumpf wieder auf, setzte die Brille auf, kratzte sich dann nachdenklich mit einer Nadel den Kopf und sagte:
»Weißt du, Woldemar, an wen dies Spiel mich erinnert? An meinen Kardinal. Kardinal Massi. Er war nur ein dürrer Mensch,« erklärte sie Renate, »aber er hatte allmächtige Pranken und eine höllische Seele. Er war ein gottloser alter Heide, aber vor jeder Musik, die er machte, sagte er die Worte: >Im Namen des allbarmherzigen Gottes ...<«
Der Herzog lächelte und meinte, so fingen die Koransuren an.
»Die was?« fragte seine Schwester.
»Die Gebete im Türkenkoran.«
»Er wird sich den Teufel um Suren kümmern, wenn ihm einer auf goldenen Wolken zufliegt, der Herrgott«, versetzte sie stramm, nahm ihr Buch vor und fing trotzig zu lesen an.
Es war nun still. Renate sah zu Magda empor, die hinter ihr an der Wand lehnte; sie blickte mit weit offenen Augen ins Leere. Renate sah die Gestalt der Toten in diesem Blick und wandte ihr Gesicht vorsichtig dem Herzog zu. Der saß tief vornübergebeugt im Stuhl. Jetzt löste sich fern drüben zwischen den Klavieren eine Gestalt aus dem Dunkel, Dr. Birnbaum, der auf den Zehen herkam, eine dicke Zigarre vorsichtig in der ausgestreckten Hand, von der er ein großes weißes Aschenstück in eine Bronzeschale auf dem Tisch legte. Er entfernte sich ebenso leise und ohne die Augen zu erheben. Ganz hinten auf einem Stuhl an der Wand zwischen zwei Klavieren setzte er sich nieder. Aber dem Herzog mußte der Vorgang doch bewußt geworden sein, denn nun richtete er sich auf, zog ein Zigarrenetui aus der Brusttasche, nahm eine heraus, die Augen mit ungewissem Blick gegen die Lampe gerichtet, biß die Spitze ab, nahm sie von den Lippen, legte sie auf die Aschenschale, ergriff die Streichhölzer und schien dann all dies zu vergessen. Er bewegte sich nicht mehr. Endlich kam Magda zum Tisch vor, nahm die Schachtel aus seiner Hand, strich ein Hölzchen an und hielt es ihm hin. Aufblickend nahm er es aus ihren Fingern, nickte sehr eifrig dankend, rauchte an und sagte: »Ihr macht eine schöne Musik ...« Dann blies er das Streichholz aus und legte es hin.
Indem sagte eine ganz ferne, lippenlose, vernöckerte Stimme, leise warnend: »Heinrich, der Wagen bricht!« --
Magda, der Herzog, Renate, alle Drei sahen nach dem Papagei in der Ecke, der sorglos vom Fußboden am Vorhang hinaufstieg. Der Herzog blies eine starke Qualmwolke, lehnte sich grade zurück und sagte mit Gleichmut vor sich hin: »Nein, Herr, der Wagen nicht!« Und schwieg. Die Fürstin hatte nicht aufgesehn.
Da erst fühlte Renate die Beängstigung des Raumes und der Stille. Die Tote war überall zugegen; jede Bewegung bog um sie aus, jedes Wort hielt sich vor ihr zurück, jeder Blick glitt erst von ihr ab, ehe er zu jemandem hinging. Oh, gegenwärtiger war sie nun als jemals, da sie ja kaum sichtbar gewesen war am langen Tag; oder war es gerade dies, daß Alle, die sie gekannt hatten, immer nur eine Abwesende in ihr besaßen? Und wenn sie jetzt erschiene, -- würden sie erschrecken? Sie war doch immer so selten gekommen! -- Dumpf polternd fiel der Papagei zu Boden, der Vorhang bauschte sich, hörbar war der Regen, und Renate zerbrach sich den Kopf um etwas, das sie sagen könnte, aber die unsichtbare tote Seele hatte auf alle Dinge umher die Hand gelegt und Schweigen geboten. Dazu quälte es Renate, daß sie sich inständig mit dem Herzog beschäftigen mußte, ohne im geringsten wissen zu können, welcherlei Art das war, das in ihm vorging, und so folgte sie stumm und wie gebannt den Bewegungen seiner Schwester, die jetzt ihr Buch zuklappte, die Brille abnahm, ins Futteral steckte, dann Brille und Buch in ihren Pompadur, und aufstand. Gleichzeitig erhob sich ihr Mann in der Ecke. Sie ging um den Tisch, blieb vor ihrem Bruder stehn, der in die Lampe sah, und fragte ihn in versöhnlichem Ton und schonend: »Glaubst du vielleicht ans Jenseits, Woldemar?«
Er blickte sie kurz an, sah wieder fort, schien lange zu zaudern mit der Antwort und sagte endlich: »Ich weiß nicht ...«
»Nein, Woldemar,« sagte sie entschieden, »nein, das verstehe ich nicht. Denn erstens wirst du sehn, daß es unrecht ist, später, denn dann hast du sie fortgeschickt, nach da oben hin --« Sie trat eilig an den Tisch, strich mit beiden Händen die Falten der Decke glatt und fuhr fort: »-- und dann wirst du sehn, wie schrecklich es ist, wenn ihre Seele in allem abstirbt, was sie hier unten hatte, und auch in dir. Zweitens aber --« Sie, klein und zierlich, kreuzte die Arme unter ihrer Mantille und sprach über die Lampe hinweg zu Renate hinüber -- »-- zweitens sind wir allerdings von Natur ungenügsam, und sollens auch sein; das mit dem Jenseits aber, das sollten wir doch wohl den Armen lassen. Es sind schon so viel, daß das ganze Jenseits davon voll wird. Sollen sie gar nichts für sich allein haben?«
Der Herzog sah zu ihr auf, aber Renate konnte sein Gesicht nicht sehn. Nach einer Weile fuhr die Fürstin fort, das Gesicht wieder auf die Lampe senkend, und als rede sie mit sich selber: »Mehr als dreitausend Mark im Jahr für sich haben und dann noch an ein Jenseits glauben, -- das ist ruchlos.«
»Sie leben«, unterbrach der Herzog mit rauher Stimme, »auch mit dreitausend Mark wie in einem irdenen Topf.«
»Die meine ich nicht,« versetzte sie fest, »du weißt wohl, wie ich es meine. Ihr habt,« sprach sie nun leiser fort, »ihr habt eine Seele, mit der ihr die ganze Erde bedecken könnt; ihr habt eine Phantasie, mit der ihr die ganze Welt mit Göttern, Christussen, Heiligen und Helden bevölkern könnt; ihr habt eine Liebe, die euch das Fernste so nah machen kann wie Kleid und Haar, -- was habt ihr nicht? Und ihr wollt doch noch ein Jenseits, damit es gar niemals aufhört? Seid froh, wenn ihr endlich schlafen könnt.«
»Du warst immer eine harte Frau«, sagte der Herzog.
»Ich dachte, du wolltest sagen, eine harte alte Frau,« erwiderte sie nicht ungütig, »aber das würde nicht gestimmt haben, wenn ich auch zwanzig Jahre älter bin als du.«
»Zwanzig Jahre«, sagte der Herzog ruhig, »ist sie da im Dunkeln auf ihrem Teppichstreifen hin und her gegangen, und du sagst: >daß es nur niemals aufhört<.«
Renate, die das selbe gedacht hatte, sah auf einmal Magdas Augen, die noch am Tische stand, die Hände auf der Platte, sehr dunkel im erbleichten Gesicht auf sich gerichtet. Sie schien etwas sagen zu wollen, die Fürstin ebenfalls, aber dann sahen Beide sich an und schwiegen. Dann kam etwas Weinerliches in die verwelkten Züge der alten Frau, sie machte ein paar heftige Kaubewegungen, nickte irgendwohin und sagte: »Also, gute Nacht!« -- Ihr Mann folgte ihr nach tiefer Verbeugung vor Renate mit leicht verwirrtem Gesicht hinaus.
Jetzt fegten die Sommerstürme durch den Park hin, warfen sich gegen das Haus und schütteten Regen, daß es rauschte. Die Läden krachten und klapperten, am offenen Fenster wehte der Vorhang, Magda ging hin und schloß die Flügel. Der Herzog warf sich plötzlich im Stuhl herum und fragte hastig: »Sie bleiben doch noch?«