Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 3

Chapter 33,659 wordsPublic domain

»Ich,« brach Sigurd los, nicht ohne Pathos: »ich will nichts sagen, ich will was leisten, mich einsetzen, dazu ist mein Volk das nächste; ich will kämpfen und mich ereifern, solange ich jung bin. Ich kann nicht die Achseln zucken und mein Schicksal anerkennen, kann auch nicht jüdische Witze reißen in christlicher Gesellschaft. Sie, gnädiges Fräulein, kommen doch aus einem Pfarrhaus, und da können Sie mir vielleicht sagen, ob Ihr Christus, den ich gewiß so gut zu lieben verstehe wie Sie, ob er die Silbe anti gekannt hat? Und wenn er sie gekannt hat, ob nicht etwa sein ganzes Leben und Sterben darin bestanden hat, sie auszurotten? Sie haben doch recht behalten, die unten standen und schrien: Dein Blut komme über uns!«

»Sein Blut doch nicht«, sagte Renate begütigend und mit innerem Lächeln, denn von seiner grad eben betonten Kraftlosigkeit schien in diesem Augenblicke keine Spur vorhanden.

Verächtlich erwiderte er: »Freilich, er hat ja vergeben -- was das schon hilft!« und setzte sich auf den Stuhl, der hinter ihm stand.

Jetzt sah Renate, da er den linken Arm auf die Tischplatte legte, diese große, prachtvolle Hand, die wie ein sicherer Bergsteiger vom Halse des Cellos zur Brust nieder und wieder aufwärts klettern mußte, und sie winkte Saint-Georges mit den Augen zu ihr hin. Der sah sie an und sagte langsam:

»Ja, das ist Gideons Hand, die Hand der Makkabäer, Salomos Hand war nicht anders, sie weiß noch von davidischen Harfengriffen, und es ist eines Fischers Haus, und Saulus erhob sie bei Damaskus. Es ist eine gute Hand, und warum sollte Christus eine andere gehabt haben?«

Sigurd errötete und schnob grimmig, die wären Alle hin, und Christus am längsten tot. Taten müßten geschehen, hätte er in einem neuen Buche gelesen, und er zog ein Zeitungsblatt aus seinen mit Broschüren vollgepfropften Taschen, warf es auf den Tisch und sagte:

»Da hat wieder einer eine Umfrage losgelassen, woher es denn nun eigentlich käme, daß kein Mensch uns leiden könnte, und er faßt alles über uns gut und glatt und schonungslos zusammen, ich könnts nicht besser, und meint ihr, wir wüßten selber nicht, wo's uns fehlt? Und das natürlich steht auch drin, daß, wo ein Arier gemein handelt, er, wo ein Jude gemein handelt, die ganze Rasse verdorben und schuld dran ist. Gott im Himmel, was haben wir denn gegen euch, warum streuen wir denn Gift aus, wie kommen wir denn dazu, will denn nicht jeder am liebsten in Frieden leben, wenn man ihn nur läßt? Wir sind doch nur da und wollen leben, nur die schmählichste Achtung haben, warum muß denn immer auf uns herumgetreten werden, seid ihr denn besser? Freilich, ohne Sklaven gings nirgends, der Amerikaner hat noch immer seinen Neger, und ihr habt euren Juden.«

Er sprang auf und stellte sich an seinen Bücherstreif, um daran zu zerren. Das Buch, das er in die Hand bekam, schlug er auf, blätterte, schlugs wieder zu und bohrte es vorsichtig, die unteren Ecken voran, hinein. Überdem klopfte es.

Renate hatte bereits vor Sekunden die Flurglocke gehört und wunderte sich, wer nun erscheinen würde. Was hereinkam, war eine liebliche kleine Chinesin -- Renate hätte es auf den ersten Blick geschworen -- in einem schwarzweiß gestreiften Kleide von leichter Halbseide, einen großen, flachen, schwarzen Strohhut in der Hand. Ja -- ganz eiförmig war das kleine, dunkelhäutige Gesicht; die nach hinten gekämmten, glattschwarzen, glänzenden Haare waren zu einem kunstvollen, chinesischen Bau getürmt, in dem etwas Silbernes steckte; ganz klein und lackrot war der Mund; die Augen, geschlitzt, funkelten schwarzbraun im Lächeln, wie sie knickste und vorwärts getrippelt kam und, wieder lächelnd, stehen blieb. Und doch lag wieder ein deutlicher Hauch von Europa über dem Ganzen, der das Befremdliche lieblich vertuschte und versüßte. -- Richtig: das waren die Brauen; sie schienen, so dünn und fein sie gezogen waren, doch nicht chinesisch geführt.

»Sieh da, Esther!« sagte Saint-Georges und zu Renate: »Das ist Sigurds kleine Schwester.«

Esther sah ein wenig schüchtern aus glitzernden Augen zu Renates Größe auf, während sie ihr die Hand gab.

»Ach, entschuldigen Sie nur,« sagte sie ganz deutsch, »ich wollte nur -- ich dachte, du kämest mit spazieren. Bitte, entschuldigen Sie vielmals.«

Sigurd, noch mit dem Hineinstecken seines Buches beschäftigt, nickte und murmelte, er komme.

»Du wirst doch noch mal Bibliothekar, Sigurd!« sagte sie träumerisch und lachte. -- Saint-Georges, während Renate lächelnd bekräftigte, das wäre ja ein Ausweg, meinte auch: gewiß, in eine Bibliothek vergraben brauchte er sich um nichts zu bekümmern.

»Und nun macht, daß ihr fortkommt! Jetzt müssen wir arbeiten!« rief er.

Esther knickste gleich und ging zur Tür. Renate konnte es nicht lassen, zu Sigurd, als er ihr die Hand gab, bittend zu sagen, er werde doch einmal kommen, versuchsweise, -- und nun versicherte er errötend und bereitwillig, ja, sehr gern, außerordentlich gern. Dann waren sie Beide draußen.

»Nein, woher kommt dieser Tapfere?« fragte Renate gleich. »Und diese Chinesin? Ach, die ist ja zu reizend! Georges, die müssen Sie mir bringen.«

»Zuerst«, sagte Saint-Georges, »muß ich um Entschuldigung bitten wegen der Besucher. Allerdings kam nur Cornelia unerwartet; Sigurd ließ ich selber holen, einesteils damit er helfe, andernteils weil er Ihnen auf diese Weise am einfachsten gegenübergestellt wurde, denn in Ihr Haus hätte ich ihn schwerlich bekommen. Wie gefällt er Ihnen?«

»Sehr gut, Georges! Aber wie ist er sonderbar! Und von Ihrem Läufer sagte er, er hätte ihn hingelegt. Und warum holt er immer Bücher heraus und --«

»Das ist wieder ganz Sigurd«, lachte er. »Unseren alten Läufer, Jürgen,« rief er zu seinem Bruder hinüber, »den schon mein Vater abzulaufen angefangen hat, den hat er hingelegt!«

»Ja, lügt er denn?«

»O niemals, Renate! Er ist nur immer gleich so bei jeder Sache, daß es ihm scheint, sie stamme von ihm her. Er ist ganz wundervoll. Wenn man ein Mensch ist, der Pläne hat, Aussichten in die Zukunft, kann man keine bessere Stütze finden als ihn. Was man ihm sagt -- Dinge, die einem selber vielleicht noch unklar sind --, davon läßt er sich mit seinem guten Herzen und hellem Geist augenblicks dergestalt durchflammen, als wär es sein Eigentum, als habe er nichts getan, als eben diese Sache von Grund aus zu treiben, und kommt man drei Tage später und sagt: Sigurd, das war alles Unsinn, was ich neulich geredet habe, die Sache sieht vielmehr so aus, dann ist er wieder völlig derselben Meinung, gänzlich als habe er das erstemal keine andere als die zweite Meinung verfochten. Ja, schlüpfrig ist er schon, fassen läßt er sich nirgend, aber welches Juwel! Sein ganzes Dasein scheint nur darauf gestellt, Andern zu helfen. -- Ja, was ist denn?« brach er ab, trat ans Fenster und öffnete, indem er sagte: »Es hat gepfiffen.«

Sich hinauslehnend, bemerkte er zurück: »Es ist Esther!« Renate hörte ihn dann nach draußen sprechen und lachen, ohne die Worte zu verstehen. Dann schloß er das Fenster wieder, lächelte hocherfreut und sagte:

»Da haben wir ihn wieder. Esther sagt: vor ihrer Haustür -- sie wohnen gleich hinter der Ecke -- habe Sigurd erklärt, er hätte noch eine Postkarte zu schreiben. Sie habe dann gewartet, er aber kam nicht, und wie sie endlich zu ihm ins Zimmer geht, sitzt er und liest, und dann schmollt er und behauptet, wir hätten Alle gesagt, er wäre ein Trottel.«

»Was?«

»Nämlich, weil wir gesagt haben, er müßte Bibliothekar werden, denn alle Bibliothekare wären Trottel und ergo -- -- ja, das ist Sigurd! Ein eirundes Kind mit einem Goldfasan innen!«

»Ich glaube, Georges, zum Arbeiten kommen wir heut doch nicht. Da erzählen Sie lieber noch von ihm!«

»Ja, beim erstenmal pflegt das so zu sein«, meinte Saint-Georges gelassen und setzte sich vor den Schreibtisch, Renate zugewandt.

»Er ist Balte,« begann er dann, »sein Vater ist tot, von seiner Mutter läßt sich seit langen Jahren nur sagen, daß sie >noch lebt<. In ihrer Jugend hat sie einen jungen Menschen geliebt, den sie wegen beiderseitiger Armut nicht heiraten konnte. Dann besorgte sie ein paar Jahre einem alten und sehr reichen, verwitweten Verwandten das Haus, bis er starb, beerbte ihn und heiratete nun ihren Jugendgeliebten. Der Vater war nach Sigurds Beschreibung der edelste, wahrhaftigste Mensch, aber er verstand nichts vom Gelde, machte Konkurs und schoß sich leider tot. Seitdem ist die Mutter so wunderlich. Aus der Masse kam dann doch noch genug zum Vorschein, daß die Drei kümmerlich leben können, wenigstens bis Sigurd selber verdient.«

»Was mag aus ihm werden?« fragte Renate nachdenklich.

»Ich hoffe, das, was er vor hat, ein Kinderarzt und ein guter. Er ist ein Mensch mit natürlicher Anlage, sich aufzuopfern. Sie haben wohl auch seine Sucht bemerkt, sich herabzusetzen.«

»Freilich! und er sagte, alle Wege wären ihm verschlossen.« Saint-Georges lachte herzlich. »Wegen seines Judentums, nicht wahr? -- Aber das ist seine Jünglingsmelancholie, die sich bei Andern in Weltschmerz oder in Weltwonne zu äußern pflegt, bei ihm in Selbstverachtung. Seine Tüchtigkeit, sein praktischer Blick, seine Arbeitskraft stehen außer Frage, und den Ausnahmen im Lande, wie er eine ist, haben noch immer alle Wege offen gestanden, außer dem in den Staatsdienst, den er sicher nicht gehen wird, -- um so besser. Sein Kopf ist ebenso greisenalt wie sein Gemüt knabenjung. Da sieht er aus wie ein verbannter Erzengel und kommt sich vermutlich so abstoßend vor wie Beelzebub. Wer ihn drei Tage lang kennt, liebt ihn, er aber bejammert seine Unbrauchbarkeit und Niedrigkeit. Eher erschrecken könnte man schon, wenn er schwört -- in seinen trübsten Stunden tut ers --, er würde irrsinnig, weil seine Mutter -- und so weiter. Nun, man muß ihn reden lassen und warten, daß er älter wird. Gott erhalte ihm nur den Knaben im Herzen. -- Heute ist der Zionismus seine Leidenschaft, weniger aus Überzeugung, daß die Rückkehr nach Zion die einzige Rettung sei, als um seiner selbst willen: um was tun zu können.«

Renate schwieg in Gedanken, hörte ihn nach einer Weile fragen, ob es ihr recht wäre, anzufangen, nickte und hatte gleich darauf ein englisches Buch in der Hand, während sie Saint-Georges drüben am Schreibtisch sich zurechtsetzen sah, um seine Notizen zu machen.

Balto-Borussia

Georg, nicht unfroh unterm Absingen des schönen Liedes von der >_aura academia_<, saß auf der Gartenterrasse des Baltenpreußenhauses bei seinem Pflichtbesuch.

Die vielen Verse des Liedes ließen ihm Muße, umher- und alles anzusehn. Es dämmerte bereits; zum Erstaunen geschmackvolle, schön geformte und zartfarbene Japanlampions schwebten in der dunklen Luft. Grüne Gärten in allen Tiefen schauerten angenehm im Sommeratem, wenn es still war in den Pausen des Gesangs; dahinter waren die roten, festungsartigen Mauern der Papierfabrik dunkel zu gewahren. Georgs Blick kehrte zurück und schweifte über die kleine Tafel mit ihren Gästen in kornblumenblauen Alltagszerevisen von Mützenstoff und Pekeschen, deren Blau infolge der Größe heller schien als das der Mützen, indem er bedachte: wie nett, daß es so Wenige sind, und die Wenigen obendrein so nett, wie es scheint. Besonders sein Gegenüber war ihm herzerfreuend, wie er dasaß, gut mittelgroß, eingepreßt den rundlichen Leib in die zartgrüne Einjährigenuniform der schweren Jäger mit hohem und engem, grünem Kragen, voll- und rotbäckig, die linke Wange leider von Narben zerfetzt, freundlich umherglänzenden Auges hinterm ungerandeten Kneifer, die Stirn mächtig gewölbt und gebuckelt unterm geschorenen Schädel, -- im ganzen nicht nur älter und gesetzter, sondern durchaus anders scheinend als die Übrigen, fast fremdartig, aber nicht ohne Behagen in sich selbst beschlossen und für sich allein bei aller Teilnahme. Beim Vorstellen hatte er nur »Schwalbe« gesagt, doch gehörte er vermutlich zu den kurländischen Freiherren, die mit den Keyserlings verwandt waren, von denen wieder Georgs Fuchsmajor bei den Schwaben und -- vor allem -- der Dichter abstammte; ein tröstlicher Gedanke. Der Präses neben Georg, zufällig auch Korpssenior, Graf Ellerau, sah in seiner gewaltigen Größe und Breite, dunkelhaarig und kleinäugig, gutmütig und ein wenig schläfrig aus, dagegen unten am Fuchsmajorat der kleine, kaffeebraune portugiesische Marquis, der aufs Haar einem seltenen Azteken glich, mißfiel Georg. Beim Vorstellen hatte er bloß gegurgelt. Was kann er den Füchsen beibringen, wenn er kein Deutsch redet? Ja, etwas schien er ihnen beizubringen: er schenkte ihnen Allasch aus einer Kruke in jedes Bierglas, -- was doch wohl nur dazu dienen konnte, daß sie sich übten, bei früher Betrunkenheit sich lieblich aufzuführen, -- eine wahre Hundsfötterei. -- Reizend, was so die Ausländer bei uns lernen! -- Georg bedauerte die drei Füchse, besonders die übermäßig langen und dünnen Zwillinge Rotenhahn -- seltsam vergoldet von literarischen Erinnerungen -- mit ununterscheidbaren, eben handgroßen, blassen Gesichtern, über denen die kleinen, blauen Mützendeckel schwebten. Der dritte Fuchs war belanglos, klein und schwärzlich. -- Unangenehm waren die Gläser, aus denen ein scheußliches dünnes Biergemisch getrunken wurde, weil wenig über faustgroß: Georg, an seinen Münchener Maßkrug gewöhnt, glaubte mindestens schon zehn verschluckt zu haben in kaum mehr Minuten, allein, wie er bemerkte, war es Sitte, überhaupt nur Ganze zu trinken ...

Indem hob Georgs Nachbar zur Rechten, der Nordeck hieß und bei erstaunlich langer Nase und blassen, ein wenig idiotenhaften Zügen, blondes, zierlich gekräuseltes Haar trug, sein Glas und trank Georg zu, der, mitkommend, das seine gegen jenen, merkwürdigerweise pockennarbigen, finster und vereinsamt wie ein Anarchist aussehenden Grafen Tastozzi schwang: »Übers Kreuz vor, Graf, mit Ihrer Erlaubnis!« Der errötete heftig, ergriff tastend sein Glas und trank mit. -- Der Diener kam, beide Hände voll gefüllter Gläser, und Georg bemerkte, daß er jedem immer gleich mehrere hinsetzte, praktisch unleugbar -- für ihn, weniger für das ohnehin schale Bier; jedoch gehörte vielleicht auch dies zur Erziehung.

Ja, wenn nicht das Trinken wäre, seufzte Georg, könnte es ja reizend sein. Ich bin doch überrascht ...

Der Präsidenspeer knallte auf der Tischplatte. »Schönes Lied ist aus, ein Schmollis den Sängern! Prost Markwis!« rief der Senior stehend, schüttete den Inhalt seines Glases hinunter und setzte sich. Georg beugte sich zu dem Freiherrn gegenüber: ob er nicht Balte sei ...

»Ich bin Balte«, wiederholte der, schnell und fest, bereitwillig sich zusammenraffend und die Arme auf den Tisch legend. »Nein, danke,« wehrte er Georgs Zigarettendose ab, »ich rauche nur, wenn ich mich langweile.« -- Recht behaglich klang sein nicht allzubreites Ostpreußisch mit leicht zungengeschlagenem R-Laut. Er hatte die Gewohnheit, die Augen hinter dem Kneifer niederzuschlagen, sobald er sprach.

»Und sind mit den Keyserlings verwandt?«

»Ich bin mit Keyserlings verwandt, allerdings, aber mit welchen meinen Durchlaucht? Mit Ihrem Keyserling bin ich _nicht_ verwandt«, betonte er lächelnd mit tippendem Zeigefinger.

»Ich dachte an den Dichter.«

»Mit dem Dichter bin ich verwandt, jawohl«, bekräftigte er, den Kopf vorwärts drückend, während Graf Ellerau ihm die Hand auf die Schulter legte und nicht unfreundlich sagte:

»Unser Schwalbe ist selbst Dichter. Er macht schöne Verse. Ja, wir sind solch ein Ästhetenklub. Die Zwillinge sollen auch dichten insgeheim; sie schwärmen für alle schönen Künste, besonders Malerei, glaub ich. Wie ists, Füchse, Erwin! Emil! Prost! Für welche Kunst schwärmt ihr grade?«

Die verdonnerten Fuxen griffen nach ihren Gläsern und schwiegen. Georg sagte, um die Aufmerksamkeit von ihnen abzulenken, in das Gelächter der Andern:

»Das ist ja aber erstaunlich! Sie machen Verse -- und Sie lesen sie womöglich?«

»Ab und zu«, gestand der Senior lächelnd ein. »Ein gutes Buch hin und wieder ist man doch schon seiner Gesundheit schuldig.« Schwalbe ließ seine Augen standhaft und freundlich in Georgs. »Es zuckt mir manchmal geradezu in den Fingern nach Seitenblättern -- wie's einem im Herbst drin zuckt, wenn die Krickente streicht, nach dem Abzug.«

Der gekräuselte Nordeck, ein mächtiges, tiefes und hohles Gelächter herausschüttend, sagte breit altenrepenisch: »Ja, man bodet ja auch alle vierzehn Toge! Ihr Wohl, hohoho, Durchlaucht, ich gestatte mir.«

Georg trank. »Unser Keyserling«, wandte er sich dann wieder zu Schwalbe hinüber, »pflegte gern von zu Haus zu erzählen. Sagen Sie, ist das wahr: er behauptete, er hätte, bevor er zu uns kam, nie einen Buchenwald gesehen.«

»Ja!« Schwalbe setzte sich wieder in Anteil und Bewegung, »das ist wahr. Als ich selber zuerst einen Buchenwald sah, dachte ich, ich käme in einen Palmenhain. Es jiebt ke--ine Buchen bäi uns.«

»Was dann? Fichten? Nadelholz?«

»Jawohl; Fichten. Vor allem aber -- Birken. Und die Birken wachsen nicht wie hier, in Trupps und kaum mehr als armdick. Bei uns sind es janze Wäldchen, aber die Stämme stehen janz ver--e--inzelt, doch wie die E--ichen, und der Bo--den ist Wiese und daher janz mit Blumen bedäckt.«

»Ah!« Georg sah lebhaft die einzelnen, weißen Säulenstämme mit grünem Laubgeschleier vorm Himmelsblau und unterhalb einen Teppich buntfarbener Anemonen. »Das muß ja beinah -- arkadisch aussehen.«

»Stellen Sie sich Orkodien so vor, Durchlaucht?« schüttelte der blonde Nordeck mit seinem unmäßigen Gelächter heraus. Der Tastozzi drüben lächelte gezwungen mit; Georg entschloß sich, ihm »definitiv« zu kommen, was ihn wieder sehr zu erschrecken schien, und Georg gewann ihn fast gern dadurch.

Ach, deine Sicherheit! durchzuckte es ihn beim Trinken jählings. Er stellte mit innerlichem Achselzucken sein Glas hin. Ich bin, der ich je war, stellte er fest und biß die Zähne zusammen.

Da er nun den Präsiden mit dem Korpsdiener flüstern und die Worte »telephoniert haben« sowie einige Namen, darunter Schley, zu verstehen glaubte, wandte er sich an Ellerau mit der Frage, ob etwa seinetwegen etwas vorgehe -- womöglich die Alten Herren behelligt würden --, und Ellerau wehrte verlegen ab. In der Tat, die Nachricht von Georgs Erscheinen sei erst so spät gekommen, -- da habe er sich bei dem ohnehin geringen Bestand des Bundes erlaubt, einige alte Herren, die immer sonst kämen, noch telephonisch herbeizurufen --, worauf er, abbiegend, die Gelegenheit geschickt benutzte zu höflichem Keilen, indem er Aufklärungen gab über die hiesigen Korpsverhältnisse, die durchweg leider nur geringen Bestände an Aktiven, die Erwünschtheit des Zuwachses -- wo dann eine kleine Schmeichelei über die Beziehungen zu den Münchener Schwaben seit altersher einlief --, ferner über die verhältnismäßig freie Auffassung vom Korpsleben in der norddeutschen Großstadt, wo der Student nicht, wie an den kleinen Hochschulen, alles gelte und jedem bekannt sei, -- was alles Georg mit schweigsam nickender und lächelnder Höflichkeit über sich ergehn ließ, am Ende einen Augenblick still war und, dem Grafen zutrinkend, nach dem gehörten Namen Schley fragte. Ob er mit der Motorenfabrik zusammengehöre.

»Jawohl. Sein Vater ist der Besitzer. Der Adel -- Schley-Schleyenburg -- ist ein bißchen sehr -- jung; zu jung für manchen unter uns ... ich weiß nicht, wie Durchlaucht ...«

Georg äußerte, ihm wärs egal, wenn --

»Wenns Herz nur schwarz ist, hohoho, nicht wahr, Durchlaucht?« lachte Nordeck an seiner Seite, sich vornüber kippend, »Ihr Wohl, Durchlaucht, ich gestatte mir!« -- Also auch der zitierte was, wenn auch eben nur Rosegger, -- aber Georg setzte eben sein Glas an die Lippen, als die gesamte Fuchskorona von den Stühlen schnellte und ihr Major beinahe verständlich gurgelte, das Fuchsmajorat nehme sich Freiheit -- vier Ganze! -- -- »O, der Teufel hole eure Freiheit«, murmelte Georg, hinunterwinkend, sein Glas an den Lippen, und trank, dem Nordeck nach und, was seit langem nötig geworden war, Schwalbe vorkommend. Alsdann stand er auf, um hinauszugehn.

Durch den halb erleuchteten Kneipsaal auf die Flügeltür zugehend, gewahrte er draußen in der ovalen und rahmenlosen Spiegelscheibe an der Wand des Vorraums ein neues Gesicht, in dessen rechtem Auge ein Monokel steckte; im übrigen war es blaß, die lange Nase verlief oben in die schräge zurückfallende Stirn, deren Linie wieder weiterhin in den nackten Schädel verging unter das spärliche blonde Haar; auch hier war ganz wenig Aztekenerinnerung und nordecksche Geistesleere. -- Jetzt aber, der Türe näher kommend, sah Georg eine überlange Gestalt darin erscheinen und erkannte, freudig überrascht, an ihrem oberen Ende das schmale rechteckige und rötliche Gesicht, die etwas vorquellenden blauen Augen und die breit auf den breiten, von dünnen blonden Bartzipfeln chinesenhaft umrahmten Mund gedrückte Nase von >Novalis<, altem Herrn seines Schülerlesevereins, -- und sein Kinn fiel genau wie damals zurück. Georg streckte heiter die Hand aus:

»Graf Hardenberg! Wie reizend, Sie hier zu sehn! Aber Sie sind doch nicht Baltenpreuße? Nun, was machen Sie? Ich habe lange nichts von Ihnen gelesen. Sie haben doch nicht aufgehört? Und was macht Ihr Pollux oder Kastor, Ihr Freund -- wie hieß er doch noch? Nun, das müssen Sie mir alles drinnen erzählen, ich bin eben auf dem Weg nach draußen, ja, vielleicht zeigen Sie mirs gleich ...«

Hardenberg, verlegen, rot werdend und einsilbig wie stets zu Anfang, begnügte sich mit Verbeugungen und Händedruck. Da kam Georg, der weiter wollte, das Gesicht aus dem Spiegel entgegen, jetzt über sehr breiten Schultern und -- bei etwas schlenkrig stolperndem Gang der schmalen Füße unten -- so geradeswegs und mit so leerem Ausdruck auf ihn zu, daß er einen Augenblick glaubte, von dem Andern nicht gesehen und überrannt zu werden. Doch fiel jetzt, einem großen Wassertropfen gleich, das Einglas herunter, die Figur blieb stehen, verneigte sich und sagte breit:

»Schley.«

Georg schüttelte ihm die Hand und versicherte, entzückt zu sein. Der Freiherr fing an, überaus langsam und mit näselnder, nein nöliger Stimme zu sprechen:

»Durchlaucht -- wollten wohl nach -- draußen. Ich erlaube mir -- mitzukommen.«

Also gingen sie zusammen.

Dieser hier war erstaunlich, dachte Georg über seiner Verrichtung vor der marmornen Nische, aber Hardenberg -- das war wirklich eine neue Freude. Dies Haus steckte ja voll Überraschungen. O, Hardenberg schrieb die entzückendsten Dialoge, fast ein Geplapper, das sich aber zu einer fast furchtbaren Verve steigern konnte, und in dem er auf die allergeistvollste Weise meist die Daseinsberechtigung der geistlosesten Dinge verfocht. Ja -- zudem war er allerdings homosexuell, allein er machte -- wie es in der Schülersprache hieß -- keinen Gebrauch davon, und angesichts seiner stillen Würde und unwandelbaren Vornehmheit hätte niemand es gewagt, in seinem, wie kein anderes inniges Freundschaftsverhältnis zu -- -- Georg konnte nicht auf den Namen kommen -- etwas anderes als eben -- Freundschaft zu argwöhnen. Wie sich die Kunde von seiner Anormalität verbreitet hatte, war unklar, doch die Tatsache stand fest.

Um etwas zu sagen, äußerte Georg beim gemeinsamen Händeabtrocknen zu Schley, ob noch viele Balten das Korps aufsuchten, was der langsam bejahte.

»Mein Vater allerdings«, fuhr er in seiner Nöligkeit fort, »war -- Kölner. Aber ich bin ei'nlich 'n halber Franzose. Ich seh bloß nich so -- aus.« Dabei kratzte er sich ratlos den Kopf und ließ -- plötzlich -- das Glas aus dem aufgerissenen Auge tropfen. Als sie den Vorraum wieder betraten, machte er sich erbötig, Georg das Haus zu zeigen, und so wandelten sie denn ziemlich schweigsam von Zimmer zu Zimmers, Schley die Namen sagend, die sich ohnehin von selbst verstanden nach der Einrichtung, Georg einen Lobspruch fallen lassend. In der Bibliothek aber fand Georg ein wohlbekanntes stark violettes Buch liegen und sagte:

»Da liegt ja der >siebente Ring<. Wem mag der denn gehören?«

Schley sah näher hin. »Das wird wohl meiner sein«, bemerkte er zögernd, nahm ihn langsam auf, betrachtete ihn ebenso langsam von allen Seiten und erklärte, ja, es wäre seiner.