Helianth. Band 2 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene

Part 29

Chapter 293,547 wordsPublic domain

Cordelia, süße, gute, nun hilf mir du, ja, nun mußt du helfen! Ich verspreche dir, an keine andere will ich denken bei deinem Leib, -- oh verdammt will ich sein, wenn ichs tu! -- Sein Fleisch zuckte wütend nach Umarmung. Das runde, bleiche Antlitz im düster braunen Haar -- wie einer elfenbeinenen Nonne in Eichenholz -- die dunkelbraunen Augen in süßen Verwandlungen, die sie spielte mit ihrer zierlichen Kunst, lockten ihn unleugbar trotz des Feuers hinter ihm dieses -- ah, dieses Dämons. -- Nein, Georg, stöhnte er, nein, so wäre das nicht gegangen, wie du's dachtest. Dein Plan war ganz unsinnig. Giebs zu, Georg: was stelltest du denn vor -- in ihren Augen? Ein halbes Nichts von einem jungen Mann, mit dem sich geistreich plaudern ließ. Eh du nicht mindestens etwas vorstellst, das innere Leistung zu verbürgen scheint -- ist nicht an sie zu denken. Ja, aber nun bin ich fest. So gehärtet bin ich in diesem Glutofen immerhin, daß mich nun nichts mehr anbröckeln kann, und -- innen umschließ ich mein Ziel. Das erreicht, dann -- Platz da, der Heuwagen! Oh Teufel, diese Bauern sitzen auf ihren Ohren! Wollt ihr euch zum Henker scheren auf die andere Seite, ihr Sch--«

Der Wagen jedoch, haushoch beladen mit Heu unter Leinwand, wich und wankte nicht. Die Hupe brüllte, Georg schäumte vor Wut, aber sein eigener Wagen kam fast zum Stillstand, eh der Berg vor ihm sich zur rechten Seite der schmalen Straße hinüber bewegte. Aufschnarchend nahm der Motor die frühere Geschwindigkeit wieder auf, die Landstraße krümmte sich wie getreten, Fahrtwind brauste eiskalt, und zu beiden Seiten fächerte sich gelassen die schöne Weite des grünen Landes aus, sich ziehend und dehnend unter der großen Schattenbewegung des wolkengrauen Himmels, im kühlen Licht, von Sonnenbalken selten zu überraschender Lieblichkeit unterbrochen. Die Obstbäume an den Grabenrändern, vom seitlichen Windesansturm getroffen, taumelten und überbrausten sich, allmählich ward Georg ergriffen von der gierigen Lust des Vorwärtsstürmens, dem herzlichen Beben im Zwerchfell beim Lauschen auf die so innerlich ruhige, ehrenfeste Arbeit der vernünftigen Maschine, und dem geschmeidigen Freudegefühl am Mitwinden der Straßenbeugen im unmerklichen Drehen des Lenkrads. Sein Herz begann wieder ruhigen Schlag, er atmete eben und tief, schwermutvoller ward sein Empfinden zurück, zärtlicher, häufiger das Zucken voraus in der Vorstellung der Liebenden, im immer hastiger zerdrückten Gedanken der kommenden Lüste, denen er sich vergrößert zustürzen sah wie einen rädrigen Riesen von Metall. Wenn sie bloß im Hause ist! dachte er bänglich. Und also stob er dahin, vom Magneten schienenglatt hingezogen, gewaltig im Wagen, als wälze er selber sich den Weg, Dörfer spaltend, daß es krachte, Wälder zerfurchend, Dörfer wieder, und wieder hinknatternd über das endlose Band, das unter ihm hervorfliehend sich windende, aufseufzende Band der Straßen. Da sprangen Takte in ihm auf. Worte alsbald.

Stürme an den Wäldern hin, Donnre übers Brückenjoch ...

Was war das? Ihm erschien, entgegenkommend auf hohem Damm, die Maschine eines Schnellzugs, vornübergeneigt in kolossaler Rüstigkeit, stämmig, ein Kentaur:

Eisenroß, das Morgen roch, Mitten schon im Morgen drin ...

Morgen? woher der Morgen? Ah, es war nicht der Anfang des Gedichts. Weiter:

Eisenhengst im Radgestampf ...

Nein, so: Rase ... Ja, mit hellem a-Aufklang:

Rase durch das Morgenland, Eisenhengst im Radgestampf, Glutgefüllt und lustentbrannt ...

Ich vergesse den ersten Vers! Also -- wie wars? Donnre -- nein:

Stürme an den Wäldern hin, Donnre übers Brückenjoch, Eisenroß, das Morgen roch, Mitten schon im Morgen drin.

Nun der Anfang ... Doch indem klangen andre Worte:

Feld und Wiesen farbig lohn, Hügel wandern -- Hügel spenden blauen Rauch ... Hügel wandern blau im Rauch, Silberblitzend winkt dir schon Weißdorn und ...strauch.

Ja, aber der Anfang, wie war ...?

Rase durch den ...

Und richtig: nach der zweiten Strophe umarmte der äußere Reim den innern, also:

Rase durch das Morgenland, Jage durch den Nebeldampf, Eisenhengst im Radgestampf, Glutgefüllt und lustentbrannt.

Stürme ...

Georg befand sich mitten in einer kleinen Stadt, die er für Altwedel hielt, bei langsamer Fahrt über Kopfsteinen. Vorübergehende, die sich umdrehend stehen blieben, Kinder, sah er noch glasig und verständnislos durch die inneren Gesichte, dann deutlicher düstere Läden, eine enge, aber augenscheinlich die Hauptstraße, jetzt zur Rechten ein Ungetüm von alter, gotischer Backsteinkirche, nur plumpes Schiff mit Dachreiter, -- und indem gab es hinter ihm einen scharfen Knall. Ein Reifen war geplatzt.

Georg lenkte den Wagen an den Gossenrand und hielt, der Chauffeur sprang ab. Also Mittagspause, die ohnehin einmal hätte gemacht werden müssen. Daß ich bloß meine Verse nicht vergesse! -- Eisenhengst im ... »Welcher ists, Dietrich? Der Linke? Also eine halbe Stunde dauerts wohl?«

Kalt und ein wenig zittrig kletterte Georg aus dem Verschlag in einen Haufen schon vorhandener Kinder, löste den Halsschal und ging auf der Suche nach Speisegelegenheit, aber bei innerer Beschäftigtheit ohne etwas zu sehn, die Straße hinunter. Vor einem Schaufenster stehen bleibend, dachte er, abirrend plötzlich:

Es ist doch wundersam: alles ist nur Rhythmus. Wie mußte ich bei meinen Gedanken und Gefühlen vorher auf diese Verse verfallen? Der Rhythmus stanzte die Worte heraus. Und vor allem dies: daß man, ob das Gedicht nun schwermütig sei oder heiter, solange es sich hervorarbeitet, weder das eine sein kann noch das andere, denn da ist für kein eigenes Empfinden mehr Raum, nur die Form wirkt sich, dehnt sich und glüht und bewirkt in dem Stoff, in meinem Dasein, meinem ganzen Ich -- dies absonderliche Gefühl von Angst -- ob ich es richtig mache --, von Quälerei und etwas Lust, Angstlustquälerei ... absonderlich ...

Ratskeller, las Georg, den Kopf auf die linke Schulter geneigt, in schräger Schrift von unten nach oben jenseits eines rechteckigen, von Kugellinden umsäumten Platzes, auf dem Türpfeiler eines Kellereingangs. Ja, das getünchte Haus mit Säulen war vermutlich das Rathaus. Also wanderte er zum Wagen zurück, wies den Chauffeur an, ihn nach getaner Arbeit dort aufzusuchen, wo er Essen bekommen würde, und fand sich gleich darauf, nach zerstreuter Bestellung von irgendetwas an einen Kellner, wieder bei seiner Arbeit an einem runden Tisch, jetzt schreibend auf einem Blatt aus seinem Checkbuch, weiter hastend, zitternd im Schwung:

Immer riesiger flammt der Tag, Tobend, jauchzend, hingerafft, Spaltest du mit Götterkraft Eichenwald und Tannenschlag.

Wirfst die Dörfer hart zur Seit, Und die Ebne staunt und schwillt, Wie dein Atem heiser schreit Und du lärmst durch das Gefild.

Worauf er unverzüglich anfing, das Ganze von vorn durchzuarbeiten, jedes Wort aufzuheben, umzudrehn und wieder hinein zu prüfen, andre einzuwechseln, streichend, wieder streichend, hineinklammernd, endlich das Ganze noch einmal schreibend und nach mehrmaligem Streichen ein drittes Mal, worauf er, zum ersten Entwurf zurückkehrend, lauter Unwählbarkeiten fand und, erschöpft ins Leere aufschauend, nach einer Weile bemerkte, daß Schüsseln mit Essen vor ihm standen. Er aß, aber die Versworte, freiwillig gegeneinander weiter hadernd und sich verfitzend, ließen nicht ab, ihn zu peinigen, er stand endlich auf, während eben der Chauffeur hereinkam, bestellte eine Mahlzeit für ihn und trat wieder ins Freie.

Ein leichter Regen wehte nieder. Die Kirche war protestantisch und daher geschlossen. Um sie herumgehend, fand er eine gebogene kleine Gasse, in deren Hintergrund er etwas wie die Auslage eines Antiquitätenhändlers zu entdecken glaubte und hinzuging.

In der Tat -- es sollte etwas dergleichen sein, jedoch enthielt ein, das Schaufenster füllendes Regal fast nur Sachen von heute.

Ja -- fiel ihm ein -- und gesetzt, es wäre so, das einzige Empfinden eines Dichters beim Bilden des Gedichts wäre ein solches Mischgefühl von gequälter Lust und verzückter Qual -- was wäre die Folge für das Gedicht, seine Farbe, die sogenannte Stimmung? Ein wahrhaft reines Gedicht könnte, das wärs, weder die Farbe der Trauer noch der Freude haben, sondern -- sondern? Ein Mittel zwischen beiden, oder -- mit einem Worte: Ernst. Und das würde -- klassisch sein, weil harmonisch; das andre, das Zwiespältige dagegen wäre romantisch, -- haben wir nicht einmal darüber gesprochen, Benno und Sigurd? -- Ja, wo ist wohl Sigurd?

Ältliche Stehlampen sah Georg, schlechte Gipsvasen mit herausragenden Italienerköpfen, blindes Silberzeug in verstaubten Kästen -- dick mit Staub überzogen voll Fingerabdrücke war alles --, ein paar Zinnteller, Steinkrüge, die übliche Perlentasche, ein Bündel Pfeifen mit Porzellanköpfen und schlechte Figürchen, ausgestopfte, ruppige Vögel, Pistolen und derlei Zeug, -- und als er ins dunkle Innre spähte, ließ sich zwischen Tischen, Schränken und Kommoden aus den achtziger und neunziger Jahren noch eine hübsche Kirschvitrine bemerken, die unerkennbare Dinge enthielt.

Georg trat unter einem wimmernden Glockenlaut der Türe ein und erhielt Muße, sich umzusehn, bis aus dem hinteren Düster weiche Schritte hörbar wurden und aus einer niedrigen Tür eine bleiche und dunkeläugige Frau trat, ein Tuch um den Kopf, die Hände in der Schürze trocknend. Ein kleiner Junge, der an ihr hing, hatte das ganze Gesicht mit einem ekelhaften roten Schorf voll gelber Eiterränder bedeckt und wurde hart fortgejagt.

Einen Anfall von Ekel unterdrückend, fragte Georg nach der Perltasche, entdeckte, während die Frau dorthin ging, hinter dem Porzellangeschirr und den Tafelgläsern der Vitrine im untersten Fach etwas Dunkelrotes, öffnete und holte, freudig erstaunt, ein rotes Glas hervor, das ein wahrhaftig echtes Rubinglas war, ein grader Becher mit Fuß, ohne Verzierung, dick, hart und schwer wie Stein, nur wenig angeschrammt am Fuß, -- ein Fund. Ja, war nicht etwa ein echtes Rubinglas das Kostbarste von der Welt? Und wie er nun ans Licht vortrat, den Becher hochhielt und das helle Blutrot im dunkleren, schwärzlichen aufglühte, inbrünstig, mächtig, wie der düsterrote Blick der ewigen Lampe im schwarzen Kircheninnern -- er atmete den Weihrauch --, hatte er sonderbarerweise die starke Empfindung, so und nicht anders müsse Cordelias Blut sein.

Ich nehme es ihr mit, -- oh -- ah ja! aus diesem Kelch will ich dein süßes Blut trinken, dachte er begierig und überlegte, an den kranken Knaben erinnert, vor sich die ärmliche und verbitterte Frau, die ihr Kopftuch vor der Brust kreuzte, was ein Rubinglas für Cordelia wohl wert sein dürfte. Auf seine hingeworfene Frage, wie denn ein solches Geschäft ginge an diesem Ort, fing die Frau heftig an zu klagen, -- er hätte ja wohl gesehn, was mit dem Jungen sei, der Vater sei seiner Wege gegangen und nicht aufzutreiben, das Geschäft habe sie geerbt, im Sommer ginge es ja wohl -- Altwedel wäre doch Kurort --, aber im Winter komme fast niemand, sie verstehe auch nicht viel von den Sachen, und mehr dergleichen, was Georg zu peinlichem Mitgefühl und der Erwägung bewog, daß hundert oder tausend Mark für ihn dasselbe, tausend jedenfalls für ein Rubinglas Cordelias ein Preis sei.

Mantel und Rock aufknöpfend, um sein Checkbuch und den Füllhalter hervorzuziehn, murmelte er etwas beschämt, er habe zwar kaum so viel bei sich, wie er für das Glas zahlen möchte, aber sie würde ja wohl ... und begann ein Blatt auszufüllen, was die Frau stumm abwartend geschehen ließ. Als sie dann den Zettel in Empfang genommen und gelesen hatte, fuhr sie los: »Ja, das wäre sowas! Sone Checks, da ist schon mancher drauf reingefallen! Und denn gleich Prinz, nee, da bilden Sie sich bei mir man nichts ein! Nee, mein Herr --« Sie nahm ihm das Glas aus der Hand und stellte es hin -- »das Glas kost fuffzehn Mark, wenn Sie nich zahlen können, denn lassen Se's ebent, denn bleibt das Glas hier.«

»Aber -- aber mein --« Georg stand verdonnert, kümmerlich, und fing vor Aufregung wunderlich an zu zittern, während die Frau ihm seinen Schein in die Hand drückte. Nein, sie war gar nicht nett, die Frau, sondern sie war gemein. -- Georg holte zitternd das Gold, das er bei sich zu tragen pflegte, aus der Hosentasche, legte ein Stück davon neben das Glas, nahm das an sich und ging hastig zur Tür, dieweil die Frau, die sein Gold in der Hand wohl bemerkt hatte, sich nun auf ihren Irrtum verbiß, erst murmelnd, dann lauter hinter ihm her schimpfte: »Wolln Se Ihre fünf Groschen denn nich raus haben? Son Schwindel! Erst wolln se einen beschuppen, un denn haben se'n ganzen Sack voll. Na wenn Se nich wollen ...« Die Tür fiel wimmernd zu.

Schade! dachte Georg und erreichte, alles weitere Denken, aber nicht dies sonderbare Zittern unterdrückend, seinen Wagen. Alles war in Ordnung, er stieg ein und fuhr ab.

Ach so, dachte er dann, ich bin ja auch kein Prinz!

Und dann: Komisch! wie sie das gleich gemerkt hat!

Aber er kam nicht los von der Szene, sah sie immer wieder von vorn, und es fiel ihm auch ein, daß es vielleicht besser gewesen wäre, er hätte sie nicht beschämt mit seinem Gold, sondern ganz im ersten Glauben gelassen, indem er sie nun sah, wie sie sich zwar keine Vorwürfe machte, wie aber ihr Gemüt noch verbitterter wurde, und der Junge --, Georg sah ihn gegen eine Schrankecke fliegen und ...

Mit dem Gedanken an den Becher in seiner Tasche tröstete Georg sich langsam, der kalte Fahrtwind kühlte sein erhitztes Gesicht. Es wird mich doch ewig verfolgen! seufzte er höhnisch. Aber Cordelia -- ihr sage ichs heute. Es muß einmal sein.

Sogleich sah er mit angeregter Phantasie sich im Wohnzimmer auf dem Roßhaarsofa sitzen, sie am Fenster, wie sie gern saß, den Ellenbogen zwischen den Blumenstöcken auf der weißen Bank. Er hörte sich: Ich wollte dir schon immer etwas sagen, Cordelia, höre einmal zu ... Ihre Antwort blieb undeutlich, etwas zu erfinden gelang ihm nicht gleich, -- sie lachte wohl und sagte: Ich höre, mein Prinz. -- Ja, und nun sagte er: Eben das ists, Cordelia, du sagst und du glaubst: Prinz, aber -- du mußt wissen -- ich bin das gar nicht. Ich bin ...

Wie ungläubig war ihr Gesicht! Natürlich hielt sie es für einen Scherz, lächelte und -- aber da, auf einmal, sah er ihr Gesicht deutlich, auf dem das Lächeln erlosch! Sie wollte das verhindern, allein -- wieder sah ers: das Erlöschen der Freude, das Schwinden des Besitzes, den sie mit solcher Andacht umfaßt hatte, die Armut, die Traurigkeit ... Sollte er sie wirklich berauben dürfen, sie, die an Glück doch wohl -- was wußte er? -- sehr arm gewesen war?

Aus den innern Gesichten aufblickend, fand Georg die Breiten der Viehweiden, ein nahes Gehöft, gelbe Haferstreifen und entfernte Wäldchen sonnevergoldet unter wimmelnden Schatten des Nachmittags. Der weite Himmel war ein leicht durchbrochenes Getümmel von Blau und weißem und grauem Gewölk. Wie schön! der Abend würde klar sein ...

Ach, nun wieder das! Nun will wieder Mitleid mich stören und hindern, und schon weiß ich nicht mehr: Soll ich -- soll ich nicht? Und: wenn ichs lasse, lasse ichs wirklich aus Gefühl für sie oder aus Furcht für mich?

Man müßte es auf die Gelegenheit ankommen lassen, vielmehr auf eine Gelegenheit passen. Warum so plötzlich erschrecken? Es kam eine ernste Stunde, ein Gespräch der bekümmerten Seelen, wo die schmerzlichen, aber auch die schönen Tiefen des Daseins sich öffneten und zur natürlichen Form des Lebens wurden, -- wie wog dieses dann leicht, Geständnis und Sache selbst ging auf im großen Strome der Leiden, auf im schwesterlich natürlichen Verstehn, und ließ ein solches Gespräch sich nicht herbeiführen, leichter als leicht, mit ihr, der Bereitwilligsten, der so unsäglich Wandelbaren?

Ach, wenn ich sie nur erst habe! -- Sein Mund sank ein in den weichen Marmor ihrer immer kühlen Brüste, seine Hand tastete nach dem Süßesten, seine Augen ... Er riß sie krampfhaft auf, starrte durch Schleier auf ferne Punkte von Menschen oder Wagen zwischen den Baumzeilen, hörte den Motor donnern, setzte sich auf und schnob: Glutgefüllt und wutentbrannt! muß es natürlich heißen, nicht lustentbrannt ...

Und es erschienen die Türme und der dunstige Häuserberg von Altenrepen ...

* * * * *

Als Georg, eiskalt am ganzen Leibe, steif und zittrig dem Wagen entstiegen, durch das Gittertor spähte, gewahrte er gleich Hesekiel; Hesekiel mit seinem Höcker in einer wunderschönen, glänzend rot- und schwarzgestreiften Dienerweste, der sicherlich wieder etwas Merkwürdiges vorhatte. Er stand im gelben Kies oben auf dem Hügel vor dem Hause, einen langen roten Wasserschlauch zwischen den Beinen, und bemühte sich, die Betunien, die über der halbkreisförmigen kleinen Vorhalle vom Balkon hingen, von unten zu sprengen, was sehr schwierig war, denn der verfluchte Strahl ging immer darüber hinaus gegen die Wand und die oberen Hälften von Glastür und Fenster, und die Blumen selber, wenn sie getroffen wurden, warfen sich so gewaltig und wild nach oben, daß es schrecklich anzusehn war. Georg, der mittlerweile den Hügel mit seinem schönen, grünsamtenen Rasenbelag, mit Rosenstöcken, Gebüschgruppen und einer prachtvollen Blutbuche zur Hälfte erstiegen hatte, blieb stehn und rief: »Hesekiel, was machst du denn da?«

Ach Gott, das hätte ich nun wieder nicht tun sollen, dachte er dann, denn nun geriet Hesekiel, sein verkümmertes, spitzes und heißes Gesicht mit der wehmütigen Mundschnirre herwendend, in abscheuliche Verwirrung. »Ach, der Herr Doktor!« -- es war unbekannt, ob Hesekiel sich diesen Titel ersonnen hatte oder vielleicht überhaupt nur Doktoren kannte -- lächelte er freudig -- allein was nun? Die Spritze hinlegen, deren Strahl sich triumphierend über ihm in die Lüfte bohrte, und zur Begrüßung hergerannt kommen, wie's ihm gelehrt worden war? Oder den Strahl erst abdrehn? oder zur Meldung ins Haus davonlaufen? -- Das war zuviel für ihn, und so tat er von jedem den Anfang in wirrem Durcheinander; tastete nach der Schraube, lief ein paar Schritte gegen Georg vor, streckte die Hand mit der Messingtrompete gegen die Erde aus, wollte davonlaufen, ehe sie lag, und blieb endlich zwischen allem, geduckt, erschöpft und ratlos sich selber verlächelnd stehn.

»Na komm, Hesekiel,« sagte Georg, dem der Strahl jetzt knatternd entgegensprang, »leg mal die Spritze hin.« Hesekiel tats gehorsam und erleichtert. »So ists schön! Und nun kommst du und giebst mir die Hand.« Hesekiel kam glücklich und verklärt. »Ist die gnädige Frau denn zu Hause?« Hesekiel nickte und deutete mit dem Daumen. »Ja, sag mal, wie kommst du denn auf die Idee, die Blumen da oben zu sprengen?«

»I wollt halt so gern der gnä Frau -- gnä Frau bissl Arbeit erleichtern.«

»Das ist brav, Hesekiel, denn man weiter!« Georg verließ den eifrigen Bediener der Natur und ging leise, nach den Fenstern spähend, zur Rückseite des Hauses, dessen grauer Stein und rotes Dach heiß glühte im starken Abendlicht, dieweil er dachte: Ach, Hesekiel! du hast eine schöne, dienende Seele im Höcker, -- kannst du mir vielleicht sagen, warum die Frau so gemein war? Ach ja -- ach! -- du kennst nur Doktoren und weder Prinzen noch Nichtprinzen ...

Georg blickte zu dem breiten Schiebefenster empor, hinter dem drinnen sein Bett stand, und siehe da, zwischen den weißen Geranien, die im grünen Gitterwerk drunter hingen, erschien die lange Tülle einer kleinen grünen Gießkanne mit gelben Reifen, und gleich darauf Cordelias Hand, Stirn und die beschäftigten Augen, die nach den Blumen spähten, und --

»Na?« sagte Georg

Sie warf vor Schreck die Gießkanne herunter. Dann war sie verschwunden. Georg hörte ihre Absätze drinnen auf der Treppe und wartete glückselig, bis sie ums Haus gelaufen kam, aber zehn Schritte vor ihm anhielt, die Hand gegen die Hausecke stützte und ihn tief und inbrünstig anblickte.

Wie schön sie ist! dachte er stumm in diesem Blick. Das Kleid, das sie trug, von dunkelvioletter Seide, war auf unkenntliche Weise ihrem Körper umgewunden; es war eine Art Empire, jedoch fast geschlossen um die Füße, und eine ganz kurze Schleppe lag am Boden. Der schöne Busen atmete sichtbar mit beiden Wölbungen und hob auf der bloßen Brust das goldne Medaillon, in dem sein Bild und Haar war.

Im nächsten Augenblick hielt er sie umschlungen, ihr Gesicht an sich pressend, den Mund in ihrem Haar, flüsternd in flutender Erlöstheit: »Da bin ich wieder! Ach, ich konnte nicht mehr!«

»Ja, bist denn meinetwillen gekommen, Georg, wirklich meinetwillen?«

»Ja doch, Cordelia, warum denn sonst?«

»Aber -- dein Vater?«

Sie sah ihn an durch Tränen unsäglicher Liebe und konnte nur die Lippen bewegen. Endlich fragte sie dann nach seinem Befinden; ob er nicht Ruhe brauche.

»Ja, ich würde mich gern etwas hinlegen. Und -- sag mal -- hast du was zu essen?«

»Ich werd schaun. Eier sind da. Und Salat. I werd halt schaun.«

Also wanderten sie umschlungen ums Haus, Cordelia verschwand in die Küche, Georg stieg ins obere Stockwerk hinauf. --

Die weiße Türe öffnend, mußte er den Atem anhalten, so erschreckend trafen ihn Glanz und Feierlichkeit, die der niedrige, kleine Raum vor ihm auftat.

Die tiefstehende Sonne flutete in vollem, glühendem Strom zu den Fenstern herein; Georg konnte zwischen den lodernden Gardinen und grünen Fuchsienstöcken -- diese waren wie aus grünem Golde gehämmert -- ihre brennend goldene Scheibe sehn. Der Raum, von güldener Woge erfüllt, glitzerte, funkelte und glänzte überall, die tiefe Lebendigkeit seines Alters, seine vielgenützte Würde und den Stolz der kunstvollen Erzeugung hier leise, hier vernehmlicher ansagend. An der rechten Wand, in den sehr dunklen Spiegelscheiben des holländischen Kastenschranks, der bis an die schweren Balken der weißgetünchten Decke reichte -- Messinggriffe und Schlösser an den Schubladen blitzten wie reines Gold -- dort war alles noch einmal, vertieft und dunkler zu sehn, geheimnisvoller: Sofa und Sofatisch gegenüber unter den Silhouetten in glänzenden Goldrähmchen und verblichenen Kreideporträten, von denen die dunkelblaugemusterte Tapete fast zugedeckt war, und daneben am Fenster -- Georg wandte den Blick vom Gespiegelten hin und folgte dann selber hinüber -- dieser Glanz war erstaunlich! Das flüssige Feuer lief in den vergoldeten Blätterleisten des hohen Spiegels, aus dessen Oberstück die arkadische Landschaft bläulich schimmerte, und, ein wenig vorgeneigt in der verschleierten Spiegelung des alten Glases wiederholte sich stiller, was auf der kleinen, goldhellen Platte des dünnbeinigen Birkentisches davor stand: der Abendmahlskelch, eiförmig aus dunkelblauem Glase, in silberne Rispen gefaßt, nach oben verlaufend vom Fuß wie die langöhrig ausgezogenen Henkel, zwischen denen der flache Deckel ruhte; dazu links und rechts von ihm starke, dunkelgelbe Kerzen in Messingleuchtern, -- was alles flammte in seiner Ruhe und Heiligkeit.

Georg drehte sich um. Da überragte in seiner Ecke drüben der schmale weiße Ofen -- stiller als alles übrige, weil vom vollen Leuchten nicht mehr erreicht -- den Ofenschirm, dessen quadratischen Grund eine satte Schicht von grünem Feuer überzog um die roten und blauen Flügel seiner flatternden Papageien.

Georg blieb auf der Sofalehne hocken, fast schwermütig gestimmt; wovon? Von soviel Anmut, Lauterkeit und feurigem Leben? Womit habe ich das doch verdient? fragte er sich still.